Klima – Gerechtigkeit – Globaler Süden

Vortrag und Diskussion. Mit Karin Zennig, medico international

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Klima – Krise – sozial-ökologische Transformation

Freitag, den 19.01.2024 um 19:30 Uhr, im Versammlungsraum des Mehringhofs (Aufgang 3), Gneisenaustr. 2A, 10961 Berlin

Eine langjährige Diskussionsgruppe organisiert in Kooperation mit dem Buchladen „Schwarze Risse“ ab Dezember 23 eine Vortrags- und Diskussionsreihe zur Klimadebatte und sozial-ökologischen Transformation.

Die Einstiegsveranstaltung wird den aktuellen Forschungsstand zum Klimawandel darstellen. In den folgenden Veranstaltungen geht es um die Fragen, welche ökonomischen, ökologischen und politischen Konzepte notwendig, praktikabel und attraktiv sind, um den Klimawandel zu stoppen und eine gerechtere Welt zu schaffen. Die Feststellung, dass der Kapitalismus und sein Wachstums-Imperativ der Hauptverursacher ist, ist so wahr wie unbefriedigend. Denn die emanzipatorische Linke ist weltweit zu schwach, die Systemfrage zu stellen und konkrete und machbare Alternativen umzusetzen. Unserer Überzeugung nach gehört zu einem erfolgreichen Kampf eine Vorstellung und Utopie, wie das gelingen kann.

Wir brauchen nicht nur eine theoretische Darstellung, sondern zumindest Ansätze wie ein Übergang, eine grundlegende Veränderung heute beginnen könnte. Überall auf der Welt gibt es Aktivist*innen, die vielfältige Ansätze entwickeln, an die wir anknüpfen können. In der Veranstaltungsreihe behandeln wir u. a. die Fragen der Illusionen um einen grünen Kapitalismus, des Extraktivismus und Neokolonialismus, der Imperialen Lebensweise, des Übergang zum Ökosozialismus und von Degrowth und Postwachstum.

Eingeladen haben wir Gewerkschafter*innen, Klimaexpert*innen, Autor*innen und Aktivist*innen aus der Klimabewegung.

Veranstaltungsreihe: Klima – Krise – sozial-ökologische Transformation

Die Gewerkschaften und besonders die IG Metall stehen vor großen Herausforderungen. Die Industrie, in der wir arbeiten und die unseren Lebensstandard ermöglicht hat, ist wesentlich verantwortlich für die hohen CO2-Emissionen und damit für den fortschreitenden Klimawandel und die zunehmende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Ein Umsteuern ist unerlässlich.

Dies ist täglich Gegenstand in den Nachrichten und wird von Politikern fast aller Couleur immer wieder betont. Gleichzeitig stellen wir fest, dass diese Erkenntnis kaum zu politischem Handeln führt.

Warum ist das so?
Die Funktionsweise des Kapitalismus ist auf unentwegtes Wachstum angewiesen. Die Übernutzung und Ausbeutung aller Lebensgrundlagen hat das ökologische Gleichgewicht der Erde gekippt.

Gleichzeitig basiert unsere Gesellschaft auf dem Funktionieren des Kapitalismus.

Wie kommen wir heraus aus diesem Dilemma ?
Der gewerkschaftsnahe Sozialwissenschaftler Klaus Dörre hat dieser Frage ein Buch gewidmet: Die Utopie des Sozialismus. Darin spart er nicht mit Kritik an Erfahrungen, die mit Gesellschaften gemacht wurden, die „Sozialismus“ für sich beanspruchten. Er meint jedoch:„Ihr Scheitern war nicht zwingend, sondern ließe sich durch eine andere Organisation der Arbeit und durch die Ausweitung der Mitspracherechte der Arbeitenden vermeiden!“

Ökosozialismus

Die Kapitalistische Produktionsweise zerstört Mensch und Natur. Ist dieses System in der Lage eine nachhaltige Gesellschaft zu schaffen? Kann es einen „grünen Kapitalismus“ geben, der nur die genuzten Energiequellen wechselt und ansonsten alles beim Alten lässt?

Unmöglich sagen viele und auch Klaus Dörre sieht keine Perspektive, mit dem Kapitalismus eine sozial ökologische Transformation zu erreichen. Er meint, die einzige Chance den Planeten in eine sozial gerechte und klimaschützende Richtung zu führen, liegt in einer neuen Form des Sozialismus.

Wie sieht die konkrete Utopie aus, wie ist sie zu erreichen und welche Klassenbündnisse sind nötig, damit die Gesellschaften eine verantwortliche Richtung einschlagen?

Veranstaltung mit Klaus Dörre am 16. Februar 2024 um 19 Uhr.
im IG Metall-Haus (Alte Jakobstraße 149)

Dies bedeutet nicht, die Lösung der brennenden Probleme in die Zukunft zu vertagen. Vielmehr ist konkretes Handeln gefordert. Alle Schritte, die unser Leben klimaschützender gestalten, sind notwendig und müssen von den Gewerkschaften vorangetrieben werden.

Eine Kooperation mit dem Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall und dem Diskussionskreis um den Buchladen schwarze Risse“.

Was wir auf diesem Weg tun können, wollen wir in einer weiteren Veranstaltung im kommenden April an gleicher Stelle diskutieren. Dazu haben wir Stefan Krull und Martin Bott eingeladen. Beide Kollegen haben jahrzehntelang bei VW bzw. Mercedes gearbeitet und setzen sich vehement für die Verkehrswende ein

Marsianische Fieberfatasien – Der Exodus der Geldmenschen

Flucht auf den Mars, Upload in die Cloud oder Rückzug in den Atombunker? Wie die Superreichen sich auf die Apokalypse vorbereiten.

Von Tomasz Konicz

Bild: Elon Musk vor dem „Gateway to Mars“, Dezember 2020. Foto: Steve Jurvetson (CC-BY 2.0 cropped)

Der Sozialwissenschaftler und Medientheoretiker Douglas Mark Rushkoff erhielt im vergangenen Jahr ein Angebot, das er kaum ablehnen konnte.

Es sei das mit Abstand höchste Honorar gewesen, das ihm für einen Vortrag vor einem äusserst exklusiven Publikum in einem abgeschotteten Luxusressort für Superreiche angeboten wurde. Für den Gegenwert seines halben Jahresgehalts als Professor für Medientheorie und digitale Wirtschaft an der City University of New York sollte Rushkoff einen Vortrag samt Diskussionsrunde vor dem erlesensten Geldadel des Spätkapitalismus halten, vor einer Gruppe von rund hundert Investmentbankern, die Auskunft über das Thema „Die Zukunft der Technik“ wünschten.

Nach seiner Ankunft wurde der Medientheoretiker zuerst in einen Raum geführt, wo fünf weisse, ungeheuer reiche Männer auf ihn warteten, die für einen fünfstelligen Betrag vor allem eine Frage beantwortet sehen wollten: Wie überleben wir das „Ereignis“? Mit diesem Begriff belegten die hohen Herren den Zusammenbruch der Zivilisation, den sie als unabwendbar ansehen.

Die Fragen, die von den branchenüblich praktisch veranlagten Vorstandsvorsitzenden von Finanzhäusern und Investmentfirmen gestellt wurden, zielten auf die Optimierung von Überlebensstrategien nach der Apokalypse. Gefragt wurde beispielsweise, welche Regionen am wenigsten vom eben dem Klimawandel tangiert würden, den Rechtspopulisten immer noch leugnen. Von Interesse waren auch Bestrebungen innerhalb der Hightech-Oligarchie, das eigene Bewusstsein in die Supercomputer oder die Cloud hochzuladen, um so als eine digitale Kopie seiner selbst zu überleben.

Schliesslich – man ist ja praktisch veranlagt – kreiste das rund einstündige Gespräch um die leidige Sicherheitsfrage, die sich nach dem Zusammenbruch der besten aller möglichen Welten unweigerlich stellen würde.

Der Vorstandsvorsitzende eines Investmenthauses wollte etwa wissen, wie er die „Kontrolle über meine Sicherheitskräfte nach dem Ereignis“ behalte. Die Finanzmagnaten wüssten, dass bewaffnete Wächter ihre Zufluchtsorte vor wütenden Menschenmengen verteidigen müssten, so Rushkoff, doch sie wüssten nicht, „wie sie diese bezahlen sollten, sobald Geld wertlos geworden“ sei.

Was also würde die schwer bewaffneten Sicherheitskräfte davon abhalten, ihren eigenen Führer zu wählen – und sich ihrer derzeitigen „Arbeitgeber“ einfach zu entledigen? Die Milliardäre entwickelten hierbei die unterschiedlichsten Ideen, die sie auf ihre technische Machbarkeit überprüft sehen wollten.

Wäre es möglich, die Nahrungsmittel mit speziellen Schlössern zu sichern, die nur sie öffnen könnten? Seien „Disziplinierungshalsbänder“ technisch realisierbar, die sie den Sicherheitskräften anlagen könnten, um diese von der Rebellion abzuhalten? Oder sei es eventuell technisch möglich, schon jetzt auf den Faktor Mensch gänzlich zu verzichten und Roboter als Wächter und Diener arbeiten zu lassen?

Panik unter den obersten Zehntausend

Während dieses Gesprächs sei es ihm plötzlich klar geworden, dass seine einflussreichen Gesprächspartner tatsächlich hier die „Zukunft der Technik“ diskutierten, erinnerte sich Rushkoff. Eine wachsende Schicht von Superreichen sehe in den wachsenden technologischen Möglichkeiten nur noch ein Mittel zum postapokalyptischen Überlebenskampf.

Das Gerede davon, die spätkapitalistische Welt durch Technik zu einem besseren Platz zu machen, wird in solchen Gesprächen fallengelassen. Es gehe nur noch darum, das Menschsein hinter sich zu lassen und sich selbst von den zunehmenden Krisentendenzen abzukapseln, so Rushkoff. Für diese Superreichen bestehe die Zukunft der Technik vor allem „in einer Sache: in der Flucht“. Bei all ihrem Reichtum und ihrer Macht, glaubten sie nicht mehr, sie könnten die Zukunft beeinflussen, bemerkte Rushkoff.

Die Superreichen haben somit Angst – gerade weil sie merken, dass sie die gesellschaftliche Krisendynamik nicht unter Kontrolle haben. Der in diesen Kreisen übliche Allmachtswahn schlägt somit angesichts zunehmender Krisentendenzen jäh ins Gegenteil um: in die soziale Ohnmachtserfahrung. Die Superreichen reagieren auf diese Einsicht mit sozialer Panik – die gesellschaftliche Bindung soll gekappt, das eigene Überleben in Abkapselung von der Gesellschaft organisiert werden.

Dies ist keine Marotte der obersten Zehntausend, sondern eine krisenhafte Extremform des neoliberalen Konkurrenzdenkens, mit dem die spätkapitalistischen Gesellschaften in den vergangenen Dekaden verseucht wurden. Diese zunehmenden Abschottungstendenzen der Superreichen spiegeln nur den Survivalismus, der auch in der Neuen Rechten um sich greift, etwa in der Szene der sogenannten Prepper, die sich auf den Weltuntergang „vorbereiten“ (to prepare).

Die Mittel, die zur postapokalyptischen Abkapslung angewendet werden, sind bei den Superreichen nur ganz andere. Der rehte Prepper mag seinen eigenen Keller in einem Bunker umbauen, für den Milliardär Elon Musk stellt sich eher die Frage, welchen Planeten man nach dem zivilisatorischen Zusammenbruch ansteuern wolle.

Er glaube, die Welt steuere auf ein zivilisationsbedrohendes Szenario zu, etwa einen 3. Weltkrieg, erklärte Musk in einem Interview, weshalb er dafür sorgen wolle, dass ein „Samen“ der Menschheit überlebe. Sein Weltraumunternehmen SpaceX habe auch das Ziel vor Augen, dafür zu sorgen, dass die menschliche Zivilisation „irgendwo anders“ überlebe, sobald sie auf der Erde zusammenbreche.

Marsianische Fieberfatasien

Dies soll auf dem Mars geschehen. Der rote Planet werde dabei nicht nur zivilisatorischer Zufluchtsort, sondern auch ein prima Geschäftsfeld sein, erläuterte Musk: „Der Mars wird alles Mögliche brauchen, von Eisenwerken bis zu Pizzabuden … und er wird grossartige Bars haben“, schwelgte Mustk in einem Interview. Sobald die Infrastruktur stehe, werde man auf dem Mars „ein grosses Ausmass an unternehmerischen Ressourcen benötigen“. Das System, das die Erde in den ökologischen Kollaps treibt, soll somit auf dem Mars prolongiert werden.

Newsweek etwa glaubte schon 2015 einen künftigen stellaren „Klassenkampf“ prognostizieren zu können, bei dem in wenigen Dekaden die Reichen die Erde verlassen würden, um die Unterschicht im Chaos einer zerfallenden Zivilisation zurückzulassen. Der britische The Guardian fragte ebenfalls, ob die „Megareichen“ nicht nur deswegen unbedingt Raumschiffe haben wollten, um der Erde entfliehen zu können, die sie selber zerstören.

Solche marsianischen Fieberfantasien eines Elon Musk oder des Amazon-Androiden Jeff Bezos, die konsequent die bisherigen, spektakulär gescheiterten Grossexperimente mit geschlossenen Biosphären ignorieren, sind nur der extremste Ausfluss des panischen Bestrebens der Klasse von Profiteuren des Spätkapitalismus, den Krisentendenzen des amoklaufenden Systems zu entkommen, das sie selbst hervorbrachte.

Bunker aus dem Kalten Krieg

Wem der Mars zu rot und zu futuristisch ist, der kann sich gerne in die gute alte Zeit des Kalten Krieges zurückziehen. Die Silos für Interkontinentalraketen im US-Bundesstaat Kansas, die seit dem Ende der Systemkonfrontation grösstenteils brachliegen, sind nun einem neuen, lukrativen Geschäftsfeld zugeführt worden. 2008 von dem Unternehmer Larry Hall aufgekauft, sind sie nun zu einem Luxusbunker-Komplex umgebaut worden.

Für rund vier Millionen US-Dollar kann nun eine luxuriös ausgestattete Etage in dem ehemaligen Raketensilo erworben werden. Für den kleinen Geldbeutel sind schon halbe Etagen für den Schnäppchenpreis von 1,5 Millionen Dollar von dem Unternehmen Survival Condo zu erwerben.

Unter neun Meter dicken Betonmauern können so Winde bis zu 500 Stundenkilometern und nahe Atomschläge überlebt werden. Jedes einzelne Silo kann 75 betuchten „Kunden“ Schutz bieten. Die Lebenserhaltungssysteme sind auf einen Zeitraum von maximal fünf Jahren ausgelegt. Ein modernes IT-System sorge für Unterhaltung, Bildung und Kommunikation zwischen den Silos, erklärten Vertreter des Unternehmens.

In der postapokalyptischen Gated Community gebe es ein Schwimmbad samt Sauna, eine Erste Hilfe Station, eine Kletterwand, einen Sportraum sowie eine Bücherei. Und selbstverständlich verfüge die Anlage über „das höchste militärische Ausmass an nichttödlichen und tödlichen Sicherheitsvorrichtungen,“ um die lieben „Kunden“ zu schützen.

Die Frage, wieso die Sicherheitskräfte dies nach dem Ausbruch der Zombieapokalypse überhaupt tun sollten, anstatt den Laden selber zu übernehmen und die „Kunden“ an die frisch strahlende Luft zu befördern, stellt sich bei Survival Condo lieber Niemand.

Beliebt als Zufluchtsort für Megareiche vor dem Zusammenbruch ist auch Neuseeland. Die Leute glaubten, Neuseeland sei ein guter Aufenthaltsort, wenn die Welt „zur Hölle geht“, erklärte ein Migrationsagent gegenüber The Guardian den zunehmenden Zustrom von reichen Migranten aus den USA.

Die Angst vor der kapitalistischen Apokalypse führe innerhalb der „Funktionseliten“ des Kapitals zu einer regelrechten Sammelwut von Immobilien. Er sammle Immobilien in diversen Weltregionen, um immer einen „Zufluchtsort“ zu haben, erklärte etwa ein Investmentbanker gegenüber Medienvertretern.

Angst und Panik breiten sich gerade innerhalb der sogenannten „herrschenden Klasse“ aus – obwohl es keine gegnerische Klasse, keinen politischen Gegner mehr gibt, der ihre „Herrschaft“ bedrohte. Das Kapital scheitert an sich selbst, sowohl ökonomisch wie ökologisch Hier wird auch der fetischistische Charakter der vermittelten Herrschaft im Kapitalismus evident.

Im Kapitalismus herrscht das Kapitalverhältnis als eine unbewusst von den Marktsubjekten hervorgebrachte, blinde Wachstumsdynamik, die wild wuchernd sich jeglicher Kontrolle entzieht – und diese widersprüchliche Eigendynamik uferloser Kapitalverwertung ist grösser als die grössten Kapitalisten, die gerade in Krisenzeiten plötzlich spüren, selber nicht „Herr“ der Lage zu sein.

Zugleich stellt diese Konjunktur der Doomsday-Industrie die in Krisenzeiten grassierenden Ideologien einer finsteren Weltverschwörung bloss, die insbesondere innerhalb der Neuen Rechten – zumeist mit antisemitischen Untertönen – propagiert werden. Es gibt keine Weltverschwörung. Das ist ja das Beängstigende, dass das Kapitalverhältnis seiner Eigendynamik folgend die menschliche Zivilisation zu zerstören droht.

Die Notwendigkeit, eben diese autodestruktive Dynamik uferloser Kapitalverwertung zu überwinden, werden aber Weltraumunternehmer wie Musk niemals einsehen – eher schon können sie die Apokalypse akzeptieren.

Erstveröffentlicht im Untergrundblättle v. 25.12.-23
https://www.untergrund-blättle.ch/gesellschaft/panorama/der-exodus-der-geldmenschen-8126.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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