Gaza. Wer nicht sieht, will nicht sehen und auch nur reden reicht nicht!

Nicht mehr Weggucken. Von Pseudoaktivitäten der Bundesregierung nicht blenden lassen. Nicht nur reden, sondern wirklich handeln. Wir berichten wo und wer und helfen mobilisieren!

Jens Schmidt hat sich entschlossen, sich der Wahrheit zu stellen. Fakten und Informationen lassen keine Ausreden mehr zu. Alle, auch „linke Liberale“ müssten sich endlich ehrlich machen, sich aufrütteln und gegen Israels Völkermord in Gaza die Stimme erheben und sich den Protesten anschließen. „Wir leben sogar in einer Demokratie,“ postet Jens „in der jeder anders als in den genannten Fällen seine Meinung sagen kann, ohne dafür im Knast zu landen, gefoltert oder sogar umgebracht zu werden.“ Ja, ganz so schlimm wie in manchen Diktaturen ist es bei uns noch nicht. Aber wer Israel öffentlich kritisiert, muss den Polizeiknüppel und Verhaftungen fürchten, muss mit beruflicher und gesellschaftlicher Ausgrenzung bis zur Existenzvernichtung rechnen, Ausländer:innen werden mit Ausweisung bedroht. Seine Stimme gegen die deutsche Staatsräson mit Israel zu erheben, verlangt Rückgrat. Solidarität mit Palästina erfordert Mut zur Wahrheit und Mut zu kämpfen! Kommt mit zur nächsten Palästinasolidarität! Hört auf, Euch selbst zu belügen, um Euch zu schützen! Je mehr das tun, umso geschützter sind wir alle!

Appell von Jens Schmidt

Man muss kein Militär- oder Geheimdienstexperte sein, um einen Völkermord, eine Vertreibung, als was auch immer Gerichte es bewerten werden, eindeutig zu erkennen und zu verurteilen. Jurist muss man übrigens auch nicht sein, um sein Gewissen nicht nur zu haben, sondern auch anzuwenden. Es ist eine Ausrede, sich hinter Bloggern zu verstecken, die so tun, als könnten sie das widerlegen, was SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche und ARD mittlerweile unisono berichten. Wer in Gaza in Abrede stellt, dass Israel dort die Palästinenser aushungert, wer ins Blaue hinein die Hilfsorganisationen, die Vereinten Nationen und die Hamas beschuldigt, der kann eigentlich auch den Mitläufern, die den anderen großen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Menschheitsgeschichte gleichgültig zugesehen und bis zuletzt abgewogen und relativiert haben, keinen glaubhaften Vorwurf machen. Der muss ehrlicherweise in den Spiegel schauen und erkennen, dass die Antwort auf die Frage „was hätte ich anders gemacht als meine Großeltern?“ möglicherweise „nichts“ lautet. Wir leben sogar in einer Demokratie, in der jeder anders als in den genannten Fällen jeder seine Meinung sagen kann, ohne dafür im Knast zu landen, gefoltert oder sogar umgebracht zu werden.

Wer die ethnische Säuberung im Gazastreifen verurteilt, ist kein Verharmloser der Verbrechen der Hamas. Aber wer die ethnische Säuberung nicht verurteilt, verharmlost mit Sicherheit die ethnische Säuberung. Ein einmaliger völkerrechtswidriger Angriff ist kein Freibrief, der das Verhältnismäßigkeitsprinzip für Vergeltungsmaßnahmen allezeit außer Kraft setzt und Tür und Tor für einen totalen Krieg öffnet. Den totalen Krieg, das wissen wir aus unserer eigenen Geschichte, gibt es in der faschistischen Propaganda, aber nicht als legitimen Rechtfertigungsgrund im Völkerrecht. Im Völkerrecht wird auch keine „Staatsräson“ anerkannt, die einen Vorrang der israelischen Sicherheit zugunsten der Sicherheit anderer Völkerrechtssubjekte postuliert.

Der Gazakrieg wurde so sehr in die falsche Richtung geführt und hat sich zu einer Kaskade des Unrechts verdichtet, dass man, ebenso wie gegen den verbrecherischen Terroranschlag der Hamas, sich nur noch auf die richtige oder auf die falsche Seite der Geschichte stellen kann. Es gibt nichts dazwischen – und die richtige Seite ist nicht die Hamas, sondern das Recht. Man sollte sich nicht aus Eitelkeit, Angst um den eigenen Ruf oder falschem Harmoniebedürfnis auf die vermeintlich einfache Seite oder in die indifferente Mitte stellen, sondern auf die richtige Seite, um Druck auf die eigene Regierung zu machen statt wegzunehmen. Rechthaberei sollte hintanstehen, Humanität und Gewissen alleine sollten ausschlaggebend sein – damit wir nicht einen weiteren Schritt in den Abgrund einer Weltordnung unterstützen, in der das Recht des Stärkeren gilt. Ich begrüße jeden, der umkehrt – nicht weil ich mich dann selbst bestätigt fühle, sondern weil wir jeden Umkehrenden dringend brauchen, um eine kritische Masse zu erreichen, durch die sich unsere Bundesregierung veranlasst fühlt, sich mit voller Kraft noch für die Verhinderung des Allerschlimmsten einzusetzen, solange noch Zeit dafür bleibt.

29. Juli 2025: laut Umfrage des Forsa Instituts erwarten 74 Prozent der Deutschen, dass die Bundesregierung massiven Druck auf Israel ausübt. Den deutschen Kanzler drückt angesichts der verheerenden Bilder und öffentlichen Stimmung sein Image. Seine Antwort zynisch. Er will den Bomben aus deutschen Fertigungsteilen kosmetische Carepakete hinterherschicken, die dann wohl wahllos in der Trümmerlandschaft verstreut werden. Womöglich verletzen oder erschlagen solche Pakete aus der Luft sogar, wie die Erfahrungen zeigen, weitere Opfer, weden auf mafiöse Weise verteilt und sind im besten Fall nichts weiter als einTropfen auf dem heißen Stein.
Was wirklich Not tut: Israel muss die Blockade aufheben, die wartenden vollbeladenen kilometerlangen LKW Schlangen ins Land lassen, den neutralen Hilfsorganisationen die Verteilung übergeben und alle Kriegshandlungen einstellen. Glaubwürdiger Druck heisst: Statt Israel zu unterstützen, Israel sanktionieren! Sofort!

Titelbild : Collage Peter Vlatten

Es werden immer Linke betroffen sein

Ingar Solty warnt davor, dass progressive Menschen ins Fadenkreuz von Berufsverboten geraten werden.

Von Ingar Solty

Bild: Screenshot Berufsverbote-Bündnis Hessen

Es gibt wieder Berufsverbote in Deutschland – ein Anzeichen eines zunehmenden Autoritarismus bei uns. Der Kapitalismus ist ein postliberaler: Nach außen gilt die neoliberale Ordnung des »freien« Handels und »freien« Marktes nicht mehr. Es zeigt sich stattdessen ein neuer Wirtschaftsnationalismus, der – wie in Panama geschehen – mitunter sogar mit Krieg droht, um die Investitionen der ökonomischen Konkurrenz zu eliminieren. Nach innen wird der Kapitalismus zunehmend autoritärer, Entscheidungen werden zentralisiert, Freiheitsrechte wie das auf Versammlung und Meinung verengt und eben wieder Berufsverbote ausgesprochen – in Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Thüringen.

In der Vergangenheit richteten sich Berufsverbote, als sie 1972 in der Bundesrepublik von der Brandt-Regierungen eingeführt wurden, gegen Linke. Für die Mitglieder der nach dem KPD-Verbot von 1956 erst 1968 wieder zugelassenen DKP bedeutete das: Lehrer, Professor, Postbote wirst Du nicht mehr. Zehntausende wurden zu Opfern dieser Politik.

Heute richten sich diese Praxen scheinbar gegen die AfD. Aber klar sein muss: Es werden immer Linke betroffen sein. Warum?

Wenn die Berufsverbotepraxis von Regierungen der Union ausgeht, dann tun diese es aus Überzeugung, weil sie ihren Hauptfeind links sehen und die extreme Rechte ein bürgerliches Kontinuum ist, Fleisch vom Fleisch der Konservativen, ein radikalisierter Konservatismus. Das hört man nicht nur bei Unionsfraktionschef Jens Spahn, sondern auch bei Kanzler Friedrich Merz und dem Chef des Bundeskanzleramtes Thorsten Frey heraus. Wenn die von der »Brandmauer« sprechen, nennen sie nicht etwa Rassismus und Menschenfeindlichkeit als Grund dafür. Stattdessen werfen sie der AfD vor, »auf Putins Schoß« zu sitzen und damit außenpolitsch unzuverlässig zu sein. (Genau das ändert die AfD gerade, um sich regierungsfähig zu machen: pro-USA/Nato, pro-Aufrüstung, pro-EU/Euro usw.)

Geht die Berufsverbotepraxis von rot-grünen Regierungen und im Namen der »wehrhaften Demokratie« gegen die AfD aus, dann sind auch, wie jetzt in Rheinland-Pfalz, kleine, harmlose linke Organisationen im Fadenkreuz der Behörden. So wird gegen Gewerkschaften wie die FAU vorgegangen, die verdienstvolle Arbeit beim Organizing von Arbeiterinnen und Arbeitern der Lieferdienste leisten. Auch Strömungen in der Linkspartei und Organisationen wie die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) und die Rote Hilfe sind verdächtig.

Rot-Grün tut das nicht bloß, um die Totalitarismusdoktrin zu pflegen, in der es sich so hübsch einrichten und wohl fühlen lässt, in der man sich selbst stets und per se, egal, was man tut, als »die Guten« sehen kann. Man tut es auch, um sich gegen die Reaktion von rechts zu immunisieren, um den Eindruck der »Ausgewogenheit« in der Verfolgung des politischen Gegners aufrechtzuerhalten. Und was schaut ausgewogener aus, als neben einer einzigen großen Rechtspartei, die in Umfragen bundesweit stärkste Partei neben der Union ist, die Mitglieder von Dutzenden linken Organisationen mit Berufsverboten zu belegen?

Ist aber diese Praxis erst einmal etabliert und kommt 2027 oder 2028 eine mögliche Bundesregierung mit AfD-Beteiligung, dann Gnade dem linken Gott. Denn dann wendet sich diese eingeübte und normalisierte Praxis mit voller Wucht gegen links. Dann ist Merz’ trumpistische Prüfung der Gemeinnützigkeit von unzähligen Nichtregierungsorganisationen nur der Anfang.

Erstveröffentlicht im nd v. 28.7. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-07-28/articles/19006785

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Boomer-Soli“ und „Pflichtjahr für Rentner“

Hetze gegen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland erreicht weitere Tiefpunkte!

Von Rainer Heyse

Bild: pixabay

Ihr seid schuld! Ihr habt zu wenig Nachwuchs gezeugt! Ihr habt zu hohe Ansprüche! Ihr beutet die Jungen aus! Ihr plündert den Staat! Ihr seid einfach zu teuer! Ihr seid unverschämt und egoistisch!

Und weil das alles so ist, sollt ihr endlich auch mal Opfer bringen. Es wird höchste Zeit.

Jeder Vorschlag zur Opfergabe wird von den Leitmedien begierig aufgenommen und verstärkt. Beispiele aus den letzten Monaten:

  • Streichung der Mütterrente? Gute Idee!
  • Halbierung der Rentenansprüche für Beiträge über dem Durchschnittseinkommen? Warum nicht!
  • Reduzierung der Witwenrente? Innovativ, weil es Frauen zum Arbeiten anregt!
  • Weniger Beiträge für die Renten, mehr Beiträge in Aktien anlegen? Gut für die Enkel!
  • Als Rentner weiter arbeiten? Jawohl, arbeiten macht schließlich Spaß!
  • Arbeitslosengeld I für Ältere von 24 auf 12 Monate senken? Das spart und ist gerecht!

Und jetzt ganz frisch aus der Kreativwerkstatt der Sozialstaatszertrümmerer:

  • „Abgabe für reiche Rentner – Warum der Boomer Soli überfällig ist“ (t-online, 18.07.25)
  • „Soziologe fordert ein Jahr Arbeitsdienst für Senioren“ (t-online, 20.07.25)

Der „Boomer-Soli“. Ausgerechnet vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erarbeitet, das sich bis jetzt beim Sozialstaatsbashing zurückgehalten hatte. Was steht drin?

Kurz gesagt: Ab einem Freibetrag von 1.048 Euro sollen von Renteneinkommen weitere 10 Prozent abgezogen werden. Damit sollen dann irgendwie Minirenten aufgestockt werden.

Kurz bewertet: Eine nähere Befassung mit dem „Boomer-Soli“ lohnt sich nicht. Das Konzept ist viel zu komplex und würde allein durch unzählige Klagen verhindert werden (etwas genauer unten ausgeführt). Wichtig ist lediglich: Es ist ein weiterer Ballon, der die Nachricht trägt: Gerechtigkeit gibt es nur, wenn Rentner mehr abgeben!

Und dann kommt der nächste durchgeknallte Professor auf die Medienbühne und fordert einen Arbeitsdienst für Alte. Rentner hätten schließlich so viel Gutes von der Gesellschaft erhalten, dass sie zum Dankesdienst verpflichtet werden müssten. Das wären sie den Jungen mindestens schuldig (auch dazu weiter unten).

Erkenntnis aus all diesen Traktaten:

Liebe Rentnerinnen und Rentner begreift es doch endlich: ihr seid der letzte Dreck!

Und wer euch als letzten Dreck behandelt, bekommt garantiert Schlagzeilen und reichliche wohlmeinende Kommentierungen.

Es interessiert die Leitmedien und deren Nachahmer überhaupt nicht, was Wahrheit ist:

  • Die Renten, das Rentenniveau, befinden sich schon im tiefen Keller. Die reale Kaufkraft der Renten ist von 1990 bis 2023 um 12 Prozent gesunken. Im krassen Gegensatz dazu ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP), quasi der Reichtum im Land, um 55 Prozent gestiegen.
  • Das Rentenniveau wurde in dem Zeitraum bereits um 15 Prozent gekürzt. Mittlerweile befindet sich Deutschland in Sachen Renten auf Platz 17 von 22 EU-OECD-Staaten.
  • Die zunehmende Besteuerung der Renten reduziert die ausbezahlten Renten von Jahr zu Jahr immer stärker.
  • Der Beitragssatz zur Rentenversicherung beträgt 18,6 Prozent. Das ist nicht mehr als vor 40 Jahren. In dem Zeitraum ist der Anteil der über 65jährigen in Deutschland aber um 50 Prozent gestiegen.
  • Das Einzige, was zugenommen hat, ist die Altersarmut. Die hat in den vergangenen 20 Jahren um unerträgliche 80 Prozent zugenommen.

Keine Meldung, keine Sendeminute für diese tiefgreifenden gesellschaftlichen Tatbestände. Sie werden einfach verschwiegen.

Es ist auch keine Nachricht wert, was die deutsche Bevölkerung bezüglich Renten will und erwartet. Sehr große und stabile Mehrheiten haben in Umfragen seit vielen Jahren ergeben:

  • Das Renteneintrittsalter zu erhöhen, lehnen seit Jahrzehnten zwischen 80 und 90 Prozent der Befragten ab.
  • 80 Prozent sind für eine verbindliche soziale Sicherung, die staatlich organisiert ist.
  • 75 Prozent sagen „Ja“ zu höheren Beiträgen für eine gute Absicherung.
  • Über 50 Prozent der Befragten äußern: die Renten sollen mindestens 75 Prozent vom erzielten Netto-Lohneinkommen betragen.
  • 75 Prozent sind für eine gemeinsame Erwerbstätigen- bzw. Bürgerversicherung.
  • Über 50 Prozent sind für die Einführung einer echten Mindestrente von 1.327 Euro monatlich.

Vor sieben Jahren fragte das ZDF-Politbarometer, wie die Babyboomer-Renten finanziert werden sollten. Die Antworten:

  • 82 Prozent: Einbeziehung der Beamten und aller Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung.
  • 72 Prozent: eine Anhebung des Zuschusses durch Steuermittel.
  • 56 Prozent: keine Beitragserhöhungen.
  • 84 Prozent: Das Renteneintrittsalter nicht erhöhen.
  • 86 Prozent: Kein Absenken des Rentenniveaus.

Die Sendung war kaum ausgestrahlt, da verschwanden die Aussagen im Archiv. In der Folge kamen höchst bezahlte Professoren zu Wort, deren Unverschämtheiten noch durch gewissenlose Schauspieler verstärkt wurden. Jüngster Höhepunkt im Januar war die ZDF-Inszenierung, „Die Wahrheit über unsere Renten“.

Quintessenz aus dem deutschen Renten-Drama: Wer sich nicht wehrt, bekommt die Quittungen.

In Frankreich, Spanien oder Belgien würde die Hütte brennen, kämen dort Angriffe auf die Renten wie in Deutschland in die Öffentlichkeit. Auch die Jungen beteiligen sich dort an Protesten, die bis hin zu Generalstreiks gehen.

In Deutschland werden aufkommende Bewegungen, wie jüngst die um einen Inflationsausgleich für Renten, erfolgreich abgewürgt. Die Gewerkschafts- und Sozialverbandsvorstände spielen dabei eine unrühmliche Rolle. Die Unterstützungen auf regionaler Ebene sind Ausnahmen, die regelmäßig mit der Organisationsraison wieder eingefangen werden. Für die Verbände reicht es aus, den desaströsen Zustand des Sozialstaats nicht zu verschlimmern. Anschlussfähigkeit an die Politik der „großen“ Parteien, hier vor allem der SPD, ist dabei das oberste Gebot. Meinungsumfragen, wie jüngst das „Sozialstaatsradar 2025“, stören das politische Geschäft und werden weitgehend ignoriert.

Was ist zu tun? Die Millionen betroffenen Menschen mit ihren Interessen lassen sich nicht austauschen. Die Führungsfiguren schon. „Demokratie verteidigen“, die abgestandene Parole wird zum Gegenteil, wenn andauernd der deutlich geäußerte Wille von großen Mehrheiten verschwiegen und ignoriert wird. „Demokratie leben“ geht nur gegen die verkrusteten Machtstrukturen in Politik und Interessenverbänden. Unduldsamkeit, sich nicht durch salbungsvolle Worte einlullen lassen, Rechenschaft durchsetzen, Wahlen ernst nehmen, sind Stichworte. Vor allem einfordern: Über wichtige gesellschaftspolitische Fragen, wie zum Beispiel der Altersversorgung, müssen Volksabstimmungen durchgeführt werden – siehe auch das Grundgesetz, Artikel 20.

Die beiden jüngsten Renten-Säue sind nur mit Sarkasmus zu behandeln.

„Boomer-Soli“ – Ab einem Freibetrag von 1.048 Euro sollen alle weiteren Einkommen, die als Altersversorgung gelten (Renten, Betriebsrenten, Pensionen, Riester-Renten, …) mit einer 10prozentigen Sonderabgabe belastet werden. Diese neue Art einer Strafsteuer für besondere Bevölkerungsgruppen hat neben der verfassungswidrigen Unverschämtheit auch ein paar komische Seiten: Einerseits fängt der Renten-Reichtum bei unglaublichen 1.048 Euro an, andererseits sollen niedrige Renten von unter 1.564 Euro Zuschläge bekommen (es sind immer Brutto-Werte gemeint – zur Info: die Armutsgefährdungsschwelle beträgt aktuell netto 1.380 Euro). In der Einkommenszone zwischen 1.048 Euro und 1.564 Euro werden mir 10 % abgezogen, dafür bekomme ich dann etwas zurück (wann?). Das ist einfach absurd. Kapitaleinkünfte sollen ebenfalls Abzüge erfahren, wenn ein Haushaltsmitglied älter als 65 Jahre ist. Was soll damit provoziert werden? Gütertrennungen? Scheidungen?

Wer glaubt, dass Frau Klatten (BMW-Besitzerin) von ihren Dividendeneinnahmen von 1,2 Milliarden 120 Millionen Euro an Boomer-Soli abführen würde, kann gerne wieder die Existenz des Weihnachtsmannes in Erwägung ziehen.

„Pflichtdienst für Ältere“ fordert der 81jährige „Jugendforscher“ Klaus Hurrlemann und erhält dafür Titelzeilen im SPIEGEL und bei t-online. Die junge Generation habe bereits während der Corona-Pandemie Solidarität bewiesen. Jetzt seien die Alten dran, mit Arbeitsdiensten im sozialen Bereich oder zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit. Es dürfe nicht sein, dass Leute mit 65 oder gar 63 plötzlich nur noch Privat- und Urlaubsmenschen sind.

Herr Hurrlemann lebt auf einem anderen Planeten. Fragen an den Überflieger: Wäre es möglich, folgende Dinge auf das Pflichtjahr anzurechnen: Enkelkindbetreuung, bescheinigt durch Eltern oder Dankesschreiben von Firmen für vermiedenen Arbeitsausfall? Oder wenn an den Tafeln Stechuhren eingeführt werden, zwecks Arbeitsnachweises der Seniorinnen und Senioren? Oder Bescheinigungen von Kommunen, Vereinen und Schulen für ehrenamtlich geopferten Lebenszeiten? Oder Anerkennung für Betreuungsarbeit für Flüchtlinge? Oder ganz persönlich, hätte ich mit meiner 18-monatigen Wehrpflichtzeit zusammen mit dem Solidaritätsjahr vielleicht Aussicht auf das Bundesverdienstkreuz? Aber diese Fragen sind zu weit weg für den Soziologieprofessor und den fragenden Journalisten hatte wohl plötzliche Blutleere im Denkstübchen erfasst.

Reiner Heyse

Reiner Heyse, Nachrichteningenieur, war langjähriges Tarifkommissionsmitglied in der IG Metall und Betriebsrat in einem mittelgroßen Industriebetrieb in Kiel. Aktuell ist er einer der Sprecher der Initiative „RentenZukunft“ (vorher „Seniorenaufstand“) und Mitherausgeber der Blogs seniorenaufstand.de und Renten-zukunft.de
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 25.7. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/boomer-soli-und-pflichtjahr-fuer-rentner/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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