Der Hetzkampagne die Stirn bieten

Der Fall Ferat Koçak zeigt, wie »Clankriminalität« Politik macht. Ein Appell an die Berliner Linke, ihr Wahlprogramm ernst zu nehmen

Gastbeitrag: Anthony Obst & Michèle Winkler

Nur Stunden nach dem Erfolg der Linkspartei bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus begannen Medienhäuser und Vertreter*innen der konkurrierenden Parteien eine beispiellose Hetzkampagne gegen den Bezirksverband der Neuköllner Linken. Das unverhohlene Ziel ist, über die Delegitimierung prominenter Vertreter*innen der Linken Neukölln die Umsetzung ihrer politischen Programmatik zu verhindern. Im Zentrum der Attacken stand zunächst der Neuköllner Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak, der daraufhin am vergangenen Mittwoch die Konsequenz zog, den Innenausschuss des Bundestags zu verlassen. Vordergründig geht es um Koçaks Kontakte zu zwei Personen der Familie Remmo, deren Familienname in den vergangenen Jahren so etwas wie ein mediales Aushängeschild sogenannter Clankriminalität geworden ist. Und damit sind wir schon im Zentrum des Problems, das durch den Lärm der Anschuldigungen und die Durchleuchtung von Koçaks zugegebenermaßen fragwürdigem Kommunikationsverhaltens völlig übertönt wird.

Durch den Begriff »Clankriminalität« wird anhand des Namens sämtlichen Familienangehörigen eine inhärente Kriminalitätsneigung angedichtet. Das ist der rassistische Kern der Clankriminalisierung, bei der alle Familienmitglieder in Mithaftung für ihre Verwandten genommen werden. Rassistisch deshalb, weil mit diesem Etikett nur bestimmte Familien belegt werden; laut des Lagebilds zur »Clankriminalität« der Polizei Berlin nur solche, die »familiär-soziale Bezüge überwiegend zum mhallami-kurdischen, libanesischen oder palästinensischen Raum aufweisen«. Im Zuge der Kampagne wird nun nicht nur Koçaks persönlicher Einsatz der letzten Jahre gegen das Konzept der »Clankriminalität«, sondern sämtliche antirassistische Arbeit gegen Clankriminalisierung insgesamt als illegitim verhandelt. Die zunehmende Kritik am Begriff und der einhergehenden Polizeipraxen scheint vergessen. Dagegen kann und muss sich linke Politik klar positionieren – und das ist kein Skandal.

»Gegen Clankriminalisierung kann und muss sich linke Politik klar positionieren – und das ist kein Skandal.«

In den vergangenen Jahren wurde der Begriff »Clankriminalität« institutionell – wie zum Beispiel in polizeilichen Lagebildern – etabliert und gesellschaftlich so weitreichend normalisiert, dass er in der medialen Berichterstattung kaum infrage gestellt wird. Sowohl das Komitee für Grundrechte und Demokratie, als auch das Justice Collective arbeiten im Verbund mit weiteren Organisationen und Einzelpersonen seit Jahren gegen diese grundrechtswidrige Praxis und deren Folgen. Eine erste Veranstaltungsreihe zum Thema organisierten KOP Berlin, das Grundrechtekomitee und die Neuköllner Initiative »Kein Generalverdacht« bereits im Jahr 2021. Aus dieser Zusammenarbeit ergab sich ein gemeinsames Buchprojekt. Der Bezirk Neukölln steht wie kein zweiter immer wieder im Zentrum dieser rassistischen Politik – entsprechend ist auch der Widerstand in diesem Bezirk besonders hoch. Bedauernswerterweise findet dies alleine in Teilen der Linkspartei programmatischen Widerhall, getragen von Personen, die sich schon lange auch zivilgesellschatlich antirassistisch engagieren.

Koçak und der Linken Neukölln wird nun unter anderem genau das zum Vorwurf gemacht: dass man sich seit Jahren gegen eine rassistische Politik einsetzt, die mit Rückgriff auf den Begriff »Clankriminalität« sowohl in Berlin als auch in anderen Bundesländern vorangetrieben wird. Dabei können parlamentarische Anfragen wie jene, die aktuell als Skandal um Koçak und seine Parteikolleg*innen dargestellt werden, Erkenntnisse über die Unverhältnismäßigkeit liefern, mit der die Polizei gegen »Clankriminalität« vorgeht: Daraus lässt sich zum Beispiel erfahren, dass die Polizei Berlin zwischen Januar 2019 und September 2022 insgesamt 919 Einsätze mit Bezug zur »Clankriminalität« durchführte, die zusammen über 122.247 Arbeitsstunden von mehr als 16.000 Polizeibeamt*innen beanspruchten. Dabei handelt es sich zumeist um groß angelegte Gewerbekontrollen migrantisch geführter Betriebe, teils inklusive Straßensperrungen – was den enormen Einsatz von Arbeitsstunden erklärt. Dennoch ordnet die Polizei Berlin selbst in Anbetracht der fragwürdigen Kriterien, die sie dafür anlegt, nur etwa 0,2 Prozent ihrer registrierten Straftaten diesem Bereich zu.Die Autor*innen

Anthony Obst ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Justice Collective und hat als Ko-Autor zu dem Sammelband »Generalverdacht: Wie mit dem Mythos Clankriminalität Politik gemacht wird« beigetragen. Michèle Winkler ist politische Referentin beim Komitee für Grundrechte und Demokratie und Mitherausgeberin und Autorin des Sammelbandes.

Als Mitstreitende im Engagement gegen rassistische Kriminalisierung fordern wir Autor*innen vom Berliner Landesverband der Linken, dass er sich ebenfalls zu diesem Engagement bekennt, anstatt sich zu distanzieren. Die Attacken auf Koçak sind unmissverständlich Teil einer breit angelegten Kampagne gegen die Berliner Linke, die in erster Linie darauf abzielt, eine rot-grün-rote Koalition in Berlin unter Führung der Linkspartei zu verhindern. Insbesondere soll damit progressiv ausgerichtete Politik vereitelt werden, die nicht nur eine demokratisch bereits gewählte Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne in Aussicht stellt und einen am Völkerrecht orientierten Bruch mit Deutschlands Unterstützung der genozidalen Kriegsführung Israels in Gaza fordert, sondern auch den Rückbau eines Polizeiapparates, der in den vergangenen Jahren massiv angewachsen und ungehemmt repressiv aufgetreten ist.

Wie das Justice Collective 2025 in einem Bericht herausarbeitete, ist der Polizeietat der Hauptstadt seit 2010 um über 75 Prozent gestiegen – auf über 2,14 Milliarden Euro im Jahr 2027. Damit gibt Berlin mehr als doppelt so viel Geld für Polizei aus wie für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mit 723 Vollzeitäquivalenzen pro 100.000 Einwohner*innen gibt es in Berlin mehr Polizei pro Kopf als in New York City. Der Einsatz dieser enormen materiellen und personellen Ressourcen konzentriert sich dabei insbesondere auf migrantisch geprägte Viertel und Bevölkerungsgruppen. So ist in Berlin beispielsweise die personelle Ausstattung der Direktion 5, die mit Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte die Bezirke mit den höchsten Anteilen dort ansässiger Menschen mit Migrationshintergrund umfasst, seit 2010 kontinuierlich gestiegen. Außerdem liegen in diesem Zuständigkeitsbereich sämtliche sogenannte kriminalitätsbelastete Orte. Diese Orte, die die Polizei selbst festlegt, bieten in städtischen Ballungsräumen nachweislich ein Einfallstor für Racial Profiling und tragen somit zu rassistischer Kriminalisierung bei. Und im Rahmen palästinasolidarischer Proteste entlud sich besonders seit Oktober 2023 vieldokumentiert die polizeiliche Gewaltausübung gegen die migrantisierte Bevölkerung Berlins.

Hier ist es wichtig, den Zusammenhang zu sehen: Die Mythen von der »Clankriminalität« und des »importierten Antisemitismus« sind Teil eines symbolisch-politischen Repertoires, das sowohl rechtskonservativem Kulturkampf als auch rechtsradikalen Plänen zur ethnischen Säuberung des Landes dienlich ist. Bürgerliche Parteien haben sich von dieser zusammenhängenden Moralpanikoffensive längst anstecken lassen und lassen sich für das faschistische Projekt »Remigration« vor den Karren spannen – wie etwa im Rahmen der im April 2026 beschlossenen GEAS-Reform, die unter anderem auch die Ausschlussgründe vom Flüchtlingsschutz für strafrechtlich Verurteilte im Aufenthaltsgesetz verschärft. Rassistische Kriminalisierung ist für dieses faschistische Projekt unerlässlich. Daher muss sich antifaschistische Politik ihr konsequent widersetzen.

»Die Linkspartei muss darauf bestehen, dass mit dem Freifahrtschein für rassistische Sicherheitspolitik ebenso Schluss ist wie mit der Spekulation mit Wohnraum.«

Auch wenn die Linkspartei als Teil der Berliner Landesregierung das langjährige Aufblähen polizeilicher Mittel und Befugnisse selbst mitzuverantworten hat, prangert sie in ihrem jüngsten Wahlprogramm diese Entwicklung an und gelobt einen Richtungswechsel. So erklärt sie beispielsweise, die »immer weitere, teure Aufrüstung der Polizei« stoppen und »die Mittel umverteilen« zu wollen. Es solle geprüft werden, wie der Personalbestand bei der Polizei auf das Niveau anderer Stadtstaaten abgesenkt werden kann, sodass Mittel für die »Finanzierung von Stellen bei Not- und Krisendiensten, Straßensozialarbeit, usf.« frei werden. Eine Umsetzung dieser Vorsätze auf Landesebene könnte auch über Berlin hinaus den Weg zu einer evidenz- und vor allem menschenrechtsbasierten Sicherheitspolitik bahnen, die soziale Probleme nicht mit immer mehr Polizei zu lösen gedenkt.

Die Berliner*innen haben am 20. September mit eindrücklicher Mehrheit die Linkspartei nicht trotz, sondern unter anderem auch wegen der antirassistischen, antigenozidalen und polizeikritischen Forderungen und der Wohnraumvergesellschaftung in ihrem Wahlprogramm gewählt. Es ist eine Schande, dass Teile der Linkspartei diese klare Zustimmung zu ihrem Programm in den letzten Tagen aus den Augen verloren haben und sich zu Distanzierungen nicht nur von ihren Parteikolleg*innen in Neukölln, sondern mittelbar auch von ihrem eigenen Wahlprogramm haben hinreißen lassen. Zumal sie damit ebenso den rassistischen Erzählungen über Neukölln auf den Leim gehen, die auch den Mythos »Clankriminalität« so wirkmächtig machen. Als Vertreter*innen der progressiven und antirassistischen Zivilgesellschaft fordern wir, die gewählte Politik in möglichen Sondierungsgesprächen offensiv zu vertreten. Die Berliner Linkspartei muss gemäß ihres Wahlprogramms darauf bestehen, dass mit dem Freifahrtschein für rassistische Sicherheitspolitik in der Hauptstadt ebenso Schluss ist wie mit der Spekulation mit Wohnraum.

Erstveröffentlicht im nd v. 2.10. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1202908.die-linke-debatte-um-clan-kriminalitaet-der-hetzkampagne-die-stirn-bieten.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Linke-Wahlsieg in Berlin: Grotesker Antisemitismus-Zirkus nimmt Fahrt auf

Wir teilen gerne die Erklärung der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost vom 25. September. Diese Erklärung ist besonders wichtig vor dem Hintergrund der eskalierenden Hexenjagd gegen Menschen, die sich mit Palästina solidarisieren gegen den anhaltenden Völkermord in Gaza und die ethnischen Säuberungen in den besetzten Gebieten. Es ist besonders erschreckend, dass die groteske Antisemitismus-Kampagne offenbar von der Führung der Linkspartei unterstützt wird, um regierungsfähig zu werden. Stoppt die Hexenjagd gegen die Palästina-Solidarität!

Wir danken der Jüdischen Stimme für das Publikationsrecht.

Linke-Wahlsieg in Berlin: Grotesker Antisemitismus-Zirkus nimmt Fahrt auf

Seit dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin am 20.09. hat das Geschrei in Presse und Politik kaum aufgehört. Dass die Partei mit 25,7% stärkste Kraft wurde, trotz wochenlanger medialer Hetze gegen sie, hat im politischen Mainstream zu einer Kernschmelze geführt. Es ist ein gutes Zeichen, dass die Berliner:innen sich nicht von den altbekannten rassistischen „Antisemitismusdebatten“ täuschen ließen und für die längst überfällige Vergesellschaftung von Wohnraum stimmten – und angesichts der zunehmenden Polizeigewalt und Wohnungsnot auch kaum verwunderlich.

Die Hysterie über die misslungene Hetzkampagne ist umso lauter: Der israelische Botschafter Prosor, für seine ständigen Einmischungen längst bekannt, sprach von einer „unmittelbaren Existenzgefahr“ für Jüdinnen und Juden in Berlin. Ehemalige Berliner Führungspersönlichkeiten der SPD riefen ihre Partei dazu auf, keine Koalition mit der Linken einzugehen, und meinten dabei, es drohe die „Vernichtung jüdischen Lebens“ in Berlin.

Gekrönt wurde das Ganze von Jörg Thadeusz, der in den Tagesthemen die Linkspartei nicht nur als antisemitisch bezeichnet hat, sondern sie mit zynischer Arroganz auch noch dazu aufforderte, am internationalen Holocaust-Gedenktag von Gedenkveranstaltungen fernzubleiben, da ihr jüdisches Leben in Deutschland offenbar nichts wert sei – und beendete seinen Meinungsbeitrag mit dem faschistischen Schlachtruf „Am Israel chai“.

Die Wahl einer linken Bürgermeisterin wurde somit in einer grotesken rhetorischen Eskalation geradezu als Anfang eines zweiten Holocausts dargestellt. Warum? Etwa weil der Rapper Dahabflex auf einer Wahlveranstaltung das Wort „Intifada“ benutzt hatte? Oder weil die Partei eine lauwarme Resolution beschlossen hatte, die Verständnis sowohl für Opfer als auch Täter des Genozids in Gaza ausdrückte?

Die Antwort ist banal: Es geht um Geld. Kapitalinteressen, Immobilien, Waffengeschäfte. Nichts macht dem kapitalistischen Mainstream mehr Angst, als Geld und Einfluss zu verlieren, und die kapitalistische Grundordnung, die die deutsche Politik beherrscht, wird in manchen Aspekten von der Linken bedroht. Aufgrund der direkten wirtschaftlichen Verstrickung von Politiker:innen mit der Immobilienbranche, zum Beispiel, versetzen sie die Enteignungspläne der Linkspartei in Panik. Seit dem Volksentscheid „Deutsche Wohnen & co. enteignen“ ist die Durchsetzung der Vergesellschaftung eigentlich schon lange demokratische Pflicht.

Warum empören sich diejenigen, denen angeblich der „Schutz jüdischen Lebens“ so wichtig ist, mehr über den Wahlsieg der Linken als über den der faschistischen AfD in Sachsen-Anhalt, der ihnen mit 44% fast eine absolute Mehrheit einbrachte? Auch in Mecklenburg-Vorpommern war sie kurz danach mit 38% der Stimmen stärkste Kraft. Auf Bundesebene ist sie seit Juni in den Umfragen beliebteste Partei und kann inzwischen mit ca. 30% Zustimmung rechnen. Warum gibt es angesichts dieser faschistischen Entwicklung nicht annähernd so viel Aufregung im Establishment? Warum spricht man eher davon, dass die Demokratie nun mal so laufe und man irgendwie damit umgehen muss, während das Wahlergebnis in Berlin geradezu als Terroranschlag gilt?

Weil die AfD  eine Partei des Kapitals und der Staatsräson ist. Kommen wir weg von der moralischen Debatte und der Propaganda um „Existenzrecht“, „historische Verantwortung“ und „jüdisches Leben“: Eine AfD-Regierung, ob auf Landes- oder Bundesebene, wäre kein Problem für den kapitalistischen Status Quo. In Sachsen-Anhalt hat der Wahlsieger Ulrich Siegmund den anstehenden Bau einer Fabrik des israelischen Waffenkonzerns Elbit Systems, der als Drohnenweltmeister eine Schlüsselrollebeim Genozid in Palästina spielt, damit verteidigt, dass man für das geplante„Remigrationsprojekt“ schließlich auch militärische Ressourcen benötige. Entsetzen in Politik und Presse fielen – ähnlich wie bei den Anhörungen in Den Haag zu Deutschlands Mittäterschaft im Völkermord  – eher gering aus. Business as usual im Geschäft mit palästinensischem Blut. 

Die wahnsinnige Aufrüstung mithilfe der Kürzungen der Merz-Regierung, die Tatsache, dass die AfD immer mehr Macht erlangt und die rasante Faschisierung Deutschlands verblassen geradezu neben dem Antisemitismus-Zirkus, den Medien und Politik zurzeit orchestrieren. Dieser ist gut besucht – von Eigentumsfanatikern und Rassisten bis zu solchen, die mit gut gemeinten Statistiken zu Antisemitismus in Parteien den defensiven Kurs der Linken weiter anheizen. Währenddessen läuft die Waffenindustrie für weltweiten Völkermord auf Hochtouren und Migrant:innen werden reihenweise gekündigt, ausgebürgert, abgeschoben, zu Hause von Polizisten belagert und geschlagen – all das im Rahmen desselben rassistischen „Kampfes gegen Antisemitismus“.

Gleichzeitig werden unsere jährlichen Kundgebungen am 27. Januar, in denen wir auf die deutsche Beteiligung am zionistischen Genozid als Entlarvung der hegemonialen „Erinnerungskultur“ hinweisen, und die vielen nichtjüdischen Opfergruppen der Nazis nennen, als Holocaust-Relativierung diffamiert, und ein „Antisemitismusbeauftragter“ verlangt für uns ein Vereinsverbot. „Jüdisches Leben“ hat für den deutschen Staat nur einen Wert, wenn es sich mit der Staatsräson und ihren Nazi-Kontinuitäten verträgt.

Da passt es, dass wir als jüdische Gruppe im Schatten der Berlin-Wahl ausgerechnet an Jom Kippur vom Berliner Oberverwaltungsgericht erneut als „gesichert extremistisch“ eingestuft und einer weiteren Verfolgung durch Geheimdienste preisgegeben wurden. Eine jüdische Organisation, die sich mit den Zielpersonen dieses „Kampfes gegen Antisemitismus“ solidarisiert, muss in einem Staat, der hierauf seine Macht aufbaut, schließlich dringend aus dem Weg geräumt werden.

Staatliche Akteure und Instanzen stellen uns als Propaganda-Abteilung der Hamas dar, während Holocaust-Leugner im Bundestag sitzen und der Kanzler Jüdinnen und Juden als „Ausländer“ bezeichnet oder die israelische Flagge die „Judenfahne“ nennt – und dann in einer Synagoge Krokodilstränen darüber vergießt, dass die Nazis mithilfe des deutschen Kapitals unsere Vorfahren vernichtet haben.

Angesichts dieser desaströsen politischen Lage ist es unabdingbar, dass die Linkspartei standhaft bleibt. Der Untergang des ehemaligen Labour-Vorsitzenden Corbyn in Großbritannien hat gezeigt, wie jede Gefahr einer Einschränkung kapitalistischer Privilegien zum politischen Krieg führt, in dem der Antisemitismusvorwurf zynisch missbraucht wird – ob von Parteien und Organisationen, die selber voller Rassisten und Antisemiten sind, oder von vermeintlichen jüdischen Vertretern, etwa dem Zentralrat, die nur aufgrund ihrer Unterstützung des westlichen Imperialismus Einfluss haben.

Schon mit Elif Eralps Distanzierungen während des Wahlkampfs, die den rassistischen Antisemitismusdiskurs weiter rechtfertigten, zeichnete sich ein gefährlich defensiver Kurs der Linken ab. Jetzt wird aber das Verstecken der standhaftesten Parteimitglieder zum armseligen Versuch, die Hetze zu beschwichtigen: Gegen Hannah Bruns von der LAG Palästinasolidarität läuft nun ein Ausschlussantrag und Ferat Kocak, der unermüdlich für ein gutes Leben in Neukölln kämpft und nicht unerheblich am massiven Wahlsieg im Wahlkreisbeteiligt war, trat von seiner Rolle vorläufig zurück.

Dabei sind es Leute wie Ferat Kocak, Ahmed Abed und Hannah Bruns, die sich klar gegen Krieg und Genozid positionierten und nah an der Bewegung arbeiteten, die das Vertrauen in eine Partei, die sich links nennt und Jahre lang eben keine klare Position hierzu beziehen konnte, aufrecht erhalten hat und am Stimmgewinn in Kreuzberg oder Wedding maßgeblich mitgewirkt haben. Ausgerechnet sie nun ans Messer zu liefern ist nicht nur gefährlich und dumm, sondern eine Kapitulation an einen fabrizierten rassistischen Diskurs, der seit Jahren die Ausbeutung von Migrant:innen und ihren Heimatländern, die sozialen Kürzungen, die Aufrüstung und den Genozid gerade erst ermöglicht. Mit diesen Diskussionen, wie sehr man rassistisch konstruierte Debatten bespielen sollte – darunter auch die sogenannte „Clankriminalität“, ein Begriff, der in großen Teilen auf Statistiken über falsch Parkende mit dem gleichen Nachnamen basiert – lässt die Partei sich gefährlich von ihren sehr ernsten Aufgaben ablenken: einem standhaften Antifaschismus und Antimilitarismus sowie der Vergesellschaftung von Wohnraum und einem Ausbau des Sozialstaats.

Lasst euch nicht ablenken, entlarvt die Angriffe als das, was sie sind: Angriffe auf die Möglichkeit einer sozialeren Politik und auf die Menschenrechte. Lasst nicht eure migrantischen Politiker:innen von Nazi-Enkeln diffamieren, die die eigene Antisemitismusgeschichte auf die muslimische Bevölkerung abwälzen. Seid solidarisch mit denen, die sich konsequent gegen Genozid und Besatzung stellen, statt sie den Geiern der Boulevardpresse zu überlassen. Geht in die Offensive, statt euch in die Ecke drängen zu lassen. Nur so gibt es eine Chance auf Gerechtigkeit, ob soziale Gerechtigkeit in Deutschland oder Gerechtigkeit für Palästina.

Quelle: https://www.juedische-stimme.de/news-und-stellungnahmen/linke-wahlsieg-in-berlin-grotesker-antisemitismus-zirkus-nimmt-fahrt-auf

Bundesweite Aktionskonferenz zur Ausweitung der Sozialproteste

Am 11. Oktober findet in Göttingen eine weitere Vernetzungskonferenz gewerkschaftlicher Aktivist:innen statt – ein Einladerkreis mit erfreulich vielen betrieblich Aktiven aus verschiedenen Gewerkschaften und Branchen. Eine Woche später am 16./17. Oktober findet nicht weit entfernt von Göttingen in Kassel ebenfalls eine Konferenz zum Thema „Eröffnung einer Diskussion – Vernetzung gewerkschaftlicher Widerstand!“ statt. Aus den Einladungen geht hervor:

  • in Göttingen steht inhaltlich die Entwicklung der Sozialproteste im Mittelpunkt,
  • in Kassel darüber hinaus die Entwicklung des Widerstands gegen den Kriegskurs – auch in den Betrieben und Gewerkschaften.

Ist es nicht so? Während Bundeskanzler Merz einerseits behauptet, „unser“ Sozialstaat sei nicht mehr finanzierbar, wird andererseits aufgerüstet, koste es was es wolle. Die Systematik und Heftigkeit der aktuellen sozialen Angriffe lässt sich nicht mehr allein erklären mit den Verteilungskämpfen der Vergangenheit und auch nicht durch den alleinigen Griff in die Taschen der Superreichen verhindern.

Als Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin würden wir uns wünschen, dass beide Bewegungen bzw. Initiativen nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ zusammenfinden und- unbenommen weiterer ideologischer oder taktischer Differenzen – sich abstimmen. Die Losung sollte/könnte lauten: Gemeinsam gegen Sozialen Kahlschlag und gegen Militarisierung! Was nicht heisst, die eine oder die andere Seite jeweils zur unabdingbaren Voraussetzung der jeweiligen Aktionseinheit zur Entfaltung des Klassenkampfes zu machen.

Ja, die Bosse wollen Klassenkampf. Die Antwort muss von einer möglichst geschlossenen wenig zersplitterteten Arbeiter:innenklasse kommen.

Aktionskonferenz am Sonntag, den 11. Oktober in Göttingen von 11 bis 17 Uhr

Wie auf dem zweiten digitalen Ratschlag am 8. September beschlossen, will der Gewerkschaftsratschlag im Nachgang der bundesweiten Proteste am 21. und 26. September eine bundesweite Aktionskonferenz in Göttingen veranstalten. Wenn weitere Kürzungen und Verschlechterungen unserer Arbeits- und Lebensbedingungen verhindert werden soll, dann können die bundesweiten Aktionen im September nur der Auftakt für weitere Proteste sein.

Ziel der Konferenz ist es daher, mit möglichst vielen gewerkschaftlich Aktiven aus unterschiedlichen Regionen und Branchen in den Austausch zu treten und gemeinsam an einer wirkungsvollen Strategie zu arbeiten. Im Zentrum stehen dabei die Fragen: Wie können wir (noch) mehr Menschen in Bewegung bringen? Und wie können wir wirkungsvoll den Druck auf die schwarz-rote Bundesregierung erhöhen? Gemeinsam sollen hierfür die konkreten nächsten Schritte verabredet werden.

Was steht in den nächsten Wochen auf dem Spiel und wie schaffen wir es, möglichst vielen Kolleginnen und Kollegen den Ernst der Lage bewusst zu machen?

  • Wie gelingt es uns, die Mobilisierung aus den Betrieben heraus auf die Straße auszuweiten?
  • Wie holen wir umgekehrt Sozialproteste in die Betriebe und in die Arbeitszeit?
  • Wie verknüpfen wir klug die anstehenden Tarifbewegungen mit der notwendigen Erhöhung des Drucks auf die Regierung?
  • Wie können wir, durch gezielte Aktivitäten, den Druck auf verantwortliche Politiker*innen erhöhen?
  • Und: Braucht es eine zentrale Großmobilisierung, und wenn ja, wie gelingt es uns, dafür möglichst viele Menschen auf die Straße zu bringen?

Aktionskonferenz am Sonntag, den 11. Oktober in Göttingen von 11 bis 17 Uhr
Die Registrierung ist ab sofort über diesen Link möglich: redseat.de/aktionskonferenz/

hier zur Einladung

Einladerkreis:

• Anja Schmailzl (Sprecherin ver.di–Betriebsgruppe, Klinikum Nürnberg)
• Anja Voigt (ver.di–Betriebsgruppe Vivantes, Berliner Krankenhausbewegung)
• Björn Höfer (Personalrat Universität Leipzig)
• Cheyenne Todaro (IG Metall–Vertrauenskörperleiterin und Betriebsrätin Daimler Truck & Daimler Buses in Mannheim)
• Carlos Seefeld (ver.di-Vertrauensleutesprecher Berliner Stadtreinigung)
• Claudia Salvoch (Betriebsrätin Lufthansa Frankfurt Boden)
• Dr. Daniel Behruzi (ver.di–Vertrauensleutesprecher und Personalrat Technische Universität Darmstadt)
• Felix Knorr (Mitglied der ver.di Betriebsgruppe am Universitätsklinikum Leipzig und Sozialratschlag Leipzig)
• Isa Senff (BR Deutsche Post AG Leipzig / Mitglied des ver.di–Gewerkschaftsrats)
• Jessica Knierim (IG Metall-Vertrauenskörperleiterin VW Salzgitter)
• Jose-Miguel Revilla (IG Metall–Vertrauenskörperleiter Mercedes–Benz Werkteil Untertürkheim & Entwicklung PKW)
• Katrin Wodzicki (Personalratsvorsitzende) und Marvin Hopp (für den ver.di–Betriebsgruppenvorstand der Uni Göttingen)
• Kay Jäger (ver.di–Vertrauensleutevorstand Gesamthafenbetrieb Hamburg)
• Mark Seeger (Mitglied des Betriebsrats VW Braunschweig)
• Moritz Engels (Betriebsratsvorsitzender bei Thyssenkrupp Steel Standort Dortmund)
• Martin Böhmer (IG Metall–Vertrauenskörperleiter Thyssen Krupp Rote Erde)
• Nils Knierim (VK Leiter) und Lena Fuhrmann (Mitglied des Betriebsrats Salzgitter Flachstahl)
• Richard Ulrich (ver.di–Vertrauensleutesprecher und Personalrat Uniklinik Frankfurt a.M.)
• Robby Aydin (Betriebsratsvorsitzender ipoque GmbH Leipzig)
• Stephan Rolles (Vorsitzender des IG Metall–Vertrauenskörpers Saarstahl Völklingen)
• Tanja Bohlen (ver.di-Betriebsrätin und Betriebsgruppenvorstand DHL Hub Leipzig)

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