Gerechter Frieden im Nahosten – öffentlicher Appell an die DGB Spitzen!

Während die Führungen der DGB Gewerkschaften zu Israels Besatzungspolitik und Völkermord weiterhin schweigen oder sogar verdeckt unterstützen, wird an der Basis ein grundsätzlicher Kurswechsel gefordert und immer breiter diskutiert, wie Solidarität mit Palästina aussehen soll. Bis zu 80 Prozent der deutschen Bevölkerung lehnen seit Monaten das Vorgehen Israels ab. An der Gewerkschaftsbasis sieht das nicht anders aus. Auch die aktuell anstehende Zusammenkunft mit der israelischen Gewerkschaft Histadrut, deren Vorsitzender die Bomben auf Gaza signiert, stößt auf Unverständnis und Ablehnung. Wir publizieren dazu einen weiteren öffentlichen Appell als Diskussionsbeitrag an die Mitglieder und als Aufforderung an die deutschen Gewerkschaftsspitzen, endlich ihre Haltung zu korrigieren! Ob dies nun bei dem gegenwärtigen Führungspersonal zu echten Konsequenzen führt, darf allerdings aufgrund der vorliegenden Erfahrungen angezweifelt werden. (Peter Vlatten)

Vier Thesen zu einem gerechten Frieden im Nahen Osten – vier Ansätze für einen Kurswechsel im DGB

von Flo Nagel – abgestimmt mit Gewerkschafter:innen IG BAU, GEW und IG Metall, 23.Oktober 2025

Die deutsche Nahostpolitik gerät zunehmend auf Abwege: Während Länder wie Großbritannien, Italien, Spanien, Kanada und Australien vor Kurzem einen palästinensischen Staat anerkannt haben, fiel die Bundesrepublik zuletzt dadurch auf, EU-Sanktionen gegen Israel als Reaktion auf seine zerstörerische Kriegsführung in Gaza auszubremsen.

Damit trägt Deutschland Mitverantwortung für die anhaltende Unterdrückung, Vertreibung und Vernichtung palästinensischen Lebens. Auch die deutschen Gewerkschaften haben bislang nicht den Mut gefunden, die sogenannte „deutsche Staatsräson“ zu hinterfragen, eine grundlegende Kritik an Israels Politik zu formulieren und entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

Doch unter Gewerkschafter*innen wächst die Kritik an dieser passiven Haltung, die im Folgenden aufgegriffen wird: Vier Thesen zu einem gerechten Frieden im Nahen Osten, vier Anstöße für einen Kurswechsel im DGB.

1. Besatzung befördert Widerstand

Der Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 unter der Führung der Hamas beinhaltete zahllose skrupellose Kriegsverbrechen gegen Zivilist*innen, welche nicht nur schreckliches Leid verursacht, sondern auch den Freiheitsbestrebungen der Palästinenser*innen massiv geschadet haben. Das Handeln der Hamas lässt sich jedoch nicht allein mit einem antisemitischem Vernichtungswahn erklären, sondern ist auch – wie die Hamas selbst – eine Folge der israelischen Besatzungspolitik. Das Vorgehen Israels in Gaza ruft unbändige Wut hervor. Wer gerechten Widerstand unterstützt, fördert Solidarität. Wer „Free Gaza from Hamas“ fordert, sollte zunächst das Ende der israelischen Besatzung fordern wie es zuletzt 100.000 Menschen bei einer Demonstration in Berlin taten.

Doch stattdessen wird in Deutschland Protest gegen die israelische Besatzung und den Vernichtungskrieg in Gaza wie in kaum einem anderen Land unterdrückt und kriminalisiert. Die DGB-Gewerkschaften haben es bisher nicht vollbracht, die Repressionen zu verurteilen oder selbst zu den Protesten für ein freies Palästina aufzurufen.


Anstoß für einen Kurswechsel:
Der DGB-Bundesvorstand und die Bundesvorstände der Einzelgewerkschaften solidarisieren sich mit den Gaza-Protesten, schließen sich den Forderungen der Solidaritätsbewegung an und rufen zu zukünftigen Demonstrationen auf.
Die DGB Gewerkschaften sollten sich in dieser Frage an den Beschlüssen ihrer internationalen Dachverbände wie IndustriALL, Public Services International oder der Education International orientieren.

Wer stattdessen schweigt, macht sich zum Komplizen der jahrzehntelangen völkerrechtswidrigen Politik Israels, die im Laufe des Gaza-Krieges nach Ansicht israelischer Menschenrechtsorganisationen, UN-Kommissionen und hunderter Forscher*innen in einen Genozid umgeschlagen ist.

2. Israel: Kein Interesse an einem gerechten Frieden

Die israelische Regierung hat nicht nur alle Waffenstillstandsbemühungen seit dem 7. Oktober sabotiert, sondern auch sämtliche Bemühungen zur Beendigung des historischen Konfliktes, der nur mit der Anerkennung eines palästinensischen Staates überwunden werden kann. Die regierende Likud Partei hält indes an dem in ihrem Gründungsprogramm formulierten Ziel eines „Großisrael“ fest, das auf einen jüdischen Staat zwischen Jordan und Mittelmeer abzielt. In diesem Licht fördert die israelische Regierung den jüdischen Siedlungsbau im Westjordanland und verhindert damit schon heute dauerhaft die Entstehung eines palästinensischen Staates.

Es ist eine Illusion anzunehmen, dass sich Israel in Zukunft einen palästinensischen Staat abverhandeln lassen wird. Die Haltung der deutschen Bundesregierung, einen Staat Palästina erst am Ende eines Prozesses zur Zwei-Staaten-Lösung anzuerkennen, ist daher realitätsfremd – und stabilisiert den für die Palästinenser*innen unerträglichen Status quo.

Anstoß für einen Kurswechsel: Der DGB-Bundesvorstand und die Bundesvorstände der Einzelgewerkschaften erhöhen den Druck auf die Bundesregierung, einen Staat Palästina anzuerkennen.

3. Israelis sind gleicher als Palästinenser

In der Bundesrepublik hat sich ein enges Meinungsklima etabliert, das von Regierungsstellen wie dem Antisemitismusbeauftragten über die Springer-Presse bis hin zu zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Amadeu-Antonio-Stiftung reicht und öffentliche Kritik erschwert. Wer Israels Vorgehen hinterfragt, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, mit doppelten Standards zu messen und antisemitische Motive zu bedienen. Dieser Mechanismus zielt erfolgreich darauf ab, Kritiker*innen zu diskreditieren, wenn sie israelische Verbrechen als diese benennen.

Umgekehrt stimmt, dass deutsche Medien und zahlreiche Politiker*innen bei israelischen Menschenrechtsverletzungen – auch im internationalen Vergleich – gerne ein Auge zudrücken. Ein Beispiel: Tausende Palästinenser sitzen in israelischen Gefängnissen, viele ohne Anklage, darunter auch 350 Kinder und Jugendliche. Berichte über sexualisierte Gewalt, systematische Folter bis hin zu Tötungen zeigen die Brutalität dieses Systems. Doch während die Befreiung der Geiseln aus der Gefangenschaft der Hamas zurecht gefordert und schließlich gefeiert werden konnte, kommt das Schicksal mehrerer tausend sogenannter „Administrativhäftlinge“ in Israels Foltergefängnissen in der deutschen Debatte kaum zur Sprache. Der Westen und damit wir alle müssen uns die Frage gefallen lassen: Wie viele palästinensische Leben sind ein israelisches wert?

Anstoß für einen Kurswechsel: Der DGB-Bundesvorstand und die Bundesvorstände der Einzelgewerkschaften schützen die menschliche Würde von Palästinenser*innen ebenso wie die von Israelis. Zu dieser Verantwortung gehört auch, sich bei der Bundesregierung für die Freilassung aller willkürlich eingesperrten Palästinenser*innen einzusetzen.

4. Die Rolle des DGB – einseitig solidarisch

Die palästinensischen Gewerkschaften warten seit zwei Jahren auf ein Zeichen der Solidarität von den deutschen Gewerkschaften. Offizielle Bemühungen aus dem DGB, mit den vom Tod bedrohten Gewerkschafter*innen in Gaza Kontakt aufzunehmen, sind bislang ausgeblieben. Während bei humanitären Katastrophen sonst sofort Spendenkampagnen gestartet werden, haben sich der DGB und seine Einzelgewerkschaften immer noch nicht zu einer Unterstützung für die Menschen im zerbombten Gazastreifen durchringen können.

Stattdessen hält der DGB unbeirrt an seinen Kontakten zur zionistischen Histadrut fest. Diese hatte während des gesamten Gaza-Feldzuges zu lediglich einem Protest gegen den Kriegskurs der Regierung aufgerufen, um die Freilassung der israelischen Geiseln zu bewirken. Dass es der Gewerkschaft dabei weniger um das Leid der Palästinenser*innen geht, zeigte Arnon Bar-David, Vorsitzender des Dachverbandes: Zu Beginn des Krieges reiste er durch sein Land und besuchte Rüstungsfabriken, wo er sich beim Signieren von Bomben fotografieren ließ. Dokumentiert ist, wie er auf einem der Morderzeugnissen einen „Gruß von der Histadrud und den israelischen Arbeitern“ hinterließ. In wenigen Tagen wird eine große DGB-Delegation mit Vertreter*innen der Gewerkschaften und der Hans-Böckler-Stiftung zu einer von der Histadrud organisierten Konferenz nach Tel Aviv aufbrechen, wo es zum Hände schütteln mit Bar-David kommen wird.

Anstoß: Der DGB-Bundesvorstand und die Bundesvorstände der Einzelgewerkschaften sagen die Delegationsreise nach Israel Ende Oktober ab. Sollte die Reise stattfinden, wird die Delegation nicht darauf verzichten, die fragwürdige Rolle der Histadrud in der Vergangenheit und während des zweijährigen Vernichtungskrieges in Gaza offen anzusprechen.

Titelbild: Peter Vlatten

Braucht es eine breite Mobilisierung, besonders der Jugend? – Nein, Einspruch!

Willi van Ooyen fordert eine „breite Mobilisierung besonders der Jugend“ gegen die „Kriegstüchtigkeit“. Doch wer junge Menschen friedenspolitisch als Mobilisierungsmasse behandelt, erreicht nur das Gegenteil. Wir benötigen keinen Top-down-Dirigismus, sondern breite Selbstorganisation von unten.

Von Leo Ensel

Bild: Website der dfg/vk

Im Vorfeld der Friedensdemonstrationen vom 3. Oktober in Berlin und Stuttgart sprach einer der Veranstalter, Willi van Ooyen, in einem Interview mit den NachDenkSeiten über die wachsende Kriegsgefahr, die Militarisierung der Politik und die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Widerstands gegen die uns von Politik und Leitmedien tagtäglich eingehämmerte „Kriegstüchtigkeit“. In der Gefahrenanalyse ist ihm völlig zuzustimmen. Umso irritierender wirkt seine Formulierung: „Wir müssen eine breite Mobilisierung besonders der Jugend erreichen, um ein deutliches Zeichen gegen die ‚Kriegstüchtigkeit‘ zu setzen.“

Mobilisierungsmasse …

Genau in dieser Wortwahl – und der Haltung, die ihr zugrunde liegt – offenbart sich ein grundlegendes Missverständnis: Es ist die Perspektive des Funktionärs, der über Andere spricht, statt mit ihnen. Der sich um Mobilisierungsquoten sorgt, statt um Selbstorganisation. Der von oben nach unten kommuniziert und dabei übersieht, wie allergisch gerade die Jüngeren auf solche Tonlagen reagieren.

Niemand – schon gar nicht, wer jung ist – will als verfügbare Mobilisierungsmasse gesehen und entsprechend behandelt werden. Erst recht nicht in einer Friedensbewegung, die auf Selbstbestimmung, Kreativität und kritisches Denken Aller angewiesen ist. (So war das zumindest einmal.) Wer heute zu Protesten gegen Kriegsgefahr und die – gar nicht mehr so schleichende – Militarisierung der gesamten Gesellschaft aufruft, muss diese Grundhaltung wieder ernst nehmen.

Ein kurzer Blick auf die Realität: Die Friedensbewegung ist alt geworden. Ihre Protestformen, Symbole, Lieder, Slogans stammen vielfach unverändert aus den Achtziger Jahren. Vieles ist – „Hoch-die-internatio-naaa-le So-li-da-ri-tät!!“ – ritualisiert oder zur Leerformel verkommen. Nach wie vor dominiert die „Generation 60 plus“.

… oder Selbstorganisation?

Dabei könnte gerade jetzt, im Moment der sich dramatisch zuspitzenden Eskalation, ein neuer Impuls entstehen: Mit der ab Januar 2026 obligatorischen Wehrerfassung aller 18-jährigen Männer, ihrer ab Juli 2027 verpflichtenden Musterung, der absehbaren Rückkehr der Wehrpflicht oder gar der flächendeckenden Einführung eines ‚postmodernen Arbeitsdienstes‘ zusammen mit der realen Gefahr eines militärischen Konflikts mit Russland rückt das Thema „Krieg“ den jungen Menschen – und nicht nur Männern – nun buchstäblich auf den Leib!

Umfragen zeigen: Die große Mehrheit der unter 30-Jährigen lehnt eine Militarisierung der Gesellschaft ab. Sie wollen nicht verfeuert, nicht fürs Vaterland – wahlweise: Gemeinwesen – oder das Bündnis geopfert werden. Die Nachfrage bei Beratungsstellen für Kriegsdienstverweigerung steigt sprunghaft an. Erste Stimmen melden sich bereits öffentlich zu Wort: in Büchern, auf Social Media, in Podcasts, kürzlich auch in der Berliner Zeitung. Sie haben ihre eigene Perspektive, ihre eigene Sprache und ihren eigenen Zugang. Und das ist gut so. Denn frischer Wind kann nur in die Friedensbewegung kommen, wenn die Jüngeren ihn selbst und eigenständig organisieren – nicht wenn sie von Älteren „mobilisiert“ werden!

Respekt, Offenheit, Dialogbereitschaft

Was es jetzt braucht, ist kein nostalgisches Wiederaufleben der alten Friedensbewegung – schon gar keine Friedensbewegung ausschließlich der Alten –, sondern etwas Neues. Und das heißt auch: Die Älteren sollten sich, wenn sie es ernst meinen, zurücknehmen können. Nicht als Lehrer oder „Mobilisatoren“ auftreten, sondern als Unterstützer. Mit echtem Interesse für das Denken, Fühlen und die Ausdrucksformen der jüngeren Generationen. Vielleicht gäbe es dann mittelfristig sogar eine Chance, dass der „Ökopax“-Gedanke – die längst überfällige Verbindung von Friedens- und Umweltbewegung – wieder auflebt. – Wenn niemand ihn aufzwingt!

Wer sich für Frieden einsetzt, muss Respekt, Offenheit und Dialogbereitschaft auf Augenhöhe praktizieren – nicht zuletzt auch in den eigenen Reihen. Was wir benötigen, ist keine Mobilisierung von oben, sondern Selbstorganisation von unten.

Nur so wird ein Schuh draus!

Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigheit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.
Mehr Beiträge von Leo Ensel →

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 12.10. 2025
https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/braucht-es-eine-breite-mobilisierung-besonders-der-jugend-nein-einspruch/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Die Selbstmordspirale

Linn Stalsberg hat einen zornigen Essay gegen Krieg und Aufrüstung verfasst

Von Stefan Bergholz

Mit welchem Recht maßen sich Staaten und ihre sogenannten Volksvertreter an, Grenzen zu schließen und jungen Männern den Weggang zu verbieten, weil sie nicht sterben wollen oder andere Männer totschießen möchten? So geschehen beispielsweise in der Ukraine jüngst. Und hätten israelische Politiker nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 nicht andere Möglichkeiten gehabt, die Terroristen zu bekämpfen, als unschuldige Zivilisten sterben und leiden zu lassen? Solche Fragen stellt die norwegische Journalistin und Soziologin Linn Stalsberg in ihrem zornigen »Essay über den Frieden«.

»Israel zerstört Gaza, um die Hamas zu zerschlagen. Doch gleichzeitig wird so viel mehr zerstört: die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten in der Zukunft, der Glaube an eine Zweistaatenlösung, das Vertrauen in die Autorität der Vereinten Nationen und das, was wir gern als moderne Idee von Wert und Würde aller Menschen betrachten.« Dies schrieb sie vor der sich jetzt anbahnenden Waffenruhe in Nahost, die hoffentlich halten wird.

Der Titel dieses Buches ist zugleich ein grundsätzliches Bekenntnis: »Krieg ist Verachtung des Lebens«. Verzweifelt fragt sich Stalsberg, wohin die Bewegungen für den Frieden verschwunden sind, die in früheren Jahren Massendemonstrationen organisierten. Sie schaut in die Vergangenheit und vertieft sich in die Geschichte pazifistischer Proteste und Widerstandsformen im 20. Jahrhundert, gibt einen Überblick über Religionen, Ideologien und politische Bewegungen, die für Frieden werben, und zitiert den US-amerikanischen Präsidenten und vormaligen Weltkriegsgeneral Dwight »Ike« Eisenhower, der bei seinem Abschied im Januar 1961 vor dem »militärisch-industriellen Komplex« warnte: »Jedes Gewehr, das hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das ins Wasser gelassen wird, jede Rakete, die abgefeuert wird, bedeutet einen Diebstahl an jenen, die hungrig sind und nichts zu essen haben, und an jenen, die frieren und keine Kleidung haben.«

Stalsberg geht der Frage nach den gesellschaftlichen Wurzeln der Gewalt nach. Frieden werde kommen, sobald der Kapitalismus abgeschafft sei, hieß es einst in der organisierten Arbeiterbewegung. »Um zu funktionieren, ist der Kapitalismus auf die ständige Nachfrage nach Gütern angewiesen«, schreibt Stalsberg, »und die Rüstungsindustrie hat den Vorteil, dass in einer Welt, in der ständig Kriege geführt werden und in der wir unsere Sicherheit in bewaffnete Hände legen, die Nachfrage nach Waffen niemals versiegt.« Das bedeute nicht, dass der Kapitalismus aktiv Krieg anstrebe, meint die Autorin. »Doch für den Kapitalismus als System sind Krieg oder die Gefahr von Krieg, Aufrüstung und die Rüstungsindustrie wirtschaftliche Vorteile.«

Stalsberg befasst sich mit Kriegspropaganda und Lobbyismus. Sie spricht sich gegen weibliche Wehrpflicht aus. Diese führe nicht zur Frauenbefreiung, sondern stärke eher die Vorherrschaft des Mannes. »Weibliche Wehrpflicht mag gut für die Gleichstellung der Geschlechter sein: gleiche Möglichkeiten, im Krieg zu töten und zu sterben oder als Soldatin eingezogen zu werden. Doch für die Frauenbefreiung, die ein viel höheres Ziel als die Gleichstellung darstellt, bedeutet sie einen erheblichen Rückschlag.« Ein Rückschlag für die Friedensbewegung und »ein Schlag ins Gesicht all jener Frauen, die in der Geschichte für den Frieden eingetreten sind«.

Im vorletzten Kapitel, »Krieg in Zeiten der Klimakrise«, liefert Stalsberg empörende Zahlen: 2022 seien die weltweiten Militärausgaben auf 2240 Milliarden Dollar (knapp zwei Billionen Euro) geschätzt worden und machten damit rund 2,2 Prozent des weltweiten Bruttonationalprodukts aus. »Laut Welternährungsprogramm würden 12 Prozent dieses Betrags ausreichen, um den weltweiten Hunger zu beenden.« Und eine umfassende Studie im Fachjournal »Nature Climate Change« habe ergeben, dass »die Emissionsreduktionen, die erforderlich wären, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten«, etwa jenen Betrag benötigten, der weltweit für Rüstung verbraten wird.

Stalsberg hat ein zorniges Buch gegen den vorlauten Zeitgeist in Aufrüstungszeiten verfasst. Ein Buch, das den Blick wendet, an Friedensfreunde und Kriegsverweigerer erinnert und für die Gegenwart aufrütteln will. Sie setzt auf Vernunft, muss aber in herrschenden Politikerkreisen vor allem Unvernunft registrieren. »Es ist kaum zu begreifen, dass wir in einer Epoche, in der die Welt durch den alles Leben bedrohenden Klimawandel zu kippen droht, riesige Summen für die Entwicklung von Waffen ausgeben, die Menschen und Umwelt zerstören. Es ist, als wäre die Menschheit unbewusst in eine Art Selbstmordspirale geraten, in der Krieg und Klimakrise sich gegenseitig verstärken.«

Linn Stalsberg versucht, gegen weitverbreitete Apathie und Ohnmacht anzuschreiben, die Menschen wachzurütteln. Sie beharrt darauf, dass Kriege nicht im Wesen des Menschen angelegt seien und es in unser aller Hand liege, aufzustehen und sich lauthals zu wehren.

Linn Stalsberg: Krieg ist Verachtung des Lebens. Ein Essay über den Frieden. A. d. Norweg. v. Andreas Donat. Kommode-Verlag, 312 S., geb., 24 €.

Erstveröffentlicht im nd v. 14.10. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194723.abruestung-die-selbstmordspirale.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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