Der Sprengstoff unserer Zeit: Wenn Jüngere glauben, weniger Zukunft zu haben als Ältere

Im Oktober 2023 veröffentlichte die Otto-Brenner-Stiftung die Studie „Auf der Suche nach Halt“. Sie befasst sich mit der Frage, wie sich die aktuelle gesellschaftliche Krisenentwicklung auf die Nachwende-Generation in Ost und West auswirkt.

Von Ulrike Eifler

Die Studie gibt einen feinsinnigen Einblick in das Krisenerleben der Menschen. Sie arbeitet dabei die destruktive Wucht heraus, der viele seit der Corona-Pandemie ausgesetzt sind. Dabei wird klar: In der von vielen empfundenen Dauerkrise treffen eine aufgestaute Unzufriedenheit und das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit ungebremst aufeinander. Wenn junge Erwachsene glauben, dass sie weniger Zukunft haben als die ältere Generation, obgleich sie faktisch doch die meiste Lebenszeit vor sich haben, dann birgt das ein gesellschaftliches Eruptionspotential, das politisch handelnde Akteure wie Parteien oder Gewerkschaften nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern bei Strategiebildung und Entscheidungsfindung berücksichtigen müssen.

Gesellschaftliche Krisensituation

Der Studie gelingt es, anschaulich herauszuarbeiten, wie sehr sich die gesellschaftliche Krisensituation mental verfestigt hat. Ein eklatantes Krisenempfinden geht inzwischen bei vielen mit dem Verlust von Gewissheiten einher. Längst gibt es auf vermeintliche Sicherheiten keine Garantien mehr. Zuvor Unvorstellbares wie Pandemien, die ganze Gesellschaften lahmlegen, oder Kriege, die nicht mehr nur am anderen Ende der Welt, sondern inzwischen in unmittelbarer Nachbarschaft stattfinden, ist plötzlich zur Realität geworden. Zusätzlich führen die Erfahrung von Energieknappheit, Inflationsentwicklung, wirtschaftlicher Stagnation und Klimakrise zu Existenzängsten.

Die auf Dauer gestellte Krise geht für viele mit dem Gefühl der Machtlosigkeit einher. Bereits aus früheren Studien wissen wir: 74,5 Prozent der Menschen sind der Meinung, dass sie keinen Einfluss auf die Politik haben. In Ostdeutschland sind es sogar 81 Prozent. Doch wenn Krisenkonstellationen zunehmen und zugleich individuelle Ohnmachtsgefühle steigen, dann hat das negative Auswirkungen auf das individuelle Lebensgefühl. Und tatsächlich: Die Zuversicht in die eigene Zukunft und das Vertrauen in die gesellschaftliche Stabilität schwinden unter den beschriebenen Rahmenbedingungen. Waren 2019 noch drei von vier Jugendlichen zwischen 16 und 23 Jahren mit dem „Funktionieren der Demokratie“ zufrieden, sind es 2022 nicht einmal mehr die Hälfte. Dabei sind ostdeutschen Jugendliche noch seltener zufrieden als gleichaltrige Westdeutsche – fast zwei Drittel fühlen sich von „der Politik“ vernachlässigt. Dass die AfD in Ostdeutschland die stärkste politische Kraft in der Altersgruppe unter 30 Jahren ist, dürfte mit dieser Entwicklung zu tun haben.

Zuversicht und Zukunftsoptimismus

Am Anfang dieser Krisenbestandsaufnahme steht fraglos die Corona-Pandemie. Bis dato schaute die Nachwende-Generation optimistisch in die eigene Zukunft – das galt für Ost und West gleichermaßen. Mit Beginn der Pandemie jedoch setzte ein Prozess ein, der die Grundvoraussetzungen für ein gutes Leben sukzessive in Frage stellte: Wie ein riesiger Scheinwerfer leuchtete die Pandemie das seit Jahrzehnten bestehenden Infrastrukturdefizits aus. Dennoch blieben die notwendigen Investitionen in Schulen, Universitäten, ÖPNV und Gesundheitssystem, kurz: in all die Bereiche, die die gesellschaftliche Krisenresilienz hätten stärken können, aus. Begleitet wurde diese Situation zudem von der individuellen Sorge vor weiteren Verschlechterungen, bis hin zum wirtschaftlichen Abschwung, der auch auf das eigene Leben durchschlagen könnte.

Diese Atmosphäre von Sorgen und Ungewissheiten animiert mittlerweile viele Menschen zu einer Suche nach Schutzstrategien, die zu mehr Stabilität und Sicherheit führen sollen: der Rückzug ins Private, die Suche nach dem Ausbildungs- und Studienplatz, die Finanzierung von Bildung, Familiengründung, beruflicher Aufstieg, Ersparnisse, das Streben nach einem Eigenheim. All dies wird zur individuell beeinflussbaren Gegenstrategie gegenüber dem Gefühl der gesellschaftlich herbeigeführten Schutzlosigkeit. Wenn die Maßnahmen gegen den Klimawandel, der Ausbau des Katastrophenschutzes, die Vermeidung von Versorgungsengpässen oder die Vorsorge vor Extremereignissen aufgrund von politischer Unterlassung oder falscher Schwerpunktsetzung ausbleiben, dann muss der Schutz in die eigene Hand genommen werden.

Doch je stärker diese individuellen Strategien auf die strukturellen Hürden der kaputt gesparten Gesellschaft treffen, desto mehr verdichten sie sich zu Leistungs- und Konkurrenzdruck. Knapper Wohnraum und Mietkosten, die schneller steigen als die eigenen Einkommen, vergrößern die individuelle Schutzlosigkeit. Eine Betreuungssituation in den Kitas, auf die sich junge Eltern heute nicht mehr verlassen können, erweist sich als große familiäre Belastungsprobe. Steigende Energie-, Sprit- und Lebensmittelpreise verengen finanzielle Spielräume. Angesichts dieser Entwicklungen werden der Krieg in der Ukraine, der fortschreitende Klimawandel, Künstliche Intelligenz, demographischer Wandel oder Fachkräftemangel zu einem anstrengenden Hintergrundrauschen – vordergründige Herausforderung bleibt die Bewältigung des Alltags.

Vertrauen in Politik und Demokratie

Dieser Widerspruch zwischen dem Gefühl der Schutzlosigkeit einerseits und der individuellen Suche nach Stabilität sowie erschöpften gesellschaftlichen Strukturen andererseits führt zu einer spürbaren Krisenmüdigkeit, die zunehmend in Überforderung und Unzufriedenheit ihren Ausdruck findet. Je stärker dabei die Notwendigkeit wird, im Angesicht von Krisenhäufigkeit und -intensivität die sozialen Sicherungssysteme zu stärken und je mehr sich „die Politik“ als unfähig erweist, genau dies zu tun, desto stärker leidet darunter das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit gesellschaftlicher Strukturen.

Nicht zufällig also blicken diejenigen, die sich den Krisenentwicklungen schutzlos ausgesetzt sehen, negativ auf die gesamtgesellschaftliche Zukunft. Aus dem gebrochenen Versprechen, dass es zukünftigen Generationen einmal besser gehen wird, lassen sich weder eine positive Zukunftserzählung noch gesellschaftliche Zuversicht generieren. Im Ergebnis dieser Entwicklung assoziiert die Nachwendegeneration mit Politik etwas Negatives. Viele der Befragten berichten von spürbaren Vertrauensverlusten. Sie zeigen sich politisch enttäuscht, teils sogar verdrossen. Während sich insbesondere junge Erwachsene oftmals übersehen und vergessen fühlen, heißt es über Parteien und Politiker, sie seien durch Vetternwirtschaft und Lobbyismus beeinflusst. Reale Erfahrungen der Ungleichbehandlung verdichten sich zu einem ausgewachsenen Vertrauensverlust in die Politik bis hin zu einem vollständigen Ablösungsprozess vom Glauben an die Regulierungsfähigkeit der repräsentativen Demokratie. So haben nicht wenige Sorge, dass die gesellschaftliche Stimmung kippen könnte, ohne konkret definieren zu können, was das genau bedeutet. Andere äußern fast schon den Wunsch nach einem gesellschaftlichen „Knall“, den sie als Befreiungsschlag aus der angespannten Situation empfinden würden, der aber ebenfalls undefiniert bleibt.

Fazit

Die OBS-Studie gibt einen unverstellten Blick auf den tief sitzenden sozialen Sprengstoff der komplexen gesellschaftlichen Krisensituation aus Klimawandel, Krieg und sozialer Polarisierung. Weil Menschen erfahren, dass sie im Unterschied zu anderen zu kurz kommen, grenzen sie sich zum Teil nach unten ab und verarbeiten ihre Unzufriedenheit autoritär. Hinzu kommt das Fehlen von Selbstwirksamkeitserfahrungen, also Streiks, Bürgerinitiativen, Sozialproteste – Erfahrungen, in denen die Menschen spüren, dass Einflussnahme möglich ist, und an dieser Erfahrung wachsen. Ihr Fehlen führt dazu, dass viele Menschen politische Beteiligung auf Wahlen reduzieren. Je weniger politische Entscheidungen zur Stabilisierung von Lebensentwürfen beitragen, desto mehr assoziieren die Menschen mit Politik ein Gefühl von Machtlosigkeit. Nicht zufällig äußern die Befragten, Politik habe Einfluss auf ihr Leben, aber sie haben keinen Einfluss auf Politik. Politik scheint zur Fremd- statt zur Mitbestimmung geworden zu sein.

Im Kern besteht die gesellschaftliche Wucht also in einer aufgestauten Unzufriedenheit, die begleitet wird durch das wachsende Gefühl der eigenen Machtlosigkeit. Daraus erwachsen große Belastungen für jeden einzelnen, aber auch für das Fundament unserer Gesellschaft. Moderne Demokratien müssen eine positive Zukunft in Aussicht stellen können, denn es gab und gibt keine Demokratie ohne ein solches Versprechen, so das Fazit der Studie.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie fatal es war, nach 1990 das Zusammenwachsen zwischen Ost und West vorrangig als idealistischen Prozess zu organisieren. Appelle an die gemeinsamen Werte sollten den Einigungsprozess beschleunigen, während die materielle Basis, auf der Alltagserfahrungen gemacht und Zukunftsperspektiven versprochen wurden, sukzessive abgetragen wurde. Der Strukturbruch in Ostdeutschland nach 1989, der aus der Zerschlagung betrieblicher Strukturen, der Zerstörung sozialer Sicherheiten und der Missachtung betrieblicher Mitbestimmung bestand, hat sich als tönender Boden für die Stabilisierung der Nachwende-Demokratie in der gesamten Bundesrepublik erwiesen. Mehr noch: Er hat sich im Klangbecken weiterer gesellschaftlicher Unwägbarkeiten zu gesamtgesellschaftlichen Schwingungen von besorgniserregender Tragweite verstetigt. Politische Akteure wie Parteien, Gewerkschaften, aber auch soziale Bewegungen, die in gesellschaftliche Prozesse verändernd eingreifen wollen, sind gut beraten, diese wirklich herausragende Studie der Otto-Brenner-Stiftung, „Auf der Suche nach Halt“, sorgfältig zu lesen und für die eigenen Strategieüberlegungen zu berücksichtigen.

Quelle: „Die Freiheitsliebe“ v. 26.4. 2024
https://diefreiheitsliebe.de/gesellschaft/der-sprengstoff-unserer-zeit-wenn-juengere-glauben-weniger-zukunft-zu-haben-als-aeltere/

Wir danken der Autorin für das Publikationsrecht.

12.05.2024: Israel*innen und Palästinenser*innen gedenken gemeinsam der Opfer

Es gibt nicht wenige Israel:innen und Palästinser:innen, die die Vision eines gemeinsamen Eintretens für ein gemeinsames friedliches Miteinander in einem gemeinsamen Land „from the river to the sea“ verfolgen. Ob man eine friedliche selbstbestimmte Zukunft in zwei unabhängigen, sich gegenseitig auf Augenhöhe respektierenden Staaten sieht oder in einem gemeinsamen Land, ist Entscheidung der Betroffenen selbst. In jedem Fall gibt es nur eine Zukunft, wenn sich Israel:innen und Palästinser:innen, Jüd:innen und Muslim:innen zusammentun. Um die gegenwärtigen Kriegstreiber, Machthaber und Unterdrücker auf allen Seiten los zu werden. Um sich von jeglicher geostrategischer Instrumentalisierung – sei es vom Westen oder von Regionalmächten wie dem Iran – zu lösen. Um die Spirale von Hass, Spaltung und gegenseitiger Gewalt zu beenden. Und es beginnt nicht zuletzt damit, dass alle gemeinsam um ALLE Opfer trauern.

Als Jüd:innen diese Vision „Vom Fluss bis zum Meer sind alle Menschen gleich!“ auf einer Demonstration letzten November skandierten, wurden sie von der Berliner Polizei wegen Antisemitiscber Parolen verhaftet.

Am 7.Mai sollte um die aktuellen Opfer von Rafah öffentlich getrauert werden. Der Ort wurde von der Berliner Polzei so kurzfristig verlegt, dass diese gemeinsame Trauer in der geplanten Form und Größe nicht mehr stattfinden konnte.

Am 12. Mai 2024 um 19:30 findet nun per online weltweit ein gemeinsames Gedenken an die Opfer von Israe:linnen und Palästinenser:innen statt.

Hier der Aufruf von „Combatants for Peace“ und des „Parents Circle – Familienforum“:

Werden Sie Teil der weltweiten gemeinsamen Gedenkzeremonie!

Die „Combatants for Peace“ und das „Parents Circle – Familienforum“ laden zur 19. gemeinsamen israelisch-palästinensischen Gedenkfeier ein. Die diesjährige Zeremonie wird am 12. Mai 2024 um 19:30 Uhr deutscher Zeit stattfinden. Aus Sicherheitsgründen findet die Zeremonie in diesem Jahr virtuell statt. Die Veranstalter rufen dazu auf, Vorführungen in privaten Wohnzimmern und öffentlichen Räumen in Palästina, Israel und auf der ganzen Welt zu organisieren. In Köln lädt das forumZFD ins Bürgerzentrum Ehrenfeld ein.

Was ist die gemeinsame israelisch-palästinensische Gedenkzeremonie?

Yom Hazikaron, der israelische Gedenktag, ist ein feierlicher Tag, an dem die Israelis derer gedenken, die sie in den Jahren des Krieges und der Gewalt verloren haben. Traditionell wird dabei die palästinensische Perspektive ausgeblendet. Die Gedenkfeiern in Israel ehren nur die eigenen Opfer. Doch dies führt beide Seiten nur noch tiefer in die Spaltung und Verzweiflung.

Die gemeinsame Gedenkfeier, die von den Combatants for Peace und dem Parents Circle – Familienforum veranstaltet wird, verändert dieses Narrativ, indem sie Palästinenser*innen in die israelische Gedenkfeier einbezieht. In der Einladung heißt es: „Indem wir Seite an Seite trauern, versuchen wir, Verzweiflung in Hoffnung zu verwandeln und Brücken des Mitgefühls und der Menschlichkeit zu bauen.“

Die gemeinsame Gedenkfeier ist die größte israelisch-palästinensische Friedensveranstaltung in der Geschichte.

Letztes Jahr nahmen 15.000 Menschen vor Ort daran teil, 300.000 Menschen verfolgten die live übertragene Veranstaltung und über eine Million Menschen sahen sich die Aufzeichnung anschließend an. 

Durch die Anerkennung des Schmerzes derer, die auf der anderen Seite leben, bietet die gemeinsame israelisch-palästinensische Gedenkzeremonie uns allen die Möglichkeit, einen neuen Weg einzuschlagen – den Weg des Respekts, der Empathie, der Freiheit – und letztlich des Friedens. In dieser Zeit unermesslichen Leids und Schmerzes bietet die bevorstehende Gedenkfeier einen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft.

Live-Übertragung von zuhause anschauen oder eigene Veranstaltung anmelden

Mitunterstützer Forum Ziviler Friedensdienst e.V.

Protest gegen Betriebsratsmobbing vor dem Haus der Deutschen Wirtschaft!

Titelfoto Hermann Nehls

Am 4.Mai 2024 fand ein Protest vor dem Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin gegen das Betriebsratsmobbing bei ProMinent statt. Hauptmiteigentümer von ProMinent ist BDA Päsident Rainer Dulger. Mit beim Protest auch Kolleg:inen vom Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin und dem Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin. Im Aufruf von Work Watch e.V. hiess es:

„Jetzt sind es nur noch drei von ehemals zwölf Betriebsräten beim Heidelberger Dosierpumpenhersteller ProMinent. Und die nächsten stehen auf der Abschussliste. Ein Fall von Betriebsratsmobbing unter vielen, ja. Hier aber besonders brisant: Miteigentümer von ProMinent mit 48 Prozent ist Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA). Er hält sich raus – obwohl auch er Millionen an ProMinent verdient. Treibende Kräfte des BR-Mobbing sind die beiden Geschäftsführer: Andreas Dulger, der Bruder des BDA-Präsidenten, und Benedikt Nagel, ein Jurist, der vorher für die Arbeitgeber-Kanzlei Hogan Lovells tätig war.“

Zur akutellen Situation im Betrieb berichtet Work Watch e.V.:

„Die Angst vor Auslagerung einiger Produktionsabteilungen geht unter den Beschäftigten um: Prominent hat schon seit vielen Jahren weltweit Standorte aufgebaut – auch im chinesischen Daylan. Doch was und wie viel ProMinent dort produziert, wissen die Heidelberger Beschäftigten nicht. Auch die Betriebsräte im Wirtschaftsausschuss erhalten dazu keine Zahlen.

Immer wieder kommen Unternehmensberater, krempeln die Arbeitsprozesse um, ohne mit den Beschäftigten zu sprechen, ziehen wieder ab und hinterlassen Chaos und Stress. Viele der jetzt gemobbten Betriebsräte hatten immerhin erreicht, dass einige Änderungen wieder rückgängig gemacht werden mussten.

Jetzt ist die Leonardo Group da. Sie setzt auf Konzepte des US-Managers Jack Welch (Spitzname wegen seiner rücksichtslosen Union-Busting-Methoden: „Neutronen-Jack“ in Analogie zu einer Neutronenbombe). In einem Analysepapier für ProMinent ist von einem Komplettumbau des Unternehmens und „Outsourcing und Verkauf von Unternehmensteilen“ die Rede. Dabei dürften „keine Kompromisse“ eingegangen werden, „Grausamkeiten bestimmen den Erfolg“ und müssten „in einem Schnitt erfolgen“.

Betriebsräte, die sich für die Belegschaft engagieren, stören bei den Umbauplänen und werden kalt gestellt. Mit dramatischen Folgen für die Betroffenen, die sich u.a. in stationäre psychische Behandlung begeben mussten.

Günter Wallraff unterstützte die betroffenen Betriebsräte mit einem offenen Brief (https://www.work-watch.de/2023/06/jetzt-mit-link-unterschriftenkampagne-offener-guenter-wallraff-zu-prominent/), den dreitausend Betriebs- und Gewerkschaftsaktive unterschrieben haben – darunter ganze Betriebsratsgremien. Die Unterschriftenliste wurde im Anschluss an die Protestaktion Bundesarbeitsminister Hubertus Heil übergeben.

Presserklärung des Komitees „Solidarität gegen Betriebsrats-Mobbing!“ und Work Watch e.V. zu den Aktionen am 4.Mai:


Berlin, 4. Mai 2024, Betriebsrats-Mobbing und Gewerkschaftsbekämpfung, die systematische Unterdrückung und Sabotage von betrieblichen Interessenvertretungen müssen verhindert und bestraft werden – Liste von Unternehmen, die gezielt Betriebsräte bekämpfen, und Unterschriftenliste zum Betriebsrats-Mobbing beim Heidelberger DosieranlagenherstellerProMinent an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil übergeben. Auf der Bundeskonferenz der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeit (AfA) am 4. Mai 2024 in Berlin konnten Vertreter der AfA, des Mannheimer Komitees „Solidarität gegen Betriebsrats-Mobbing!“ und von Work Watch eine lange Liste von Unternehmen und Anwaltskanzleien, die gezielt Betriebsräte bekämpfen, und Tausende Unterschriften des Offenen Briefs von Günter Wallraff zumBetriebsrats-Mobbing beim Heidelberger Dosieranlagenhersteller ProMinent der Familie Dulger unter großem Beifall der Delegierten aus ganz Deutschland persönlich dem Bundesarbeitsminister überreichen.


Nach seinem Redebeitrag auf der Konferenz stand Hubertus Heil den Übergebern zum Austausch zur Verfügung. Der Bundesarbeitsminister sagte zu, wegen des Betriebsrats-Mobbings das Gespräch mit Verantwortlichen auf Arbeitgeberseite zu suchen und die davon Betroffenen sowie die Unterstützer des Offenen Briefes über das Ergebnis des Gesprächs zu informieren. Außerdem kündigte er an, noch vor Ende der Legislaturperiode die Initiative zur Aufwertung des § 119 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) in Angriff zu nehmen.

Die SPD hat in ihrem Zukunftsprogramm beschlossen, den Kündigungsschutz für Betriebsräte auszuweiten und eine Behinderung von Betriebsräten starker zu verfolgen. Dies ist nun nach dem Koalitionsvertrag der Ampel umzusetzen, indem die Behinderung der demokratischen Mitbestimmung künftig als Offizialdelikt eingestuft werden soll – d. h. von Staats wegen verfolgt werden muss.

Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung eines modernen Betriebsverfassungsgesetzes. Bei einer gesetzlichen Novellierung müssen allerdings weitergehende Punkte mit aufgenommen werden. So beschlossen die Delegierten der AfA-Konferenz unter anderem die Forderungen nach einer Beweislastumkehr bei Behinderung oder Störung der Wahl oder Arbeit eines Betriebs-/Personalrats sowie die Strafbarkeit der „fahrlässigen Betriebsratsbehinderung”.

Erforderlich ist zudem, dass Unternehmensberater, Anwaltskanzleien, Arbeitgeberverbände und Wirtschaftsdetekteien, die durch ihr Handeln, die demokratischen Mitbestimmungsrechte missachten, bestraft werden. Rechtsanwaltskammern sind anzuhalten, in ihren Standesordnungen den Gebührenanspruch für Rechtsanwälte ausschließen, wenn diese mit den Methoden des „Union Busting“ (Gewerkschaftsbekämpfung) werben oder diese zur Befriedigung von Mandanteninteressen gesetzeswidrig anwenden.

Solches Unrechtsverhalten muss künftig in Ausschreibungs- und Vergabeverfahren als Ausschlusskriterium negativ berücksichtigt werden.

Seit einigen Jahren häufen sich die Fälle von BR-Mobbing und Gewerkschaftsbekämpfung. In einigen Branchen ist die Behinderung oder Vermeidung von Betriebsräten und der gewerkschaftlichen Organisierung inzwischen gängige Praxis. Juristische Folgen hat das kaum. Die im Betriebsverfassungsgesetz vorgesehenen Sanktionen werden nur in den seltensten Fällen durchgesetzt. Obwohl sie ganz offensichtlich gegen geltendes Recht verstoßen, kommen die Unternehmensleitungen also meist straffrei davon.Knapp 3.000 Unterschriften allein zum Betriebsrats-Mobbing bei ProMinent waren zusammengekommen. Dabei handelt es sich nicht um zufällig eingesammelte Unterschriften. Ganze Betriebsratsgremien haben den Brief gemeinsam diskutiert und unterzeichnet, außerdem zahlreiche bekannte Gewerkschafter wie Jürgen Kerner, 2. Vorsitzender der IG Metall, und der renommierte Arbeitsrechtler Wolfgang Däubler.


Vor der Übergabe der Unterschriften an Bundesarbeitsminister Heil hatten mehrere Betriebsräte und Gewerkschafter:innen vor dem Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin eine Protestaktion durchgeführt. Sie wiesen darauf hin, dass dort mit der BDA, dem BDI und der DIHK die Organisationen sitzen, die kein Interesse an einem aufgewerteten § 119 BetrVG haben. Denn dann würden sich unter anderem auch die Verantwortlichen für das Betriebsrats-Mobbing bei ProMinent der realen Gefahr einer strafrechtlichen Verfolgung aussetzen.

Pressekontakte und Gesprächspartner:
Komitee „Solidarität gegen Betriebsrats-Mobbing!“,
Gerhard Klas, Work Watch e.V.

weitere Infos zum BR Mobbing : https://gegen-br-mobbing.de/

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