Deserteure aller Länder

30.06.25  

Unzählige versuchen, ihrem Schicksal als Kanonenfutter im Ukraine-Krieg zu entgehen. medico unterstützt sie dabei.

Von Mario Neumann

Bild: WAS KANN MAN BESSERES TUN, ALS DEN KRIEG ZU VERRATEN? Inschrift eines Mahnmals am ehemaligen Schießplatz der Reichswehr in Köln-Dünnwald, das an dort erschossene Deserteure erinnert. History&More (CC BY-SA 4.0)

Am Ende habe er sich selbst angeschossen, allerdings gut vorbereitet, sodass es ausgesehen habe wie ein Treffer nach feindlichem Beschuss. „Ich habe mit verschiedenen Möglichkeiten geliebäugelt, die Armee zu verlassen. Ich wäre sogar lieber inhaftiert worden. Doch selbst im Gefängnis kann man rekrutiert werden.“ Ein junger Mann berichtet auf einem Online-Vernetzungstreffen einer Organisation zur Unterstützung russischer Deserteure und Kriegsdienstverweigerer die Geschichte seiner erfolgreichen Flucht aus der russischen Armee. Er stammt, so berichtet er, aus einfachen Verhältnissen und habe nach einem Militärinternat schließlich die Militärakademie besucht. Das alles habe er als Chance zum Aufstieg begriffen. Bevor er 2022 an die Front in der Ukraine geschickt wurde, sei er zwei Jahre in Syrien stationiert gewesen. An dem Treffen nimmt er teil, weil er nach seinem erfolgreichen Selbstbeschuss von der Front evakuiert und erst in ein Krankenhaus, dann in eine Reha-Einrichtung verbracht worden sei. Von dort konnte er schlussendlich 2023 mit Unterstützung der tagenden Organisation nach Kasachstan fliehen. Seitdem lebt er dort. Und weil er keine Papiere besitzt, kann er das Land auch nicht verlassen.

Wie viele solcher Versuche es seit dem Beginn des Ukraine-Krieges gegeben hat und wie viele davon erfolgreich waren, darüber kann nur spekuliert werden. Klar ist jedoch, dass ihre Zahl seit Beginn des Krieges stetig steigt, was sich auch an den anhängigen Gerichtsverfahren in Russland gegen Soldaten widerspiegelt, für die Delikte wie das Verlassen einer militärischen Einheit oder Fahnenflucht wie fast überall auf der Welt als Straftaten gelten. Weitaus höher dürfte die Zahl derjenigen liegen, die nicht die ungleich schwierigere Flucht aus der Armee geschafft haben, sondern sich einer drohenden oder bevorstehenden Einberufung durch Flucht ins Ausland bereits rechtzeitig entzogen haben. Ende 2023 schätzten verschiedene Quellen die Zahl russischer Kriegsdienstverweigerer, die im Ausland auf der Flucht sind, auf mindestens 250.000. Addiert man zu dieser Zahl noch Familienangehörige, die oftmals mit auf der Flucht sind, so könnten es bis zu einer Million Menschen sein, die das Land verlassen haben, weil sie selbst oder ihre Angehörigen einer Einberufung entgehen wollten.

Ungewisse Zuflucht in Georgien

In einem Vorort der georgischen Hauptstadt Tiflis gibt es eine Art Wohnprojekt, wo Menschen mit solchen Geschichten ankommen und auch mittelfristig unterkommen können. Die Szenerie ist filmreif. Ankunft auf einer dunklen Straße am Berg, aus der Dunkelheit kommt nach Handykontakt eine Person hervor und winkt die Besucher:innen herein. Was von außen wie ein Versteck wirkt, ist im Inneren so etwas wie eine russische Villa Kunterbunt: Von liberalen Journalist:innen bis zu anarchistischen Aktivist:innen (die auf eine ziemlich liberale Art tonangebend sind und augenscheinlich auch in Europa einen Teil ihrer Kaderschule durchlaufen haben), von queeren Oppositionellen bis zu Kriegsdienstverweigerern trifft sich hier die ganze aus dem Land vertriebene Multitude. Es sind knapp zwei Dutzend Leute, die bei Essen und Schnaps von ihren Fluchtgeschichten, aber auch ihrer Angst von einer weiteren Ostorientierung Georgiens und der damit schwindenden Sicherheit für die russische Opposition im Land berichten. Während viele Georgier:innen auch aus Angst vor einer militärischen Eskalation wie in der Ukraine die einseitige Bindung an die EU für gefährlich halten und trotz großer Sympathien für die EU eine parallele Annäherung an Russland befürworten, ist für die russischen Oppositionellen im Land das Gegenteil gefährlich. Es sind komplizierte Zeiten.

Die meisten der russischen Flüchtlinge haben hier in Georgien, in Armenien und in Kasachstan Zuflucht gesucht, manche auch in der Türkei und in Israel, einige in Serbien. Nach Europa schaffen es wenige, bleiben darf kaum jemand. Das Argument der Behörden, auch in Deutschland: In Russland existiert ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung, eine drohende Einberufung reiche als Asylgrund daher nicht aus. Dass dieses formale Recht jedoch oftmals mit Übergriffen, Schikanen und auch Gewalt ausgehebelt wird, interessiert die deutsche Öffentlichkeit und auch viele Gerichte kaum. Hierzulande wurden seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine etwa 6.300 Asylanträge gestellt, gerade einmal 350 Personen sind als Schutzsuchende anerkannt worden. Wenn es um den Ukraine-Krieg geht, ist Russland für Deutschland das ultimativ Böse und Aufrüstungs- wie Waffenproduktionsgrund. Geht es um Asylpolitik, ist es ein fast sicheres Herkunftsland. Nimmt man nicht die 6.300 Anträge zum Maßstab, sondern die Zahl aller, die auf der Flucht sind, geht der deutsche Beitrag zu ihrer Versorgung gen null.

Kriegsdienstverweigerer in Deutschland

Es kümmert die deutsche Öffentlichkeit übrigens auch wenig, dass in der Ukraine ein solches Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht einmal auf dem Papier existiert, oder besser: nicht mehr. Es wurde zu Beginn des Krieges suspendiert und ist nur in Ausnahmefällen noch anwendbar, beispielsweise aus religiösen Gründen. Die Berichte von Straßenkontrollen der Armee und öffentlichen Razzien, bei denen nach Wehrpflichtigen gefahndet wird, häufen sich, erst recht, seit die Regierung ein neues Mobilisierungsgesetz verabschiedet hat. Die Ukraine leidet bekanntermaßen nicht nur an fehlenden Waffen und Munition, sondern auch an einer erschöpften und ausgedünnten Armee. Seit soldatischer Nachschub aus dem lange Zeit noch verschonten Kiew kommt, machen die Maßnahmen zur Einberufung gelegentlich auch in Deutschland Schlagzeilen. Vorher, als vor allem die ländlichen und östlichen Regionen die Kriegslast trugen und das Menschenmaterial lieferten, waren in Kiew die Fitnessstudios und Straßen noch voller Männer im wehrpflichtigen Alter. Jetzt, so wurde kürzlich berichtet, werden sogar Rockkonzerte für Kontrollen und Rekrutierungen genutzt.

Viele junge Männer sind indes gar nicht mehr im Land. Zwar hatte die Regierung sehr schnell nach Beginn des Krieges ihre Ausreise zu verhindern versucht, aber es dauerte eine Weile, bis die Grenzen beinahe lückenlos kontrolliert werden konnten. Unter den 1,1 Millionen Ukrainer:innen, die in Deutschland registriert sind, befinden sich laut Statistischem Bundesamt immerhin rund 220.000 Männer im wehrpflichtigen Alter. Auch sie stehen mittlerweile auf der Liste der potenziell zu rekrutierenden Soldaten.

Im letzten Sommer schaltete die Regierung für sie die App „Reserve+“, die damit beworben wird, dass man hier seine „persönlichen Daten bequem aktualisieren“ könne. Doch tatsächlich ist die App Voraussetzung, um überhaupt noch die Dienste der Botschaft in Anspruch nehmen zu können. Gleichzeitig können dies Männer zwischen 18 und 60 nur noch dann tun, wenn sie über ein Militärregisterdokument verfügen. Das heißt im Umkehrschluss: Wer als wehrfähiger Mann nach einer gewissen Zeit im Ausland seinen Pass verlängern möchte oder andere ukrainische Dokumente benötigt, muss sich bei der Armee registrieren und ist damit in den neuen Rekrutierungssystemen erfasst. Der Krieg braucht Nachschub von überall: Seit Mai 2024 können sogar Häftlinge in der Ukraine, sofern sie nicht bestimmter Straftaten schuldig gesprochen wurden, einen Antrag auf Mobilisierung stellen und ihre Haftzeit gegen einen Fronteinsatz tauschen. In Russland gibt es ähnliche Ansätze, die diversen marginalisierten Gruppen des Landes bei der Rekrutierung für den Krieg besonders in den Blick zu nehmen: Menschen ohne russischen Pass, Verschuldete und eben auch Gefängnisinsassen. Laut Angaben des ukrainischen Auslandsnachrichtendienstes sollen es zwischen 140.000 und 180.000 sein.

Ende vergangenen Jahres schätzte das Wall Street Journal, dass im Ukraine-Krieg etwa 80.000 ukrainische Soldaten gefallen und 400.000 verletzt worden seien. Auf russischer Seite seien es doppelt so viele Tote. Diese Zahlen stellen eine andere Frage an einen nötigen Frieden als die moralisch aufgeladene Feldherrenattitüde der deutschen Medienlandschaft und Politik, die über Waffenlieferungen spricht, als wäre der Krieg ein Technologiewettbewerb und kein Massengrab. Die vielen russischen und ukrainischen Kriegsdienstverweigerer hingegen sind eine der wesentlichen Realitäten eines über drei Jahre andauernden Stellungskriegs. Sie erzählen eine andere Geschichte als der fortwährende Diskurs, der einzig einen durch militärische Überlegenheit des Westens hergestellten Frieden kennt. Und sie fordern ein Nachdenken darüber, ob nicht auch russische Soldaten zu den Verdammten dieser Erde gehören.

Erstveröffentlicht im medico-rundschreiben 2/2025
https://www.medico.de/rundschreiben/2025/after-aid

Wir danken für das Publikationsrecht.


Internationalist Queer Pride Berlin

PRIDE 26.7.2025 15 Uhr, Berlin Südstern

„Unsere Forderung nach queerer Befreiung ist dringender denn je. Israel verschärft seinen Völkermord im Gazastreifen, imperialistische Staaten führen Krieg gegen Südwestasien, staatliche Gewalt gegen Transgender-Personen nimmt weltweit zu, und Vertreibung und Völkermord in Kaschmir, Kongo, Sudan und anderswo gehen erbarmungslos weiter.
Wir sagen heute mehr denn je: Es gibt keine queere Befreiung ohne antiimperialistischen, antikolonialen und antizionistischen Kampf.
Geht auch dieses Jahr wieder mit uns auf die Straße.
Lasst uns viele sein, lasst uns laut sein.
Keiner von uns ist frei, bis wir alle frei sind!
Wessen Straßen? Unsere Straßen!
Südstern
26.07.2025, 15:00 Uhr
Siehe auch den Beitrag "Pride Month"! 

Israels tödliche Hilfsfallen für hungernde Gaza-Bewohner

Seit 2. März 2025 hat kein LKW mit Hilfsgütern einer Hilfsorganisation den Grenzübergang von Ägypten nach Gaza überquert. Die israelische Regierung hat geschworen kein Wasser, keine Nahrung, keine Medikamente und keinen Treibstoff für Generatoren in den Gazastreifen zu lassen. Diese Politik ist eine Entscheidung für den qualvollen Tod von 2 Millionen Menschen. Israels Finanzminister Smotrich erklärte „die Tore der Hölle für den Gazastreifen zu öffnen“ und die Enklave „vollständig zu säubern“. Vor 2 Tagen hat der israelische Regierungschef Netanjahu sogar jede unzureichende Feigenblatt-„Hilfe“ für den Gazastreifen eingestellt, da der rechtsextreme Finanzminister Smotrich damit drohte die Koalition platzen zu lassen. Netanjahu hat einmal mehr bewiesen, dass er für den eigenen Machterhalt über Leichen geht. Deutsche Politiker des Nachfolgestaats des Naziregimes schütteln gerne seine Hand.

Palästinasolidarität Ist eine Sache der Gewerkschaften! Der palästinensische Gewerkschaftsbund hat alle internationalen Gewerkschaften zu dringender Solidarität aufgerufen. Im Gazastreifen wird der größte Völkermord seit dem Holocaust durchgeführt. In einer Welt, in der zwei Millionen Menschen einfach vernichtet werden können, ist kein Leben und keine Gewerkschaftsorganisation sicher. Für unsere Zukunft muss die Gewerkschaftsbewegung den Tätern und ihren Komplizen hierzulande in den Arm fallen. Folgen wir dem Beispiel der italienischen, griechischen und schwedischen Hafenarbeiter: keine Waffen, keine Munition, keine Motoren für Israels mörderische Kriegsmaschine!

Wir danken 972 Magazine, einem unabhängigen und gemeinnützen Magazine, dass gemeinsam von palästinensischen und israelischen Journalisten betrieben wird, für die Publikationsrechte. Wir danken auch dem Active Stills Collective für die bewegenden Fotos. Wir danken auch den mutigen Journalisten für ihren Augenzeugenbericht Der Bericht kann hier im Original gelesen werden.

Ahmed Ahmed ist das Pseudonym eines Journalisten aus Gaza-Stadt, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben möchte.

Die Tribute von Panem“: Israels tödliche Hilfsfallen für hungernde Gaza-Bewohner

Bei fast täglichen israelischen Massakern an Lebensmittelausgabestellen wurden allein im vergangenen Monat über 400 Palästinenser getötet. Überlebende berichten, wie sie über Leichen stiegen, um an einen Sack Mehl zu gelangen: „Welche Wahl haben wir?“

Von Ahmed Ahmed und  Ibtisam Mahdi  20. Juni 2025

In den frühen Morgenstunden des 11. Juni, noch vor Sonnenaufgang, warteten der 19-jährige Hatem Shaldan und sein 23-jähriger Bruder Hamza in der Nähe des Netzarim-Korridors im zentralen Gazastreifen auf Hilfslastwagen. Sie hofften, mit einem Sack Weißmehl für ihre fünfköpfige Familie zurückkehren zu können. Stattdessen brachte Hamza den Leichnam seines jüngeren Bruders, eingehüllt in ein weißes Leichentuch, mit. 

Aufgrund der israelischen Blockade hatte die Familie Shaldan fast zwei Monate lang praktisch ohne Nahrung gelebt und war in einem Klassenzimmer im Osten von Gaza-Stadt zusammengepfercht, das einst als Notunterkunft diente. Ihr Haus, einst in der Nähe gelegen, wurde im Januar 2024 durch einen israelischen Luftangriff vollständig zerstört. 

Gegen 1:30 Uhr schlossen sich die beiden Brüder Dutzenden hungernden Palästinensern in der Al-Rashid- Straße entlang der Küste an, nachdem sie gehört hatten, dass Lastwagen mit Mehl in den Gazastreifen einfahren würden. Zwei Stunden später hörten sie Rufe: „Die Lastwagen kommen!“, unmittelbar gefolgt vom Lärm israelischen Artilleriefeuers. 

„Der Beschuss war uns egal“, erzählte Hamza dem +972 Magazine. „Wir rannten einfach auf die Lichter der Lastwagen zu.“  Doch im Chaos der Menge wurden die Brüder getrennt. Hamza gelang es, einen 25 kg schweren Sack Mehl zu ergattern. Als er zum vereinbarten Treffpunkt zurückkehrte, war Hatem nicht da.  „Ich rief ihn immer wieder an, aber er ging nicht ran“, sagte Hamza. „Es tat mir im Herzen weh. Ich sah, wie Leichen zu mir gebracht wurden. Ich konnte einfach nicht glauben, dass mein Bruder darunter sein könnte.“ 

Stunden nach Hatems Verschwinden erhielt Hamza einen Anruf von einem Freund: In lokalen WhatsApp- Gruppen war ein Foto einer nicht identifizierten Leiche aufgetaucht, aufgenommen im Al-Aqsa- Märtyrerkrankenhaus in Deir al-Balah im Zentrum von Gaza. Hamza schickte einen Cousin – einen Tuk-Tuk-Fahrer –, um nachzusehen. „Eine halbe Stunde später rief er mit zitternder Stimme zurück. Er sagte mir, es sei Hatem.“

Als Hamza das hörte, verlor er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, wurde ihm Wasser ins Gesicht geschüttet. Er eilte ins Krankenhaus, wo ein Mann, der bei demselben Artillerieangriff verwundet worden war, erklärte, was passiert war: Hatem und etwa 15 andere hatten versucht, sich im hohen Gras zu verstecken, als israelische Panzer das Feuer eröffneten.  „Hatem wurde von Granatsplittern in die Beine getroffen“, sagte der Mann. „Er blutete stundenlang. Hunde umkreisten ihn. Als schließlich weitere Hilfstransporter eintrafen, halfen Menschen, die Leichen auf einen davon zu laden.

Insgesamt wurden an diesem Morgen 25 Palästinenser getötet , die in der Al-Rashid-Straße auf Hilfslastwagen warteten. Hamza brachte Hatems Leiche zurück nach Gaza-Stadt und begrub ihn neben ihrer Mutter, die im August 2024 von einem israelischen Scharfschützen getötet worden war. Ihr älterer Bruder Khalid, 21, war Monate zuvor bei einem Luftangriff im Januar gestorben, als er auf seinem Pferdewagen verwundete Zivilisten evakuierte.

„Hatem war der Lichtblick unserer Familie“, sagte Hamza. „Nachdem wir unsere Mutter und Khalid verloren hatten, wurde er jedermanns Liebling – auch meine Großmutter und meine Tanten. Er besuchte sie und half ihnen. Meine Großmutter brach zusammen, als sie seinen Leichnam sah. Sie weint immer noch.“  Hatem war gelernter Autozubehör-Mechaniker und träumte davon, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. „Er war freundlich und großzügig und liebte Kinder; er schenkte ihnen immer Süßigkeiten“, sagte Hamza. „Alle, die ihn kannten, kamen zu seiner Beerdigung. Möge Gott die Besatzung dafür zur Rechenschaft ziehen, dass sie uns das Leben geraubt hat, nur weil wir aus Gaza kommen.“

Fast täglich Massaker

Während sich die Aufmerksamkeit der Welt auf den Krieg zwischen Israel und dem Iran richtet – und Israel gleichzeitig Internet- und Telekommunikationsdienste kappt und Millionen Palästinensern eine effektive Medien- und Informationssperre auferlegt – haben sich Israels Angriffe auf die hungernden, auf Hilfe wartenden Gaza-Bewohner nur noch verstärkt. 

Nachdem zwei Monate lang kein einziger Tropfen Lebensmittel, Medikamente oder Treibstoff nach Gaza gelangt war, wurde seit Ende Mai wieder ein Rinnsal Weißmehl und Konserven zugelassen. Der Großteil davon ging an Standorte in Rafah und im Netzarim-Korridor, die von der Gaza Humanitarian-Foundation (GHF) verwaltet und von privaten amerikanischen Sicherheitskräften und israelischen Soldaten bewacht werden. Seit dem 10. Juni treffen auch kleinere Lieferungen mit Hilfslastwagen des Welternährungsprogramms (WFP) ein. 

Doch der Hunger nimmt zu, und die Menschen warten nicht mehr, bis die Lastwagen sicher an den israelischen Truppen vorbeigefahren sind. Stattdessen stürmen sie sofort auf sie zu, sobald sie auftauchen, und versuchen verzweifelt, alles zu ergattern, was sie kriegen können, bevor die Vorräte versiegen. Zehntausende versammeln sich an den Verteilungspunkten, manchmal schon tagelang im Voraus, und viele gehen mit leeren Händen nach Hause.

Hungernde Zivilisten versammeln sich in riesigen Menschenmengen und warten auf die Erlaubnis, sich nähern zu dürfen. In vielen Fällen eröffneten israelische Soldaten das Feuer auf die Massen – und sogar während der Verteilung selbst. Dutzende wurden getötet, als sie versuchten, ein paar Kilo Mehl oder Konserven für die Heimreise zu sammeln – eine Aktion, die die Palästinenser als „Hungerspiele“ bezeichnen. 

Seit dem 27. Mai wurden laut Mahmoud Basel, Sprecher des Gaza-Zivilschutzes, weit über 400 Palästinenser getötet und über 3.000 verletzt, während sie auf Hilfe warteten. Der tödlichste Angriff auf Hilfssuchende ereignete sich am 17. Juni, als israelische Streitkräfte Panzergranaten, Maschinengewehre und Drohnen auf eine Menge Palästinenser in Khan Younis abfeuerten. Dabei wurden 70 Menschen getötet und Hunderte verletzt.  Die spärliche Hilfe, die nach Gaza gelangt, reicht bei weitem nicht aus, um selbst die grundlegendsten Bedürfnisse zu decken. Viele Bewohner sind daher gezwungen, Lebensmittel von anderen zu kaufen, die an den Verteilungsstellen Lebensmittel ergattern konnten und diese nun in dem verzweifelten Versuch, sich andere lebensnotwendige Dinge leisten zu können, weiterverkaufen.

„Menschen wurden getötet, aber alle rannten weiter, um Mehl zu holen.“

Am Tag nach dem Massaker in der Al-Rashid-Straße, bei dem Hatem Shaldan ums Leben kam, versammelten sich noch größere Menschenmengen an derselben Stelle, darunter auch der 17-jährige Muhammad Abu Sharia, der mit vier Verwandten angereist war. Die wenigen Hilfstransporter, die in dieser Woche eintrafen, gaben den hungernden Familien einen Funken Hoffnung. 

Abu Sharia lebt mit seiner neunköpfigen Familie in ihrem teilweise zerstörten Haus im Süden von Gaza-Stadt. Er ist der einzige Sohn von sechs Schwestern. „Meine Familie wollte mich zuerst nicht gehen lassen“, sagte er. „Aber wir hungern seit zwei Monaten.“ Um 22 Uhr machte er sich auf den Weg zur Al-Rashid-Straße, wo sich Menschenmengen im Sand nahe dem Ufer versammelt hatten und auf Hilfslastwagen warteten. Mit gedämpfter Stimme warnten die Menschen: „Bleiben Sie hinter den Lastwagen. Laufen Sie nicht vor – Sie könnten zerquetscht werden.“Abu Sharia war schockiert über das, was er sah. „Ältere Menschen, Frauen, Kinder, alle warteten nur auf Mehl.“ Dann, ohne Vorwarnung, fielen um sie herum Artilleriegeschosse.  Panik brach aus. Einige flohen. Andere, wie Abu Sharia, rannten auf die Lastwagen zu. „Menschen wurden getötet und verwundet, aber niemand blieb stehen. Alle rannten einfach weiter, um das Mehl zu holen.“  Es gelang ihm, eine Tasche zu greifen, die neben einer Leiche lag. Doch er schaffte es nur wenige Meter weit, bevor ihn eine Bande von vier Männern mit Messern umzingelte und drohte, ihn umzubringen, wenn er die Tasche nicht herausgeben würde. Er ließ sie los. 

Er hoffte immer noch, einen anderen Lastwagen zu erreichen, und wartete noch Stunden. Dann sah er Menschen rufen: „Weitere Hilfe ist da!“ Die Lastwagen rollten heran und wurden kaum langsamer, als die Menschenmassen sie umringten. „Ich sah, wie ein Mann unter einen [Lastwagen] fiel und sich den Kopf zerquetschte.“ Da die Krankenwagen aus Angst vor israelischen Luftangriffen zu weit entfernt waren, wurden die Verletzten und Toten mit Eselkarren und Tuk-Tuks weggeschleppt.

Abu Sharia war der Einzige aus seiner Großfamilie, der einen Sack Mehl mitbringen konnte. Seine Familie, die sich große Sorgen machte, war erleichtert, ihn zu sehen. Sie backten sofort Brot und teilten es mit Verwandten.  „Niemand riskiert sein Leben auf diese Weise, es sei denn, er hat keine andere Wahl“, sagte er. „Wir gehen, weil wir verhungern. Wir gehen, weil es nichts anderes gibt.“

„Ein junger Mann wurde in zwei Hälften gesprengt. Anderen wurden Gliedmaßen abgerissen.“

Yousef Abu Jalila, 38, war früher auf humanitäre Hilfe des WFP angewiesen, um seine zehnköpfige Familie zu ernähren. Doch seit über zwei Monaten ist kein solches Hilfspaket mehr eingetroffen, und die Preise für das Wenige, was noch auf den Märkten übrig ist, sind in die Höhe geschossen.  Jetzt, nachdem ihr Haus im Viertel Sheikh Zayed während des Einmarsches der israelischen Armee in den Norden Gazas im Oktober 2024 zerstört wurde, leben sie in einem Zelt im Al-Yarmouk-Stadion im Zentrum von Gaza-Stadt. Gegenüber +972 sagte er: „Meine Kinder schreien und sagen, sie hätten Hunger, und ich habe nichts, womit ich sie ernähren könnte.“ 

Da es weder Weißmehl noch Reste von Konserven gibt, bleibt Abu Jalila nichts anderes übrig, als sich an den Hilfsverteilungsstellen zu melden oder auf die Hilfslastwagen zu warten. „Ich weiß, dass ich möglicherweise einer von denen bin, die beim Versuch, Essen für meine Familie zu besorgen, getötet werden“, sagte Abu Jalila gegenüber +972. „Aber ich gehe, weil meine Familie hungert.“

Am 14. Juni verließ Abu Jalila mit einer Gruppe von Nachbarn das Zeltlager, nachdem Gerüchte gehört hatten, dass Hilfstransporter im Gebiet des Reitclubs im Nordwesten des Gazastreifens eintreffen könnten. Als er dort ankam, war er überrascht, Tausende andere anzutreffen, die hofften, Lebensmittel für ihre Familien mitzubringen.  Im Laufe der Stunden drängte sich die Menge immer näher an eine israelische Militärposition heran. Dann explodierten ohne Vorwarnung mehrere israelische Artilleriegranaten mitten in der Versammlung.  „Ich weiß immer noch nicht, wie ich das überlebt habe“, sagte Abu Jalila. „ Dutzende Menschen wurden
getötet , ihre Körper zerfetzt. Viele andere wurden verletzt.“

 In dem Chaos flohen einige in Panik, während andere sich beeilten, die Toten und Verletzten auf Eselskarren zu laden, da weder Krankenwagen noch Autos in der Nähe waren. „Ein junger Mann wurde in zwei Hälften gesprengt; anderen wurden Gliedmaßen abgerissen“, erinnerte sich Abu Jalila. „Das waren unschuldige, unbewaffnete Menschen, die nur versuchten, an Nahrung zu kommen. Warum wurden sie auf diese Weise getötet?“  Erschüttert und mit leeren Händen lief Abu Jalila vier Stunden lang mit zitternden Beinen zurück nach Gaza. Als er das Zelt erreichte, warteten seine Kinder bereits draußen. „Sie hofften, ich würde Essen
mitbringen“, sagte er. „Ich wünschte, ich könnte sterben, anstatt die Enttäuschung in ihren Augen zu sehen.“

Er schwor, nie wieder zurückzukehren. Doch da er nichts mehr hat, um seine Familie zu ernähren, und seitdem auch keine Hilfe mehr verteilt wurde, weiß er, dass er es noch einmal versuchen muss.

„Wir wussten, dass wir sterben könnten. Aber welche Wahl haben wir?“

Ähnliche Massaker ereigneten sich im südlichen Gazastreifen. Der 44-jährige Zahiya Al-Samour konnte kaum noch stehen, nachdem er über zwei Kilometer gerannt war, während er vor einem israelischen Angriff auf Menschenmengen floh, die sich im Stadtteil Tahlia im Zentrum von Khan Younis versammelt hatten, um Hilfe zu holen.  Sie rang nach Luft und sagte zu +972: „Mein Mann ist letztes Jahr an Krebs gestorben. Ich kann nicht für meine Kinder sorgen. Es gibt kein Essen mehr im Haus, seit der Blockade und dem Stopp der Hilfslieferungen, die uns während des Krieges am Leben gehalten haben.“

Getrieben von ihrer Verzweiflung machte sich Al-Samour in der Nacht des 16. Juni auf den Weg nach Tahlia, in der Hoffnung, zu den Ersten in der Schlange für die ankommenden Hilfslastwagen zu gehören. Zusammen mit Tausenden anderen kampierte sie am Straßenrand. Doch am nächsten Morgen, als die Menschen in der Nähe der Al-Rashid-Straße warteten, regnete es plötzlich Panzergranaten auf die Menge und tötete über 50 Menschen.  „Ich sah, wie Menschen Gliedmaßen verloren und ihre Körper zerfetzt wurden“, erzählte sie. „Drei meiner Nachbarn aus Al-Zaneh [nördlich von Khan Younis] wurden getötet. Ihre Leichen waren nicht wiederzuerkennen.“

Obwohl sie unverletzt davonkam, ist das Trauma noch immer spürbar. „Mein Herz zittert immer noch“, sagte sie. „Ich sah Menschen sterben, während andere auf Eselskarren verbluteten; es gab keine Krankenwagen.“  Sie kehrte mit leeren Händen in das Zelt zurück, das sie in Al-Mawasi aufgebaut hatte, nachdem die
israelische Armee die Räumung ihres Viertels angeordnet hatte. „Meine Kinder haben Hunger“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Sie warten darauf, dass ich ihnen Essen bringe. Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll.“

Im Nasser-Krankenhaus erholt sich der 22-jährige Mohammad Al-Basyouni von einer Schusswunde am Rücken. Er wurde am 25. Mai angeschossen, als er im Stadtteil Al-Shakoush in Rafah versuchte, Lebensmittel zu sammeln.  „Ich wachte im Morgengrauen auf und verließ mein Zuhause [im Gebiet Fash Farsh, zwischen Rafah und
Khan Younis] mit einem einzigen Ziel: Mehl für meinen kranken Vater zu holen“, erzählte er +972. „Meine Mutter flehte mich an, nicht zu gehen, aber ich bestand darauf. Wir hatten nichts zu essen. Mein Vater ist krank, und wir brauchten Hilfe.“

„Ich bin gegen 6 Uhr morgens losgefahren, und kurz nach meiner Ankunft brach ein Schusswechsel aus“, erzählte Al-Basyouni. „Auf der Flucht wurde ich getroffen – ein Scharfschütze schoss mir in den Rücken.“ Er wurde mit einem Tuk-Tuk in den OP gebracht. „Ich habe überlebt, andere nicht. Manche kamen inLeichensäcken zurück.“ Er hielt inne und fügte dann leise hinzu: „Wir wussten, dass wir sterben könnten. Aber welche Wahl haben wir? Hunger ist tödlich. Wir wollen, dass Krieg und Belagerung enden. Wir wollen, dass dieser Albtraum vorbei ist. Ich kam verwundet zurück und brachte nichts mit nach Hause. Jetzt hat mein kranker Vater seinen einzigen Ernährer verloren.“

„Wir sahen aus wie Tiere, die darauf warteten, dass der Futterplatz öffnet“

Obwohl der 48-jährige Mahmoud Al-Kafarna nach seiner Vertreibung mit seiner Familie aus Beit Hanoun im Zentrum von Gaza-Stadt lebt, machte er sich am 15. Juni auf den Weg zu dem von GHF betriebenen Hilfszentrum im äußersten Südwesten von Khan Younis.  Er musste stundenlang zu Fuß nach Nuseirat gehen und fuhr dann mit dem Tuk-Tuk nach Fash Farsh, einem bekannten Treffpunkt für Essenssuchende. Er und andere wanderten von 19:30 Uhr bis 2:30 Uhr morgens und suchten schließlich Schutz in der Mu’awiyah-Moschee, bis der israelische Kontrollpunkt öffnete.

Im Morgengrauen näherten sie sich einer von israelischen Streitkräften bewachten Sandbarriere. Hinter der Barriere bellte eine Stimme durch einen Lautsprecher: „Das Hilfszentrum ist geschlossen. Es gibt keine Verteilung. Sie müssen nach Hause gehen.“  Al-Kafarna blieb wie viele andere an Ort und Stelle – er war mit diesen Taktiken zur Ausdünnung der Menschenmengen vertraut. Dann kamen die Drohungen: „Geht, oder wir eröffnen das Feuer“, gefolgt von Beschimpfungen wie „Ihr Hunde“.  Noch bevor sie ihre Warnung ausgesprochen hatten, eröffneten israelische Streitkräfte das Feuer aus ihrer etwa einen Kilometer von der versammelten Menge entfernten Stellung. „Kugeln flogen über die Köpfe hinweg“, berichtete Al-Kafarna. „Dutzende wurden getroffen. Niemand konnte den Kopf heben.“ Einigen
Jugendlichen gelang es, die Verletzten in eine nahegelegene Einrichtung des Roten Kreuzes zu evakuieren, doch viele überlebten nicht .

Als eine halbe Stunde später eine zweite Durchsage den Zutritt erlaubte, drängte die Menge nach vorn. Sie rannte zwei Kilometer mit erhobenen Händen und weißen Säcken – eine Geste der Kapitulation. Dann liefen er und andere noch zwei Kilometer am Kontrollpunkt vorbei, der von schwer bewaffneten privaten Auftragnehmern bewacht wurde.  „Sie sind genau so, wie Hollywood sie darstellt: bis an die Zähne bewaffnet, mit dunklen Sonnenbrillen und kugelsicheren Westen mit der amerikanischen Flagge, Ohrhörern hinter den Ohren und direkt auf unsere nackte Brust gerichtet“, erinnerte sich Al-Kafarna. „Sie schießen auf den Boden unter den Füßen jedes Menschen, der sich der Hilfstruppe nähert, die hinter einem Hügel stationiert ist, auf dem sie stationiert ist.“

Als sie endlich den Hilfsgütervorrat hinter einem Hügel erreichten, „herrschte Chaos“, erinnerte sich Al- Kafarna. „Keine Ordnung, keine Gerechtigkeit, nur noch Überleben.“  Um nicht niedergetrampelt oder angegriffen zu werden, trugen die Menschen Messer oder bewegten sich in koordinierten Gruppen. „Sobald man eine Kiste schnappte, leerte man sie in seine Tasche und rannte los. Wer stehen blieb, wurde ausgeraubt oder überfahren.“ 

Was hat er mit nach Hause genommen? „Zwei Kilo Linsen, etwas Pasta, Salz, Mehl, Öl, ein paar Dosen Bohnen.“ Al-Kafarna hielt inne, die Augen schwer. „War es das wert? Die Kugeln, die Leichen, da Kriechen durch den Tod? So tief sind wir gefallen, bettelnd ums Überleben unter vorgehaltener Waffe.“ „Wir sahen aus wie Tiere, die in einem Stall ohne Moral und Mitgefühl auf die Öffnung der Futterstelle warten“, fuhr er fort. „Der Hunger hat uns dazu getrieben, Nahrung aus den Händen unserer Feinde zu suchen – Nahrung, die in Demütigung und Schande gehüllt ist – nachdem wir einst in Würde gelebt hatten.“

Als Reaktion auf diesen Artikel erklärte ein Sprecher der israelischen Armee: „Die israelischen Streitkräfte erlauben den amerikanischen Zivilorganisationen (GHF), bei der Verteilung von Hilfsgütern an die Bevölkerung Gazas unabhängig zu agieren und setzen sich für eine sichere und kontinuierliche Verteilung gemäß internationalem Recht ein.“ Der Sprecher fügte hinzu: „ Das operative Vorgehen in den Gebieten der Hauptzufahrtswege zu den Verteilungszentren wird von systematischen Lernprozessen der israelischen Streitkräfte begleitet. In diesem Rahmen haben die israelischen Streitkräfte kürzlich Anstrengungen unternommen, diese Gebiete durch die Errichtung von Zäunen, die Aufstellung von Beschilderungen, die Öffnung zusätzlicher Zufahrtswege und andere Maßnahmen neu zu organisieren. “

Titelbild: Palästinenser tragen einen Verletzten weg, der von israelischem Feuer getroffen wurde, als sie in der Al-Rashid-Straẞe nahe dem Netzarim-Korridor versuchten, Nahrungsmittelhilfe zu holen, 16. Juni 2025. (Yousef Zaanoun/ActiveStills)

Der Bericht kann hier im Original gelesen werden.

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