„Kein Transport für Völkermord“: Christopher T. gewinnt Prozess gegen DHL in Leipzig

Ein kleiner Erfolg für die Arbeiterbewegung. Der ver.di Vertrauensmann Chrstopher hat den Prozess gegen seine Kündigung durch DHL gewonnen. Wir dokumentieren den Bericht von Elisabeth Koch über den Prozess von Christopher T. gegen DHL. Wir danken Etosmedia für die Publikationsrechte.

Siehe auch den Beitrag von Peter Nowak https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/73667-2/

„Kein Transport für Völkermord“: Christopher T. gewinnt Prozess gegen DHL in Leipzig

Die Verhandlung gegen DHL wegen der Entlassung des ver.di-Vertrauensmannes Christopher T. wirft viele Fragen nach dem Verhalten des Konzerns gegenüber seinen Mitarbeitenden und der Unterstützung des Genozids gegen die Palästinenserinnen auf. Auch wenn er in Deutschland nicht der Einzige ist, der aufgrund seines Engagements für Palästina seine Arbeitsstelle verloren hat, ist Christopher ein Beispiel dafür, wie weit Arbeitgeber gegen palästinasolidarische Arbeiterinnen und für ihre Profite zu gehen bereit sind. Am Ende gewinnt Christopher den Prozess.

Vor Gericht

Am 8. Juli kurz nach 8:00 Uhr schieben sich nach und nach etwa 50 Aktivist*innen durch die Sicherheitskontrolle des Leipziger Arbeitsgerichts. Sie sind gekommen, um Christopher T. zu unterstützen, der seinen Arbeitgeber DHL wegen einer seiner Meinung nach unrechtmäßigen Kündigung verklagt hatte. In den Wannen der Sicherheitskontrolle fanden sich neben den Taschen, Jacken und Rucksäcken von Christophers Unterstützer*innen auch diverse Kufiyas. Die Kündigung, so der generelle Tenor bei den Anwesenden, hatte politische Gründe. Christopher selbst sagt nach der Verhandlung gegenüber etos.media: „Hier soll im Nachhinein ein Kündigungsgrund gerechtfertigt werden.“

Die Sitzung vor dem Leipziger Arbeitsgericht war bereits der zweite Termin im Verfahren gegen DHL nach der zuvor gescheiterten Güteverhandlung. Christopher, der in der ihm zur Last gelegten Rede bei einer Demonstration gegen eine Unterstützung des Genozids in Palästina am DHL-Hub im August 2025 bereits erklärte, dass er stolz sei, bei DHL zu arbeiten, bleibt auch am Mittwoch dabei, dass er seine Arbeit wieder aufnehmen möchte. Der Anwalt der Gegenseite sieht das Vertrauensverhältnis zwischen Angestelltem und Arbeitgeber jedoch nachhaltig verletzt und hält daher die Aufrechterhaltung der Kündigung für gerechtfertigt. Die Richterin weist zu Beginn der Verhandlung darauf hin, dass noch die Möglichkeit eines Zwangsvergleichs besteht. Diesen lehnt Christopher ab. Christophers Prozessvertreterin, die er über die Vermittlung der Gewerkschaft ver.di bekommen hat, erklärt gegenüber etos.media trocken: „Wir gehen davon aus, dass es eh nach heute weitergeht.“

Während des Sitzungsauftakts tröpfeln nach und nach weitere Unterstützer*innen Christophers in den Raum. Als die Richterin ihren Unmut über die Unterbrechungen äußert, weist das Publikum darauf hin, dass es beim Gütetermin keine Taschenkontrollen gegeben habe und diese wohl für die Verzögerungen verantwortlich seien. Ein gewisser Antagonismus zwischen Publikum und Richterin ist auch im weiteren Verlauf der Verhandlung zu spüren, wenn die Vorsitzende bei Unmutsbekundungen über den Inhalt der Verteidigung der DHL darauf hinweist, dass das Zuhören gestattet sei, Kommentare jedoch nicht.

Für Christopher sieht das Gericht es als erwiesen an, dass es sich bei seiner Rede nicht um Schmähkritik, sondern um eine Meinungsäußerung handelte, auch wenn der DHL-Anwalt dem widerspricht und darin eine Aufforderung zum Boykott des Unternehmens verstanden wissen möchte. Dieser angebliche DHL-Boykott, Christophers aktive Mitwirkung bei einem „Marsch zum Flughafen, der blockiert werden sollte“ und der Verrat von Betriebsgeheimnissen durch die Nennung von Rheinmetall als „Hauptkunden“ des DHL-Hubs Leipzig/Halle sind die Hauptargumente des Konzerns, die dessen Anwalt vorbringt. Allerdings stellt das Gericht neben der kurz zu Verwirrung führenden Frage nach Christophers Gehalt auch die Frage nach dem Verfahren der Entlassung. Christopher und seine Prozessvertreterin werfen DHL vor, dass das Personalgespräch zu seiner Rede weder ordnungsgemäß als Anhörung zur Aufklärung noch fristgerecht stattgefunden habe, sondern den Charakter eines konfrontativen Beendigungsgesprächs getragen habe. Beispielsweise seien, anstatt das Video von Christophers Rede abzuspielen, seine Worte bewusst verdreht worden, sodass er bei dem Termin in Rechtfertigungsdruck geraten sei. In den Akten sei die erste Betriebsratsanhörung zur Sache laut der Richterin kurioserweise auf den 7. Juli 2025 datiert, mehr als einen Monat vor Christophers Rede. Als niemand ein vermeintlich korrektes Datum nachreichen kann, bemerkt die Richterin lapidar: „Das ist jetzt nichts, woran es hier scheitern wird.“

Vorwürfe und Gegenrede

In der Verteidigung wirft der DHL-Anwalt Christopher weiterhin vor, sich in einem „gewerkschaftlichen Milieu“ zu bewegen, und sieht daher Wiederholungsgefahr für das Verraten sogenannter Betriebsgeheimnisse sowie für erneute Boykottaufrufe gegen das Unternehmen. Bei DHL verfahre man nach einem „Need-to-know“-Prinzip. Die Verladecrews wüssten also nur so viel, wie absolut nötig sei, und Christopher habe dieses Prinzip und den arbeitsvertraglich zugesicherten Datenschutz gegenüber Rheinmetall mit seiner Rede verletzt, als er „sinngemäß“ zum Boykott der DHL aufgerufen habe. Christophers Einlassung, dass er in Zukunft konkrete Kundennamen bei politischen Reden nicht mehr nennen würde, auch wenn sie wie im vorliegenden Fall auf der Webseite des Konzerns einsehbar wären, lässt DHL nicht gelten. Stattdessen behauptet der Anwalt, dass Christopher nicht zum ersten Mal zum Boykott aufgerufen habe, und zitiert Äußerungen von einer Betriebsversammlung.

Auf diese Enthüllung hin geht ein erneutes Raunen durch den Saal. Christopher und seine Prozessvertreterin bestehen darauf, dass dieses Zitat aus der Betriebsversammlung ins Protokoll aufgenommen wird, denn Christopher habe vor seiner Rede vom 23. August 2025 bereits seit Längerem nicht mehr auf Betriebsversammlungen gesprochen. Die von der Gegenseite zitierten Äußerungen seien im Rahmen eines Solidaritätsaufrufs mit vergangenen Tarifverhandlungen der ver.di im Hamburger Hafen getätigt worden, und Christopher sei davon ausgegangen, es handele sich bei Betriebsversammlungen um einen geschützten Raum. Welcher Art die Aufzeichnungen der Betriebsversammlungen sind und wie weit sie zurückreichen, wird im Sitzungssaal nicht thematisiert. Die Verhandlung wird mit Konfusion auf Seiten der DHL abgeschlossen, deren Anwalt angibt, einen von Christophers Prozessvertreterin geschickten Schriftsatz nicht vorliegen zu haben. Diese besteht jedoch darauf, die geforderten Dokumente bereits eine Woche vor der Verhandlung verschickt zu haben. Die Verhandlung wird ohne Urteil beendet. Dieses soll am Ende des Verhandlungstages ergehen.

Solidaritätskundgebung

Bei der abschließenden Kundgebung auf dem Wilhelm-Liebknecht-Platz ist sogar die öffentlich-rechtliche Presse anwesend; ein Bericht ist bislang aber noch nicht erschienen. Am Rand dieser Kundgebung ergibt sich noch die Gelegenheit, mit weiteren ehemaligen Kollegen von Christopher ins Gespräch zu kommen. Auch Adrian Mauson und Kai Paul sind im Rahmen der aktuellen Kündigungswelle beim Paketdienstleister entlassen worden. Während Paul von Problemen in der Kommunikation mit seinen Vorgesetzten berichtet und das Arbeitstempo sowie den Umgang mit seinen gesundheitlichen Problemen kritisiert, sieht Mauson seine Entlassung ebenfalls politisch motiviert. Er habe als Gewerkschafter häufiger auf Betriebsversammlungen gesprochen und zur letzten Bundestagswahl für die MLPD kandidiert. Bei ihm berufe sich das Unternehmen zwar auf formale Gesichtspunkte, um die Kündigung zu rechtfertigen, doch bis zur aktuellen Kündigungswelle seien diese Formalia nie in dieser Form durchgesetzt worden. Deshalb vermute er, dass sein politisches Engagement eine Rolle gespielt habe. Auf ein Urteil muss er jedoch noch warten, denn das Revisionsverfahren sei für den 26. November angesetzt.

Auf der Kundgebung hält Christopher noch eine kurze Rede, in der er sich für die erlebte Solidarität im Verlauf des letzten Jahres bedankt und sich weiterhin für Palästina einsetzt: „Ich wünsche mir, dass wir auch weiterhin die Stärke und den Mut haben, uns für Frieden in Gaza und Palästina einzusetzen.“ Es sei skandalös, dass DHL aus Aufnahmen von Betriebsversammlungen zitiert. Auch andere Redner*innen merken diesen Umstand bei der anschließenden Diskussion des Erlebten an. „Das Gericht soll im Namen des Volkes sprechen, aber als es Wortmeldungen gab, wurde dem Volk das Wort abgeschnitten“, so eine weitere Aktivistin; es gehe darum, „gewerkschaftliche Strukturen zu zerschlagen“. Ein anderer ver.di-Vertrauensmann weist darauf hin, dass der Arbeitgeberanwalt hier die Loyalitätspflicht des Arbeitsvertrages über die grundgesetzlich garantierte Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit (Art. 5 GG) stelle. Er sieht das als Zeichen der „Faschisierung des Staatsapparats“, verweist aber auf die Großproteste gegen den AfD-Parteitag und äußert antifaschistische Zuversicht: „Wir haben in Erfurt gesehen, was wir für eine Macht sind.“ Andere Redner*innen kritisieren, dass es bei der Verhandlung nicht um die Sache, also die Unterstützung des Völkermords, gegangen sei, sondern sich der Prozess auf Wortklaubereien und administrative Verfahrensangelegenheiten beschränkt habe. Andere Forderungen reichen von mehr Mitspracherecht in den Betrieben bis hin zum Ende der Privatverfügung über die Produktionsmittel. Man müsse endlich die „Machtfrage“ stellen und „das S-Wort in den Mund nehmen: Sozialismus.“

Christopher selbst hat nach der Verhandlung ein gutes Gefühl. Auf das Urteil, das sein Gefühl dann auch tatsächlich bestätigt, müssen er und seine Unterstützer*innen allerdings noch bis zum nächsten Morgen warten: Alle drei Kündigungen sind unwirksam. Trotzdem erwartet Christopher auf Nachfrage von etos.media, dass seine Prozessvertreterin recht behält und es ein Berufungsverfahren geben werde.

Teil der Repressionen gegen die Palästina-Bewegung

So wie sich das Verfahren gegen Christopher in eine Reihe von Prozessen gegen palästinasolidarische Arbeiter*innen und Beamte einreiht, reiht sich auch die Kundgebung auf dem Karl-Liebknecht-Platz in palästinasolidarische Aktionen ein; das Palästina Aktionsbündnis Leipzig (PAL) ruft zu weiteren Aktionen gegen Waffenlieferungen und -produktion auf. Beispielsweise beginnt in Sangerhausen noch in dieser Woche eine Kampagne gegen die dort geplante Ansiedlung des israelischen Waffenherstellers Elbit, zu der eingeladen wird. Auch eine neue Betriebszeitung legt PAL zur Feier des Erfolgs vor Gericht direkt am nächsten Tag auf. Während sich in anderen Ländern mittlerweile auch die Gewerkschaften für Palästina positionieren, hängt in Deutschland vieles noch an Initiativen wie PAL oder Gewerkschafter:innen for Gaza, die innerhalb der Gewerkschaften und Betriebe für Arbeiter*innenaktionen gegen Waffenlieferungen kämpfen. Und so hallt bei der Kundgebung Christophers Leitspruch von den Leipziger Fassaden und seinen Unterstützer*innen verstärkt durch die Straßen der sächsischen Großstadt bis zum Arbeitsgericht: „Kein Transport für Völkermord!“

 Bild: Elisabeth Koch

Quelle: https://etosmedia.de/gesellschaft/kein-transport-fuer-voelkermord-christopher-t-gewinnt-prozess-gegen-dhl-prozess-in-leipzig/

Friedenskonferenz in Würzburg: »Wir müssen die Abwehr­kämpfe jetzt führen«

Mark Ellmann über den Zusammen­hang zwischen steigenden Militär­ausgaben und leeren Kassen

Titelbild: Screenshot Coveraussschnitt des RediRoma Verlags (https://www.rediroma-verlag.de/buecher/978-3-98885-820-7)

Gewerkschaftliche Friedensbeschlüsse auf einen Blick:
https://www.unsere-zeit.de/friedenspolitische-beschluesse-auf-einen-blick-4816656/

Wie bewerten Sie die aktuellen Verschiebungen öffentlicher Gelder vom Sozialen hin zu Rüstungsausgaben? 

Sie sind ein Großangriff auf den Sozialstaat. Meine Gewerkschaft, die GEW Bayern, tritt für eine Stärkung unseres Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystems ein und stellt sich gegen alle Maßnahmen, die zu einem Abbau des Sozialsystems und von Rechten Beschäftigter bei Arbeitszeit, Kündigungsschutz oder Streikrecht führen. Wir müssen jetzt die Abwehrkämpfe führen, denn das Geld, das heute in Rüstung fließt, fehlt schon jetzt für gute Bildung, soziale Sicherheit und Klimaschutz. Wir prangern den Zusammenhang von steigenden Rüstungsausgaben und leeren Kassen an. Ich meine, dass wir als Gewerkschaften unsere Forderungen schärfen sollten: Wir müssen für den Stopp aller Kürzungen im sozialen Bereich, aller Angriffe auf den öffentlichen Dienst und für die Rücknahme aller Kriegskredite kämpfen.Interview


Mark Ellmann arbeitet bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bayern unter anderem in der Bildungsarbeit. Darüber hinaus ist er in der Münchner Friedensbewegung und dem Aktiventreffen »Soziales rauf, Rüstung runter« sowie in der DKP aktiv. Er wird am Samstag auf der – ausgebuchten –vierten Gewerkschaftlichen Konferenz für Frieden in Würzburg sprechen.

Wie beeinflusst aus Ihrer Sicht die soziale Lage in Deutschland die gesellschaftliche Bereitschaft zu Militarisierung? 

Die Bundesregierung betreibt unter dem Vorwand der äußeren Bedrohung den größten Sozialraub in der Geschichte unseres Landes. Dabei kann sie sich auf die SPD und die ihr nahestehenden Gewerkschaftsspitzen stützen. So reagierte die DGB-Führung zum Beispiel auf die Angriffe auf die gesetzliche Rente zunächst mit zahmen Überlegungen zu alternativen Betriebsrentenmodellen, anstatt das ganze Vorhaben abzuwehren.

Wie ist diese Passivität zu erklären?

Ganz klar nicht nur durch Standort-Nationalismus, sondern auch mit der Angst, die Regierung Merz/Klingbeil könnte stürzen und dann die AfD an der Bundesregierung beteiligt werden. Ich denke, das Eintreten für unsere Interessen und damit die Kritik an den laufenden Angriffen auf unsere Arbeits-, Lebens- und Kampfbedingungen erfordert konsequentes Eintreten gegen die Politik der Parteien der sogenannten bürgerlichen Mitte, die die Regierung stellen. Denn sie höhlen gerade unsere demokratischen und sozialen Rechte aus.

Sie argumentieren für »Friedenssicherung durch soziale Investitionen«. Wie wollen Sie die größten politischen Blockierer überzeugen?

Frieden wird es in einer Gesellschaft frei von Gewalt und Konkurrenz geben. Es geht also um die Frage: Wie wollen wir leben? Soll die Wirtschaftsleistung davon abhängen, wie viele deutsche Bomben verkauft und anderswo abgeworfen werden? Die Antwort kann nicht sein, Bildung und Soziales und zugleich Rüstung zu finanzieren. Wir müssen diejenigen überzeugen, die denken, Aufrüstung sei notwendig, obwohl sie nicht davon profitieren. Weder nachhaltiger Frieden noch nachhaltiges Wirtschaften sind mit einer Konversion ziviler Produktion in eine Waffenindustrie zu erreichen.

Welche Rolle spielen die Gewerkschaften und lokalen Bündnisse für die Begrenzung der Kriegsökonomie und eine friedenspolitische Wende?

Die deutsche Rüstungsindustrie belegt im internationalen Vergleich der Waffenexporte immerhin Platz vier. Die Bundesregierung möchte sogar jeden zweiten Euro aus dem Bundeshaushalt für Aufrüstung ausgeben. Gegen diese Bedrohung müssen wir uns positionieren, wenn wir einen Beitrag zum Frieden leisten wollen. Gewerkschaften können die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder nur wirksam vertreten, wenn sie eine Alternative zur Ursache des Sozialkahlschlags im Zuge des reaktionär-militaristischen Umbaus der Gesellschaft benennen. Diese Alternative erfordert Diplomatie und Völkerverständigung mit allen europäischen Nachbarn.

Welche Rolle spielen lokale Bündnisse wie »Soziales rauf, Rüstung runter«, wo Sie mitmachen? 

»Soziales rauf, Rüstung runter!« ist ein gewerkschaftliches Aktiventreffen in München, das sich vor allem aus Funktionären, Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen aus den Gewerkschaften GEW und Verdi zusammensetzt. Auch Kolleg*innen aus der IG Metall und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind dabei. Ohne dieses Bündnis wären nach der Ausrufung der sogenannten Zeitenwende in München die gewerkschaftlichen Friedensaktivitäten wohl eingeschlafen. Im Aktivenkreis können sich Kolleg*innen gegenseitig unterstützen, sodass gewerkschaftliche Positionen gegen Krieg und für Frieden bei unseren Gewerkschaftsaktionen wie am 1. Mai immer gut hör- und sichtbar sind. Viele Kolleg*innen nehmen die Angebote unserer Initiative an oder schauen bei unseren monatlichen Treffen vorbei.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der vierten Gewerkschaftlichen Friedenskonferenz in Würzburg?

Die letzten Konferenzen waren Meilensteine bei der Vernetzung von Friedensbewegten in den Gewerkschaften. In Würzburg werden wir noch mehr Raum für Austausch haben als bei vorherigen Konferenzen und das zur richtigen Zeit: Der DGB-Bundeskongress hat im Mai die aktuelle Politik der Bundesregierung als »Generalangriff« charakterisiert und die Militarisierung, die Wehrpflicht und die Stationierung von Mittelstreckenwaffen in Deutschland zurückgewiesen. Ich erhoffe mir von der Gewerkschaftskonferenz für den Frieden einen Beitrag und Diskussionen dazu, wie wir diese Beschlusslage in die Praxis übersetzen und unsere gewerkschaftlichen Positionen zu den laufenden Kriegsvorbereitungen in die Betriebe tragen können. Wir sollten beraten, wie wir ein enges Bündnis mit der Friedensbewegung aufbauen und die Übermacht der Kriegstreiber brechen können.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.7. 2026
Wir müssen die Abwehrkämpfe führen

Wir danken für das Publikationsrecht.

Helge Döhring (Hg.): „grosse, schöne, unvergessliche Tage“ Erinnerung an die spanische Revolution vor 80 Jahren

Ein Buch und eine Filmreihe geben einen Einblick und benennen auch die Widersprüche.

Von PETER NOWAK

Am 19. Juli 1936 begann in Spanien der rechte Militärputsch gegen eine linke Volksfrontregierung, der den Bürgerkrieg auslöste, in den das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien aufseiten der Putschisten eingriffen. Das ist die offizielle Erzählung über das, was sich vor 90 Jahren in Spanien zugetragen hat. „Was heisst Bürgerkrieg, für mich war es die Spanische Revolution“, sagte Heinrich Friederitzky, der sich als Anarchosyndikalist am Kampf in Spanien beteiligt hatte. Er gehört zu den 12 Anarchosyndikalist*innen, die in dem kürzlich im Verlag Edition AV veröffentlichten Buch „grosse schöne unvergessliche Tage“ natürlich pünktlich zum 90-Jahrestag erschienen ist.

Er gehörte zu den 12 Zeitzeug*innen, die zwischen 1936 – 1936 die spanische Revolution vor Ort erlebten, einige als Kämpfer*innen, andere als Journalist*innen oder deutsche Emigrant*innen, die im anarchosyndikalistischen Teil Spaniens dabei helfen wollten, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Dazu gehörte Etta Federn, die mit ihren jugendlichen Söhnen in Barcelona lebte. Die ehemalige Pazifistin wurde in dieser Zeit zur Befürworterin des bewaffneten Kampfes, und nicht 1940 beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Frankreich, wie es in dem Buch auf Seite 74 heisst.

Schliesslich wird Federn auf Seite 53 mit einem etwas verstörenden Bekenntnis aus dem Jahr 1936 zitiert: „Ich werde wohl demnächst meinen grossen Sohn herausschicken müssen, er hat sich als Freiwilliger gemeldet und bei diesem Krieg bin ich natürlich nicht Pazifistin und kann es nicht sein“ (S.53). Wenige Zeilen weiter bekräftigt Federn noch mal, wie sehr sie unterstützt, dass ihr jugendlicher Sohn auf Seiten der anarchosyndikalistischen Milizen mit der Waffe kämpfen will.

„Ich freue mich sogar, dass er selbst gehen will. Er fängt an zu verstehen, was die Bewegung bedeutet, denn er sieht, was sie leistet. Der Kleine, der übrigens mit seinen 14 Jahren viel grösser ist als ich.“ (S. 53). Ein 14-jähriger, der mit einer Waffe kämpft? Heute kommt uns sofort der Begriff des Kindersoldaten in den Sinn. Doch vom Wuppertaler Anarchosyndikalisten Fritz Brenner erfahren wir, dass es noch viel jüngere Kämpfer*innen gegeben hat. „Knirpse von zehn, elf Jahren hatten schon Uniform“ (S. 53), konnte er beobachten.

Und der deutsche Schriftsteller Carl Einstein, der Mitte der 1930er Jahre zum entschiedenen Befürworter des Anarchosyndikalismus geworden war, schrieb 1937: „Die Landproletarier und Kleinbauern, die zu uns stiessen, sind Brüder und Söhne der dort Unterdrückten. Sie schauen in ihre Dörfer hinüber. Viele ihrer Angehörigen, Väter und Mütter, Brüder und Schwestern wurden von den Faschisten ermordet. … Die Bauern blicken hoffend und grollend nach der Ebene, in ihre Dörfer hinein. Doch sie kämpfen nicht um Weiler und Besitz, sie streiten für die Freiheit aller. Knaben, fast noch Kinder flüchteten zu uns, Waisen, deren Eltern ermordet wurden. Diese Kinder kämpfen an unserer Seite. Sie reden wenig, haben aber viel begriffen“ (S. 51).

Hier zeigt sich, dass die Realität auch im anarchosyndikalistischen Spanien nicht so war, wie sich das heute manche im kapitalistischen Hinterland heute gerne vorstellen. Einstein macht sehr deutlich, dass diese Kinder und Jugendlichen, die hier mit der Waffe kämpften, nicht zwangsrekrutiert waren. Es war die brutale Realität der spanischen Gesellschaft unter der Knute von Klerus und Feudalwesen, die sie zu den Waffen trieben. Welche Alternative hatten sie auch, wenn ihre Dörfer von Falangisten gestürmt, ihre Eltern und Verwandten ermordet worden und sie durch die Flucht in die von der Reaktion befreiten Gebiete ihr Leben retten konnten?

Kindersoldaten oder junge Kämpfer*innen für eine andere Welt?

Diese Beobachtungen vor 90 Jahren sollten uns auch nachdenklich machen, wenn wir heute von Ländern des globalen Südens hören, in denen es bewaffneten Widerstand gibt, an dem auch Jugendliche beteiligt sind. Mit den aus den UN-Bürokratien entlehnten Begriffen von den Kindersoldaten wird wenig über die Lebensrealität erklärt, die schon in jungen Jahren erleben mussten, wie ihre Angehörigen, Eltern und Freund*innen verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Ihnen wurde das Recht auf Bildung und eine unbeschwerte Kindheit genommen. Wer soll darüber richten, wenn sie sich gegen die Verantwortlichen für diese Zustände erhoben haben, auch mit Waffen? Wer will vor allen beurteilen, ob diese Menschen noch zu jung dafür seien?

Gut, dass diese Passagen in dem Buch unkommentiert stehen geblieben sind. Sie sollen die Leser*innen auch verstören und auf die „extremen Widersprüche und Spannungen“ (S. 75) hinweisen, von denen Helge Döhring in der Einleitung spricht. Dort betont er sehr stark die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Linken, die sich dem Faschismus in Spanien entgegenstellten. Es ist richtig, dass an die Anarchosyndikalistin Federica Montseny erinnert wird.

Deswegen braucht aber die als La Passionaria bekannt gewordene Parteikommunistin Dolores Ibarruri nicht vergessen werden. Sie soll aber wie alle anderen auch kritisch eingeordnet werden. Nicht verständlich ist, dass Helge Döhring die links-kommunistische POUM als „Blendgranate“ und marxistische Minipartei, die neben dem Anarcho-Syndikalismus aussieht wie ein „Spatz“ (S. 8) klassifiziert. Schliesslich waren die Militanten der POUM zeitweise stärker dem Terror der Stalinist*innen ausgesetzt als die Anarchosyndikalist*innen.

Nicht alles schwarz-rot- oder rot

Dass die Widersprüche in der spanischen Linken zwischen 1936 – 1939 komplizierter waren und sich nicht in dem Gegensatzpaar autoritäre versus antiautoritäre Linke auflösen, erfahren wir in den Berichten der Zeitzeug*innen. Da erzählt Heinrich Friederitzky, wie er als junger Anarchosyndikalist mit einem Freund über eine KP-nahe Organisation die Reise nach Spanien antrat, weil ihre eigene Organisation dazu nicht in der Lage war. Ihr Plan, sich dann schnell zur anarchistischen Brigade Durruti abzusetzen, liess sich dann nicht umsetzen.

So wurden die Anarchosyndikalisten von dem kommunistischen Sicherheitsapparat kritisch beobachtet und ausgefragt. Sonst passierte ihnen nichts. Interessant ist auch die Schilderung von Anarchist*innen, die bisher immer die staatliche Ordnungsmacht abgelehnt haben und nun in Spanien selber zu Polizist*innen wurden. So sagt der Wuppertaler Anarchosyndikalist Helmut Kirschey „Wir wurden Polizei (grinst). Anarchistische Polizei, komisch ja (lacht). Weil wir uns immer versteckt hatten vor der Polizei. Wir wurden auf einmal Polizei“ (S.32).

Und sie scheinen ihren Job dort auch sehr ernst genommen zu haben. „Wir haben keine ausgewiesen, ohne dass sie auf der Liste waren“ (S.32) berichtet Kirschey über den Umgang der anarchistischen Polizist*innen gegenüber Mitgliedern der NSdAP, die in den Gebieten lebten, in denen die Anarcho-Syndikalist*innen eine neue Gesellschaft aufbauen wollten. Es handelte sich um Deutsche, die in Spanien lebten und dort die Putschisten unterstützten. Es soll hier gar nicht hinterfragt werden, dass diese Kräfte bekämpft werden mussten.

Eine interessante Frage wäre aber, wie sich die Polizeiarbeit der Anarchist*innen und Anarchosyndikalist*innen von den anderen Kräften der spanischen Linken unterschieden hat. Nur dann kann man sinnvoll darüber diskutieren, wo die Grenze ist zwischen notwendig autoritären Massnahmen, beispielsweise gegen offene und versteckte Anhänger der Putschisten und autoritären Massnahmen, die die Ziele der Revolution selber diskreditierten.

Auf Seiten der Kommunistischen Partei ist da auf jeden Fall die Verfolgung anderer Linker zu nennen. Auf Seiten der Anarchosyndikalist*innen wäre die Existenz von Arbeitslagern in denen von ihnen kontrollierten Gebieten zu nennen, die der kanadische Historiker Michael Seidman in seinem Buch „Gegen die Arbeit“ analysiert, das immer noch im Verlag Graswurzelrevolution erhältlich ist.

Ein solcher kritischer Blick auf alle Teile der spanischen Linken und der spanischen Revolution ist 90 Jahre später eine sinnvolle Perspektive. Der kleine Band von Helge Döhring ist deshalb so wichtig, weil hier 12 anarchistische und anarchosyndikalistische Zeitzeug*innen zu Wort kommen, die heute alle nicht mehr leben. Glücklicherweise gab es Menschen, die ihre Berichte aufnahmen oder aufschrieben.

A las Barricadas – Filmreihe in der Berliner Brotfabrik

Neben schriftlichen und mündlichen Zeugnissen sind es auch Filme, die den Kampf und die Niederlage der spanischen Revolution seit 90 Jahren begleiten. Im Berliner Kino Brotfabrik wird noch bis zum 31. Juli unter dem Titel A las Barricadas ein einziges Panorama von Filmen gezeigt, die die unterschiedlichen Spektren der spanischen Revolution darstellen. Zeitgenössische Filme finden sich dort ebenso wie Produktionen der letzten Jahre.

Neben bekannten Filmen wie Brot und Frieden von Ken Loach und Der Lehrer, der uns das Meer versprach über einen Bildungsreformer, der wie so viele Opfer des rechten Terrors wurden, gibt es auch viele wenig bekannte Filme zu sehen. Ein Höhepunkt ist sicherlich das Kurzfilmprogramm der CNT am 30. Juli.

Helge Döhring (Hg.): „grosse, schöne, unvergessliche Tage“. Verlag Edition AV 2026. 88 Seiten. ca. SFr. 23.00. ISBN: 978-3-86841-362-5.

Infos zur Filmreihe in Berlin: A las Barricadas!

Erstveröffentlicht im Untergrund Blättle v. 21.7. 2026
Gedenken an die Spanische Revolution

Wir danken für das Publikationsrecht.

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