Die Linke als Klassenpartei

Die Turbulenzen um die Rolle der Linken bei der Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler diese Woche haben zu heftigen kontroversen Debatten in der linken Bewegung geführt. Wir berichteten. Hier ein weiterer wertvoller Grundsatzbeitrag zum Diskurs, welchen Kurs die Partei die Linke einschlagen soll. Der Beitrag bewertet den Leitantrag, der auf dem Parteitag Ende der Woche zur Beschlussfassung vorliegt. Aus meiner Sicht wären bei der Kritik 3 Punkte zur Kennzeichnug der imperialen Klasseninteressen in der aktuellen Situation stärker hervorzuheben. Erstens strebt das deutsche Kapital an, europäische Führungsmacht zu werden. Zweitens strebt das deutsche Kapital an, mittels einer europäischen Großmachtpolitik seine geopolitischen Interessen mit der erforderlichen Abgressivität zur Geltung bringen zu können. Drittens wird dazu ein militärisch industrieller Komplex aufgebaut, dessen Interessen in Zukunft zunehmend bedient werden müssen. (Peter Vlatten)

Was bedeutet dieser Anspruch und wie ihm gerecht werden?

Die Linke hat die Nahtod-Erfahrung überlebt. Sie hat im Februar nicht nur den Wiedereinzug in den Bundestag geschafft, sondern vor allem einen Zustrom zehntausender Mitglieder. Überall entstehen neue Strukturen der Partei, überall wollen neue Mitglieder aktiv werden, um den Vormarsch der AfD, die Militarisierung der Gesellschaft und die zu erwartenden Angriffe der Merz-Klingbeil-Regierung auf die Lohnabhängigen und sozial Benachteiligten zu stoppen. Das ist eine riesige Chance.

Von Sascha Staničić, Sol-Bundessprecher und Linke-Mitglied, SOL 7. Mai 2025

Es weht ein frischer Wind in der Linken und die vielen tausend Neumitglieder mischen die Partei hoffentlich gehörig auf. Jedoch haben die letzten Wochen auch gezeigt, dass die Lehren aus der Existenzkrise, in die Die Linke geraten war, noch nicht gezogen wurden und die Gefahr besteht, dass die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden.

Was bedeutet Klassenpartei?

Der dem im Mai stattfindenden Bundesparteitag vorliegende Leitantrag erhebt den Anspruch, Die Linke zu einer Klassenpartei zu machen. Das ist ein großer Fortschritt im Vergleich zu Debatten der Vergangenheit, wo die Kategorie Klasse entweder in Frage gestellt wurde oder aber nicht als die zentrale Kategorie für Sozialist*innen betrachtet wurde. Doch welche Schlussfolgerungen sollten sich aus diesem Anspruch ergeben?

Klasse gegen Klasse

Partei einer Klasse zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass die Interessen der Klasse, die man vertreten möchte, nur im Kampf gegen eine andere Klasse durchgesetzt werden können, bedeutet also den Klassenkampf anzuerkennen. Im Klassenkampf muss die arbeitende Klasse eine selbständige Position einnehmen. Sie braucht von der herrschenden, kapitalistischen Klasse und ihren staatlichen Institutionen unabhängige Organisationen und eine davon unabhängige politische Programmatik. Das geht darüber hinaus, dass man in der Frage von Löhnen und Arbeitsbedingungen für möglichst gute Standards eintritt. Es geht darum, in allen gesellschaftlichen Fragen die Klasseninteressen zu formulieren und zu vertreten.

Der Leitantrag, der zum Chemnitzer Parteitag vorliegt, wird dem in vielen Punkten nicht gerecht, auch wenn er im Vergleich zu ähnlichen Papieren der Vergangenheit einen Schritt in die richtige Richtung darstellt.

Eigentumsfrage

Klassenpolitik bedeutet also, die Herrschaft einer Klasse über eine andere Klasse zu überwinden. Folglich sollte sie die Quelle dieser Herrschaft aufdecken und einen Weg aufzeigen, diese versiegen zu lassen. Die Quelle der Macht der kapitalistischen Klasse ist ihr Eigentum an Produktionsmitteln. Der Leitantrag wirft die Eigentumsfrage jedoch so gut wie gar nicht auf. Weder angesichts des Arbeitsplatzabbaus in der Industrie, noch hinsichtlich der nötigen Umstellung der Produktion auf eine nachhaltige Produktionsweise und ebensolche Güter, noch hinsichtlich der Macht der privaten Banken und Finanzinstitute wird die Frage der Überführung in öffentliches Eigentum aufgeworfen. Nicht einmal die von „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ popularisierte Forderung nach der Enteignung großer Immobilienunternehmen hat es in den Leitantrag geschafft, offenbar will die Führung der Linkspartei sich hier auf die Forderung nach einem Mietendeckel beschränken. 

Regierungsbeteiligung

Eine unabhängige Klassenposition wird konterkariert, wenn man in Regierungsbündnisse mit prokapitalistischen Parteien eintritt und mit diesen gemeinsam dann die kapitalistischen Verhältnisse verwaltet. Die Linke hat eine lange und traurige Geschichte solcher Regierungsbündnisse mit SPD und Grünen. Sie haben überall dazu geführt, dass sie sich an Maßnahmen gegen die Arbeiter*innenklasse beteiligt und viel Unterstützung verloren hat. Zuletzt haben die Vertreter*innen der Linken in den Landesregierungen von Bremen und Mecklenburg-Vorpommern im Bundesrat für die Aufhebung der Schuldenbremse zur grenzenlosen Finanzierung der Aufrüstung der Bundeswehr, aber in den Monaten zuvor auch für Waffenlieferungen an die Ukraine und, im Fall von Mecklenburg-Vorpommern, auch für das so genannte Sicherheitspaket der Bundesregierung gestimmt. In Bremen hat Die Linke Haushaltskürzungen zugestimmt. Dies wird im Leitantrag nicht kritisiert.  Regierungsbündnisse mit prokapitalistischen Parteien werden stattdessen aber in einem Nebensatz als Selbstverständlichkeit abgehandelt. Das bedeutet, dass aus den vergangenen Krisen der Linken nicht die nötigen Lehren gezogen wurden und die Gefahr besteht, dass diese sich wiederholen werden. Jetzt schon wird in der Berliner Linken darüber diskutiert, im kommenden Jahr wieder eine Koalition mit SPD und/oder Grünen im Berliner Senat (die dortige Landesregierung) zu bilden – doch selbst wenn Die Linke als stärkste Kraft eine solche Regierungskoalition bilden würde, ändert das nichts daran, dass dort nur prokapitalistische Politik umsetzbar wäre (wie Thüringen zeigt)

Sozialismus

Die Klassenherrschaft überwinden zu wollen, bedeutet für die Überwindung des Kapitalismus und die Einführung einer sozialistischen Demokratie einzutreten. Auch wenn Die Linke sich als sozialistische Partei bezeichnet, sucht man den Begriff „Sozialismus“ im Leitantrag vergeblich. Stattdessen wird als Zielsetzung „Verteidigung des Sozialstaates und in die Wirtschaft eingreifenden Staates“ benannt. Das schürt die Illusion, man könne ohne eine Überwindung der kapitalistischen Profitwirtschaft, die sozialen und ökonomischen Missstände überwinden. 

Fazit

Die Linke hat aufgrund des Mitgliederzustroms eine große Chance, einen Beitrag zur Bildung einer sozialistischen Massenpartei von Arbeiter*innen und Jugendlichen zu leisten. Sol-Mitglieder beteiligen sich solidarisch und konstruktiv am Aufbau der Partei. Wir wollen gleichzeitig einen Beitrag zur selbstkritischen Aufarbeitung der Krisen der Vergangenheit leisten und treten für einen Kurswechsel in Richtung einer tatsächlich sozialistischen Klassenpartei ein. 

Titelbild: CC BY 2.0, Die Linke via Flickr

Kiezdemo im Wedding macht mobil für „Löhne erhöhen, Mieten senken und Frieden schaffen.“

Am Vorabend zum 1.Mai: die schon traditionelle Kiezdemo von „Hände weg vom Wedding“ machte mobil für „Löhne erhöhen, Mieten senken und Frieden schaffen.“ Antikapitalistisch, sozial, gewerkschaftlich, friedenspolitisch und internationalistisch. Nah an den Menschen im schönsten Kiez, wie viele sagen, von Berlin Mitte. 750 Teinehmer:innen (laut Polizei mehr als 500). Viel Zuspruch und auch Beifall aus Häusern der Nachbarschaft und von Vorbeilaufenden.

Wir selbst aus dem Kiez Umfeld waren dabei und haben als Gewerkschafter:innen und IG Metaller:innen begrüßt, dass der Zusammenhang zwischen den Angriffen auf unsere sozialen, ökologischen und kulturellen Lebensgrundlagen und dem massiven Aufrüstungs- und Kriegskurs umfassend themasiert wurde. Ebenso die damit verbundenen Einschränkungen demokratischer Rechte, das rasante Vorrücken von Rassismus und Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft. Anders als auf der DGB Demo am Folgetag wurde beim Thema Kriegskurs insbesondere zum Genozid in Gaza nicht weggeschwiegen. Ganz und gar kein Bückling vor der imperialen deutschen Staatsräson. Höhepunkt war die Zwischenkundgebung vor den Toren von Phierburg/Rheinmetall, wo gegen die geplante Umstellung auf Rüstungsproduktion protestiert wurde.

Die ganze aufklärerische und widerständige Rede des Netzwerks „Keine Rüstungsproduktion im Wedding“ seht ihr hier im Video.

Rede Netzwerk „Keine Rüstungsproduktion im Wedding“, 30.April 2025 auf der Demo „“Löhne erhöhen, Mieten senken und Frieden schaffen.“
Kommt so zahlreich wie möglich zur Demo am 10.5. 15 UhrSoziales statt Aufrüstung! Keine Rheinmetall -Waffenproduktion im Wedding!“ Alle Infos dazu hier.
Die Initiatoren schreiben selbst in der Auswertung zu ihrer Demo:

Mit Slogans wie „Hoch mit den Löhnen, runter mit der Miete!“, „100 Milliarden – Für Bildung und Gesundheit!“ und „Soziale Sicherheit – Statt Aufrüstung!“ wurde gegen den sozialen Kahlschlag, die rasant zunehmende Militarisierung sowie die desolate Wohnraumpolitik des Berliner Senats protestiert.

In diesem Jahr gab es eine Zwischenkundgebung vor den Werkstoren des Betriebes von Pierburg in Gesundbrunnen. Der ehemalige Automobilzulieferer wurde schon vor einigen Jahren von Rheinmetall – dem größten deutschen Rüstungskonzern – aufgekauft. Bislang war die Produktion dort eine zivile, doch das soll sich nun ändern: Rheinmetall gab unlängst bekannt, am Berliner Standort auf militärische Produktion umstellen zu wollen.

„Wir protestieren dagegen, dass in unserer Nachbarschaft mit der Herstellung von Waffen Kasse gemacht werden kann, während für uns immer weniger vom Lohn übrig bleibt und viele ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Die Kriegsmaschinerie, gefüttert mit unseren Geldern und zu Lasten unserer sozialen Sicherheit, produziert nun auch im Wedding“, so Ruth Sperber, Pressesprecherin von „Hände weg vom Wedding“. 

Auch nach der Demonstration wird es weiterhin Aktionen gegen Aufrüstung, Sozialabbau und der Rüstungsproduktion im Gesundbrunnen und darüber hinaus geben. Dies ist dringend notwendig.

„Während Milliarden in Aufrüstung fließen, wird bei fast allen sozialen Trägern gekürzt. Seit 2001 heißt es, für Soziales sei kein Geld da, doch die Sparpolitik hat die Schulden nicht gesenkt, nur die Versorgung verschlechtert. Über 20.000 Menschen warten durschnittlich 3 Jahre in Wohnungslosenheimen. Hilfe in sozialen Notlagen ist so nicht mehr gewährleistet. Der Sozialstaat wird zur Warteliste und zugunsten von Krieg weiter demontiert.“, stellt Marc Spiewak, Pressesprecher von „Hände weg vom Wedding!“, fest.

Trotz des massiven Aufgebotes der Berliner Polizei verlief die Demonstration dank des deeskalierenden Auftretens der Stadtteilorganisation störungsfrei.

Fotos und Video: Peter Vlatten

Ein Papst wider die Hochrüstung zur Welt-Kriegstüchtigkeit

Bischof Franziskus von Rom hat am Osterfest seinen Lebenskreis als Erdbewohner geschlossen. Er ließ die Stimme des Leute-Rabbis Jesus aus Galiläa wieder hörbar werden, doch das militäraffine Großkirchentum in Deutschland blieb taub.

Bildcollage aus Wikimedia und pixabay-Bildern

Von Peter Bürger

Als der Argentinier Jorge Mario Bergoglio am 13. März 2013 Papst geworden war, verliebte sich auch ein leidenschaftlicher Atheist aus meinem Freundeskreis spontan in ihn und freute sich mit mir. Meine hoffnungsvollen Erwartungen hatte ich schon in der Nacht des letzten Konklave-Tages in einem Beitrag für Telepolis zum Ausdruck gebracht (der Text ist trotz der autoritären Totalzensur des Telepolis-Archivs z.B. noch hier nachlesbar – oder hier sogar mit unversehrten Umlauten). Der Papst der Armen, der sich nach dem subversivsten Heiligen des Abendlandes Franziskus nannte, würde sie alle weit übertreffen.

In seinen ersten Jahren als Primus der Weltkirche setzte er förmlich eine Revolution der Zärtlichkeit und einen Aufstand gegen die globalen Totmach-Komplexe in Bewegung. Er ließ sich von führenden Wissenschaftlern des Erdkreises beraten und schrieb – Jahre vor den „Fridays for Future“ – seine bahnbrechende Enzyklika „Laudato Si“, die eine globale Zusammenarbeit einforderte, um den nach uns Kommenden unvorstellbare Leiden aufgrund der absehbaren ökologischen Katastrophe auf dem Planeten vielleicht doch noch zu ersparen.

Den überall herrschenden Kapitalismus nannte er „eine Wirtschaft, die tötet“. In Lampedusa entlarvte er die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ und ein heuchlerisches Europa, das sich als Hüter der Weltmoral dünkt, während es tatenlos zuschaut, wie viele tausende Menschengeschwister auf der Flucht aufgrund verweigerter Hilfe bzw. tödlicher „Grenzsicherungen“ im Mittelmeer umkommen. – Solches beeindruckte in meinem Stadtteil selbst die linken Autonomen, die allesamt ganz antikirchlich eingestellt sind.

Der Friedenspapst: „Es gibt keine gerechten Kriege“

Die mit den Besitzenden eng verbandelten Klerikal-Komplexe der Macht und Priesterselbstanbetung waren aber alsbald alarmiert. Sie versuchten Franziskus zu demontieren und hoben Fallgruben für ihn aus, wo sie nur konnten. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als erstaunlich, wie unbeirrt der Papst aus Argentinien förmlich bis hin zum letzten Atemzug seine Friedensbotschaft über den ganzen Erdkreis geschickt hat.

2016 kamen katholische Friedensarbeiterinnen und Friedensarbeiter aus der ganzen Welt in Rom zu einer Konferenz „Nonviolence and Just Peace“ zusammen. (Ich durfte als deutscher Sektionsvertreter teilnehmen und u.a. einen Impuls „Wie die Menschheit eins ist“ einbringen.) Danach warb der Papst zum Weltfriedenstag 2017 für eine globale politische Kultur der Gewaltfreiheit. (Seine interreligiösen und ökumenischen Friedensinitiativen gipfelten u.a. 2019 in einer christlich-islamischen Erklärung „Über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“.)

Die Mächtigen auf allen Seiten trieben stattdessen unverdrossen die Militarisierung des ganzen Erdkreises voran, so dass die Entstehung eines weltweiten Verbundnetzes des Austausches und der Zusammenarbeit im Dienste der Zukunft des Lebens auf dem Planeten heute geradezu utopisch erscheint.

Schon seit Jahren hat Papst Franziskus im Klartext von einem „Weltkrieg auf Raten“ gesprochen. In der Ukraine werden seit Anfang 2022 hundertausende junge Ukrainer und Russen für die Interessen der Mächtigen und Reichen aufgeopfert, verheizt. Angesichts dieses völlig sinnlosen Massensterbens, mitfühlend mit den Weinenden in der Ukraine und angesichts einer realen Gefahr der Weltkriegseskalation, sprach Franziskus davon, es gebe auch einen „Mut zur weißen Fahne“. Da brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein seitens der deutschen Meinungsfabriken (Politik & Medien), die in dem Wahn leben, ihre politische Agenda sei so wahr und wertvoll, dass ruhig auch noch einmal hundert- oder zweihunderttausend Menschen eines anderen Landes dafür der Vernichtung preisgegeben werden könnten (eiskalt all das vorgetragen, aber mit „gutbürgerlichem Gewissen“).

Solches ließe sich indessen nicht einmal mit der traditionellen (überholten) Kirchenlehre vom sog. gerechten Verteidigungskrieg rechtfertigen, denn diese schaut mit ihren Kriterien auf die Erfolgsaussichten jeder bewaffneten Gegenwehr und noch stärker auf die Höhe des Blutzolls (Verhältnismäßigkeit der Mittel; ein Übel darf nie mit noch größerem Übel beantwortet werden). Franziskus aber hat im Zuge seiner Friedenstheologie wiederholt vorgetragen, es gebe überhaupt keine „gerechten Kriege“, sondern einzig der Friede könne gerecht sein.

Schon der Besitz von Atombomben ist eine Verlästerung Gottes

Über die Umwälzung der kirchlichen Positionierung zur Atombombe habe ich schon 2023 in einem Overton-Text wie folgt geschrieben: In der römisch-katholischen Weltkirche nahm das II. Vatikanische Konzil 1962-1965 Bezug auf die Verdammung aller Massenvernichtungsmittel durch den in der Kubakrise als Friedenspapst hervorgetretenen Johannes XXIII. Eine dem Militärkirchenwesen verbundene Clique – unter Einschluss des militaristischen US-Armeebischofs und Kardinals Francis Spellman – wollte das Friedenszeugnis abschwächen, was ihr nur bedingt gelang.

Erst der aus Argentinien kommende gegenwärtige Papst hat dem skandalösen Hin- und Her-Lavieren des „Lehramtes“ ein Ende bereitet. Vor den Teilnehmern eines Internationalen Symposiums zum Thema Abrüstung sagte Franziskus am 10.11.2017: „Daher ist auch unter Berücksichtigung der Gefahr einer unbeabsichtigten Explosion solcher Waffen – aus welchem Irrtum auch immer dies geschehen mag – die Androhung ihres Einsatzes sowie ihr Besitz entschieden zu verurteilen, gerade weil deren Vorhandensein in Funktion einer Logik der Angst steht, die nicht nur die Konfliktparteien betrifft, sondern das gesamte Menschengeschlecht.“ Ein Versehen, ein technischer Fehler – so betont es wiederholt auch der UNO-Generalsekretär – genügt und die globale Katastrophe ist da. Allein dies macht die Existenz der Nuklearwaffen schon zum ultimativen Verbrechen (von der Modernisierung aller Arsenale und dem ausbleibenden verbindlichen Verzicht auf alle Erstschlag-Optionen ganz zu schweigen).

Dass der Vatikan nicht nur der UN-Initiative zum Verbot von Atomwaffen auf ganzer Linie beisprang, sondern in höchster – päpstlicher – Instanz schon die bloße Bereitstellung nuklearer Massenvernichtung ächtete, wirkte wie ein Paukenschlag. Zuletzt stellte Papst Franziskus in einem unabgesprochenen Zusatz zu seiner Hiroshima-Rede vom November 2019 klar: „Schon der Besitz von Atomwaffen ist unmoralisch.“

Wenn dem so ist, darf sich natürlich kein Christ in irgendeiner Weise daran beteiligen, dass die Bomben nebst allem Zubehör hergestellt, angeschafft, aufgestellt, erprobt und gerechtfertigt werden.

Über unsere diesbezügliche Ökumenische Ächtungserklärung gegen die Bombe hat 2023 – anders als in der Schweiz – hierzulande kein einziges Kirchenmedium berichtet. Aber in Deutschland wird den Christenmenschen auch nicht vermittelt, was der Bischof von Rom zu Atombombenbesitz und sogenannter „nukleare Teilhabe“ gesagt hat (es herrscht ein kollektives Verschweigekartell). Die staatstreuen Christdemokraten des „Westen“ vertreten in dieser Frage wie alle bürgerlichen Parteien das extreme Gegenteil der päpstlichen Doktrin, zumal heute in Deutschland. Konsequent wäre, dass wenigsten die Katholiken unter ihnen die Kirche wechseln.

Gegen die Rüstungsindustrien des Todes und Kriegsprofite

Mit zunehmendem Alter wurden prophetische Reden bei Franziskus rarer, auch angesichts der reaktionär-klerikalen Feindesfront in der Kirchenzentrale selbst. Doch nie hat er aufgehört, seine Stimme gegen Aufrüstung und Waffenproduktion zu erheben, gegen jene Industrien also, die von der Kirche schon unter Papst Paul VI. (1897-1978) als ein organisierter Diebstahl an den Armen entlarvt worden sind.

Noch in seiner Weihnachtsbotschaft vom 25. Dezember 2023 hat Franziskus erneut den Aufrüstungspolitikern und Kriegskonzernen, die „Kanonen statt Butter“ propagieren, ins Stammbuch geschrieben:

„Um aber ‚Nein‘ zum Krieg zu sagen, muss man ‚Nein‘ zu den Waffen sagen. Denn wenn der Mensch … Werkzeuge des Todes in Händen hält, wird er sie früher oder später einsetzen. Und wie kann man von Frieden sprechen, wenn Produktion, Verkauf und Handel von Waffen zunehmen? […] Die Menschen, die keine Waffen, sondern Brot haben wollen, die sich abmühen, um über die Runden zu kommen und um Frieden bitten, wissen nicht, wie viel öffentliches Geld für Rüstung ausgegeben wird. Doch sie sollten es wissen! Darüber soll man sprechen, darüber soll man schreiben, damit die Interessen und Gewinne bekannt werden, die die Drahtzieher der Kriege sind.“

Selbstredend, die Lobby der Rüstungsindustrie sowie die von ihr beeinflusste Meinungsindustrie der Rüstungsprediger werden hier als Drahtzieher einer Kriegspolitik, die endlose Todesopfer fordert, mit benannt. – Am Vortag seines Todes hat der Papst jetzt zu seinem letzten Ostersegen für den ganzen Erdkreis die Anklage des neuen Wettrüstens wie ein Vermächtnis wiederholt:

„Es kann keinen Frieden geben ohne echte Abrüstung! Der Anspruch eines jeden Volkes, für seine eigene Verteidigung zu sorgen, darf nicht zu einem allgemeinen Wettrüsten führen. Das Osterlicht spornt uns an, die Schranken zu überwinden, die Spaltungen hervorrufen und eine Vielzahl an politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen nach sich ziehen. Es spornt uns an, füreinander zu sorgen, die gegenseitige Solidarität zu stärken und uns für eine ganzheitliche Entwicklung aller Menschen einzusetzen. […] Ich appelliere an alle, die in der Welt politische Verantwortung tragen, nicht der Logik der Angst nachzugeben, die verschlossen macht, sondern die verfügbaren Ressourcen zu nutzen, um den Bedürftigen zu helfen, den Hunger zu bekämpfen und Initiativen zu fördern, die die Entwicklung vorantreiben. Die ‚Waffen‘ des Friedens sind diejenigen, die Zukunft schaffen, anstatt Tod zu säen!“

Die bürgerlich-militäraffine Kirche der Reichen liebte ihn nicht – und zeigte große Undankbarkeit

In zwei Weltkriegen haben die staatlich privilegierten – also mittels Geld korrumpierten – Großkirchen hierzulande den Mächtigen in Deutschland ihre Kanzeln zur Befeuerung des Kampfgeistes zur Verfügung gestellt. Bei ihrem gegenwärtigen geistigen wie ökonomischen Zustand ist es absehbar, dass sie auch vor einem dritten Weltkrieg gehorsam zur Kriegsertüchtigung rufen werden.

Die deutschen Kirchenkomplexe, als deren Spiegel ich u.a. täglich ein von den Bischöfen finanziertes Portal aufrufe, haben insbesondere die Friedensbotschaft des Franziskus von Rom bei uns allenfalls einmal am Rande zitiert. Sie hören bei den Themen ‚Atombombe‘, ‚Auslandseinsätze‘, ‚Aufrüstung‘ und ‚Waffenlieferungen‘ lieber auf den besonders staatsnahen Militärbischof, dessen Mitarbeiter eine Bundeswehr-Emailadresse haben. Der Militärbischof weiß es eben besser als der Papst und besser auch als der gewaltfreie Rabbi Jesus von Nazareth im brutal-imperial besetzten Palästina vor zwei Jahrtausenden.

Wie die so reiche deutsche Kirche zuvor schon die Möglichkeit verspielt hat, die Ökologie-Enzyklika des Papstes (2014) in ihren Vollzügen überall aufzugreifen und umzusetzen, macht sprachlos. In Deutschland begehrte man eine bürgerliche Wohlfühlreform der Kirchenlandschaft, keine fundamentale Zivilisationskritik wie in „Laudato Si“.

Hinsichtlich der Kapitalismus-Kritik standen die zumeist dem CDU-Milieu entstammenden Oberhirten in der Regel jenen großbürgerlichen Zeitungsverrissen näher, die den klassenbewussten Papst der Armen z.T. förmlich verspotteten. Keiner kam auf die Idee, mit Franziskus einen Pakt der folgenden Art zu schließen: „Du kommst uns bei der bürgerlich-liberalen Kirchenreform (auch bei der Lockerung der ohnehin nie zwingenden Zölibats-Bestimmungen) entgegen – und wir werden deine treuesten, regsamsten Mitstreiter beim Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.“

Eine regelrechte Schmierenkomödie ist auf dem Feld der liberalen Papstschelte im letzten Jahrzehnt in Deutschland aufgeführt worden. Unter dem autoritären Regime der beiden letzten Päpste aus Polen und Deutschland hatten die meisten Akteure nie ernsthaft den Aufstand gewagt. Doch jetzt saß ein Leutepriester aus Lateinamerika auf dem Stuhl Petri. Er führte das freie Wort wieder in der römisch-katholischen Kirche ein, beschnitt die Repressionsapparate der zunächst noch „Ratzinger-deutsch“ geführten Theologenpolizei, erlaubte – bildlich gesprochen – das freie Schwenken der queeren Regenbogenfahne in allen kirchlichen Räumen, umarmte in der Öffentlichkeit demonstrativ schwule Freunde, bekämpfte wie kein Papst vor ihm den Klerikalismus und versetzte erstmalig Frauen in allerhöchste (!) Spitzenämter der Weltkirche.

Doch die bürgerlichen Medien- und Kirchenkomplexe in Deutschland hörten nicht auf, „mutig“ zu jammern. Sie fixierten sich ganz auf das Frauenpriestertum, das Franziskus angesichts seines vorgerückten Alters und der akuten Spaltungsgefahren wohl kaum angehen konnte. Keines seiner großen prophetischen Anliegen hat die ewig-deutschkatholische Kirche, in der durchweg die Wohlversorgten und Nicht-Pazifisten den Ton angeben, wirklich berührt.

Ein gescheitertes Pontifikat oder ein Aufbruch der Weltkirche?

Die Zukunft der Kirche in deutschen Landen sieht düster aus. Noch mehr neoliberale Marketing- und Wirtschaftsprofis werden in den Bistümern die Federführung übernehmen, während man die letzten frommen Oberpriester Bücher für ein überschaubares Publikum schreiben lässt. Der Staat wird die Privilegien vor dem Ruin noch lange nicht antasten, denn er weiß, dass eine arme Kirche nicht mehr so gefügig wäre wie die jetzige.

Eine immer kleinere Kleriker-Riege wird in der Übergangsphase vor der Pulverisierung über riesige Vermögen verfügen, was sie für bestimmte Personenkreise besonders attraktiv machen dürfte. Die letzten Geschmacksgrenzen beim Entertainment von „Citykirchen“ werden fallen – in nicht so ferner Zukunft auch mit Hilfe von KI-gestützter „Theologie“ und „Pastoral“.

In anderen Kontinenten aber wird das Wachstum der Weltkirche vielleicht fortdauern: Der verstorbene Papst war ein Revolutionär, allerdings einer mit alsbald gestutzten Flügeln. Wenn seine Wegweisungen hin zu Frieden, gerechter Ökonomie und Erhalt der planetarischen Lebensgrundlagen weiterwirken, könnte – freilich unter dem Vorzeichen einer vollen Gleichberechtigung der Frauen – die römisch-katholische Weltkirche mit weit über einer Milliarden Mitglieder als einer der bedeutsamsten global vernetzten Anwälte der Menschenrechte – im Kampf wider die kommenden Barbareien – in Erscheinung treten …

Doch dass der Franziskus-Kurs beibehalten wird, wollen finanzstarke Netzwerker verhindern: Seit dem 4. Jahrhundert entwickelten die Staatskirchen die gotteslästerliche Lehre, die Todesstrafe könne im Einklang mit dem Christentum stehen. Erst Franziskus hat die entsprechenden Passagen radikal aus dem Katechismus herausgeschnitten. Das werden ihm die Rechtskatholiken in den USA, zu deren unantastbaren Bekenntnisartikeln das vermeintlich befugte Totmachen von Menschen durch Militär oder Hinrichtungskammer gehört, nie verzeihen.

Einen Papst, der so rücksichtslos stört und sich obendrein gezielt als normalsterblicher Rollstuhlfahrer im Poncho zeigt, muss man aus dem Gedächtnis der Menschen auslöschen. Die Seilschaften der betuchten Rechtskatholiken in Nordamerika wünschen sich jetzt einen neuen Pontifex, der am besten aus dem Militärkirchenwesen stammt und – als Retter der Traditionsfetische – wieder meterlange rote Seidenschleppen für die Kardinäle einführt. Die Liberalen setzen derweil wohl auf einen Mittler, der alles brav zusammenhält, sich aber von jeglichen sozialistischen oder pazifistischen Anwandlungen freihält. – Ich gebe diesmal keine Prognose.

Bitte keine Heiligsprechung, lieber eine „Messe des Lebens“ für das Dritte Jahrtausend

Aber Wünsche ließen sich schon vorbringen. Könnte nicht ein neuer Bischof von Rom, da die Liturgie doch zu den bedeutsamsten Vollzügen seiner Konfession gehört, eine „Messe für das Leben“ im Dritten Jahrtausend auf den Weg bringen, die unsere Augen den endlichen Gaben auf dem Altar dieses Planeten und dem Geschick zukünftiger Generationen zuwendet? Wäre es nicht folgerichtig, im Anschluss an das Papstrundschreiben „Fratelli tutti“ (Universale Geschwisterlichkeit, 2020) mit allen Weltreligionen in Rom ein Fest zu feiern und dabei den schon immer anerkannten Glaubenssatz von der „Einheit des Menschengeschlechtes“ als gemeinsames – kraftgebendes und unfehlbares – Dogma zu verkünden? (Es wären dadurch übrigens ohne eigene Verdammungsartikel die ökonomischen wie militärischen Massenmörder auf dem ganzen Erdkreis – nebst den Rassisten – ausnahmslos exkommuniziert.)

Als die Medienmeute vor der Intensivstation ausharrte und stündlichen Unsinn telegrafierte, tat ihnen Franziskus nicht den Gefallen zu sterben. Dem Tod gerade von der Schüppe gesprungen, gönnte er sich (und uns) die Freude, den Wächtern der Allerheiligsten Klerikerwürde im Vatikan noch so manches Schnippchen zu schlagen. Einen letzten Ostersegen für den ganzen Erdkreis konnte er sprechen, um dann das Zeitliche überhaupt zu segnen … Die Ästhetik seiner Gewänder war – gewollt – weitaus weniger stilsicher gewesen als bei den letzten Vorgängern seit Paul VI. (Joseph Ratzinger sei hier nur mit großen Einschränkungen gelobt). Aber die „Choreographie“ seiner Sterbetage ist wohl einzigartig in der gesamten Papstgeschichte.

Ich für meinen Teil heuchle keine Tränenflüsse, sondern freue mich mit Papa Francesco über solch einen Abschied von dieser wundersamen – schönen wie abgründigen – Erde. Sein Bild soll an meinem Schreibtisch hängen bleiben und die Liebe zu ihm wachhalten, ganz gleich wer Nachfolger wird. Ich hoffe aber – wohl in seinem Sinne –, dass Franziskus niemals heiliggesprochen – das heißt: gezähmt – wird.

Literaturhinweis zur Friedensagenda von Franziskus:

Stefanie A. Wahl / Stefan Silber / Thomas Nauerth (Hg.): Papst Franziskus – Mensch des Friedens. Zum friedenstheologischen Profil des aktuellen Pontifikats. Freiburg – Basel – Wien: Herder 2022.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 22.4. 2025
https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/ein-papst-wider-die-hochruestung-zur-welt-kriegstuechtigkeit/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Peter Bürger (Jg. 1961), ist seit dem 18. Lebensjahr organisierter „Lumpenpazifist“ und versteht sich als christlicher Sozialist. Abgeschlossenes Hochschulstudium der katholischen Theologie (jedoch nie in bezahlten Kirchendiensten) und später Krankenpflege-Examen (1992). Nach psycho-sozialen Berufsjahren seit 2003 freier Publizist. Schwerpunkte seiner Forschungen/Veröffentlichungen: Westfälische Regionalgeschichte, Niederdeutsche Literatur (Rottendorf-Preis 2016), Krieg & Massenkultur (Bertha-von-Suttner-Preis 2006), Kriegsassistenz der staatlich subventionierten deutschen Großkirchen in Geschichte & Gegenwart, Friedenstheologie und Pazifismus, Imago der Einen Menschheit. – Leitbild für die eigene Schreibwerkstatt: Wer Quellen liest wird klüger; Mut zum Minderheitsvotum; keine Prostitutions-Dienstleistungen für den Medienapparat der Reichen und die militärische Heilslehre.

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