Stoppt die politischen Abschiebungen in Berlin! Update 14.April!

Am Montag, den 7. April, versammelten sich kurzfristig laut Veranstallter ca. 700 bis 800 Personen, [1]Polizeiangaben „gut 400 Teilnehmer“ zu einer Protestkundgebung in der Nähe des Berliner Abgeordnetenhauses. Auch wir hatten über die Bescheide des Berliner Senats, die in der Praxis nichts anderes als selektiv auf Ausländer:innen bezogene politisch motivierte Deportationen darstellen, ausführlich berichtet und zum Protest aufgerufen.

Erste Erfolgsmeldung. Das Verwaltungsgericht Berlin hat dem Eilantrag, die Abschiebung von Shane O’Brien  auszusetzen, stattgegeben. Die Anwälte erwarten aufgrund der juristisch unhaltbaren Begründungen auch für die weiteren Betroffenen  analoge Entscheidungen! Siehe hierzu weiter unten unseren Kurzbeitrag zur Pressekonferenz und juristischen Bewertung. Hoffen wir, dass die Anwälte Recht  behalten! Solange Petition unterschreiben und verbreiten! Kommt zur  DEMO 18. April, Start 16 Uhr Alexanderplatz, Aufruf! 

Drei Punkte stellten die vielfältigen Reden und Solidaritätsbekundungen am 7.April besonders heraus:

  • „Mindestens 50.000 Tote. Mehr als 1000 getötete Rettungskräfte. Abertausende getötete Kinder. Gezielte Tötungen von Journalisten. Hunger als Kriegswaffe. Gezieltes Blockieren von lebensnotwendigen Hilfsgütern. Vorwurf des Völkermords, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Vertreibung. Illegale Besatzung. Landraub. Angriffe auf Krankenhäuser, Schulen und UN-Einrichtungen. Was muss noch passieren?“ Drei EU Bürgerinnen und ein US Bürger – Kasia Wlaszczyk, Shane O’Brien, Roberta Murray und Cooper Longbottom – sollen abgeschoben werden, weil sie hierüber nicht schweigen wollen!
  • Diese Abschiebungen werden genutzt, um Demonstrieren und unliebsame politische Aktivitäten generell zu behindern sowie Ausländer:innen und Migrant:innen einzuschüchtern! Sie sind ein Präzedenzfall, um „Remigration“ im Trumpstil, wo es politisch opportun ist, in Zukunft immer wieder auch in Deutschland durchzusetzen!
  • Es ist ein konzentrierter Angriff auf unsere Grundrechte. Ungezügelte Polizeigewalt geht Hand in Hand mit Einschränkungen von Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit und der repressiven Anwendung von Einwanderungsgesetzen.
Videomix mit RedeAusschnitten vom 7.April „You can’t deport a whole movement“

„Ausländer raus, wenn ihre politische Überzeugung nicht passt!„ Das dürfen wir dem Berliner Senat nicht durchgehen lassen!

Was tun ?

Für das Bleiberecht der vier Palästina-Aktivist:innen in Berlin ist eine Petition gestartet, die ihr hier unterschreiben und verbreiten könnt. Die Zeit drängt: Zum 21. April! sollen die vier aus politischen Gründen auẞer Landes geschafft werden. Wenn wir vorher 30.000 Unterschriften schaffen, ist das Quorum erreicht und es muss sich auf höheren politischen Ebenen damit auseinandergesetzt werden.

Hier kannst Du die Petition unterschreiben: Stoppt die politischen Abschiebungen und Angriffe auf unsere demokratischen Grundrechte!

Ein breites Bündnis von Amnesty International über Ende Gelände und Frauen wagen Frieden bis Stop Deportation Berlin und Studis gegen Rechts ruft auf zur

DEMO 18. April, Start 16 Uhr Alexanderplatz

Am 18. April um 16 Uhr findet vom Alexanderplatz eine Demonstration statt, um gegen die geplante Ausweisung der vier Aktivist*innen Cooper Longbottom, Kasia Wlaszczyk, Shane O’Brien und Roberta Murray aus Berlin zu protestieren. Ihr „,Vergehen“: Alle vier haben sich an Demonstrationen gegen den anhaltenden Krieg gegen Gaza beteiligt und sich mit Palästina solidarisiert.

Mit dieser Androhung der Abschiebung hat das Land Berlin nach dem Verbot unter anderem der arabischen Sprache auf Demonstrationen und dem seit Wochen anhaltenden Verbot von Lauf-Demonstrationen mit Palästina-Bezug ein weiteres düsteres Kapitel in der Unterdrückung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit aufgeschlagen.

Die Instrumentalisierung des Aufenthaltsrechts zur Unterdrückung politischer Haltungen, die sich gegen die herrschende Politik stellen, ist eine weitere besorgniserregende Wendung in der Migrationspolitik.

Die vier Betroffenen EU und US Bürger*innen sollen ihr Leben, ihre Jobs und ihre Studienplät-ze in Berlin aufgeben und bis zum 21. April Deutschland verlassen. Ihnen wird die Beteili-gung an Protesten vorgeworfen. Niemand wurde wegen einer Straftat verurteilt. Dies stellt einen unhaltbaren Tabubruch dar, der um jeden Preis verhindert werden muss.

Besonders perfide ist, dass zwei der Aktivist*innen trans Personen sind, die in Polen bzW. den USA mit spezifischen Diskriminierungen und Bedrohungen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität konfron-tiert sind. Es ist eine absolute Schande, dass Deutschland diese Menschen ausweisen will!
Lippenbekenntnisse für Vielfalt sind nichts wert – es braucht echten Schutz für queere Menschen!
Das Land Berlin orientiert sich in seinen repres-siven Maẞnahmen offensichtlich an einem beson-ders schlechten Vorbild: Der menschenverachten-den Trump-Administration und ihrer ,,Catch and revoke“- Politik gegenüber der Studierendenbewegung in den USA.

Wie in den USA sollen unbequeme Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Indem Berlin den vier Aktivist* innen ihre Bewegungsfreiheit entzieht, verschärft es den politischen Druck auf alle politisch aktiven Migrant*innen im Land. Auch die Diskussionen in der kommenden
Bundesregierung über die Entziehung der Staatsbürgerschaft und die Einschränkung des Asylverfahrens weisen in dieselbe Richtung.

Es liegt auf der Hand: Die Abschiebungspläne sind ein Testballon, um auszuloten, wie weit staatliche Repression gegen kritischen Aktivis-mus in Deutschland gehen kann. Lasst uns diesen Ballon zum Platzen bringen!

Wir rufen alle auf, sich solidarisch zu zeigen und gegen diese unrechtmäẞigen Auswei-sungen zu kämpfen. Es geht nicht nur um die vier Aktivist*innen, sondern um demokratische Grundrechte, die auf dem Spiel stehen.

Kommt zahlreich, zeigt eure Solidarität und lasst uns dem Berliner Senat zeigen, was wir von seiner Einschüchterungspolitik halten.

Für eine solidarische Migrationspolitik und gegen politisch motivierte Abschiebungen -Solidarität kennt keine Grenzen!

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Initiatoren der Demo (bisher):

Amnesty International Deutschland * Ende Gelände Berlin * Frauen wagen Frieden * Humanistische Union * Internationale der Kriegsdienstgegnerinnen, IDK e.V. Interventionistische Linke Berlin Israelis für Frieden * Komitee für Grundrechte und Demokratie* Palästina Initiative Region Hannover Partnerschaftsverein Bonn-Ramallah e.V.* Sea-Watch * Stop Deportation Berlin * Studis gegen rechts Berlin

Pressekonferenz und Anmerkungen zur juristischen Einschätzung

Pressekonferenz des Bündnisses „Stop Deportation Berlin“ mit Vertreter der Anwälte und Ferat Koçak, dokumentiert von Fabian Lehr, 12. April 2025

Ein paar Stichworte zur juristischen Bewertung aus der Presskonferenz.

Allen vier Betroffenen werden individuelle Verstöße vorgeworfen – basierend rein auf Polizeiakten im Zusammenhang mit pro-palästinensischen Aktionen in Berlin. In fast keinem Fall kam es bislang zu einer Anklage vor Gericht, geschweige denn zu einer Verurteilung. Keiner der Betroffenen ist vorbestraft.

Es gibt bisher keine Konkretisierung und Akteneinsicht über juristisch bzw strafrechtlich relevante Vergehen, weder für die Betroffenen noch für deren Anwälte. Die Betroffenen können sich nicht nicht einmal konkret zur Wehr setzen!

Umso skandalöser die öffentlichen Vorverurteilungen, insbesondere der CDU, die gegenüber der Springerpresse – ganz im Trumpstil – offen zugab, dass ein Exempel statuiert werden soll.

Die Bescheide zur Ausweisung enthalten lediglich pauschale Beschuldigungen wie „antisemitisch“ oder „Hamas Unterstützung“, die aber in keiner Weise konkret nachgewiesen werden und sachlich falsch sind. Oder es wird sich auf die Zuwiderhandlung von nicht strafrechtlich relevanter politischer Katgeorien wie die „Staatsräson“ bezogen. In den Begründungen heisst es: „Es liegt im erheblichen gesellschaftlichen und staatlichen Interesse, dass diese Staatsräson jederzeit mit Leben gefüllt wird und zu keiner Zeit (…) Zweifel daran aufkommen, dass gegensätzliche Strömungen im Bundesgebiet auch nur geduldet werden.“ Deutlicher kann man es nicht ausdrücken: Unter Missachtung von Grundrechten sollen politisch missliebige politische Meinungen und Aktivitäten ausgeschlossen und unterdrückt werden!

Die Anwälte betonen durchgängig: Es geht bei dem ganzen Fall auch um Verhältnismäßigkeit.

Da fällt zum Vergleich ein anderer Fall ein. Es ging um die Polizeiübergriffe bei einem Einsatz an der HumboldUnisversität Berlin – ebenfalls im Zusammenhang mit Propalästinaprotesten im Oktober 2024.

„Senat und Polizei in Berlin kennen nur die Sprache der Härte“ titelte damals die Berliner Zeitung.  [2]  https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/nach-angriff-auf-journalisten-senat-und-polizei-in-berlin-kennen-nur-die-sprache-der-haerte-li.2218392 Einer ihrer Journalisten war bei der Erstürmung der UNI-Räume von der Polizei massiv behindert, festgenommen und misshandelt worden.  Der netroffene Journalist berichtete: Zweimal habe ihm der Polizist mit Fäusten ins Gesicht geschlagen. Und ihn dann über mehrere Stunden mit Handschellen fixiert. In seinem Gesicht, auf dem Bauch und am Arm sind Schürfwunden und Hämatome zu sehen. Seine linke Hand ist auch heute noch taub. Sein Video enttarnte die offensichtlichen Lügen der Polizei, die sie vorher über die Vorgänge verbreitet hatte. Das Handeln der Polizei war in mehrfacher Hinsicht strafbar und stellte neben schwerer Freiheitsberaubung und Misshandlung im Amt auch einen schwerwiegenden Eingriff in die grundrechtlich geschützte Pressefreiheit dar.

Was ist aus dem Fall geworden? Der Polizist wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. [3]Urteil: Polizist soll Journalisten der Berliner Zeitung verletzt haben – Geldstrafe. Dem Vernehmen nach ist er noch im Amt. Soviel zum Thema rechtliche Gleichbehandlung und Verhältnismäßigkeit!

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Als Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin fordern wir dazu auf, dass sich alle progessiven politischen Strömungen, die für ein ungeteiltes Völker- und Menschenrecht sowie die Verteidigung der im Namen der Staatsräson angegriffenen Grundrechte eintreten, zusammenschließen. Unterstützt die Petition und unterstützt die DEMO am 18. APRIL! Versuchen wir alles, dass die vier Berliner:innen drei Tage später nicht abgeschoben werden und kein politischer Präzedenzfall für ALLE geschaffen wird!


DEMO, 18.APRIL 16 UHR, ALEX

Petition unterschreiben Stoppt die politischen Abschiebungen und Angriffe auf unsere demokratischen Grundrechte!

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Perspektiven der Bewegung gegenErdoğan – Veranstaltung

Freitag, 25. April 2025, 19 – 21 Uhr, Gneisenaustr. 2a in Berlin

in anderen Städten tba sowie via Zoom

Eine Veranstaltung von Sozialismus von Unten


„Die Festnahme von Imamoğlu (CHP), dem Oberbürgermeister Istanbuls und aussichtsreichsten Gegenkandidaten des Präsidenten Erdoğan, entfachte eine von Studierenden ausgelöste Massenbewegung in der Türkei.


Wie kann die Bewegung gegen Erdoğan langfristig erfolgreich sein? Was bietet die Opposition unter der Führung der CHP an? Welche Perspektiven ergeben sich für Sozialist:innen?

Über diese und weitere Fragen wollen wir gemeinsam mit einem sozialistischen Aktivisten aus der Türkei diskutieren.“

www.sozvu.org/veranstaltungen

Die hier angesprochenen Fragen waren bereits Thema zu Anfang der Bewegung in unserem Artikel "Türkei in Aufruhr "!

Nein zu Reallohnverlust, 27 Monaten Laufzeit und Einstieg in die 42h-Woche!

Die Vertreter von Bund und Kommunen sowie Verdi haben sich auf Basis des Schlichtungsergebnisses geeinigt. Wie befürchtet. Der Verdi Vorsitzende Werneke spricht von einem schwierigen Ergebnis in schwierigen Zeiten. Letzteres bleibt nebulös. Meint er damit, dass man Staat und Kapital in Zeiten der Ausrichtung auf „Kriegsertüchtigung“ und globale Konkurrenzfähigkeit nicht so sehr in die Parade fahren darf? Oder wofür sollen die Kolleg:innen den Kopf hinhalten? Für die Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst haben sie nicht einmal ein Angebot in der Höhe von 0,01 Prozent von der Schuldensumme übrig, die Mitte letzten Monat im Bundestag (für hauptsächlich militärische Zwecke) beschlossen wurde. Wir berichteten.

In der Mitgliederbefragung mit Nein stimmen und hier unterschreiben!  @netzwerk.verdi

Die Situation innerhalb Verdi sieht für deren Führung verzwickt aus. Es brodelt. Die Postler haben gerade in ihrer eigenen Tarifrunde mit 54 % gegen die Annahme des Vorschlags der Tarifkommission abgestimmt. Die Tarifkommission hat das mehrheitlich unerwünschte Ergebnis nun mit der Post trotzdem abgeschlossen, da die notwendige 75% Quote für einen Erzwingungsstreik nicht erreicht wurde. Aber warum, fragen sich viele Mitglieder, hat die Führung nicht alles oder wenigstens mehr versucht, für das Erreichen dieser Quote zu mobilisieren und damit ein besseres Ergebnis für die Kollegen?

Bei der BVG eigenen Tarifrunde haben sich in einer Urabstimmung zwar überwältigende 95,4 % der Mitglieder für einen solchen unbefristeten Streik ausgesprochen, aber statt, dass dieser Streik nun auch konsequent ausgerufen werden kann, findet zunächst hier ebenfalls parallel – auf Betreiben der BVG- eine Schlichtung statt. Und was gar nicht einzusehen ist – wieder hinter verschlossenen Türen.

Update. Seit 7. April liegt eine  Schlichtungsempfehlung auf dem Tisch mit u. a. 430 Euro statt der geforderten 750 Euro Erhöhung. Der Dauerstreik scheint mit dieser Schlichtungsempfehlung nun erst einmal weg vom Tisch. Viele der Bus-, U-   und Strassenbahrer:innen aber sind richtig  sauer. Mit diesem Ergebnis hinken ihre Einkommen noch immer hinter dem Durchschnitt hinterher.  Lachhaft die Aussage, es sei kein Geld da. Während Rüstungsaktionäre und ihre privaten Geldgeber mit Staatsknete ohne Limit zugeschüttet werden, wird  den Beschäftigten beim ÖNPV die Arschkarte gezeigt. Aber auch die Drohungen an alle Berliner:innen, das ÖNPV Angebot einzuschränken statt auszubauen, ist eine Frechheit und eine soziale wie ökologische Kampfansage. 

Die Schlichtungsempfehlung soll jetzt den Kolleg:innen zur Abstimmung vorgelegt werden. Ob das dann so wie bei der Post abläuft?

Oder geht es den BVG Kolleg:innen am Ende wie bei bei der Charité-Tochter CFM (Charité Facility Management) ? Verdi blies dort zum Wochenende den Dauerstreik ab. Warum? Das Gericht hat zwar den Streik erlaubt, aber die vom Gericht geforderte Einhaltung der Notdienste gehe weit über das hinaus, was für die direkte Patientenversorgung nötig ist, sagte Verdi-Verhandlungsführerin Gisela Neunhöffer. Die Auflagen des Gerichts zur Notversorgung gingen sogar darüber hinaus, was zur Normalversorgung notwendig ist. So kann „Streiken“ ins Absurde geführt werden.

Eine Verdi Kollegin meinte, es verwundere sie nicht, dass viele Ergebnisse weit unterhalb der Forderungen liegen, „kämpfen wir doch ständig mit eingebauten Bremsen„. Die Kapitalseite fordert von der neuen Regierung, „Schlichtungen“ als verbindliches Verfahren vor Streiks generell vorzuschreiben. Die Kolleg:innen benötigen das Gegenteil: ein Streikrecht, dass sie ungehindert ausüben können!

Auch die „Einigung“ für den Öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen geht jetzt in die Mitgliederbefragung. Wir erwarten, daß diese demokratisch und mit ausreichend Zeit durchgeführt werden kann. Aus unserer Sicht ist das Ergebnis abzulehnen. Die Gründe wurden in der folgenden Stellungnahme zum Schlichtungsergebnis bereits ausführlich erläutert.

In der Mitgliederbefragung mit Nein stimmen und hier unterschreiben! @netzwerk.verdi

Stellungnahme des Netzwerks für eine kämpferische und demokratische ver.di

Nein zu Reallohnverlust, 27 Monaten Laufzeit und Einstieg in die 42h-Woche!

Die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Christine Behle sagt: „Wir sind an einem schwierigen Punkt. Die Einigungsempfehlung ist ein hart errungener Kompromiss, mit dem wir einige Pflöcke einschlagen können, der aber auch an Schmerzgrenzen führt. Wir müssen diesen nun sehr ernsthaft diskutieren und abwägen, ob das noch akzeptabel ist. Und wenn nicht, welche nächsten Schritte

erforderlich sind.“ Für ernsthafte Diskussionen bräuchte es jetzt unmittelbar Versammlungen in den Betrieben, an deren Ende auch abgestimmt werden sollte. Leider wird nun ein erheblicher Zeitdruck gemacht und wird es meist erst Mitgliederversammlungen nach den Verhandlungen am 5. April geben. Uns ist nicht bekannt, wie die ver.di-Vertreter*innen in der Schlichtungskommission abgestimmt haben. Wir sagen aber:

Diese Schlichtungsempfehlung sollte dringend abgelehnt werden!

Die Schlichtungsempfehlung sieht vor:

  • Laufzeit von 27 Monaten
  • Ab April 2025 plus drei Prozent mehr Geld, mindestens 110 Euro.
  • Ab Mai 2026 plus 2,8 Prozent
  • Auszubildende und dual Studierende jeweils Erhöhung um 75 Euro
  • Ab 2027 ein zusätzlicher freier Tag für alle
  • Ab Juli 2026 Anhebung von Schicht- und Wechselschichtzulage auf 100 bzw. 200 Euro und ab 2027 Dynamisierung entsprechend den Tarifsteigerungen.
  • Ab 2026 Anhebung der Jahressonderzahlung und Möglichkeit, diese in drei freie Tage umzuwandeln. Ausgenommen davon: Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen
  • Ab 2026 im Rahmen einer „doppelten Freiwilligkeit“ Möglichkeit einer befristeten Arbeitszeitverlängerung auf eine 42-Stundenwoche.

Im Gegensatz dazu die ver.di-Forderungen:

  • 8 Prozent, mindestens 350 Euro im Volumen
  • 200 Euro für Dual Studierende bzw. Auszubildende
  • Drei freie Tage und ein weiterer für Gewerkschaftsmitglieder
  • All das bei einer Laufzeit von 12 Monaten.
Was bedeutet die Empfehlung?

Die Taktik der Arbeitgeber ist zunehmend eine Art Schockstrategie. So mag eine Laufzeit von 27 Monaten angesichts des vorherigen letzten „Angebots“ von drei Jahren plötzlich als Erfolg erscheinen. Doch wenn man es mit der geforderten Laufzeit von 12 Monaten vergleicht, ist es das ganz und gar nicht. Außerdem sollten Laufzeiten auch von zwei Jahren nicht mehr akzeptiert werden. Denn in den aktuellen wirtschaftlich und geopolitisch extrem unsicheren Zeiten ist völlig unklar, wie die Situation in einem Jahr aussieht. Ein schneller Anstieg von Energiepreisen oder allgemeinen Preisen ist jederzeit möglich. Dazu kommt, dass Anfang dieses Jahres bereits die Krankenkassenbeiträge gestiegen sind. Zudem dürfen die Ergebnisse nicht schön gerechnet werden. So werden die drei Prozent ab 1.4.2025 und 2,8 Prozent ab 1.5.2026 sicher wieder aufaddiert, als ob es sich um 5,8 Prozent handeln würde. Das ist aber nicht der Fall.

So würden auch die 3 Prozent Lohnerhöhung nach erst einmal drei Nullmonaten auf das Jahr 2025 gerechnet möglicherweise gerade mal die Inflation ausgleichen. Aber die höheren Krankenkassen- und Sozialversicherungsbeiträge kommen obendrauf – also gibt es netto weniger. Auch für das nächste Jahr und darauf würde es voraussichtlich einen weiteren Nettoverlust bedeuten, nur die Höhe ist offen.

Anstatt einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung – notwendigerweise bei vollem Lohn- und Personalausgleich wie wir als Netzwerk meinen – soll es ab 2026 die Möglichkeit einer freiwilligen befristeten Arbeitszeitverlängerung auf 42 Stunden pro Woche geben. Das bedeutet aus unserer Sicht eine sehr große Gefahr. Denn dies soll höhere Arbeitszeiten normalisieren und geht in die völlig falsche Richtung. Zu Recht sagt Bernd Riexinger, der ehemalige ver.di Geschäftsführer von ver.di Stuttgart und später ehemalige Ko-Vorsitzende der Partei die Linke, in Reaktion auf die Schlichtungsempfehlung: „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass meine Gewerkschaft einer Verlängerung der Arbeitszeit auf 42 Stunden zustimmen kann. Auch nicht auf freiwilliger Basis. Gegen den Vorstoß zur Arbeitszeitverlängerung durch die Arbeitgeberverbände haben wir 2006 neun Wochen gestreikt. Letztes Jahr jährte sich der Kampf um die 35-Stunden-Woche zum 40. Mal. Im ÖD werden immer noch jede Woche 4 Stunden mehr gearbeitet. Längst hätte die kollektive Verkürzung der Arbeitszeit auf die Tagesordnung gesetzt werden müssen.“ Genau so ist es. Dieser Schlichtungsempfehlung darf auch aus diesem Grund nicht zugestimmt werden! Leider sieht es zurzeit danach aus, als ob die ver.di-Führung dennoch zur Annahme der Schlichtungsempfehlung tendiert. Hier sollte man jetzt versuchen, Druck von unten zu machen, damit es nicht dazu kommt.

Schlichtung

Es ist ein Problem, dass die Tarifrunden im öffentlichen Dienst immer mehr über Schlichtungsverfahren geregelt werden. Entscheidend für Tarifergebnisse ist der Druck aus den Betrieben. Dieser entsteht durch Streiks. Leider hat die ver.di-Führung schon in den letzten Jahren das Mittel von Erzwingungsstreiks kaum noch angewendet. Das Tarifprozedere ist zu einer Routine geworden und man hat sich daran gewöhnt, dass man etwa bei der Hälfte der Forderungen bzw inzwischen darunter anlangt, insbesondere durch lange Laufzeiten. Durch die Schlichtungsvereinbarung, die ver.di seit Jahrzehnten mit den Arbeitgebern von Bund und Kommunen abgeschlossen hat, hat sich die Gewerkschaft selbst die Hände gebunden, denn durch diese Vereinbarung können die Arbeitgeber mit Anrufung des Schlichters ein solches Verfahren durchsetzen. Diese Vereinbarung muss dringend gekündigt werden!

Eine „Schlichtung“ klingt so, als ob diejenigen, die den Streit schlichten, „von außen“ kommen und eine neutrale Position einnehmen würden. Das ist aber nicht der Fall. Sowohl der von den Arbeitgebern eingesetzte Schlichter Roland Koch (CDU) als auch der von ver.di einberufene Schlichter Hans-Henning Lührs (SPD) haben in der Vergangenheit auf Arbeitgeberseite Verschlechterungen gegen die Beschäftigten durchgesetzt.

Hans-Henning Lührs war Vorsitzender des Kommunalen Arbeitgeberverbandes sowie Staatssekretär unter dem Bremer Finanzsenator Ulrich Nußbaum, der sich Anfang der 2000er Jahre mit einem Kürzungsprogramm im Stadtstaat bekannt machte. Roland Koch hat von 1999 bis 2010 als Ministerpräsident von Hessen ein massives Sparprogramm im öffentlichen Dienst durchgezogen, inklusive des Ausstiegs aus dem Ländertarifvertrag und einer Arbeitszeitverlängerung für hessische Beamte! Dieser hatte nun den Vorsitz in der Schlichtungskommission, was ihm das entscheidende Stimmrecht gab. Und er sagte wohl, mit ihm kann es keine Arbeitszeitverkürzung geben. Das glauben wir ihm gerne. Doch mit ver.di darf es auch keine Arbeitszeitverlängerung geben! Die freiwillig längere Arbeitszeit von heute ist die verpflichtende von morgen! Es ist genau die Richtung, in die die Arbeitgeberverbände jetzt gehen wollen! Arbeitszeitverlängerung – und das in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit! Stattdessen müssen die Gewerkschaften jetzt Gegenwehr gegen solche Vorstöße organisieren, und es mit dem Kampf für Verbesserungen anstatt Verschlechterungen verbinden.

Mehr ist drin!

Häufig wird gesagt, die Mobilisierungsfähigkeit sei begrenzt bzw. die Kampfbereitschaft zu gering. Doch diese hängt natürlich auch von der Entschlossenheit der Führung der Gewerkschaft ab. Diese war in dieser Tarifrunde nicht erkennbar. Es gibt eine bedeutende Anzahl von entschlossenen aktiven ver.di-Mitgliedern, die bereit sind zu kämpfen. Die Aufgabe wäre jetzt, dass dieser Kern auf diejenigen zugeht, die noch überzeugt werden müssen. Dafür sollten Arbeitsstreiks und Schulungen organisiert werden, Mitgliederversammlungen und Informationsabende, in denen die Sachlage dargestellt wird. Wichtig ist auch aufzuzeigen, dass genügend Geld in den öffentlichen Kassen für den öffentlichen Dienst da wäre bzw. bei den Milliardären geholt werden könnte, wenn es den politischen Willen gäbe. Da dieser nicht da ist, muss entsprechender Druck aufgebaut werden – und zwar mit Streiks und Demonstrationen. Auf dieser Grundlage sollte die Urabstimmung durchgeführt werden. Bei den Versammlungen sollten auch überall Streikdelegierte gewählt werden. Wir sind der Meinung, damit es eine demokratische Streikführung geben kann und auch eine gute Einschätzung über die Kraft im Arbeitskampf auf bundesweiter Ebene, sollte eine bundesweite Streikdelegiertenkonferenz gebildet werden, wo gewählte Delegierte aus allen Bezirken zusammen kommen. Diese sollten über alle Angebote diskutieren und über Annahme oder Ablehnung auf Grundlage von Rückkopplung und Abstimmungen in den örtlichen Streikversammlungen entscheiden. Auf einer solchen Streikdelegiertenkonferenz könnten auch Streikstrategien und die Möglichkeiten für eine Eskalation in den Arbeitskampfmaßnahmen sinnvoll diskutiert und entschieden werden.

Streikbereitschaft und Strategie

Es ist gut, dass besondere Druckbetriebe mit ökonomischer Wirkung und Streikbereitschaft identifiziert wurden. So könnte ein Streik in diesen beginnen, sollte aber im Laufe eines Erzwingungsstreiks ausgebaut werden bis hin zum mehrtägigen bzw. unbefristeten Vollstreik, je nachdem wie stark die Stimmung an der Basis ist. Ein solcher Arbeitskampf müsste mit einer systematischen Solidaritätskampagne aus allen ver.di-Bereichen wie auch den DGB-Gewerkschaften unterstützt werden. Es müsste eine massenhafte Informationskampagne in alle Betriebe hinein geben, um der Hetze aus den bürgerlichen Medien etwas entgegenzusetzen. Solidaritätsbesuche aus anderen Betrieben und Solidaritätsdemonstrationen sollten Teil einer solchen Tarifbewegung sein, die auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung erlangen würde. Denn letztlich geht es beim öffentlichen Dienst um essenzielle Dienstleistungen für die Masse der arbeitenden Bevölkerung – von den Kitas bis zu den Krankenhäusern, von den Ämtern bis zu den Schwimmbädern, von der Müllentsorgung bis zu den Flughäfen etc.

Es ist wichtig, klare Signale von der Basis zu organisieren, damit die Bundestarifkommission ein Ergebnis entlang der Schlichtungsempfehlung nicht annimmt. Wir rufen dazu auf, in den Betrieben Diskussionen und Abstimmungen durchzuführen, die Ergebnisse an die BTK-Mitglieder zu überreichen, Fotos mit Botschaften wie „Wir sind streikbereit“ von Kolleg*innen zu machen und sie zu posten, alle Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen, um dieses Signal an die Bundestarifkommission zu senden: Nein zum Schlichterspruch! Wir sind bereit, für unsere mehr als berechtigten Forderungen zu kämpfen.

Vernetzung

Es wird angesichts der Arbeitgeberoffensive und der Regierung unter Merz, die voraussichtlich harte Angriffe gegen die Arbeiter*innenklasse fahren wird, immer dringender, kämpferische und demokratische Gewerkschaften zu haben. Dafür sollten sich kämpferische Kolleg*innen und Betriebsgruppen bundesweit systematisch miteinander vernetzen, um einen Kurswechsel auch in ver.di herbeizuführen – weg von einer Haltung vorauseilender Kompromisse hin zu einer kämpferischen und konsequenten Gewerkschaftspolitik. Meldet euch beim Netzwerk!

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