Arbeiten die Deutschen zu viel?

Man kann die Frage über die Arbeitsbelastung genau anders herumstellen als Friedrich Merz, und damit vom Kopf auf die Füsse stellen. (Peter Vlatten)

Von Suitbert Cechura, 28.Mai 2025 , gewerkschaftsforum.de

Diese Frage stellt sich hierzulande natürlich niemand, obgleich die Produktivität der Arbeit ständig steigt und die Krankheitsstatistiken der Krankenkassen die negativen Gesundheitsfolgen der Arbeit dokumentieren. Stattdessen sind die Medien voll von Äußerungen von Industriellen, Politikern und Journalisten, dass die Deutschen zu wenig arbeiten. Was ist da eigentlich der Maßstab, an dem das zu viel oder zu wenig gemessen wird?

Die Produktivität der Arbeit steigt ständig

Diese Tatsache wird eigentlich von niemandem bestritten. Das heißt ja nichts anderes, dass für die Herstellung der verschiedenen Güter immer weniger Zeit aufgewandt werden muss. Um die Menschheit mit dem notwendigen zum Leben oder auch Annehmlichkeiten zu versorgen, braucht es also immer weniger Arbeit. Warum also die Forderung nach Mehrarbeit? Auch das ist kein Geheimnis: Es geht eben nicht um die Versorgung der Menschen mit einem Dach über den Kopf, Essen, Kleidung, Kultur und Urlaub, sondern alles ist Mittel des Geschäfts, Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen. Und für diesen Zweck gibt es nie ein Genug, sondern dieser Zweck ist maßlos und daher kann es nie genug lohnende Arbeit geben. Deshalb gibt es auch die Forderung nach ständigem Wachstum.

Vom Standpunkt der Versorgung könnte es auch reichen, wenn alle Menschen ausreichend versorgt und vergnügt sind, dass nicht die Wirtschaft, sondern die Freizeit wachsen könnte. Nicht so im Kapitalismus. Technische Neuerungen dienen daher auch nicht der Entlastung derer, die arbeiten, sondern sind ein Mittel in der Konkurrenz um Marktanteile, in der die Billigkeit der Produkte Konkurrenzvorteile verschafft. Billigkeit heißt eben auch, dass die Kosten für die Arbeitskräfte ebenfalls billig zu sein haben. Viel Arbeit für wenig Geld ist daher die ständig gültige Devise.

Das Wachstum der Wirtschaft in Deutschland stockt

Ein Zustand, der Wirtschaftsbossen, Politikern, Medien und Gewerkschaftern keine Ruhe lässt. Wirtschaftsbosse haben ein unmittelbares Interesse an der Vermehrung ihres Reichtums. Die Politik ist davon abhängig, dass in dem von ihr regierten Land möglichst viel Wachstum stattfindet, an dem sie sich durch Steuern bedienen kann. Und das umso dringlicher, da sich Deutschland auf einen Krieg vorbereitet, der jetzt schon viel kostet. Die Medien begleiten die Politik kritisch, ob ihr Handeln auch vom Erfolg für Deutschland gekrönt ist. Arbeitnehmer sind vom Gang des Geschäfts abhängig, das gilt Gewerkschaftern nicht als Übel, sondern sie haben es zum Anlass genommen, sich mehr um das Wohl von Unternehmen als um das ihrer Mitglieder kümmern.

Wenn nun alle Parteien ein Mehr an Arbeit von denen fordern, die arbeiten müssen und nicht von der Arbeit anderer leben, dann kann einem dies auch zu denken geben. Schließlich verzichten viele Großunternehmen gerade auf die Beschäftigung einer erheblichen Zahl ihrer Mitarbeiter. Entlassungen im großen Stil bei VW, Thyssen-Krupp, Siemens, ZF, Schäffler, Bosch, Ford usw. füllen die Titelseiten von Zeitungen. Mit der Forderung nach Mehrarbeit ist offensichtlich etwas anderes gemeint, als dass deutschen Unternehmen die Beschäftigten ausgehen würden. Gedacht ist bei dieser Forderung wohl an etwas anderes: Mehr Arbeit fürs gleiche oder weniger Geld. Das soll die Arbeit lohnender machen und die Gewinne für die Unternehmen wieder sprudeln lassen. Und dies Anliegen stößt in der deutschen Öffentlichkeit auf weitgehende Zustimmung und keinerlei Kritik.

Die nationale Einigkeit

Angestoßen wurde die Debatte im letzten Jahr von Wirtschaftsvertretern wie dem Telekom-Chef Tim Höttges . Die Politiker ließen sich nicht zweimal bitten mit vorne dran der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Und so fand die Forderung denn auch Eingang in den Koalitionsvertrag. Und auch die Gewerkschaft Verdi wollte sich dieser Forderung nicht verschließen und hat im Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes einer Verlängerung der Arbeitszeit zugestimmt.

Als nun der neue Kanzler vor wenigen Tagen dies als seine Forderung bekräftigte, gab es auch gleich eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dieser Forderung Objektivität verleihen sollte.  Die Medien griffen diese Studien sofort begierig auf (Spiegel, Bild am Sonntag 18.5.2025, rtl-aktuell 18.5.2025). Bloß Zahlen sprechen nicht für sich, wie sie erhoben und in welches Verhältnis sie gesetzt werden spricht jedoch Bände: „Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat mit Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit  und Entwicklung  (OECD) berechnet, wie viele Stunden in den einzelnen Ländern je Einwohner im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre) gearbeitet wurde.“ (BamS) Wenn die Stunden aller Menschen einer bestimmten Altersgruppe unterschiedslos zusammengezählt werden, dann heißt dies, dass diese Alterspopulation für eines da ist, ob Männlein, Weiblein, Jugendlicher oder Alter: zum Arbeiten zum Wohle der Nation. Erstellt wurde eine Rangliste, geordnet nach der Stundenzahl  in den einzelnen Ländern, in der Deutschland auf einem der letzten Plätzen rangiert.

Als Erfolgsmeldung für die Deutschen gilt dies allerdings nicht, wenn sie  weniger arbeiten müssen und mehr Freizeit haben. Schließlich ist der Erfolg Deutschlands nicht der Erfolg der Deutschen in Sachen Freizeit. Die Rangliste soll für die Konkurrenzsituation der einzelnen Länder stehen in Sachen Gewinn ihrer Unternehmen.  Und weil die Studie erstellt wurde, um den Anspruch auf Mehrarbeit zu untermauern, ist es auch völlig unerheblich, was die betreffenden Arbeitnehmer in den einzelnen Stunden leisten. Da werden Äpfel und Birnen zusammengezählt. Schließlich macht es einen Unterschied, ob ein Auto von Hand zusammengeschweißt wird oder durch einen Roboter. Im ersten Fall braucht es eine ganze Mannschaft, diese wird ihren Lohn los und überflüssig, wenn es reicht, dass ein Mensch die Roboter beaufsichtigt. Eine teure Investition, die sich durch die Lohneinsparungen schnell lohnt.

An der Bestimmung des Personenkreises, deren Arbeitsstunden wie auch immer berechnet wurden, fällt auf, dass es für die Untersuchung unerheblich scheint, wie lange Kinder oder Jugendliche sich in der Ausbildung befinden. Schließlich lernen sie ja, statt zu arbeiten, wozu sie offenbar da sind. Jede nicht geleistete Arbeitsstunde ist in dieser Rechnungsweise ein Minus.

Ein Ergebnis stößt allerdings auf, dass die Deutschen in den letzten Jahren nicht weniger gearbeitet haben. So antwortet der IW-Arbeitsmarktexperte  Holger Schäfer auf die Frage von Bild am Sonntag „Haben wir früher mehr gearbeitet?“: „Im Vergleich zu den 1970er Jahren arbeiten wir weniger, aber seit der Wiedervereinigung arbeiten wir tendenziell immer etwas mehr.“ (BamS) Das hindert allerdings einen Kanzleramtsminister Thorsten Frei in einem Artikel gleich neben der Darstellung der Studie nicht daran, das glatte Gegenteil zu behaupten: „Ungeachtet der Tatsache, dass es bei uns viele Menschen gibt, die sehr leistungsstark sind und sich reinhängen, ist die Pro-Kopf-Arbeitszeit der Deutschen in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach unten gegangen.“ (BamS) So frei gehen Politiker eben mit der Wahrheit um und ihre Behauptungen werden zu Fakten. Wenn Studien nicht in allen Belangen das hergeben, was die Politik gerne hätte, dann ist die Politik so frei, sich die Fakten selber zu erfinden, und die Medien sind so frei, jedes Geschwätz von Politikern als Fakten zu verbreiten.

Die Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) sieht sich denn auch gleich gefordert, ihrem Kollegen beizuspringen und zu überlegen, wie Mütter schneller wieder in Arbeit gebracht werden können (SZ 19.5.2025) – zwar haben diese Mütter reichlich zu tun, aber Arbeit ist nicht gleich Arbeit, es geht eben immer um lohnende Arbeit für andere.

Der Autor:

Suitbert Cechura ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut. Er arbeitete lange im Bereich der beruflichen Eingliederung junger Menschen mit Behinderung. Er hat mehrere Bücher geschrieben. Sein letztes Buch heißt „Unsere Gesellschaft macht krank – Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit“ und ist 2018 im Tectum Verlag erschienen.

Der Beitrag erschien auf https://overton-magazin.de/
und wird mit freundlicher Genehmigung des Autors und gewerkschaftsforum.de hier abgedruckt.

Titelbild: Bild: © Peggy_Marco @ pixabay.com / Bearbeitung L.N.

Antirassistischer Lauf in Barcelona Straßenhändler*innen organisieren sich seit 10 Jahren

05.06.25 – Elisabeth Voß, Pressenza

Am 1. Juni fand in Barcelona ein gut besuchtes antirassistisches Rennen statt, das von Straßenhändler*innen organisiert wurde.

Migrant*innengewerkschaft „Ande Dem“

Vor zehn Jahren gründeten Migrant*innen in Barcelona die Gewerkschaft „Ande Dem“. Der Name kommt aus dem senegalesischen Wolof und bedeutet „gemeinsam gehen“. Die Gründer*innen kamen als Schutzsuchende nach Spanien. Viele von ihnen stammen aus Fischerei-Familien. Aber seit internationale Konzerne das Meer leergefischt haben, gibt es keine Perspektive mehr für sie. So machen sich viele auf den Weg nach Europa. Da sie keine Chance auf ein Visum haben, wagen sie mit dem Ruf „Barça ou barzakh“ (Barcelona oder Tod) den lebensgefährlichen Weg über das Meer.

Wer lebend in Spanien ankommen, werden oft gleich zurückgeschoben oder landen zunächst im Gefängnis. Wer es schafft zu bleiben, darf mindestens drei Jahre lang nicht arbeiten und bekommt keine Unterstützung. Weil die Migrant*innen weder stehlen noch kriminell werden möchten, verkaufen sie an belebten Orten Rucksäcke und Taschen, Schuhe, Kleidung und Sonnenbrillen. Es ist nachgemachte Markenware zu günstigen Preisen, die sie auf ihren Decken, den Mantas, ausbreiten. Denn oft werden sie von der Polizei vertrieben, und dann können sie die Sachen schnell zusammenpacken und weglaufen.

Genossenschaft „Top Manta“

„Gemeinsam gehen“ bedeutet, sich auf einen kollektiven Weg zu machen, die individualisierende Leistungsgesellschaft zu kritisieren und sich stattdessen gemeinsame Perspektiven zu schaffen. So gründeten die auch „Manteros“ genannten Straßenhändler*innen 2017 die Genossenschaft „Top Manta“, unterstützt durch die damalige munizipalistische Stadtregierung und deren Bürgermeisterin Ada Colau. Im Stadtteilzentrum Can Batlló im Bezirk Sants betreibt die Genossenschaft eine Nähwerkstatt und Siebdruckerei.

Mittlerweile 200 Straßenhändler*innen konnten durch die Arbeit dort einen legalen Aufenthaltsstatus bekommen, 15 Mitarbeitende sind fest angestellt. Die Genossenschaft arbeitet nach den Prinzipien der Sozialen Solidarischen Ökonomie und des Fair Trade. In ihrem Laden im Bezirk El Raval sowie in einem Online-Shop verkauft sie mit antirassistischen Bildern und Slogans bedruckte T-Shirts, Hoodies und Umhängetaschen. Es gibt sogar Top Manta-Schuhe.

AGUA – Erstes antirassistisches Rennen in Barcelona

Zum zehnjährigen Jubiläum der Gewerkschaft Ante Dem hat Top Manta am 1. Juni 2025 ein „Erstes antirassistisches Rennen in Barcelona“ organisiert. Die Strecke von fünf Kilometern führte von und zur Plaça Ramon Torres Casanova, wo ein großes Tor aufgebaut war. Der Platz liegt direkt neben der Plaça de Sants, mit der Bühne der Veranstaltung und ein paar Ständen, nicht weit vom Can Batlló.

Die Stadtverwaltung hatte zuerst nur 1.000 Startnummern zugelassen, die jedoch innerhalb kürzester Zeit ausverkauft waren. Mühsam konnten 500 weitere verhandelt werden, die ebenfalls sofort verkauft waren. Die Preisverleihung auf der Bühne wurde von bekannten Künstler*innen und Sportler*innen durchgeführt. Weil nicht der Wettbewerb, sondern die Solidarität im Vordergrund stand, gab es auch einen Preis für die langsamste Person. Etwa 70 Sportvereine, Organisationen und Initiativen unterstützten die Veranstaltung, die mit vielen Tausend Menschen an diesem heißen Tag sehr gut besucht war.

Für den Lauf hatte Top Manta eine Bekleidungskollektion „AGUA Runnning Club“ entworfen. AGUA (span.: Wasser) ist der Warnruf, mit dem sich Straßenhändler*innen gegenseitig warnen, wenn die Polizei kommt, um sie zu vertreiben. So bedeutet er im Alltag „das Startsignal, um loszulaufen und dem institutionellen Rassismus zu entkommen, der uns verfolgt.“ Am 1. Juni wurde dieser Ruf „auch zu einem Symbol für Solidarität und Widerstand.“ Neben Slogans und Reden gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung von Migrant*innen gab es bei der Veranstaltung auch klare Aussagen zur Solidarität mit den Palästinenser*innen, vor allem in Gaza.

Alle Erlöse aus der Veranstaltung werden von Top Manta verwendet, um weiteren Straßenhändler*innen eine legale Existenz zu ermöglichen.

Hoffnung auf breite Mobilisierung

Mit dem Rennen protestierten die Organisator*innen gegen den „alarmierenden Anstieg von Hassreden, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“. Diese Stimmung verorten sie nicht nur bei der extremen Rechten. Sie verwiesen auf „Parallelen zwischen dem aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext und der Zwischenkriegszeit (1918–1939), die zum Aufstieg des Nationalsozialismus und Faschismus in Europa führte.“ Den vielfältigen globalen Krisen möchten sie Narrative und Erfahrungen von Solidarität entgegensetzen, um „kollektive Hoffnung“ und eine „historische und kraftvolle Mobilisierung“ zu schaffen.

Website der Veranstaltung: https://www.cursaantiracista.com/

Mobi-Video, 2 Min., katalanisch m. dt. UT: https://labournet.tv/de/videos/rennen%20barcelona

Der Beitrag von Elisabeth Voß ist am 05.06.25 in Pressenza erschienen, wir danken für das Publikationsrecht, Fotos E. Voß

Die EU-Staats- und Regierungschefs haben gelogen, als sie Israel aufforderten, den Völkermord im Gazastreifen zu stoppen


von Motasem A Dalloul, May 29, Middle East Monitor

Unter europäischen Staats- und Regierungschefs zeichnete sich kürzlich ein neuer Trend ab: Sie begannen, die israelischen Verbrechen und den seit 600 Tagen andauernden Völkermord an der Zivilbevölkerung im Gazastreifen lautstark zu verurteilen. Dieser Trend gab den Palästinensern und allen, die sich für die Menschlichkeit einsetzen, Hoffnung, dass dies zu einer Abschreckung der israelischen Besatzung führen würde.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs verwendeten sehr scharfe Worte, als sie sich gegen den israelischen Besatzungsstaat, seine Armee und deren Verbrechen aussprachen. Der neue deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, einer der engsten Verbündeten Israels, sagte: „Was die israelische Armee jetzt im Gazastreifen tut, verstehe ich ehrlich gesagt nicht mehr, mit welchem ​​Ziel.“

Auch Merz erklärte auf der Digitalkonferenz Re:publica in Berlin, dass eine Grenze überschritten und das humanitäre Völkerrecht verletzt worden sei. Er betonte, dass das Zufügen solchen Leids unter der Zivilbevölkerung „nicht länger als Kampf gegen den Hamas-Terrorismus gerechtfertigt werden kann.“

Vor Merz drückten die Staats- und Regierungschefs dreier europäischer Länder ihre Abscheu über das Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza deutlich aus. „Das Ausmaß des menschlichen Leids in Gaza ist unerträglich“, erklärten die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Großbritanniens und Kanadas in einer gemeinsamen Erklärung.

Sie kritisierten sogar die israelischen Äußerungen, die Einfuhr minimaler Mengen an Nahrungsmitteln für die hungernde Bevölkerung Gazas zuzulassen. „Die Ankündigung, Israel werde eine Grundversorgung mit Nahrungsmitteln nach Gaza zulassen, ist völlig unzureichend. Wir fordern die israelische Regierung auf, ihre Militäroperationen in Gaza einzustellen und sofort humanitäre Hilfe nach Gaza zuzulassen.“

Inzwischen haben sie sogar die Sprache der extremistischen israelischen Minister verurteilt, die ihre wahren Absichten hinsichtlich der von Israel geplanten Vernichtung der Palästinenser zum Ausdruck bringen – der Eigentümer des Landes Palästina, wo Israel 1948 gegründet wurde.

„Wir verurteilen die abscheuliche Sprache, die Mitglieder der israelischen Regierung in jüngster Zeit verwendet haben. Sie drohen damit, dass die Zivilbevölkerung in ihrer Verzweiflung über die Zerstörung Gazas umsiedeln werde. Dauerhafte Zwangsvertreibung ist ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht“, heißt es in ihrer Erklärung.

Sogar US-Präsident Donald Trump hat mehrfach angedeutet, dass er ein Ende des Völkermords in Gaza wünscht. „[Trump] hat sehr deutlich gemacht, dass er ein Ende des Konflikts in der Region will“, sagte die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, gegenüber Reportern auf die Frage nach dem angeblichen Abbruch der Beziehungen zwischen ihm und dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Netanjahu hatte sich entschieden, die Angriffe auf Gaza auszuweiten und den amerikanischen Waffenstillstandsvorschlag, der ein Ende des Völkermords vorgesehen hätte, zu ignorieren. 

Auch viele europäische und internationale Politiker haben begonnen, sich lautstark gegen den israelischen Völkermord im Gazastreifen auszusprechen. Damit geben sie den Bewohnern des Gazastreifens Hoffnung, dass dies zu echten Maßnahmen vor Ort führen und die israelische Besatzung dazu bewegen würde, ihre Tötungsmaschinerie zu stoppen.

Einige Tage später wurde jedoch klar, dass es sich bei den europäischen Aufrufen lediglich um einen Propagandatrick handelte, der die Opposition dazu bewegen sollte, ihre Proteste gegen die israelische Besatzung, ihre Führer und Soldaten abzuschwächen. Diese haben inzwischen Angst davor, mehrere europäische Länder zu besuchen, weil sie Ermittlungsanordnungen und Inhaftierungen befürchten.

Trotz allem hat kein Land konkrete Schritte unternommen, außer Spanien, das sich seit Beginn des Völkermords gegen ihn ausgesprochen hat. Alle Staats- und Regierungschefs der anderen Länder fordern die israelische Besatzung auf, ihren Völkermord zu beenden, und liefern gleichzeitig Waffen, damit sie den Völkermord fortsetzen können.

Für Trump, der den Krieg beenden will, markierte die israelische Besatzungsmacht den 600. Tag ihres Völkermords im Gazastreifen mit der Veröffentlichung einer Statistik. Darin heißt es, dass die USA seit Beginn des Völkermords 800 Flugzeuge und 140 Schiffe mit Waffen in den israelischen Besatzungsstaat geschickt hätten.

Andere Länder, darunter Frankreich, Deutschland, die USA und Kanada, liefern weiterhin Waffen und Ersatzteile für militärische Ausrüstung in den Besatzungsstaat, um dem palästinensischen Volk noch mehr Leid zuzufügen.

Die schlimmste und heuchlerischste Haltung kam von Großbritannien, das erklärte, es habe die Handelsgespräche mit dem israelischen Besatzungsstaat abgebrochen. Gleichzeitig erklärte Lord Ian Austin, der Handelsgesandte der britischen Regierung in Israel, Anfang der Woche, er besuche den Besatzungsstaat, „um Geschäftsleute und Beamte zu treffen und den Handel mit Großbritannien zu fördern“.

Darüber hinaus jagt und schikaniert die britische Polizei weiterhin Journalisten und Aktivisten, die die israelischen Verbrechen aufdecken und über den Völkermord im abgeriegelten Gazastreifen informieren. Zu ihnen gehören beispielsweise Sarah Wilkinson, Shameen Suliman und Asa Winstanley.

Als Palästinenser erkannte ich sofort die Heuchelei der europäischen und amerikanischen Politiker, denn ihre jüngsten Erklärungen kamen fast zwei Jahre nach dem Beginn des Völkermords, bei dem Israel über 60.000 Menschen tötete, rund 200.000 verletzte und die gesamten 2,4 Millionen Einwohner Gazas vertrieb.

Ihre vorgebliche Verurteilung wurde diskreditiert, weil ihre Prämisse falsch war. Sie schoben die Schuld für die israelische Besatzung der palästinensischen Widerstandsbewegung Hamas zu und ignorierten dabei den historischen Kontext und die endlose Liste israelischer Verbrechen gegen das palästinensische Volk. Sie ignorierten, dass Israel ein Besatzungsstaat ist, und leugneten das Recht, sich der Besatzung zu widersetzen.

Sie bezeichneten die Taten des palästinensischen Widerstands am 7. Oktober als „abscheuliches Verbrechen“, während sie über den israelischen Völkermord in Gaza lediglich sagten, er sei „unerträglich“. Sie forderten außerdem die sofortige Freilassung der verbleibenden 58 israelischen Gefangenen und ihrer Toten und ignorierten dabei völlig, dass über 12.000 palästinensische Geiseln in israelischen Gefängnissen weiterhin Misshandlungen und Folter erleiden.

Wer Vertrauen in die Wahrheit gewinnen will, muss seinen Worten Taten folgen lassen. Und im Kontext Palästinas muss er die Lügen und die Propaganda über die Opfer des israelischen Völkermords aufgeben.

Der Beitrag von Motasem A Dalloul ist am 29. May in Middle East Monitor erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht inklusive Titelbild.

Titelbild: Der „Großbritannien-EU-Gipfel“, der vom britischen Premierminister Keir Starrer (C) geleitet wird, findet am 19. Mai 2025 in London, der Hauptstadt Großbritanniens, statt. Der Präsident der EU-Kommission, Ursula von Der Leyen (L), und Präsident des Europäischen Rates Antonio Costa (R) besuchten den Gipfel. [Raşid Necati Aslım – Anadolu Agentur]

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