Trump und der Zerfall rationaler Politik

Trumps mentale Erkrankung und die Logik des Populismus.

Vorbemerkung der FORUMS-Red: Wer wissen will, warum und wie das Machterhaltsstreben von Fraktionen der herrschenden Klasse in den USA den Irrationalismus produziert und ein verantwortungsloses, unfähiges und hochgefährliches Führungspersonal in Amt und Würden spült, wird hier fündig. Hans-Peter Waldrich ist eine überzeugende Analyse gelungen. Etwas länger, aber lohnend. (JG)

Von KLAUS-PETER WALDRICH

Titelbild: Rawpixel

Verkommt Politik zum demagogischen Illusionstheater, regiert die Inkompetenz. Sie ist die Folge einer Enttäuschung über die Demokratie und des Versuchs interessierter Kreise, diese in die Zustimmung zur Diktatur umzumünzen. Ein psychisch erkrankter Egomane leistet gute Dienste.

Schauen wir uns an, was Trump da veranstaltet: Trump ist ein kranker alter Mann. Statistisch gesehen überlebt er die nächsten fünf Jahre nicht. Wie alle sehr alten Leute wankt er – bildhaft ausgedrückt – am Rand des Grabs dahin, eine Allegorie unserer Endlichkeit. Doch je deutlicher er dem finalen Zusammenbruch entgegen geht, desto dröhnender mimt er den Übermenschen.

Insuffizienz in Dominanz verwandeln

Ein Problem gewiss, aber nicht nur sein privates. Eine beträchtliche Anzahl von US-Wählern will ja, dass jemand ein allgemeines Thema stellvertretend für viele in genau dieser Weise auf öffentlicher Bühne vorführt. Der Titel dieser Veranstaltung könnte so lauten: Wie schafft man es, die eigenen Niederlagen in Überlegenheit zu verwandeln? Wie lügt man sich aus der eigenen Ohnmacht heraus und erlebt sie stattdessen als beispiellose Dominanz?

Ich denke zunächst an die Trump-Wähler im so genannten „Rust Belt“ der USA, dem früheren Manufacturing Belt. Aus einst mittelständischen Arbeitern wurden Verlierer auf der ganzen Linie. Männer, die selbst oder deren Väter stolz darauf waren, Alleinernährer ihrer Familien zu sein, wurden arme Leute, die während der „Bankenkrise“ oft sogar ihre Häuser aufgeben mussten. Zurück blieb das Gefühl, einfach nichts mehr wert zu sein.

Doch wer auch immer regierte, Republikaner oder Demokraten, sie waren kaum am Schicksal derer interessiert, die die negativen Folgen ihrer Politik zu tragen hatten. Das US-System orientierte sich an den Interessen jenes einen Prozents, bei dem sich der Großteil der Vermögen und der Einflussmöglichkeiten angesammelt hatte. Bis zur neoliberalen Wende unter US-Präsident Ronald Reagan 1980 beruhte diese Ungleichverteilung von Geld und Macht immerhin noch auf einem bescheidenen Kompromiss mit den Lohnabhängigen.

Seit Kündigung dieses relativen Ausgleichs hat sich die Umverteilung von unten nach oben extrem beschleunigt. 2022 besaß die untere Hälfte der US-Bevölkerung nur noch einen Anteil von lediglich 2,9 Prozent des Volksvermögens. Ein Drittel der Familien war nicht imstande, unerwartete Ausgaben von 400 Dollar aufzubringen. Jeder dritte Erwachsene hatte eine Zahnbehandlung ausgelassen, weil er sie sich nicht leisten konnte.

Schon lange vegetieren die völlig Verarmten in langen Zeltreihen auf den Gehsteigen der großen Städte oder besitzen nur noch ihr Auto, in dem sie auf Parkplätzen „wohnen“ – und das obwohl sie einem Job nachgehen. Für alle anderen sind sie eine deutliche Drohung, wie heftig der Absturz ins Abseits auch diejenigen überwältigen kann, die noch einigermaßen zurechtkommen.

Trump ist ein Krankheitssymptom

Ohne diese tief gekränkten Menschen gäbe es keinen Donald Trump. So gesehen ist Trump ein Krankheitssymptom. Es zeigt jenen Zustand an, der die soziale Spaltung an einem bestimmten Punkt in die plutokratische Autokratie kippen lässt. Das ist nicht das Endstadium des Kapitalismus, aber seine Verwandlung in die offene Diktatur.

Während in der Phase des Kompromisses mit den Lohnabhängigen ein begrenztes Maß an öffentlicher Kontrolle etwa durch die Parlamente oder die Gerichte möglich war, werden diese institutionellen Hemmungen nun geschreddert. Übrig bleibt die brutale und unverhohlene Dominanz jener Miniminderheit, die sich fast alles, was ein Volk zum Leben braucht, unter den Nagel reißen konnte.

Zur gleichen Zeit sind die USA als Militärmacht weltweit – die genaue Zahl ist unbekannt –  auf über 800 Militäreinrichtungen in mehr als 90 Ländern aktiv und verschleudern den Reichtum des Landes in kriegerischen Unternehmungen. Nicht im Traum verfallen die herrschenden Eliten auf den Gedanken, mit dem gleichen Aufwand an Ressourcen die Armut in den USA anzugehen. Allenfalls um ihre Wählerbasis sind sie besorgt, aber die lässt sich manipulieren, wofür Trumps Massenerfolg ein Beispiel ist. Denn Trump  – hier befindet sich der größte Irrtum seiner Anhänger – ist kein Rebell gegen das Bisherige, er vertritt aus der gleichen Schicht des Geldadels, die zuvor schon bestimmend war, lediglich eine andere Fraktion.

Der neue Irrationalität

Der Moment, in dem dieser Fraktionswechsel stattfindet, trifft auf den Niedergang der US-Hegemonie. Wie ein verendender Riese schlägt die Großmacht um sich. Und deutlich tritt ein Charakterzug des Systems in den Vordergrund, welcher der Richtung der US-Politik ihre grundsätzlich neue Färbung verleiht: ihre Irrationalität.

Dabei verwandelt sich der gesamte politische Prozess in ein Feld von Entscheidungen, das keiner nachvollziehbaren Logik mehr folgt. Die ans Ruder gekommenen Teileliten des Reichtums sind Amateure, die selbst ihre eigenen Interessen kaum mehr sinnvoll zu vertreten verstehen. Die als „erratisch“ bezeichnete Politik Trumps ist nicht nur Ausdruck seiner persönlichen Defizite, sondern zugleich der neuen Orientierungslosigkeit der US-Eliten, die über kein rationales Konzept mehr verfügen.

Diese Irrationalität hat zwei Ebenen: Sie betrifft zum einen die Art, in der das Führungspersonal bestellt wird, zum anderen die Entscheidungsebene selbst. Völlig um ihre Urteilsfähigkeit gebrachte Wähler identifizieren sich mit Kandidaten, die sich durch keinerlei Kompetenzen auszeichnen und die auch nicht vorhaben, ihre Wähler tatsächlich zu vertreten. An die Spitze gelangt eine Negativauswahl aus dem Upperclass-Milieu, die große Politik als Reality-Show inszeniert. Weltpolitik wird zum Spielball eines winzigen Zirkels von Dilettanten, die sich aus Begegnungen auf Golfplätzen kennen und glauben, dass Politik die Fortsetzung geschäftlicher Transaktionen mit anderen Mitteln ist. Auffallend viele Immobilienhaie sind dabei.

So verwandelt sich das Regieren im US-System in eine Veranstaltung, in der nur noch das demagogische Moment zählt, sowie der Machtmissbrauch auf Gegenseitigkeit. Wer Zugang zu jenen Clubs reicher Privatleuten hat, aus denen sich auch die Epstein-Mischpoke rekrutierte, betritt ein Netzwerk, das gewissermaßen jenseits von Gut und Böse operiert und dadurch zusammengehalten wird, dass jeder gegen jeden etwas in der Hand hat, was bei Abweichungen öffentlich gemacht werden könnte. Ähnliche Strukturen sind aus der Mafia bekannt.

Ansonsten gelten die Regeln des PR. Irgendwie ist man immer noch von öffentlicher Zustimmung abhängig. Andererseits kann man dem Wähler als Stimmvieh alles erzählen, vorausgesetzt, es wird im Sinne des Marketings gefällig und mundgerecht verpackt. Überhaupt ist PR jene Methode, mit der sich Irrationalität verkauft. Hier kommt ein Grundzug der Warengesellschaft zum Tragen, nämlich die Unehrlichkeit, ja Verlogenheit des sich Präsentierens am Markt: Trumps Superlativismus ist nichts anderes als eine Methode der Verkaufstechnik. So werden krachende Niederlagen in gewaltige Siege umgelogen. Bekanntlich wird alles oft genug Wiederholte zur unanfechtbaren Wahrheit.

Die Herrschaft der Schlechtesten

Der Prozess der Illusionierung des Politischen beginnt also bei der Auswahl des Führungspersonals. Wer schafft es, sich unter Vorspiegelung welcher Illusionen die Macht zu ergattern? Bereits antike Philosophen wussten, dass die „Demokratie“ – verstanden als ein System, das nicht auf Teilhabe, sondern auf Akklamation beruht – in die Diktatur umschlagen kann. Sind Demagogen in der Lage, das Volk an der Nase herumzuführen, bringt die Akklamationsdemokratie ihre eigene Perversion hervor. Kalkulierte Überredungstechniken spielen dabei eine große Rolle. Nun kippt die Massenzustimmung in die „Ochlokratie“ um, die „Pöbelherrschaft“.  An die Regierung kommen die Ungeeignetsten und Schlechtesten.

Die deutsche Übersetzung „Pöbelherrschaft“ trifft allerdings nur das demagogische Moment. Denn stets erfolgt die Machtergreifung von Volksverführern nicht wirklich im Interesse des „Pöbels“, sondern jener, die die Ochlokratie finanzieren und hinter den Demagogen stehen. Die Ochlokratie nutzt Jubel und Begeisterung breiter Massen im Sinne einer Fiktion. Man denke etwa an die Nürnberger Parteitage der NSDAP.

Wie kam Trump an die Macht?

In diesem Zusammenhang lohnt es sich ein Blick auf jenes Prozedere zu werfen, durch das Trump an die Macht gekommen ist. Bereits seine Kandidatur zeigte, um was es ging. Nämlich um eine Reduktion politischer Komplexität auf ganz wenige Aspekte, die für den demagogischen Effekt brauchbar sind. Die Show, das Illusionstheater beginnt bereits bei der Kandidatur und setzt sich anschließend auf der Regierungsebene fort.

Die Frage lautete: Wie kann Massenzustimmung erzeugt werden, ohne sich mit der realen Fragestellung herumzuschlagen? Die Antwort liegt auf der Hand: Ohne Bedenken verspreche man den Menschen genau dasjenige, was sie sich wünschen, wobei völlig gleichgültig ist, ob man das ernst meint. Ein Kandidat, der sich selbst kaum mit Sachfragen befasst, passt zu diesem Geschäft vorzüglich. Schon auf der Auswahlebene ist Borniertheit ein Vorzug, jedenfalls sofern er mit taktischer Schläue verbunden ist, die die Grundsätze der Massensteuerung berücksichtigt.

Propagandistisch profitieren populistische Kandidaten vor allem von einem Schachzug, der bei ihrer Zielgruppe, den an der bisherigen Politik Verzweifelten einschlägt: nämlich der Vorspiegelung, man sei in Fundamentalopposition und werde alles völlig anders machen. Hier beginnt die Vereinnahmung von Hoffnungen und Sehnsüchten und deren Umwandlung in eine Politik des Gegenteils.

In den USA überraschend ist dabei die Leichtgläubigkeit vieler Anhänger des Populismus, die ernstlich glauben, dass ausgerechnet das Personal aus dem Milieu der Supereichen die Anliegen der kleinen Leute vertreten würde. Während in deren Lebenswelt die Probleme der unteren Schichten einfach nicht vorkommen, geht es der Gruppe um Trump darum, genau diese Paradoxie aufrecht zu erhalten: Die paradoxe Synthese der Armut mit dem Reichtum, vermittelt durch die Illusion eines gemeinsamen Anliegens.

Politik als Betrug

Wie sollte man ein solches System nennen? Statt Ochlokratie vielleicht Plutokratie, Herrschaft des Geldes? Oder – wie gegenwärtig verbreitet – Faschismus? Oder etwa im Sinne Orbans als „illiberale Demokratie“? Wichtiger ist es, den Kern der Angelegenheit zu verstehen: Es geht darum, die Dominanz des Reichtums gegen die Ansprüche der relativ oder absolut Besitzlosen abzusichern. Deren Hoffnungen auf Teilhabe sollen kanalisiert und unschädlich gemacht werden. Die soziale Spaltung hat eine Art Verzweiflung an der „Demokratie“ hinterlassen, und so können Empörung und Wut darüber in Treibstoff für die Diktatur umgewandelt werden.

Nun findet ein regelrechter Betrug statt: Nicht die Integration der Bürgerinnen und Bürger in ein soziales Gemeinwesen, das ja eine Umverteilung voraussetzen würde, also nicht deren Emanzipation in einem Solidarverband des Ausgleichs und der Teilhabe ist beabsichtigt. Ziel ist es

umgekehrt, ihre endgültige Unterwerfung unter jene winzige Schicht zu bewerkstelligen, die aufgrund der kapitalistisch gesteuerten Verteilung von Vermögen und Macht in der Lage ist, die Arbeit aller in ihre eigene Dominanz umzuwandeln. Ein altes Thema – einst von Karl Marx    analysiert, heute etwa von Thomas Piketty – und in den allgemeinen Grundzügen unverändert in diesem Sinn auf Ausbeutung basierend. Dieses System von seinen demokratischen und rechtsstaatlichen Teilelementen zu befreien, ist der Zweck jener „Alternative“, die auch in Deutschland ansteht, ans Ruder zu kommen.

Was war es – um genauer hinzuschauen –, was viele US-Bürger für Trump begeisterte? Die roten Baseballkappen thematisieren es. Es geht um „MAGA“, um „America First“. Doch kaum wird es jemandem gelingen, klar zu bestimmen, was diese Slogans real bedeuten. Es sind politische Leerformeln aus der PR-Kiste: Jeder darf sich darunter vorstellen, was ihm gerade in den Sinn kommt oder sich irgendwie angenehm anfühlt.

Etwa die Begeisterung, wenn eine Ansammlung von Gleichgesinnten „USA“ schreit. Weht ein MAGA-Gefühl durch die Menge, ist die Sorge, den Job zu verlieren, vorübergehend gebannt. Bereitwillig liefert man sich der Aufforderung zum kollektiven Halluzinieren aus. Die Hochstimmung, die das Kollektivereignis auslöst, dürfte ähnlicher Art sein wie zu seiner Zeit beim „Heil Hitler“.

Der Kompensationseffekt

Man kann nach der sozialpsychologischen Funktion solcher Massenstimmungen fragen und inwiefern sie sich für den Machterwerb eignen. Ganz offensichtlich geht es um einen Kompensationseffekt, der in Regierungsgewalt umsetzbar ist. „Greatness“, gewaltige Größe, ist der Wunschtraum vieler, denen die Anerkennung als integrale Teilnehmer des Gemeinwesens verweigert wurde. Aus klein wird groß. Der Tiefenpsychologie Alfred Adler hatte das als „Überkompensation“ bezeichnet. In der Fantasie verwandeln sich Gefühle von Minderwertigkeit in Überlegenheit. Für Adler stand solche Kompensation hinter jedem Machtstreben. Macht über andere haben zu wollen, sah er als Folge einer Zurücksetzung, die nicht eingestanden werden darf.

Die Mobilisierung mittels des Kompensationseffekts bedarf allerdings einer Galionsfigur, die die Botschaft charismatisch verkörpert. Diese Rolle spielt Donald Trump. Dabei ist es gut, wenn solche Figuren den Effekt leibhaftig vorführen können, bevorzugt, wenn sie ihn selbst erlebt haben. Hitler behauptete irreführend, aus der Arbeiterklasse aufgestiegen zu sein. Nach Demütigungen durch seinen prügelnden Vater scheiterte er zunächst mit seiner Absicht, Kunstmaler zu werden und verwandelte diese erniedrigende Ausgangslage in die Grandiosität eines unbändigen Machtstrebens. Dabei war sein Ziel keineswegs, die Arbeiterklasse in eine soziale Demokratie zu integrieren, sondern ihr eine Art Placebo zu verabreichen. Die wichtigste Belohnung, etwa bei Reden vor Arbeitslosen, lautete: Ihr seid die Herrenrasse! Dass diese „Rasse“ gar nicht existierte, spielte keine Rolle.

Bankrotteur und maligner Narzisst

Aus klein also wird groß – allerdings lediglich halluziniert. Und das hat Konsequenzen. Denn wo kollektive Halluzinationen, Wahnvorstellungen bereits dort eine entscheidende Rolle spielen, wo politisches Führungspersonal ausgewählt wird, steht auch die politische Entscheidungsebene selbst in Gefahr, „irre“ zu werden. Die Anbindung an die Wirklichkeit geht verloren.

Schauen wir zunächst, inwieweit der Kompensationseffekt auf Trump selbst zutrifft. Trump ist ein krimineller Bankrotteur, dessen Hauptleistung in der Vermarktung seines Namens und seinen Auftritten im Showgeschäft besteht. Doch wesentlich wichtiger als diese Vergangenheit ist seine psychische Disposition. Bereits 2017 erschien eine Studie über Trump, in der 27 Fachleute für seelische Gesundheit – klinische Psychologen und Psychiater – ihr Urteil abgaben.1 Freilich wussten sie, dass Ferndiagnosen problematisch sind. Andererseits verfügten sie über Kriterien, nach denen jemand beurteilt werden kann, der sich so andauernd redend und handeln auf der Weltbühne produziert. Übereinstimmend lautete die Hauptdiagnose: maligner, also bösartiger Narzissmus.

Das ist nun wirklich keine unbedeutende Diagnose. Bösartige Narzissten tummeln sich im antisozialen und kriminellen Umfeld oder sitzen in der Psychiatrie oder im Knast. Die Genese des malignen Narzissmus wird übereinstimmend in frühen Kränkungen oder Traumata gesehen. Der Narzisst kompensiert diese Erfahrungen der Zurücksetzung ersatzweise durch den Anspruch auf grandiose Überlegenheit. In Trumps Kindheit und Jugend spielte der autoritäre, kalte und fordernde Vater eine bedeutende Rolle. Wahrscheinlich hat Trump niemals liebevolle Wertschätzung und Zuwendung erfahren, was für eine gesunde seelische Entwicklung von grundlegender Bedeutung ist.

Solche Einschätzungen wurden seitdem vielfach wiederholt, unterdessen ergänzt durch die Vermutung, Trump habe einen Schlaganfall erlitten (einen „Mini-Stroke“) oder leide unter beginnender Demenz. Man muss sich hier nicht festlegen, Trumps „Irresein“ ist offensichtlich. Unter politischem Gesichtspunkt stimmt daher zweifellos, was die Psychiater Philip Zimbardo und Rosemary Sword konstatieren: „Wir sind der Auffassung, dass Trump der gefährlichste Mann der Welt ist.“.2

Wie auch immer: Trumps narzisstische Störung schränkt seinen Blick auf die Wirklichkeit erheblich ein. Was ich tue, so seine Überzeugung, ist grundsätzlich genial, alle anderen sind Idioten und haben keine Ahnung. Dementsprechend ist, was Trump auch immer von sich gibt oder entscheidet, gewaltig, beispiellos und nicht zu überbieten. Trump sieht sich als Höhepunkt der Weltgeschichte und das übrigens – worauf Beobachter hinweisen – ohne sich durch Studium, Lesen oder gründliches Zuhören wirklich zu informieren. Wie bei allen Diktatoren traut sich zudem keiner wirklich, ihm Informationen zu liefern, die nicht in sein Wahnbild passen. Solche restlosen Abschottungen gegenüber der Realität erleben Psychiater in Heilanstalten täglich.

Welche Interessen bedient Trump?

Man könnte sich fragen, wessen Interessen Trumps politischer Auftritt eigentlich bedient außer seinen eigenen. Weshalb – sachlich aus der Perspektive der bisher dominanten US-Eliten betrachtet – sollten Grönland oder Kanada zu den USA gehören, wo doch der wirtschaftliche und militärische Einfluss der USA im Hinblick auf diese Gebiete längst auf weit subtilere Weise realisiert sind? Man spricht von Soft Power, die auch ohne martialische Drohungen ihre Ziele erreicht. Trump bevorzugt Brutalität, denn offensichtlich enthält sein Narzissmus eine sadistische Komponente.

Welche Zukunft – um Beispiele für die Absurdität der politischen Vorstellungen Trumps zu wählen – blüht einem „Friedensrat“, der ganz offensichtlich nichts als ein Fanclub Donald Trumps ist? Trump beansprucht den Vorsitz auf Lebenszeit und bestimmt, wer rein darf und wer raus muss. Ein solches Gremium als Konkurrenz zur UNO erinnert eher an das Spielverhalten ahnungsloser Halbwüchsiger, die im Pfadfinderlager „große Politik“ mimen.

Betrachten wir den Irankrieg. Zurecht wird er als völlig planlos kritisiert. Pläne in Kriegen sind grundsätzlich schwer umzusetzen, da zumeist alles ganz anderes kommt, als man denkt. Verschwendet man keinen Gedanken daran, über welche Möglichkeiten der Gegner verfügt, wird alles noch unberechenbarer. Doch dazu müsste man dessen Perspektive einnehmen, ihn also „verstehen“, was ja auch sonst aus der Mode gekommen ist. Stattdessen schwärmen Machthaber immer noch von „Blitzkriegen“, die wie chirurgische Eingriffe mit exakt voraussagbarem Effekt appliziert werden können. Siehe Putin, ein ebenfalls erfolgloser Blitzkrieger.

Denn alle solche Vorstellungen sind Ergebnis von sträflichen Vereinfachungen. Jeder Politikwissenschaftler hätte gesichert mitteilen können, dass noch niemals ein Regimewechsel aus der Luft gelungen ist. Und die Idee, durch die Ermordung von Führungspersonal hier weiterzukommen, ruht auf der Unkenntnis des iranischen Systems. Offenbar schon lange darauf vorbereitet, wurde eine Art Staffelung der Führung vorgenommen. Das Personal der ersten Ebene wurde automatisch durch die zweite Ebene ersetzt und so weiter. Der geringste Sachverstand hätte im Übrigen voraussagen können, dass die Iraner die Straße von Hormus sperren würden. Auch die iranischen Angriffe auf die Goldstaaten lag als Folge glasklar auf der Hand.

„Deals“ statt Diplomatie

Und mit den „Deals“ steht es ebenso. Man könnte Trumps hilflose Versuche, seine Welt der Vereinfachungen bis auf Stammtischniveau auch mit „Verhandlungen“ durchzusetzen, als Folge des allgemeinen Niedergangs der Diplomatie ansehen, was sich ja auch im Hinblick auf den Ukrainekrieg zeigt. Auch Europa – hier durchaus vergleichbar mit Trump – setzt vor allem auf Waffengänge. Ebenfalls von gänzlich unrealistischen Zielen ausgehend, nämlich der fixen Idee, Russland doch noch besiegen zu können. Dass nun schon so lange bestehende Patt an der Front wird einfach nicht zur Kenntnis genommen.

Glaubt man, militärisch alles lösen zu können, wird zunächst gebombt und geschossen, geredet wird nur, um durchzusetzen, was doch nicht mit Bomben erreichbar war. Liederlich ist dabei die Auswahl derer, die behaupten, „Deals“ auf den Weg zu bringen. „Deals“ – ein Wort aus dem Trump-Vokabular – sind etwas ganz anderes als Vereinbarungen auf Augenhöhe. Sie sind grundsätzlich nicht auf Kompromiss angelegt, sondern auf Überwältigung. Hierzu benötigt man keine erfahrenen und ausgebildeten Diplomaten. Es reicht, den Schwiegersohn zu bemühen oder einen Kumpel vom Golfplatz. Amateure überall.

Mit Schadenfreude könnte man nun beobachten, wie die Trump-Administration nicht nur ihre Anhänger unter den „kleinen Leuten“ betrügt, sondern auch die Interessen der hinter ihr stehenden Milliardärseliten. Leute wie Elon Musk, Peter Thiel oder Mark Zuckerberg. Es ist ja nicht nur der Größenwahn, der alles durcheinanderbringt, sondern die Crux einer jeder Politik, die sich rund um einen egomanen Machthaber gruppiert. Hofschranzen und Jasager verfehlen notwendig jenen Kurs, der unter Berücksichtigung der realen Umstände eingeschlagen werden müsste. Wer zudem durch angeblichen Bürokratieabbau im Stile Musks Institutionen ausschaltet, die noch über Sachverstand verfügten, wird im Nirgendwo landen.

Ein Hohn ist es deshalb, dass in einem Land, das über so viel Wissen und Expertise verfügt, Politik von beratungsresistenten Anfängern praktiziert wird. Und das in einem Moment, in dem sich die Machtverhältnisse auf dem Globus neu ordnen, während zugleich die Interdependenzen zwischen den Akteuren und Gegebenheiten so eng wie nie zuvor sind. Es gibt einfach kein Eingreifen mehr, ohne dass eine Vielzahl von nicht intendierten Folgen auftritt. Da sie sich in Systemzusammenhängen entfalten, sind sie oft völlig überraschend und nur schwer voraussagbar. Doch die Trump-Administration erkennt noch nicht einmal das unmittelbar Voraussehbare.

Verlust der demokratischen Beratungsfunktion

So liegt die Tragik des Niedergangs der formalen Demokratie, also selbst jener demokratischen Anteile, die auch im Rahmen der kapitalistischen Dominanz erhalten werden konnten, im Verlust der demokratischen Beratungsfunktion. Die tendenziell offene Gesellschaft ermöglicht es, Wissen zu generieren und es im Hinblick auf die Staatsführung fruchtbar zu machen. Das ist das Beste, was demokratische Verfahren liefern können.

Sich zu beraten, Experten heranzuziehen, die sich wirklich auskennen, Abwägungen vorzunehmen, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen – nach allem, was wir hören, findet solches Vorgehen in der US-Administration nicht mehr statt. Man befasse sich im Vergleich mit der Art, in der John F. Kennedy während der Kuba-Krise einen ganzen Beraterstab – das Executive Committee of the National Security Council (ExComm) – um sich versammelte. Bei allem Vorbehalt gegenüber dem kolossalen Risiko, das Kennedy einging: Er wusste wenigstens, dass Weltpolitik nicht aus dem Bauch heraus veranstaltet werden kann.

Doch der Wert von Wissen wird vom Populismus grundsätzlich verkannt. Der Kampf Trumps gegen die Universitäten zeigt jenen antiintellektualistischen Zug, der etwa auch bei den Nazis zu beobachten war. Alles was geschieht, muss sich den mentalen Beschränkungen machthungriger Egomanen fügen, für die Reflexion und diskursives Denken Schwäche bedeuten. „Wir reden nicht nur, wir handeln“, könnten sie ausrufen. Übersprungen wird, dass Reden und Handeln schwerlich ohne Denken möglich sind.

Kaum überraschend daher, dass Politik nun zum Blindflug im dichten Nebel wird, bei dem die Instrumente versagen und die Crew es nicht erkennt. Und zwar als Ergebnis einer doppelten Fehlsteuerung: der Auswahl von Führungspersonal im Sinne des Kompensationseffekts und die Übergabe der Entscheidungsbefugnis an Personen, die ihre Anhänger zwar mobilisieren können, zu Regierungsgeschäften aber so wenig taugen wie Gehbehinderte für eine Klettertour im Hochgebirge.

„Er hat die Welt in Händen und den Finger am Atomknopf“

Vielleicht wäre alles nicht gar so schlimm, gäbe es nicht das Atomwaffenproblem. 2016 schrieb die renommierte Psychiaterin und Harvard-Professorin Judith Lewis Herman einen Brief an den damals noch regierenden Barak Obama. Sie drang darauf, dass Trump einer neuropsychiatrischen Untersuchung unterzogen werde, bevor er sein Amt antrete. Der Titel des Beitrags von zwei der psychiatrischen Mitunterzeichner dieses Schreibens in der oben zitierten Publikation lautet bezeichnend: „Er hat die Welt in Händen und den Finger am Atomknopf“3

Auch diese Tatsache ist Ausdruck der in diesem Fall nicht mehr ganz so neuen Irrationalität. Donald Trump gehört zu jenen weniger als zehn Personen, die weltweit alleine darüber entscheiden, ob es zu einem Einsatz von Atomwaffen kommt oder vorläufig nicht. Die Zukunft der Menschheit liegt fast unkontrolliert in ihrer Hand. Während seiner ersten Amtszeit fragte Trump, weshalb die USA eigentlich Atomwaffen besitzen, wenn sie sie nicht anwenden.

Und was meinte er eigentlich, wenn er androhte die iranische Zivilisation ein für alle Mal auszulöschen? Das geht nur mit Atomwaffen und war eine völkerrechtswidrige Drohung mit dem Massenmord. Weiß Trump übrigens, hat er je davon gehört, dass auch eine „kleiner“ Atomkrieg das Ende der Zivilisation auf diesem Globus bedeuten würde?  Diese Frage stellt sich auch im Hinblick auf andere Machthaber in einer Zeit, die Politik zunehmend als Demagogie betreibt. Dagegen würde der Einsatz der gewaltigsten Waffe, die es gibt, der Selbstvergöttlichung von Supernarzissten sehr entgegenkommen.

Jedenfalls wird Trumps moralischer Blindflug, gekoppelt mit der Unfähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, zu einer sprunghaften Weiterverbreitung von Atomwaffen führen. Jeder Diktator hat nun begriffen, dass er ohne Atomwaffen den Überfällen mächtigerer Staaten ausgeliefert ist. Und selbstverständlich hat Trump die Atombombe des Irans nicht etwa gestoppt, sondern langfristig erst so richtig auf den Weg gebracht. Für wen der Tellerrand die absolute Grenze seiner egomanen Welt bedeutet, von dem ist Weitblick nicht zu erwarten.

Aber genau der wäre gefordert, um das Atomwaffenproblem überhaupt erst in den Blick zu bekommen. Davon sind wir auch jenseits von Trumps Amateurpolitik noch sehr weit entfernt. Welche Katastrophen benötigt die Menschheit noch, bevor sie erkennt, was die Stunde geschlagen hat? Und dass die Fortsetzung des internationalen Hauens und Stechens mit Höchstwahrscheinlichkeit in den Untergang führt?

Fußnoten

1 Bandy X. Lee (Hg.): Wie gefährlich ist Donald Trump? 27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie, Gießen 2018.

2 Ebenda, S. 72.

3 Ebenda, S. 171.

Hans-Peter Waldrich

Dr. Hans-Peter Waldrich ist Politikwissenschaftler (Dipl. sc. pol.). Sein Geld hat er vor allem im Bildungswesen und -unwesen verdient, an Schulen und Hochschulen und unter anderem beim Bundesamt für den Zivildienst. Während der 1980er-Jahre engagierte er sich in der Friedensbewegung. Seit seiner Jugend schrieb er für eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Freitag oder die Blätter für Deutsche und internationale Politik, und veröffentlichte mehrere Bücher, vor allem zu politischen, pädagogischen und philosophischen Fragen. Er hält sich zugute, dass er sich niemals genötigt sah zu publizieren, um davon leben zu müssen und dass er stets nur auf eines Rücksicht zu nehmen hatte: seine eigenen Überzeugungen.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 27.4. 2026
Vom Zerfall …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Griechenland: Widerstand gegen Kriegsbeteiligungen und Waffentransporte

Veranstaltung

Griechenland: Widerstand gegen Kriegsbeteiligungen und Waffentransporte

Freitag, 8. Mai 2026, 19.00 Uhr, bUm Paul-Lincke-Ufer 21, 10999 Berlin

Wer etwas über den Widerstand von Arbeiter:innen gegen Krieg und Völkermord aus erster Hand erfahren will, dem können wir vom Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin nur empfehlen, diesen Termin nicht zu verpassen.

Es lädt ein: Gewerkschaftliche Solidaritätsgruppe „Gegen Spardiktate und Nationalismus“

Zwei Hafenarbeiter berichten über ihre Streiks zur Verhinderung von Waffenlieferung an das israelische Apartheid Regime zur Fortsetzung seines Genozid in Palästina – Georgios Gogos, Vorstandsmitglied in der Gewerkschaft der Hafenarbeiter in Piräus und sein Kollege Haris Papavramidis.

Alexandra Pavlou, Mitglied bei BDS Greece, gibt einen Überblick über die Boykott-Bewegung, die mittlerweile auch alle griechischen Inseln erfasst hat.

Maria Tamiolaki, Mitglied in der Ärztegewerkschaft und in der Anti-Nato-Aktion Athen engagiert, verschafft uns eine Übersicht über die Militärstützpunkte in Griechenland und ihre Bedeutung für die aktuellen Kriege von NATO, USA und Israel.

Konstantinos Palaistidis, Mitglied der Basisgewerkschaft Buch und Papier in Athen, wird uns über die Anti-Kriegs-Aktivitäten der Gewerkschaften und ihre Zusammenarbeit mit BDS Greece informieren.

Nach einer Kurzdarstellung über die Situation in Deutschland durch Ulrike Eifler soll es einen Austausch geben über die Frage, wie wir der wachsenden Weltkriegsgefahr entgegentreten können.

Wie lassen sich die gemeinsamen Kontakte dafür nutzen? Hat jemand Interesse am deutsch-griechischen Austausch teilzunehmen?

Solidaritätsgruppe „Gegen Spardiktate und Nationalismus: Unser nächster Besuch Griechenlands findet im Herbst dieses Jahres statt.  “

Titelbild:Veranstalter „Bestreiktes Schiff im Hafen von Piräus Widerstand gegen Kriegsbeteiligungen und Waffentransporte“

Ergänzende Konzertempfehlung

Wolfram Weimer in Buchenwald Faschismusdeutung zwischen Marxismus und „Neuer Rechter“ – eine aktuelle Bestandsaufnahme

„Wer aber vom Kapitalismus nicht sprechen will, der sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald in einer staatlichen Gedenkstätte.

Hans Christoph Stoodt

Hauptgebäude mit Gedenktafel des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Foto: Diether (CC-BY-SA 2.0 cropped)

Der in der Überschrift zitierte bekannte Satz des Philosophen und Gesellschaftswissenschaftlers Max Horkheimer (1895 – 1973) aus dem Jahr 1939 stammt aus einer Zeit, in der sein Autor sich noch als Marxist verstand. Er stellte sich die Aufgabe, den Aufstieg des deutschen Faschismus als Resultat der Krisendynamik des Monopolkapitalismus zu interpretieren. Horkheimer beschrieb den Faschismus als Versuch, den Kapitalismus in der Krise mit despotischen und terroristischen Mitteln zu retten, also als Fortsetzung der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung unter Wegfall „liberaler“ Hemmungen.

Der in der Überschrift zitierte berühmte Satz richtet sich programmatisch gegen liberale und bürgerliche Faschismustheorien, die Faschismus als blossen „Irrweg“ oder „Ausnahme“ der kapitalistischen Klassengesellschaft begreifen, ohne seine Wurzeln in Eigentumsverhältnissen, Klassenherrschaft und imperialistischer Konkurrenz zu thematisieren.[1]

Was bedeutet das heute in der Bundesrepublik der „Zeitenwende“ und laut geführter „Kulturkämpfe“ für Form und Inhalt gesellschaftlichen Gedenkens in staatlichen Gedenkstätten?

Passend zum Thema…

Ein offener Brief der Lagergemeinschaft an den […]

Unwürdige Präsenz: Warum Wolfram Weimer in Buchenwald nichts zu suchen hat

Zur diesjährigen Feier der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald[2] lud die Gedenkstätte wie immer Rednerinnen und Redner aus dem Kreis der Verbände von Überlebenden des KZ und ihrer Nachkommen sowie ihr geeignet erscheinende Rednerinnen und Redner aus Politik und Gesellschaft ein. Diesmal unter anderem: die Enkelin des kommunistischen und jüdischen Buchenwaldhäftlings Emil Carlebach, Vorsitzende des „Internationalen Komitees Buchenwald – Dora und Kommandos“ (IKBD) Lena Carlebach, den Comedian Hape Kerkeling, ebenfalls Enkel eines kommunistischen Buchenwaldhäftlings sowie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.

Weimer, persönlicher Freund von Bundeskanzler Merz und in Gmund am Tegernsee Nachbar des CDU-Kanzlers ist selber parteilos. Seine politischen Positionen grenzen, wie z.B. sein „Konservatives Manifest“ von 2018 zeigt, an Positionen der „Neuen Rechten“. Derzeit steht er zu Recht im gesamten Kulturbetrieb der Bundesrepublik in lauter Kritik, weil er wiederholt in einer vorher so nicht gekannten Art und Weise in die inneren inhaltlichen und organisatorischen Angelegenheiten von Kulturereignissen wie der Berlinale oder der Verleihung des deutschen Buchhandlungspreises während der Leipziger Buchmesse eingegriffen hatte. Bei Eröffnung der Buchmesse war er dafür lautstark ausgebuht worden. Selbst konservative oder liberale Blätter wie „Süddeutsche“, „Tagesspiegel“ „Welt“ oder „FAZ“ griffen ihn in scharfer Form an.

Weimer ist Kulturstaatsminister für Kultur und Medien im Kabinett Merz, also ein Funktionär der Exekutive. In dieser Funktion verwaltet er auch die Finanzzuschüsse des Bundes für die Stiftung, aus der sich die Gedenkstätte Buchenwald finanziert. Wie bekannt wurde, hatte er sich schon vor längerer Zeit als Redner für das diesjährige Gedenken der Selbstbefreiung Buchenwalds selbst eingeladen. Nach den Skandalen um seine Eingriffe in die Berlinale und den Buchhhandlungspreis hatten ihn deshalb zwei Verbände von Nachkommen der Überlebenden des KZ öffentlich aufgefordert, sich von der Selbstbefreiungsfeier fernzuhalten[3].

Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner sprang notgedrungen dem Geldgeber seiner Einrichtung bei: Weimer sei willkommen. Auch wenn Wagner kaum eine andere Möglichkeit blieb, sich in dieser Weise zur Selbsteinladung Weimers zu verhalten – die Gedenkstätte steht politisch unter massivem Druck – darf vermutet werden, dass er sich mit diesem Gast nicht besonders wohlfühlte. Aber er machte professionelle Miene zum bösen Spiel Weimers. Der hatte sich seit seiner Absage der Preisverleihung zum „Buchhahndlungspreis“ nicht mehr als Redner in die Öffentlichkeit gewagt und vielleicht seither gehofft, in Buchenwald auf eine Situation zu treffen, wo er im würdevoll-gedämpftem Rahmen und auf gleichsam eigenem Grund und Boden sein ramponiertes Prestige aufbessern könne.

Das funktionierte nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hatte.

Allein aus Frankfurt am Main waren – wie jedes Jahr – ca. einhundert Antifaschistinnen und Antifaschisten zur Gedenkfeier am 12. April angereist, organisiert von DGB, Türkischem Volkshaus und VVN.[4] Kontakt mit antifaschistischen Freundinnen und Freunden aus anderen Städten war vereinbart worden, Weimers als Unverschämtheit empfundene Absicht, beim Gedenken aufzutreten, nicht unkommentiert hinzunehmen.

Nachdem Gedenkstättenleiter Wagner einerseits zum ruhigen und ungestörten Gedenken aufgerufen, andererseits aber auch dazu aufgefordert hatte, es nicht beim Gedenken zu belassen, sondern in heutige gesellschaftliche Konflikte im Sinn der Selbstbefreiung Buchenwalder Häftlinge handelnd einzugreifen, griff Lena Carlebach Weimer – diplomatisch formuliert aber sachlich klar – wegen seiner Haltung zum Buchhandlungspreis direkt an und forderte wie Wagner gesellschaftliches Handeln gegen die Gefahr sich verstärkender rechter Umtriebe im Land.

Als Weimer ans Rednerpult trat, kam es zu lautstarken Zwischenrufen, dem Sprechchor „Alerta, alerta, antifascista!“ sowie dem sich wiederholenden gemeinsamen Singen des Refrains des „Buchenwaldlieds“ von 1938[5]. Weimer war sichtlich irritiert, forderte ein „würdiges Gedenken“ und setzte seine Rede gegen den anschwellenden Lärm von weit mehr als hundert Zwischenrufer:innen fort, konnte aber nicht verhindern, dass die in diesem Jahr nicht zuletzt wegen der öffentlichen Konflikte um seinen Auftritt besonders zahlreich erschienen Medien die zwischenrufenden und singenden Antifaschisten zur Kenntnis nehmen mussten. Über die antifaschistische Störungsaktion gegen Weimer wurde noch am selben Tag in „heute“ (ZDF) und „Tagesschau“ (ARD) sowie einer Fülle von Zeitungen berichtet.[6]

Gedenkstättenleiter Wagner distanzierte sich im Anschluss öffentlich: die Unterbrechung von Weimer sei „ein falsches Signal“ und „schäbig“ gewesen. Überhaupt sei es beklagenswert, dass mit dem Sterben fast aller Zeitzeugen das Gedenken an Buchenwald zunehmend zur Bühne für „partikulare Interessen“ werde.

„Partikulare Interessen“?

Mit diesem Begriff belegte Wagner konkret die Angehörigen einer grossen migrantischen Gemeinschaft mit sattsamen Erfahrungen des Rassismus in der BRD, Menschen des DGB und sogar der VVN als Vertreter einer irgendwie randständigen Gruppe, deren Reaktion auf den Auftritt des Kulturstaatsministers gleichsam „von aussen“ und aus einer exzentrischen oder „extremistischen“ Position kämen. Dabei waren es die organisierte Arbeiterbewegung und die als „fremd“ mörderisch ausgegrenzten Jüdinnen und Juden, die Sinti und Roma, die slawischen „Untermenschen“, eben die rassistisch als solche auszurottenden „Anderen“, gegen die sich der historische Nazifaschismus mit äusserster Brutalität wandte – und es gibt keinerlei Garantie dafür, dass dies nicht auch zukünftig möglich ist. „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“[7]

Schon diese Haltung des Gedenkstättenleiters ist also mehr als befremdlich.

Sie ist zudem in hohem Mass unkritisch gegenüber der eigenen Sprecherposition. Empfindet sich Wagner als denjenigen, der zu bewerten hat, was im Zusammenhang des Gedenkens als „allgemein“, „normal“, „zulässig“ und was demgegenüber als „partikular“ zu bezeichnen ist?
Ist ihm nicht klar, dass er selbst eine – gemessen an den Hoffnungen und bitteren Erfahrungen der überlebenden Häftlinge von Buchenwald 1945- eher randständige inhaltliche Position einnimmt: nämlich die stillschweigend vorausgesetzte Verteidigung derjenigen bürgerlichen Gesellschaft, aus der, wie Horkheimer 1939 feststellte, der Faschismus kam, und aus der er jederzeit wieder ausbrechen kann?

Wer von den überlebenden politischen Häftlingen des April 1945 hätte die Reden von Wagner und Weimer still ertragen?

Und damit muss noch einmal auf Horkheimer verwiesen werden.

Nach der Emigration in die USA und insbesondere nach der Rückkehr nach Frankfurt in den 1950er Jahren verschob sich Horkheimers Akzent deutlich weg von einer revolutionären oder auch nur explizit marxistischen Perspektive. Die gemeinsame „Dialektik der Aufklärung“ mit Adorno formulierte bereits eine stark pessimistische Zivilisationskritik, in der die Möglichkeit befreiender Praxis zurücktrat. In der frühen Bundesrepublik tritt Horkheimer zunehmend als Verteidiger einer „verwalteten“ demokratisch‑kapitalistischen Ordnung auf, in der Reformen und Rechtsstaatlichkeit als Bollwerke gegen Totalitarismus erscheinen, während Klassenanalyse und revolutionäre Perspektive marginalisiert oder negativ konnotiert wurden.

Eine staatliche Gedenkstätte im kapitalistischen Klassenstaat kann ebenso wenig den ursprünglichen revolutionären Impuls des Widerstands der Häftlinge von Buchenwald und ihres politischen und militärischen Kerns bewahren, der nun einmal aus Kommunisten bestand, wie es Horkheimer und Adorno nach ihrer Rückkehr in die Bundesrepublik möglich war, dem eigenen Satz, man solle vom Faschismus schweigen, wenn man nicht vom Kapitalismus reden wolle, gerecht zu werden. Ihre Haltung zur entstehenden kapitalistischen BRD samt ihrer antikommunistischen Staatsräson war bei aller Intensität der Kultur- und Zivilisationskritik politisch zustimmend und liess sich in Form ihrer Warnung vor „Totalitarismus“ erfolgreich in den antikommunistischen mainstream des deutschen Imperialismus einbauen.

Ein Ergebnis dieses „megatrends“ repräsentierte auch die gestrige Gedenkfeier in Buchenwald, in dem ein staatlicher Kulturfunktionär (und Geldgeber der Gedenkstätte) trotz seiner repressiven, rechtskonservativen und fundamentalistisch katholischen Positionen das Wort ergreifen, gegen jeden Protest von links auf „Ruhe und Ordnung“ bestehen und vom Gedenkstättendirektor dafür jedes Verständnis bekommen konnte.

Was hätten die überlebenden Häftlinge, die sich am 19. April 1945 auf dem Appellplatz versammelten um den „Schwur von Buchenwald“ abzulegen, zu diesem Schauspiel gesagt? Wie hätte der Emil Carlebach von 1945, wie der Max Horkheimer von 1939 den Vorgang beurteilt, dass ein Staatsfunktionär, der aufgrund nicht benannter Geheimdiensterkenntnisse drei Buchläden aus politischen Gründen – nämlich ausdrücklich: weil sie ihm zu links erscheinen – einen Preis verweigert, das Wort ergreifen kann? Wie vielen Häftlingen von 1945 hatten Gestapo und Polizei bei der Festnahme Jahre vorher ihre Bücher beschlagnahmt – zum Teil sicher die gleichen, die in den heute inkriminierten Buchläden angeboten werden?

Wie egal ist das Herrn Weimer? Was sagt dazu der Gedenkstättenleiter?

Der Weg Horkheimers und der Weg des Buchenwaldgedenkens folgt dergleichen Logik. Aber Horkheimer verdanken wir den bis heute richtigen Hinweis: „Wer aber vom Kapitalismus nicht sprechen will, der sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Deshalb war es richtig, Weimer wenigstens ins Wort zu fallen, als er durch seine – wie die Überlebendenverbände ausdrücklich gesagt hatten – unerwünschte und aufdringliche Anwesenheit das Gedenken an den Aufstand der Häftlinge vom 11. April 1945 beiseiteschieben wollte.

Für uns bleibt die Lehre: der Kampf gegen den Faschismus heute und morgen kann nur erfolgreich geführt werden, wenn er sich als Teil des Kampfs gegen den Kapitalismus versteht, organisiert und dementsprechend praktisch handelt.
Auch unsere eigene gestrige Intervention bleibt folgenlose Symbolik, wenn wir uns nicht daran orientieren – so, wie unsere Vorkämpferinnen und Vorkämpfer aus den Jahren in Buchenwald, deren zentrale Konsequenz lautete:

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Fussnoten:

[1] Max Horkheimer, „Die Juden und Europa“, in: Ders., Gesammelte Werke, Bd. 4: Schriften 1936–1941, hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main: Fischer 1988, S. 308 f. (Erstveröffentlichung: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. VIII/1939).

[2] Vgl. Hans Christoph Stoodt, Zum kommunistischen Widerstand im Konzentrationslager Buchenwald 1937 – 1945 (https://kommunistischepartei.de/geschichte-theorie/zum-kommunistischen-widerstand-im-konzentrationslager-buchenwald-1937-1945/)

[3] „Buchenwald-Verbände fordern von Wolfram Weimer Verzicht auf Rede

Im ehemaligen KZ Buchenwald wird im April der Befreiung vor 81 Jahren gedacht. Dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dort ein Grusswort halten will, sorgt für Streit“, in: Die Zeit, 24.3.2026 (https://www.zeit.de/feuilleton/2026-03/wolfram-weimer-buchenwald-gedenken-auftritt); „Zwei Buchenwald-Verbände wollen keinen Auftritt von Wolfram Weimer“, in: Der Spiegel, 23.3.2026 (https://www.spiegel.de/kultur/buchenwald-zwei-verbaende-wollen-keinen-auftritt-von-wolfram-weimer-a-fdbf3425-d80f-44f9-a495-481f21c30ea4).

[4] Dieses Lied der beiden in Buchenwald inhaftierten bekannten jüdischen Künstler Hermann Leopoldi und Fritz Löhner-Beda (u.a. „Dein ist mein ganzes Herz“, „Ausgerechnet Bananen“, „O Donna Clara …“) 1938 auf Befehl des SS-Lagerkommandanten geschrieben, musste auf seinen Befehl ab Dezember 1938 täglich beim Ausmarsch der Arbeitskommandos gesungen werden. Es wurde trotz dieser Entstehung zur Hymne der Häftlinge und ist bis heute im Zusammenhang des Buchenwaldgedenkens ein zentrales Symbol.

[5] mit Videoclip: https://x.com/Strack_C/status/2043313293914161545 .

[6] Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten, aus dem Italienischen von Moshe Kahn, München: Hanser 1990, S. 205

[7] Das ging so weit, dass Adorno und Horkheimer sich in den 1950er Jahren im Kontakt mit dem „Amt Blank“ als Politikberater für den Aufbau der Bundeswehr zur Verfügung stellten, vgl. Clemens Albrecht, „Expertive versus demonstrative Politikberatung. Adorno bei der Bundeswehr“, in: Stefan Fisch / Wilfried Rudloff (Hrsg.), Experten und Politik. Wissenschaftliche Politikberatung in geschichtlicher Perspektive, Berlin: Duncker & Humblot 2004, S. 297–308.

Erstveröffentlicht im Untergrund Blättle v. 15.4. 2026
Faschismusdeutung …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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