Der Kanzler und CDU-Chef wird von den eigenen Leuten nur noch geduldet. Über sein Schicksal und den Kurs der Union entscheidet das Superwahljahr 2027
Von Wolfgang Hübner
Titelbild: Mit KI erstellt.
Die CDU weiß, dass die Kanzlerschaft von Friedrich Merz keine Erfolgsgeschichte mehr wird. Immer mehr Leute meinen nach einer Reihe von Wahlpleiten, dass es mit ihm nicht weitergeht. Aber wo ist vor dem Superwahljahr 2027 die Alternative? Und sucht die Partei den Ausweg in der Öffnung zur AfD?
Letzteres ist keineswegs eine hypothetische Frage. Sie stellt sich spätestens seit der konstituierenden Sitzung des Landtags von Sachsen-Anhalt ganz konkret. Denn was da am Dienstag dieser Woche in Magdeburg geschah, reißt die CDU in neue Auseinandersetzungen. Sowohl der neue Landtagspräsident Tobias Rausch als auch sein Stellvertreter Hans-Thomas Tillschneider (beide AfD), ein rechtsradikaler Scharfmacher, bekamen mehr Stimmen als die angekündigten von AfD und BSW.
Wenngleich sich ein paar Durchhaltepropagandisten und inzwischen auch Friedrich Merz an die unsinnige These klammern, die überzähligen Stimmen für die AfD-Kandidaten seien von Linke, Grünen oder SPD gekommen, die das dann der CDU in die Schuhe schieben wollen – die mit Abstand wahrscheinlichste Variante ist Hilfe für die AfD von der Union. Schon vor der Konstituierung des Landtags hatten führende AfD-Leute wissen lassen, dass sie mit Abgeordneten anderer Fraktionen im Gespräch seien. Nach der Wahl von Rausch und Tillschneider hört man, zuvor habe es konkrete Zusagen einer Reihe von CDU-Abgeordneten gegeben.
Fakt ist: Seit etlichen Jahren gibt es in der CDU und speziell im Landesverband Sachsen-Anhalt eine Gruppe von Abgeordneten und Mitgliedern, die offen mit der AfD kooperieren wollen. Der langjährige Ministerpräsident Reiner Haseloff behielt diese Leute mit Müh und Not im Griff; einmal entließ er sogar seinen Innenminister. Doch nach seinem Rückzug und dem Wahldesaster der CDU sehen die AfD-Sympathisanten offenbar ihre Stunde gekommen. Haseloffs Nachfolger Sven Schulze ist in der geschrumpften CDU-Fraktion ein Chef ohne Gefolgschaft. Der von der AfD schon länger gestreute Plan B, wonach ein paar CDU-Abgeordnete ihre Fraktion verlassen und sich der AfD anschließen oder als eigene Gruppe die AfD dauerhaft unterstützen könnten, rückt jedenfalls mitten in den Bereich des Wahrscheinlichen.
Merz darf schon froh sein, wenn er das reguläre Ende der Wahlperiode im Amt erlebt. Er ist ein Mann des Übergangs, nicht nur seines Alters wegen.
Die Entwicklungen in Sachsen-Anhalt werden kein regionales Phänomen bleiben. Überall in der CDU gibt es Leute, die nach rechts schielen. Das stellt die Autorität von Friedrich Merz als CDU-Chef und Bundeskanzler zusehends infrage. »Wenn irgendjemand von uns die Hand hebt, um mit der AfD zusammenzuarbeiten, dann steht am nächsten Tag ein Parteiausschlussverfahren an«, hatte er nach seiner Wahl zum Parteivorsitzenden vor knapp fünf Jahren großspurig angekündigt. Es sieht nicht so aus, als würde das in der CDU noch großen Eindruck machen. Kein Wunder zumal, da unvergessen ist, wie Merz Anfang 2025 ohne Not Anträge zu Asyl und Migration in den Bundestag einbrachte, von denen klar war, dass sie nur mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit bekommen würden.
Auch ohne die allerneuesten Verwerfungen wuchsen in der CDU die Zweifel am Chef. Zwar wahrsagte kürzlich ein konservativer Leitartikler, wenn Merz die gegenwärtige Krise überstehe und die von ihm geplanten Reformen durchsetze, könne er noch als großer Kanzler in die Geschichte eingehen. Aber das ist nicht mehr als verzweifeltes Wunschdenken. Merz darf schon froh sein, wenn er das reguläre Ende der Wahlperiode im Amt erlebt. Er ist ein Mann des Übergangs, nicht nur seines Alters wegen. Ein Parteivorsitzender, der von den eigenen Leuten nur noch geduldet und immer weniger respektiert wird. Eine »Der kann es nicht«-Stimmung greift um sich. Die einen denken so, weil er Kapitalinteressen nicht rabiat genug gegen den Koalitionspartner SPD umsetzt. Die anderen, weil er keine Wahlerfolge organisiert, ja sie im Gegenteil behindert.
Merz weiß das wohl alles selbst, weshalb er am Abend der Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern in die Offensive ging. Er bestellte die CDU-Spitze zu einer Art Hausarrest in die Parteizentrale ein und gab kurz nach Schließung der Wahllokale ein Statement ab: Weiter so mit meinen Reformen. Also: Weiter so mit gigantischen Rüstungskosten, mit verschärftem Sozialabbau, mit rabiatem Sparen an Kultur, Pflege und Gesundheitsvorsorge, mit riskanten Veränderungen bei der Rente, mit der Flexibilisierung von Arbeitszeiten.
Der Springer-Verlag bereitet publizistisch den Boden für eine offene Zusammenarbeit der Union mit der AfD.
Doch Stunden später erklärte Tino Schomann, Vizechef der CDU Mecklenburg-Vorpommerns, die soeben aus dem Landtag geflogen war, der Kanzler sei »für das Amt ungeeignet, das die Einigung des Landes und die Lösung seiner Probleme erfordert«. Dieser Tage bekannte Hendrik Hoppenstedt, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, ihm fehle in Sachen Regierungsarbeit »die Fantasie, wie das reparabel sein soll«. Mag sein, dass dies auch eine Attacke auf die SPD sein sollte – aber wenn der Laden nicht läuft, ist zuerst der Chef dafür verantwortlich. Die Kritiker trauen sich aus der Deckung.
In der CDU grassiert die Angst, einen ähnlich schmählichen Niedergang zu erleben wie klassisch konservative Parteien etwa in Frankreich und Italien.
In welche Richtung die rechten Drückerkolonnen gehen wollen, wurde auch schon deutlich. Mitte September forderte der Vorsitzende des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, Christian von Stetten, Merz solle Arbeitsministerin Bärbel Bas entlassen, weil die Sozialdemokratin im Überlebenskampf ihrer Partei die schärfsten Reformpläne abmildern will. Jeder weiß, dass dies das Ende der Koalition bedeuten würde. Passend dazu geisterten Medienberichte über Planspiele in der CDU-Führung herum, wonach man die Koalition mit der SPD beenden und danach in einer Minderheitsregierung mit Hilfe der AfD gemeinsame Programmpunkte durchsetzen könne. Das Adenauer-Haus dementierte pflichtgemäß.
Die lauteste Begleitmusik dazu kommt neben den einschlägigen rechtsextremen Online-Medien aus dem Springer-Verlag. So las man beim Springer-Blatt »Die Welt« jüngst Schlagzeilen wie »Die Linkspartei ist derzeit eindeutig die gefährlichste deutsche Partei« und »Die Linke ist viel gefährlicher und verrückter als die AfD«. Hier wird publizistisch der Boden bereitet für eine offene Zusammenarbeit mit der AfD.Der nächste Präsident
Am 30. Januar 2027 wird die Bundesversammlung den nächsten Bundespräsidenten wählen. Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier (SPD) darf nach zwei Wahlperioden nicht erneut kandidieren. Die Bundesversammlung besteht aus den 630 Bundestagsabgeordneten und genauso vielen Abgesandten der 16 Landtage. Die mit Abstand größte Fraktion stellen CDU und CSU; die nötige absolute Mehrheit von 631 Stimmen können sie sehr wahrscheinlich nur gemeinsam mit der SPD erreichen. Kanzler Merz wollte nach den Landtagswahlen vom September einen Unionskandidaten vorschlagen, hat das aber bisher nicht getan. CSU-Chef Markus Söder favorisiert seine Parteikollegin Ilse Aigner, Präsidentin des bayerischen Landtags. Zuletzt wurde Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) genannt. Ebenfalls im Gespräch waren bislang Familienministerin Karin Prien und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (beide CDU). Bisher hat noch keine Partei offiziell Kandidaten benannt. Aus SPD, Linkspartei und von den Grünen kommt die Forderung, endlich eine Frau ins höchste Staatsamt zu wählen. Aus dem BSW hieß es, man wolle die frühere Fernsehjournalistin Gabriele Krone-Schmalz nominieren. Das BSW hat in der Bundesversammlung sieben Stimmen.
Die Frage ist, wer für einen solchen Kurs an der CDU-Spitze und im Kanzleramt die richtige Person wäre. Die Ministerpräsidenten Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen und Daniel Günther aus Schleswig-Holstein wohl eher nicht. Beide gehören nicht zu den CDU-Hardlinern, beide müssen im nächsten Jahr bei Landtagswahlen ihre Positionen verteidigen. Doch dort wie bei allen fünf Landtagswahlen 2027 in westlichen Bundesländern wird die CDU einen schweren Stand haben, während sich die AfD auch im Westen fest im zweistelligen Bereich etablieren dürfte.
Vielleicht gibt schon der Januar 2027 einen Hinweis darauf, wohin die Reise der CDU geht. Denn da folgt noch eine Wahl, über die bisher erstaunlich wenig geredet wird. Am 30. Januar kommt die Bundesversammlung zusammen und bestimmt den nächsten Bundespräsidenten. Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier darf nach zwei Wahlperioden nicht mehr kandidieren. Der Zusammensetzung der Bundesversammlung zufolge wird die Union den aussichtsreichsten Bewerber ins Rennen schicken. Aber wen? Zuletzt ins Gespräch gebracht wurde der hessische Ministerpräsident Boris Rhein, ein knallharter Konservativer. Er machte jüngst dadurch auf sich aufmerksam, dass er die Wahl von AfD-Abgeordneten zu Ausschussvorsitzenden im Bundestag befürwortete. Ein AfD-Verbotsverfahren lehnt er ab, die von Merz angestoßene unselige Stadtbild-Debatte will er fortsetzen.
Kann sein, dass der Kampf um die nächste Bundespräsidentschaft auf eine Zeit nach Merz zielt – und mit der Frage zu tun hat, ob und wie die Unionsparteien dem wachsenden Druck nachgeben, sich gegenüber der AfD zu öffnen. Vor gut 30 Jahren kam mit Roman Herzog schon einmal ein strammer Konservativer ins Präsidentenamt, der in seiner Antrittsrede forderte, dass durch Deutschland ein Ruck gehen müsse. Der bald scheidende Präsident Steinmeier hat sich klar und kompromisslos gegen die AfD gestellt. Nicht ausgeschlossen, dass der nächste Präsidentenruck nach rechts führt.
Erstveröffentlicht im nd am 9.10. 2026
https://nd.digital/editions/nd.DieWoche/2026-10-08/articles/24884988
Wir danken für das Publikationsrecht.