Ukraine: Die Brandmauer ist eingestürzt

Bild: Internationalist 360°

Der mainstream-Diskurs über die Bedeutung von bekennenden Neonazis in der Ukraine lautet etwa so: Ja, solche schlimmen Finger gibt es dort. Doch spielen sie keinerlei tragende Rolle, was man schon daran erkennt, dass die rechtsextreme Partei Swoboda bei den Wahlen nur in einem unteren einstelligen Bereich landet. Ansonsten sei alles unter Kontrolle der freiheitlichen Regierung, unter deren Aufsicht die von den Rechten dominierten Freiwilligenverbände stünden. Alle Vorwürfe, ihre Handschrift sei in der gegenwärtigen Politik der Ukraine deutlich erkennbar, werden als Putinpropaganda abgewiesen. Da ist es doch interessant, dass man bei einer gründlichen Recherche zu ganz anderen Einsichten kommen kann. Ein Beispiel ist ein Artikel des US-Journalisten Josh Cohen, den dieser für den Atlantik-Rat schrieb. Der Atlantic council ist ein Thinktank dessen Loyalität zur Führungsrolle der USA über jeden Zweifel erhaben und bei den Powerplayern der USA fest verankert ist. Auf der Website des Rats heißt es dazu: „Der vom verstorbenen General Brent Scowcroft gegründete International Advisory Board des Atlantic Council umfasst die Geschäftsführer mehrerer weltweit bedeutender Unternehmen sowie ehemalige Premierminister und Präsidenten aus Australien, Kroatien, Dänemark, Pakistan, Polen, Spanien und Schweden. Zusammen bilden sie eine der einflussreichsten und nachhaltigsten Gruppen, die die konstruktive US-Führung in der Welt unterstützen, zusammen mit unseren Freunden und Verbündeten – dem Gründungsziel des Atlantic Council.“ Josh Cohen verfasste seinen Artikel bereits 2018. Der Titel war: „Die Ukraine hat ein echtes Problem mit rechtsextremer Gewalt (und nein, RT hat diese Schlagzeile nicht geschrieben)“. Der Autor bringt klar seine Besorgnis zum Ausdruck, dass die westliche Politik einen klaren Strich zu den neonazistisch orientierten Gruppen ziehen und in diesem Sinne auf die ukrainische Regierung Einflusss nehmen müsse.

„Seit Anfang 2018 haben C14 und andere rechtsextreme Gruppen wie die Asow-nahe Nationale Miliz, der Rechte Sektor, Karpatska Sich und andere Roma-Gruppen mehrmals angegriffen, sowie antifaschistische Demonstrationen, Stadtratssitzungen, eine hosted Veranstaltung von Amnesty International, Kunstausstellungen, LGBT-Veranstaltungen und Umweltaktivisten. Am 8. März starteten gewalttätige Gruppen Angriffe auf Demonstranten des Internationalen Frauentags in Städten in der gesamten Ukraine. In nur wenigen dieser Fälle tat die Polizei etwas, um die Angriffe zu verhindern, und in einigen verhafteten sie sogar friedliche Demonstranten und nicht die tatsächlichen Täter.

Internationale Menschenrechtsgruppen haben Alarm geschlagen. Nach den Anschlägen vom 8. März warnte Amnesty International: „Die Ukraine versinkt in einem Chaos unkontrollierter Gewalt, das von radikalen Gruppen und ihrer totalen Straflosigkeit ausgeht. Praktisch niemand im Land kann sich unter diesen Bedingungen sicher fühlen.“ Amnesty International, Human Rights Watch, Freedom House und Front Line Defenders warnten in einem Brief, dass radikale Gruppen, die unter „einem Furnier des Patriotismus“ und „traditionellen Werten“ handeln, unter einer „Atmosphäre fast totaler Straflosigkeit“ operieren dürften, die diese Gruppen nur ermutigen kann, mehr Angriffe zu begehen.

Um es klar zu sagen, rechtsextreme Parteien wie Swoboda schneiden in den Umfragen und Wahlen der Ukraine schlecht ab, und die Ukrainer belegen keinen Wunsch, von ihnen regiert zu werden. Aber dieses Argument ist ein bisschen „roter Hering“. Es sind nicht die Wahlaussichten der Extremisten, die die Freunde der Ukraine betreffen sollten, sondern vielmehr der Unwille oder die Unfähigkeit des Staates, gewalttätigen Gruppen entgegenzutreten und ihre Straflosigkeit zu beenden. Ob dies auf ein anhaltendes Gefühl der Verschuldung einiger dieser Gruppen für den Kampf gegen die Russen zurückzuführen ist oder die Angst, dass sie sich gegen den Staat selbst wenden könnten, es ist ein echtes Problem und wir tun der Ukraine keinen Dienst, indem wir sie unter den Teppich kehren.“ (https://www.atlanticcouncil.org/blogs/ukrainealert/ukraine-s-got-a-real-problem-with-far-right-violence-and-no-rt-didn-t-write-this-headline/)

Inzwischen sind wir ein paar Jahre weiter. Es ist nicht nur klar, dass die sog. Freiwilligenverbände eine entscheidene Rolle an der Front spielen, da sie völkische Krieger sein wollen und nicht die Skrupel hindern, die normale Soldaten haben. Der CIA hatte bereits 2015 , nachdem es viele Absetzbewegungen ukrainischer Soldaten bei den Bombadierungen der abtrünnigen Gebiete im Donbas gab, klar erkannt, dass die selbst ernannte „arische Avandgarde“ für eine dauerhafte Kriegsführung unverzichtbar ist, sie in das Ausbildungsprogramm einbezogen und ihnen Jubelveranstaltungen in den USA ermöglicht. (https://www.telepolis.de/article/USA-Welche-Rolle-hat-die-Ausbildung-ukrainischer-Spezialkraefte-durch-die-CIA-6536964.html)

Jetzt lichtet sich der Nebel und man sieht ganz klar, was los ist: Der jüdische Präsident der Ukraine verlieh dem Gründer der neonazistischen Gruppe C14 und bekennenden Faschisten Yevhen Karas einen hohen militärischen Orden.

Auch die Bundeswehr will sich bei dieser offiziellen Willkommenskultur nicht lumpen lassen, hatte man doch in Deutschland lange Zeit ausgezeichnete Beziehungen zur russophoben, antisemitischen und antikommunistischen Nationalbewegung der Banderisten. Florian Warweg schrieb bereits vor Monaten in den „nachdenkseiten“:

„Ausgerechnet am 8. Mai traf sich der Leiter des Planungs- und Führungsstabs des Bundesministers der Verteidigung, Generalmajor Christian Freuding, mit dem Asow-Kommandeur Oleg Romanow und posierte mit diesem in Felduniform für ein Foto. Romanow und dessen Einheit, die 3. Separate Sturmbrigade, sind dafür bekannt, regelmäßig die Waffen-SS-Division „Galizien“ zu verherrlichen – und auf seinem Instagram-Kanal stellt er bis heute völlig offen seine Tattoos mit NS-Referenzen zur Schau, unter anderem die von der Waffen-SS propagierte Schwarze Sonne, die aus drei übereinandergelegten Hakenkreuzen besteht.“ Ironischer Kommentar des ukrainischen Oppositionspolitikers und Politik-Bloggers Anatolij Scharij:

„Der deutsche Generalmajor Christian Freuding posiert mit dem Asow-Kommandeur Oleg Romanov, der dafür bekannt ist, Totenkopfabzeichen der SS zu tragen. Die Deutschen sind bewundernswert.“ (https://www.nachdenkseiten.de/?p=133144)

Florian Rötzer behandelt im folgenden Artikel ausführlich diese desmaskierende Ordensverleihung:
https://overton-magazin.de/top-story/selenkij-verleiht-bekanntem-neonazi-yevhen-karas-orden/


Gaza. Für 2026 kein Ende des Völkermords in Sicht!

Wovor wir seit längerer Zeit gewarnt haben, ist nun eingetreten. Wer noch einen Funken Humanität von Israel und seinen direkten Unterstützern erwaret hat, dem müssten nun endgültig die Augen aufgehen. Gaza. Für 2026 kein Ende des Völkermords in Sicht! Einen Tag vor dem Jahreswechsel meldete die ARD Tageschau:

Nach mehr als zwei Jahren Krieg ist die humanitäre Lage im Gazastreifen weiter katastrophal. Trotzdem untersagt Israel künftig zahlreichen Hilfsorganisationen Einsätze in dem Gebiet. Betroffen ist auch Ärzte ohne Grenzen.

Israel hat am Mittwoch östlich der Stadt Khan Younis im Süden des Gazastreifens schweren Artilleriebeschuss durchgeführt, begleitet von intensivem Feuer aus Militärfahrzeugen. Gleichzeitig flog die israelische Luftwaffe einen Angriff auf die Stadt Rafah, während Bodentruppen ihre Waffen auf die südöstlichen Gebiete der Flüchtlingslager Al-Bureij und Al-Maghasi im Zentrum des Gazastreifens richteten. Auch Kampfhubschrauber intensivierten ihre Angriffe auf Rafah im Süden des Küstengebiets.

Die israelische Politik erfordert trotz „Waffenruhe“ in Palästina mehr zivile Opfer als der heisse Krieg in der Ukraine!

Ebenfalls am Mittwoch wurden dutzende internationale Hilfsorganisationen, die in den palästinensischen Gebieten tätig sind, von den israelischen Behörden darüber informiert, dass sie ihre Büros schließen und ihre Arbeit einstellen müssen. Diese Maßnahmen werden die ohnehin prekäre humanitäre Lage in Gaza und im besetzten Westjordanland weiter verschärfen und den Zugang der Zivilbevölkerung zu lebensnotwendiger Hilfe in unverantwortlicher Weise einschränken. Betroffen sind alle besetzten Palästinensergebiete.

Diese neue Eskalation erfolgt vor dem Hintergrund anhaltender israelischer Verstöße von Beginn an gegen die vereinbarte Waffenruhe und fortgesetzter Blockade des Gazastreifens sowie einer sich ins Unergträgliche verschärfenden humanitären Krise.

10 Aussenminister schlagen Alarm. Der deutsche Aussenminsister ist nicht dabei!

Kurz zuvor hatten zehn Außenminister ihre „tiefe Besorgnis“ über die erneute Verschlechterung der humanitären Lage im Gazastreifen zum Ausdruck gebracht und die Situation als „katastrophal“ bezeichnet

In einer gemeinsamen Erklärung der Außenminister von Großbritannien, Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Island, Japan, Norwegen, Schweden und der Schweiz heißt es, dass die Zivilbevölkerung in Gaza mit Beginn des Winters unter entsetzlichen Bedingungen leide. Starke Regenfälle und sinkende Temperaturen verschärften die ohnehin dramatische Lage.

Unter anderem würden rund 1,3 Millionen Menschen dringend Unterstützung bei der Unterbringung benötigen. Mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen arbeiteten nur noch eingeschränk. Der vollständige Zusammenbruch der Abwasserinfrastruktur habe zudem dazu geführt, dass etwa 740.000 Menschen der Gefahr giftiger Überschwemmungen ausgesetzt seien.

Die Außenminister forderten Israel auf, internationalen Organisationen eine nachhaltige und regelmäßige Arbeit zu ermöglichen und den fortgesetzten Einsatz der Vereinten Nationen im Gazastreifen sicherzustellen. Darüber hinaus verlangten sie die Aufhebung „unangemessener Beschränkungen“ für bestimmte Importe, darunter medizinische Ausrüstung und Materialien für Notunterkünfte, sowie die Öffnung der Grenzübergänge, um den Zufluss humanitärer Hilfe nach Gaza deutlich zu erhöhen.

Statt die Lage der Menschen zu erleichtern, reagiert jetzt Israel mit dem Gegenteil. Die Aussenminsister Deutschlands und der USA haben sich der Erklärung nicht angeschlossen.

Bittere Kommentare

Hieran gibt es nichts, aber auch gar nichts zu verteidigen. Et non, ceci n’est pas un cessez-le-feu. Israel ist ein Schurkenstaat.

„Meine Freundin in Gaza hat zwar ihr Zelt noch nicht verloren, aber sie leiden unter der Kälte, Insektenbissen, ihr Mehl ist nass geworden und sie fürchten das für den 1./2. Januar angekündigte Unwetter…“

„Mal schauen, ob Volker Beck und seine Leute die Sache nur beschweigen oder uns auch dieses Vorgehen wieder als legitimen Akt israelischer Selbstverteidigung zu verkaufen versuchen. Dabei ist die Sachlage offensichtlich: Der Vernichtungskrieg in Gaza geht auch nach dem sogenannten Waffenstillstand auf verschiedenen Ebenen weiter und die Bundesregierung sowie weite Teile der deutschen Medien schweigen dazu.“

Erklärungen verpuffen, solange Israel noch von Ländern wie Deutschland und den USA Rückendeckung erhält. Erklärungen versanden, solange sie nicht von Sanktionen und Boykottmassnahmen begleitet werden. Von vielen Menschen und Organisationen wird endlich konsequentes Handeln gefordert!

So hat der Weltkirchenrat diese Woche die Europäische Union aufgerufen, Sanktionen und ein Waffenembargo gegen Israel zu verhängen, angesichts des im Gazastreifen als Völkermord bezeichneten Krieges und der anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, insbesondere im besetzten Westjordanland.

Schweigen zu Gaza und Übergang zu „business as usual“ wie es die offizielle deutsche Politik gern hätte, ist angesichts der aktuellen Entwicklungen unverantwortlich. Die Palästinenser:innen brauchen den Blick der Weltöfflichkeit auf das, was in Palästina wirklich geschieht. Internationale Solidarität und aktive Hilfe ist notwendiger denn je.

Transportsarbeiter:innen durchbrechen weltweit die Lieferketten für Israels Militär.

Die Flotilla bereitet sich auf neue Aktionen zur Durchbrechung der israelischen Blockade vor. Unterstütze und hör nicht auf zu protestieren!

Auch die Freedom Flotilla Coalition ( FFC) plant gemeinsam mit weiteren globalen Initiativen, ihre Missionen und Aktionen zur Durchbrechung und Beendigung der illegalen Blockade des Gazastreifens durch Israel 2026 fortzusetzen und auszuweiten! Wir berichteten!

Aber auch Regierungen müssen wieder mehr durch Proteste und öffentlichen Druck zu konkreten Maßnahmen gezwungen werden.

Hier kannst Du FFC direkt  unterstützen und spenden
Es gibt Grund zur Hoffnung, aktuell zum Neuen Jahr "Schiesst sie auf den Mond - Eindrücke zum Jahreswechsel" 

Fotos: Peter Vlatten

Irgendwann reicht’s halt auch – Ein offener Brief an die taz anlässlich einer „Anfrage“ des Nicholas Potter

Der Diskurs der TAZ in der Frage Palästinasolidarität gerät zu einem Schlingerkurs. „Taz-Journalisten deckten Verbindungen von Elnet zu Netanjahu und der Siedlerbewegung auf während ein Taz-Redakteur Elnet-Preisträger ist“. Preisträger ist das Redaktionsmitglied Nicholas Potter. Der Redakteur erweist sich dieser „fragwürdigen zionistischen“ Auszeichnung mehr als würdig und wird zum journalistischen Frontmann bei Leugnung und Schönreden eines Genozids. Potter verteidigt nicht nur eine Völkermordpolitik und Rechtsextremisten, sondern beteiligt sich auch offensiv an der Verfolgung von Andersdenkenden und Palästinasolidarischen Menschen und dem Versuch, deren Infrastruktur zu diffamieren und zu zerschlagen.

Der folgende offene Brief von Andrej Vogelhut in gegenwind.news stellt hierzu die richtigen Fragen. Dient das vorgetragene Selbstverständnis der TAZ nur noch dem Schein? Wir erwarten, daß die Redaktion Konsequenzen zieht.

Irgendwann reicht’s halt auch – Ein offener Brief an die taz anlässlich einer „Anfrage“ des Nicholas Potter

Von Andrej Vogelhut in gegenwind.news

„Ich weiß nicht, ob wir da antworten sollen, weil ich wirklich eingeschüchtert bin, da man ja weiß, dass dieser Typ sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben von Leuten kaputt zu machen“, schreibt eine Genossin in den Redaktionschat. Was war der Nachricht vorangegangen? Ein Neonazi-Drohbrief? Nein. Aber beinahe. Eine Anfrage der taz.

Wie kann es sein, dass eine Mail der super-freundlichen Grünen-Zeitung taz so eine Reaktion auslöst, wird man sich fragen. Aber die Einschüchterung ist real. Die taz beschäftigt einen Mann, der es seit langer Zeit auf Linke abgesehen hat, sofern diese sich solidarisch zu den Palästinenser:innen positionieren. Besagter Mann hat zudem ein recht zweifelhaftes Verhältnis zu journalistischer Sorgfalt und überdies ein enges Verhältnis zu einem Regime, das bekannt dafür ist, nicht gerade zimperlich mit seinen Gegnern zu verfahren – zu Israel. Vor Kurzem wurde dieser Mann für seine „journalistischen“ Leistungen ausgezeichnet von einem Netzwerk namens Elnet, einer Schnittstelle zwischen israelischer Waffenlobby, faschistischen Regierungs- und Siedlerkreisen Israels, deutscher Politik und US-amerikanischen Rechten. 

Im Fadenkreuz der taz

Was fragt also dieser „Kollege“ namens Nicholas Potter? Um den Kontext zu erklären, muss man etwas weiter ausholen. Wir haben als Gegenwind Anfang November in Berlin eine Konferenz veranstaltet, deren Ziel es war, Journalist:innen aus Palästina, Kurdistan und Europa über staatliche Repression und Risiken ihres Journalismus sprechen zu lassen. Als einer von zahlreichen Panel-Teilnehmern sprach dort auch Huseyin Dogru, der unter EU-Sanktionen gesetzt wurde, weil er angeblich für Russland arbeiten soll. Er bestreitet das und auch wir sehen keinerlei stichfeste Beweise für diese Anschuldigung. Dogru ist nach Eigenbekunden Kommunist und hat keine Sympathien für Russlands Regierung. 

Nun verhält es sich aber so, dass die EU-Sanktionierung nach folgendem Konstrukt verläuft: Dogru hat ja nie irgendeine Lobeshymne auf Putin verfasst. Aber Texte in Solidarität mit Palästina. Und die werden herangezogen, um zu argumentieren, dass genau dieses pro-palästinensische Engagement letztlich Russland nütze. Wilde Theorie will man meinen. Und sie ist ja den EU-Bürokraten nicht alleine eingefallen. Die der Sanktionierung vorangehende und sie weiter begleitende Hetze gegen Dogru durch eben jenen Nicholas Potter und einige andere Kollegen, war mehr als nur Begleitmusik. Der Effekt: Dogru, frisch gebackener Vater von Zwillingen, hat keinen freien Zugriff auf seine Konten mehr. Er darf nicht arbeiten, hat alles verloren, was er sich mit seinem Medienportal Red Media aufgebaut hat. Und mehr noch: Würde irgendeiner seiner Freunde ihm Geld zustecken, damit er seine Familie ernähren kann, würde diese Person sich der „Sanktionsumgehung“ schuldig machen. 

Potter weiß das. Und es ist sein Hebel. Er schrieb uns am vergangenen Donnerstag mit nur einer einzigen Frage, zur mittlerweile mehr als einen Monat zurückliegenden Konferenz, an. Der Inhalt der Konferenz, unsere Positionen, warum wir Huseyin Dogru eingeladen haben – keine dieser Fragen kommt vor. Er will nur eines wissen: „Als Redner trat Hüseyin Dogru auf, der Gründer des russlandnahen Portals Red Media. Erhielt Herr Dogru für seine Teilnahme ein Honorar, eine Aufwandsentschädigung oder hat er sonstige Kosten zurückerstattet bekommen, etwa Reisekosten oder Verpflegung?“ 

Hier geht es nicht um Journalismus. Es geht um die Durchsetzung von staatlicher Repression gegen Linke, die Potter nicht in den Kram passen, weil sie keinen Genozid schönreden. Das Ganze passiert ganz offiziell mit taz-Redaktionsadresse und explizit als taz-Redakteur.

Ist das noch Journalismus oder kann das weg?

Es war nicht der erste Kontakt mit Potter in Sachen Konferenz. Im Vorfeld der Konferenz schrieb er zwar nicht uns als Veranstalter, aber sehr wohl den Veranstaltungsort an. Er gab an, für sein „Buch-Projekt“ zu recherchieren, eine – wie man der Seite des Verlags entnehmen kann – „investigative“ Recherche über die „neue autoritäre Linke“. Was klingt wie eine Privatversion des Verfassungsschutzberichts, erfüllt auch denselben Zweck. Es geht um Repression, die ausgelöst werden soll. Die Mail, die Potter an die Betreiber des Konferenzorts schrieb, sprach auch genau diese Sprache: Als „Fragen“ formulierte Aufforderungen, die Veranstaltung zu canceln. Das funktionierte zwar nicht, die Konferenz fand statt. 

Es muss ihn aber gewurmt haben und jetzt geht das Nachstellen mit dem offiziellen Sanktus der taz weiter. Und man kann sich vorstellen, welche Wirkung das bei einer kleinen Redaktion hat, die im Zweifelsfall nicht über die Mittel verfügt, sich gegen die staatliche Verfolgung zu wehren, die diese Art von „Journalismus“ auslösen kann. Vorsicht. Selbstzensur. Resignation. Der Beitrag der taz zum sogenannten Medienpluralismus. 

Nun, wie dem auch sei. Wir werden zum Schluss dieses Briefes die Frage des taz-Redakteurs Potter beantworten: Nein. Huseyin Dogru hat von uns keinerlei Sachleistungen oder Geld bekommen. Im Unterschied zu allen anderen Referent:innen musste er seine Brötchen selber zahlen. Herr Potter kann sich also beruhigt wieder schlafen legen. Putins Kriegskasse wurde nicht durch den Gegenwert eines veganen Bananenbrots vom Küfa-Kollektiv aufgepeppt. 

Da wir das nun besprochen haben, können wir aber vielleicht auch mal zurück fragen, liebe taz: 

– Entspricht das dargestellte Vorgehen den journalistischen Kriterien, für die IhrBlatt steht? 

– Ist es problemlos vereinbar mit einer Redakteursstelle in Ihrem ehrenwerten „linken“ Haus, wenn man von einer Organisation ausgezeichnet wird, deren Nähe zu Rechtsextremen, mutmaßlichen Kriegsverbrechern und der Waffenindustrie sogar Thema im eigenen Blatt war? Und wenn man so eine „Auszeichnung“ auch noch dankend annimmt?

– Und haben Sie – vielleicht auch angesichts des generell recht angespannten Verhältnisses zwischen Herrn Potter und Quellen/Fakten – nicht vielleicht auch den Eindruck, dass ihre Zeitung hier zum Vehikel einer Agenda gemacht wird? Oder machen Sie sich dieses Vorgehen zu eigen?

Welche Melone willst du halten?

Du zebes bi destekî nayên girtin, zwei Wassermelonen kann man nicht mit einer Hand halten, heißt ein kurdisches Sprichwort. Man kann nicht einerseits Linke erreichen wollen und schreiben lassen, die gegen einen offenkundigen Genozid sind. Und andererseits solche gewähren lassen, die einen Massenmord nicht nur verharmlosen, sondern ihre „journalistische“ Tätigkeit nutzen, um maximalen Schaden anzurichten. 

Die rechten Zionisten wie Potter – sitzt er schon in Ulfs Porsche? – durchlaufen ohnehin die klassische taz-Springer-Pipeline und sind dann weg. Was euch, „liebe“ taz bleibt, sind eine Menge Leute wie wir, die bestens vernetzt sind und euch für kein Gespräch „unter 3“, kein Interview, keine Zusammenarbeit zur Verfügung stehen. Was euch bleibt, ist eine Redaktion, in der sich die Ressorts spinnefeind sind. Und im Zweifelsfall bleibt an eurem Blatt der modrige Geruch jenes Deutschlands, dass sich im Angesicht der Ermordung von Zehntausenden Zivilist:innen auf die Seite der Elnet-Preisträger schlug. Müsst ihr selber wissen.

Andrej Vogelhut

Andrej Vogelhut arbeitet im Garten-Landschaftsbau in Berlin und ist Mitglied in der Initiative kämpfender Arbeiter:innen (IKA).

Der offene Brief von Andrej Vogelhut ist ursprünglich in gegenwind.news erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht.

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