Geschichte einer palästinensischen Stadt – Filmabend

LYD (2024)
A Sci-Fi Documentary ● directed by Rami Younis & Sarah Ema Friedland ● Executive Producer: Roger Waters ● 2024 ● 1 hr 18 min

Samstag, 22.3.2025 | 19:00 Uhr | Spore Initiative, Hermannstraẞe 86

Veranstalter:Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost

19:00 Originalfilm (mit eng. Untertiteln)
20:30 Diskussionsrunde (Englisch)

Die Veranstalter schreiben in Ihrer Einladung über Film und die Stadt Lyd:

„Die Geschichte einer Stadt, die einst Palästina mit der Welt verband – was sie einmal war, was sie heute ist und was sie hätte werden können.

Dieser Science-Fiction-Dokumentarfilm erzählt die vielfältigen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte der Stadt Lyd in Palästina/Israel. Aus der Perspektive der Stadt selbst, mit der Stimme der palästinensischen Schauspielerin Maisa Abd Elhadi, wird der Zuschauer durch die Lebensspanne einer fünftausend Jahre alten Stadt und ihrer Bewohner geführt.

Lyd war einst ein blühendes palästinensisches Zentrum mit einer reichen Geschichte. Im Jahr 636 n. Chr. galt sie sogar als erste Hauptstadt Palästinas. Mit der Staatsgründung Israels 1948 wurde Lyd zu einer israelischen Stadt und in diesem Prozess wurden Hunderte palästinensische Einwohner von israelischen Streitkräften massakriert und die meisten der 50.000 palästinensischen Einwohner ins Exil geschickt. Heute hat die Stadt eine jüdisch-israelische Mehrheit und eine palästinensische Minderheit, sie ist unterfinanziert und durch Rassismus und Gewalt gespalten.
Für die Palästinenser ist Lyds Geschichte ein schmerzhafter und tragischer Ruin. Deshalb wagt der Film die Frage: Wie würde die Stadt aussehen, wenn es nie zur israelischen Besetzung Lyds gekommen wäre?“

Nach dem Film betrachtet ein Panel das soziale Gefüge sogenannter gemischter Städte in Palästina/Israel und stellt sich Fragen, wie Bevölkerungsregulierung und Biopolitik das Leben in diesen Städten prägen.

Die Filmvorführung ist wie immer kostenlos und wir sammeln Spenden für Clean Shelter @clean.shelter.ngo

Die tendenziöse Sprache der »Tagesschau«

Israelische Gewalt im Nahost-Konflikt wird eingebettet, palästinensische emotionalisiert

Kein einziges Mal benutzten Sprecher der »Tagesschau« den Begriff »Massaker« für israelische Gewalt.

Verzerrt die ARD die Realität des Krieges im Nahen Osten? Eine Auswertung aller »Tagesschau«-Sendungen seit dem 7. Oktober 2023 kommt zu einem eindeutigen Ergebnis.

Von Fabian Goldmann

Bildcollage: Jochen Gester

Über anderthalb Jahre dauert der Krieg in Nahost. Genauso lang hält die Empörung über die Berichterstattung deutscher Medien an. Im Zentrum der Kritik steht die »Tagesschau«. Schon im Oktober 2023 machte der Leak einer 47-seitigen ARD-internen Sprachregelung Schlagzeilen. Damit sollen Mitarbeiter des Senders gebrieft worden sein, nur bestimmte Formulierungen in der Berichterstattung zu verwenden. Demnach seien Angriffe der israelischen Armee »Reaktionen«, die »Gegenangriffe« genannt werden sollten.

Schlagen sich solche Sprachregelungen wirklich in der realen Berichterstattung nieder? Um das herauszufinden, habe ich mir das nachrichtliche Aushängeschild der ARD näher angeschaut und alle 471 Abendnachrichten der »Tagesschau« zwischen dem 7. Oktober 2023 (Angriff der Hamas auf Israel) und dem 19. Januar 2025 (Beginn der »Waffenruhe«) im Hinblick auf die Verwendung des Wortes »Reaktion« oder Abwandlungen davon ausgewertet.

Insgesamt 111 mal wurde in der »Tagesschau« in 15 Monaten Berichterstattung zum Nahen Osten mit Gewalt »reagiert«, »geantwortet«, »zurückgeschlagen« oder diese »erwidert«. Hinzu kommen 45 »Gegenangriffe« und »Gegenschläge«. In 156 Fällen bezeichnete die »Tagesschau« also sprachlich Gewalttaten als Konsequenz vorangegangener Ereignisse. In 103 Fällen (66 Prozent) waren damit israelische Angriffe gemeint. Weit abgeschlagen mit 18-mal »Reaktion« auf Platz zwei landet der Iran. Meist handelte es sich dabei allerdings um Zitate iranischer Politiker und nicht um Äußerungen durch die »Tagesschau«-Sprecher. Den dritten Platz belegen die USA, die in der Darstellung der »Tagesschau« meist auf Gewalttaten der jemenitischen Huthi-Miliz »reagierten«.

Palästinensische Gewalttaten – sei es durch Hamas oder andere Gruppen – stellte die »Tagesschau« hingegen in 15 Monaten kein einziges Mal als Konsequenz auf vorangegangene israelische Gewalt dar. In dieser Zeit berichtete die Sendung aber überproportional über palästinensische Gewalt. Gleichzeitig hätte es infolge Zehntausender israelischer Angriffe jede Menge Gelegenheiten gegeben, die palästinensischen als »Reaktion« darauf zu bezeichnen.

In der täglichen Berichterstattung der »Tagesschau« scheint also nicht der konkrete Angriff und dessen Umstände über die dafür gewählte Formulierung zu entscheiden, sondern vielmehr, ob dieser von Israel oder der Hamas ausging. Nicht die Tat ist demnach entscheidend, sondern die Täter.

Palästinensische Gewalttaten stellte die »Tagesschau« in 15 Monaten kein einziges Mal als Konsequenz auf vorangegangene israelische Gewalt dar.

Diese pauschale Zuschreibung formuliert die »Tagesschau« auch immer wieder ganz explizit. Ein Jahr Krieg in Nahost fasst die »Tagesschau« am 7. Oktober 2024 zum Beispiel wie folgt zusammen: »Die Terroristen ermorden im Süden Israels fast 1200 Menschen und verschleppen über 240 in den Gazastreifen. Israel reagiert mit Luftangriffen.«

Während die »Tagesschau« die Begriffe »Reaktion« und »Gegenangriff« überwiegend zur Bezeichnung von Israel ausgehender Gewalt vorhält, fällt in der Berichterstattung der Begriff »Massaker« auf, der zur Bezeichnung palästinensischer Gewalt verwendet wird. Insgesamt 16-mal ist zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 19. Januar 2025 in der »Tagesschau« davon die Rede. In zehn Fällen ist damit der Angriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 gemeint. In sechs Fällen werden israelische Angriffe so bezeichnet. Dabei handelt es sich allerdings ausnahmslos um Zitate etwa von Überlebenden oder Politikern. Kein einziges Mal benutzen Sprecher oder Reporter der »Tagesschau« selbst den Begriff »Massaker« als Bezeichnung für israelische Gewalt – und das, obwohl etwa Menschenrechtsorganisationen Israels Armee Hunderte solcher Ereignisse anlasten.

Um sicherzugehen, ob die ARD den Begriff »Massaker« zur Bezeichnung von Gewalttaten durch die israelische Armee konsequent vermeidet, habe ich zusätzlich den »Nahost-Liveblog« auf der Website der »Tagesschau« ausgewertet. Hier wird weit umfassender als in ihren Abendnachrichten berichtet. Das Ergebnis ist eindeutig: Insgesamt 196-mal macht sich die Redaktion dort den Begriff »Massaker« zu eigen (ohne Zitate). Gemeint war ausschließlich der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023. Israelische »Massaker« bezeichnete sie kein einziges Mal als solche.

Während die »Tagesschau« israelische Gewalt also einbettet – und damit auch legitimiert –, wird palästinensische Gewalt durchgehend entkontextualisiert und emotionalisiert. Damit deckt sich die Berichterstattung mit den Vorgaben aus dem ARD-Glossar. Ob »Tagesschau«-Redakteure nun wirklich aufgrund interner Anweisungen oder anderer Gründe diese Formulierungen wählen, lässt sich nicht belegen. Sicher ist: Ein akkurates Bild vom seit anderthalb Jahren andauernden Krieg im Nahen Osten vermitteln sie so nicht.

Erstveröffentlicht im nd v. 14.3. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-03-14/articles/17303208

Wir danken für das Publikationsrecht.

Aufruf Öcalans: „Bestenfalls der Anfang vom Anfang“

Der Nahe Osten um und in Syrien wird regional- und geopolitisch neu aufgeteilt. Mittendrin die Kurden. Sie haben die Wahl zwischen drei Teufeln. Israel Netanyahu und die Türkei Erdogan fighten um mehr Einfluß und Vorherrschaft. USA Strippenzieher Trump versucht die Karten zu mischen und auszuteilen. Es war noch nie ratsam einem Teufel zu vertrauen und von ihm abhängig zu sein. Aber was macht man, wenn einem droht, zwischen den Fronten zerrieben zu werden? Auf jeden Fall daran festhalten, was in Rojava geschah: alle Menschen gleich welcher Religion, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts hinter sich versammeln. Und da wären noch andere unterdrückte Völker in der Region, mit denen man offensiv versuchen sollte, sich zusammenzutun. Das ist die Macht, die etwas positiv verändern kann. Führer sind zweitrangig! Taktisches Manövrieren darf nicht die Seele preisgeben! Ich war erfreut, als ich dieses Jahr am 1.Mai kurdische Aktivist:Innen gemeinsam mit Palästinenser:innen demonstrieren sah. Der folgende Beitrag von Amalia van Gen versucht eine differenzierte Analyse der komplizierten Situation. (Peter Vlatten)

Der Kurdenführer rief dazu auf, die PKK aufzulösen. Das Ausland jubelt – die Kurden dagegen reagieren verhalten. Eine Bilanz.

Von Amalia van Gen  für die Online-Zeitung INFOsperber, 5.3.2025

Über sechs Monate lang verhandelten der Kurdenführer Abdullah Öcalan mit Männern des türkischen Geheimdienstes MIT auf der Gefängnisinsel Imrali über einen möglichen neuen Friedensprozess im Kurdenkonflikt der Türkei. Am 25. Februar 2025 wurde schliesslich sein Appell in der Öffentlichkeit verlesen: «Es gibt keine Alternative zur Demokratie», sagte Abdullah Öcalan und rief die Kämpfer seiner «Arbeiterpartei Kurdistan» (Partiya Karkeren Kurdistanê PKK) auf, ihre Waffen niederzulegen und die PKK aufzulösen.

Öcalan forderte nicht wie bis 1991 einen eigenen Staat für die Kurden der Türkei. Er bezog sich auch nicht mehr auf eine weitreichende kurdische Autonomie im Süden der Türkei, die seine Bewegung bis vor kurzem anstrebte. «Demokratie», lautet nun das neue Schlagwort. «Demokratisierung der Türkei» und «Auflösung der PKK», das sind die neuen Elemente in seinem Vokabular. Kann Öcalans dramatische Wende auch den Wendepunkt im jahrzehntelangen Konflikt bedeuten und somit den Frieden zwischen Kurden und Türken der Türkei ermöglichen?

Zwiespältige Reaktionen

Die Worte Öcalans lösten ein unerwartet grosses Echo aus – zunächst im Ausland. Die USA, die Noch-Regierung Scholz in Berlin, der UN-Generalsekretär Antonio Guterres und die EU haben Öcalans Appell beinah überschwänglich begrüsst – was zur Verwunderung unter Kurden führte, gilt doch die PKK in all diesen Ländern als «Terrororganisation». Bald folgte auch die Reaktion der umliegenden Nachbarstaaten: Bagdad und Teheran begrüssten unisono den Friedenappell aus Imrali, ebenso die grossen Kurdenparteien im Nordirak und in Iran.

Kann Öcalans Appell also die Lage der Kurden und Kurdinnen tatsächlich verändern?

Der seit 1984 anhaltende kurdisch-türkische Konflikt hat das Land wirtschaftlich, sozial und moralisch verwüstet: «Blutige Auseinandersetzungen, Hoffnung auf Frieden, Notstandsregime, militärische Lösungen, Waffenstillstände, geheime Verhandlungen, Bürgerkrieg, grenzüberschreitende Operationen – all diese Begriffe haben die Schlagzeilen des letzten halben Jahrhunderts dominiert», kommentiert der oppositionelle türkische Journalist Can Dündar.

Der Konflikt habe «den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt zum Stillstand gebracht und ein Erbe der Unterdrückung, des Traumas und der tiefen sozialen Spaltung hinterlassen», so auch der renommierte türkische Journalist Yavuz Baydar. Offizielle Quellen, einschliesslich der türkischen Armee, schätzen, dass seit 1984 rund 50’000 Menschen ihr Leben verloren haben, rund 80 Prozent von ihnen waren Kurden.

Abertausende von Kurd:innen verfolgten letzten Donnerstag die auf Türkisch, Kurdisch, Englisch und Arabisch gehaltene Rede, die live auf Grossbildschirmen in den osttürkischen Städten Van und Diyarbakir sowie in sieben Städten Syriens übertragen wurde. Ihre Reaktion fiel im Vergleich zu den Regierungen im Ausland weniger enthusiastisch aus.

Die unabhängige Internetplattform «Bianet» beschrieb etwa, wie die Stimmung in Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden in der Türkei, von anfänglich ausgelassener Feierstimmung allmählich in Verwirrung, in Schock und schliesslich in Trauer umschlug: Sollten alle Opfer umsonst gewesen sein, zitiert «Bianet» eine Gruppe von anwesenden Müttern, die Söhne und Töchter in diesem Kampf verloren haben.

Einseitiger Waffenstillstand der PKK

Am Samstag, den 1. März 2024, erklärte die PKK-Führung den einseitigen Waffenstillstand. «Solange es keine Angriffe auf uns gibt, werden unsere Kräfte keine bewaffneten Aktionen durchführen», heisst es in der PKK-Erklärung. Der Oberkommandierende der PKK-Kämpfer, Murat Karayilan, forderte Anfang Februar eindringlich die Freilassung Abdullah Öcalans. Nur Öcalan sei befugt, einen PKK-Kongress zusammenzurufen und die Selbstauflösung der Partei zu beschliessen, erklärte er in einem vom kurdischen TV-Sender «Stêrk» am 8. Februar ausgestrahlten Interview.

Der bewaffnete Arm der PKK hatte sich seit der Friedensinitiative von 2013 in die entlegenen Täler des irakischen Kurdistans zurückgezogen. Den Abzug der PKK-Rebellen aus der Türkei hatte die Regierung in Ankara damals als eine ihrer wichtigsten Bedingungen im Friedensprozess durchgesetzt. Zwei Jahre später scheiterte die Initiative aber krachend.

Der Südosten der Türkei schlitterte erneut in einen gnadenlosen Krieg. Die Repression gegen kurdische Zivilisten nahm ein beispielloses Ausmass an; Auf über 10’000 schätzt die DEM, die einzige legale pro-kurdische Partei der Türkei, die Zahl ihrer Anhänger, die nach 2015 willkürlich festgenommen wurden und seither hinter Gittern sitzen. Seit damals wird der Krieg der türkischen Streitkräfte gegen die PKK vor allem auf dem Territorium von Irakisch-Kurdistan oder in Nordsyrien ausgetragen.

Wie viele bewaffnete PKK-Rebellen sich noch heute in der zerklüfteten Bergwelt des Nordiraks aufhalten, ist unklar. Experten schätzen ihre Zahl jedenfalls auf mehrere tausende Männer und Frauen. Was soll mit diesen Kämpfern passieren, sollten sie wie von Öcalan gefordert, ihre Waffen niederlegen? Werden sie in die Türkei zurückkehren dürfen, oder müssten sie für immer im Nordirak bleiben? Es sind Fragen, auf die der Appell Öcalans keine klaren Antworten gibt und die den Kommandanten Murat Karayilan quälen dürften. Der Beginn eines Friedensprozesses setze einen bilateralen Waffenstillstand voraus, sagte er im Interview mit «Stêrk». Die PKK hat am 1. März tatsächlich einen Waffenstillstand erklärt; die Türkei noch nicht.

Vertrauen auf das Duo Erdogan-Öcalan

Hat die Türkei dann eine Chance auf Frieden? Die dramatischen Entwicklungen in Syrien und in Gaza sowie der Wahlsieg Trumps in den USA haben alte Gewissheiten des türkischen Staats und der kurdischen Nationalbewegung erschüttert. Offenbar sind beide Seiten davon überzeugt, dass die Kurdenfrage der Türkei entweder jetzt oder nie zu lösen sei.

Beide Seiten setzen dabei auf zwei Männer, denen sie seit alters her zutrauen, auch schwierige Kompromisse erzwingen zu können: den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und den PKK-Gründer Abdullah Öcalan. Erdogan und Öcalan üben einen ungebrochen grossen Einfluss auf ihre jeweiligen Gesellschaften aus.

Gemein ist beiden Politikern auch ihr leichter Hang zum Grössenwahn: Erdogan schwört sein Volk auf ein glorreiches «türkisches Jahrhundert» ein, in dem die turk-sprachige Welt vom Mittelmeer bis zur Chinesischen Mauer in einem sogenannten Turan vereint sein und neben Russland und China die neue globale Macht bilden soll. Dazu braucht er die Kurden an der Seite der Türkei oder zumindest nicht gegen sie.

Öcalan betrachtet sich nicht erst heute als Sprecher aller Kurden im Nahen Osten. Es handelt sich um insgesamt rund 40 Millionen Menschen.

Warten auf eine Generalamnestie

Ihre neue Initiative birgt für beide Politiker auch grosse Risiken: Abdullah Öcalan riskiert vor allem, das Vertrauen der Kurden zu verspielen, wenn die Türkei nicht bald mit demokratischen Reformen auf die kurdische Bevölkerung zugeht.

Was erwartet wird, ist eine Generalamnestie für kurdische Politiker.

Abertausende Mitglieder der legalen pro-kurdischen Parteien und ihre populärsten Politiker wie Selahaddin Demirtas wurden im letzten Jahrzehnt willkürlich festgenommen. Ihre Freilassung würde den gerade versprochenen Demokratisierungsprozess unterstreichen und das Misstrauen der kurdischen Bevölkerung gegenüber der Regierung Erdogan teils aus dem Weg räumen. Noch frisch und verstörend ist die Erinnerung an die letzten Wochen, als Ankara gewählte kurdische Bürgermeister aus fadenscheinigen Gründen reihenweise festnehmen und in ihrem Amt von regierungstreuen Zwangsverwaltern ersetzen liess, während gleichzeitig Friedensgespräche mit Öcalan geführt wurden. Die kurdische Gesellschaft erwartet, dass die Inhaftierten so rasch wie möglich freigelassen werden und die gewählten Bürgermeister genau so rasch in ihr Amt zurückkehren dürfen. Wird Ankara diesen Schritt wagen?

Öcalan riskiert mit seinem Aufruf auch eine Spaltung der kurdischen Nationalbewegung. Bezeichnenderweise nannte der Kommandeur der syrischen Kurden Mazlum Kobane den Aufruf Öcalans einen «historischen Wendepunkt», um sogleich klarzustellen: «Das gilt nur für die PKK, nicht für uns in Syrien».

«Wenn die Gründe für das Tragen von Waffen verschwinden, werden wir sie ablegen», kommentierte trocken auch Salih Muslim. Muslim ist einflussreicher Politiker im kurdisch verwalteten Gebiet Nordsyriens, das auch als Rojava bekannt ist. Und Rojava galt bisher als die ideologische Hochburg der PKK.

Rivalität zwischen Israel und der Türkei

Und Erdogan? Auch für die Türkei steht vieles auf dem Spiel. Setzt Ankara wie bis anhin auf eine Politik der Demütigung, riskiert Erdogan, das Herz der Kurden an seinen neuen, geopolitischen Rivalen im Nahen Osten zu verlieren: an Israel.

Der unerwartet schnelle Sturz von Baschar al Assad hat Israel und die Türkei zu den bestimmenden Akteuren in Syrien gemacht. Die israelische Armee hält völkerrechtswidrig syrisches Territorium um die Golanhöhen besetzt, während sich die türkischen Streitkräfte ebenso völkerrechtswidrig im Norden des Landes verschanzt halten.

Beide Akteure sind bestrebt, die Politik der neuen syrischen Regierung in ihrem Sinne umzugestalten: Obwohl Syrien schon immer ein multikulturelles Gebilde mit grossen Minderheiten von Christen, Alawiten, Kurden und Drusen war, lehnt die Türkei jede Idee einer Föderation im neuen Syrien strikt ab. Ankara will durchsetzen, dass alle bewaffneten Truppen ihre Waffen niederlegen und sich, wie zu Zeiten der al-Assad-Herrschaft, dem Kommando einer einheitlichen syrischen Armee unterstellen.

Rojava fast wie eine Insel der Demokratie

Der syrische Bürgerkrieg und der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) haben jedoch neue Realitäten geschaffen: Im Kampf gegen den IS mit Hilfe der USA und europäischer Staaten entstand nach 2012 im Nordosten des Landes die autonome Region Rojava. Heute umfasst Rojava ein Drittel des syrischen Staatsgebiets und kontrolliert wichtige Öl-, Gas- und Wasserquellen.

Im Vergleich zu den Nachbarländern, in denen der Einfluss des politischen Islams gross ist, wirkt Rojava schon fast wie eine Insel der Demokratie: Die Religion spielt eine untergeordnete Rolle, und Nicht-Kurden sowie religiöse Minderheiten wie Christen und Yeziden geniessen hier mehr Rechte und Sicherheit als bisher in jedem anderen Teil Syriens.

Rojava fällt vor allem durch seine ausgesprochen frauenfreundliche Politik aus dem Rahmen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter und eine Frauenquote von 50 Prozent sind in allen politischen und militärischen Gremien vorgeschrieben. Junge Frauen in Kampfmontur mit Kalaschnikows prägen das Strassenbild. Ihr Slogan «Jin, Jiyan Azadi» (Frau, Leben, Freiheit) wurde nach der Ermordung der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini im Herbst 2022 zur zentralen Parole der iranischen und internationalen Frauenbewegung. Nun sollen sie sich nach dem Diktat Ankaras dem Kommando der neuen Regierung unterwerfen, die aus der dschihadistischen Bewegung hervorgegangen ist? Rojava zieht das israelische Regierungsmodell vor: dieses verspricht eine Föderation in Syrien, in der sich die Minderheiten selber verwalten.

Türkisch-israelische Rivalität spitzt sich zu

Die Umwälzungen in Syrien und in Gaza haben im Länderviereck Türkei-Syrien, Irak und Iran, in dem sich traditionell das kurdische Siedlungsgebiet befindet, eine Dynamik entfesselt, deren Folgen noch ungeahnt sind. Plötzlich scheint möglich, was jahrzehntelang als völlig undenkbar galt: Die kurdischen Führer diesseits und jenseits der Grenzen zeigen sich beispielsweise zum ersten Mal in ihrer Geschichte bereit, ihre legendäre Zerstrittenheit zu überwinden und im Nahen Osten als gemeinsame Front auftreten zu wollen. Die Forderung Rojavas nach Selbstverwaltung in Syrien wird nun auch von der kurdischen Führung des Nordiraks unterstützt. Hat Ankara das Herz der Kurden bereits teils verspielt?

Weder die Drusen noch die Kurden oder die Alawiten haben bisher ihre Waffen niedergelegt. Die Rivalität zwischen der Türkei und Israel spitzt sich auch in der Kurdenfrage zu. Der Friedensprozess, der gerade in der Türkei begonnen hat, könne «bestenfalls der Anfang eines Anfangs sein», folgert der bekannte Journalist Yavuz Baydar. Mehr nicht.

Titelbild: PKK-Mitglieder im Jahr 2015 beim Pflanzen eines Baums zu Ehren von Abdullah Öcalan. Nun will ihr Führer, dass sie ihre Waffen abgeben cc-by Kurdish PKK Guerilla / flickr.com

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung