Yanis Varoufakis. Hier seine Rede, die keiner hören soll

Diese Rede an uns sollte nicht untergehen. Gegen Varoufakis soll ein Betätigungsverbot ausgesprochen worden sein. Das erinnert an die dunkelste Zeit Deutscher Geschichte. Die Innen Behörden von Berlin und Bund schieben jetzt Verantwortung und Zuständigkeit hin und her. Einer expliziten Bestätigung wird ausgewichen. Aber de Facto konnte Varoufakis seine Rede nicht halten. [1]https://taz.de/Palaestina-Kongress-in-Berlin/!6004217/

Kriegseskalation hat immer seine Gründe. Ein wahres Plädoyer für Menschen– und Völkerrecht, dessen Verbreitung die deutschen Behörden verhindern wollten. „Machen Sie sich selbst ein Bild davon, wohin sich die deutsche Gesellschaft entwickelt, wenn die Polizei solche Aussagen verbietet“. Lesen und teilen!

Eigene Übersetzung. Original in Englisch. Wir danken Yanis für seine Worte. ( Peter Vlatten)

Yanis Varoufakis, 12. APRIL 2024

„Die Rede, die ich nicht halten konnte, weil die deutsche Polizei in unseren Berliner Veranstaltungsort eindrang, um unseren Palästinakongress aufzulösen (im Stil der 1930er Jahre). Urteilen Sie selbst, zu was für einer Gesellschaft Deutschland wird, wenn seine Polizei die folgenden Worte verbietet:

Freunde,

Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank, dass Sie hier sind, trotz der Drohungen, trotz der eisern gepanzerten Polizei vor diesem Veranstaltungsort, trotz der deutschen Presse, trotz des deutschen Staates, trotz des deutschen politischen Systems, das Sie dafür dämonisiert, dass Sie hier sind.

„Warum ein palästinensischer Kongress, Herr Varoufakis?“, fragte mich kürzlich ein deutscher Journalist. Weil, wie Hanan Asrawi einst sagte: „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die zum Schweigen Gebrachten uns von ihrem Leid erzählen.“

Heute ist Asrawis Argument deprimierend stärker geworden: Weil wir uns nicht darauf verlassen können, dass die zum Schweigen Gebrachten, die ebenfalls massakriert und ausgehungert werden, uns von den Massakern und dem Hunger erzählen.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Weil ein stolzes, anständiges Volk, das deutsche Volk, auf einen gefährlichen Weg zu einer herzlosen Gesellschaft geführt wird, indem man es dazu bringt, sich mit einem weiteren Völkermord zu identifizieren, der in seinem Namen und mit seiner Mitschuld begangen wird.

Ich bin weder Jude noch Palästinenser. Aber ich bin unglaublich stolz, hier unter Juden und Palästinensern zu sein – meine Stimme für Frieden und universelle Menschenrechte mit jüdischen Stimmen für Frieden und universelle Menschenrechte zu vereinen – mit palästinensischen Stimmen für Frieden und universelle Menschenrechte. Dass wir heute hier zusammen sind, ist der Beweis, dass Koexistenz nicht nur möglich ist – sondern dass sie bereits da ist! Schon jetzt.

„Warum kein jüdischer Kongress, Herr Varoufakis?“, fragte mich derselbe deutsche Journalist und dachte, er wäre schlau. Ich war über seine Frage erfreut.

Denn wenn ein einziger Jude bedroht wird, egal wo, nur weil er oder sie Jude ist, werde ich den Davidstern am Revers tragen und meine Solidarität anbieten – egal, was es kostet, egal was es kostet.

Also, um es klar zu sagen: Wenn Juden angegriffen würden, egal wo auf der Welt, wäre ich der Erste, der für einen jüdischen Kongress wirbt, auf dem wir unsere Solidarität bekunden.

Ebenso werde ich, wenn Palästinenser massakriert werden, weil sie Palästinenser sind – unter dem Dogma, dass sie, um tot zu sein, Hamas-Mitglieder gewesen sein müssen – meine Kufiya tragen und meine Solidarität anbieten, egal, was es kostet, egal was es kostet.

Universelle Menschenrechte sind entweder universell oder sie bedeuten nichts.

In diesem Sinne beantwortete ich die Frage des deutschen Journalisten mit einigen eigenen:

· Werden 2 Millionen israelische Juden, die vor 80 Jahren aus ihren Häusern in ein Freiluftgefängnis geworfen wurden, immer noch in diesem Freiluftgefängnis festgehalten, ohne Zugang zur Außenwelt, mit minimaler Nahrung und Wasser, ohne Chance auf ein normales Leben, ohne die Möglichkeit, irgendwohin zu reisen, und seit 80 Jahren regelmäßig bombardiert? Nein.

· Werden israelische Juden von einer Besatzungsarmee absichtlich ausgehungert, während sich ihre Kinder auf dem Boden winden und vor Hunger schreien? Nein.

· Kriechen Tausende verletzter jüdischer Kinder oder überlebender Eltern durch die Trümmer ihrer ehemaligen Häuser? Nein.

· Werden israelische Juden heute von den modernsten Flugzeugen und Bomben der Welt bombardiert? Nein.

· Erleben israelische Juden einen vollständigen Ökozid des wenigen Landes, das sie noch ihr Eigen nennen können, ohne einen einzigen Baum, unter dem sie Schatten suchen oder dessen Früchte sie genießen können? Nein.

· Werden heute israelische jüdische Kinder auf Befehl eines UN-Mitgliedsstaates von Scharfschützen getötet? Nein.

· Werden israelische Juden heute von bewaffneten Banden aus ihren Häusern vertrieben? Nein.

· Kämpft Israel heute um seine Existenz? Nein.

Wenn die Antwort auf eine dieser Fragen „Ja“ wäre, würde ich heute an einem Jüdischen Solidaritätskongress teilnehmen.

Freunde,

Heute hätten wir gerne eine anständige, demokratische, von gegenseitigem Respekt geprägte Debatte darüber geführt, wie wir Frieden und universelle Menschenrechte für alle schaffen können, Juden und Palästinenser, Beduinen und Christen, vom Jordan bis zum Mittelmeer, mit Menschen, die anders denken als wir.

Leider hat das gesamte deutsche politische System beschlossen, dies nicht zuzulassen. In einer gemeinsamen Erklärung, an der nicht nur die CDU/CSU oder die FDP, sondern auch die SPD, die Grünen und, bemerkenswerterweise, zwei Führer der Linken teilnahmen, schlossen sich die Kräfte zusammen, um sicherzustellen, dass eine solche zivilisierte Debatte, in der wir in angenehmer Weise anderer Meinung sein können, in Deutschland nie stattfindet.

Ich sage ihnen: Sie wollen uns zum Schweigen bringen. Uns verbieten. Uns dämonisieren. Uns beschuldigen. Sie lassen uns daher keine andere Wahl, als Ihren Anschuldigungen mit unseren Anschuldigungen zu begegnen. Sie haben sich dafür entschieden. Nicht wir.

Sie werfen uns vor, den Terrorismus zu unterstützen

o Wir werfen Ihnen vor, legitimen Widerstand gegen einen Apartheidstaat mit Gräueltaten an Zivilisten gleichzusetzen, die ich immer verurteilt habe und immer verurteilen werde, wer auch immer sie begeht – Palästinenser, jüdische Siedler, meine eigene Familie, wer auch immer.

o Wir werfen Ihnen vor, die Pflicht der Menschen in Gaza nicht anzuerkennen, die Mauer des offenen Gefängnisses niederzureißen, in dem sie seit 80 Jahren gefangen sind – und diesen Akt des Niederreißens der Mauer der Schande – der nicht vertretbarer ist als die Berliner Mauer – mit Terrorakten gleichzusetzen.

· Sie werfen uns vor, den Terror der Hamas vom 7. Oktober zu verharmlosen

o Wir werfen Ihnen vor, die 80 Jahre der ethnischen Säuberung der Palästinenser durch Israel und die Errichtung eines eisernen Apartheidsystems in ganz Israel-Palästina zu verharmlosen.

Wir werfen Ihnen vor, Netanjahus langjährige Unterstützung der Hamas als Mittel zur Zerstörung der Zweistaatenlösung, die Sie angeblich befürworten, zu bagatellisieren.

O Wir werfen Ihnen vor, den beispiellosen Terror zu bagatellisieren, den die israelische Armee gegen die Bevölkerung von Gaza, Westjordanland und Ostjerusalem entfesselt hat.

· Sie werfen den Organisatoren des heutigen Kongresses vor, wir seien, und ich zitiere, „nicht daran interessiert, über Möglichkeiten für ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten vor dem Hintergrund des Krieges in Gaza zu sprechen“. Ist das Ihr Ernst? Haben Sie den Verstand verloren?

O Wir werfen Ihnen vor, einen deutschen Staat zu unterstützen, der nach den Vereinigten Staaten der größte Lieferant der Waffen ist, mit denen die Netanjahu-Regierung Palästinenser massakriert, als Teil eines großen Plans, eine Zweistaatenlösung und ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Palästinensern unmöglich zu machen.

Wir werfen Ihnen vor, Sie hätten nie die wichtige Frage beantwortet, die jeder Deutsche beantworten muss: Wie viel palästinensisches Blut muss fließen, bevor Ihre berechtigte Schuld am Holocaust getilgt ist?

Lassen Sie uns also eines klarstellen: Wir sind hier in Berlin mit unserem Palästinensischen Kongress, weil wir, anders als das deutsche politische System und die deutschen Medien, Völkermord und Kriegsverbrechen verurteilen, ganz gleich, wer sie begeht. Weil wir die Apartheid in Israel-Palästina ablehnen, ganz gleich, wer die Oberhand hat – so wie wir die Apartheid im amerikanischen Süden oder in Südafrika abgelehnt haben. Weil wir für universelle Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit unter Juden, Palästinensern, Beduinen und Christen im alten Land Palästina eintreten.

Und um uns noch klarer zu werden in Bezug auf die Fragen, legitim wie bösartig, die wir stets beantworten müssen:

Verurteile ich die Gräueltaten der Hamas?

Ich verurteile jede einzelne Gräueltat, wer auch immer Täter oder Opfer ist. Was ich nicht verurteile, ist bewaffneter Widerstand gegen ein Apartheidsystem, das als Teil eines langsamen, aber unaufhaltsamen Programms ethnischer Säuberung konzipiert wurde. Anders ausgedrückt: Ich verurteile jeden Angriff auf Zivilisten, während ich gleichzeitig jeden feiere, der sein Leben riskiert, um die Mauer niederzureißen.

Ist Israel nicht in einen Krieg verwickelt, in dem es um seine Existenz geht?

Nein, das ist es nicht. Israel ist ein atomar bewaffneter Staat mit der vielleicht technologisch fortschrittlichsten Armee der Welt und der gesamten US-Militärmaschinerie im Rücken. Es besteht keine Symmetrie mit der Hamas, einer Gruppe, die den Israelis ernsthaften Schaden zufügen kann, aber nicht imstande ist, Israels Militär zu besiegen oder Israel auch nur daran zu hindern, den langsamen Völkermord an den Palästinensern unter dem Apartheidsystem fortzusetzen, das mit langjähriger Unterstützung der USA und der EU errichtet wurde.

Haben die Israelis nicht berechtigte Angst, dass die Hamas sie ausrotten will?

Natürlich! Die Juden haben einen Holocaust erlitten, dem Pogrome vorausgingen, und einen tief verwurzelten Antisemitismus, der Europa und Amerika seit Jahrhunderten durchdringt. Es ist nur natürlich, dass die Israelis in Angst vor einem neuen Pogrom leben, wenn die israelische Armee einknickt. Indem der israelische Staat seinen Nachbarn jedoch die Apartheid aufzwingt und sie wie Untermenschen behandelt, schürt er das Feuer des Antisemitismus, stärkt Palästinenser und Israelis, die sich gegenseitig vernichten wollen, und trägt letztlich zur schrecklichen Unsicherheit bei, die die Juden in Israel und der Diaspora verzehrt. Die Apartheid gegen die Palästinenser ist die schlimmste Selbstverteidigung der Israelis..

Und was ist mit Antisemitismus?

Es ist immer eine klare und gegenwärtige Gefahr. Und sie muss ausgerottet werden, insbesondere in den Reihen der globalen Linken und der Palästinenser, die für die bürgerlichen Freiheiten der Palästinenser kämpfen – auf der ganzen Welt.

Warum verfolgen die Palästinenser ihre Ziele nicht mit friedlichen Mitteln?

Sie haben es getan. Die PLO erkannte Israel an und verzichtete auf den bewaffneten Kampf. Und was haben sie dafür bekommen? Absolute Demütigung und systematische ethnische Säuberungen. Das ist es, was die Hamas gefördert und sie in den Augen vieler Palästinenser als einzige Alternative zu einem langsamen Völkermord unter Israels Apartheid angesehen hat.

was sollte jetzt getan werden? was könnte Frieden nach Israel und Palästina bringen?

· ein sofortiger Waffenstillstand.

· die Freilassung aller Geiseln: der Hamas und der Tausenden, die von Israel festgehalten werden.

· ein Friedensprozess unter der UN, unterstützt durch die Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft, die Apartheid zu beenden und gleiche bürgerliche Freiheiten für alle zu gewährleisten.

· Was die Apartheid ersetzen soll, ist die Entscheidung zwischen der Zweistaatenlösung und der Lösung eines einzigen föderalen säkularen Staates an Israelis und Palästinensern.

was sollte jetzt getan werden? was könnte Frieden nach Israel und Palästina bringen?

· ein sofortiger Waffenstillstand.

· die Freilassung aller Geiseln: der Hamas und der Tausenden, die von Israel festgehalten werden.

· ein Friedensprozess unter der UN, unterstützt durch die Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft, die Apartheid zu beenden und gleiche bürgerliche Freiheiten für alle zu gewährleisten.

· Was die Apartheid ersetzen soll, ist die Entscheidung zwischen der Zweistaatenlösung und der Lösung eines einzigen föderalen säkularen Staates an Israelis und Palästinensern

.Ich grüße Sie alle und schlage vor, dass wir nie vergessen, dass keiner von uns frei ist, wenn einer von uns in Ketten liegt.

Solidarität mit Mahle Busan!

Stuttgart, 10.April 2024

Stuttgart Am Freitag, 5. April 2024, gab es in der Pragstraße vor der Zentrale des Mahle-Konzerns (Auto-Zulieferer) eine kleine, aber lautstarke Protestaktion gegen die Schließung des Mahle-Behr-Werkes Busan, Südkorea. In Busan droht 160 Kolleginnen und Kollegen, in der großen Mehrheit Frauen, der Verlust ihrer Arbeitsplätze und ihrer Existenzgrundlage. Die Jobs dort sollen nach China oder Indien verlagert werden.

Das Mahle-Werk Busan produziert Autoteile hauptsächlich für Hyundai-Kia Motors. Im Dezember 2023 wurde die Gewerkschaft „Korean Metal Workers Union“ über die Entscheidung des Mahle-Behr-Vorstands informiert, das koreanische Werk bis September 2025 zu schließen. Der Beschluss wurde einseitig von der Konzernzentrale getroffen. Im Vorfeld gab es keinerlei Kommunikation und Konsultation mit den koreanischen Beschäftigten, auch nicht durch die koreanische Unternehmensleitung – eine einseitige und gewaltsame Entscheidung gegen die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Von Mahle Behr Deutschland gibt es weder einen Entwicklungsplan noch Zukunftsinvestitionen für das Werk Busan. Schon früher gab es Sparmaßnahmen und Belegschaftsabbau. Seine Pläne hält Mahle Behr wohlweislich intransparent. Eine vom Mahle-Vizepräsidenten der Asien-Pazifik-Region, Bentele, gegebene Beschäftigungsgarantie sowie eine Selbstverpflichtung zu angeblicher Unterstützung und Zusammenarbeit bei der Weiterentwicklung des Koreawerkes erweist sich als grobes Täuschungsmanöver, um die Betroffenen ruhig zu halten. Denn die Entscheidung der Unternehmenszentrale setzt sich über all die Versprechungen selbstherrlich hinweg: 2023 verkaufte Mahle-Behr überraschend das Thermostatgeschäft. Dann folgte letzten Dezember die Ankündigung der Schließung plus Massenentlassungen.

Am letzten Freitag wandte sich die Gruppe „Solidarity of Korean People in Europe“, in Deutschland (vor allem in Berlin und Frankfurt) lebende koreanische Kolleginnen und Kollegen, an die Kolleginnen und Kollegen in Stuttgart: Ihr mehr als berechtigtes Motto: „Nur wenn wir gemeinsam jeden Standort verteidigen, bleiben wir stark! Wenn wir uns gegenseitig ausspielen lassen, hat der Mahle-Behr-Vorstand leichtes Spiel!“

Die KoreanerInnen kamen auf Grund der Deutschen Bahn leider verspätet an. Sie hatten ein großes Banner und mehrere kleinere Plakate mitgebracht. Obwohl die Aktion angekündigt war, kamen nur wenige Gewerkschafter der IG Metall, nur ein einziger Betriebsrat kam dazu, was mutig war!

Ziemlich daneben: Mehrere Betriebsräte und IG Metall-Verantwortliche waren im Bereich des Werkseingangs, hielten sich aber hinter einer Mauerecke versteckt und hatten nicht den Mut, wenigstens die Koreanerinnen solidarisch zu begrüßen und ihnen die Hand zu reichen.

Allerdings solidarisierte sich der Stuttgarter „Metaller-Treff“, der zur Vernetzung kämpferische Gewerkschaften (VKG) gehört. Mehrere

Aktive des Metallertreffs machten deshalb mit.

Koreanische und deutsche Kollegen hielten gemeinsam das Banner und die Plakate, über Megafon wurden Reden in Deutsch und Koreanisch gehalten. Die koreanischen Kollegen hatten Flyer mitgebracht (deutsche und koreanische Version!), die gemeinsam am Eingang zur Cannstatter Werkskantine verteilt wurden. Die Flyer, auch auf koreanisch! 2024-04-05 Korea 1 2024-04-05 Korea 2

Immer wieder wurden laut Parolen gerufen: „Hoch die internationale Solidartät!“, „Werksschließung Nein!“ und „Solidarität heißt Widerstand – Kampf um unsre Jobs in jedem Land!“ Ein kleiner koreanischer Gong unterstrich rhythmisch mit lautem, hellem Klang die Parolen.

Es war eine trotz der kleinen Zahl der Teilnehmenden gute Aktion, die das einzig Richtige in dieser Situation betonte: Gemeinsam international kämpfen, sich nicht gegeneinander ausspielen lassen!

Im Anschluss saßen wir noch gemeinsam in eine Straßenkaffee in Cannstatt, tauschten Adressen aus. Solidarity of Korean People in Europe will weiter am Ball bleiben. Dafür braucht es aber mehr aktive Solidarität bei Mahle in Stuttgart!

Der Beitrag ist erschienen am 10. April in Arbeiter Zukunft , wir danken für die Publikationsrechte

Wir berichteten schon im Vorfeld über die Aktion

Hand in Hand mit der Rüstungslobby?

Gewerkschaften sind nicht die Interessenvertretung der Rüstungsindustrie

von Ulrike Eifler

Bild: BAG B&G DIE LINKE

Das Wirtschaftsforum der SPD, der Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und die IG Metall haben sich auf ein gemeinsames Positionspapier verständigt.

Unter dem Titel »Souveränität und Resilienz sichern« einigten sich die drei Organisationen auf industriepolitische Leitlinien für die Rüstungsindustrie. Eigene leistungsstarke Verteidigungssysteme zu Land, Luft und See sollen mit Hilfe staatlicher Beschaffungspolitik aufgebaut werden.
Die Spirale der Eskalation, die ein Aufrüstungskurs unweigerlich nach sich zieht, bleibt unerwähnt. Stattdessen werden das »Sondervermögen Bundeswehr« und die zugesagte 2-Prozent-Quote der NATO emphatisch gefeiert. Wenig verwunderlich, denn beides stellt den Rüstungsunternehmen riesige Konjunkturprogramme in Aussicht.
Doch das Papier ist mehr als eine bloße industriepolitische Strategie. Es nimmt den Staat für die Planungssicherheit der Rüstungsindustrie in die Verantwortung mit dem Ziel, Rüstungsgewinne zu stabilisieren und auszuweiten. Gewerkschaften aber sind nicht die Interessenvertretung der Rüstungsindustrie. Die Unterzeichnung des Papiers sendet daher fatale Signale aus: Es orientiert Mitglieder wie politische Bündnispartner nicht auf Entspannungspolitik und Frieden, sondern stärkt den Diskurs derer, die ein Interesse an militärischer Eskalation haben.

BDSV und Wirtschaftsforum – die Wirtschaftslobbyisten

Die drei Unterzeichneten könnten gegensätzlicher nicht sein. Während die IG Metall die Interessen der abhängig Beschäftigten vertritt und für eine Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen eintritt, sind BDSV und Wirtschaftsforum klassische Wirtschaftslobbyisten. Mit 220 organisierten Unternehmen ist der BDSV ein Industrieverband der deutschen Rüstungsbranche.
Dem Verband geht es um die Änderung des sicherheits- und außenpolitischen Diskurses. Nicht zufällig liest sich die Vorstandsriege wie das »Who is Who« der deutschen Rüstungsindustrie. Darunter Präsident Armin Papperger, der erst kürzlich mit Olaf Scholz im neuen Rheinmetall-Werk in der Lüneburger Heide posierte.
Auch das Wirtschaftsforum der SPD versteht sich als unabhängiger unternehmerischer Berufsverband an der Seite der SPD. Sein Ziel: die Interessen der Wirtschaft in die Führungsriege der SPD tragen. Dazu soll der Austausch von Wirtschaftsvertretern mit den Verantwortungsträgern der Partei in Parlamenten, Regierungen und Parteigliederungen organisiert werden.
Der Verband wurde im Februar 2015 auf Initiative des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der TUI AG, Michael Frenzel, gegründet. Im Beirat sitzt nahezu das gesamte SPD-Führungspersonal der ersten Reihe. Und mit Oliver Burkhard gibt es personelle Überschneidungen zum BDSV, denn Burkhard sitzt als Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor der Thyssenkrupp AG nicht nur im erweiterten Präsidium des Wirtschaftsforums, sondern auch im BDSV-Vorstand.

Industriepolitisches Konzept

Die Orientierung des Papiers ist aus mehreren Gründen problematisch. So werden beispielsweise die Aufrüstungsambitionen der Rüstungsindustrie in einen industriepolitischen Diskurs gekleidet, der angibt, den Erhalt der Fertigungsstandorte und die dazugehörigen Arbeitsplätze in den Blick zu nehmen. Damit suggeriert es, dass Aufrüstung eine Antwort auf die Herausforderungen von wirtschaftlicher Stagnation, Deindustrialisierung und Transformation sein könnte.
Zweifelsohne braucht es mehr politische Steuerung, um die Deindustrialisierung vor allem der industrialisierten Kernregionen West- und Süddeutschlands zu verhindern. Doch in der Vergangenheit haben die Gewerkschaften den Widerspruch zwischen den furchtbaren, tödlichen und zerstörerischen Produkten rüstungsindustrieller Fertigung und dem Interesse an guten Arbeitsplätzen durch eine Konversionsperspektive aufgelöst. Rüstungsunternehmen sollen in den Dienst ziviler Produktion gestellt werden.
Mit dieser Forderung stellen sich die Gewerkschaften zwar gegen die mächtige Rüstungsindustrie und weite Teile des politischen Establishments, das kriegsbesoffen über Bodentruppen in der Ukraine und atomare Abschreckung redet. Aber welche andere Position könnten die Gewerkschaften vor dem Hintergrund ihrer Geschichte, im Bewusstsein von zwei furchtbaren Weltkriegen und angesichts des wachsenden Risikos neuer weltkriegerischer Auseinandersetzungen sonst einnehmen?
Auf einem zerstörten Planeten lassen sich Arbeitsplätze weder erhalten noch gestalten. Statt den aktuellen Transformationsdruck der Industrie mit dem Aufbau der Rüstungsindustrie lösen zu wollen und dabei die alten Konversionsdebatten klammheimlich unter den Teppich zu kehren, müssen Gewerkschaften stärker zum Treiber der Transformation werden. Dabei darf die Entscheidung, was produziert und transformiert werden soll, nicht aus der Hand gegeben werden.
Die Gewerkschaften müssen diejenigen sein, die die Transformation industrieller Fertigungsprozesse mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen ihrer Produkte verknüpfen. Gesellschaftliche Bedarfe jenseits von Krieg, Zerstörung und Tod zu definieren, ist daher eine der zentralen Aufgaben der Gewerkschaften in der Transformation und in der Friedensbewegung.

Zerstörung der gesellschaftlichen Infrastruktur

Auch gesamtgesellschaftlich hätte eine starke Konzentration auf die Rüstungsindustrie fatale Folgen. Die ersten Versuche, den Aufrüstungskurs über Sozialkürzungen zu finanzieren, sind bereits gemacht. Clemens Fuest vom Ifo-Institut bemühte kürzlich sogar die zentrale Propagandametapher der Nazis – »Kanonen statt Butter« –, um die Bevölkerung frühzeitig auf Sozialkürzungen einzuschwören.
Doch abgesehen von der Rücksichtslosigkeit gegenüber den arbeitenden Klassen kann sich der Aufrüstungskurs zudem schnell als Gift für die ohnehin stagnierende Wirtschaft erweisen. Denn staatliche Investitionen in die Infrastruktur, in den Heizungstausch oder die Unterstützung von Arbeitslosen stärken die Binnennachfrage. Rüstungsmilliarden dagegen wandern größtenteils ins Ausland. So fließen derzeit 10 Milliarden aus dem Sondervermögen in die F35-Kampfjets des US-Rüstungsherstellers Lockheed Martin.
Doch selbst wenn man unterstellt, die staatlichen Rüstungsinvestitionen gingen ausschließlich an Firmen in Deutschland, stellt sich die Frage, welchen Nutzen die Gesellschaft davon hätte. Kampfhubschrauber und Panzer steigern zwar das Bruttoinlandsprodukt, schreibt der Ökonom Maurice Höfgen, aber nicht den zivilen Wohlstand.
Hinzu käme ein Verdrängungswettbewerb zugunsten von Rüstungsausgaben, der deutlich zulasten notwendiger Investitionen etwa in den Klimaschutz, in den Ausbau der Bildung, die Entwicklung von Fachkräften, nachhaltigen Industrieumbau oder die Entlastung der Pflegekräfte ginge.
Auch das Fachkräfteproblem, das schon jetzt branchenübergreifend zu spüren ist, würde sich noch einmal deutlich verstärken, denn der Einsatz von Ingenieuren und Monteuren ist natürlich bei der Sanierung von Schulgebäuden, bei der Produktion von E-Autos oder der Installation von Solarpanelen viel sinnvoller als bei der Produktion von Kampfpanzern.

Klimapolitischer Offenbarungseid

Auch klimapolitisch leistet das Papier seinen Offenbarungseid. Denn es reklamiert die Befreiung von klimapolitische Auflagen wie der CO2-Bepreisung ausgerechnet für eine Branche, die zu den größten CO2-Emittenden gehört.
In einer Studie, die im Auftrag von The Left, der Fraktion der linken Parteien im Europäischen Parlament erstellt wurde, wird der CO2-Fußabdruck der deutschen Waffenhersteller auf mehr als 3,4 Millionen Tonnen geschätzt. Für den gesamten deutschen Militärsektor einschließlich der Bundeswehr sind es sogar 4,5 Millionen Tonnen. Das entspricht dem CO2-Ausstoß von etwa einer Million Autos pro Jahr.
Und der Kampfjet F35, den die Bundeswehr bereits geordert hat, emittiert pro Stunde mehr als ein Deutscher im Jahresschnitt verursacht. Steigende Militäretats ziehen einen deutlichen Anstieg der CO2-Emissionen nach sich – eine Entwicklung, die angesichts des drohenden Klimakollapses nicht zu rechtfertigen ist.

Fazit

Zum Selbstverständnis der Gewerkschaften gehört die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Klassen. Eine Stärkung der Rüstungsindustrie, die mittel- bis langfristig sogar in eine Kriegswirtschaft münden könnte, schleift den Sozialstaat, gefährdet das Klima und leitet eine gefährliche Rüstungseskalation ein.
Aus gutem Grund waren SPD und Gewerkschaften über Jahrzehnte tragende Pfeiler der Friedensbewegung. In einer Zeit, in der die politische Klasse sich gegenseitig in Aufrüstungsforderungen überbietet und eine ebenso gefährliche wie absurde Diskussion über Atomkriege führt, sollten die Gewerkschaften ihren Platz nicht an der Seite von Rüstungslobbyisten und Kriegsgewinnlern suchen, sondern in der Friedensbewegung.
Der Gewerkschaftstag hat dafür den Grundstein gelegt, als er beschloss, dass sich die IG Metall »mit Nachdruck für diplomatische Lösungen auf allen möglichen Ebenen und über alle Kanäle« einsetzen wird: »Die Eskalations- und Rüstungsspirale darf sich nicht weiterdrehen.« Ein wegweisender Beschluss, der deutlich macht: Statt gemeinsamer Positionierungen mit der Rüstungslobby braucht es eine selbstbewusste Rückbesinnung auf die traditionelle Rolle der Gewerkschaften und ein offensives Eingreifen in den aktuellen Diskurs.

Die Autorin ist Bundessprecherin der Arbeitsgemeinschaft Betrieb & Gewerkschaft der LINKEN.

Erstveröffentlicht auf soz-online
https://www.sozonline.de/2024/04/hand-in-hand-mit-der-ruestungslobby/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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