Friedensdemos in Berlin und Stuttgart: »Zukunft statt Krieg«

Mehr als 15.000 Menschen protestieren gegen Aufrüstung und Wehrpflicht. Plädoyers für Verbindung von Kämpfen gegen Sozialabbau und Militarisierung.

Von Jana Frielinghaus, Berlin

Fotos: Demo-Teilnehmerin, Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin

In Berlin ist es die zweite antimilitaristische Kundgebung innerhalb von zwei Tagen am selben Ort: Am Samstagmittag versammeln sich am Brandenburger Tor mehrere Tausend Menschen, um gegen Aufrüstung und Sozialabbau, deutsche Waffenexporte und die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu demonstrieren. Obwohl es zum dritten Mal an diesem Datum eine vorrangig von traditionellen Akteuren der Friedensbewegung organisierte Veranstaltung ist: Auch hier ist eine erhebliche Verjüngung zu spüren, nachdem am Freitagnachmittag und -abend an dieser Stelle an die 20.000 vor allem junge Menschen gegen Aufrüstung und Wehrpflicht protestiert haben.

In einem großen Block der DKP-nahen Jugendorganisation SDAJ, in dem sich Hunderte Teenager und junge Erwachsene zusammengefunden haben und Fahnen schwenken, finden sich kreative Plakate und Parolen. Aber auch ganz alte, die nun von den ganz Jungen gerufen werden, zum Beispiel: »SDAJ und DKP tun den Monopolen weh!«

Patrik Köbele, der Vorsitzende der DKP, sagt schmunzelnd: »Ja, das stimmt.« Aber er weiß auch, dass die Kraft der Kleinpartei dann doch nicht so groß ist – und betont in seiner Rede die Notwendigkeit breiter Bündnisse, um den »reaktionär-militaristischen Umbau der deutschen Gesellschaft« zu stoppen. »Nicht unsere Herkunft, nicht das Alter, nicht das Geschlecht« seien da wichtig. Er sagt auch: »Wir brauchen Frieden mit China und Russland.« Zumindest Krieg mit diesen Großmächten möchte in der Bevölkerung wohl kaum jemand.

Vor Köbele haben an diesem Samstagnachmittag bereits viele andere gesprochen, unter ihnen Christian Leye, stellvertretender Vorsitzender des BSW, und Sören Pellmann, Ko-Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag.

Auch auf dieser Demonstration gab es einen gewerkschaftlichen Block, im dem wir bis zu 200 Kolleg:innen gezählt haben. s. Bild unten


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Neu in der Rolle eines Redners auf einer Friedensdemonstration ist Johannes Varwick: Seine Entwicklung in den vergangenen Jahren zeigt die Tragweite des Wandels des gesellschaftlichen Klimas in Deutschland. Varwick ist Politikwissenschaftler und Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Universität Halle. Vorher habe er an einer Bundeswehr-Uni geforscht und die Nato beraten, sagt er. Mithin sei er kein Pazifist. »Aber die deutsche Sicherheitspolitik hat Maß und Mitte verloren«, betont er in Berlin. Die Forderung von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nach Kriegstüchtigkeit beinhalte die Vorbereitung auf Krieg. »Das verändert unser Land zum Schlechteren, es militarisiert Sprache und Gesellschaft«.

»Deutschland hat keine militärische, es hat eine diplomatische Fähigkeitslücke.« Johannes Varwick Politikwissenschaftler, Uni Halle

Ja, so Varwick: »Der russische Krieg gegen die Ukraine ist ein Völkerrechtsbruch und ein Verbrechen. Aber wir müssen uns fragen, welchen Anteil die Nato, der Westen an der andauernden Katastrophe dort haben und daran, dass es dazu kommen konnte.« Varwick weiter: »Derzeit nähern wir uns einer Lage, in der der Krieg in der Ukraine zu einem offenen Krieg zwischen dem Westen und Russland um die Ukraine zu werden droht.« Die deutsche Politik habe allen anderslautenden Behauptungen zum Trotz kein Interesse an den Menschen in der Ukraine. Es dürfe nicht akzeptiert werden, »dass Deutschland zum Motor einer europäischen Aufrüstungsspirale« werde. Stattdessen müsse es eine Rückkehr zu Diplomatie geben. »Lasst euch nicht einreden, Verhandlungen seien das Gleiche wie Kapitulation oder Appeasement«, mahnte Varwick. Deutschland habe keine »militärische, es hat eine diplomatische Fähigkeitslücke«.

Einen besonderen Eindruck bei gestandenen Friedensfreunden hinterließ die Rede von Karla Wolf vom Kieler Bündnis gegen Wehrpflicht. »Die ist 17!«, sagt eine ältere Frau immer wieder bewundernd zu ihrem Begleiter. Wolf berichtet von vielfältigen Einschüchterungsversuchen, die Aktive des Bündnisses Schulstreik gegen Wehrpflicht erleben. Zudem würden schon jetzt junge Männer zur verpflichtenden Musterung eingeladen – und zwar solche, die in den von der Bundeswehr versendeten Fragebögen mitgeteilt hatten, kein Interesse an einem Dienst bei der Truppe zu haben.

»Wenn auch in den Betrieben gegen die Kriegsvorbereitung gekämpft wird, können wir erfolgreich sein.« Karla Wolf Bündnis gegen Wehrpflicht Kiel

Wolf sagt, die Jugend könne sich wehren. »Die Reichen wollen Krieg, aber wir wollen eine Zukunft!« Zugleich brauche es aber breite gesellschaftliche Unterstützung, so die Aktivistin: »Wenn auch in den Betrieben gegen die Kriegsvorbereitung gekämpft wird, können wir erfolgreich sein.«

Während in Berlin der BSW-Vertreter Christian Leye weitgehend ungestört reden konnte, gab es bei der deutlich größeren, zeitgleich stattfindenden und vom selben Bündnis organisierten Friedensdemo beim Auftritt der BSW-Politikerin Sevim Dağdelen auf der Abschlusskundgebung einen Zwischenfall. Antifa-Aktivisten stimmten laut Berichten von Teilnehmenden Sprechchöre an und protestierten unter anderem gegen das faktische Paktieren des BSW mit der AfD in Sachsen-Anhalt. Nachdem ein Vermummter auf die Bühne gelangt war und auf die Politikerin zuging, nahmen Polizisten den Mann nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa fest.

In Berlin gab es bei der Rede Leyes nur einzelne Buh- und Zwischenrufe von Demonstrierenden, die das Agieren des BSW nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt kritisierten. Sören Pellmann hatte in seiner Rede darauf verwiesen, dass die AfD, die sich als Friedensmacht darstelle, im Bundestag »jeder Aufrüstung, jeder Fregatte und jedem Flugzeug« zugestimmt habe.

In Berlin gingen die Schätzungen von Veranstaltern und Polizei zu den Teilnehmendenzahlen weit auseinander. Während Wiebke Diehl vom Demobündnis auf der Abschlusskundgebung von 20.000 Demonstrierenden sprach, geht die Polizei von rund 5800 aus. In Stuttgart nahmen laut Veranstaltern 15.000 Menschen an Kundgebungen und Demo teil.

Die Demonstration zwischen Auftakt- und Abschlusskundgebung führte am Reichstagsgebäude und an Abgeordnetenbüros vorbei auf die Straße Unter den Linden und von dort nach einigen Hundert Metern wieder zurück. Sie verlief weitgehend störungsfrei, das Polizeiaufgebot war klein. Zu Beginn tauchten einige Gegendemonstrant*innen mit Israel- und Deutschland-Flaggen auf, die bei einigen Demonstrierenden im palästinasolidarischen Block für Empörung sorgten. Unter ihnen war die FDP-Aktivistin Karoline Preisler, die ein Schild mit der Aufschrift »No Intifada – only Peace« hochhielt.

Zum Ende der Demo hatte sich eine Gruppe von Menschen mit Ukraine- und Antifaschistische-Aktion-Fahnen an der Route postiert, die den Antimilitaristen zuriefen: »Ihr geht mit Faschisten!« Sie warf ihnen vor, nicht wirklich für Frieden zu sein, sondern für Unterdrückung. Parolen und Transparente, die auf eine AfD-Nähe von deren Trägern schließen lassen, gab es nicht. Allerdings wurden im palästinasolidarischen Block nicht nur palästinensische Flaggen, sondern auch Nationalflaggen des Iran geschwenkt, die für die mörderische Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch die Führung der islamischen Republik und ihre sogenannten Revolutionsgarden stehen.

Erstveröffentlicht im nd v. 4.10. 2026
Friedensdemos in Berlin und Stuttgart

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Fuchs du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr“

Martin Bott, 3. Oktober 2026

Ein kleiner satirischer Kommentar anlässlich der aktuellen Situation in der Metallindustrie.


Fuchs du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr


Sehr schön und treffend formuliert von Alwin Altenwald, das gehört in jede Betriebszeitung – mit konkretem Bezug auf den eigenen Betriebs-Fuchs und seine unersättliche Speisekarte – so daß es jeder Malocher in der Schicht, am Band, im Hafen, am Hochofen, in der Klinik, … versteht!

Die Kapitalisten, hier bei VW, beenden die Sozialpartnerschaft. Sie zerstören damit eine Illusion, denn eine Sozialpartnerschaft zwischen Fuchs und Gans kann es nicht geben. Aber diese Fiktion ist den Lohnabhängigen von den Herrschenden und den DGB-Gewerkschaftsführungen eingeredet worden. Und nun wird sie von oben aufgekündigt. Es stellt sich raus: FÜCHSE FRESSEN GÄNSE! Das heisst, Kapitalisten sind keine Vegetarier und keine Pazifisten!

Und da setzt jetzt ein großes Jammern ein über dieses Naturgesetz, das für Frau Cavallo kein Naturgesetz sondern eine schlimme Moral ist!

(….)

Nicht nur Frau Cavallo praktiziert dies sondern auch der Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali bei Mercedes Benz in Sindelfingen! [1]https://gewerkschaftslinke.hamburg/2026/09/28/die-existenzgrundlage-der-fuehrungen-der-dgb-gewerkschaften-loest-sich-auf-die-sozialpartnerschaft-mit-kapital-und-staat/

Ja, unsere sozialpartnerschaftssüchtigen Verhandlungsführer werden jetzt wortradikaler, vielleicht greifen sie auch zum Mittel des Kampfes.

Spontane Arbeitsniederlegungen, über mehrere Tage fortgeführte Betriebsversammlungen *), weil es so viele Stimmen und Wortmeldungen von den Getretenen gibt, Betriebsbesetzungen, ein öffentlichkeitswirksamer Marsch über öffentliche Bundesstraßen – nein, das haben sie nicht wirklich im Köcher, es könnte ja was aus dem Ruder laufen – denn sie wollen ja wieder Frieden schließen mit dem Fuchs, und sehnsüchtig zurück an den grünen Verhandlungs-Katzentisch.

Die Geschundenen stellen immer öfter fest: Wer den kleinen Finger reicht, dem wird die ganze Hand abgehackt.

Doch der Fuchs hat ein strategisches Problem:

Er kann uns nicht ganz auffressen, er braucht uns dringend – nur durch die unersättliche Ausbeutung unserer Ware Arbeitskraft kann er sein maximalprofit-garniertes Luxus-Menü dinieren.

Wenn er da mal die Rechnung nicht ohne uns Gänse gemacht hat!

ER braucht UNS – WIR brauchen IHN nicht!
Wir sind die Jäger, nicht die Gejagten!

SOLIDARITÄT STATT KONKURRENZ
OB BEI VW ODER MERCEDES-BENZ

*) Anmerkung: Im Mercedeswerk Untertürkheim streckt sich eine solche Betriebsversammlung (mit Unterbrechungen)  nun schon seit über zwei Wochen hin. (Peter Vlatten) 

Wir danken für das Publikationsrecht

Martin Bott ist BR Mercedes-Benz Werk Untertürkheim i.R.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Pressemitteilung Aktionsbündnis 3. Oktober 2026 Demonstrationen in Berlin und Stuttgart

Zu den beiden Großdemonstrationen der Friedensbewegung heute 3. Oktober 2026 gab das Aktionsbündnis die folgende erste Erklärung ab:
 

Friedensbewegung demonstriert laut und kraftvoll gegen aktuelle Kriege und drohende Eskalationen. Sie wendet sich gegen Hochrüstung, Wehrpflicht, die wachsende Militarisierung der Gesellschaft und sozialen Kahlschlag. Sie verlangt Diplomatie und Verständigung.
 
Über 20.000 Menschen in Berlin und 15.000 in Stuttgart gingen heute erneut für Frieden und Diplomatie, gegen Krieg und Hochrüstung auf die Straße und stellten sich hinter die Losung der Demonstrationen „Nein zu Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg! – Für Frieden, demokratische Rechte und soziale Sicherheit!“


Wie in den vergangenen Jahren wurde die Aktion von einem breiten Bündnis von über 300 Organisationen und Friedensgruppen getragen. Nach den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht und dem Aktionstag der Gewerkschaften gegen den Angriff der Regierung auf den Sozialstaat, protestierten die Demonstrierenden in Berlin und Stuttgart gegen die gefährlichen friedenspolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen: die immer weiter eskalierenden Kampfhandlungen im Ukrainekrieg, die aggressive Hochrüstung und die wachsende Gefahr eines großen, gar mit Atomwaffen geführten Krieges in Europa; Die Kriege im Nahen und Mittleren Osten und die weitere Demontage des Völkerrechts durch die westliche Unterstützung der US-amerikanischen und israelischen Aggressionen, waren ebenfalls Themen der Kundgebungen.


Die Rednerinnen und Redner wandten sich entschieden gegen die Pläne der Bundesregierung, die Bundeswehr durch hunderte zusätzliche Milliarden für Rüstung und Militär zur stärksten konventionellen europäischen Armee in der NATO und Deutschland zur Führungsmacht in Europa machen zu wollen. Sie forderten Diplomatie statt Waffenlieferungen, Engagement für eine neue Friedensordnung, zurück zu den Zielsetzungen einer „gemeinsamen Sicherheit“.
Vertreter:innen der Jugendgruppen kündigten weiteren Widerstand gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die Militarisierung der Gesellschaft an. Gewerkschafter verbanden Kritik an der Hochrüstung mit der Warnung, dass die horrenden Ausgaben und der Druck der Schulden zwangsläufig auf Kosten der sozialen Versorgung gehen und die soziale Spaltung vertiefen wird.


Mehrere Redner:innen verurteilten die Mitverantwortung Deutschlands am israelischen Völkermord in Gaza und verlangten die Einstellung der deutschen Unterstützung für Israels Aggressionen.
Bereits am Vortag nahmen viele überwiegend junge Menschen an einem Konzert am  Brandenburger Tor gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die Kriegsvorbereitungen teil.
Die Friedensbewegung wird ihre Aktionen in den kommenden Monaten und Jahren fortsetzen, sich der verantwortungslosen Politik der Konfrontation entgegenstellen und Alternativen aufzeigen zu Krieg und Hochrüstung.
Wir brauchen keine Kriegstüchtigkeit, sondern die Fähigkeit zum Frieden. Wir brauchen Diplomatie und Entspannungspolitik statt Eskalation und Demokratieabbau. Das ist das Fazit dieses Tages.
 
Kontakt Berlin: Jutta Kausch-Henken – 0162 1966945; Wiebke Diehl – 01578 3049417; Ralf Krämer 015114268540
Kontakt Stuttgart: Joachim Guilliard – 0171 5813890; Wiltrud Rösch-Metzler 0174 9585614

zum Thema:  Arbeit und Gewerkschaften in Zeiten der Aufrüstung, Veranstaltung 17.10. in Berlin  

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