TVöD für alle an der Spree! – zur aktuellen Entwicklung: „Es geht jetzt um die Wurst !“

Manche sagen jetzt schon, es ist der längste und konsequenteste Streik in Berlin seit langem. Und nur durch ihn kommt die Gegenseite nach 20 Jahren endlich in Bewegung. Bis zu 700€ im Monat weniger verdienen die Beschäftigten der Charité-eigenen Tochterfirma Charité Facility Management als diejenigen, die direkt bei der Charité angestellt sind. Wir berichteten. An ihrer Situation könnte sich jetzt tatsächlich etwas ändern, wenn die Kolleg:innen nur weiter durchhalten.

Update heute 23.Mai: Der Streik hat zu konkreten Ankündigungen und Zusagen geführt! Der Streik wird bis Dienstag unterbrochen (nicht abgeborchen). Mehr, einschlieslich Videoausschnitte aus der Streikversammling, siehe hier  weiter unten!

Die Geschäftsführung einschließlich Senat und Regierender Bürgermeister Wegner versuchen seit Wochen den Widerstand zu brechen. Arbeitenden wurde sogar im Gegensatz zu den Streikenden eine Sonderzahlung versprochen. Für wie blöd halten sie eigentlich die Beschäftigten, sich durch solche miesen Manöver spalten zu lassen?

Finanzsenator Evers, Gesundheitssenatorin Czyborra und Kai Wegner versprachen dann einen Stufenplan, liessen aber gleichzeitig die Geschäftsführung die Verhandlungen in die Länge ziehen und schliesslich platzen. Verhandlungen sollte es letzten Donnerstag, den 14.5. nur geben, wenn der Streik vorher ausgesetzt wird. Aber die Kolleg:innen liessen sich nicht beirren. Täglich sind bis zu 600 von ihnen weiter in Streik Und der zeigt immer mehr Wirkung.

Die CFM Kolleg:innen berichten von ihrem Streik auf der 6. Streik Konferenz RLS

Jetzt eine Woche später reheisst es dazu in der TAZ: „Man muss es als zivilisatorischen Lernprozess sehen, dass die Beschäftigten seit geraumer Zeit die Dinge selbst in die Hand nehmen. Seit Wochen befinden sie sich im unbefristeten Streik. Und siehe da: Nun, endlich, scheint sich möglicherweise doch etwas zu bewegen.“

Diesen Freitag, den 23.Mai, soll es die vor einer Woche abgelehnten Verhandlungen nun doch geben. Der Senat habe endlich auf die Geschäftsführung Druck gemacht, meint die Verdi-Verantwortliche Neunhoffer. „Der Charité wird nahegelegt worden sein, eine Einigung zu erzielen“, so die Gewerkschaftlerin.

Gestern schrieben wir:

Aber stellen Wegner und sein Finanzminister auch konkret irgendwelche Finanzmittel bereit? Ohne das ist „Druck auf die Geschäftsführungen“ ein durchsichtiges Spiel. Denn den Geschäftsführungen fehlt es schlicht an finanziellen Spielräumen, die Forderungen ihres Personals zu erfüllen. Signale und Versprechungen an die CFM Kolleg:innen aus der Politik, die nichts kosten, gibt es aber schon seit Jahrzehnten. Aber da konnte und kann sich niemand was für kaufen! Wieweit sind Wegner und Co. tatsächlich bereit, den bundesweiten Sparkurs, der kein Geld ausser für Kriegstüchtigkeit mehr vorsieht, tatsächlich zu verlassen?

Erneut sollen die Beschäftigten als Bedingung für Verhandlungen am Freitrag und als „Zeichen guten Willens“ ihren Streik unterbrechen. Wieder einmal! Wie wäre es, wenn die Verantwortlichen im Senat und der Geschäftsführung selber einmal „als Zeichen Guten Willens“ die seit 20 Jahren längst überfällige Angleichung der Bezahlung nach TöVD anbieten würden? Und zwar ohne Vorbedingungen.

Die Kolleg:innen wären gut beraten, wenn sie an ihrem Kampf festhalten, bis konkrete ausreichende Zusagen auf dem Tisch liegen. Es geht jetzt um die Wurst. Wer jetzt aufgibt, der läuft Gefahr, dass die Wurst wieder höher gehängt wird. Aber es wird von allen Seiten auf sie eingeredet. Die Entscheidung steht Spitz auf Knopf. Es geht um nichts weniger als um „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“! Und zwar jetzt, überfällig seit Jahrzehnten. Ein Stufenplan mit Nullnummern und heisser Luft bis zum Sankt Nimmerleinstag sollen sie sich da oben von vornherein abschminken!

Update 23.Mai: Der Streik hat zu konkreten Ankündigungen und Zusagen geführt! [1]Info Streikteilnehmer:innen, Verdi, SOL, …

Videoausschnitt CFM Streikversammlung 23. Mai, Angelika Teweleit

Es wurde bekannt gegeben, dass der Senat tatsächlich 150 Millionen Euro für die Angleichung des TöVD bis einschliesslich 2031 zugesagt haben soll! Allerdings nur für die Entgelttabelle und nicht wie gefordert auch für die Übernahme der Manteltarifestlegungen. Als Bedingung zur Fortführung der Verhandlungen darüber wurde wieder der Abbruch des Streiks verlangt! Dieses schon fast manische Festhalten an dieser Bedingung zeigt, wie sehr Senat und Geschäftsführung den Streik fürchten!

In hitziger Atmospäre wurde dann am Morgen entschieden, den Streik auszusetzen. Allerdings soll er unverzüglich ab kommenden Mittwoch wieder aufgenommen werden, wenn bis Dienstag Abend keine weiteren greifbaren Ergebnisse auf dem Tisch liegen! „Dann sind wir alle wieder draußen!“ Zweidrittel votierten für die Unterbrechung. Viele mit „Bauchweh“. Eine starke Minderheit lehnte das Aussetzen des Streiks ab. Wichtig: es soll kein Abbruch, sondern nur eine Streikunterbrechung mit Enddatum sein! Und die Kolleg:innen organisieren die Kontrolle durch die Gewerkschaftsbasis!

Fazit: Schon jetzt lässt sich sagen: Jahrelanges Verhandeln und Abwarten haben auch nicht im Ansatz soviel gebracht, wie die letzten konsequenten Streiktage, auch wenn diese per gerichtlicher Auflagen in ihrer Wirkung übergebührlich beschränkt wurden.

Und nicht vergessen! Zufriedenes Personal in unseren Krankenhäusern ist gut für unser aller Gesundheit! Es ist seit langem der längste und intensivste Streik in Berlin. Er benötigt unser aller Solidarität.

Bleibt noch ein Blick auf den gleichzeitigen Anschlag des Berliner Senats auf die Finanzierung der gesamten Berliner Krankenhausinfrastruktur, wo 15%, also 30 Millionen Euro, per Anno eingespart werden sollen. Das sind bis einschließlich 2031 210 Millionen avisierte Einsparungen. Diese tragen auch mutmaßlich zur weiteren Verschlechterung des Arbeitsumfeldes der Beschäftigten bei. Immer marodere Krankenhäuser, neben kaputt gespartem Personal, auch das sollten wir uns nicht länger gefallen lassen!

Netzwerk für eine kämpferische Verdi ruft zur Unterstützung auf

siehe auch: der Kampf bei CFM ist auch ein feministischer Kampf

Titelbild Peter Vlatten

References

References
1 Info Streikteilnehmer:innen, Verdi, SOL, …

Der Umbau der Auto- zur Mobilitätsindustrie

Kämpferische Rede auf der BMW Hauptversammlung

Rede von Tobi Rosswog an der Hauptversammlung von BMW über Konversion, Vergesellschaftung und der Umbau der Auto- zur Mobilitätsindustrie.

Bild: zVG

Liebe Susanne, lieber Stefan, lieber Oliver, liebe Freund*innen und Aktionär*innen von BMW, einen wunderschönen Tag!

Ich heisse Tobi Rosswog und komme aus der VerkehrsWendestadt Wolfsburg, die einige von euch noch als Autostadt bekannt sein mag.

Mit kämpferischen Kolleg*innen vom Band und aus dem Büro haben wir in den letzten Jahren über 100 bunte und spektakuläre Aktionen gemacht unter dem Motto “VW steht für VerkehrsWende”, um den automobilen Konsens aufzubrechen. Bisher war ich auf VW und Porsche Hauptversammlungen.

Heute bin ich bei BMW. Vielleicht steht das ja bald für die bayerischen Mobilitäts-Werke?

Passend zum Thema…

Das Geschäftsmodell der Quandts

Vom firmeneigenen KZ zur Kinderarbeit im Kongo

Ein Lob aber kurz vorweg, bevor es unbequem wird: Wir treffen uns heute nicht virtuell. Wir kommen zusammen und der Protest von Menschen kann ganz anders wirksam sein als im Online-Raum. Und ja… Viele mögen das zunächst nicht nachvollziehen, aber es regt doch zur Diskussion an. Und das ist doch wichtig.

Beginnen wir kurz mit der ökologischen Katastrophe: Am 3. Mai – vor rund einer Woche – war der deutsche „Erdüberlastungstag“. Wir haben alle unsere in Deutschland zur Verfügung stehenden Ressourcen bereits aufgebraucht. Damit leben wir über unsere ökologischen Grenzen. 49 Millionen zugelassene Autos in Deutschland tragen dazu massgeblich bei. Und das egal welcher Antriebsart. Das System Auto ist das Problem. Jeden Tag 8-9 tote, über 1000 Verletzte. Allein in Deutschland. Stellten wir uns vor ein anderes Verkehrsmittel wäre so dramatisch gefährlich. Es würde direkt verboten werden. Aber im Autoland Deutschland mit VW, Daimler und eben auch BMW so nicht. Dabei hat übrigens schon eurer hochgeschätzer Vorstandsvorsitzender das Problem auf dem Punkt gebracht, wenn Eberhard von Kuenheim damals sagte: “Es kann schon sein, dass es zu viele Autos gibt. Aber immer noch zu wenig BMW.”

Das bringt den Wachstumswahn und das Problem perfekt auf den Punkt. Der motorisierte Individualverkehr ist das Problem und das System Auto eine Sackgasse. Es nimmt uns den Platz zum Leben.

Kommen wir nun zum Sozialen. Hier wurde heute immer wieder vom “Team BMW” gesprochen. Oliver sagte sogar, dass ihm die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtig seien. Aber wenn ich mit BMW Arbeiter*innen vom Band spreche, sagen die mir komischerweise sehr frustriert: Wir müssen die Krise ausbaden. Wie fatal. Und warum?

Damit das Vermögen von Susanne und Stefan noch mehr wächst. Aktuell beläuft es sich auf rund 50 Milliarden Euro. Aber bei den Über-Reichen ist das ja nicht ganz klar, ob es nicht doch ein paar Millärdchen mehr sind. Das spielt ja auch kaum eine Rolle. Denn was sind schon eine Milliarde? Diese 1.000 Millionen mehr oder weniger. Aber bei den Armen ist es auf den Cent transparent.

Ich hab eine einfache Rechnung und Frage mitgebracht, die den fatalen neoliberalen Leistungsgedanken a la „Du bist Deines eigenen Glückes Schmied“ ad absurdum führt: Wie lange müsstest Du mit einem Stundenlohn von 15 Euro malochen, um auf das Vermögen von Susanne und Stefan in Höhe von rund 50 Milliarden Euro kommen?

50.000.000.000 Euro (= Vermögen) geteilt durch den Stundenlohn von 15 Euro und jährlicher Arbeitszeit von durchschnittlich 1750 Stunden pro Jahr ergibt: 1904761,9047619. Oder einfacher ausgedrückt: 1,9 Millionen Jahre.

Wer jetzt noch glaubt: Du musst Dich einfach anstrengen und dann kommst Du auf das Vermögen von Susanne und Stefan… Dem ist nicht mehr zu helfen.

Und eigentlich bringen es Susanne und Stefan selber auf den Punkt als sie in einem Interview mit dem Manager Magazin in 2019 den legendären und ehrlichen Satz bringen:

“Viele Menschen denken das Geld fliegt einem irgendwie zu.”

Ich denke das auch nicht. Es fliegt euch nicht irgendwie zu. Da stimme ich euch zu. Denn: Es ist gestohlen. Es liegt an Ausbeutungsstrukturen und einem braunen Erbe…. Es hat rein gar nichts mit diesem komischen Konzept von Leistung zu tun. Das ist Quatsch und das wissen wir alle hier.

Ich bitte euch, liebe Susanne und lieber Stefan. Bitte tretet nicht in die Fussstapfen eures Vaters, dem Nazi-Profiteur Herbert Quandt, der hier noch gross auf der Leinwand gefeiert wurde. Komplett absurd. BMW darf in Zeiten der Militarisierung künftig explizit nicht für Bayrische Militarisierungs-Werke stehen. Denn es ist Zeit Nein zu sagen.

Wir brauchen für das Gute Leben für Alle eine klare Absage an den kapitalistischen Irrsinn und eine deutliche Absage an den faschistischen Wahnsinn.

Wir brauchen andere Wege. Es geht nicht nur um ein bisschen weniger Autos, sondern eine ganz andere Gesellschaft, die dem Leben dient und nicht dem systematischen Leben einiger Weniger auf Kosten anderer. Und dabei sind natürlich nicht Susanne und Stefan allein dafür verantwortlich. Es ist das verbrecherische System des Kapitalismus, das es zu überwinden gilt.

Aber nun konkret: Es geht also um Konversion und Vergesellschaftung. Der Umbau der Auto- zur Mobilitätsindustrie. Das würde auch Beschäftigung langfristig sichern. Und ja… Dann gibt es nicht so viele Profite. Das stimmt. Deswegen brauchen wir die Vergesellschaftung von BMW, damit wir als Gesellschaft entscheiden können, was gebraucht wird. Oder kurz: Fabriken denen, die darin arbeiten.

Mein Vorredner bemühte Goethe, um den Leistungsfetisch zu begründen. Dann nutze ich nun Goethe um Rosa Luxemburg zu unterstreichen:

„Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat. Deswegen muss man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen“.

Rosa Luxemburg fasst es so zu zusammen: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat“.

Und auch, wenn es heute für mich zum ersten Mal nach über 1.500 Vorträgen vereinzelt Buh-Rufe gab, bleibt mir nichts anderes als klar zu machen: Nur, weil ihr dieses Märchen des Kapitalismus unermüdlich wiederholt – wahrer wird es davon nicht. Es ist eine grausame Realität für die meisten. Und deswegen dürfen wir ihn überwinden. Kollektiv. Gemeinsam. Solidarisch. Und ein erster Schritt ist: Rückverteilung jetzt!

Wir sehen uns beim Protest rund um die IAA in München im September zu der ja bereits eingeladen wurde.

Herzlichsten Dank!

Tobi Rosswog

Anmerkung:

In der Süddeutschen Zeitung werden rund 10% des Artikels “BMW beendet eine Ära – und sucht seine Zukunft” den Aktivitäten gewidmet:

“Und es soll niemand sagen, dass die Autobranche nicht politisch und emotional wäre. Zwei Frauen stehen schon kurz nach Beginn der Versammlung im Mittelteil der Halle auf und schreien etwas; auf den oberen Plätzen der Olympiahalle und vermutlich auch vorne auf der Bühne, wo Aufsichtsratschef Norbert Reithofer zur Einführung spricht, ist nichts davon zu verstehen.

Die Frauen werden schliesslich von Sicherheitsmitarbeitern aus der Halle gebracht. Es wird nicht die einzige Störaktion bleiben, doch der Ablauf wirkt fast schon einstudiert, geradezu wohlwollend von beiden Seiten. Alles läuft ruhig und gesittet ab, anders als bei früheren Veranstaltungen von Autoherstellern, als bisweilen Torten flogen und Aktivisten gegen ihren Widerstand aus der Halle gebracht wurden. Als später BMW-Chef Oliver Zipse spricht, fängt ein Mann in weissem T-Shirt mit Smiley-Aufdruck an, Papierflieger zu basteln und in die vorderen Reihen zu werfen. Auch er wird nach draussen begleitet. „Für das Klima und die Erde“, ruft schliesslich ein Aktivist auf den oberen Rängen.”

Erstveröffentlicht im Untergrundblättle v. 19.5.2025
https://www.untergrund-blättle.ch/wirtschaft/unternehmen/bayerische-mobilitaetswerke-kaempferische-rede-auf-der-bmw-hauptversammlung-009068.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Niemand verlangt nach Großdeutschland

Als der Krieg sich wendete: Der monumentale antimilitaristische Roman »Stalingrad« von Theodor Plievier in einer Neuausgabe

Von Irmtraud Gutschke

Die Schlacht um Stalingrad dauerte lang, denn die von der Roten Armee eingekesselten deutschen Soldaten wurden von Hitler zum Durchhalten verpflichtet. »Männer verwandeln sich in Leichen. Das ist nicht ungewöhnlich und ist nicht widernatürlich. Das kommt vor im Zuge politischer und kriegerischer Veränderungen … Aber deine im Stalingrader Steinbruch hingekegelten Männer – es ist doch so, dass selbst die Erde sich ihnen versagt und dass Elstern ihre Augen, ihre Herzen, ihre Gedärme wegtragen –, was zementieren sie, das ist die Frage. Großdeutschland! Großdeutschland an der Wolga –… ist das Land der Slawen etwa eine wohlfeile Menschenplantage … Ein sich über den Osten erstreckendes und bis zur Wolga ausspannendes Großdeutschland, niemand verlangt danach und niemand braucht es … selbst Deutschland braucht es nicht.«

Starke Worte, eindrückliche Szenen in »Stalingrad«, dem monumentalen Roman von Theodor Plievier, der 1945 in Deutschland nach dem Krieg erschien, nachdem er zuerst 1943/44 in Moskau in der deutschsprachigen Exilzeitschrift »Internationale Literatur« erschienen war. Um ihn zu schreiben, konnte Plievier mit gefangenen deutschen Soldaten sprechen. Es war der erste Roman über den Untergang der sechsten deutschen Armee in Stalingrad. Während heute wieder von einem bevorstehenden Krieg mit Russland geredet wird, als solle diese Niederlage von einst wettgemacht werden, erscheint in einer Neuausgabe des Aufbau-Verlags die letztgültige Fassung des Autors, um uns daran zu erinnern, was Krieg bedeutet.

Carsten Gansel, der schon 2016 mit einer Neuausgabe von Heinrich Gerlachs Roman »Durchbruch bei Stalingrad« international für Aufsehen sorgte, erhellt in seinem Nachwort Zusammenhänge, die bislang kaum bekannt gewesen sind. Nach dem Krieg ging Plievier in die SBZ und arbeitete unter anderem für den neugegründeten Kulturbund. Warum wusste ich so wenig von diesem Autor? Weil er im Herbst 1947 von einer Vortragsreise durch Westdeutschland weggeblieben war. Wie oft in derlei Fällen wurde danach nicht mehr groß über ihn geredet. Und als mir Hermann Kant erzählte, er habe 1956 seine Diplomarbeit über den Roman »Stalingrad« geschrieben, merkte ich nicht auf. Dass Kant 1984 mit einem lobenden Nachwort für eine späte Rehabilitierung des einstigen Bestsellers gesorgt hatte, erfahre ich jetzt erst von Carsten Gansel.

In ausführlichen Recherchen folgt er dem Lebensweg des Autors, der auf der Ausbürgerungsliste der Nazis gestanden, 1935 am Allunionskongress der Sowjetschriftsteller teilgenommen, eine Zeit lang in der Wolgadeutschen Republik gelebt und aus nächster Nähe erfahren hatte, was stalinistischer Terror bedeutete – dem 70 Prozent der deutschen Exilanten zum Opfer fielen, wie ich hier lese. Auch dass die Zentrale der Komintern im baschkirischen Ufa stationiert war, wo Plievier für sowjetische Rundfunksender arbeitete. Fälschlicherweise dachte ich ja immer, er sei Augenzeuge der Schlacht um Stalingrad gewesen. Den Roman lesend, hat man daran auch keine Zweifel, weil niemand sich so viele Einzelheiten ausdenken könnte. Aber er hat sehr genaue Erkundigungen eingezogen, mit vielen Augenzeugen gesprochen. »Ungeheuerlich die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, ungeheuerlich auch das Einfühlungsvermögen, die scharfe Intelligenz, die beim zweiten Wort schon das Wesentliche erfasste, die Zähigkeit und Genauigkeit seines Arbeitens«, schreibt Gansel.

»Soldaten sind Mörder«, schrieb einst Kurt Tucholsky. Täter, ob freiwillig oder unter Zwang. Doch wie auch immer, und sei es durch Propaganda, sie werden auch zu Opfern einer Kriegsmaschinerie gemacht, zum Schlachtvieh für fremde Interessen. Minutiös beschreibt Theodor Plievier den Untergang einer Armee als Wende im Zweiten Weltkrieg, noch bevor die West-Alliierten eine zweite Front gegen Nazideutschland eröffneten. »Von nun an war es die Rote Armee, die die Oberhand hatte. Nach Beendigung der Kampfhandlungen am 2. Februar 1943 gerieten innerhalb weniger Tage 91 000 Mann in Kriegsgefangenschaft.« Sterberate 90 Prozent – auch das wird hier nicht verschwiegen. Plievier selbst stellt die haarsträubenden Vorgänge vor uns hin, ohne sie zu kommentieren. Ein großes, ein bleibendes Werk der Antikriegsliteratur.

Theodor Plievier: Stalingrad. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Carsten Gansel. Aufbau-Verlag, 624 S., geb., 30 €.

Erstveröffentlich im nd v. 6.5. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1191044.stalingrad-niemand-verlangt-nach-grossdeutschland.html?sstr=Stalingrad

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung