Bundesrepublik Sparta

Das Konzept einer eigenständigen imperialistischen europäischen Großmacht unter deutscher Führung gewinnt kräftig an Konturen. Den Worten folgen Taten. Wer eins und eins zusammenzählt erkennt, dass „kriegstüchtig“ letztlich „angriffstüchtig“ bedeutet und uns alle in eine neue Gefahrenzone hievt. Die Hauptverantwortlichen dafür sitzen hier, im eigenen Land, und nirgends sonst. (Peter Vlatten)

Bundesrepublik Sparta

12.05.26 – Berlin – GERMAN-FOREIGN-POLICY.com

Deutsche Rüstungsstrategen legen ein Konzeptpapier für eine von den USA unabhängige Hochrüstung vor („Sparta 2.0“). Kosten: 500 Milliarden Euro. „Weitgehende Autonomie“ sei in fünf bis zehn Jahren zu erreichen.

Deutsche Rüstungsstrategen legen unter dem Titel „Sparta 2.0“ ein Konzeptpapier für eine von den USA unabhängige Aufrüstung Deutschlands und Europas vor. Wie die Autoren des Papiers konstatieren, ist aktuell „kein europäischer Kampfeinsatz“ ohne „Software oder Systeme“ aus den Vereinigten Staaten sowie die entsprechende Freigabe durch Washington denkbar. Aus der Abhängigkeit könnten die europäischen Staaten aber in wenigen Jahren entkommen, heißt es in dem Papier; erforderlich seien neben dem politischen Willen Mittel im Wert von 500 Milliarden Euro im ersten Jahrzehnt. Das sei finanzierbar, urteilen die Autoren. Sie identifizieren insbesondere zehn „Fähigkeitslücken“, darunter einige wie etwa die Massenproduktion von Drohnen und der Aufbau von Satellitenkonstellationen, an denen deutsche Unternehmen bereits arbeiten. Der Weg zur „Verteidigungsautonomie“ Europas gehe über „den Einsatz der finanziellen und industriellen Ressourcen Deutschlands“, stellen die Autoren fest. Sie verkörpern die immer engere Verflechtung der deutschen Politik sowie ihrer Denkfabriken mit Rüstungsunternehmen. Besonders intensive Verquickungen bestehen zur boomenden Drohnenindustrie.

Sparta 2.0

Das neue „Sparta 2.0“-Papier, das sich erklärtermaßen an „deutsche und europäische Entscheidungsträger“ richtet, diagnostiziert zunächst schwerwiegende Mängel im Stand der Aufrüstung in Deutschland und Europa. Obwohl die europäischen Staaten inzwischen Mittel im Wert von 60 Prozent des US-Militärhaushalts in ihre Streitkräfte steckten, blieben sie „militärisch auf allen Ebenen“ von den Vereinigten Staaten abhängig, heißt es in dem Papier. Dabei durchziehe die Abhängigkeit „nicht nur einzelne Waffensysteme, sondern letztlich die gesamte Wirkkette – von der satellitengestützten Aufklärung über die Feuerleitung bis zum Gefechtsfeld“.[1] Trocken urteilen die Autoren: „Kein europäischer Kampfeinsatz ist aktuell ohne Freigabe, Software oder Systeme“ der USA denkbar. Ohne wirkliche „Kursänderung“ werde in den kommenden Jahren „das Missverhältnis zwischen dem finanziellen Input Europas und den militärischen Fähigkeiten weiter zunehmen“. Eine „Kursänderung“ aber sei durchaus möglich. Europa habe „mit dem zweithöchsten Verteidigungsbudget weltweit und einer wettbewerbsfähigen Industrie- und Technologiebasis“ alle nötigen Voraussetzungen dafür. Man müsse die Erreichung rüstungsindustrieller Eigenständigkeit als Europas „Manhattan Project“ begreifen.[2]

Fähigkeitslücken

„Sparta 2.0“ listet zehn „strategische Fähigkeitslücken“ auf, in denen „die Abhängigkeiten Europas kritisch“ seien; sie durch die Entwicklung deutscher bzw. europäischer Fähigkeiten zu füllen sei eine „strategische Notwendigkeit“. In mehreren Fällen sind besonders deutsche Rüstungskonzerne bereits mit einschlägigen Anstrengungen befasst. Das gilt zum Beispiel für „skalierte autonome Systeme“ – die Massenproduktion von Drohnen jeglicher Art [3] – und für die „Luftverteidigung“ [4]. Auch am „Aufbau einer europäischen Satellitenkonstellation“ [5] und an der Produktion „kleine[r] und mittlere[r] Trägerraketen“ für den Transport von Satelliten ins Weltall [6] arbeiten deutsche Unternehmen bereits. Entwicklung und Fertigung „weitreichender Präzisionswaffen“ sind in multinationaler Kooperation angestoßen worden [7]. Anderes fehlt noch, etwa der Aufbau „eines resilienten Führungs- und Kontrollsystems“ und der Aufbau „einer souveränen europäischen Daten- und KI-Infrastruktur“. Die Autoren des Papiers halten fest, dass neben den zehn „Fähigkeitslücken“ noch weitere „Engpässe“ bestehen, etwa „Munitionsknappheit“ oder Probleme in der Sanitätslogistik. Diese müssten im bestehenden Rahmen der Streitkräfte beziehungsweise der Rüstungsindustrie Europas gelöst werden.

Kern der Militärmacht Europa

Konkrete Angaben macht „Sparta 2.0“ zum zeitlichen und zum finanziellen Rahmen. So sei „substanzieller Fortschritt hin zu eigenständiger europäischer Handlungsfähigkeit“ in drei bis fünf Jahren realistisch. „Weitgehende Autonomie“ könne man „in den meisten Bereichen“ in fünf bis zehn Jahren erreichen. Die Kosten beziffern die Autoren auf 150 bis 200 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030; im gesamten Jahrzehnt bis zur Erreichung weitgehender Autonomie würden rund 500 Milliarden Euro benötigt. Das seien rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. Für die Staaten der EU plus Großbritannien und Norwegen gehe es damit um gut 0,25 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung: Das sei finanzierbar. Vorgehen solle man dabei in einer „Coalition of the Willing“ – in der Praxis „mit den Staaten Mittelosteuropas und Skandinaviens sowie mit den klassischen Partnern in Westeuropa und Großbritannien“. Das Papier berücksichtigt explizit die Tatsache, dass die Bundesrepublik ihr Militärbudget weitaus stärker aufstockt als die anderen Staaten Europas – auf 150, laut Angaben von „Sparta 2.0“ sogar 160 Milliarden Euro. Deshalb führe „der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie“ auch „zwangsläufig über den den Einsatz der finanziellen und industriellen Ressourcen Deutschlands“. Die Bundesrepublik wird damit zum Kern einer künftigen Militärmacht Europa.

Verflochten mit der Rüstungsindustrie

Vier der fünf Verfasser des Konzepts „Sparta 2.0“ haben bereits im März 2025 ein Papier publiziert, in dem sie in ähnlicher Weise eine eigenständige deutsch-europäische Aufrüstung forderten – mit dem Ziel, von den Vereinigten Staaten unabhängig zu werden. An ihnen lässt sich die zunehmende Verflechtung staatlicher Stellen und führender Denkfabriken mit der Rüstungsindustrie ablesen. Thomas Enders etwa, Major der Reserve, war lange Zeit Chef des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns Airbus, bevor er im Jahr 2019 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) wurde. René Obermann wiederum, Ex-Telekom-Chef, ist zur Zeit Airbus-Verwaltungsratschef und soll im nächsten Jahr Aufsichtsratschef des Softwarekonzerns SAP werden, der seit Februar einen Defense Innovation Hub in München unterhält. Jeanette zu Fürstenberg, Startup-Investorin, ist Europachefin der Silicon Valley-Risikokapitalfirma General Catalyst. Moritz Schularick amtiert als Präsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Neu zu den Autoren gestoßen ist Nico Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz. Lange, Obermann und Schularick bilden gemeinsam mit Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart einen eigens gegründeten Beraterkreis im Bundeswirtschaftsministerium für den Hochlauf der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Deutschlands Startup Nr. 1

Zwei der fünf Autoren sind zudem unmittelbar mit der im Aufbau begriffenen deutschen Drohnenindustrie verquickt: Fürstenberg gehörte zu den ersten Investoren der im Jahr 2021 gegründeten Drohnenfirma Helsing, in deren Aufsichtsrat seit 2022 Enders vertreten ist. Einer der drei Gründer von Helsing, Gundbert Scherf, war 2014 als Mitarbeiter der Beratungsfirma McKinsey ins Bundesverteidigungsministerium entsandt worden, wo er bis 2016 unter Ministerin Ursula von der Leyen als Beauftragter Strategische Steuerung Rüstung tätig war. Mit den McKinsey-Seilschaften, die damals sehr aktiv waren, befasste sich später ein Untersuchungsausschuss des Bundestags.[8] Helsing hat unlängst – neben Stark Defence – den Auftrag zur Fertigung von Drohnen für die Bundeswehr im Wert von zunächst 270 Millionen Euro erhalten; der Auftrag kann später auf 1,5 Milliarden Euro erhöht werden.[9] Helsing ist unter anderem auch mit der Entwicklung des ersten unbemannten Kampfjets aus deutscher Produktion befasst. In Kürze will das Startup eine neue Finanzierungsrunde mit Neuinvestitionen von 1,2 Milliarden Euro durchführen, mehr als sämtliche anderen Startups aus der Bundesrepublik. Helsing würde dadurch zum mit 18 Milliarden Euro wertvollsten deutschen Startup überhaupt.[10]

Wir danken für das Publikationsrecht. Der Beitrag ist am 7.Mai 2026 bei German Foreign Policy erschienen

TITELBILD: Collage Peter Vlatten

Berlin, die vermessene Stadt: Von Glücksrankings, Hashtag-Tourismus und stiller Vertreibung

Strukturelle Gewalt im neoliberalen Kapitalismus, die sanft daherkommt. Perfekt beschrieben. (Peter Vlatten)

Für wen ist diese Stadt? Der dramatische Schluss dieser Analyse lautet: Immer weniger für diejenigen, die das gemacht haben, wofür Berlin geliebt wird.

Von Martyra Peng für die Berliner Zeitung

Es gibt einen Moment, der sich in Berlin täglich wiederholt – in Kreuzberg, in Neukölln, in Friedrichshain und in jedem Bezirk, den irgendjemand irgendwann „Szene“ genannt hat: Ein Mensch, der seit 30 Jahren in seiner Wohnung lebt, öffnet morgens die Haustür und tritt in etwas, was dort nicht hingehört. Manchmal ist es Urin. Manchmal Erbrochenes. Manchmal der Müll einer Party, die in der Nacht vor seinem Hauseingang stattgefunden hat, ohne dass er eingeladen war – und die ihn auf eine Art betrifft, die kein Ranking der Welt erfasst.

Draußen zieht eine Gruppe Touristen vorbei, Handys gezückt. Sie hashtaggen. Platz sechs der am häufigsten gehashtaggten Städte auf TikTok, notiert der Algorithmus brav. Das ist nicht der Anfang der Geschichte. Es ist nur ihr sichtbarster Teil.

Die Industrie des Glücks

Städte und Länder werden seit den Achtzigerjahren systematisch in Produkte verwandelt – durch Standortmarketing, Tourismusstrategien, Investorenprospekte, Rankings. Der Begriff ist Kommodifizierung: die Verwandlung von etwas, das keinen Marktpreis hatte, in etwas, das einen hat.

Die einflussreichsten Städterankings der Welt dokumentieren diesen Prozess in seiner reinsten Form. Das EIU entwickelte seinen „Global Liveability Index“ ursprünglich als Schwestererhebung zum „Cost of Living Report“ – entworfen, um Hardship-Bonuszahlungen für entsandte Unternehmensangestellte zu berechnen. Mercer bewertet Schulen und Bildung nach der Vielfalt internationaler Privatschulen, nicht nach Abbrecherquoten oder Lehrer-Schüler-Verhältnissen. Was für die ansässige Bevölkerung zählt, kommt in dieser Metrik nicht vor. Das Ranking misst die Stadt durch die Augen des Expatriates im Firmenapartment. Nicht durch die Augen des Busfahrers, der ihn dorthin bringt.

Noch fundamentaler ist das Messproblem beim „World Happiness Report“, der für Finnlands jährliche Siegesparade verantwortlich zeichnet. Der Gallup World Poll befragt rund 1000 Personen pro Land pro Jahr. Der Stichprobenrahmen ist ausdrücklich nur die „nichtinstitutionalisierte“ Bevölkerung. Menschen in Haftanstalten, psychiatrischen Einrichtungen oder dauerhafter Obdachlosigkeit werden systematisch nicht befragt – all jene, deren Lebensrealitäten am weitesten vom Ranglistenplatz entfernt sind. Das Ergebnis ist, was die Surveyforschung einen Total Survey Error nennt: nicht Messfehler, sondern strukturelle Verzerrung durch selektive Erreichbarkeit.

Finnland: Das Glück der Unsichtbaren

Finnland gewinnt das Ranking, weil Finnland gut darin ist, gewinnbare Rankings zu gewinnen. Was der „World Happiness Report“ erzählt, ist real: hohe institutionelle Vertrauenswerte, funktionierender Sozialstaat, niedrige Korruption. Aber er erzählt es über eine Teilpopulation – und nennt das Ergebnis „die Finnen“.

Die andere Seite ist ebenfalls real. 2023 starben 310 Menschen an drogenbedingten Ursachen, davon 91 unter 25 Jahren – der höchste je gemessene Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2006. Mit 79 Drogentoten pro Million Einwohner liegt Finnland weit über dem EU-Durchschnitt von 18 pro Million. Die Armutsgefährdungsquote lag 2024 bei 12,6 Prozent – bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren bei über 30 Prozent.

Diese beiden Realitäten Finnlands existieren gleichzeitig. Das eine Finnland gewinnt jedes Jahr das Ranking, das andere taucht in Statistiken auf, die niemand auf die Tourismus-Website stellt.

Das strukturelle Problem ist präzise benennbar: Das Ranking misst nicht Gesellschaft, es misst Erreichbarkeit. Und Erreichbarkeit ist selbst ein Privileg. Wer institutionalisiert ist, obdachlos, suchtkrank, wer nicht Finnisch spricht oder gelernt hat, gegenüber Behörden und Umfragen nach oben zu antworten – der landet nicht in der Stichprobe. Oder er landet darin und nennt die Zahl, die von ihm erwartet wird. Weighting-Verfahren gleichen demografische Verteilungen aus, aber nicht die fehlende Erreichbarkeit ganzer Lebenswelten.

Bhutan: Glück als Staatsräson

Bhutan hat das Kunststück vollbracht, ein philosophisches Konzept – Nichtanhaftung, Mitgefühl, Harmonie mit der Natur – in ein Regierungsinstrument zu verwandeln. Der „Gross National Happiness Index“ ist buddhistische Staatsphilosophie und effektive PR-Strategie zugleich.

Laut Human Rights Watch wurden mehr als 100.000 Menschen nepalesischer Herkunft – rund ein Sechstel der Bevölkerung – aus dem Land vertrieben, weil sie sich nicht in Bhutans buddhistische Staatskultur integrierten. Dann kam der GNH-Index. Und die westliche Presse schrieb von dem kleinen Königreich, das Glück wichtiger nimmt als Wachstum.

Das ist keine Böswilligkeit. Es ist etwas Schlimmeres: eine Naivität, die sich als Tiefgang verkleidet. Die westliche Sinnsuche – enttäuscht vom Materialismus, fasziniert vom Buddhismus, auf der Suche nach Alternativen zum BIP-Fetisch – projizierte auf Bhutan ein Gegenbild, das sie brauchte. Bhutan lieferte die Kulisse. Den Rest erledigte das Storytelling.

Der GNH mischt Selbstevaluationsfragen mit objektiven Messungen so, dass das Ergebnis systematisch zugunsten staatlicher Politiken verzerrt wird. Er misst nicht Glück. Er misst Compliance mit dem staatlich definierten Bild eines guten Lebens. Im unabhängig erhobenen „Gallup World Happiness Report“ 2019 rangierte Bhutan auf Platz 95. Die Differenz zwischen Platz 1 in der eigenen Erzählung und Platz 95 in der externen Messung ist der Raum, in dem Staatsmarketing arbeitet.

Berlin: Die Ware namens Stadtkultur

Berlin hatte nach der Wende etwas, das man nicht kaufen kann – und das man deshalb sofort zu kaufen versuchte: eine genuine Nachwendekultur aus Leere, Armut, besetzten Häusern und Fabrikhallen ohne Heizung. Techno als Klang des Mauerlochs. Kreuzberg als Ort, wo das Scheitern keine Schande war.

Diese Kultur war nicht für den Export gedacht. Ihr Image aber exportiert sich bis heute – und dieser Export hat Konsequenzen, die von den Exporteuren nicht getragen werden. Je mehr Menschen kommen, um das authentische, unkommerzialisierte Berlin zu erleben, desto schneller wird es kommerzialisiert. Die Suche nach dem Ort, der noch nicht touristisch ist, macht diesen touristisch. Das ist keine Paradoxie, die sich auflösen lässt. Es ist die Grundstruktur des modernen Kulturtourismus.

Was der Tourismus strukturell hinterlässt, ist messbar. Das DIW Berlin hat nachgewiesen: Jede zusätzliche Airbnb-Unterkunft lässt die Angebotsmieten im direkten Umfeld um durchschnittlich 13 Cent pro Quadratmeter steigen.

Nach dem Berliner Zweckentfremdungsverbot sank die Zahl der Airbnb-Angebote von 190.473 im Jahr 2018 auf 89.301 im Jahr 2023 – fast eine Halbierung. Dennoch wächst ein Graumarkt möblierter Kurzzeitvermietungen, der regulatorisch kaum greifbar ist: Der Durchschnittspreis für möblierte Wohnungen mit dreimonatiger Mindestmietdauer lag im September 2023 bei 2371 Euro pro Monat – eine regulär vermietete Wohnung ähnlicher Größe würde laut Mietspiegel zwischen 336 und 635 Euro kosten.

In Friedrichshain-Kreuzberg liegen die jährlichen Verdrängungsraten bei über acht Prozent, in den Kernbereichen bei über zehn Prozent. Im Reuterkiez überschreiten Angebotsmieten 2025 regelmäßig 20 Euro pro Quadratmeter – eine Steigerung von mehr als  80 Prozent seit 2018. In einem Haus in der Buchholzer Straße gibt es bei 36 Wohneinheiten noch sechs normale Bestandsmieter. Die anderen 30 sind Touristen und Kurzzeitmieter.

Das Gefühl von Nachbarschaft – nicht messbar, nicht hashtagfähig, nicht rankingkompatibel – ist verschwunden.

Neukölln wurde von Time Out auf Platz 22 der coolsten Stadtviertel der Welt gelistet, basierend auf Ratings von 12.000 Menschen weltweit. Das Ranking ist kein Dokument des Lebens in Neukölln. Es ist ein Dokument der Wahrnehmung durch Menschen, die kurz zu Besuch waren und deren Urteil in den Algorithmus fließt, der Immobilien-Entscheidungen beeinflusst. Das Ranking ist nicht die Ursache der Gentrifizierung. Es ist ihr Beschleuniger und ihr Legitimationsmedium.

Dieselbe Struktur, drei Gesichter

Was Bhutan, Finnland und Berlin verbindet, ist nicht ihre Verschiedenheit. Es ist ihre gemeinsame Grundstruktur: Lebensqualität wird auf eine Weise gemessen und vermarktet, die bestimmte Menschen sichtbar macht und andere ausblendet. In Bhutan sind es die Vertriebenen, die im GNH-Index nicht mehr vorkommen, weil sie nicht mehr im Land sind. In Finnland sind es die Drogentoten, die Armen, die Institutionalisierten, die in der Gallup-Stichprobe nicht landen. In Berlin sind es die Verdrängten – die Menschen, die in den Vierteln lebten, bevor sie Szeneviertel wurden.

Das Muster ist identisch: Die Messung erfasst die Gewinner eines Prozesses und nennt das Ergebnis den Durchschnitt. Die Verlierer sind die unsichtbare Voraussetzung für den Wert, der gemessen wird. Ohne die ursprüngliche Armut kein Kreuzberg-Charme. Ohne den Charme kein Ranking. Ohne das Ranking keine Investoren. Ohne die Investoren keine Verdrängung.

Die Produzenten der Berliner Nachwendekultur – die Künstler, die Squatter, die Einwanderer, die Armen, die in kaputten Wohnungen blieben und dabei etwas erschufen, das die Welt fasziniert: Sie sind die ursprünglichen Urheber des Produkts Berlin. Sie haben daran nicht verdient. Meistens haben sie dafür bezahlt, indem sie verdrängt wurden.

Am Ende bleibt eine einfache Frage, die alle Rankings, alle Tourismusstrategien, alle Standortmarketingkampagnen sorgfältig vermeiden: Für wen ist diese Stadt? Nicht: Wer kommt hierher? Nicht: Welchen Hashtag-Wert hat dieser Bezirk? Sondern: Wer kann hier bleiben?

Berlin beantwortet diese Frage täglich, still und ohne Pressemitteilung. Die Antwort lautet: Immer weniger diejenigen, die das gemacht haben, wofür Berlin geliebt wird. Immer mehr diejenigen, die gekommen sind, um dieses Gemachte zu konsumieren.

Irgendwann ist das Gemachte aufgebraucht. Was dann bleibt, ist eine teure Stadt mit einem alten Image, dessen Ursprung niemand mehr kennt – und ein Hashtag, der noch eine Weile weiterläuft, weil Algorithmen kein Gedächtnis haben.

Platz sechs der Welt. Für wen, fragt niemand.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Martyra Peng, geboren 1968, lebt und schreibt in Berlin. Sie ist Autorin von „Kohle“, „I/O“, „Sexwork 3.0“, „Workuta“, „Simas Schweigen“ und „Die unsichtbare Frau“. „Der Magnolienbaum“ erscheint am 8. Mai. 

Link zum Original Berliner Zeitung b

Wir haben den Beitrag auf Anregung unserer Partnerseite Pressenza übernommen.

Titelbild: Peter Vlatten

„Wie findest du den Krieg?“

Versuch einer Antwort auf die Frage eines Vierzehnjährigen

Von GABRIELE HELLER

Titelbild: Screenshot You Tube Video

Stell dir vor, du lebst in einem Land, das von einem Nachbarstaat angegriffen wird. Im Nachbarland herrschen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Die Menschen leiden unter einer schlechten Politik. In solch einer Situation erscheint es richtig, das eigene Land zu verteidigen – für Freiheit, Recht und Demokratie.

Jeder Mensch hat nur dieses eine Leben. Wer als Soldat in den Krieg zieht, riskiert es – mit hoher Wahrscheinlichkeit. Deshalb stellt sich eine schwierige Frage: Sind die Gründe, dein Land zu verteidigen, so stark, dass du dafür sterben würdest? Sind die Gründe es wert, dass Du dabei umkommst?

Dein Leben steht auf dem Spiel

Ist es feige oder egoistisch zu sagen „Nein, diese Gründe reichen nicht, um als Soldat gegen Unbekannte zu kämpfen”? Egoismus bedeutet normalerweise, alles für sich behalten zu wollen und nichts abzugeben – etwa den eigenen Geschwistern. Das setzt aber voraus, dass man überhaupt etwas besitzt, das man teilen kann. Bei der Frage „Behalte ich mein Leben oder riskiere ich es mit hohem Risiko als Soldat” ist das nicht der Fall. Wenn du es verlierst, ist alles vorbei. Du kannst nichts mehr geben, nichts mehr erleben, nichts mehr sein. Oder erwartet man nur, „ein bisschen“ von seinem Leben zu opfern – einen Arm, ein Bein?

Der Wunsch zu leben, gesund zu bleiben und nicht zu sterben, ist kein Egoismus. Jeder Mensch hat ein Recht, sein Leben zu leben. Der Philosoph Immanuel Kant sagte: der Mensch darf niemals nur als ein Werkzeug benutzt werden. Jeder Mensch hat seinen eigenen wertvollen Wert, der geachtet werden muss.

Vom Menschen zur Waffe

Ein Soldat muss eine militärische Ausbildung durchlaufen. Für einen Soldaten zählt: Er muss die Handgriffe und Bewegungen für den Kampf sowie für den Einsatz der Waffe erlernen. All das muss wie im Schlaf sitzen. Der Soldat muss das Erlernte fast automatisch abrufen können. Zeit zum Nachdenken hat er im Ernstfall nicht. 

In der Schule lernen Kinder, Konflikte ohne Gewalt zu lösen – sie üben im Gespräch und Rollenspiel, einander zuzuhören, Rücksicht auf unterschiedliche Interessen zu nehmen und Streit fair beizulegen. Ein Soldat hingegen wird darauf vorbereitet, unbekannte Menschen auf der Gegenseite zu töten. Im zivilen Leben nennen wir das Mord.

Normalerweise fühlen wir mit, wenn wir Leid sehen. Wir erschrecken, wenn jemand verletzt ist. Der Soldat muss sich dagegen abstumpfen. Er muss wie eine gut funktionierende Killermaschine handeln. Er muss den anderen töten, bevor dieser ihn tötet. Einfühlung in andere sind dem Soldaten im Kampf hinderlich. Kurzes Zögern bringt ihn selbst in Gefahr. Wer lange im Krieg Soldat war, kann zwar am Ende des Krieges die Uniform für immer ablegen. Doch seine Erfahrungen wird er nie wieder los. Der Krieg hat ihn verändert. Er ist ein anderer Mensch geworden – das berichten nahezu alle, die einmal an einem Krieg teilgenommen haben.

Mut, Feigheit, Zufall

Feigheit bedeutet, vor Gefahren zurückzuschrecken, obwohl man sie überwinden könnte. Das Gegenteil von Feigheit heißt: „Habe den Mut, Dich den Schwierigkeiten zu stellen. Renne nicht gleich weg.” Wenn Du sagst: „Ich bin einverstanden, dass die Armee mich als ihren Soldaten einsetzt“, dann hat das weder mit Mut noch mit Feigheit zu tun. Ob man als Soldat überlebt oder stirbt, hängt nämlich nur zu einem kleinen Teil vom eigenen Handeln ab. Nur in Filmen wird so getan, als könne Superman mit außergewöhnlichen Fähigkeiten alle Gegner ausschalten. Im Krieg herrscht der Zufall.

Nun könnte jemand einwenden: „Du willst dein eigenes Land nicht verteidigen, erwartest aber, dass es andere tun?“ Das klingt nach einem Vorwurf. Doch die eigentliche Frage ist eine andere: Haben wir das Recht, von Menschen zu verlangen, ihr Leben zu opfern? Und: Machen sich alle Menschen bewusst, was auf dem Spiel steht? Wenn du tot bist, bist du tot – du hast nichts mehr vom möglichen Sieg. Ein Soldat trägt immer das Risiko, im Kampf zu sterben. Und in dem Inferno eines Atomkriegs gäbe es sowieso keine Kämpfe mehr – nur noch Tote, egal, ob Soldat oder Zivilist.

Gibt es Ausnahmen?

Seit der NS-Diktatur haben viele Länder Kriege damit begründet, dass sie einen neuen „Hitler“ verhindern wollen. Aber passiert so etwas wirklich so oft? Sind die kritisierten Machthaber wirklich vergleichbar – oder handelt es sich zwar um Verbrecher, aber nicht um Doppelgänger Adolf Hitlers? Und wer entscheidet das überhaupt? Deshalb ist die Frage schwer: Wann ist ein Krieg – trotz all des Leids – wirklich gerechtfertigt oder sogar notwendig?

Ein Blick in die neuere Geschichte zeigt immer wieder das Gleiche: Am Anfang heißt es, man kämpfe für das Richtige und Gute. Wer Krieg beginnt, macht alle glauben, dass das Recht auf der eigenen Seite und das Unrecht auf der Gegenseite steht. Das Problem ist: Die andere Seite denkt genau das Gleiche, nur umgekehrt. Am Ende richten Kriege viel mehr Schaden an, als man sich vorstellen konnte. Ein Krieg lässt sich kaum kontrollieren. Er wird schnell schlimmer und grausamer. Am Ende bleiben sehr viele Tote sowie Menschen zurück, die großen Schmerz und Verluste erleben, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Auch die Natur und Städte werden schwer beschädigt. Es bleibt die traurige Frage: Hätte es nicht auch einen anderen Weg gegeben?

Das übersehene Dazwischen

Zwischen „nichts tun“ und „Krieg führen“ gibt es einen Möglichkeitsraum. Dieses Zwischenfeld wird zu wenig beachtet. Sobald immer mehr Waffen angesammelt werden, verengt sich das Denken in einfache Gegensätze von Gut und Böse, Freund und Feind. Wie sehr man selbst dazu beiträgt, dass sich Konflikte verschärfen, wird nicht bemerkt. Nach Alternativen, die nicht einfach aus der Dose kommen, sondern gemeinsam aufzubauen sind, wird erst gar nicht gefragt. Kurz vor Ausbruch von Gewalt ist es zumeist zu spät für einen Gegenvorschlag. Friedensarbeit muss früh beginnen.

Frieden nach vorne stellen

Mit welchem Recht verlangen Politiker von ihren Bürgern, ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Es ist eine Forderung, die zu viel verlangt. Stattdessen sollte alles darangesetzt werden, Kriege von vornherein zu verhindern. Die wenigsten entscheiden sich durch einen militärischen Sieg; die meisten werden am Verhandlungstisch beendet. Der Weg zum Frieden ist dabei oft lang, denn Kriege entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus Konflikten, die sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte zuspitzen. Deshalb muss heute und dauerhaft viel stärker in Prävention und zivile Konfliktlösung investiert werden. Erst wenn Friedensarbeit mit ähnlich großem Aufwand betrieben wird wie die militärische Aufrüstung, lässt sich ernsthaft beurteilen, ob sie wirksam oder nur naive Träumerei ist.

Angstspirale und Sicherheitsdilemma

Wenn Land A mehr Waffen kauft, fühlt sich Land B bedroht und rüstet ebenfalls auf. Um Land A zu überlisten, beginnt Land B heimlich, neue Waffen zu entwickeln, die besonders schnell fliegen können. Auch den Standort dieser Waffen versucht es zu verbergen. Land A wird nun immer misstrauischer und setzt alles daran, noch furchterregendere Raketen zu bauen. Sie sind besonders explosiv und können das Land B vollständig zerstören. Beide Seiten leben in Angst. Beide Seiten wollten ursprünglich nur ihre Sicherheit schützen. Einige Politiker behaupten, das Gleichgewicht der Abschreckung sichere den Frieden. Aber je schneller und gefährlicher die Waffen werden, desto größer wird der Druck, als Erster anzugreifen – oft als präventive „Verteidigung“ gerechtfertigt. Dadurch wächst die Anspannung. Und unter Stress passieren schneller Fehler. Während des Kalten Krieges gab es über 100 Missverständnisse, die beinahe zu einem katastrophalen Weltkrieg geführt hätten: Computerfehlmeldungen, menschliche Bedienungsfehler, Übungsmanöver, die als real gedeutet wurden und unschuldige Vögel, die unter den Radar gerieten und für einen Angriff der Sowjetunion gehalten wurden.

Ein neuer Anfang

Wer ausschließlich auf Aufrüstung setzt, erhöht Angst und Unsicherheit. Nur gegenseitige Kontrollen und Zusammenarbeit können Sicherheit schaffen und am Ende gar Frieden bringen – wie das Beispiel Deutschlands und Frankreichs zeigt.Die beiden Nachbarstaaten waren früher erbitterte Gegner. Sie nannten sich sogar „Erbfeinde“, weil sie glaubten ihre Feindschaft würde für immer weitergehen. Sie führten mehrere schlimme Kriege gegeneinander. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren beide Länder völlig erschöpft. Erst dann begannen sie umzudenken. Frankreich und Deutschland schlossen einen wichtigen Vertrag. Ihre Regierungen trafen sich mindestens zweimal im Jahr, um miteinander zu reden und ihre Politik besser abzustimmen. So wuchs nach und nach Vertrauen. Auch Jugendliche und Studierende kamen sich durch Austauschprogramme und Stipendien näher. Heute arbeiten beide Länder in der EU ganz selbstverständlich eng zusammen. Das hätte sich vor 80 Jahren noch niemand vorstellen können. Die gemeinsame Geschichte zeigt, dass aus Hass und Krieg in einer für ewig gehaltenen Todfeindschaft schließlich Frieden und Zusammenarbeit entstehen kann.

Wir danken für das Publikationsrecht.

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