Der Krieg vor dem Krieg – Wie Europa die Voraussetzungen für die Eskalation schuf

Kriege beginnen nicht mit dem ersten Schuss, sondern mit der Beseitigung aller Hindernisse, die ihn bislang verhindert haben. Verträge müssen gekündigt werden. Infrastruktur muss angepasst werden. Gesellschaften müssen vorbereitet werden. Rechtliche Hürden müssen fallen. Industrien müssen umgestellt werden. Sprache muss sich verändern. Und all das muss geschehen, bevor überhaupt von Krieg die Rede ist.

Von MICHAEL HOLLISTER

Titelbild: Screenshot von der OPLAN-Startwebsite

Vorbemerkung Forum: Michael Hollister gibt hier einen Überblick über den Gesamtprozess der Kriegsertüchtigung. In seiner Analyse verbinden sich Wissen auf dem Gebiet der Militär- und Sicherheitspolitik und die journalistische Fähigkeit ihre Zwecke zu vermitteln. Der Autor beginnt in der Zeitachse im Jahr 2019 und verfolgt die Entwicklung bis heute. Die medialen Erklärungen der Verantwortlichen in diesem Prozess sind keine unverbindlichen Meinungsäußerungen, die es völlig offen lassen, was passiert, welche Richtung die Politik einschlägt. Sichtbar wird ein, ein mittlerweile Jahre umfassender, sich gegenseitig unterstützender Umbau des Gesellschaft nach innen und außen, deren Friedensfähigkeit als Wert der Politik ihren Wert verloren hat. Es macht deshalb auch wenig Sinn, sich nur einzelne Maßnahmen anzuschauen und zu hoffen, dass bestimmte „Auswüchse“ vermieden werden. Es kommt darauf an, die Legitimität des Ganzen argumentativ infrage zu stellen und sich der praktischen Mitwirkung zu verweigern. In dem Maße, in dem dies gelingt, entstehen auch Chancen für Risse im parlamentarischen Betonwall für diese Politik (JG)

In Europa wurden in den vergangenen zwölf Jahren genau diese Voraussetzungen geschaffen. Nicht laut. Nicht als Masterplan. Nicht in einer großen Ankündigung. Sondern Schritt für Schritt, zerlegt in technische Projekte, juristische Anpassungen, industrielle Umstellungen, narrative Verschiebungen.

Jeder einzelne Schritt wirkt harmlos. Jeder einzelne Schritt lässt sich erklären. Jeder einzelne Schritt hat seine eigene Begründung. Aber zusammen ergibt sich ein Bild.

Dieser Artikel – der 7. einer 9-eiligen Serie – dokumentiert sechzehn konkrete Veränderungen zwischen 2014 und 2026. Sechzehn Schritte, die Europa von einer Friedensordnung in eine Kriegsbereitschaft transformiert haben – ohne dass eine formelle Entscheidung gefallen wäre, ohne dass ein Parlament zugestimmt hätte, ohne dass die Öffentlichkeit es als Ganzes wahrgenommen hätte.

Ob diese Schritte Zufall sind, unabhängige Reaktionen auf externe Bedrohungen, oder Teil einer übergeordneten Logik – das kann jeder selbst entscheiden. Die Fakten sprechen für sich.

Wir beginnen dort, wo die rechtlichen Fesseln fielen.

1. INF-Vertrag: Die Rückkehr der Mittelstreckenraketen (2019)

Am 2. August 2019 kündigten die USA einseitig den Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty (INF) – einen Vertrag, der seit 1987 landgestützte nukleare und konventionelle Raketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5.500 Kilometern verboten hatte. Die offizielle Begründung: Russland habe den Vertrag mit der Entwicklung des 9M729-Marschflugkörpers gebrochen.

Russland kündigte daraufhin ebenfalls. Der Vertrag, der einst 2.692 Raketen vernichtet und Europa vor nuklearer Eskalation bewahrt hatte, war Geschichte.

Innerhalb von drei Jahren änderte sich die strategische Landschaft fundamental. Die USA kündigten an, ab 2026 Typhon-Mittelstreckenraketen und Dark Eagle-Hyperschallraketen in Deutschland zu stationieren. Diese Systeme haben Reichweiten bis 2.500 Kilometer – ausreichend, um Moskau von deutschem Boden aus in unter zehn Minuten zu erreichen.

Russland reagierte mit der Stationierung des Oreshnik-Systems in Belarus, ebenfalls mit Reichweiten bis 5.500 Kilometer. Jede europäische Hauptstadt liegt in Reichweite. Die Vorwarnzeit bei einem Angriff: weniger als fünf Minuten.

Europa entwickelt parallel im ELSA-Konsortium eigene Marschflugkörper mit Reichweiten bis 2.000 Kilometer. Was 1987 als existenzielle Bedrohung galt – nuklearfähige Mittelstreckenraketen in Europa – ist 2026 wieder Normalität.

Der erste Dominostein war gefallen.

2. Military Mobility: Europa wird Durchmarschgebiet

Panzer sind nutzlos, wenn sie nicht dorthin kommen, wo sie gebraucht werden. Deshalb startete die EU 2018 die Military Mobility-Initiative – offiziell zur „Verbesserung der Truppenbeweglichkeit innerhalb Europas“.

Was harmlos klingt, ist der größte Infrastrukturumbau seit dem Zweiten Weltkrieg. 500 Infrastruktur-„Hotspots“ wurden identifiziert: Brücken, die nicht tragfähig genug sind für 70-Tonnen-Leopard-Panzer. Tunnel, die zu niedrig sind für Patriot-Luftabwehrsysteme. Bahnstrecken, die nicht elektrifiziert sind für schwere Militärtransporte. Häfen ohne Ro-Ro-Rampen für Panzerverladung.

Die Kosten: mindestens 100 Milliarden Euro. Das Budget wurde von 1,69 Milliarden Euro (2021-2027) auf geplante 17,65 Milliarden Euro (2028-2034) verzehnfacht.

Vier strategische Korridore wurden definiert – alle führen nach Osten. Nord-Süd-Achse: Rotterdam – Hamburg – Berlin – Warschau. Ost-West-Achse: Lissabon – Paris – Frankfurt – Polen. Zwei weitere Korridore verbinden Skandinavien und den Balkan mit der Ostflanke.

Das Europäische Parlament forderte im Dezember 2024 ein „Military Schengen“ – grenzenlose Truppenbewegungen ohne administrative Hürden, ohne Genehmigungsverfahren, ohne Verzögerungen. Was für Touristen gilt, soll für Panzer gelten.

Europa wird zum Transitgebiet. Nicht für den Frieden. Für das, was danach kommt.

3. Manöver: Probeläufe für die Ostfront

Militärische Großübungen sind keine Spiele. Sie sind Probeläufe für den Ernstfall. Und seit 2020 haben sich Umfang, Intensität und geografische Ausrichtung europäischer Manöver fundamental verändert.

Defender Europe 2020 sollte ursprünglich 37.000 Soldaten umfassen – die größte US-Truppenverlegung nach Europa seit dem Kalten Krieg. COVID-19 erzwang eine Reduzierung, aber das Konzept war gesetzt: schnelle Verlegung amerikanischer Truppen über den Atlantik, Integration mit europäischen Streitkräften, Vorstoß Richtung Osten.

Defender Europe 2021 fand trotz Pandemie statt, mit 28.000 Soldaten aus 26 Nationen. Schauplatz: Balkan, Schwarzes Meer, Baltikum.

Steadfast Defender 2024 war die größte NATO-Übung seit dem Kalten Krieg: 90.000 Soldaten, 50 Schiffe, 80 Flugzeuge, 1.100 Kampffahrzeuge. Szenario: Verteidigung gegen einen Angriff aus dem Osten. Geografischer Schwerpunkt: Polen, Baltikum, Rumänien.

Cold Response (Norwegen, März 2022 und 2024): Arktis-Kriegsführung, amphibische Landungen, Kältekampf. 30.000 Soldaten. Szenario: Russland.

Alle Übungen haben drei Gemeinsamkeiten: Sie finden an der Ostflanke statt. Sie simulieren Hochintensitätskonflikte. Und der Gegner trägt in allen Szenarien denselben Namen.

4. Erweiterung der Dual-Use-Definition: Jede Technologie wird militärisch

Am 9. September 2021 trat die neue EU-Dual-Use-Verordnung in Kraft. Auf den ersten Blick eine technische Anpassung. In der Realität: die größte Ausweitung militärisch nutzbarer Technologien seit Jahrzehnten.

Früher umfasste die Dual-Use-Liste Raketentechnologie, Chemikalien, biologische Agenzien – offensichtlich militärische Güter mit zivilem Anwendungspotenzial. Heute umfasst sie: Künstliche Intelligenz-Systeme, Cloud-Computing-Infrastruktur, Quantencomputer, Verschlüsselungssoftware, Cyber-Intrusion-Tools, autonome Systeme, Drohnentechnologie, Gesichtserkennungssoftware.

Das bedeutet konkret: Jedes Tech-Unternehmen, das KI entwickelt, kann als Verteidigungspartner eingestuft werden. Jeder Cloud-Anbieter kann verpflichtet werden, militärische Datenverarbeitung zu unterstützen. Jede Cybersecurity-Firma kann ihre Tools für offensive Operationen bereitstellen.

Palantir analysiert ukrainische Schlachtfelddaten. SpaceX Starlink liefert Kommunikation für Drohnenangriffe. Amazon Web Services hostet militärische Aufklärungsdatenbanken. Google entwickelt KI für Zielerfassung (Project Maven).

Civilian by day, military by night. Die Grenze ist verschwunden.

5. Narrative Absenkung: Kriegstüchtigkeit wird normal

Sprache formt Realität. Und seit 2022 hat sich die Sprache europäischer Politik fundamental verändert.

Kriegstüchtigkeit. Verteidigungsminister Boris Pistorius verwendete diesen Begriff erstmals im Januar 2024. Nicht „Verteidigungsfähigkeit“. Nicht „Abschreckung“. Sondern: Kriegstüchtigkeit. Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden. Die Gesellschaft müsse sich auf Krieg einstellen.

Durchhaltefähigkeit. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte im Februar 2025 eine „Durchhaltefähigkeits-Strategie“. Nicht für Wirtschaftskrisen. Für militärische Konflikte. Europa müsse „durchhalten“ können – über Monate, über Jahre.

Siegfähigkeit. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach im März 2025 von der Notwendigkeit deutscher „Siegfähigkeit“. Nicht Verteidigung bis zum Verhandlungsfrieden. Sondern: Sieg.

Resilienz. Ein Begriff, der früher Klimaanpassung bedeutete, meint heute: Kann die Gesellschaft einen Krieg aushalten? Gibt es genug Bunker? Funktioniert die Lebensmittelversorgung unter Beschuss? Hält die Infrastruktur Cyberangriffen stand?

Diese Begriffe wurden nicht in Verteidigungsministerien entwickelt. Sie wurden in Reden verwendet, in Interviews wiederholt, in Strategiepapieren verankert – bis sie normal klangen.

Die Hemmschwelle für reale Entscheidungen sinkt, wenn die Sprache bereits vorbereitet ist.

6. Finanzialisierung: 500 Milliarden außerhalb des Haushalts

Kriege kosten Geld. Viel Geld. Geld, das in normalen Haushalten nicht vorhanden ist. Also muss man es anders beschaffen.

Im Februar 2025 forderte Ursula von der Leyen 500 Milliarden Euro für europäische Verteidigung – außerhalb der nationalen Haushalte, außerhalb der Maastricht-Kriterien, außerhalb demokratischer Haushaltskontrolle.

Das Modell: „Defence Bonds“, analog zu den Corona-Bonds. Gemeinsame europäische Schuldenaufnahme, garantiert durch künftige EU-Einnahmen. Keine nationalen Parlamente müssen zustimmen. Der EU-Rat beschließt, die EU-Kommission leiht, die Mitgliedstaaten haften.

Die Begründung: Klimaschutz. Europäische Werte. Demokratie. Freiheit. Verteidigung wird moralisch legitimiert, finanziell externalisiert, politisch der Kontrolle entzogen.

Deutschland kündigte parallel ein „Sondervermögen Verteidigung II“ an – 100 Milliarden Euro zusätzlich zum ersten Sondervermögen, das 2022 beschlossen wurde. Auch hier: außerhalb der Schuldenbremse, außerhalb des regulären Haushalts.

Frankreich, Polen, Italien planen ähnliche Mechanismen. Kriegsfinanzierung wird zur neuen Normalität – ohne dass Krieg erklärt wurde.

7. Spannungsfall: Krieg ohne Kriegserklärung

Im Frühjahr 2025 fand in Frankfurt am Main ein streng vertrauliches Treffen des Volkswagen-Konzerns mit seinen Top-Händlern statt. Die Sicherheitsvorkehrungen waren drastisch: absolutes Handyverbot, keine Mitschriften erlaubt, Kontrollen am Eingang. Die zentrale Botschaft an die Teilnehmer war unmissverständlich: „2025 wird wirtschaftlich ein schweres Jahr. Aber halten Sie durch – ab 2026 wird Deutschland auf Kriegswirtschaft umgestellt. Der Staat plant, den Spannungsfall auszurufen.“

Artikel 80 des Grundgesetzes ermöglicht genau das: Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Eingriff in Kommunikationsfreiheit, Suspendierung von Eigentumsrechten – alles ohne formelle Kriegserklärung. Zivile Ressourcen werden militärische Reserve: Transport, Energie, Industrie.

Der Spannungsfall liegt zwischen Normalzustand und Verteidigungsfall. Er kann ausgerufen werden, wenn „die Gefahr eines bewaffneten Angriffs droht“. Nicht bei Angriff. Bei Gefahr. Eine Einschätzung. Keine Tatsache.

Der Krieg wird juristisch vorbereitet, bevor er militärisch beginnt. Die Details zu diesem Mechanismus und seiner politischen Dimension wurden bereits in Teil 2 dieser Serie dokumentiert – ein Artikel, der innerhalb von 24 Stunden viral ging und 175 Kommentare erhielt. Nicht weil er spekulierte, sondern weil er dokumentierte.

8. Industriepolitik: Dual-Use wird Standard

Die Europäische Kommission präsentierte im März 2024 das European Defence Industrial Programme (EDIP) mit einem Budget von 150 Milliarden Euro. Offiziell zur „Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie“. Tatsächlich: der größte industriepolitische Umbau seit dem Marshallplan.

EDIP ermöglicht Abnahmegarantien für Rüstungsgüter – der Staat verpflichtet sich, Panzer, Munition, Drohnen zu kaufen, bevor sie produziert sind. Vorratsproduktion ohne Abnehmer wird zur Norm. Rheinmetall baut Fabriken, bevor Bestellungen vorliegen. Krauss-Maffei Wegmann produziert Leopard-Panzer auf Vorrat. Hensoldt fertigt Radarsysteme für Märkte, die noch nicht existieren.

Staatsgarantien decken unternehmerische Risiken ab. Schuldenausnahmen erlauben Rüstungsausgaben außerhalb der Schuldenbremse. Die Trennung zwischen ziviler Wirtschaft und Kriegsproduktion verschwindet.

Deutschland stellte 2024 auf „Durchhaltefähigkeits-Produktion“ um: nicht für akuten Bedarf, sondern für langfristigen Verschleiß. Munition für Monate intensiven Kampfes. Ersatzteile für jahrelangen Einsatz. Treibstoff für Großoperationen.

Kriegswirtschaft ohne formelle Kriegserklärung. Der Markt wird militarisiert, bevor die Gesellschaft es bemerkt.

9. Zivil-militärische Durchmischung: Der Krieg wird unsichtbar

Moderne Kriegsführung benötigt keine separaten militärischen Strukturen mehr. Sie nutzt zivile Infrastruktur, zivile Unternehmen, zivile Technologie.

Bahnhöfe werden zu Truppenverladeorten. Hamburg, Köln, Frankfurt haben dedizierte Militärgleise, die im Normalfall zivil genutzt werden, im Ernstfall aber innerhalb von Stunden für Panzertransporte bereitstehen.

Flughäfen erhalten militärische Bereiche. Leipzig/Halle, Köln/Bonn, Frankfurt haben NATO-Terminals, die nahtlos zwischen zivilem und militärischem Betrieb wechseln können.

Häfen wie Rotterdam, Hamburg, Bremerhaven verfügen über Ro-Ro-Rampen (Roll-on/Roll-off) für schweres Militärgerät – offiziell für Autotransporte, praktisch für Panzerverladungen.

Tech-Unternehmen werden Verteidigungspartner. Palantir liefert Datenanalyse. SpaceX liefert Kommunikation. Microsoft hostet militärische Cloud-Infrastruktur. Amazon AWS verarbeitet Aufklärungsdaten. Google entwickelt KI für Zielerfassung.

Logistikunternehmen wie DHL, Schenker, Kühne+Nagel haben Verträge mit Verteidigungsministerien für „Eilverfahren im Krisenfall“ – zivile LKWs, die innerhalb von 48 Stunden zu militärischen Versorgungstransporten werden.

Die Grenze zwischen zivil und militärisch existiert auf dem Papier. In der Praxis ist sie verschwunden.

10. Bevölkerungsschutz: Psychologische Kriegsvorbereitung

Im Herbst 2024 verteilte Schweden an alle 4,7 Millionen Haushalte die Broschüre „Om krisen eller kriget kommer“ – „Falls die Krise oder der Krieg kommt“. 20 Seiten, illustriert, konkret: Was tun bei Luftangriff? Wo sind die nächsten Bunker? Wie lange reichen Lebensmittelvorräte? Wie organisiert man Nachbarschaftshilfe unter Beschuss?

Deutschland folgte im Dezember 2024 mit einem aktualisierten Zivilschutzkonzept. Empfehlung: 10 Tage Notvorräte pro Person. Batteriebetriebenes Radio. Erste-Hilfe-Ausrüstung. Bargeld. Kerzen. Dokumentenmappe für schnelle Evakuierung.

Finnland lancierte eine Bunker-App: Wo ist der nächste Schutzraum? Wie viele Plätze sind verfügbar? Welche Ausstattung? 50.000 öffentliche Schutzräume, Kapazität für 4,4 Millionen Menschen – 80 Prozent der Bevölkerung.

Die Bundeswehr startete die „Notfallkarte Deutschland“: Was tun bei Stromausfall? Bei Cyberangriffen? Bei Sabotage kritischer Infrastruktur? Die Karte wurde 2 Millionen Mal heruntergeladen.

Die Bevölkerung wird psychologisch auf Krieg vorbereitet, ohne dass Krieg erklärt wird. Die Normalisierung geschieht durch Information. „Falls“ wird zu „wenn“. „Vielleicht“ wird zu „wahrscheinlich“. „Irgendwann“ wird zu „bald“.

11. Cyberkrieg: Der unsichtbare Vorlauf

Cyberangriffe gelten völkerrechtlich nicht als Kriegshandlungen – noch nicht. Das macht sie zum perfekten Instrument für Eskalation unterhalb der Kriegsschwelle.

Das NATO Cyber Defence Centre in Tallinn, gegründet 2008, hat sein Budget seit 2020 verdreifacht. 32 Nationen sind beteiligt. Die Mission: Cyberangriffe erkennen, zuordnen, abwehren – und Vergeltung planen.

Die entscheidende Frage: Ab wann löst ein Cyberangriff Artikel 5 aus? Die NATO-Antwort 2021: „Cyber kann wie konventionelle Angriffe behandelt werden.“ Was das konkret bedeutet, bleibt absichtlich vage.

Baltische Staaten melden seit 2022 kontinuierlich Sabotage an Unterseekabeln, Angriffen auf Stromnetze, Infiltration von Regierungssystemen. Die Zuordnung zu Russland erfolgt ohne Beweise, aber mit politischer Sicherheit. Die Reaktion: „Verteidigungsmaßnahmen“, nicht Artikel 5.

Cyberkrieg normalisiert Eskalation. Jeder Angriff kann als „defensiv“ gerahmt werden. Jede Vergeltung als „notwendige Gegenmaßnahme“. Die Schwelle zum Krieg wird übersprungen, ohne sie zu überschreiten.

12. Atomare Teilhabe: Nukleare Normalisierung

Im Dezember 2022 kaufte Deutschland 35 F-35-Kampfjets von Lockheed Martin. Offiziell zur „Modernisierung der Luftwaffe“. Tatsächlich: um weiterhin amerikanische B61-Atomwaffen tragen zu können.

Die nukleare Teilhabe der NATO verpflichtet Deutschland, im Verteidigungsfall US-Atomwaffen einzusetzen. Die Bomben lagern in Büchel, Rheinland-Pfalz. Deutsche Piloten trainieren ihren Einsatz. Im Ernstfall gibt der US-Präsident den Freigabecode, deutsche Piloten werfen die Bombe ab.

Polen forderte 2024 die Stationierung von US-Atomwaffen auf eigenem Territorium. Die Begründung: Abschreckung gegen Russland. Die Realität: Flugzeit nach Moskau unter fünf Minuten. Vorwarnzeit für Russland: null.

Großbritannien modernisiert sein Trident-Atomwaffenarsenal. Frankreich baut neue Atom-U-Boote. Beide Programme laufen außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit, aber mit massiven Budgets.

Atomwaffen sind wieder Teil der Normalität. Nicht als letztes Mittel der Abschreckung, sondern als integrierter Bestandteil militärischer Planung. Die nukleare Schwelle sinkt.

13. Auflösung der Befehlsketten: Niemand entscheidet, deshalb kann gehandelt werden

Das Military Planning and Conduct Capability (MPCC) der EU, operativ seit Mai 2025, kann Militäroperationen führen – ohne dass nationale Parlamente zustimmen müssen.

Das Eurocorps, bestehend aus deutschen, französischen, belgischen, spanischen und luxemburgischen Truppen, operiert unter multinationaler Führung. Wer gibt im Ernstfall den Befehl? Der französische Präsident? Der deutsche Bundeskanzler? Der Eurocorps-General? Die Antwort: Es ist absichtlich unklar.

NATO Response Force, EU Battlegroups, PESCO Rapid Deployment Capacity – alle Strukturen funktionieren nach demselben Prinzip: multinationale Kommandos, unklare Verantwortlichkeiten, „Koalitionen der Willigen“.

Das bedeutet praktisch: Im Krisenfall kann jemand handeln, ohne dass jemand offiziell entschieden hat. Keine parlamentarische Freigabe erforderlich. Keine demokratische Legitimation nötig. Die Truppen sind bereits dort. Das Mandat ist „flexibel ausgelegt“. Die Einsatzregeln sind „situationsabhängig“.

Niemand entscheidet – und genau deshalb kann gehandelt werden.

14. Hybride Kriegsführung: Der Kriegsbegriff verschwindet

„Hybride Kriegsführung“ klingt technisch, modern, irgendwie anders als „Krieg“. Genau das ist der Punkt.

Hybrid bedeutet: Cyberangriffe, Desinformation, Wirtschaftssanktionen, Sabotage, verdeckte Operationen – alles unterhalb der Schwelle formeller Kriegserklärung.

Baltische Staaten melden seit 2022: Unterseekabel gekappt. Stromleitungen sabotiert. GPS-Signale gestört. Drohnen über kritischer Infrastruktur. Die Zuordnung: Russland. Die Reaktion: „Verteidigungsmaßnahmen“, keine Artikel-5-Aktivierung.

Polen, Finnland, Schweden verstärken Grenzsicherungen gegen „hybride Bedrohungen“ – Migrationsdruck, politische Destabilisierung, Energieerpressung.

Das Problem: Wenn alles hybrid ist, ist nichts mehr Krieg. Und wenn nichts Krieg ist, gelten keine Kriegsregeln. Keine formelle Erklärung. Keine parlamentarische Zustimmung. Keine völkerrechtlichen Einschränkungen.

Der Kriegsbegriff verschwindet – und damit die Schwelle, die bisher überschritten werden musste.

15. Delegitimierung Russlands: Diplomatie wird unmöglich gemacht

Diplomatie erfordert die Anerkennung legitimer Sicherheitsinteressen aller Seiten. Genau das wurde in den letzten zehn Jahren systematisch eliminiert.

Russische Sicherheitsbedenken gegenüber NATO-Osterweiterung: illegitim. Russische Forderung nach Neutralität der Ukraine: Erpressung. Russische Vorschläge für Sicherheitsgarantien: inakzeptabel.

Die Sprache der europäischen Politik seit 2014 ist eine Sprache der Eskalation, nicht der Verhandlung. „Putin muss gestoppt werden.“ „Russland muss verlieren.“ „Verhandlungen wären Appeasement.“

Verhandlungskorridore wurden aktiv eliminiert. Treffen von Merkel und Macron mit Putin 2021: gescheitert, keine Fortsetzung. Minsk-Abkommen: faktisch beerdigt. OSCE-Vermittlung: blockiert.

Dämonisierung statt Diplomatie. Putin ist nicht Verhandlungspartner, sondern Kriegsverbrecher. Russland ist nicht Nachbar, sondern Gegner. Sicherheitsinteressen existieren nicht, nur imperiale Ambitionen.

Wenn der Gegner dämonisiert ist, wird Krieg alternativlos.

16. Rückbau internationaler Krisenkommunikation: Fehler werden wahrscheinlich

Während des Kalten Krieges existierten militärische Hotlines zwischen Washington und Moskau, zwischen Bonn und Moskau, zwischen NATO und Warschauer Pakt. Vertrauensbildende Maßnahmen verhinderten Eskalation durch Missverständnisse.

Diese Strukturen wurden seit 2014 systematisch abgebaut.

Militärische Beobachter bei Manövern: drastisch reduziert. Gemeinsame Inspektionen von Rüstungsanlagen: eingestellt. Hotlines zwischen NATO und Russland: kaum noch genutzt. Der NATO-Russland-Rat: seit 2022 inaktiv.

Flugzeuge fliegen ohne Transponder. U-Boote operieren ohne Kennung. Manöver finden ohne Vorankündigung statt. Die Distanz zwischen Truppen schrumpft – NATO-Patrouillen und russische Verbände manchmal nur Kilometer voneinander entfernt.

Das Risiko: Fehleinschätzungen. Ein Radarfehler wird zur Krise. Ein versehentlicher Grenzübertritt wird zur Provokation. Eine technische Panne wird zur Kriegserklärung.

Ohne Kommunikation werden Fehler wahrscheinlich. Und Fehler eskalieren schnell.

Fazit: Sechzehn Schritte, ein Muster

Sechzehn Veränderungen. Manche groß, manche klein. Manche offensichtlich, manche technokratisch versteckt. Jede einzeln erklärbar. Jede einzeln vertretbar. Jede einzeln mit eigener Begründung.

Aber zusammen?

Ein Vertrag wird gekündigt. Infrastruktur wird angepasst. Manöver werden intensiviert. Technologie wird militarisiert. Sprache verändert sich. Gesetze werden vorbereitet. Finanzen werden externalisiert. Industrie wird umgestellt. Zivilgesellschaft wird eingebunden. Bevölkerung wird psychologisch vorbereitet. Cyberkrieg wird normalisiert. Atomwaffen werden Teil der Normalität. Befehlsketten werden aufgelöst. Der Kriegsbegriff verschwindet. Diplomatie wird delegitimiert. Krisenkomm wird abgebaut.

Jeder Schritt für sich: plausibel. Jeder Schritt für sich: defensiv. Jeder Schritt für sich: Reaktion auf russische Aggression.

Aber alle zusammen?

Vielleicht ist das alles Zufall. Vielleicht reagiert Europa nur auf externe Bedrohungen, ohne übergeordneten Plan. Vielleicht sind das unabhängige Entscheidungen verschiedener Akteure, die sich zufällig zu einem Muster fügen.

Oder vielleicht sind das keine einzelnen Bilder, sondern Puzzlestücke.

Die bisherigen Teile dieser Serie haben gezeigt:

  • Wie Deutschland auf Kriegswirtschaft umgestellt wird (Teil 1 & Teil 2
  • Wie die EU industriell aufrüstet (Teil 3
  • Wie ein EU-Beitritt der Ukraine den Bündnisfall aktivieren könnte (Teil 4
  • Wie PESCO eine einsatzfähige Armee geschaffen hat (Teil 5
  • Wie PRISM dieser Armee Augen und Ohren verleihen könnte (Teil 6
  • Und nun: Wie alle rechtlichen, infrastrukturellen und politischen Hindernisse beseitigt wurden (Teil 7) 

Im nächsten Teil dieser Serie fügen wir diese Puzzlestücke zusammen.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.  

Quellenverzeichnis

INF-Vertrag und Rüstungskontrolle
  1. Arms Control Association: INF Treaty at a Glance
    1. Historischer Überblick und Kündigungskontext 
    2. https://www.armscontrol.org/factsheets/intermediate-range-nuclear-forces-inf-treaty-glance
  2. Wikipedia: Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty
    1. Detaillierte Chronologie der Kündigung 2019 
    2. https://en.wikipedia.org/wiki/Intermediate-Range_Nuclear_Forces_Treaty
  3. Arms Control Association: U.S. to Deploy Intermediate-Range Missiles in Germany(2024)
    1. Typhon, Dark Eagle-Systeme 
    2. https://www.armscontrol.org/act/2024-09/news/us-deploy-intermediate-range-missiles-germany
  4. The War Zone: Russia Claims Oreshnik on Combat Duty in Belarus (2025)
    1. Reichweite 5.500 km 
    2. https://www.twz.com/land/russias-claims-oreshnik-ballistic-missile-now-on-combat-duty-in-belarus
Military Mobility
Militärische Großübungen
Dual-Use-Verordnung
  1. EU-Verordnung 2021/821 vom 20. Mai 2021
    1. Neue Dual-Use-Güterliste 
    2. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32021R0821
  2. European Commission: Dual-Use Export Controls
    1. KI, Cloud, Quantencomputer als Dual-Use 
    2. https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/dual-use-export-controls_en
Narrative und Sprachveränderung
  1. Deutsche Welle: Pistorius on „Kriegstüchtigkeit“ (Januar 2024)
    1. Originalzitat
    2. https://www.dw.com/de/pistorius-deutschland-muss-kriegst%C3%BCchtig-werden/a-68086562
  2. Von der Leyen: EU Defence Strategy Speech (Februar 2025)
    1. „Durchhaltefähigkeit“, 500 Milliarden Euro 
    2. https://ec.europa.eu/commission/presscorner/
  3. Scholz: Siegfähigkeit (März 2025)
    1. Bundesregierung Pressemitteilung 
Finanzialisierung (Defence Bonds)
  1. Financial Times: Von der Leyen calls for €500bn defence fund (Februar 2025)
    1. EU Defence Bonds Konzept 
  2. Bloomberg: Germany Plans Second Defence Special Fund (2025)
    1. 100 Milliarden zusätzlich 
Spannungsfall
  1. Verweis auf Teil 2 dieser Serie: „Spannungsfall 2026“
    1. VW-Treffen Frankfurt, Artikel 80 GG 
  2. Grundgesetz Artikel 80a
    1. Rechtliche Grundlage Spannungsfall 
    2. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_80a.html
EDIP und Industriepolitik
Zivil-militärische Durchmischung
Bevölkerungsschutz
Cyberkrieg
Atomare Teilhabe
EU Military Command Structures
Hybride Kriegsführung
Rückbau Krisenkommunikation
Quellenübergreifend
  • SIPRI Military Expenditure Database
  • IISS Military Balance 2025
    • Umfassende Daten zu Streitkräften, Ausrüstung, Budgets 
  • EU Foreign Affairs Council Conclusions (verschiedene Jahre)
    • Offizielle Beschlüsse zu Verteidigungspolitik

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge
Der Krieg vor dem Krieg

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Merz leck Eier“ – ein Ostergruß

Die Berliner Polizei ermittelt gegen einen 18-jährigen Schüler, der bei der Demo gegen die Wehrpflicht am 5. März ein Plakat mit der Aufschrift „MERZ LECK EIER“ zeigte. Der Schüler wurde verhaftet und das Plakat beschlagnahmt. Der Vorwurf lautet auf üble Nachrede und Verleumdung gegen den Bundeskanzler. Der Vorfall löste eine breite Debatte über Meinungsfreiheit aus und führte zu Solidaritätsaktionen.

Der Spruch verbreitete sich als Meme, wurde auf Demos gerufen, an der TU Berlin als Banner aufgehängt und als Solidaritätskampagne genutzt.

Bild Theda Ohling, Ostermarsch 2026

Aus Protest gegen diesen Eingriff in die Meinungsfreiheit fordert der linke Jugendverband Solid dazu auf, Solidaritätsbotschaften aufzunehmen die auf der Webseite »merzleckeier.de« veröffentlicht werden. Dort heisst es „In Berlin und München griff die Polizei zu Verhaftungen: Rufe und Plakate mit der Aufschrift »MERZ LECK EIER« und »Merz, stirb doch selbst an der Ostfront« waren Grund genug, um Schüler*innen festzunehmen.“

„Welchen Monat haben wir? – März!
 Was sagen wir dazu? – Leck meine Eier!“

Es war Schülerstreik am 5. März. Die freiheitliche Fassade, zu deren Verteidigung die Bundeswehr angeblich so dringend gebraucht wird, war gefallen. Unser Fazit zum Verhalten der Berliner Polizei: ihre Repressionen tragen oft mehr zur Aufklärung über die herrschenden Verhältnisse bei als hundert linke Seminare. Die Antwort der Demonstranten war schlagfertig: In Berlin hallte es durch die Straßen:
 „Welchen Monat haben wir? – März!
 Was sagen wir dazu? – Leck meine Eier!“

Der Berliner Landessprecher der Linksjugend Solid kündigt an: „Wir wollen eine Kampagne für die Schüler*innen starten, die sich mit den Betroffenen solidarisieren und gleichzeitig ihre Anliegen und den nächsten Streik am 8. Mai unterstützen. Denn wir sind nicht alleine gegen Wehrpflicht und Krieg – wir sind mehr! Insbesondere macht das Durchgreifen der Polizei für uns deutlich, welches Potential die Bewegung hat, wenn ihr so begegnet wird. Friedrich Merz und seine Handlanger in der Polizei sehen die Schüler*innen klar als Gefahr für ihre Kriegspläne.“

Der Landessprecher der Linksjugend beschreibt laut Junge Welt [1]https://www.jungewelt.de/artikel/519269.protest-gegen-wehrpflicht-solidarit%C3%A4tskampagne-gegen-repression-bei-schulstreiks.html die Aktion als »offene Mitmachaktion« und lädt alle ein, ihre Meinung über Merz in Form von Video- oder Textbotschaften an friedrich@merzleckeier.de zu schicken oder ihre lokalen Streikkomitees auf Instagram für Collabs anzufragen.

Der Vorgang hat Martin Sonneborn zu Ostern, dem „Fest der Eier“, dazu veranlasst, das Ganze in seiner eigenen historischen und dialektischen Entwicklung zu betrachten:

Und hier etwas größer, zum Nachlesen:
Moooment, werden Sie vielleicht gerade gedacht haben, was soll denn das – der MÄRZ ist doch schon vorbei?! Ein sicher nicht untypischer Gedanke für jemanden aus unserer Generation der Zeitungsleser. Aber hier geht es, ich muss es wissen, um Friedrich MERZ, den unbeliebtesten Regierungschef seit Menschengedenken. (Selbst Hitler in den letzten Kriegstagen dürfte höhere Zustimmungsraten gehabt haben. Honecker natürlich auch, Smiley!) Und dieser Merz ist leider noch nicht vorbei.

Als mich vor drei Jahre ein PARTEI-Freund anrief und mir erklärte, sein 14jähriger Sohn hätte bei der Kommunalwahl einen Sticker gebastelt, der im Internet über eine Million Klicks bekam, weigerte ich mich noch, den Spruch auf Plakate drucken zu lassen. Vor der letzten Bundestagswahl war die politische Situation in Deutschland bekanntlich verzweifelt. Wir alle wussten, was kommen würde. (Falls Sie sich erinnern, wir gingen mit „Der nächste Kanzler wird ein Arschloch!“-Plakaten in die Wahl.) Und ich wehrte mich nicht länger, wir plakatierten landesweit: „Leck Eier“ !

Viele junge Leute griffen die Formulierung auf. Richtig bekannt wurde der kleine Spaß, als ein Schüler mit einer selbstbemalten Pappe „Merz Leck Eier“ anlässlich einer Demonstration gegen die Wehrpflicht von der Berliner Polizei festgenommen wurde. Seitdem verbreitet er sich wie bekloppt.

Das Modell der westlichen Demokratie steckt in seiner tiefsten Krise. In Frankreich & Grobbritannien ertragen neun von zehn Bürgern ihre Regierungschefs nicht mehr. (Umfragen zufolge sind Macron & Keir Starmer fast genauso verhasst wie Friedrich Merz.) Anstatt sich für Sie, für die Bürger einzusetzen, für Frieden und Wohlstand, für bezahlbare Energie und funktionierende Infrastruktur, für Bildung und über Jahrzehnte errungene Sozialstaatlichkeit, setzen sie auf Militarisierung der Gesellschaft, auf „endlosen Krieg“ (Julian Assange) – und auf die Unterdrückung jeglicher Kritik daran.
Wer da nicht mitspielen will, der zeigt jetzt Eier. Smiley!

Wir danken Martin für diesen Beitrag und das Publikationsrecht.

Jetzt erst recht: “ Merz leck Eier“. Bis die Wehrpflicht weg ist!

Und: Save the date: nächster Schulstreik gegen die Wehrpflicht ist 8. Mai!

Wir möchten für die „nicht allerhellsten Köpfe“ und natürlich auch für die Berliner Polizei darauf hinweisen, dass es sich hier um bitterernste Realsatire handelt! Weil wir es einfach mögen, haben wir nicht nur das Titelbild, sondern auch gleich den Titel – mit eigenem Zusatz versteht sich – von der Jungen Welt entlehnt. Ganz vielen Dank an den Verlag.

Passend zum Thema: Protest gegen Polizeigewalt in Berlin

Titelbild: Junge Welt [2] https://www.jungewelt.de/artikel/520333.regierungschef-nicht-mitspielen-eier-zeigen.html

Osterbotschaften im „Vorkrieg“

Der Berliner Ostermarsch 2026

In einer politischen Situation, in der die Machtzentren der Republik unmissverständlich zu verstehen geben, dass für sie die Nachkriegsperiode nun vorbei geht und wir uns in einer Vorkriegssituation befinden, die in Kriegstüchtigkeit münden soll, sind Demonstrationen, die die Gründe für den kommenden Ausnahmezustand infragestellen, nicht erwünscht. Darüber lassen die verbreitungsstarken Medien wenig Zweifel. Die angebliche vierte Gewalt sieht ihre Aufgabe immer weniger darin, die Macht zu kontrollieren und ihre Argumente einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Sie übernimmt die – in den Thinktanks der Herrschenden empfohlenen – strategischen Weichenstellungen und beschränkt sich darauf, die öffentliche Diskussion darüber zu steuern, auf welchem Wege diese Ziele am besten erreicht werden können. Am krassesten ist dies bei den neuen Firmenmedien wie Telekom-News oder Google-News, die sich gar nicht mehr den Anschein geben, dass hier eine Meinungsauseinandersetzung stattfindet. Sie befinden sich im ständigen Kriegsmodus. Doch auch in den öffentlich-rechtlichen Medien herrscht inzwischen ein anderer Ton. Kriegsgegner werden stigmatisiert und denunziert. Ihre Argumente werden nicht mehr als gangbare Denkalternativen respektiert. Sie sind störend. Unter dieser Medienkulisse ist es fast schon eine kleine Mutprobe, sich an Friedensdemonstrationen zu beteiligen.

Und man kann jedem, gratulierend auf die Schulter klopfen, der oder die sie auch in diesem Jahr noch bestanden hat. In Berlin waren das mindestens so viele im vergangenen Jahr. Die Veranstalter haben 6.000 Menschen gezählt (laut Polizeiangaben waren es über 1600), die bei wesentlich besseren Wetter als erwartet ihre Sorgen und Hoffnungen auf die Straße getragen haben. Der Berliner Ostermarsch nahm in diesem Jahr am Mauerpark seinen Ausgang, verlief durch den Prenzlauer Berg und Mitte und kehrte dann zu seinem Startpunkt zurück.

Da die heute laufenden Kriegskonflikte übersehbar ihre tieferen Ursachen in der Logik des kapitalistischen Weltsystems haben, ist es natürlich naheliegend, dass sich auf solchen Protestdemos die organisierte Linke sammelt. So auch in diesem Jahr. Dies gilt umso mehr, als die Parteien der sog. bürgerlichen Mitte, vor allem die SPD und Grünen, zu Apologeten der Kriegspolitik geworden sind und ihre kriegskritischen Traditionen für überholt halten. Und die klassischen Strömungen der Friedensbewegung, die nicht Teil linker Tradition sind, finden auch nur hier Verständnis und Unterstützung. Ein Zustand, der nicht neu ist und den schon Bertha von Suttner so beschrieben hat. Natürlich wissen wir alle, dass die Größe der aktuell staffindenden Antikriegsproteste den Herrschenden nicht wirklich schlaflose Nächte bescheren wird. Doch unsere Stimme wird nicht verstummen. Die Friedensbewegung wird aber nur Erfolg haben, wenn sie ein Mehrgenerationenprojekt wird. Hier hätten wir uns eine größere Beteiligung der jungen Generation gewünscht, die im Zentrum der kommenden Auseinandersetzungen stehen wird. Sie sind als erstrangiges Bauernopfer auf dem Monopoli-Spielfeld der Milliardärsklasse vorgesehen.

Doch die jetzt zur Registrierung Aufgerufenen sind gerade erst erwacht und einige ihrer „Vordenker“ haben diese Aufgabe bereits erkannt. So wurde auf der Demo ein Flugblatt des Kommunistischen Jugendbunds verteilt, das zu einem intergenerationellen Austausch einläd. Der KJB ist verbunden mit dem Bund der KommunistInnen, die zusammen mit der Stadtteilinitiative „Hände weg vom Wedding“ Ende Februar die antimilitaristische Konferenz „Entrüstung“ organsisiert haben, an der über 300 Interessierte teilnahmen, in ihrer großen Mehrheit junge Friedensktivist:innen. Die Jungkommunist:innen schreiben:„Überall ist Krieg – und es sieht nur nach mehr Eskalation aus. Die Herrschenden rüsten auf, aber wir haben keine Friedensbewegung, die dem effektiv was entgegen setzen kann. Das müssen wir gemeinsam ändern! Wir wissen, als kommunistische Jugend, dass die Militarisierung als erstes uns trifft, aber früher oder später alle Generationen der Logik des Krieges zum Opfer werden. Deshalb muss die Friedensbewegung generationsübergreifend sein. Wir wollen bei dieser Veranstaltung die Generationen näher bringen, von einander lernen, und den Aufbau einer starken Friedensbewegung voran bringen“ Wir sollten dieses Angebot begrüßen, auch wenn klar ist, dass es vielfältige Verbindungen in die junge Generation benötigt.

Besonders herzerwärmend war eine Gruppe von Kids aus Migrantenfamilien, die sich ein buntes Transparent (s. Bild) gemalt hatten mit der Aufschrift „Bildungsplätze statt Kriegseinsätze“ und orchestriert von ihren älteren Familienmitgliedern „In der Rüstung sind sie fix. Für die Kinder tun sie nix“ skandierten.

Auf der Demo vertreten waren auch wieder gewerkschaftliche Antikriegsgruppen aus Verdi, GEW, IG BAU, EVG und IG Metall, wo auch wir zu finden waren. Der DGB-Vorstand hatte zu den Ostermärschen aufgerufen, ohne jedoch die eigene Regierung zum Adressaten seiner Kritik zu machen. Kriegsgegner:innen haben in unseren Organisationen gerade keinen leichten Stand. Aber wir behaupten uns.

Stellvertretend für die Kundgebungsbeiträge, die eine ganze Bandbreite von Themen umfassten – angefangen bei der irrealen Konstruktion eines drohenden Angriffs von Russland auf NATO-Staaten, über deren realer Poltik in den aktuellen Kriegsschauplätzen zum Prozess des gesellschaftlichen Umbaus für die erhoffte Kriegsfähigkeit – dokumentieren wir hier die Rede von Ulrike Eifler, Gewerkschafterin in der IG Metall und Bundessprecherin der BAG Betrieb und Gewerkschaften innerhalb der Partei DIE LINKE. Wir danken Ulrike für die Überlassung ihres Beitrags. Alle Kundgebungsbeiträge, soweit sie schriftlich vorliegen, werden in den nächsten Tagen von der Friko veröffentlicht.

Die folgende Bildergalerie wurde von uns, und uns nahestehenden Kolleg:innen erstellt und kann eine Vorstellung vermitteln, wer hier unterwegs war und was die Demonstrierenden bewegt hat.

Bilder: Ingo Müller (Erstveröffentlicht auf widerständig.de), Jochen Gester, Konstantin Kieser, Sabine Scheffer/r-mediabase

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