Debatte um Verteidigungsbudget: „Hurra, wir rüsten wieder!“

von Ilija Trojanow

Im Krisen- und Kriegsgetöse gehen kritische Stimmen unter. Dabei gilt es gerade jetzt, die echten Bedrohungen zu bearbeiten.

Collage: Jochen Gester auf Basis von pixabay

Es geht wieder los. Das Raunen. Das Diffuse. Ein Frühnebel, der sich bis zum Abend nicht lichtet. Ängste schüren, Bedrohungen an noch zu errichtende Mauern malen. Und lautstark mit einer simplen Lösung hausieren gehen, dem Allheilmittel seit tausend Jahren: Aufrüsten! Koste es, was es wolle. Whatever it takes. In einer Zeitung steht, bei Verteidigung müsse man vom schlimmstmöglichen Fall ausgehen. So hört es sich an, wenn Versicherungsvertreter Amok laufen.

Wir haben keine Zeit, nicht einmal um nachzudenken. Jeder Kommentar beschwört „Wochen der Wahrheit“, „Schicksalstage“. Wir müssen stark werden, zu einer militärischen Macht reifen. Bevor es zu spät ist. Quasi sofort. Wenn die letzte Stunde droht, schlägt die Stunde apokalyptischer Apodiktik. Wer zweifelt, begeht Verrat. An den europäischen Werten, an der Zukunft! Die Sprache ein einziger Exerzierplatz. „Die Einschläge kommen nicht mehr näher. Sie detonieren bereits mitten unter uns.“

Das schreibt kein Ukrainer, sondern der Berliner Max Haerder in feinem Zwirn. Der sogleich Winston Churchill zitiert: „Sie fragen, was unser Ziel ist? Ich kann mit einem Wort antworten: Es ist der Sieg, […] wie lang und hart der Weg auch sein mag; denn ohne Sieg gibt es kein Überleben.“ Diese Heldenverehrung aus der Wirtschaftswoche sind Fausthiebe in die Fresse des Reflektierens. Aber wenn inmitten von Getöse und Geklirre ein kritischer Gedanke noch möglich ist: Was oder wer bedroht uns?

Ist doch klar, schreit es einem entgegen: Russland! Ohne die USA sind wir verloren! Nun denn, ein Vergleich der Stärken und Schwächen tut not. Die europäischen Nato-Staaten verfügen über eine erheblich größere Wirtschaftsleistung als Russland, dessen BIP niedriger ist als das Italiens. Die europäischen Nato-Mitglieder investieren etwa 420 Milliarden US-Dollar in ihre Verteidigung, während Russland nur rund 300 Milliarden US-Dollar ausgibt, etwa ein Drittel seines gesamten Staatshaushalts, was langfristig untragbar ist.

Nato hat auch ohne USA wenige Defizite

Zudem ist die Nato auch ohne die USA in fast allen militärischen Schlüsselparametern überlegen: Laut Statista hatte die Nato 2025 etwa 3,44 Millionen Soldaten. Zieht man die US-Truppen ab, bleiben 2,14 Millionen aktive Soldaten übrig, während Russlands 1,2 Millionen Soldaten mehrheitlich im Ukrainekrieg gebunden sind. Bei Kampfpanzern stehen mehr als 6.000 europäische Panzer ungefähr 2.000 russischen gegenüber. Die europäischen Nato-Partner verfügen über 2.073 Kampfflugzeuge, Russland hingegen nur über 1.026.

Bei Artilleriesystemen haben die europäischen Nato-Staaten 15.399 Systeme, während Russland 5.399 besitzt. Und bei Atomwaffen herrscht ein strategisches Gleichgewicht. Laut Experten gibt es überschaubare Defizite: supranationale Integration, Kommandozentren und Führungssysteme zur effektiven Koordination sowie mehr Aufklärung seien nötig. Mehr europäische Integration also, weniger nationale Alleingänge.

Selten vernimmt man eine nüchterne Einschätzung der Gefahr: „Das Risiko einer militärischen Auseinandersetzung mit Russland bleibt gering, genauso das Risiko eines nuklearen Austausches.“ So die in Wien tätige Politologin Velina Tschakarova. Zudem liegt Russlands Stärke momentan vor allem bei wirtschaftlicher Erpressung hinsichtlich Rohstoffen sowie bei politischer Einmischung durch Desinformation.

Beides können wir abwehren, indem wir uns von fossilen Brennstoffen unabhängig machen und den Chaos Computer Club großzügig unterstützen. Hackers for freedom – klingt besser, kostet weniger. Doch alle nachdenklichen Töne werden überschallt von Fanfaren und Trompeten. Wie begreifen wir Sicherheit? Der jetzige Fokus ignoriert Bedrohungen, die nicht mit Grenzen und Drohnen eingedämmt werden können. An erster Stelle das Klima und die anderen ökologischen Krisen.

Einer spekulativen Bedrohung – Russlands potenzieller Angriff auf die Nato – wird mehr Bedeutung beigemessen als einer wissenschaftlich erwiesenen: der Klimakrise! Die Bundeswehr sei wehrunfähig und kriegsuntüchtig, die Soldaten hätten keine Helme, die Geschütze keine Munition. Wenn das stimmt, dann sollten wir uns fragen, wer dafür verantwortlich ist. Denn die Bundesrepublik steckt seit Jahren Unsummen in die Verteidigung und hat zusätzlich ein Sondervermögen von 100 Milliarden bereitgestellt.

Der weltweite Waffenhandel ist so korrupt wie profitabel

Wenn solche Summen keine Selbstverteidigung garantieren, sollten wir das Ministerium, die Bürokratie und die Militärindustrie überprüfen und statt Churchill Eisenhower zitieren, dessen Warnung vor dem militärisch-industriellen Komplex schmerzhaft aktuell ist. Mit Kriegsausgaben von über 2,2 Billionen Dollar im Jahr 2022 ist der weltweite Waffenhandel so rechtlos und korrupt wie profitabel. Wenn etwas alternativlos ist, muss alles diesem Ziel unterworfen werden.

Um die Demokratie zu schützen, opfern wir sie, wenn etwa die größte Partei eine Woche nach den Wahlen das eigene Programm über den Haufen wirft. Die CDU verklagte die Ampel wegen 60 Milliarden Euro neuer Schulden, jetzt will sie eine Billion anschreiben! Die Aufrüstung ist auch ein Skandal, weil andere Prioritäten, sei es die Energiewende oder die soziale Gerechtigkeit, zurückgestuft werden. Wie vernünftig ist massive Aufrüstung in Zeiten eines wachsenden Nationalismus?

Wie wahrscheinlich ist es, dass eine mächtige Armee wie ein Bodybuilder die gut eingeölten Muskeln nur spielen lässt, oder wird die Idee nationaler Größe nicht bald schon suggerieren, dass man an den heiligen Außengrenzen mal wieder schießen sollte, wenn sich perfide Flüchtlinge heranpirschen? Und wie lange dauert es, bis die Idee des Expansionismus wieder greift? Ein wenig Grönland, ein wenig Panama steht auf jedem nationalen Menü. Die Stalaktiten des wirtschaftlichen Interesses verzahnen sich mit den Stalagmiten der militärischen Stärke zu einem Raubtiergrinsen. Davor sollten wir uns wahrlich fürchten.

lija Trojanow

ist Schriftsteller und Autor mehrerer Bücher. 2023 ist sein aktueller Roman „Tausend und ein Morgen“ bei S. Fischer erschienen und druckfrisch im Handel: „Das Buch der Macht. Wie man sie erringt und (nie) wieder loslässt“ im Verlag Andere Bibliothek.

Erstveröffentlichtt in der taz v. 12.3. 2025
https://taz.de/Debatte-um-Verteidigungsbudget/!6071623/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Wollen wir sterben?

Von Christof Meueler

Vor langer Zeit war ich in einer linken Gruppe, die fragte sich oft, was »sie« denn nun vorhaben könnten. Wie werden »sie« auf diese oder jene Krise reagieren, was werden »sie« als Nächstes tun? Dieses »sie« war unbestimmt, aber bedrohlich. Es stand eigentlich für alles Blöde und Böse, was einem so einfallen konnte, wenn man an den Kapitalismus dachte: die herrschende Klasse und ihre Büttel, ein Klub von Geistern, die überall auftauchen konnten, um »uns« zu drangsalieren und fertigzumachen. »Wir« gegen »sie«, die klassische Dichotomie. »Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen«, wie schon Mao gelehrt hatte. Aber diese Feinde blieben Geister, man sah sie nicht, man vermutete sie nur. Man könnte auch sagen, es sind nur Worte, an die man erst mal glauben muss.

Ähnlich verhält es sich mit den »Werten«, die nun allenthalben verteidigt werden sollen. Die Worte mögen leer sein, aber sie kosten. Vergangene Woche wurden im Bundestag die neuen Kriegskredite verabschiedet. Seit Beginn des Ukra­ine-Krieges, des russischen Angriffs auf das Nachbarland, heißt es überall: »Wir« gegen »sie«, »unsere« Freiheit gegen »ihre« Diktatur. Wer Frieden will, muss aufrüsten. Scheiß auf Willy Brandt und Petra Kelly. Als hätte sich seit dem Kalten Krieg nie etwas geändert – außer die Grünen, denn die wollten früher damit nichts zu tun haben.

Bis 1990 hieß der Osten DDR. Vor 35 Jahren wurde dort zum ersten und letzten Mal frei gewählt – und dann verschwand dieses Land. Was ist von ihm übrig geblieben? Der Fotograf Daniel Biskup ist aus dem Westen in den Osten gefahren und hat danach gesucht. Deshalb heißt sein Bildband »Spuren«. Eine optische Bestandsaufnahme, erschienen im Verlag Salz und Silber. Die Rezension dazu finden Sie auf Seite 10 dieser Beilage.

»Dabei gibt es so viel, für das es sich zu leben lohnt – und nichts, wofür man sterben sollte«, schreibt Ole Nymoen. Es ist der letzte Satz in seiner sehr aktuellen Abhandlung »Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde«. Die Rede ist hier ausdrücklich von »ich«, nicht von »wir«. Wenn in der unübersichtlichen Welt noch etwas konkret erfahrbar ist, dann ist es das eigene Ich und nicht ein vorgestelltes »Wir«.

Man soll Verantwortung für sich und sein Tun übernehmen, das lernt man in der Schule, das predigen die Ratgeber, und das ist auch die erste Forderung der herrschenden Ökonomie. Genau das macht Nymoen, der als erfolgreicher Journalist und Podcaster arbeitet: In seinem neuen, gar nicht so dicken Buch übernimmt er die Verantwortung für einen Text, den er im vergangenen Sommer in der »Zeit« veröffentlicht hatte. Er hieß »Ich, für Deutschland kämpfen? Never!« und war in den fast nonstop die »Kriegs­tüchtig­keit« propagierenden großen Medien die große Ausnahme. Gegen den Hab-acht-Befehlston schrieb Nymoen: »Wenn ich mir nun die Frage stelle, wofür ich zu kämpfen bereit wäre, dann muss ich ehrlich sein: für fast gar nichts. Und ganz sicher nicht für ›mein Land‹, nicht für diesen Staat, und auch nicht für Europa.«

Danach gab es massenweise Protestbriefe und strenge Gegenartikel in der »Zeit« und anderswo. In seinem neuen Buch erklärt er nun ausführlich seinen Essay. Insbesondere wehrt er sich gegen den Vorwurf, in seinem »Zeit«-Text komme kein »menschliches Wir, soziales Miteinander vor«. Wieso sollte es das? In der bundesrepublikanischen Wirklichkeit kommt es ebenfalls nicht vor. Für Nymoen »besteht dieses Land aus Millionen vereinzelter Erwerbsbürger, die sich in einer Ellenbogengesellschaft bewähren müssen«. In diesem Staatswesen gilt der »obszönste Reichtum als schützenswert«, während »die Ärmsten mit Verachtung gestraft« werden. Im sogenannten Putin-Reich dürfte es ähnlich sein, in der Ukra­ine ebenfalls.

Für die Bundesrepublik konstatiert Nymoen, »dass dieser Staat ganz sicher kein Wohltäter gegenüber seinen Untertanen ist«. Den Bewohnern des Landes aber wird erzählt, dass sie alle gleich seien, sie hätten dieselben »Werte«. Damit hantierten in Deutschland lange nur die Konservativen, jetzt ist dieser Nullsprech allgemeiner Standard. Die Deutschen sollten sich höchstens fragen, ob es ihnen dabei nicht »zu gut« gehe, jetzt, da man sich doch auf drohende Kriege vorbereiten müsse, mit Kriegstüchtigkeit und Kriegswirtschaft. Right or wrong, my country: »Die Politiker, die die soziale Spaltung vorantreiben, rufen zur Geschlossenheit auf«, urteilt Nymoen.

Aber die Heimat, die teure, mögen manche da entgegnen. Nymoen negiert keine Heimatgefühle, die kann man haben oder auch nicht, weist aber darauf hin, dass es der Landschaft egal ist, wer über ihre Menschen regiert, »und auch die Schönheit der Natur bleibt davon unangetastet«. Den Menschen allerdings müsste es weniger egal sein, wenn sie in den Krieg kommandiert werden, mit dem modernen Versprechen, das geschehe nun geschlechtergerecht. Wir reden von Kriegen mit konventionellen Waffen, logisch, ein Atomkrieg ist weder vorstell- noch führbar, macht aber den Politikern und ihrer Gefolgschaft anscheinend nicht mehr so viel Angst wie noch im Kalten Krieg.

Ein Krieg beginnt dadurch, dass er befohlen wird, von Politikern, wem sonst.

Entscheidend ist die Kommandostruktur, hebt Nymoen hervor. Ein Krieg beginnt dadurch, dass er befohlen wird, von Politikern, wem sonst. Sie müssen nicht aufs Schlachtfeld, sie müssen ja das Land führen, in welche Katastrophe auch immer. Für das Soldatsein aber wird der Mensch entmenschlicht, »vom vernünftigen und moralischen Wesen in ein Tötungswerkzeug verwandelt – und das vom Staat, der von so vielen Denkern als Voraussetzung von Vernunft und Freiheit angesehen wurde«!

Wenn sich ein Staat verteidigen will, dann wird stets die Unterscheidung zwischen »Volk und Führung verwischt«, schreibt Nymoen, indem der Staat behauptet, die »Sicherheit« seiner Bürger garantieren zu wollen – aber gibt es etwas Unsicheres als Krieg? Sicher ist nur, dass die Politiker unterschiedlicher Länder sich nicht einigen können oder wollen und deshalb einen Krieg beginnen, rein strukturell gesehen. Lenins berühmte Erklärung, dabei gehe es nur um die Interessen der Wirtschaft, also um Geld und sonst nichts, findet Nymoen unbefriedigend, weil für ihn der Staat ein eigenständiger Akteur ist. Er weist darauf hin, dass Staaten aus Kriegen entstehen oder dadurch ihre Form verändern. Staaten hetzen ihre Bewohner in den Krieg, wobei sich viele Konflikte weniger um ökonomische als um nationalistische oder religiöse Symbole drehen: Falkland-Inseln, Bergkarabach oder Taiwan.

Den beliebten Aussagen, dass ein Krieg »sinnlos« sei oder »völkerrechtswidrig«, kann er ebenfalls nichts abgewinnen. Diese Kategorien hängen davon ab, wer sie gebraucht. »Wir« gegen »sie«. Den Menschen, die umgebracht werden, ist es egal. »Denn Krieg ist nicht falsch, weil er verboten ist«, resümiert Nymoen. »Er ist falsch, weil einige wenige Menschen über die Leichenberge anderer gehen können, um ihre Interessen durchsetzen zu können.« Und doch ist er sich sicher, dass die Menschen allgemein mehr eint, als sie trennt: Sie wollen in Frieden leben. Alles andere ist Ideologie.

Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit. Rowohlt, 144 S., geb., 16 €.

Erstveröffentlicht im nd v. 25.3. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189993.leipziger-buchmesse-wollen-wir-sterben.html?sstr=Meueler

Wir danken für das Publikationsrecht.

Ukraine: „Ein langer Krieg ist eine Katastrophe für die Gesellschaft“

Von Florian Rötzer

Bild: pixabay

„Ein Mann rennt wie ein Hase die Straße entlang, wird von Soldaten verfolgt, zertrümmerte Gesichter, Menschen springen aus dem Fenster eines fahrenden Kleinbusses – solche Szenen sind heute in den sozialen Netzwerken zu sehen. Der Staat versprach, die Vorgänge zu untersuchen, unternahm aber nichts, und stattdessen begannen sie, in den Militärregistrierungs- und Einberufungsbüros (TCC) zu töten. Mehrere Menschen starben im TCC. Im Vergleich zu den Opfern an der Front oder durch russische Bombenangriffe mag das unbedeutend erscheinen. Für die Bevölkerung sind diese Fälle jedoch sehr demotivierend.“

Glaubt man dem deprimierenden Bericht des russischen Journalisten Shura Burtin, der nicht für russische Staatsmedien schreibt, sondern für oppositionelle Medien wie Meduza, hat sich die Situation in der Ukraine in den letzten anderthalb Jahren nicht nur wegen der russischen Angriffe, sondern wegen der Mobilisierung und der Jagd auf wehrfähige Männer stark verändert. An der Front herrscht bekanntlich Personalmangel, der Strom der Freiwilligen ist versiegt. Desertion geschieht massenhaft, ebenso wie Panik auf den Straßen herrscht wegen der Militärpatrouillen der Rekrutierungszentren TCC, die gewaltsam Männer verschleppen. Burtin war zwei Monate in der Ukraine, besuchte Kiew und den Donbass, sprach mit vielen Ukrainern und berichtet von seinen Erfahrungen. Auch in Kiew herrsche Angst, die Männer meiden die Straßen.

„Zu Beginn des Krieges hatte die Ukraine keinen Mangel an Soldaten – eine große Zahl Freiwilliger ging an die Front. Doch viele starben, und die Zahl der Menschen, die bereit waren, in den Krieg zu ziehen, wurde deutlich kleiner. Zunächst verteilten TCC-Patrouillen auf den Straßen Vorladungen und die Strafen für Flucht wurden strenger. Aber das half nichts, dann begannen sie, die Leute mit Gewalt zu fangen. Eine Patrouille hält einen an, schubst einen in einen Kleinbus und bringt einen zur ärztlichen Untersuchung ins Wehrmeldeamt, wo jeder für diensttauglich erklärt wird. Dieser Prozess wurde im Volksmund als „Busifizierung“ bekannt, das zweitbeliebteste Wort im Land. Noch am selben Abend oder am nächsten Morgen ist man bereits auf dem Weg ins Trainingslager.“ Und dann ist man schnell an der Front.

Man fragt sich, wo die Journalisten der ukrainischen Medien und vor allem die der Westmedien sich aufhalten oder warum sie die düstere Wirklichkeit in der Ukraine verschweigen, wenn die Schilderungen von Burtin stimmen: „Mir scheint, dass in der Ukraine ein Gefühl der Erschöpfung und Sinnlosigkeit herrscht“, schreibt er. Man darf allerdings davon ausgehen, dass Meduza den Bericht nicht veröffentlicht hätte, wenn der Journalist nicht vertrauenswürdig wäre, er also nicht russische Narrative verbreitet und Geschichten erfindet.

„Flucht aus dem Land ist ein Massenphänomen und ein großes kriminelles Geschäft. In den Nachrichten ist zu sehen, wie Grenzbeamte einige Männer, die versuchten, näher an die Grenze zu gelangen, aus ihren Autos zerrten, sie zu Boden warfen und auf sie eintraten. Die Moderatoren kommentieren etwa: Das haben die Betrüger verdient.“

Burtin gibt die Gespräche mit Ukrainern wieder, aber er macht auch deutlich, dass die ukrainische Führung ihr strategisches Spiel mit den Soldaten treibt:

„Wir erinnern uns: Als die Gegenoffensive im Herbst im Sande verlief, erschien im Economist ein Artikel von Salushnyi , in dem er von einer strategischen Sackgasse sprach. Danach äußerte sich Selenskij und sagte, er brauche keine Generäle, die von einer Sackgasse reden. Eine Kampagne gegen Salushnyi begann und er wurde entlassen. Und danach begannen alle Patrioten im gesamten Informationsfeld zu sagen, dass der Krieg lang sein würde. Niemand sprach über irgendwelche Friedensoptionen. Den Menschen wurde einfach eingetrichtert, dass wir unweigerlich auf einen langen Krieg gefasst seien, dass wir mit Putin nicht reden könnten und dass wir kämpfen müssten, solange wir könnten. Und jetzt stellt sich heraus, dass sie zwei Jahre lang gelogen haben? Wie viele Menschen sind in dieser Zeit gestorben? Zu welchem ​​Zweck?“

Viel hat sich Burtin an der Front aufgehalten, etwa in der Nähe des scho lange umkämpften Pokrowsk, wo er seinen Journalistenkollege Kostya begleitet, der sich freiwillig gemeldet hat und als Fahrer eines Drohnenteams arbeitet. Nach den Berichten geht es im Militär hoch korrupt zu:

„Sie verstehen, dass ich nichts tue und wir alle nichts tun“, sagt Kostja. „Was wir auf den Markt bringen, ist ein Kinderspielzeug. Die Hälfte der Flugzeuge stürzt einfach irgendwo auf den Feldern ab, die andere Hälfte fliegt hinter die Frontlinie; in drei Monaten, so scheint es, haben wir zweimal jemanden getroffen. Und wir sind jeden Tag ausgeflogen – was halten Sie von den Statistiken? Ihre Lenkbarkeit lässt so stark nach, dass es einem Wunder gleicht, mit ihnen etwas zu treffen. Uns wurden die besten Flugzeuge versprochen, aber die Armee hat ihre Versprechen nicht eingehalten. Mit der Anzahl der Kampfeinsätze zu prahlen, die wir geflogen sind, ist, als wäre man stolz darauf, wie oft man sich einen runtergeholt hat.“

Die Wirklichkeit an der Front ist furchtbar nach den Erzählungen. Schützengräben und Unterstände sind kein Schutz mehr, sondern Fallen. Drohnen werfen Granaten anders als Artillerie zentimetergenau in die Gräben ab oder fliegen direkt in die Unterstände. Jeder Schritt auf offenem Gelände ist ein Todesrisiko. Ein Soldat berichtet:

„Über den Unterständen, in denen sich die Infanterie versteckt, schweben ständig Aufklärungsdrohnen. Es sind so viele von ihnen über den Stellungen, dass die Luft wie ein Bienenschwarm summt. Die Drohnen agieren in einem Karussell: Wenn einer von ihnen die Batterie ausgeht, fliegt eine andere ein, um ihren Platz einzunehmen. Von Zeit zu Zeit schleichen FPVs, Kamikaze-Drohnen, über Stellungen, um einen Soldaten zu töten, der hinausschaut, oder fliegen in einen Unterstand und explodieren dort. Wenn sie scheitert, explodiert sie und verwandelt sich in einen zufälligen Müllhaufen. Drohnen halten rund um die Uhr Wache, wenn Verwundete aus dem Unterstand geborgen werden (um sie zum Evakuierungspunkt zu bringen). Sobald sie dies bemerken, fliegen FPVs oder Drohnen ein und werfen Granaten ab. Drohnen können sowohl bei Tag als auch bei Nacht sehen, haben jedoch eine schlechte Sicht im Graubereich, also in der Dämmerung. Dies ist eine kleine Zeitspanne von etwa 20 Minuten morgens und abends, auf die die Infanterie wartet.“

Man gewinnt den Eindruck, dass die Verluste sehr groß sein müssen, oft scheinen die Einheiten nur noch aus einem Fünftel ihrer normalen Stärke zu bestehen. Schlimm ist auch, dass die Verletzten nur unter Mühen und oft zu spät evakuiert werden können:

„Die größte Tragödie der gegenwärtigen Kriegsphase besteht wahrscheinlich darin, dass es nicht möglich ist, die Verwundeten schnell zu evakuieren. Jeder Medevac wird von Drohnen gejagt, daher ist ein Transport nur ‚im Graubereich‘ oder im Nebel möglich. Drei bis fünf Tage liegen die Verwundeten in ihren Stellungen, leiden und sterben: Das Überleben hängt vor allem von der Geschwindigkeit der Einlieferung ins Krankenhaus ab. Der Angriff auf medizinische Evakuierungsfahrzeuge ist ein Kriegsverbrechen, aber Drohnen tun nichts anderes.“

Burtin hat während einer Zugfahrt erfahren, dass sich die Stimmung verändert hat. Er erlebt Frauen, die ernüchtert vom Krieg sind, und Soldaten, die zwar am Kampf festhalten, aber die Kritik akzeptieren. Es herrsche trotz der Auseinandersetzung eine freundliche Stimmung, schreibt Burtin:

„Im Dezember 2024 galt es immer noch als Hochverrat, öffentlich zu erklären, der Krieg müsse beendet werden. Obwohl in privaten Gesprächen viele Leute sagten: ‚Sie sollen an ihrem Donbass ersticken, wenn das alles nur bald aufhören würde!‘ Aber natürlich konnten nur wenige Menschen so etwas laut sagen. Und schon im Februar wurde ich Zeuge folgender Szene: In einem Abteilwagen saßen auf der unteren Pritsche Militärs – ein muskulöser junger SA-Soldat und ein älterer Pionier, ihnen gegenüber saß eine Frau. ‚Lasst uns dem Ganzen ein Ende setzen!‘, sagt sie laut. ‚Für Sie ist es bequem zu kämpfen, Sie werden dafür bezahlt.‘ … ‚Es wird noch schlimmer‘, stimmt der Sturmtruppler plötzlich zu. ‚Weil jeder, der zur Armee eingezogen wird, sagt: ‚Was bin ich für ein Idiot?‘ Lasst die Söhne der Abgeordneten kämpfen!‘“

Über die Wirklichkeit des Kriegs wird bei uns nicht gesprochen. Politiker und die meisten Medien schüren die Angst vor den Russen und propagieren, dass die Ukrainer weiterkämpfen müssen, auch wenn Trump die Militärhilfe einstellen sollte. Die Europäer meinen, sie sind die Guten, wenn sie Militärhilfe leisten, um der Ukraine, die zudem angeblich für Europa kämpft, zu helfen, Stärke für Friedensverhandlungen zu zeigen, während das Land ausblutet. Anstatt alles zu tun, um den Krieg zu beenden und eine für alle Seiten akzeptable Friedensordnung zu schaffen, sollen die Ukrainer weiter in einem aussichtslosen Kampf sterben, dem wir aus der Ferne zuschauen, ohne die schreckliche Wirklichkeit wahrnehmen zu wollen. Und wir sollen uns kriegstüchtig machen, um gegen die Russen oder die Chinesen zu kämpfen.

Schauen wir uns die vielen Videos über den Einsatz von Drohnen und dem grausamen Schrecken, den sie verbreiten, endlich an. Niemand will und niemand soll so abgeschlachtet werden, niemand soll so andere Menschen jagen und ermorden. Und für was? Manche wissen auch noch, was ihre Väter, die überlebt haben, vom Zweiten Weltkrieg erzählt haben, die nachts immer wieder schreiend von Albträumen aufgewacht sind. Schonungslose Berichte wie die von Shura Burtin wecken auf. Aber das sollen wir offensichtlich nicht, wenn uns solche Berichte vorenthalten werden, wir sollen tötungstüchtig in den Krieg taumeln und diesen informationsbetäubt unterstützen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/top-story/ukraine-ein-langer-krieg-ist-eine-katastrophe-fuer-die-gesellschaft/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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