Neun linke Kurzfilme junger Filmemacherinnen setzen sich mit Krieg, Widerstand und gesellschaftlichen Konflikten auseinander.
Babylon Saal 1
25. Juli Screening: 17:00-19:00 Uhr (Dauer: ca. 2 Stunden)
Eintritt: 7€ | ermäẞigt 4 €
kommt vorbei, seht und diskutiert
Im Rahmen des Kurzfilmscreenings »Rote Streifen: Kurz-filme gegen Krieg und Aufrüstung« möchten wir Filme zeigen, die in ihrer Kürze versuchen den gesell-schaftlichen Augenblick einzu-fangen, die es wagen entrüstet zu sein, wenn Aufgerüstet wird. Als Ansammlung verschiedener Filme soll das Screening einen Bogen durch das Thema Krieg spannen: von der Geschichte, dem Krieg im Inneren wie im Äuẞeren, wie den Kampf dagegen.
Im Anschluss findet von 19:30-21:00 Uhr eine Gesprächsrunde mit Filmemacherinnen statt.
Die „innere Zeitenwende“ versucht sich in alle bedeutsamen Institutionen des Landes hineinzufressen. Nicht wenige Apparatschicks verinnerlichen dabei die Staatsräson und lassen sich von ihr instrumentalisieren. Da kann der Papst noch so viel von „Frieden“ sprechen. Es finden sich genügend Bischöfe, die die Waffen segnen. Im folgenden Artikel heißt es dazu: “ +Doppelzüngigkeit“! (Peter Vlatten)
Der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck betreibt eine gefährliche moralische Doppelzüngigkeit. Während er öffentlich Lippenbekenntnisse zu Diplomatie und Dialog ablegt, deckt er gleichzeitig die radikale Aufrüstungspolitik der Bundesregierung und liefert die ethische Rechtfertigung für eine neue Rüstungsspirale. Mit diesem Kurs stellt er sich in einen fundamentalen Widerspruch zur strikten Antikriegslinie des Vatikans. Ein moralischer Bankrott: Statt als unabhängiges, friedensforderndes Korrektiv gegen die Berliner Bellizismus-Logik aufzubegehren, degradieren sich die Spitzen der Kirchen zu staatlich besoldeten Handlangern der Staatsraison. Gefragt ist endlich eine kompromisslose Option für den Frieden – auch und gerade gegen den Willen der Regierung.
Im Gleichschritt mit dem Kanzleramt
Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz hat jegliche friedenspolitische Zurückhaltung abgelegt. Das offizielle Ziel ist die Schaffung der „konventionell stärksten Armee Europas“. Flankiert wird dieser Kurs durch einen gigantischen Rüstungshaushalt, der die Militärausgaben sprunghaft auf astronomische 109,7 Milliarden Euro hochpeitscht.
Inmitten dieser Dynamik agieren die Institutionen der Militärseelsorge faktisch als verlängerter Arm des Verteidigungsministeriums, dem sie strukturell als Bundesoberbehörde unterstellt sind. Die dort tätigen, vom Staat bezahlten Pfarrer fungieren zunehmend als psychologische Stützen einer beschleunigten Wehrhaftigkeit – sie sind die „Messdiener von Merz“, die den neuen, harten Kurs ethisch absichern.
Dieser Befund ist indessen kein rein katholisches Spezifikum: Auch die evangelische Militärbürokratie unterwirft sich über ihr Berliner Kirchenamt völlig reibungslos dem staatlichen Diktum. Anstatt ein überkonfessionelles Vetorecht gegen den militärischen Rausch geltend zu machen, beugen sich beide Großkirchen den geopolitischen Vorgaben aus dem Kanzleramt.
Das Januskopf-Dilemma: Overbecks gefährlicher Rüstungs-Spagat
Wie tief dieser moralische Kompass bereits verstellt ist, zeigt das Agieren des katholischen Militärbischofs Franz-Josef Overbeck. In einer folgenschweren Positionierung im Magazin „Kirche und Leben“ vom 8. Juli 2026 rechtfertigte er die gigantischen Finanzströme in das Militär explizit:
„Niemand kann sich darüber freuen, dass wir heute wieder über Aufrüstung sprechen müssen. Doch angesichts der aktuellen Bedrohungslage kann es ethisch geboten sein, in die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes und Europas zu investieren, wenn dies dem Schutz von Menschen und der Bewahrung des Friedens dient.“
Hinter dieser vermeintlich besonnenen Rhetorik verbirgt sich eine eklatante, hässliche Widersprüchlichkeit. Auf der einen Seite fordert Overbeck gebetsmühlenartig internationale Verständigung, auf der anderen Seite segnet er das Prinzip der maximalen Abschreckung ab. Dieser Versuch, die Quadratur des Kreises zu predigen, entlarvt sich selbst: Man kann nicht gleichzeitig für den Frieden beten und die Logik des Wettrüstens legitimieren. Overbeck übernimmt damit unkritisch das von politischen und militärischen Strategen seit 2022 lancierte Narrativ einer existenziellen Bedrohung durch Russland, welches militärische Abschreckung und massive Budgeterhöhungen als alternativlos darstellt.
Diese Haltung hat System: Schon zuvor hatte sich Overbeck wiederholt offensiv für deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen. Die verheerende Bilanz dieser Politik wird dabei geflissentlich ignoriert. Diese Waffen haben den Konflikt keineswegs gelöst, sondern ihn lediglich immer weiter angefeuert und verlängert. Die logische Konsequenz ist eine entsetzliche Überzahl von Toten – auf ukrainischer wie auf russischer Seite.
Dabei blendet diese Argumentation völlig aus, dass auch die aktuelle Rüstungspolitik der Bundesregierung kein defensiver Schutzschild ist, sondern das reale Gefahrenrisiko einer kriegerischen Konfrontation drastisch erhöht. Die von Friedrich Merz forcierte Stationierung neuer US-Marschflugkörper in Deutschland schafft keine Sicherheit, sondern provoziert eine brandgefährliche Rüstungsspirale. Dass sich Russland durch atomar fähige Präzisionswaffen existenziell bedroht fühlen muss und folgerichtig mit militärischen Gegenmaßnahmen reagiert, ist eine logische und nachvollziehbare Konsequenz der Geopolitik. Indem Overbeck diese brandstifterische Dynamik moralisch deckt, betreibt er das Gegenteil von Deeskalation. Er gießt ethisches Öl in ein geopolitisches Feuer.
Zwischen Staatsräson und Friedenspflicht: Ein moralischer Offenbarungseid
Die fundamentale Kritik an Overbeck rührt aus seiner totalen institutionellen Abhängigkeit. Er befindet sich in einem unauflösbaren Zwiespalt zwischen dem Berliner Regierungsapparat und seiner weltweiten „Dachorganisation“ in Rom. Weil seine Behörde tief in staatliche Budgets und militärische Logiken eingebunden ist, kann und will er innerhalb des deutschen Systems nicht unabhängig agieren. Er hat sich inhaltlich der weltlichen Macht angedient und damit seine eigentliche moralische Autorität verspielt.
Dabei gäbe es eine klare, unmissverständliche Richtlinie. Der amtierende Papst Leo XIV. versteht sich auf globaler Bühne als kompromissloser Anwalt des Friedens und erteilt der deutschen Rüstungslogik eine scharfe Absage. In einer historischen Ansprache am 14. Mai an der Universität Sapienza entlarvte der Papst die semantische Umdeutung von Rüstungsprojekten:
„Nennen wir eine Aufrüstung nicht ‚Verteidigung‘, die Spannungen und Unsicherheit erhöht, Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert, das Vertrauen in die Diplomatie verrät und Eliten bereichert, denen das Gemeinwohl völlig gleichgültig ist.“
Wo Militärbischof Overbeck Rüstungsmilliarden angesichts geopolitischer Zwänge für „ethisch geboten“ erklärt, brandmarkt der Papst ebendiese Argumente am 8. Juni vor dem spanischen Parlament als moralische Bankrotterklärung. Er warnt eindringlich vor einer Politik, die sich einer vermeintlichen Alternativlosigkeit beugt und damit „die Interessen derer bedient, die am Krieg verdienen“. In seiner aktuellen Enzyklika Magnifica humanitas fordert Rom ultimativ die globale Abrüstung und verlangt von den Staatsregierungen, das Wettrüsten endgültig zu beenden.
Wie tief verankert und unverrückbar diese päpstliche Haltung ist, unterstrich das Kirchenoberhaupt erst kürzlich am 12. Juli beim Angelus-Gebet in Castel Gandolfo. Dort richtete er eine unmissverständliche Mahnung an die Weltgemeinschaft, die den militärischen Kurs der deutschen Kirche vollends als Irrweg entlarvt:
„Ich bekräftige erneut meinen Wunsch, dass man beharrlich den Weg des Dialogs, der Begegnung und der Diplomatie beschreitet – den einzigen Weg, der zu einem gerechten und dauerhaften Frieden führen kann, in dem die Völker versöhnt, in gegenseitiger Sicherheit und unter Achtung der Würde jedes Einzelnen leben können.“
Das Versagen der prophetischen Stimme
Wenn die Spitzen der Kirchen in Deutschland die eskalierende Aufrüstungspolitik der Bundesregierung unkritisch abnicken, geben sie ihre wichtigste gesellschaftliche Aufgabe auf: das unbestechliche, unbequeme Gegengewicht zur weltlichen Macht zu sein. Ein Bischof, der die Stationierung von Marschflugkörpern, Waffenexporte und das Wettrüsten moralisch bemäntelt, blendet die reale Gefahr aus, dass ein solcher Konflikt eskaliert und die europäischen Staaten – allen voran Deutschland als zentrales Drehkreuz – in das Epizentrum einer verheerenden regionalen Katastrophe verwandelt.
Von einer moralischen Instanz muss heute eine eindeutige, radikale Option für Diplomatie, Deeskalation und Frieden gefordert werden – und zwar völlig unabhängig davon, ob dies den strategischen Plänen der Bundesregierung ins Konzept passt oder nicht. Wer sich stattdessen der Logik des Krieges andient, verliert jede Daseinsberechtigung als ethische Stimme in einer aufgeklärten Gesellschaft.
Überlegungen zu einem bewegenden Protestsong von Joan Baez aus den 1970er Jahren.
Von MOSHE ZUCKERMANN
Titelmotiv: Paul Klee: Angelus Novus (1920). Bild: public domain
“Here’s to You” ist ein 1971 veröffentlichter Song, gesungen von Joan Baez, der legendären Figur im US-amerikanischen Politaktivismus der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Komponiert hat ihn der 2020 verstorbene italienische Komponist und Dirigent Ennio Morricone, der – in vielen Genres bewandert – auch die Musik für antifaschistische und sozialistisch gesinnte Filme schrieb.
Gewidmet war der Song, der auch einen Teil des Soundtracks für den Film “Sacco e Vanzetti” bildete, Ferdinando “Nicola” Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Beide, Angehörige der US-amerikanischen anachistischen Arbeiterbewegung, wurden 1921 in einem zutiefst umstrittenen Prozess des doppelten Raubmordes angeklagt, für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Eine massive internationale Protestbewegung versuchte, das Urteil mit dem Argument auszusetzen, es handle sich um einen ideologisch motivierten Justizmord. Vergeblich – am 23. August 1927 wurden die beiden hingerichtet. 50 Jahre später erhielten sie durch den Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, die postume Rehabilitation.
Der von Joan Baez verfasste Text des Songs lautet: “Here’s to you, Nicola and Bart / Rest forever here in our hearts / The last and final moment is yours / That agony is your triumph.” Nicht von ungefähr schrieb jemand in den sozialen Medien beim Hören der historischen Aufnahme von Joan Baez: “Wie kann ein Song von nur vier Zeilen so bedeutungsvoll sein?” Die Verwunderung wächst noch, wenn man bedenkt, dass die herzzerreißend schöne Vertonung dieser Zeilen durch Morricone ganz schlicht gehalten ist und achtmal hintereinander wiederholt wird, freilich mit gesteigertem Tonvolumen und Emphase. Man muss schon sehr an sich halten, um sich dem tiefen emotionalen Effekt dieses Songs zu entwinden, erst recht, wenn man seinen historischen Hintergrund kennt und sich der Gesinnung und dem Kampf der beiden Heroen verpflichtet weiß.
Diese Einstellung teilen freilich nicht alle. Man vergleiche nur die deutschsprachige Wikipedia-Eintragung zum Song mit der englischsprachigen. In letzterer ist man merklich darauf bedacht, die kriminelle Schuld der beiden hingerichteten Anarchisten zu betonen und als erwiesen darzustellen. Ungeachtet der Einsicht, dass der juristische Verstand letztlich jeden zu kriminalisieren vermag, wenn er es darauf anlegt – wer könnte sich schon rühmen, völlig unbescholten zu sein? –, erhebt sich stets die Frage, welches Interesse einem solchen “Gerechtigkeits”-Begehren zugrunde liege.
Was an Sacco und Vanzetti durch die amerikanische Justiz ausgemerzt werden sollte, waren weniger die für schuldig befundenen Träger der (vermeintlich) kriminellen Handlung, als vielmehr ihre politische und soziale Gesinnung. In einer gestählten kapitalistischen Gesellschaftsordnung bildet die rigide Einforderung von Law and Order die formal legitime, gleichwohl manipulativ ideologisierte Maßnahme zur Verfolgung jener, die sich als strukturelle Opfer der Ordnung gegen ebendiese zu empören trachten. Die Staatsmacht ist stets darum bemüht, antiautoritäre “Störenfriede” und idealistische Politaktivisten auszuhebeln. Wenn diese die gesellschaftliche Ordnung nicht wirklich bedrohen, kann man sie mit legalem Demonstrationsrecht und dergleichen gewähren lassen. Zuweilen sind sie auch verführ- und integrierbar. Oft ist die Macht aber bestrebt, ein Exempel zu statuieren; dann bemächtigt sie sich der als “Anarchisten” bzw. “Terroristen” pauschal Apostrophierten, macht ihnen den Prozess und treibt sie gelegentlich in den Suizid oder exekutiert sie einfach. Den Freiheitskämpfern dieser Welt stehen selten die Massen bei. Was sie hoffen dürfen, ist, dass sie für immer in den Herzen jener ruhen werden, für die sie gekämpft haben, dass der letzte und endgültige Augenblick der ihre sein und die Todesqual ihr Triumph bleiben werde.
Vanzetti und Sacco vor Gericht 1923. Bild: Boston Public Library/gemeinfrei
Der Gedanke, dass vergangene Generationen späteren Generationen einen “Auftrag” erteilen, findet sich am deutlichsten in der zweiten These von Walter Benjamins Schrift “Über den Begriff der Geschichte”. Benjamin formuliert dort die Idee einer Verpflichtung der Gegenwart gegenüber den Vergangenen fast explizit. Die zentrale Passage lautet: “Es gibt eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jeder Generation, die vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat.”
Um es genauer zu sagen: Vergangene Generationen “erteilen” den späteren keinen Auftrag im Sinne eines bewussten Mandats, sondern erheben einen Anspruch an sie. Die Gegenwart steht in einer Art Schuld- oder Verantwortungsverhältnis zu den Besiegten, Unterdrückten und Unerlösten der Vergangenheit. Die Lebenden sollen vergangene Niederlagen und verdrängte Möglichkeiten nicht vergessen, sondern im Handeln der Gegenwart “einlösen” oder retten. Benjamin meinte dabei nicht einfache Traditionspflege oder Ahnenverehrung. Der “Auftrag” ist politisch und geschichtsphilosophisch: Die Gegenwart soll die unterdrückte Vergangenheit gegen die Siegergeschichte zur Geltung bringen – in den besagten Geschichtsthesen Benjamins später oft als Rettung der Besiegten gegen den Fortschrittsmythos formuliert.
Bei Ernst Bloch findet sich oft das Zitat “Unsere Enkel fechten’s besser aus”, das aus dem Lied “Wir sind des Geyers schwarzer Haufen” entnommen ist, einem politischen Lied über den deutschen Bauernkrieg und den Bauernführer Florian Geyer. In der letzten Strophe heißt es sinngemäß: “Geschlagen gehen wir nach Haus, / unsere Enkel fechten’s besser aus.” Das Lied entstand allerdings nicht im 16. Jahrhundert, sondern wurde erst in den 1920er Jahren im Umfeld der Bündischen Jugend gedichtet, den Bauernkrieg rückblickend romantisierend. Das muss hervorgehoben werden, denn die Zeile wird (mithin von Bloch selbst) oft fälschlich direkt den Bauern von 1525 oder Thomas Müntzer zugeschrieben. Es gibt dafür aber keine gesicherte zeitgenössische Quelle aus dem Bauernkrieg.
Die Formulierung wurde später vielfach aufgegriffen – etwa als Buchtitel oder Motto zur Erinnerung an den deutschen Bauernkrieg. Bei Ernst Bloch taucht die Formel in Zusammenhang mit seinem allgemeinen Interesse am Bauernkrieg, besonders aber an Thomas Müntzer auf. Ihm gilt der Satz als eine Art Vermächtnis der geschlagenen Bauern, so etwa in seinem Buch “Thomas Müntzer als Theologe der Revolution” (1921, später überarbeitet). Dort erscheint die Idee des “unerledigten” Bauernkrieges als Hoffnung über die Niederlage hinaus, und in diesem Sinne schreibt er Müntzer diese Losung zu, wie sich der Sekundärliteratur ausdrücklich entnehmen lässt. Historisch gesichert ist das aber nicht. Die nachweisbare Verbreitung der exakten Formulierung findet sich, wie gesagt, erst viel später, insbesondere im Lied “Wir sind des Geyers schwarzer Haufen” aus dem 20. Jahrhundert.
Das Problem der historischen Zuordnung relativiert sich indes, wenn man die oben erwähnte zweite These Benjamins in den Zusammenhang mit der berühmtesten These aus Benjamins Schrift stellt – der neunten These über den “Engel der Geschichte”. Der Zusammenhang ist enger, als es auf den ersten Blick erscheint. In der zweiten These entwickelt Benjamin, wie gesagt, die Idee eines Anspruchs der Vergangenheit an die Gegenwart: Frühere Generationen der Besiegten und Unterdrückten haben eine unerfüllte Hoffnung, auf die spätere Generationen antworten sollen. Geschichte ist deshalb nicht neutraler Fortschritt, sondern eine Verpflichtung.
In der neunten These zeigt Benjamin dann, warum diese Verpflichtung nötig ist. Er beschreibt (angeregt von Paul Klees Bild Angelus Novus) einen Engel, der rückwärts in die Zukunft getrieben wird: Der Engel sieht die Vergangenheit nicht als Kette von Ereignissen, sondern als “eine einzige Katastrophe”, die “unablässig Trümmer auf Trümmer häuft”. Der Sturm, der in seine Flügel bläst und ihn in die Zukunft treibt, sei das, was wir “Fortschritt” nennen. Die moderne Geschichtserzählung feiert den Fortschritt, vergisst dabei aber die Opfer und die Zerstörungen, den dieser Progress mitverursacht hat.
Historisches Denken soll, Benjamin zufolge, die Perspektive der Sieger unterbrechen und die “verschütteten” Hoffnungen der Unterdrückten retten. Daher sein berühmtes Postulat, der Historiker bzw. politisch Handelnde soll Geschichte “gegen den Strich bürsten”: Geschichte nicht aus Sicht der Sieger erzählen, sondern aus der Sicht jener, die verloren haben. Er kritisiert dabei den linearen Fortschrittsglauben und fordert eine materialistische Geschichtsbetrachtung. In der sechsten These seiner Schrift heißt es entsprechend: “Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. […] Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.”
Im Anschluss daran führt er den oft zitierten Kernsatz aus: “Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben.” Die Geschichte der Unterdrückten droht also in Vergessenheit zu geraten. Die herrschende Klasse benutzt die Geschichtsschreibung als Instrument, weshalb sich der materialistisch gesinnte Historiker den im geschichtlichen Moment “aufblitzenden” Erinnerungen stellen muß. In der siebten These gewinnt dieses Postulat an Dringlichkeit: “Es gibt kein Dokument der Kultur, das nicht zugleich ein Dokument der Barbarei ist. Und wie es nicht von sich aus frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in dem es von dem einen an den anderen übergegangen ist. Der historische Materialist distanziert sich daher von ihr, so weit es irgend geht. Er betrachtet es als seine Aufgabe, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten.”
Die Erkenntnis, dass Kulturgeschichte untrennbar mit barbarisher Gewalt und Ausbeutung verbunden ist, mündet für Benjamin in die rigorose Forderung, die Geschichte nicht als unproblematische Erfolgsgeschichte der Zivilisation zu lesen, sondern sie “gegen den Strich zu bürsten”, mithin die hegemoniale Geschichtssicht der Herrschenden kraft der Perspektive der historischen Opfer immer wieder kritisch zu hinterfragen.
In den vier Zeilen des Songs von Joan Baez hat sich die Essenz dieses widerständigen Postulats berührend sedimentiert.
Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst. Mehr Beiträge von Moshe Zuckermann →
Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 4.7. 2026 Here is to you
Wir danken für das Publikationsrecht.
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