Nie wieder, für alle!

Für die Bundesregierung gilt das Völkerrecht offenbar nur noch dann, wenn es eigenen Interessen dienlich ist.

Bild: Nach einem israelischen Luftangriff auf Khan Younis im Gazastreifen. (Foto: Mohammed Zaanoun, Activestills)

Von medico international, veröffentlicht am 18. Januar 2024

Mehr als 100 Tage nach den Angriffen der Hamas und dem Beginn der israelischen Bombardierung von Gaza hat sich die deutsche Öffentlichkeit offenbar an den nächsten Krieg, an das nächste Grauen gewöhnt. Doch die Macht der Gewohnheit ändert nichts an Tatsachen, die kaum noch bestritten werden können: Die deutsche Bundesregierung, wie der Westen insgesamt, beteiligen sich durch politische Rückendeckung, Waffenlieferungen und die Blockade völkerrechtlicher Mechanismen an schwerwiegenden Völker- und Menschenrechtsverbrechen der israelischen Armee in Gaza. Sie machen sich seit über drei Monaten in mehrfacher Hinsicht mitschuldig. Die Rückseite der öffentlich eingeübten militärischen Solidarität mit Israels Regierung ist das Totalversagen deutscher Außenpolitik.

Das hat erhebliche Folgen: Die deutsche Politik und ihre offensichtliche ethische Inkohärenz, die selbst mit dem Wort Doppelstandards nicht mehr angemessen beschrieben werden kann, werden weltweit von Intellektuellen, Regierungen, der Zivilgesellschaft und antikolonialen Bewegungen aufmerksam registriert und scharf kritisiert. Der schon jetzt entstandene Schaden, der nicht nur auf geopolitischer und zwischenstaatlicher Ebene, sondern auch im Alltag von Stiftungen, Kultureinrichtungen und globalen zivilgesellschaftlichen Kooperationen erzeugt wird, ist dramatisch. Die Langzeitfolgen sind unabsehbar. Die westliche Unterstützung für den Krieg gegen eine seit bald zwei Jahrzehnten eingeschlossene Bevölkerung in Gaza, aber auch die autoritären, obrigkeitsstaatlichen Maßnahmen in Deutschland gegen palästinensische und zunehmend auch linke jüdische Stimmen, markieren einen Einschnitt, dessen historische Dimension schon jetzt nicht mehr bestritten werden kann.

Der jüngste Höhepunkt ist die skandalöse Haltung der Bundesregierung gegenüber dem Verfahren gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Im Friedenspalast, der dem Gericht als Sitz dient, haben die südafrikanische Jurisprudenz und Regierung bereits jetzt Geschichte geschrieben. Vertreter:innen ihres Rechtswesens, ausgestattet mit dem tiefen Wissen um Apartheid und Rassismus, haben vor dem UN-Gericht den Staat Israel wegen des Vorgehens seiner Armee im Gazastreifen angeklagt. Die Rolle Südafrikas ist wegen des formellen Endes der Apartheid vor 30 Jahren in hohem Maße symbolisch: Südafrika verkörpert in der Den Haager Rollenverteilung auch die Hoffnung der Welt auf ein Ende des Rassismus, auf ein Ende kolonialer Bevormundung sowie auf historische Gerechtigkeit und den gemeinsamen Horizont des Menschenrechts schlechthin.

Drei Stunden lang sprachen die Jurist:innen aus, legten dar und zeigten Aufnahmen von dem, was die Welt nicht sehen und so schnell wie möglich vergessen soll: Die Zahl der Toten, die mittlerweile zu einer täglich steigenden und vorhersagbaren Statistik geworden ist. Die Schonungslosigkeit des israelischen Vorgehens gegen Kinder, Alte, Kranke. Die Zerstörung aller Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Das gezielte Aushungern und Verdursten lassen. Die Vertreibung von zwei Millionen Menschen, deren Rückkehr angesichts der Zerstörung und zurückgelassener, nicht detonierter Explosivmunition auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte unmöglich erscheint. Israel hingegen verteidigte sich vor dem Gericht so wie auf dem Schlachtfeld. Seine „Sicherheit“ wird definiert über die Aufrechterhaltung totaler Überlegenheit über die palästinensische Bevölkerung. Wann diese Übermacht angesichts der politischen Perspektivlosigkeit in Ohnmacht umschlägt, ist eine Frage der Zeit.

Ein Schlag ins Gesicht des Völkerrechts

Die deutsche Ankündigung, im Fall eines vollumfänglichen Verfahrens zugunsten Israels zu intervenieren, ist ein deutliches Signal an Südafrika, den Internationalen Gerichtshof und an die Welt: Das Völkerrecht liegt entweder in der Deutungshoheit des Westens – oder es darf kein Völkerrecht geben. Damit sind alle Sätze der Bundesregierung über eine werte- und rechtebasierte Außenpolitik nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen. Das zunehmende Glaubwürdigkeits- und Legitimationsproblem eines von vielen als westlich und parteiisch empfundenen internationalen Rechts und seiner Institutionen wird weiter vertieft. So weist die Botschaft weit über den Gaza-Konflikt hinaus: Das Recht soll offenbar nur noch dann gelten, wenn es das Recht des Stärkeren absegnet. Und Deutschland stellt sich auf die Seite des Rechts des Stärkeren und verkleidet dies noch als einen Beitrag zu einem erinnerungspolitisch verkleideten „Nie wieder“. Dieser Widersinn macht die Einsamkeit Deutschlands und großer Teile des Westens in der heutigen multipolaren Welt aus.

Es war zwar ein Zufall, dass das Den Haager Gericht die Anhörung am 120. Jahrestag des Aufstands der Herero im heutigen Namibia begann. Doch stellt sich unmittelbar ein erschütternder Zusammenhang her. In Reaktion auf einen verlustreichen Überfall auf deutsche Siedler:innen durch Herero-Kämpfer am 12. Januar 1904 und in den Tagen danach beging die „Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika“ den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Aus namibischer Sicht legt sich die Geschichte des Herero-Aufstands und seiner Folgen, trotz aller Unterschiede, wie eine Folie auf die grauenvollen Geschehnisse seit dem Hamas-Überfall am 7. Oktober. Die Regierung Namibias kritisierte die deutsche Reaktion entsprechend unmittelbar und scharf.

Die Verbissenheit jedenfalls, mit der die deutsche Politik sich weigert, die an koloniale Geschichte erinnernden Anteile der israelischen Siedlungs- und Unterdrückungspolitik zur Kenntnis zu nehmen, hat unzweifelhaft auch mit der fehlenden Aufarbeitung eigener Verbrechen zu tun. Dabei müsste doch Deutschland im Stammbuch stehen haben: Ein Land, das zwei Völkermorde der modernen Geschichte verantwortet, hat mit äußerstem Ernst und Demut jeden seriös vorgetragenen Vorwurf einer genozidalen Absicht zur Kenntnis zu nehmen und zu prüfen.

Dennoch: Ein Hoffnungsschimmer

Der Auftritt Südafrikas vor dem internationalen Gerichtshof hat jedoch auch ohne Unterstützung Deutschlands gezeigt, dass es eine Alternative gibt. Das ist und bleibt die Kraft des Völker- und Menschenrechts. Dafür wurden nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts Institutionen wie der Internationale Gerichtshof und später der Internationale Strafgerichtshof geschaffen. Sie können mit dem Weltrecht im Rücken ein Ende des Grauens verlangen und Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen. Und zwar für alle, denen das Grauen angetan wird und wurde, auf beiden Seiten der Grenze. Die Region wird nur eine Zukunft haben, wenn die Straflosigkeit beendet und Gerechtigkeit hergestellt wird.

Das zur deutschen Staatsräson erklärte Bekenntnis der politischen Elite zum herrschenden israelischen Sicherheitsverständnis hingegen, das seit jeher auf das Recht des Stärkeren setzt, enthüllt sich als das, was es ist: eine Politik des Zwangs, die keine andere politische, juristische, philosophische oder historische Position zulässt. Von Demokratie ist in dieser Hinsicht nur noch schwer zu reden. Erst recht nicht von Politik, wenn man sie im unbedingten Sinne Hannah Arendts als Entscheidung des kollektiven freien Willens begreift.

Die Gleichgültigkeit der deutschen Politik gegenüber dem Geschehen in Gaza, in dessen Windschatten zusätzlich das Projekt zur weiteren israelischen Besiedlung radikal vorangetrieben wird, macht die Bundesregierung zu einem unglaubwürdigen Akteur in der Region. Niemals wirkte der appellhafte Rückgriff auf die Zwei-Staaten-Lösung so leer wie jetzt. Hinter all den Floskeln bleibt die Absicht kaum verborgen, das ohnmächtige Publikum an Verbrechen zu gewöhnen, die zum Bestandsschutz Deutschlands und des Westens nötig scheinen.

Entnommen aus dem newsletter von medico international
https://www.medico.de/nie-wieder-fuer-alle-19348
 
Wir danken für das Publikationsrecht.

Gaza Augenzeugenbericht im Oyoun am 26.1.2024

Gaza. Der Völkermord geht In die nächste Runde. Die westliche Presse wendet sich anderen Themen zu. Wir berichten weiter. Nicht weggucken. Halten den Druck aufrecht: endlich Waffenstillstand sofort! Stoppt das Massenmorden!

Freitag, 26. Januar. 19 Uhr.

Augenzeugenbericht aus Gaza mit Duha Almusaddar, Koordinatorin der Rosa Luxemburg Stiftung in Gaza .

Ort: Kulturzentrum Oyoun, Lucy-Lameck-Straße 32, 12049 Berlin!

Duha hat vor kurzem Gaza verlassen und wird aus erster Hand über die Situation vor Ort berichten.

Bitte beachten. Nach der Räumung des Oyoun-Gebäudes durch den Berliner Senat stehen leider keine Stühle zur Verfügung. Besuchern bleibt vorerst nichts anderes übrig, als es sich „bequem“ auf dem Boden zu machen.

Während sogar der Aussenbeauftragte der EU gegenüber Netanjahu inzwischen davon spricht, dass man ihn notfalls zu einer anderen Politik zwingen müsse, geht de facto die Unterstützung dieser Politik weiter. Kultureinrichtungen wie das Oyoun in Berlin, die Kritikern der zionistischen Politik Nethanyahus das Recht auf freie Meinungsäusserung nicht entziehen, werden nach wie vor die öffentlichen Gelder gestrichen und damit in ihrer Existenz bedroht.

Seid solidarisch mit dem Kulturzentrum Oyoun, das trotz aller staatlichen Einschüchterungsversuche die demokratischen Grundrechte auf Meinungs- und Kulturfreiheit verteidigt. Hier der Aufruf zur Solidarität mit Oyoun: Open Letter | Oyoun must stay! 
[1]https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSd0Ni47hWpgKWZduBFe9TcFgfF37QwTj4Ejq97cxeo5HExl_g/viewform

Aktuelle Meldung: Inzwischen hat der CDU Kultursenator seine "Antidiskrimminierungsklausel"  wegen Unvereinbarkeit mit der grundgesetzlich geschützten "Kulturfreiheit" zurückziehen müssen.  Der nationale und  vor allem auch internationale Protest wurde immer größer. Unter anderem gab es einen weltweiten Aufruf namhafter Künstler, alle deutschen Kulturinstutitionen zu bestreiken.  "Eine Kampagne namens »Strike Germany« rief auch unter Bezug auf die Klausel und die darin enthaltene Antisemitismusdefinition weltweit dazu auf, deutsche Kulturinstitutio­nen zu bestreiken."[2] https://www.spiegel.de/kultur/joe-chialo-berlin-kippt-antidisikriminierungsklausel-fuer-kulturfoerderung-a-9a357c85-3f03-43d0-b465-9ba7050d1927?sara_ref=re-so-app-sh   Die Rücknahme bedeutet aber noch längst nicht, dass jetzt demokratische und antifaschistische Einrichtungen wie das Oyoun wieder an die gestrichenen geplanten  öffentlichen Gelder für den Weiterbetrieb gelangen. Dazu dürfen Protest und Druck nicht nachlassen. 

Fotos:
PALESTINIANS BURY THE BODIES OF 110 PEOPLE KILLED BY ISRAELI ATTACKS IN A MASS GRAVE IN THE KHAN YOUNIS CEMETERY, NOVEMBER 22, 2023. (PHOTO: © MOHAMMED TALATENE/DPA VIA ZUMA PRESS APA IMAGES)

SCREEN GRAB OF THE MOMENT THE ISRAELI ARMY DETONATED AL-ISRAA UNIVERSITY (PHOTO: SCREENSHOT/SOCIAL MEDIA)

References

References
1 https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSd0Ni47hWpgKWZduBFe9TcFgfF37QwTj4Ejq97cxeo5HExl_g/viewform
2 https://www.spiegel.de/kultur/joe-chialo-berlin-kippt-antidisikriminierungsklausel-fuer-kulturfoerderung-a-9a357c85-3f03-43d0-b465-9ba7050d1927?sara_ref=re-so-app-sh

„Wir bewegen uns von einer Nachkriegs- zu einer Vorkriegswelt“

Kriegs- und Rüstungsbefürworter haben derzeit Oberwasser, die Kriegsgefahr sei hoch, wird geraunt, und natürlich steht Putin vor der Tür der Nato, die sich verteidigen muss.

Von Florian Rötzer

Am Montag verkündete Bild, um einen tags zuvor veröffentlichten Bericht zu verstärken, unter dem seltsamen Titel „Putin-Angriff ‚näher als die meisten denken‘“, dass sich die Bundeswehr angeblich auf einen Krieg der Nato gegen Russland vorbereite. Es herrsche „Riesen-Nervosität in Europa“, weiß die Zeitung und behauptet: „In einem detaillierten Schritt-für-Schritt-Plan spielen die Bundeswehr-Experten eine russische Eskalation durch – und was die Nato unternehmen müsste, um Moskau in die Schranken zu weisen.“

Es wird offensichtlich auf der Angst geritten, wie das viele westliche Regierungskreise machen, um den Ukraine-Krieg fortzusetzen. Behauptet wird, wenn Russland – einzig verkörpert durch den Bösen, durch Wladimir Putin – die Ukraine besiegen würde, stünde der Angriff auf weitere Nato-Länder an. Die Bundeswehr bereite sich ab Februar 2024 nach dem „Geheimpapier“ auf einen „hybriden russischen Großangriff auf die Ostflanke der Nato“ vor. Dabei handelt es sich aber nur um ein übliches Übungsszenario, das davon ausgeht, dass Russland mit einem Zapad-Großmanöver, das seit den 1970er Jahren immer einmal wieder abgehalten wird, Truppen in Belarus konzentrierten könnte, um dann die Suwalki-Lücke anzugreifen, nachdem Kaliningrad aufgerüstet wurde. Das klingt nach dem Titel „Bundeswehr bereitet sich auf Putin-Angriff vor“, die Nato macht dies schon länger (Wer hat Angst vor dem russischen Manöver Zapad 2017?). Aber Bild weiß sich da auch mit Verteidigungsminister Pistorius einig, der im Dezember auch vor einem russischen Angriff warnte und Deutschland „kriegstüchtig“ machen will.

Die Gefahr aus dem Osten für Europa hämmert auch der ukrainische Präsident Selenskij den westlichen Staaten ein, um sie bei der Stange zu halten. Zudem meint er, gefangen in der Aufmerksamkeitsökonomie, er müsse Russland in Konkurrenz zu Israel und dem Gaza-Krieg böser als bös darstellen und ein Zerrbild des kriegs- und geldlüsternen Putin liefern, so dass der Kampf gegen Putin zur globalen Entscheidungsschlacht im Stil von Tolkien werden soll. Auf dem Weltwirtschaftsforum sagte er wieder einmal, dass einzig die Ukraine und deren Soldaten den russischen Vormarsch aufhalten. Dazu führt er auch die behaupteten Abschüsse von Kinshal-Hyperschallraketen mit Patriot oder die von russischen Militärmaschinen wie das AWACS-Flugzeug A-50 an. Seine Kriegsromantik ist allerdings ein schriller Appell an den Westen, die Ukraine weiter zu unterstützen:

„Wer glaubt, es ginge hier nur um die Ukraine, der irrt gewaltig. Die möglichen Richtungen und sogar der Zeitrahmen einer neuen russischen Aggression über die Ukraine hinaus werden immer deutlicher. Lassen Sie mich ganz ehrlich fragen: Welche europäische Nation kann heute eine kampfbereite Armee aufstellen, die der unseren ebenbürtig ist und Russland zurückhält? Und wie viele Männer und Frauen sind Ihre Nationen bereit, zur Verteidigung eines anderen Staates, einer anderen Nation zu entsenden? Wenn man in den kommenden Jahren gemeinsam gegen Putin kämpfen muss, ist es dann nicht besser, ihm und seiner Kriegsstrategie jetzt ein Ende zu setzen, während unsere tapferen Männer und Frauen dies bereits tun? Sie sind die Chance der Welt. Sie sind es.“

Die Bundesregierung scheint Angst vor einem Wahlsieg von Trump zu haben und steckt Milliarden in Waffenlieferungen und Finanzhilfen in das Pleiteland Ukraine. Zudem übt der Bundeskanzler Druck auf andere EU-Staaten aus, die Ukraine-Hilfe wie Deutschland zu erhöhen: „Europa muss demonstrieren, dass es eng an der Seite der Ukraine steht, an der Seite der Freiheit, des Völkerrechts, der europäischen Werte“, so Bundeskanzler. Deutschland hat seit Beginn des Krieges die Ukraine mit 28 Milliarden Euro unterstützt und will nun weitere 20 Milliarden aus dem normalen Haushalt ausgeben, darunter 8 Milliarden für Waffen und 7 Milliarden für die Flüchtlinge, gespart muss daher woanders werden.

Nicht nur die Bild, auch andere Medien wie Der Westen (Putin: Weckruf an uns alle!) oder der Merkur (Angriff aus Russland) verbreiten Angst, offenbar um die Unterstützung der Ukraine und die Fortsetzung des Kriegs zu erwirken. Bild stützt sich auf einen „Militärexperte Fabian Hoffmann, Wissenschaftler an der Universität Oslo, in einem viel beachteten Beitrag auf X (früher Twitter)“. Das ist natürlich überaus ernst zu nehmen, da er doch meint, die Russen würden „einen Angriff auf die osteuropäischen Nato-Länder riskieren, obwohl sie in der Ukraine große Probleme haben und dem westlichen Verteidigungsbündnis militärisch unterlegen sind. Der Kreml wisse um seine Schwächen und habe diese einkalkuliert.“

Eine wunderliche Logik, Putin würde darauf setzen, die Nato nicht militärisch, sondern psychologisch zu besiegen, weil sie die Ukraine doch zögerlich unterstützt habe. Das kann man nun ja nicht gerade sagen, zudem hat Russland alle Eskalationsstufen der Nato-Staaten bei allen Warnungen bislang nicht mit einem Angriff auf Nato-Staaten beantwortet. Russland hat schon große Schwierigkeiten mit der Ukraine und kaum die Kapazitäten, das Land, sollte es ganz eingenommen werden, wenn dies wirklich die Intention wäre, dann flächendeckend kontrollieren zu können, geschweige denn weitere Länder überfallen und besetzen zu können.

Es muss schon das Schreckgespenst eines imperial besessenen Putin beschworen werden, um eine wirkliche Bedrohung der Nato zu suggerieren, die tatsächlich immer noch militärisch weit überlegen wäre. Vielmehr hat man den Eindruck, dass die Ukraine und der Krieg gegen Russland vor allem dazu dient, die Einheit der Nato zu gewährleisten, die mit Trump als US-Präsident tatsächlich gefährdet wäre. Dass man sich auf Angriffe vorbereitet und Szenarien ausbrütet, ist natürlich Routine auf der Seite der Nato und Russlands. Dabei wird schon seit Jahren, also lange vor dem Krieg, die Suwalki-Lücke als Risiko betrachtet – sowohl von der Nato, weil man hier die Landverbindung zwischen Polen und den baltischen Staaten schließen, aber auch Kaliningrad isolieren könnte.

Die EU- und Nato-Staaten sollen kriegsbereit gemacht und die Rüstungsbudgets hochgefahren werden. Dazu ist ein Gegner notwendig, der angeblich jederzeit zuschlagen kann und will. Die schwedische Regierung hat bereits die Menschen in Panik versetzt, weil sie vor einem drohenden Krieg warnt. Der Verteidigungsminister sagte: „Die Wolken verdichten sich. Die Welt ist gefährlicher geworden … Ein bewaffneter Angriff gegen Schweden kann nicht ausgeschlossen werden. Der Krieg kann auch zu uns kommen.“ Noch soll die Ukraine Europa verteidigen: „Die Ukraine ist Europas Schutzschild gegen den russischen militärischen Expansionismus. Und die Zukunft der europäischen Sicherheitsordnung wird auf den Schlachtfeldern der Ukraine entschieden.“ Daher muss die Ukraine weiter militärisch unterstützt, aber auch Schweden sein Militär technisch und personell ausbauen und die Rüstungsbranche stärken. Die Militärausgaben werden um 2,3 Milliarden Euro erhöht. Die Schweden werden aufgefordert, sich auf einen Krieg nach dem Konzept der „totalen Verteidigung“ vorzubereiten.

„Wir befinden uns am Beginn einer neuen Ära“

Gerade hat auch der britische Verteidigungsminister Grant Shapps demonstriert, dass es nicht um die Umsetzung einer friedlichen Ordnung geht, sondern um Kriegsvorbereitung durch Aufrüstung. Dazu gehört ebenfalls das Mantra, dass die Welt jetzt gefährlicher geworden sei, und dass man jetzt, im Jahr 2024, in einem Entscheidungsjahr lebt: für die Ukraine, aber auch für Großbritanniens nationale Verteidigung und die „Macht, die Welt zu beeinflussen“. Alles andere ist unpatriotisch.

„Großbritannien hat schon oft das scheinbar Unmögliche geschafft. Unsere Geschichte ist übersät mit Momenten, in denen wir uns der Bedrohung gestellt und gesiegt haben.  Aber wir befinden uns in einer neuen Ära und müssen darauf vorbereitet sein, unsere Feinde abzuschrecken, unsere Verbündeten anzuführen und unser Land zu verteidigen. Bei der Abschreckung geht es darum, dass das Vereinigte Königreich einen strategischen Vorteil gegenüber seinen Feinden erlangt. Die Grundlage für diesen Vorteil ist natürlich unser Nuklearunternehmen. In einer Zeit wachsender nuklearer Gefahren bietet unsere kontinuierliche Abschreckung auf See den ultimativen Schutz. Deshalb geben wir rund 31 Milliarden Pfund aus, um Dreadnought-U-Boote der nächsten Generation zu beschaffen und unsere Abschreckung zu verbessern.“

Und er stimmt mit der durch die Gefahren und die Größe des imperialen Landes legitimierte Aufrüstung auf kriegerische Zeiten ein. Selbstverständlich, das gehört zur Rhetorik, wird immer nur reagiert, weswegen alle Länder ja auch Verteidigungsministerien haben:

„Wir befinden uns am Beginn einer neuen Ära. Die Berliner Mauer ist eine ferne Erinnerung. Und der Kreis hat sich geschlossen. Wir bewegen uns von einer Nachkriegs- zu einer Vorkriegswelt. Das Zeitalter des Idealismus wurde durch eine Periode des knallharten Realismus abgelöst. Heute sind unsere Gegner damit beschäftigt, ihre Barrieren wieder aufzubauen. Alte Feinde werden wiederbelebt. Neue Feinde nehmen Gestalt an. Die Kampflinien werden neu gezogen. Die Panzer stehen buchstäblich auf Europas ukrainischem Rasen. Und die Grundlagen der Weltordnung werden in ihren Grundfesten erschüttert. Wir stehen an diesem Scheideweg – ob wir vor einem Meer von Unruhen kapitulieren oder alles tun, um die Gefahr abzuwenden.“

Vom paradoxen Nato-Weg zum Frieden

Es gibt unzählige Stimmen, die jetzt für Aufrüstung und aggressive Militärpolitik trommeln, Friedenspolitik ist hinter dem Horizont verschwunden. Da ist zum Beispiel Admiral Rob Bauer, der Vorsitzende des  Nato-Militärausschusses, der heute  meinte, man befinde sich „in der gefährlichsten Zeit seit Jahrzehnten“, man müsse „das Unerwartere erwarten“, was selbstredend ein Krieg und Wettrüsten ist, denn, so verkündete er den alten Spruch: „Wer Frieden haben will, muss sich auf den Krieg vorbereiten.“ Daher müsse es eine „kriegsführende Transformation der Nato“ geben, aber auch die ganze Gesellschaft müsse in die Vorbereitung einbezogen werden (whole of society approach).

Nato-Generalsekretär Stoltenberg forderte natürlich auf dem Weltwirtschaftsforum auch die weitere Unterstützung der Ukraine, die eine „Investition in die eigene Sicherheit“ sei. Und natürlich sagt auch er, dass Aufrüstung, Waffen und Krieg den „paradoxen“ Weg zum Frieden darstellen: „Das Paradoxe daran ist, dass der Weg dorthin, wenn wir ein friedliches und gerechtes Ende dieses Krieges wollen, über mehr Waffen für die Ukraine führt. Je glaubwürdiger wir also mit unserer militärischen Unterstützung sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Diplomaten Erfolg haben werden. Denn was am Verhandlungstisch mit den Diplomaten geschieht, ist eng mit der Situation auf dem Schlachtfeld verknüpft. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Putin jetzt auf Frieden aus ist, aber das wird er, wenn er merkt, dass wir nicht aufgeben, dass wir die militärische Stärke haben, die Ukraine zu unterstützen. Und dann werden wir uns zusammensetzen und die Diplomaten können übernehmen.“

Erstveröffentlicht im overton magazin
https://overton-magazin.de/top-story/wir-bewegen-uns-von-einer-nachkriegs-zu-einer-vorkriegswelt/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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