Der leise Tod durch Sanktionen

Mithu Sanyal über eine Wirtschaftspolitik, die tötet

Von Mithu Melanie Sanyal

Bild: http://www.cubadebate.cu/

Vor 30 Jahren war ich auf einem internationalen Frauenkongress in Kuba. Die Veranstalterinnen hatten mit ein paar 100 Teilnehmerinnen gerechnet. Es kamen dann aber zehnmal so viele und die Versorgung brach zusammen. Ich erinnere mich, dass ich am ersten Morgen ein paar Reiskörner, eine schwarze Bohne und Panik bekam. Niemand anders schien sonderlich besorgt zu sein. Alle waren an Engpässe und Improvisation gewöhnt. Nur ich wünschte, ich hätte lieber Müsliriegel anstelle der Medikamente, die aufgrund der US-Blockade in Kuba schmerzlich fehlten, als Gastgeschenk mitgebracht.

Jetzt haben die USA ihren Würgegriff noch einmal verstärkt.

Die deutsche Botschaft rät von Reisen nach Kuba aufgrund der »erheblichen Auswirkungen des aktuellen Treibstoffmangels« ab. Das hört sich an, als könnten die Kubaner nicht mit Öl haushalten. Dabei hat US-Präsident Donald Trump Mitte Dezember Venezuelas Öllieferungen an die Insel gestoppt und allen Staaten mit massiven Strafzöllen gedroht, sollten sie einspringen. Außerdem hat er Kriegsschiffe ins Karibische Meer geschickt, die Öltanker daran hindern, nach Kuba zu gelangen.

Zum Thema: Alltag in der kubanischen Krise. Trotz US-Blockade geht der Alltag in Kuba zunächst weiter – aber die Katastrophe rückt näher

Ähnliche Artikel

Seitdem sind die Universitäten auf der Insel geschlossen, auch der Unterricht in den Schulen kann nur eingeschränkt stattfinden. Auf den Straßen stapelt sich der Abfall, weil die Müllabfuhr kein Benzin mehr hat. Und die Krankenhäuser kämpfen mit Stromausfällen. Schon seit 2024 bekommen viele Kubaner nur noch eine Mahlzeit pro Tag. Weniger ist leer.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat im Auftrag der Linkspartei in einem Gutachten überprüft, ob die Sanktionen gegen das Völkerrecht verstoßen. Natürlich tun sie das! Oder mit den Worten der Bundesregierung: Sie sind ein »Verstoß gegen die deutschen Interessen und die Interessen der Europäischen Union, die wirtschaftlichen Beziehungen mit Kuba etwa im Bereich Handel und Kapitalverkehr auszubauen«.

Und wie ist es mit dem Gewaltverbot der UN-Charta? Ach nö, Wirtschaftssanktionen sind ja keine Gewalt.

Dem widerspricht eine Studie, die vergangenes Jahr in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift »Lancet« veröffentlicht wurde. Der Ökonom Francisco Rodriguez von der Universität Denver berechnete mit seinem Team die Gesamtzahl der durch internationale – sprich: US- und europäische – Sanktionen verursachten zusätzlichen Todesfälle von 1970 bis 2021. Die Antwort ist: 38 Millionen Menschen. Und mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder und ältere Menschen – weil Mangelernährung für sie besonders gefährlich ist.

Bei Gewalt denken wir an Waffen und Explosionen. Doch Sanktionen töten mehr – und zwar um ein Vielfaches mehr – Menschen als direkte Kriegshandlungen. Sie machen es nur leiser und im Windschatten der Medienaufmerksamkeit. Hunger wirkt unausweichlich wie eine Umweltkatastrophe, dabei hat der Ökonom und Philosoph Amartya Sen nachgewiesen, dass Hungersnöte stets eine Folge von Politik sind. Menschen verhungern nicht, weil Ernten ausbleiben, sondern weil andere Menschen verhindern, dass die nötige Nahrung in diese Gebiete gebracht wird.

Höchste Zeit, unsere Definition von Gewalt neu zu überdenken.


Mithu Melanie Sanyal ist Schriftstellerin, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin, Tochter eines indischen Ingenieurs und einer polnischstämmigen Sekretärin, aufgewachsen in Düsseldorf. In ihren Sachbüchern und Romanen – ihr erster: »Identitti« war ein Riesenerfolg, in ihrem zweiten: »Antichristie« geht es um den bewaffneten Kampf gegen das Empire –, in Hörspielen und Essays verhandelt sie Fragen von Feminismus, Rassismus und sexueller Gewalt. Was Mithu Sanyal veröffentlicht, löst Debatten aus, und zwar ergiebige. Sie wird für uns über alles zwischen Alltag, Politik und Literatur schreiben.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.2. 2026
Der leise Tod …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Deutsche Dominanz

Es kommt der Quadratur des Kreises gleich, mit Volldampf den Kriegs- und Großmachtkurs auf nationaler Ebene voranzutreiben und dabei niemanden zu verschrecken. Weder Nachbarländer noch Jugendliche im wehrfägigen Alter. (Peter Vlatten)

Deutsche Dominanz

19. Feb 2026 GERMANY FOREIGN POLCIY

Die massive Hochrüstung der Bundesrepublik löst in mehreren Staaten Europas Warnungen vor einer „militärischen Großmacht“ Deutschland und vor offener deutscher Dominanz über den Kontinent aus.

Außenminister Johann Wadephul fordert Frankreich zu Kürzungen „auch im sozialen Bereich“ zugunsten einer massiven Hochrüstung auf. „Bedauerlicherweise“ seien „die Anstrengungen“ der französischen Regierung, Gelder in den Militäretat umzuschichten, „unzureichend“, befindet Wadephul; Paris sei „aufgerufen“, dies zu ändern. Hintergrund der offenen Einmischung in Frankreichs innere Angelegenheiten ist zunehmender Unmut in mehreren Staaten Europas über die krasse deutsche Hochrüstung, die die Bundesrepublik schon in wenigen Jahren zur „militärischen Großmacht“ werden lässt, wie es in einem Beitrag in der US-Zeitschrift Foreign Affairs heißt. Bereits im Herbst wurden etwa in Paris Warnungen laut, gelinge Deutschland der Durchbruch zur Militärmacht, dann werde es in der EU „extrem dominant“ sein. Kürzlich bestätigte der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, er spüre in Gesprächen in Frankreich und Polen, dass dort „alte Vorbehalte wieder hochkommen“ – „die Sorge vor deutscher Dominanz“. EU-Diplomaten diagnostizieren bereits eine „tektonische Verschiebung“ auf dem Kontinent. In Frankreich werden erste öffentliche Warnungen vor einem „deutschen Europa“ laut.

Deutschlands Rüstungsschulden

Sorgen in anderen EU-Staaten hat die Entscheidung Berlins, die eigene Hochrüstung mit dreistelligen Milliardensummen voranzutreiben, bereits im vergangenen Jahr ausgelöst. Um die Beschaffung beispielloser Mengen an Waffen sowie die Vergrößerung der Bundeswehr zu ermöglichen, setzt die Bundesregierung auf eine massive Neuverschuldung; dazu hat sie die Schuldenbremse für Militärausgaben außer Kraft gesetzt, während die EU-Kommission Aufwendungen für die Streitkräfte von den Maastricht-Kriterien ausnimmt. Unter Rückgriff auf Neuschulden will Berlin den deutschen Militäretat bis 2029 auf über 150 Milliarden Euro in die Höhe schrauben. Das ist möglich, weil die deutschen Staatsschulden sich zur Zeit auf nur etwas über 62 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) belaufen. Frankreich, dessen Schulden mittlerweile 116 Prozent des BIP erreichen, kann sich eine stärkere Verschuldung nicht leisten. Im vergangenen Jahr steigerte seine Regierung den geplanten Militäretat für 2030 auf 67,4 Milliarden Euro; mehr gilt als kaum finanzierbar.[1] Damit steht die bisherige Praxis Frankreichs, Deutschlands ökonomische Überlegenheit durch einen Vorsprung bei Rüstung und Militär auszugleichen, vor dem Aus. Die Absicht von Bundeskanzler Friedrich Merz wiederum, die Bundeswehr solle nun „zur konventionell stärksten Armee Europas“ aufsteigen [2], hat beste Chancen auf Verwirklichung.

„Eine tektonische Verschiebung“

Schon im Herbst hatten Medien die durch die deutsche Hochrüstung nicht nur in Frankreich ausgelösten Sorgen thematisiert. Deutschland, das klare ökonomische Machtzentrum der EU, sei nun dabei, auch bei Rüstung und Militär dominant zu werden – also dort, wo Berlin bislang noch durch Paris eingehegt worden sei, hieß es. Es handle sich um eine „tektonische Verschiebung“, ließ sich etwa ein namentlich nicht genannter EU-Diplomat zitieren: „Das ist das Bedeutendste, was aktuell auf EU-Ebene geschieht.“[3] In Brüssel fragten sich manche bereits, wie „europäisch“ ein hochgerüstetes Deutschland noch sein werde. Ein französischer Verteidigungsbeamter warnte, es werde in Zukunft „sehr schwer sein“, mit Deutschland zusammenzuarbeiten, „weil sie extrem dominant sein werden“. Bereits heute werde in Paris sarkastisch geäußert, Berlin müsse „das Elsass nicht mehr erobern“ – es könne es „einfach kaufen“. Nun komme jedoch auch noch die neue rüstungsindustrielle und militärische Stärke der Bundesrepublik hinzu. Auch aus Polen wurden besorgte Stimmen gemeldet. So äußerte etwa der stellvertretende Verteidigungsminister Paweł Zalewski, mit Blick auf die Geschichte habe „eine Situation, in der Deutschland seine ökonomische Kraft mit militärischer Macht verbinden könnte, stets Furcht geweckt“.[4] Immerhin besitze Polen heute die größten Landstreitkräfte Europas.

„Militärische Großmacht“

Vor knapp zwei Wochen hat nun die US-Zeitschrift Foreign Affairs die Konsequenzen der deutschen Hochrüstung thematisiert. Wie Liana Fix, Senior Fellow beim Council on Foreign Relations, urteilt, könne die Bundesrepublik, wenn sie ihren Hochrüstungskurs beibehalte, noch vor 2030 „eine militärische Großmacht“ werden.[5] Treffe man keine Vorkehrungen, dann könne „die deutsche militärische Dominanz schließlich Spaltungen innerhalb des Kontinents nähren“. Frankreich etwa fühle sich unbehaglich mit Blick auf die Tatsache, dass „sein Nachbar eine Militärmacht“ werde. Ähnlich gehe es „vielen Menschen in Polen“. Im schlimmsten Fall könne die Militarisierung der Bundesrepublik zu neuen Rivalitäten führen. „Frankreich, Polen und andere Staaten könnten versuchen, Deutschland auszubalancieren“, warnt Fix; vor allem Frankreich könne bestrebt sein, „sich als die führende Militärmacht des Kontinents zu behaupten“. Während Paris dabei den Schulterschluss mit London suchen könne, sei denkbar, dass Polen sich in Zukunft enger mit den baltischen oder den nordischen Staaten verbünde. All dies, stellt Fix fest, könne die Rivalität mit Deutschland verschärfen und „Europa gespalten und verwundbar“ zurücklassen. Die Möglichkeit, dass die AfD künftig in die Regierung gelange, verstärke bei den Nachbarstaaten die Furcht.

Alte Vorbehalte

Kurz darauf hat sich der altgediente deutsche Diplomat und derzeitige Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, den Warnungen angeschlossen.[6] „Der große Geldsegen im Verteidigungsbereich“, erklärte Ischinger, führe dazu, „dass Deutschland in den kommenden Jahren für sein Militär mehr als doppelt so viel wie Frankreich ausgeben wird“. In Gesprächen, die er in Frankreich oder auch in Polen führe, spüre er, „dass manchmal alte Vorbehalte wieder hochkommen“, berichtet Ischinger – „die Sorge vor deutscher Dominanz“. Ischinger rät deshalb dringend dazu, „mit Fingerspitzengefühl“ vorzugehen. So könne man, dies auch mit Blick auf die „aus polnischer Sicht … ungelöste Reparationsfrage“, angesichts der Mittel, die in Deutschlands Hochrüstung gesteckt würden, beschließen: „Ein kleiner Teil davon geht nach Polen.“ „Polen ist Frontstaat“, konstatiert Ischinger trocken; seine aktuelle „Verteidigungsleistung schützt auch uns“: „Wie wäre es denn, wenn Deutschland, in Anerkennung der Frontstaatrolle Polens, ein U-Boot, eine Fregatte oder einige Kampfpanzer an Warschau schenkt?“ Ischingers Vorschlag läuft auf den Plan hinaus, die Nachbarstaaten durch die Gewährung einer gewissen Teilhabe eng in die deutsche Hegemonie über den europäischen Kontinent einzubinden.

„Ein deutsches Europa“

Dafür könnte es schon zu spät sein. In Frankreich sind in den vergangenen Tagen Stimmen vor allem in konservativen und rechten Milieus laut geworden, die vor einer neuen deutschen Dominanz warnen. „Deutschland rüstet auf deutsche Art auf, das heißt massiv“, hieß es zu Wochenbeginn in der konservativen Tageszeitung Le Figaro.[7] „Der industrielle und finanzielle Alleingang Berlins und die Gefahr, dass die AfD … an die Macht kommt“, schrieb ein Kommentator in dem Blatt, „werfen einen Schatten auf die proeuropäischen Bekenntnisse der derzeitigen Regierungschefs.“ Am gestrigen Mittwoch warnte auf der Website des Journal du Dimanche der nationalkonservative Politiker Philippe de Villiers vor einem „deutschen Europa“.[8] Das Journal du Dimanche befindet sich seit 2021 im Besitz von Vincent Bolloré, einem Milliardär, der seit Jahren Frankreichs extreme Rechte unterstützt und auch das Journal du Dimanche auf Rechtskurs gebracht hat. In der Öffentlichkeit formiert sich Widerstand gegen die deutsche Dominanz demnach aktuell vor allem auf der Rechten, die nach Umfragen gute Chancen hat, die Präsidentenwahl 2027 zu gewinnen.

„Im sozialen Bereich sparen

Mit Blick auf die wachsenden Sorgen und den anschwellenden Unmut über die in Europa heraufdämmernde deutsche Dominanz hat sich am Montag Außenminister Johann Wadephul zu Wort gemeldet. Zu französischen Vorschlägen, die Aufrüstung in der EU über Eurobonds zu finanzieren, erklärte Wadephul: „Das wäre etwas völlig Neues“; dazu sei man „nicht bereit“.[9] Demnach kommt für Berlin lediglich eine nationale Verschuldung für eine eigene Hochrüstung in Frage, nicht aber eine Verschuldung auf EU-Ebene, die auch anderen EU-Staaten eine Militarisierung auf deutschem Niveau ermöglichte: Die Bundesregierung räumt dem Durchbruch Deutschlands als herausragende Militärmacht Vorrang ein. Gleichzeitig attackierte Wadephul Frankreich, sich dessen heikler Finanzlage vollauf bewusst, ganz offen: „Bedauerlicherweise sind die Anstrengungen auch in der französischen Republik“, stärker aufzurüsten, „bisher unzureichend“. Paris sei „aufgerufen …, auch im sozialen Bereich die ein oder andere Sparmaßnahme zu ergreifen“, auch „in anderen Bereichen zu sparen, um für das zentral wichtige Ziel der Verteidigungsfähigkeit Europas Luft zu haben“: „Da ist noch Luft nach oben.“

] De 32 milliards en 2017 à plus de 67 prévus en 2030… Comment le budget de la défense française a évolué ces dernières années. Franceinfo.fr 13.07.2025.

[2] S. dazu Militärrepublik Deutschland.

[3], [4] Chris Lunday, Jacopo Barigazzi, Laura Kayali, Paul McLeary, Jan Cienski: Germany’s rearmament upends Europe’s power balance. politico.eu 12.11.2025.

[5] Liana Fix: Europe’s Next Hegemon. foreignaffairs.com 06.02.2026.

[6] Thorsten Jungholt, Jacques Schuster: „Wie wäre es, wenn Deutschland Warschau U-Boot, Fregatte oder Kampfpanzer schenkt?“ welt.de 08.02.2026.

[7] L’éditorial de Philippe Gélie : « Faut-il s’inquiéter du réarmement de l’Allemagne ? » lefigaro.fr 16.02.2026.

[8] Philippe de Villiers: « L’Europe allemande ». lejdd.fr 18.02.2026.

[9] „Erst einmal Hausaufgaben machen“ – Wadephul attackiert Frankreich für „unzureichende Anstrengungen“. welt.de 17.02.2026.

Dieser Beitrag ist ersterschienen am 19. Februar 2026 bei German Foreign Policy. Wir danken für das Publikationsrecht.

Titelbild : Collage Peter Vlatten

Mit historischer Fantasie

Deutsche Neonazis kämpfen in der Ukraine und ziehen Parallelen zum Zweiten Weltkrieg

Von Marta Havryshko

Bild: Rechtsradikale Kampfverbände sind Teil der ukrainischen Verteidigung. Die Politik hat wenig Berührungsängste gegenüber den Waffen-Nazis. president.gov.ua

Im März 2022 fuhr ein deutscher Rechtsextremist namens Stephan in die Ukra­ine, als russische Truppen auf Kiew vorrückten. In Kiew traf er Denis Nikitin, alias White Rex, einen alten Bekannten aus der deutschen rechtsextremen Szene. Zu dieser Zeit verhandelte Nikitin mit dem ukra­ini­schen Militärnachrichtendienst HUR über die Gründung des späteren Russischen Freiwilligenkorps. In diesem sammelte Stephan seine ersten Kampferfahrungen.

Bald darauf schloss er sich dem 49. Infanteriebataillon »Karpaten-Sitsch« an, einer Einheit, die bekannt ist für ihre verbreitet rechte Gesinnung, und begann, ideologische Verbündete aus Deutschland zu rekrutieren. Diese Bemühungen mündeten schließlich in der Gründung des Deutschen Freiwilligenkorps (DFK). Ende 2025 wurde die Einheit in die 60. Mechanisierte Brigade eingegliedert, die Teil des Dritten Armeekorps unter dem Kommando von Andrij Bilezkyj ist, eine zen­trale Figur des rechts­extre­men Asow-Regiments in der Ukraine.

Was als Kriegseinsatz eines einzelnen Mannes begann, entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem organisierten Kanal für Rechts­extreme aus Deutschland an die Frontlinien der Ukraine. »Wir verteidigen nicht nur die Ukra­ine. Wir verteidigen Europa«, behauptet Stephan. Für ihn und seine Kameraden ist dieser Krieg eine verzerrte historische Fantasie. Besessen vom Nationalsozialismus und von ukra­ini­schen Nationalisten, die mit Nazi-Deutschland kollaborierten, stellen sie den russisch-ukra­ini­schen Krieg als Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs dar. In dieser Erzählung kämpft Deutschland erneut gegen das »Böse« im Osten, das nun als »neobolschewistisches« Russland unter Putin bezeichnet wird. Die Ukra­iner treten dabei als willige Verbündete auf – ganz so wie sich Hitler einst vorstellte, Kollaborateure aus der Sowjetunion gegen Moskau einzusetzen.4 Jahre Ukraine Krieg

Schüler lernen, wie man Drohnen steuert und repariert: Wir schildern, wie Russland und die Ukraine den militärisch-patriotischen Schulunterricht ausgebaut haben. In unserem Schwerpunkt finden Sie außerdem Beiträge über Kriegsgegner, Soldaten in der Politik und deutsche Neonazis in der Ukraine.  

Der Telegram-Kanal des DFK schwelgt offen in Nostalgie für Nazideutschland, verherrlicht dessen militärische Siege und feiert dessen politische und militärische Führer. Die Soldaten des DFK tragen Aufnäher mit den Insignien verschiedener Waffen-SS-Divisionen. Und die Symbolik auf dem Schlachtfeld ist ebenso eindeutig. DFK-Fahrzeuge tragen die Zahl 88 – den Code für »Heil Hitler« – neben der Zahl 14, eine Anspielung auf »Fourteen Words« (14 Wörter), eine Art rassistisches Glaubensbekenntnis von Anhängern der »White Supremacy«. Die Ideologie der Gruppe wird verstärkt durch ihre engen Verbindungen zur neo­nazis­ti­schen Partei Der Dritte Weg, von der sie unterstützt wird. Einige Parteimitglieder sollen sogar eine paramilitärische Ausbildung innerhalb des DFK erhalten.

Der Kommandeur des DFK nennt sich einfach Stepan. Sein Benutzername auf der Plattform X, Sepp Dietrich, spielt offensichtlich auf Josef Dietrich an, den Kommandeur des 1. SS-Panzerkorps – eine Figur, die auf dem offiziellen Tele­gram-Kanal des DFK offen verherrlicht wird. Sein Körper ist mit tätowierten Hakenkreuzen und SS-Runen bedeckt; seine Brust liest sich wie ein Feldführer zu den Insignien der Waffen-SS. Darunter findet sich das Em­blem der 5. SS-Panzer-Division »Wiking«, einer Truppe, die für zahlreiche Verbrechen an der Ostfront, auch in der Ukra­ine, verantwortlich ist. Ein weiteres Tattoo – der sogenannte galizische Löwe – steht in Verbindung mit der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (1. Galizische), deren Mitglieder Kriegsverbrechen in der Ukra­ine, der Slowakei, in Polen und dem ehemaligen Jugo­sla­wien verübten.

Stepan ist außerdem offen antisemitisch. In den sozialen Medien belästigt er mich, eine Holocaust-Forscherin, mit Drohungen, Beleidigungen und vulgären Witzen über gestreifte Pyjamas – eine offensichtliche Anspielung auf die Vernichtungslager der Nazis und den Holocaust. Auf die Frage, warum er auf mich fixiert ist, antwortet er unverblümt: »Ich mag es, Hakennasen zu ärgern.« Im Neonazi-Slang ist die Bedeutung unmissverständlich.

Stepans tätowierte Brust liest sich wie ein Feldführer zu den Insignien der Waffen-SS.

Trotz der offen extremistischer Ansichten seiner Mitglieder darf das DFK in der Ukra­ine nicht nur kämpfen, sondern auch politische Netzwerke knüpfen. Am 24. August 2024, dem Unabhängigkeitstag der Ukra­ine, nahmen Vertreter des DFK in Lwiw an einer Konferenz teil, die vom neonazistischen Netzwerk Nation Europa organisiert wurde. Zu ihnen gesellten sich andere rechts­extreme militärische Formationen, die unter der Aufsicht des HUR operieren, darunter das Russische Freiwilligenkorps und das Belarussische Freiwilligenkorps.

Die ukrainische Seite war ebenso aufschlussreich. Zu den Teilnehmern gehörten Personen, die mit der 3. Sturmbrigade – mit Wurzeln in der Asow-Bewegung – in Verbindung stehen, sowie Mitglieder der neonazistischen Gruppe C14. Zu den deutschen Teilnehmern gehörten Vertreter der neonazistischen Partei Der III. Weg und der Gruppe Avantura. Auf der Gästeliste standen auch die italienische neofaschistische CasaPound und andere.

Es ist schwer zu glauben, dass dieses Treffen ohne das Wissen der ukra­ini­schen Sicherheitsdienste stattfand. Es waren aktive Soldaten anwesend, viele davon in Führungspositionen. Einige kamen aus Einheiten, die direkt dem Militärgeheimdienst unterstellt sind. Ausländische Extre­mis­ten passierten die ukra­ini­sche Grenze während des Krieges, um daran teilzunehmen. Und jede beteiligte Gruppe floss direkt in die Kreml-Propaganda über »grassierenden Nazismus« in der Ukra­ine mit ein. Eine solche Veranstaltung konnte nur mit hochrangiger Zustimmung stattfinden, nachdem die politischen Kosten gegen die militärischen Vorteile abgewogen worden waren.

Die plausiblere Erklärung ist, dass es sich um eine Rekrutierungsmesse han­delte. Angesichts einer sich verschärfenden Mobilisierungskrise und steigender Desertionsraten scheint die Regierung Selenskyjs zunehmend bereit zu sein, gefährliche Kompromisse einzugehen – indem sie rechts­extreme Militante aus Westeuropa umwirbt, die nach Legitimität, Gewalt und Zugang zu Waffen streben.

Was sich hier abzeichnet, ist kein Zufall oder Versehen, sondern ein kalkuliertes Risiko: der Tausch langfristiger demokratischer Glaubwürdigkeit gegen kurz­fris­tige Arbeitskräfte auf dem Schlachtfeld. Der Preis dieser gefährlichen Allianz wird sich erst mit der Zeit zeigen. Gut ausgebildete Extre­mis­ten mit Kriegstraumata ziehen sich selten still und leise zurück. Sie könnten kampf­erprobt, vernetzt und radikalisiert nach Deutschland zurückkehren.

Erstveröffentlicht im nd v. 20.2. 2026
Mit historischer Phantasie

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung