Offener Brief an den DGB-Bundesvorstand – Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften

Nachgefragt! Wir publizieren hier im Nachhinein den offenen Brief der VKG (Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften) zum Schweigen der DGB Gewerkschaften über das Kriegsgeschehen in Nahost, insbesondere dem Genozid in GAZA. Soviel wir wissen: Das Schweigen geht weiter. Obwohl die ganze Welt laut aufschreit, darunter auch international ganz überwiegend die meisten Gewerkschaften! Wir hacken nun öffentlich nach. Mehr als zweidrittel der Deutschen Bevölkerung, wohl auch der Gewerkschaftsmitglieder lehnen inzwischen das Vorgehen der israelischen Armee in GAZA ab. Und was sagt die DGB Führung dazu?

Anlässlich des Antikriegstages am 1.September wäre in „guter Nachkriegstradition“ eine deutliche Erklärung zu erwarten gewesen! Schlechte Tradition ist es, wieder in die Fußstapfen von 1914 mit den Folgen eines Weltkrieges zu treten. Im Schatten der Zeitenwende drücken Aufrüstung, Inflation und Deglobaliserung immer massiver auf die soziale Lage von uns Beschäftigten. Von der realen Kriegsgefahr und der Versenkung der klimapolitischen Ziele ganz zu schweigen.

Offener Brief an den DGB-Bundesvorstand
Kopie an Mitgliedsgewerkschaften, Internationaler Gewerkschaftsbund,
IndustriALL

Veröffentlicht am 13. Juni 2024

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Euer Schweigen zu dem Krieg in Gaza ist unerträglich! Ihr alle wisst, was los ist, aber auf der Website und in den Medien des DGB steht kein Wort. Ihr habt den Überfall der Hamas am 7. Oktober verurteilt, aber fast 40 000 getötete Zivilist:innen sind Euch kein Wort wert?

Besonders verwundert uns, dass keine der Resolutionen und Erklärungen des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften oder von IndustriALL übersetzt und veröffentlicht werden. So hat der Internationale Gewerkschaftsbund am 8.2.24 die Wiederaufnahme der UNRWA-Zahlungen gefordert und am 29.5.24 seine Solidarität mit den Palästinensischen Arbeiter:innen bekräftigt. Dabei wurde auch die Besorgnis über die “schwere humanitäre Krise” ausgedrückt, die die Menschen in Gaza trifft, ein sofortiger Waffenstillstand gefordert, die Freilassung aller Geiseln und aller ohne gerichtliches Verfahren Inhaftierten (also mehreren Tausend Palästinenser:innen), und die sichere Rückkehr aller durch den Konflikt Festgehaltenen.

* Aufruf zum Friedensmarkt am Antikriegstag, dem 1.September in Berlin!

* Aufruf Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin zum 1.September "Wir müssen Gesicht zeigen"

Über Gaza hinaus wurde der Abbau aller illegalen Siedlungen in der Westbank gefordert und eine Hauptstadt Palästinas in Ost-Jerusalem.

Seitens IndustriALL wurde in den letzten Monaten – mit Unterstützung anderer internationalen Gewerkschaftsverbände – berichtet und erklärt:

31.1.24: Zur vorläufigen Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes (Global unions call for unified action following ICJ ruling on Gaza genocide case) wird erklärt, dass „unsere Mitglieder getötet werden, während sie ihrer Arbeit nachgehen, unter anderem als Lehrer:innen, im Gesundheitswesen, Transport, als Journalist:innen, UN-Personal, internationale Hilfsdienste und viele andere.“ (Our members in Gaza are being killed while they go about their work including teachers, healthcare workers, transport workers, journalists, UN staff, international aid workers and many others.)

Weiter wird Israel aufgefordert, sofort den Anweisungen des IGH Folge zu leisten und Akte des Völkermordes zu vermeiden, die Anstachelung zum Völkermord zu bestrafen und humanitäre Hilfe zuzulassen. (We urge Israel to comply with the ICJ’s Order to take immediate steps to prevent acts of genocide, punish incitement to genocide, and facilitate the provision of basic services and humanitarian assistance to Palestinians in Gaza.)

14.2.24: Journalist:innen in Gaza von Hunger und Bomben bedroht (Gaza’s journalists face hunger as well as bombing)

12.3.24: Die Angriffe auf die für Arbeiter:innen lebensnotwendige zivile Infrastruktur ist ein Angriff auf uns alle (The targeting of Gaza’s essential workers and civilian infrastructure is an attack on us all). Es wird erneut ein sofortiger Waffenstillstand gefordert.

Wir finden es untragbar, dass das Schweigen des DGB hier die Solidarität der internationalen Gewerkschaftsbewegung untergräbt, sowohl gegenüber den palästinensischen Kolleginnen und Kollegen, wie auch gegenüber der überwältigenden Mehrheit der Gewerkschafter:innen weltweit.

Wir fordern Euch auf, alle diese Erklärungen zu übersetzen und zur gewerkschaftlichen Diskussion bereitzustellen.

Wir dürfen uns nicht davor fürchten, dass die Medien die Positionen der internationalen Gewerkschaften als „antisemitisch“ diffamieren könnten. Im Gegenteil, das sollte ein gutes Mittel sein, gegen die derzeitige Demagogie vorzugehen, die Kritik an Israels Regierung und Politik mit Antisemitismus gleichsetzt, um so diese Politik und Regierung zu unterstützen. Dies ist umso mehr nötig, da diese Demagogie sich zunehmend gegen die Meinungsfreiheit aller Kolleginnen und Kollegen in Deutschland richtet, bis hin zu Entlassungen und Berufsverboten.

Mit solidarischen Grüßen

Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften VKG

hier geht es zur Erklärung der VKG

Was hätten Sie getan?: Die Wahrheit über Hamas

Der Autor Mark Lesseraux ist renommierter „Humanist, Befürworter und Praktiker der aktiven Gewaltlosigkeit und Student der Nicht Dualität“. Seine Recherchen sind extrem gründlich. Er redet Klartext und über Fakten. Wahrheiten werden ungeschminkt und mutig ausgesprochen. Auch wenn sie den eigenen Machteliten nicht schmecken.

Ergänzend möchte ich auf einen älteren Artikel von Lesseraux hinweisen, wo detailliert nachgewiesen wird, dass die HAMAS-Führung nicht zuletzt von Netanyahu zwecks Spaltung der Palästinenser mit massiven Unterstützungsgeldern hochgepäppelt wurde.

In Palästina geht es letztlich darum, dass sich Jüd:innen und Muslim:innen wie auch Palästinenser:innen und Isreal:innen von jeglicher Instrumentalisierung durch Kapitalinteressen, ihren Machteliten und äußeren imperialen Einflüssen lossagen. Das muss auch gegenüber der HAMAS Führung geschehen. Die einfachen Menschen auf allen Seiten dürfen sich nicht länger gegenseitig aufhetzen lassen. Jedes Massaker gegen Zivilisten vertieft die Gräben. Widerstand muss sich gezielt gegen die eigentlichen Profiteure, Unterdrücker, Machthaber und Verursacher richten. (Peter Vlatten)

13.08.24 – New York Mark Lesseraux, – Pressenza,

Gazas Hoffnungsschimmer

Hamas wurde wie alle Widerstandsgruppen, vom African National Congress bis zur Irish Republican Army, missverstanden und dämonisiert. Im Gegensatz zu den Aussagen der israelischen und US-amerikanischen Führung ist die Hamas keine Terrororganisation. Hamas ist eine religiöse, nationalistische, politische Widerstandsbewegung. Das soll nicht heißen, dass die Hamas nie Terrorismus als Taktik eingesetzt hat, wie es ganz sicher die jüdischen Milizen taten, die den Staat Israel gründeten. Tatsächlich ist der Terrorismus, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Gründung eines israelischen Staates eingesetzt wurde, legendär. [1]https://www.ojp.gov/ncjrs/virtual-library/abstracts/terror-out-zion-irgun-zvai-leumi-lehi-and-palestine-underground

Hamas hält die palästinensische Bevölkerung in Gaza nicht gefangen. Tatsächlich haben sie breite Unterstützung unter den Palästinensern gefunden, die seit Jahrzehnten von den israelischen Behörden gedemütigt, verarmt, ungerecht eingesperrt, terrorisiert und gefoltert werden. Diese breite Unterstützung begann die Hamas Anfang der 2000er Jahre zu gewinnen, was größtenteils auf die Korruption und Inkompetenz innerhalb der PLO zurückzuführen war, die Israel nicht angemessen bei der Erfüllung der Versprechen unterstützte, die Israel im Oslo-Abkommen von 1993 gemacht hatte. [2]https://history.state.gov/milestones/1993-2000/oslo

Der erste Selbstmordanschlag/Bombenanschlag: Baruch Goldsteins Hebron-Massaker.

Am 24. Februar 1994 verübte Baruch Goldstein, ein amerikanisch-israelischer Arzt und Mitglied der ultrazionistischen Kach-Bewegung, ein Massaker in einer der am meisten verehrten Kultstätten Palästinas, der Ibrahimi-Moschee. Bei der Schießerei an diesem Tag wurden 29 Palästinenser getötet und 125 weitere schwer oder anderweitig verletzt. [3]https://www.palestine-studies.org/en/node/1652605

Vierzig Tage nach Goldsteins Terroranschlag verübte ein Mitglied des bewaffneten Flügels der Hamas den ersten Vergeltungs-Selbstmordattentäter. Es war jedoch Goldstein, ein überzeugter amerikanisch-israelischer Zionist, der Mitte bis Ende der 1990er Jahre die hin- und hergehende Welle von Terroranschlägen zwischen der Hamas und Israel auslöste.

Von 1995 – 2005

In den zehn Jahren nach dem Hebron-Massaker begann die Hamas, sich in Gaza einen Ruf als Volksbewegung aufzubauen, die für das Volk handelte. Im Gegensatz zur PLO, die zu einem finanziell gut aufgestellten und nicht immer zuverlässigen Vermittler zwischen der Bevölkerung von Gaza und ihren israelischen Unterdrückern wurde, erwies sich die Hamas als standhaft in ihrem Engagement für die letztendliche Befreiung der gesamten palästinensischen Bevölkerung von Gaza. [4]https://www.aljazeera.com/news/2023/10/8/what-is-the-group-hamas-a-simple-guide-tothe-palestinian-group

Hamas gewinnt 2006 eine freie und faire Wahl

Nach Jahrzehnten der Unterdrückung und des Landverlusts sowie des Scheiterns der PLO und ohne große oder gar keine Hoffnung auf eine Verbesserung in der Zukunft wählte die Bevölkerung von Gaza die Hamas zu ihrer Führung. Der Sieg der Hamas, der vom ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter geleitet wurde, war ein Schock für alle, vom Volk Gazas bis hin zu Israel und der US-Führung. Tatsächlich wurde US-Senatorin Hillary Clinton auf Tonband festgehalten, als sie sagte, dass die USA die Wahl hätten manipulieren sollen. [5]https://www.dailymail.co.uk/news/article-3885072/We-did-determine-going-win-Hillary-Clinton-heard-tape-making-stunning-argument-fixed-2006-Palestinian-election.html

Israel bestraft Gaza dafür, dass es nicht „richtig“ abgestimmt hat

Wenige Monate nach dem völlig legitimen Wahlsieg der Hamas begann Israel, die Menschen in Gaza dafür zu bestrafen, dass sie falsch gewählt hatten. Im Juni 2007 wurde eine Blockade verhängt, die Gaza faktisch in ein Gefangenenlager verwandelte. Von diesem Zeitpunkt an durfte kein Palästinenser in Gaza den Gazastreifen verlassen und kein Palästinenser wieder einreisen. Außerdem dürften auch keine Lebensmittel oder andere Importe direkt nach Gaza gelangen. Im Juni 2007 begann Israel, jeden Aspekt des Lebens der zwei Millionen Einwohner Gazas zu kontrollieren.[6]https://www.unicef.org/mena/documents/gaza-strip-humanitarian-impact-15-years-blockade-june-2022

Ab 2007 waren die Palästinenser in Gaza dem ausgesetzt, was die israelischen Behörden scherzhaft als saisonales „Rasenmähen“ bezeichnen (die regelmäßigen Bombardierungen, Vertreibungen, Folterungen und Morde an Palästinensern, um sie in ständiger Angst zu halten). Hinzu kommen ständige Hausdurchsuchungen, Demütigungen und eine große Zahl falscher Verhaftungen. [7]https://www.washingtonpost.com/world/2021/05/14/israel-gaza-history/

Was hätten Sie getan?

Es wäre absurd, das Ausmaß an Hoffnungslosigkeit, Zerstörung und Tod, das Israel den Menschen in Gaza von 2007 bis zum 6. Oktober 2023 zugefügt hat, mit dem zu vergleichen, was die Hamas bei ihren dürftigen Vergeltungsversuchen bis zu diesem Zeitpunkt erreichen konnte.

In den 2020er Jahren war Gaza zu einem „Freiluftgefängnis und Konzentrationslager“ geworden.[8] https://www.hrw.org/news/2022/06/14/gaza-israels-open-air-prison-15 Mit diesem Begriff beschrieb Human Rights Watch Gaza im Juni 2022.

Und so frage ich Sie: Was hätten Sie in der oben genannten Situation getan? Versuchen Sie, Ihren inneren Zensor für einen Moment zu zügeln. Seien Sie ehrlich. Was hätten Sie getan, wenn Sie und Ihre Lieben unter diesen Bedingungen in Gaza gelebt hätten? Hätten Sie Widerstand geleistet? Oder hätten Sie sich vielleicht für Selbstmord entschieden? Versuchen Sie, diese Frage (wirklich) für einen Moment zu beantworten.

Vorstellen

Stellen Sie sich vor, die oben beschriebene 30-jährige Aktivität fand VOR dem 7. Oktober 2023 statt!
Verglichen mit dem, was in den zehn Monaten seitdem passiert ist, waren diese 30 Jahre die guten alten Zeiten.

Bisher wurden seit Ende Oktober 2023 39.000 Palästinenser durch direkte Gewalt in Gaza getötet. 800.000 Gazaer werden in den Trümmern und/oder in der Sinai-Wüste und/oder anderswo vermisst. Die geschätzte Gesamtzahl der bei dem Massaker getöteten Palästinenser beläuft sich konservativ auf 180.000. [9]https://www.theguardian.com/world/article/2024/jul/12/gaza-death-toll-indirect-casualties#:~:text=In%20the%20most%20recent%20draft,of%20Gaza’s%202.4%20million%20people Bemerkenswerterweise waren 70 % der Toten Frauen und Kinder.

Die falschen Behauptungen Israels und der westlichen Medien bezüglich der Ereignisse vom 7. Oktober

Ich habe mich eingehend mit den tatsächlichen Ereignissen am 7. Oktober 2023 befasst. Was ich jetzt mit einiger Sicherheit sagen kann, ist, dass wir belogen wurden. Gab es Gräueltaten? Die Antwort darauf ist ja. 1.189 Menschen kamen ums Leben. Ich entschuldige hier nichts davon. Was die grausamen Berichte über Massenvergewaltigungen und Enthauptungen von Babys betrifft, so waren diese Anschuldigungen völlig erfunden. Am 7. Oktober wurde niemand von einem Hamas-Mitglied vergewaltigt. Und die Hamas hat am 7. Oktober keine Babys getötet.[10]https://www.youtube.com/watch?v=-mxfnya3ZRc [11]https://www.youtube.com/watch?v=_0atzea-mPY&t=2978s
In einem zukünftigen Artikel werde ich tiefer auf die Details des von israelischen und US-amerikanischen Medien ausgeheckten Schwindels eingehen, der den Völkermord auslöst.

Aktuell: Free Gaza -  Beats against Genocide 

Für weitere Details

Weitere Einzelheiten zur Situation in Gaza finden Sie in meinem Artikel von letzter Woche mit dem Titel „ Blut an den Blättern, Blut an der Wurzel: Einsteins Albtraum “.

Weitere Informationen zu
Protesten in Ihrer Region, die den Völkermord in Gaza anprangern.

Der Beitrag ist erschienen am 13.8.2024 in Pressenza . Wir danken für die Publikationsrechte.

Der Autor Mark Lesseraux ist ein Singer/Songwriter/gesellschaftspolitischer Kolumnist aus Brooklyn, New York, USA. Er ist Humanist, Befürworter und Praktiker der aktiven Gewaltlosigkeit und Student der Nichtdualität.

Titelfoto Peter Vlatten

Nord-Stream-Sprengung – neue Enthüllungen bringen die Bundesregierung in Zugzwang

Von Jens Berger

Bild: Wikipedia commons.

Die jüngsten Recherchen des Wall Street Journals (WSJ) zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines sollten eigentlich in Deutschland wie eine Bombe einschlagen. Wenn die Enthüllungen zutreffen, wurden die Pipelines nicht etwa von Hobbytauchern ohne Wissen der ukrainischen Regierung gesprengt, wie es deutsche Medien und auch die Bundesregierung bis heute behaupten. Geplant wurde der Anschlag laut WSJ vom damaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und auch Präsident Selenskyj hatte der Operation grünes Licht gegeben, soll seine Zustimmung aber angeblich später wieder zurückgezogen haben. Erweisen sich die Recherchen als korrekt, hat die Bundesregierung – nicht nur in diesem Punkt – einiges zu erklären. Es kann ja nicht sein, dass man einem Land, das einen kriegerischen Akt gegen die deutsche Infrastruktur ausführt, Waffen und Geld im Wert mehrerer Milliarden schenkt. Für weitere Unruhe im Fall Nord Stream könnte ein Interview der WELT mit dem ehemaligen BND-Chef August Hanning sorgen – der macht nämlich auch unserem Nachbarn Polen schwere Vorwürfe und ist überzeugt davon, dass Polen direkt in die Anschläge verwickelt ist.

Die Vorstellung, dass sechs ukrainische Hobbytaucher ohne Wissen, Unterstützung und Billigung staatlicher Stellen im September 2022 mit einer Segelyacht nach Bornholm schipperten und drei der vier Stränge der größten und wichtigsten Gaspipelines sprengten, hielten die NachDenkSeiten von Anfang an in dieser Form für wenig plausibel. Doch genau das ist die Geschichte, die der Öffentlichkeit seit über einem Jahr von deutschen Medien erzählt und die auch von der Bundesregierung immer wieder vorgetragen wird. Eine der Fragen, die nun zu beantworten sind, ist, ob und ab welchem Zeitpunkt die Bundesregierung wusste, dass diese Version nicht der Wahrheit entspricht. Die Recherchen des WSJ erzählen nämlich eine in Teilen gänzlich andere Geschichte.

Demnach hatten im Mai 2022 einige hochrangige ukrainische Offiziere und ein Oligarch die Idee zu einer Sprengung der Pipelines gehabt. Diese Idee wurde dann an den obersten Befehlshaber der ukrainischen Armee, Walerij Saluschnyj, herangetragen, der die Anschlagspläne fortan koordinierte. Präsident Selenskyj habe dem Anschlagsplan zugestimmt. Das WSJ beruft sich dabei auf gleich vier Quellen, die allesamt laut WSJ am Anschlag beteiligt bzw. in die Planung involviert waren.

Doch bereits im Juni gab es offenbar das erste Problem. Der niederländische Auslandsgeheimdienst MIVD hat Wind von den Anschlagsplanungen bekommen und sowohl die CIA als die deutschen Dienste davon in Kenntnis gesetzt. Und hier kommt ein zweiter wunder Punkt der offiziellen deutschen Erzählung, die zwar – ohne Details zu nennen – bestätigt, dass es eine solche Warnung der Niederländer gegeben habe, diese aber „nicht ernstgenommen“ wurde. Das ist insofern doch sehr überraschend, da die CIA die Warnung laut WSJ so ernstgenommen hat, dass die US-Regierung auf oberster Ebene Druck auf Präsident Selenskyj ausgeübt hat, diese Pläne zu verwerfen. Angeblich habe Selenskyj daraufhin seine Zustimmung zurückgezogen, doch Armeechef Saluschnyj habe die präsidiale Order schlichtweg ignoriert und die Aktion weiterlaufen lassen. Letzteres kann man glauben oder nicht – es klingt schon sehr nach einer Schutzbehauptung, die Selenskyj aus der Schusslinie nehmen soll. Wie dem auch sei: Wenn diese Behauptungen so stimmen, handelte es sich bei dem Anschlag um einen staatlich beauftragten, geplanten und durchgeführten Anschlag und eben nicht um eine Aktion von Hobbyterroristen, von der die ukrainische Führung nichts wusste.

Die Bundesregierung muss zudem beantworten, warum sie die Warnung der Niederländer angeblich nicht ernstgenommen hat. Wenn denn die USA diese Warnung so ernstgenommen haben sollen, dass man die Ukraine auf höchster Ebene förmlich gewarnt hat, warum kam keine derartige Warnung aus Deutschland? Hat man – anders als die USA – die Berichte der Niederländer wirklich nicht ernstgenommen? Hat man das Risiko vielleicht sogar billigend in Kauf genommen? Oder hat man die Berichte ernstgenommen, die Ukraine ebenfalls gewarnt und wurde dann von der Ukraine eiskalt hintergangen? Fragen über Fragen.

Interessant ist, dass diese Fragen von den Medien gar nicht gestellt werden. Kann es sein, dass weder Medien noch Politik an Antworten auf diese Fragen interessiert sind, da diese unweigerlich die Unterstützung der Ukraine durch Deutschland infrage stellen würden? Der Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines war ein Akt von Staatsterrorismus, ein kriegerischer Akt, wegen dem sogar der Verteidigungsfall für die NATO ausgerufen hätte werden müssen – doch die NATO kämpft ja bekanntlich nicht gegen die Ukraine, sondern an deren Seite. Letzteres ist auch vor dem Hintergrund der Pipelinesprengungen kaum mehr zu vermitteln.

Doch der WSJ-Artikel wirft noch weitere Fragen auf. So kam es kurz nach den Anschlägen im Oktober zu einer weiteren Lieferung geheimdienstlicher Erkenntnisse der Niederländer an die USA und an Deutschland. Diese Informationen waren laut WSJ sehr detailliert und wiesen auch klar auf eine staatliche ukrainische Urheberschaft hin. Mit anderen Worten: Die deutschen Geheimdienste wussten bereits kurz nach den Anschlägen, was nun das WSJ aufgedeckt hat. Haben die Dienste diese Informationen nicht an die Regierung weitergegeben? Haben sie die Informationen weitergegeben und die Regierung hat sie verschwiegen und in der Öffentlichkeit Falschinformationen gestreut?

Aussagen nicht namentlich genannter hochrangiger deutscher Politiker legen dies laut WSJ nahe – demnach habe man offenbar Angst gehabt, den öffentlichen Rückhalt für die militärische und finanzielle Unterstützung der Ukraine zu verlieren. Offen ist zudem, ob die genannten Geheimdienstinformationen an die zuständigen Ermittlungsbehörden weitergegeben wurden. Laut WSJ geschah dies „aus Geheimhaltungsgründen“ nämlich nicht. Wenn das so stimmt, haben die deutschen Geheimdienste die Ermittlungen mit Vorsatz torpediert. Auch das wäre ein Skandal.

Ein weiterer – in Teilen bereits bekannter – Aspekt, der im WSJ-Artikel eher am Rande auftaucht, ist die eigenwillige Rolle Polens bei den Anschlägen. So haben polnische Stellen das Sabotageteam nicht nur frei gewähren lassen, sondern auch sämtliche Ermittlungen deutscher Behörden torpediert. Mal wurden falsche Informationen gegeben, mal wurden die Ersuche der deutschen Ermittler ignoriert, mal wurden Beweismittel, wie die Aufnahmen einer Sicherheitskamera im Hafen Kolberg, vernichtet.

Das passt gut zu einer aktuellen Recherche deutscher Medien, die nun herausgefunden haben, dass die polnischen Behörden einen von deutscher Seite übermittelten Haftbefehl gegen einen namentlich bekannten Tatverdächtigen ganze sechzig Tage nicht beachtet haben, nur um den Ukrainer, der seinen Wohnsitz offenbar in Polen hatte, dann in die Ukraine ausreisen zu lassen, die ihre eigenen Staatsbürger nicht ausliefert. Eine weitere namentlich bekannte Tatverdächtige postet derweil fröhlich auf X von ihren Urlaubsplänen – man scheint sich sehr sicher zu fühlen.

Svitlana U., eine der für den GBA Hauptverdächtigen beim #Nordstream-Anschlag, postet dieses Foto. Mir schrieb sie gestern, sie sei in Polen, wolle nun in den Urlaub nach Portugal. pic.twitter.com/bMjyafm7Bp

— Tim Röhn (@Tim_Roehn) August 15, 2024

Entweder die polnischen Dienste haben kein Interesse an den Ermittlungen ihrer deutschen Kollegen oder sie schützen die Tatverdächtigen aktiv. Wie dem auch sei – auch unser angeblicher Freund Polen hätte einige Fragen zu beantworten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Interview, das die WELT gestern mit dem ehemaligen BND-Chef August Hanning geführt hat. Hanning geht einen Schritt weiter. Für ihn steht fest: „Polen hat kein Interesse an einem Erfolg der Ermittlungen und das liegt natürlich daran, dass Polen in die Vorbereitung des Anschlags massiv involviert gewesen ist“. Hanning begründet dies folgendermaßen:

„Ganz offenkundig waren polnische Dienststellen hier eingeschaltet. Und ich glaube eben nicht nur Dienststellen, sondern ich glaube, das war eine Verabredung zwischen den höchsten Spitzen in der Ukraine und in Polen. Und offenkundig hat ein ukrainisches Team den Anschlag ausgeführt. Und das ging aber nur mit starker und logistischer Unterstützung aus Polen; denn solche Entscheidungen fallen nicht auf unterer Ebene, sondern das sind Entscheidungen, die auf höchster politischer Ebene gefallen sind. Und ich glaube, dass es hier Verabredungen zwischen Präsident Selenskyj und Präsident Duda gegeben hat, diesen Anschlag auszuführen.“

Direkte Belege für diese Aussagen hat Hanning freilich nicht. Der Mann war aber immerhin zehn Jahre lang der Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes und steht nach eigenem Bekunden auch noch in gutem Kontakt mit Personen aus den Diensten und Ermittlungsbehörden – seine Aussagen sind also mehr als eine Privatmeinung unter vielen.

Je mehr Informationsfetzen ans Licht kommen, desto klarer wird das Bild. Doch die Erzählung, wonach zwei befreundete europäische Staaten sich zu einem kriegerischen Akt gegen Deutschland verschworen haben, passt natürlich nicht ins derzeitige politische Klima; also verschweigt man sie lieber. Das ist eine Unglaublichkeit, wenn man bedenkt, welcher Schaden Deutschland, seinen Bürgern und seiner Wirtschaft, durch den Anschlag auf die Ostseepipelines entstanden ist.

Mit großem Interesse dürfte man die WSJ-Recherchen sicher auch in London vernommen haben. Dort hatten erst vor einigen Wochen die beiden Versicherungskonzerne Lloyd’s of London und Arch vor Gericht die Zahlung von Schadensersatz an die Pipelinebetreiber abgelehnt. Ihre Argumentation: Der Anschlag sei kein Terrorakt, sondern könne nur von einem staatlichen Akteur durchgeführt worden sein. Daher greife, so die Versicherer, die „Kriegsklausel“, die die Versicherer aus der Haftung nimmt. Wenn die Recherchen des WSJ zutreffend sind, müssen nicht nur Lloyd’s of London und Arch für die Schäden nicht haften, sondern auch alle anderen Versicherer und Rückversicherer könnten sich auf die „Kriegsklausel“ berufen. Der nächste Schritt wäre dann wohl eine zivilrechtliche Klage gegen die Ukraine. Es bleibt also spannend.

Erstveröffentlichung in den nachdenkseiten v. 16.8. 2024
https://www.nachdenkseiten.de/?p=119718

Wir danken für das Publikationsrecht.

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