Diffamiert wegen Kritik an Israels Kriegsverbrechen- während Waffenlieferungsbefürworter toleriert werden – Im Gespräch mit Ulrike Eifler

Interview: etos-Medien-Redaktion

Bild: Kind in Gaza – Foto: Hosny Salah

Ulrike Eifler ist eine der klarsten Stimmen innerhalb der Linken, wenn es um Kritik an Israels Kriegsverbrechen und der Entrechtung der Palästinenser geht. Seit zwei Tagen wird sie nun von rechten Israelsupportern, wie auch von Teilen ihrer eigenen Partei angegriffen, wir haben mit ihr über Palästina-Solidarität, die Haltung der Linken und ihr Engagement gegen Kriege gesprochen.

Etos.media: Ulrike, du wirst aktuell in den sozialen Medien gerade massiv angegriffen. Was wirft man dir vor?

Ulrike Eifler: Man wirft mir vor, dass ich die „Auslöschung Israels“ fordern, dass ich „Antisemitismus“ vertreten und dass ich für die „Endlösung der Judenfrage“ stehen würde.

Etos.media: Stimmt das?

Ulrike Eifler:Natürlich nicht. Es sind Diffamierungen und Versuche, eine palästinasolidarische Position zu delegitimieren.

Etos.media: Wie kommt es dazu?

Ulrike Eifler: Ich habe vor einigen Tagen unter dem Hashtag FreePalestine einen Tweet mit einer Grafik auf der Kommunikationsplattform X abgesetzt. Darauf war der Umriss Palästinas Israels zu sehen, gefüllt mit Händen in den Farben Palästinas. Daneben stand „All united for free Palestine“.

Etos.media: Und deswegen wirft man dir Antisemitismus vor?

Ulrike Eifler: Ja, weil man argumentiert, Israel in den Farben Palästinas stünde für die Auslöschung des Staates Israel. Diese Unterstellung weise ich zurück. Sie ist infam und niederträchtig. Ich bin seit 35 Jahren in der Friedensbewegung aktiv und kämpfe als Gewerkschafterin tagtäglich gegen Ungerechtigkeit, die den Menschen meiner Klasse widerfährt. Die Auslöschung Israels war nie meine Position und sie ist es bis heute nicht.

Etos.media: Wie interpretierst du die Grafik, die du gepostet hast?

Ulrike Eifler: Für mich zeigt sie vor allem das unfassbare Leid in Gaza, im Westjordanland und dass – was häufig vergessen wird – in Israel auch Palästinenser leben. Im Gazastreifen, im Westjordanland, in Ostjerusalem und sie werden derzeit überall angegriffen, nicht „nur“ in Gaza, auch wenn es dort mit Abstand am schlimmsten ist.. Es herrscht im ganzen Land eine Pogromstimmung. Mir ging es darum, auf die hungernden, traumatisierten und sterbenden Kinder aufmerksam zu machen und auf die Verzweiflung ihrer Eltern. Das muss endlich ein Ende haben. Was den Palästinensern derzeit angetan wird, ist ein unverzeihliches Verbrechen.

Etos.media: Kann man von einem Genozid sprechen?

Ulrike Eifler: Natürlich kann man das und das muss man auch, um die ganze Dramatik dieser Situation zu erfassen. Das ist kein Krieg zwischen zwei Kriegsparteien. Netanyahu hat vor einigen Tagen den Befehl zur vollständigen Auslöschung des Gazastreifens gegeben. Seit Wochen stehen 3.000 Lastwagen mit Nahrungsmitteln an der Grenze zu Gaza und werden von den israelischen Behörden nicht durchgelassen. Über 60.000 Menschen wurden durch die Bombardierungen der letzten eineinhalb Jahre getötet. Der Rest verhungert jetzt. Für mich ist das Genozid, und ich weiß mich mit dieser Position an der Seite der Vereinten Nationen.

Etos.media: Wie gehst du mit dem ganzen Shitstorm um?

Ulrike Eifler: Es gibt ja zum Glück nicht nur Shitstorm, sondern auch sehr viel Solidarität von Genossinnen und Genossen und auch von Personen und Zusammenhängen außerhalb meiner Partei. Das berührt mich derzeit am meisten. Aber ich finde es auch irritierend, dass einige Mitglieder meiner Partei in diesen Post die Auslöschung Israels hineininterpretieren, statt das Leid in Gaza darin zu sehen.

Etos.media: Der Parteivorstand der Partei Die Linke, dessen Mitglied du ja selbst bist, hat gestern einen Beschluss gefasst, der sich indirekt von dir distanziert. Was löst der in dir aus?

Ulrike Eifler: Ich finde ihn skandalös: Die gesamte „antideutsche Gemeinde“ dieser Republik fällt über mich her. Der Verfassungsschutz wird auf mich gehetzt. Mir wird mit Anzeigen gedroht. Mitglieder der Linken diffamieren mich in der Öffentlichkeit. Und das politische Führungsgremium meiner eigenen Partei fragt nicht, ob man mich unterstützen könne, sondern entsolidarisiert sich von mir.

Etos.media: Hat es denn Versuche gegeben, den Unmut in einem persönlichen Gespräch zu klären?

Ulrike Eifler: Ich bekam einen Anruf von Ines Schwerdtner, konnte den Anruf aber nicht entgegennehmen. Daraufhin schrieb sie mir, die BILD-Zeitung hätte angerufen und auch andere Journalisten würden „wegen des Tweets Sturm klingen“. Sie bat mich, den Post zu löschen, was ich ablehnte. Auch in der Chatgruppe des Parteivorstandes gab es einige Unterstellungen und die Bitte, den Tweet zu löschen. Ich erklärte, warum ich das politisch anders sehe und lehnte ab.

Etos.media: Also hat es keinen Versuch gegeben, mit dir zu reden?

Ulrike Eifler: Nein. Meine Weigerung löste dann diesen Dringlichkeitsantrag aus, der gestern im Parteivorstand in meiner Abwesenheit beschlossen wurde. Als Gewerkschafterin bin ich es gewohnt, Probleme auf Augenhöhe miteinander zu klären. Dieses autoritäre Anweisen von Löschungen, weil einem eine politische Meinungsäußerung nicht gefällt, finde ich ehrlich gesagt ziemlich befremdlich.

Etos.media: Jetzt hat dich auch der Bundesgeschäftsführer Janis Ehling via X öffentlich gebeten, die Partei zu verlassen. Wirst du dieser Aufforderung nachkommen?

Ulrike Eifler: In keinem Falle. Ich finde es richtig, dass der Parteivorstand sich von der Position, Israel solle ausgelöscht werden, distanziert. Das sehe ich ganz genauso. Der Unterschied zwischen mir und der Mehrheit im Parteivorstand ist allerdings, dass mein Tweet diese Position nicht widerspiegelt.  Es irritiert mich, dass Meinungsverschiedenheiten nicht ausgetragen oder zumindest ausgehalten werden können, sondern in Verbote, Anweisungen und Ausschlussforderungen münden. Ich finde, so geht man in einer selbstbewussten und stolzen sozialistischen Partei nicht miteinander um.

Etos.media: Du wirst also trotz dieser Entsolidarisierung weiter Parteimitglied bleiben?

Ulrike Eifler: Ich kämpfe, seit ich in dieser Partei bin, darum, dass Die Linke eine Partei an der Seite der arbeitenden Klassen wird. Militarisierung und Aufrüstung sind auf vielen Ebenen ein frontaler Angriff auf meine Klasse. Deshalb bin ich in der Friedensbewegung aktiv und werbe in den Gewerkschaften dafür, dass sie sich dort stärker einreihen. Gewerkschaften können ihre Umverteilungskämpfe nur im Frieden erfolgreich führen. Sie sind zwingend auf eine Atmosphäre der Entspannungspolitik angewiesen. Ich möchte, dass Die Linke die Friedensfrage stärker als bisher thematisiert und damit den Gewerkschaften den Rücken stärkt. Die Partei zu verlassen, nur weil dem Bundesgeschäftsführer meine Position nicht passt, steht wirklich in keinem Verhältnis zu der Aufgabe, gemeinsam mit meinen Genossinnen und Genossen in der Linken für starke Friedenspositionen zu streiten. Der Rückhalt, den ich gerade erfahre, zeigt mir, dass das relevante Teile der Partei so sehen.

Etos.media: Auch in Bezug auf Gaza?

Ulrike Eifler: Besonders in Bezug auf Gaza. Vor allem viele junge Genossinnen und Genossen haben sich über das Leid in Gaza politisiert und sind über diese Frage zur Linken gekommen. Sie sind der radikalste, beste und am schärfsten unterdrückteste Teil der Friedensbewegung. Die Linke hat junge und ältere Mitglieder, Genossen aus der Palästina-Solidarität und Genossen, die ihre politischen Wurzeln in der Friedensbewegung der 1980er Jahre haben. Wer bringt diese beiden Generationen, diese beiden Friedensbewegungen zusammen, wenn nicht Die Linke? Wir haben eine strategische Verantwortung, wenn wir verhindern wollen, dass die Führungseliten dieser Welt den Planeten in Schutt und Asche legen.

Etos.media: Wieso distanziert sich die Linke von dir, während sie zu jenen schweigt, die die Bombardierung Gazas, die Besatzungspolitik oder Waffenlieferung an Israel verteidigen?

Ulrike Eifler: Die Frage müsstest du an jene richten, die gestern dem PV-Beschluss zugestimmt haben. Aber auch ich stelle mir natürlich die Frage, warum wir als Partei, die geopolitische Doppelstandards ablehnt, innerparteilich immer wieder auf diese zurückfallen. Wir lassen es als Parteipluralismus durchgehen, wenn Mitglieder – und glücklicherweise sind sie in der Linken in der Minderheit – mit IDF-Flagge posieren, Waffenlieferungen an Israel gutheißen oder die Explosion der Pager an den Körpern libanesischer Zivilisten feiern. Aber Genossen, die die Aushungerungs- und unmenschliche Vertreibungsstrategie im Gaza-Streifen nicht mehr aushalten und kritisieren, wird vorgeworfen, sie würden unter dem Deckmantel der Palästina-Solidarität die Vernichtung jüdischen Lebens fordern. Mir ist kein einziger solcher Fall bekannt, und ich finde, diese Doppelstandards müssen endlich ein Ende haben, wenn wir ein glaubwürdiger Teil der Friedensbewegung sein wollen. Wir haben uns mit dem Parteitag im Oktober des letzten Jahres zu neuen Ufern aufgemacht. Revolutionäre Freundlichkeit war das Stichwort. Dinge intern diskutieren, nicht öffentlich. Räume für strategische Debatten schaffen. Im gegenseitigen Respekt. Das sollten wir machen, statt Genossen, die einem rechten Shitstorm ausgesetzt sind, im Regen stehen zu lassen.

Etos.media: Könnte es sein, dass die Distanzierung von deiner Israel-Position auch etwas mit deinem grundsätzlichen friedenspolitischen Engagement zu tun hat?

Ulrike Eifler: Wir leben in Zeiten, in denen die Presse unkritisch berichtet, dass nirgendwo in Europa so viele Minderjährige für die Bundeswehr rekrutiert werden wie in Deutschland. Wir erleben, die Militarisierung der Daseinsvorsorge. Nachdem über Jahrzehnte unsere öffentliche Infrastruktur finanziell ausgetrocknet wurde, wird sie nun militarisiert. Das heißt schleichend erhält die Bundeswehr Zugriff auf die zivile Gesundheitsversorgung, was zu Lasten der medizinischen Versorgung der breiten Bevölkerung gehen wird. Wir erleben, dass nicht etwa die Automobilindustrie im Sinne einer kollektiven Verkehrswende ökologisch umgebaut wird, sondern die Strategie der Bundesregierung darauf abzielt, durch die Expansion der Rüstungsindustrie eine industrielle Monostruktur aufzubauen, die uns abhängig macht von realem Kriegsgeschehen. Gegen all das braucht es eine laute, starke Friedensbewegung auf der Straße. Dafür stehe ich. Und ich weiß natürlich, dass die friedenspolitischen Positionen in der Partei immer auch der Streitpunkt zwischen dem antimilitaristischen Flügel und den Reformern war  – mal weniger, mal mehr stark ausgetragen. Vor diesem Hintergrund könnte die Distanzierung von mir tatsächlich auch als Abrechnung mit meinen friedenspolitischen Positionen verstanden werden.

Ulrike Eifler

Etos.media: Könntest du das konkreter erläutern?

Ulrike Eifler: Aus meiner Sicht besteht die Gefahr, dass Die Linke in den Prozess einer wachsenden Establishmentisierung hineinrutscht. Die Berufung auf den Verfassungsschutz im Kampf gegen die AfD, wohl wissend, dass der VS rechte Strukturen in der Vergangenheit mitfinanziert hat, könnte ein Hinweis darauf sein, dass dieser Prozess bereits begonnen hat. Auch die Unterstützung für die Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler war für mich Ausdruck dessen. Ich weiß, dass in der Fraktion über den gemeinsamen GO-Antrag mit den anderen Parteien politisch gerungen wurde und dass das Abstimmungsverhältnis sehr knapp war. Aber mein Gefühl ist, Teile der Partei versuchen, Die Linke mit Blick auf Regierungs- und Bündniskonstellationen stärker an das politische Establishment heranzurücken, an ein Establishment, das für Krieg und Aufrüstung steht. Ein enger Kontakt mit der Friedensbewegung, die ja mit ihren Forderungen nach einem Ende der Bombardierungen und Waffenlieferungen, nach Abrüstung und einer Stärkung von Diplomatie und Entspannungspolitik der Gegenentwurf zur Merz-Regierung ist, stört da vielleicht.

Etos.media: Woran liegt diese Establishmentisierung?

Ulrike Eifler: Aus meiner Sicht fehlt uns und der gesamten politischen Linken die Vision von einer glaubwürdigen, inspirierenden und gewinnenden gesellschaftlichen Alternative. Die Vision von einer sozialistischen Gesellschaft, in der wir alle frei und gleich miteinander leben können. Eine solche Vision zu haben, hat die Arbeiterbewegung immer gestärkt. Jetzt erleben wir, dass sich Krisenprozesse ineinander verschränken und dadurch weiter verschärfen. Es gibt offenbar keine Lösung dieser Krisendynamik. Im Gegenteil, wir steuern auf Krieg und Faschismus zu. Das heißt also, in einer Zeit, in der der Kapitalismus in seiner größten, existenziellen Krise steckt, können wir nicht sagen, was wir stattdessen wollen, um den Menschen Hoffnung zu geben. Um das Leck zu füllen, versuchen wir uns auf den Kampf gegen den Faschismus zu konzentrieren. Das ist im Grundsatz richtig, aber es ist wichtig zu verstehen, dass der Aufstieg des Faschismus Ergebnis der Krisendynamik und Ergebnis der Defensivposition der Arbeiterbewegung ist. Das heißt, es ist zwingend die Aufgabe der Linken, die Arbeiterbewegung zu stärken und dazu auch eine Vision für eine gerechte, friedliche und ökologische Gesellschaftsalternative zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen. Vor allem aber ist es die Aufgabe der Linken, den Protest gegen das Establishment aufzubauen – gegen jene, die Klimakrise, Aufrüstung und Sozialabbau vorantreiben.

Etos.media: Aber tut Die Linke das nicht?

Ulrike Eifler: Viele Genossinnen und Genossen tun das und das ist richtig und gut so. Als Partei tun wir es in meinen Augen allerdings noch zu zögerlich. Aus meiner Sicht würde es die Partei noch mehr stärken, wenn wir nicht an Merz appellieren würden, er solle den Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Linken über Bord werfen und mit uns zusammenarbeiten. Wir sollten nicht vergessen: Er war es, der im Januar die Zusammenarbeit mit der AfD suchte. Mir fehlt wirklich die Fantasie für gemeinsame Abstimmungen mit Merz. Deshalb Schluss mit dieser Debatte. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Fraktionsvorsitzende der europäischen christlich-demokratischen Parteien, Manfred Weber, kürzlich sagte, man müsse in Europa auf Kriegswirtschaft umstellen – notfalls mit Mehrheiten von rechts. Für mich zeigt das: Der Kampf gegen den Aufstieg des Faschismus und der Kampf gegen den Krieg gehören zusammen. Deshalb sage ich auch hier klar: Es würde Die Linke stärker als Friedenspartei profilieren, wenn wir noch lauter und noch deutlicher ein Ende des Genozids in Gaza fordern und die Bundesregierung mit der klaren Erwartungshaltung konfrontieren würden, alle Waffenlieferung an Israel sofort einzustellen.

Etos.media: Liebe Ulrike, wir wünschen dir für diese Auseinandersetzung viel Erfolg und danken dir für das Gespräch.

Erstveröffentlicht in der etos v. 9.5. 2025
https://etosmedia.de/politik/diffamiert-wegen-kritik-an-israels-genozid-waehrend-waffenlieferungsbefuerworter-toleriert-werden-im-gespraech-mit-ulrike-eifler/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Geh doch in den Krieg!

Bild: freepic

von Patrik Baab

Du willst tun, was wirklich zählt? Dann mach‘s!
Geh zur Bundeswehr!
Du willst westliche Werte verteidigen, unsere Freiheit, wie damals in Afghanistan?
Dann geh!
Ich bin alt. Ich werde dich nicht hindern.
Du willst wissen, was Krieg heißt? Dann geh!
Zieh in den Krieg!

Du willst dein Vaterland verteidigen? Dann geh!
Lass dir erzählen, dass die Russen kommen,
dass Putin morgen vor der Tür steht,
wenn wir ihn nicht heute im Donbass von uns halten!
Glaube, was sie dir sagen, denn wer nichts weiß, muss viel glauben,
und wer unserer Propaganda nicht glaubt, betreibt das Geschäft unserer Feinde!
Lass dich aufhetzen gegen die Russen!
Geh! Augen zu und durch!
Geh dahin, wo die schwarze Erde jetzt schon getränkt ist
Mit dem Blut Hunderttausender Ukrainer und Russen.
Geh!
Auch über deinen Leichnam wird Gras wachsen.

Komm mit mir nach Donezk,
wo schon die Kinder lernen, was Krieg heißt,
wo dieser Krieg nicht 2022 begonnen hat, sondern bereits 2014,
auf dem Maidan,
wo dieser Krieg mit den Morden des Rechten Sektors angefangen hat,
was du in der Schule nicht hörst, nicht in den Universitäten.
Komm mit mir in die Stadt,
wo jeder weiß, was es heißt, in der Todeszone zu leben.
Wo Schulkinder beim Pausenklingeln unter den Tisch kriechen,
weil sie den nächsten Bombenalarm fürchten,
und wo sie nachts, in ihren Träumen,
ein Leben lang dem Tod zusehen, wie er seine Arbeit macht
Komm mit mir nach Mariupol,
wo an der Kellerwand steht mit weißer Farbe: Sdez Detje! Hier leben noch Kinder!
Aber der Keller ist ausgebrannt.
Hier lebt niemand mehr.

Wenn du erfahren willst, was Krieg heißt, dann komm!
Wenn du mit mir kommen willst zur Kontaktlinie, komm!
Komm,
wenn du durch ausgebrannte Fensterhöhlen in den rund schauen willst,
wenn du im Straßengraben nicht pinkeln kannst, weil da Schmetterlingsminen liegen,
wenn du dich tagelang nicht waschen kannst,
wenn die letzte Ration von Maden zerfressen ist und es sonst nichts mehr zu fressen gibt,
wenn du in feuchten Kellern mit anderen verdreckten und verstörten Menschen
die schmierige Brühe aus der Heizung leckst,
wenn du nur Dreckwasser zu trinken hast,
wenn du dir an diesem dreckigen, verseuchten Wasser die Ruhr holst,
wenn du über dem Donnerbalken scheißen musst und
wenn du kein Gras mehr findest, dir den Arsch abzuwischen,
wenn du am ersten, am zweiten, am dritten, am vierten, am fünften Tag immer noch
dieselbe Unterhose trägst und der alte, verhärtete Kot sich darin sammelt,
wenn du nachts in deinem durchnässten Armeeparka im Dreck liegst und
wenn du dir Im Winter auf einer Pritsche im eiskalten Unterstand Erfrierungen holst,
wenn Läuse und Flöhe deine stinkende Uniform befallen,
wenn Myriaden von Wanzen sich an deiner Haut nähren,
wenn du die Krätze bekommst,
wenn dir der kalte, feuchte Schlamm, in dem du tagein, tagaus knöcheltief stehst,
die Haut am Fuß bläulich grau färben und deinen Fuß allmählich abfaulen lässt,
wenn die amputierten, blutigen Grabenfüße auf einem Haufen im Dreck liegen,
wenn die Ratten an den Leichen nagen und die Krähen den Toten die Augen und Därme ausfressen,
wenn du die Trillerpfeife der Offiziere hörst,
wenn sie dich mit gezogener Pistole den Finger am Abzug auf die Leiter und aus
oem Schützengraben ins Maschinengewehrfeuer jagen, in die Minenfelder,
wenn die Drohnen im Schwarm auf dich zugeflogen kommen,
wenn du nachts nicht schlafen kannst, weil die Verwundeten in den Stacheldrahtverhauen
festhängen und stöhnen und nach ihrer Mutter flehen,
wenn du im Lazarett dich auf einem dreckigen Laken windest und dein Fuß juckt und du dich
am Fuß kratzen willst, aber da ist kein Fuß mehr, weil dein Bein amputiert wurde,
wenn nur der Phantomschmerz dich daran erinnert, dass du einmal ein Bein gehabt hast,
wo jetzt nur ein Stumpf in einem durchgebluteten Verband steckt,
wenn die Raketen dein Telefon anpeilen und in kalter Geometrie ihr Ziel erreichen,
wenn von deinem Panzer nur geschmolzenes Metall bleibt,
wenn du bei 1.400 Grad im Feuerball verglühst,
dann weißt du, was Krieg heißt.

Also geh!
Hol dir diesen Geschmack von Freiheit und Abenteuer!
Geh und werde ein Held!
Geh, wenn Macht und Medien zusammenhalten wie Pech und Schwefel.
Gib dein Leben für jene, die dich dorthin schicken, aber selbst dorthin nicht gehen!
Hab‘ kein Mitleid mit dir selbst! Geh!
Geh in den Tod für jene, die Volksreden halten in TV-Ouasselrunden,
die in der Etappe bleiben oder im Bunker und ihre eigenen Kinder in den letzten Flieger
setzen nach Übersee, überzeugte Transatlantiker, die sie sind.
Geh!
Wenn du fällst, werden die Börsenkurse steigen!
Also geh!

Aber vorher
schau sie dir an,
wie sie hinter ihren Schreibtischen sitzen in ihren Redaktionen und in der Kaffeetasse rühren,
die Maulhelden, die selbst ihre Kinder nicht in den Graben schicken,
schau sie dir genau an,
die Hasardeure und Hütchenspieler in der Regierung, die Taurus liefern wollen,
aber sich selbst beim ersten Flintenschuss einfeuchten,
schau sie dir an,
die Rüstungsbosse, die Sektkorken knallen lassen, während andere an ihren Waffen verbluten.
Schau sie dir genau an.
Denn du musst diesen Typen nur ins esicht sehen.

Patrik Baab (1959) ist Politikwissenschaftler, Germanist, Autor und Journalist.
Er war in Afghanistan ebenso vor Ort wie in der Ukraine und hat die unfassbar schreckliche Realität des Krieges gesehen. Sein Gedicht richtet sich auch gegen jene, die Krieg heute wieder als machbare Option verharmlosen.

Quelle: FRIED:A – Friedensinitiative HH-Altona

Patrik Baab ist der Autor des folgenden Buches, das wir nur empfehlen können.
https://buchhandel.de/buch/Auf-beiden-Seiten-der-Front-9783946778417


Gaza nicht aushungern, nicht vertreiben, nicht zerbomben!

5 LKW für 2 Millionen – europaweite Proteste

Das Momentum dreht sich

Letztes Wochenende. Immer mehr Menschen in Europa halten es anlässlich der barbarischen Bilder aus Gaza nicht mehr zuhause aus. In London demonstrierten gut 500 000, in Den Haag über 100 000, in Brüssel mehr als 80 000, in Paris mehrere 10 000. Sie fordern sofortigen Waffenstillstand, Aufhebung der Blockade durch Israel und die Einstellung jeglicher Unterstützung für und Sanktionen gegen Israel.

International wächst die Empörung. Die EU prüft erstmals offen, das Partnerschaftsabkommen mit Israel auszusetzen, ein Schritt, der politisch Gewicht hätte. In einer seltenen gemeinsamen Erklärung forderten die Staatschefs Großbritanniens, Frankreichs und Kanadas ein sofortiges Ende der israelischen Militäroperationen und einen bedingungslosen Zugang für humanitäre Hilfe. Sie warnten eindringlich, dass sie nicht tatenlos zusehen würden, während, so ihre Worte, die Netanjahu-Regierung schamlose Verbrechen begeht.

In einer gemeinsamen Erklärung haben am Montag 22 westliche Staaten und drei humanitäre Organisationen Israel aufgefordert, den sofortigen und uneingeschränkten Zugang für humanitäre Hilfe in den Gazastreifen wieder zuzulassen.

Parallel dazu veröffentlichten Großbritannien, Frankreich und Kanada eine scharf formulierte gemeinsame Erklärung, in der sie Israels Vorgehen im Gazastreifen deutlich kritisierten

Auch der neue Papst wendet sich an Israel ich Papst Leo XIV. hat Israel eindringlich dazu aufgerufen, humanitäre Hilfe in den Gazastreifen zuzulassen. „Ich appelliere an die Verantwortlichen, den Zugang für humanitäre Hilfsgüter zu ermöglichen und die Gräueltaten zu beenden.“

Ein ranghoher Beamter des israelischen Außenministeriums sagte gegenüber der Nachrichtenseite Yediot Ahronot:
„Wir stehen vor einem echten Tsunami, der sich weiter verschärfen wird. Es ist die schlimmste Lage, die wir je erlebt haben. Die Welt steht nicht mehr auf unserer Seite.“

Israels Minister Smotrich: „Wir demontieren Gaza und hinterlassen es als Trümmerhaufen, mit totaler Zerstörung, die weltweit ohne Beispiel ist. Und die Welt wird uns nicht aufhalten.“

Die Bundesregierung unterstützt das. Nichts gelernt aus der Geschichte.

Die israelische Kriegsmaschinerie setzt ihre Aggression im Gazastreifen fort. Seit 20.5. Dienstagmorgen hat die israelische Besatzungsarmee ihre Luftangriffe deutlich verstärkt, wobei insbesondere die Stadt Gaza sowie zentrale Gebiete des Streifens ins Visier genommen wurden.

Die EU-Außen- und Sicherheitsbeauftragte Kaja Kallas gab bekannt, dass die Europäische Union das Partnerschaftsabkommen mit Israel überprüft. Der Grund dafür ist die Verschlechterung der humanitären Lage im Gazastreifen sowie die fortdauernden Hindernisse beim Zugang für Hilfslieferungen.

Die britische Regierung hat die laufenden Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Israel mit sofortiger Wirkung auf Eis gelegt.

In seinem Radiointerview sagte Golan Vorsitzende der Partei „Die Demokraten“,: „Israel ist auf dem Weg, unter den Völkern zu einem Paria-Staat zu werden – so wie einst Südafrika während der Apartheid – wenn es nicht wieder beginnt, als ein vernünftiger Staat zu handeln. Ein vernünftiger Staat führt keinen Krieg gegen Zivilisten, tötet keine Kinder aus Gewohnheit und verfolgt keine Ziele, die auf Vertreibung der Bevölkerung abzielen.“

Er fügte hinzu: „Das ist einfach erschütternd. Es ist unbegreiflich, dass wir, das jüdische Volk, das im Laufe der Geschichte immer wieder verfolgt, angegriffen und ausgelöscht wurde und stets als Symbol für menschliche und jüdische Moral galten, nun selbst Taten begehen, die jedem gesunden Menschenverstand widersprechen.“

Die israelische Zeitung “Haaretz” berichtet:
Trotz der Ankündigungen über die Wiederaufnahme der Hilfslieferungen ist heute kein einziger UN-Hilfstransport bei den Bewohnern des Gazastreifens angekommen.

Die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen verschärft sich von Tag zu Tag. Unter der Last einer unerbittlichen Blockade bricht die ohnehin fragile Infrastruktur zusammen. Es fehlt an allem: Nahrung, Wasser, Medikamenten, während die Welt zusieht. Vor zwei Tagen erreichten zwar neue Hilfslieferungen den Gazastreifen, doch die Vereinten Nationen erklärten, dass diese bislang nicht bei den Menschen angekommen sind, die sie am dringendsten benötigen.

Wieder hat Israel grausame Angriffe verübt, bei denen Dutzende Menschen, die meisten auf der Flucht, ihr Leben verloren haben. In Beit Lahia im Norden von Gaza wird das indonesische Krankenhaus seit Tagen belagert. Jeder Versuch, sich dort zu bewegen, wird unter Beschuss genommen. Patienten und medizinisches Personal sind buchstäblich gefangen, in einem Ort, der eigentlich Leben retten soll und nun selbst zur Todesfalle wird.

21.5. Israelische Siedler blockieren einen Hilfskonvoi auf dem Weg in den Gazastreifen am Grenzübergang Kerem Abu Salem.

In einem aktuellen Bericht des israelischen Militärjournalisten Doron Kadosch für den Radiosender der Besatzungsarmee (Galei Tzahal) wird ein strategisches Vorgehen Israels zur Veränderung der demografischen Realität im Gazastreifen thematisiert. Demnach verfolgt Israel mit der Einrichtung neuer humanitärer Hilfsverteilungszentren ein klares Ziel: die langfristige Entvölkerung des nördlichen Gazastreifens.

Aktuell baut die israelische Armee in Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Unternehmen vier neue Zentren zur Verteilung humanitärer Hilfe. Interessant dabei ist, dass sich nicht alle dieser Einrichtungen in Rafah oder nahe dem Korridor von Morag befinden – also in Gebieten, die ohnehin als Anlaufstellen für Geflüchtete aus dem Norden gelten.

Ein zentrales Hilfszentrum entsteht derzeit mitten im Gazastreifen, südlich des Netzarim-Korridors, an der wichtigen Verkehrsachse Salah-al-Din-Straße. Der offizielle Zweck: Den Menschen im Norden und Zentrum des Gazastreifens soll der Zugang zu Hilfsgütern erleichtert werden, ohne dass sie die gefährliche und lange Reise nach Rafah antreten müssen.

Doch laut Kadosch steckt hinter dieser Maßnahme ein strategischer Plan: Wer aus dem Norden kommt und Hilfe im neuen Zentrum südlich des Netzarim-Korridors in Anspruch nimmt, darf anschließend nicht mehr zurück in den Norden. Der Zugang wird gesperrt – eine Rückkehr ist nicht vorgesehen.

Faktisch bedeutet dies: Die Menschen erhalten eine „Einbahnkarte“ nach Süden. Um überhaupt an Nahrungsmittel zu gelangen, bleibt ihnen nur der Weg über den Korridor – zurück geht es nicht. So soll laut Kadosch eine dauerhafte Verlagerung der Bevölkerung in den Süden des Gazastreifens erzwungen werden.

Die israelischen Entscheidungsträger hoffen, damit endlich zu erreichen, was bisher nicht gelungen ist: Die vollständige Entvölkerung des nördlichen Gazastreifens. Trotz massiver Militäroperationen und wiederholter Evakuierungsaufrufe in den vergangenen Monaten, hielten sich dort Schätzungen zufolge weiterhin zwischen 200.000 und 300.000 Palästinenser auf, die sich weigerten, ihre Heimat zu verlassen.

Die neue Strategie könnte nun die Situation verändern. Denn wer auf humanitäre Hilfe angewiesen ist, wird laut diesem Plan vor eine existenzielle Entscheidung gestellt: Entweder den Hunger riskieren – oder den Norden verlassen und womöglich nie zurückkehren.

Damit wäre das Ziel Israels klar: eine stille, aber nachhaltige Umsiedlung der Bevölkerung – ohne offene Gewalt, aber mit massivem Druck durch die Steuerung von Hilfslieferungen.

  • Die Karte:
    In Rot: die evakuierten Gebiete, in denen aktuell Kriegshandlungen stattfinden.

In Grün: die so von Israel genannten “sicheren” Zonen, in denen sich derzeit zwei Millionen verzweifelte Vertriebene aufhalten.

Die genozidalen Zielsetzungen der israelischen Kriegsführung treten Tag für Tag klarer zutage. Führende Vertreter*innen aller Regierungsparteien – darunter mehrere Minister – fordern offen die »freiwillige Ausreise« der Palästinenser*innen aus Gaza und plädieren für eine jüdische Besiedlung des Gebiets. Hunderte dieser künftigen Siedler*innen haben sich bereits in sogenannten Kolonieeinheiten organisiert und sind unweit des Gazastreifens stationiert.

Was mit den verbliebenen zwei Millionen Menschen in Gaza geschehen soll, falls kein Staat zu ihrer Aufnahme bereit ist, bleibt meist unausgesprochen. Am rechten Rand – insbesondere unter Journalist*innen des hetzerischen Senders Channel 14 – mehren sich Stimmen, die in einem solchen Fall offen von einem »Holocaust« sprechen. Die Bewohner*innen Gazas hätten dies, im Gegensatz zu den europäischen Jüdinnen*Juden, wegen ihrer Unterstützung des 7. Oktober »verdient«. Dass ein möglicher Friedensplan von Trump diese Radikalisierung noch aufhalten könnte, erscheint äußerst zweifelhaft.

https://www.amnesty.de/mitmachen/petition/israel-gaza-genozid-stoppen?etcc_cmp=Israel_Palaestina&etcc_med=Newsletter&etcc_par=Aktionsnewsletter&etcc_ctv=Israel_Gaza_Genozid&j=433870&sfmc_sub=171868254&l=45_HTML&u=8148375&mid=536000658&jb=27012

Gaza wird vernichtet – ak analyse & kritik

Quellen: Freunde Palästina, MEE,

www.paypal.me/freundepa

https://www.amnesty.de/mitmachen/petition/israel-gaza-genozid-stoppen?etcc_cmp=Israel_Palaestina&etcc_med=Newsletter&etcc_par=Aktionsnewsletter&etcc_ctv=Israel_Gaza_Genozid&j=433870&sfmc_sub=171868254&l=45_HTML&u=8148375&mid=536000658&jb=27012

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