„Lasst uns alles lahmlegen!.“ Eine Flut von Schülern überschwemmt Frankreich

Titelbild: Screenshot Tagesschau

„Frankreichs Schulen brennen, während sich die Schülerunruhen ausbreiten“, titelte die „Financial Times“ am Freitag, den 2. Oktober 2026, frühmorgens online auf ihrer Startseite.

Die ARD-„Tagesschau“ berichtete heute (am 3.10.2026) um 12:47 Uhr:

„In Frankreich sind bei den landesweiten Schülerprotesten nach Regierungsangaben seit Montag mehr als 5.000 Menschen festgenommen worden. Innenminister Laurent Nuñez sagte im Sender TF1, am Freitag habe es 1.747 Festnahmen gegeben, am Donnerstag 1.954. Rund 85 Prozent der Festgenommenen seien minderjährig, die meisten von ihnen Schülerinnen und Schüler. „

Der Grund für die wütenden Proteste:

„Die Schüler fordern eine bessere Ausstattung der Schulen und mehr Lehrer und kritisieren die Verschmutzung der Gebäude und überfüllte Klassen.“

Mit anderen Worten: Die Jugendlichen fühlen sich abgehängt, an den Rand gedrängt und sehen angesichts der herrschenden Politik, die zwar viel Geld für Aufrüstung, Krieg und eine weitere Umverteilung zugunsten der Reichen hat, aber bei ihnen „spart“, keine Zukunftsperspektive mehr für sich. Das neue Haushaltsgesetz mit seinen massiven Kürzungen dürfte da den letzten Anstoß gegeben haben.

Laut dem rechten Innenminister Laurent Nuñez „waren am Freitag insgesamt 735 Schulen von den Protestaktionen betroffen, 30 Prozent weniger als am Vortag“. Es habe Ausschreitungen in der Nähe von 158 Einrichtungen gegeben. Dabei seien „Wurfgeschosse, Angriffe auf Ordnungskräfte, Lehrkräfte, Journalisten, Passanten“ geflogen.

Macrons Minister bezeichnete das Ausmaß der Proteste als erheblich und überraschend und führte es unter anderem auf soziale Netzwerke und den Einfluss der linkspopulistischen Partei La France Insoumise (Das unbeugame Frankreich – LFI) des ehemaligen sozialistischen Senators Jean-Luc Melenchon zurück:

„Die politische Mobilisierung habe der Bewegung eine gewisse Größenordnung verliehen, allerdings sei die Gewalt den Verantwortlichen dann jedoch völlig entglitten.“ (ebenda)

Nicht entgangen ist der „Tagesschau“-Redaktion  allerings auch der Versuch der bürgerlich-kapitalistischen Staatsmacht die Proteste mit massivem Polizeiterror zu unterdrücken bzw. sie zu ersticken:

„Es gab jedoch auch Kritik an den Sicherheitskräften. Obwohl die Regierung betont, diese würden zurückhaltend vorgehen, werfen andere ihnen übermäßige Gewalt vor.“

Zu der überraschend heftigen Schülerbewegung und der Intervention der Staatsgewalt gegen die Proteste brachte die linke italienische Tageszeitung „il manifesto“ am Freitag  (den 2.10.2026) ein Interview mit dem Mathematiklehrer und Ko-Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft SNES-FSU im Departement Seine-Saint-Denis, Tony Tremblay.

In der Samstagsausgabe (vom 3.10.2026) erschien ein Bericht des Paris-Korrespondenten von „il manifesto“ zur aktuellen Lage und den weiteren Aussichten. Filippo Ortona hatte sich in der Pariser banlieue die Situation vor Ort angesehen und mit Schülern und Lehrern gesprochen. Das Interview folgt hier:

DER AUFSTAND DER GYMNASIASTEN.

Unter den Jugendlichen, die auf den Straßen bleiben: „Die Schule fällt auseiander.“ Die Gewerkschaften: „Schließt euch der nationalen Demonstration am 6. Oktober an.“

Filippo Ortona – Paris

„Leg alles lahm, denn sie lassen uns nichts“: Der mit Filzstift geschriebene Spruch steht auf einem Stück Pappe, das gut sichtbar in der Mitte der Steintreppe eines Gymnasiums im 19. Arrondissement von Paris liegen gelassen wurde, nur einen Steinwurf vom Boulevard Périphérique entfernt, der den Beginn der Banlieue markiert.

Überall liegen noch die noch rauchenden Überreste von verbrannten Mülltonnen. Etwa fünfzig Jungen und Mädchen stehen herum. Eine kleine Gruppe von Lehrern beobachtet die Szene mit besorgter Miene. Am Ende der Straße steht ein Dutzend Polizisten in Kampfmontur neben einem Kleintransporter. Ein großes, dunkelhäutiges Mädchen aus der Abschlussklasse, das ihr Gesicht mit einer Keffiyeh [1]„Palästinensertuch“ bedeckt, zählt die Beschwerden auf: „Die Mensa ist zu teuer.“ „Die Schule fällt auseinander.“ „Wenn die Krankenschwester krank ist, gibt es niemanden, der sie ersetzt.“ „Die Unterrichtszeiten sind zu lang.“ Ein weiteres Mädchen kommt hinzu: „Die Klassenzimmer sind winzig, es gibt nicht genug Tische“ …

ES IST DER ZWEITE TAG der Blockade. Als Parcoursup erwähnt wird, die von Emmanuel Macron 2018 eingeführte Plattform, die festlegt, wo und wie man sich für die Zulassung zur Universität bewerben kann, springt die mittlerweile zu einer kleinen Gruppe gewachsene Schar von Mädchen wie auf Knopfdruck auf: „On en a marre! Ein Roboter entscheidet über unsere Zukunft. Wir wollen nicht, dass er bestimmt, was wir studieren dürfen“, sagt das Mädchen mit der Kefiah.

Während diese Debatte stattfindet, blockieren Gymnasiasten im ganzen Land die Gebäude der Institutionen und besetzen die Straßen, wobei es häufig zu Zusammenstößen mit der Polizei kommt. In Belfort wurde ein Polizist von einer Gruppe Jugendlicher zusammengeschlagen, während im Osten und Norden von Paris Tausende fliehen, um den Vorstößen der Polizei zu entkommen, und mit Hilfe von Straßenmöbeln Barrikaden errichten.

Die Bilder der Polizeieinsätze überschwemmen die sozialen Netzwerke. In einem auf Instagram verbreiteten Video ist zu sehen, wie ein Polizeiauto in Troyes eine Gruppe von Schülern angreift, während Beamte aus den offenen Fenstern Pfefferspray versprühen. In Toulouse wurde ein Polizist fotografiert, als er ein Sturmgewehr auf eine Gruppe von Jugendlichen richtete.

Die Treffen mit den Schülergewerkschaften haben die Dynamik der Gymnasiasten nicht gebremst: Die „Union Syndicale Lycéenne“ (Gewerkschaftsunion der Gymnasiasten – USL) hat dazu „aufgerufen, die Mobilisierung fortzusetzen“ und sich der nationalen Demonstration am 6. Oktober „anzuschließen“, an der auch die wichtigsten Gewerkschaften (CGT, Solidaires, FSU) teilnehmen werden, von denen einige einen fast vollständigen Streik durchführen werden. Der Sturm kündigt sich perfekt an, nicht zuletzt aufgrund der Vorlage eines Sparhaushalts gerade in diesen Wochen.

„ZUM ERSTEN MAL rufen alle Gewerkschaften dazu auf, die Bewegung der Schüler zu unterstützen“, sagte der Vorsitzende von „La France Insoumise“ (LFI), Jean-Luc Mélenchon, in einer Rede am Donnerstag, „Wir haben nicht die Absicht, diese Bewegung anzuführen. Im Gegenteil, wir wollen, dass die Bewegung uns mitreißt.“ Mélenchon erklärte weiter, dass LFI gemeinsam mit den Gewerkschaften und den Schülern auf die Straße gehen werde, und forderte seine Anhänger auf, sich zwischen die Polizei und die Demonstranten zu stellen, „um unsere Jugendlichen zu schützen“.

Die Regierung und die Präfekten haben von Amts wegen mehr als 400 institutionelle Einrichtungen geschlossen und Demonstrationen in deren Umgebung verboten, doch die Flutwelle hat alles überschwemmt, und gestern waren mindestens 546 öffentliche Ämter blockiert oder in ihrem Betrieb beeinträchtigt. Innerhalb weniger Tage kam es zu mehr als 4.000 Festnahmen, und seit Beginn der Bewegung wurden nach Angaben des Bildungsministeriums mehr als 170 Schüler verletzt.

DIE PRÄSIDENTEN DER REGIONEN, die am stärksten von den Protesten betroffen sind bezifferten die Schäden an schulischen Einrichtungen auf mehrere Dutzend Millionen Euro. „Die Eltern der Jugendlichen müssen die Reparaturkosten tragen“, sagte Justizminister Gérald Darmanin gestern und griff damit ein Argument wieder auf, das die Regierung bereits während der Unruhen nach dem Mord an Nahel Merzouk im Jahr 2023 benutzt hatte.

„Nein, nein, nein, nicht anzünden!“, ruft ein 50-jähriger Sportlehrer einer kleinen Gruppe von Mädchen vor dem Gymnasium im 19. Arrondissement von Paris zu. Die Schülerinnen haben die letzten drei noch übrig gebliebenen Mülltonnen aufgesammelt und sie vor einem verglasten Eingang der Schule aufgestellt. „So sprengt ihr die Scheiben! Stellt sie doch auf den Bürgersteig, oder?“

DIE MÄDCHEN KICHERN, einige helfen dem Lehrer dabei, alles auf die Straße zu stellen, ein paar andere zünden die Mülltonnen an, die nun weit entfernt von den Fensterscheiben stehen. „Oh, aber seid doch vorsichtig, wisst ihr nicht, dass ihr am Ende des Jahres das Abitur habt?“, sagt ein anderer Lehrer. Die verängstigte Schulleiterin versucht, den Sportlehrer davon zu überzeugen, „keine unnötigen Risiken einzugehen“, was ihr einen bösen Blick des Betroffenen einbringt. „Ich bin nur gekommen, um allzu schwere Unfälle oder Schäden an der Schule zu verhindern“, sagt der Sportlehrer. „Es ist nicht so, dass ich sie unterstütze“, sagt er über seine Schüler. „Es ist einfach etwas, das in einer bestimmten Lebensphase passieren kann. Das ist alles, man sollte kein Drama daraus machen.“

Einige Schüler der vorletzten Klasse, die auf den Stufen sitzen, scheinen sich jedoch der politischen Tragweite der Bewegung sehr wohl bewusst zu sein. Auch sie beklagen sich über die Stundenpläne, den Mangel an Mitteln und Lehrern – alles Dinge, die dazu beitragen, „dass wir keine Zukunft haben werden“, sagt ein großer Junge, dessen Gesicht von einer Sturmhaube verdeckt ist.

Vor allem aber sprechen sie von Rassismus und insbesondere von dem der Polizei: „Ich wohne in einer Cité (Sozialwohnungssiedlung, Anm. d. Red.) und wurde schon sechs Mal angegriffen“, sagt ein junger Mann mit einer verspiegelten Brille, die sein Gesicht verbirgt. „Einmal haben sie mir das Bein gebrochen und ich hatte eine Schädelfraktur.“ Er macht eine Pause, dann: „Man sagt, wir seien das Frankreich von morgen, aber man lässt uns am Straßenrand stehen und hört uns nicht zu, wenn wir sprechen. Wenn wir das Frankreich von morgen sind, sollten sie vielleicht schon jetzt anfangen, uns zuzuhören“, sagt er.

Kommentierender Anfangstext und Übersetzung aus dem Italienischen: Gewerkschaftsforum Hannover

aus „il manifesto“ 3. Oktober 2026

Originalquelle:
www.ilmanifesto.it

Wir danken für das Publikationsrecht.

References

References
↑1 „Palästinensertuch“

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