Der verschwiegene Krieg

Warum unsere Solidarität gefragt ist

Der Hintergrund des Westsahara-Konflikts

Von Saleh Sid Mustafa
(Der Autor ist stellvertretender Beauftragter der Frente PoIisario für Deutschland)

Berlin Januar 2025

Bilder: Laura Schmidt

Die Westsahara, ehemalige spanische Kolonie, liegt im Nordwesten Afrikas, grenzt nördlich an Marokko, im Süden an Mauretanien und im Osten an Algerien. Der gesamte Westen des Landes liegt an der atlantischen Küste. El Aaiùn ist die sahrauische Hauptstadt. Das Gebiet ist reich an Bodenschätzen, u.a. befinden sich die weltweit größten Phosphatvorkommen, notwendig für die Düngemittelherstellung, in der besetzten Westsahara. Die Atlantikküste ist reich an Fischvorkommen.

Die marokkanische Besetzung der Westsahara im 1975 zwang einen Großteil der sahrauischen Bevölkerung (200.000), aus dem Land zu fliehen und im Südwesten Algeriens Schutz zu suchen, wo sie ihre Flüchtlingslager in der Nähe der Stadt Tindouf (Südwest Algeriens) errichteten.

In den von Marokko besetzten Gebieten ist die sahrauische Bevölkerung seit Jahrzehnten Enteignungen und Repressionen ausgesetzt. Wie von einer Vielzahl internationaler und lokaler Organisationen dokumentiert, sind viele Sahrauis Opfer verschiedener Formen von Gewalt geworden, vor allem wegen ihres politischen Engagements. So gibt es in der besetzten Westsahara u.a. geheime Foltergefängnisse, in denen Gefangene über Jahre verschwinden.


Marokko hat ein Nachrichtenembargo über das Gebiet verhängt. Weder Journalisten noch Menschenrechtsorganisationen ist es erlaubt in die besetzte Westsahara einzureisen oder gar über die Menschenrechtssituation zu berichten. Vertreter von NGOs die es dennoch versuchen, werden sofort ausgewiesen.

Bemerkenswert ist es, dass dies unter den Augen der UNO und der europäischen Union passiert. Die UNO ist mit ihrer Mission “Minurso” seit 1991 in der besetzten Westsahara aktiv, mit dem Auftrag das zugesicherte Referentum zu organisieren und zu überwachen. Ein Mandat für die Menschenrechte, weltweit einmalig, hat sie nicht.

Inzwischen haben die marokkanischen Behörden das Gebiet mit Tausenden von marokkanischen Siedlern überschwemmt und damit die einheimische Bevölkerung zu einer Minderheit in ihrem eigenen Land gemacht.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass der Konflikt in der Westsahara kein gesellschaftlicher, kommunaler, ethnischer, religiöser oder Klassenkonflikt ist. Vielmehr handelt es sich um einen Konflikt politischer Natur.

Auch die Westsahara-Frage wird von den Vereinten Nationen als eine Frage der Entkolonialisierung betrachtet. Daher befindet sich das Gebiet seit 1963 auch auf der UN-Liste der nicht selbstverwalteten Gebiete, die noch entkolonialisiert werden müssen.

Ende der 80er Jahre erkannte König Hassan II. angesichts der enormen Kriegskosten, die in Marokko entstanden waren, dass ein militärischer Sieg in der Westsahara nicht möglich war. Deshalb haben die beiden Konfliktparteien, die Frente POLISARIO und Marokko, einen von der UN vorgeschlagenen Friedensplan akzeptiert, der nach 16 Jahren bewaffneten Konflikts (1975-1991) eine friedliche Lösung ermöglichen sollte. Der Beilegungsplan sah einen Waffenstillstand vor, auf den ein freies und faires Referendum über die Selbstbestimmung folgen sollte, das ohne militärische oder administrative Zwänge abgehalten werden sollte, um der Bevölkerung der Westsahara in Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts die Möglichkeit zu geben, zwischen Unabhängigkeit und Vereinigung mit Marokko zu wählen. Zu diesem Zweck errichtete der UN-Sicherheitsrat am 29. April 1991 unter seiner Aufsicht die MINURSO-Mission. Sie wurde in das Gebiet entsandt, um den Waffenstillstand, der am 6. September 1991 in Kraft trat, zu überwachen und das Referendum zu organisieren.

Trotz aller Widrigkeiten gelang es der MINURSO im Januar 2000, die Liste der Wahlberechtigten für das Referendum zu erstellen und damit den Weg für die Abstimmung zu ebnen. Genau zu diesem Zeitpunkt erklärte Marokko, dass es nicht mehr gewillt sei, das Referendum über die Selbstbestimmung durchzuführen, offensichtlich aus Angst, an der Wahlurne zu verlieren.

20 jahre später, als Marokko am 13. November 2020 den Waffenstillstand von 1991 verletzte, nachdem es jahrelang das Referendum über die Selbstbestimmung behindert hatte, erklärte die POLISARIO-Front, dass sie gezwungen sei, von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch zu machen, und sie folglich den bewaffneten Befreiungskampf wieder aufnehmen werde. Infolgedessen ist das Gebiet der Westsahara zu einer Zone des offenen Krieges geworden. Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien, entlang der illegalen marokkanischen Militär Mauer, werden in der Westsahara fortgesetzt und intensiviert.

Auch deutsche Konzerne sind in der Westsahara aktiv und unterstützen das marokkanische Regime. Ganz vorne dabei ist Siemens. Mit ihrem Tochterunternehmen Siemens Gamesa Energy (SGRE) werden Windräder für den Windpark Boujdour verschifft. Dies wird der fünfte Windpark, der unter Siemens Beteiligung in Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht unter Missachtung der Rechte des Volkes der Westsahara entsteht. Die bisherigen Windparks liefern unter anderem Strom für die Phosphatminen in der Westsahara, die marokkanische Staatsunternehmen völkerrechtswidrig ausbeuten.

Weitere deutsche Unternehmen die in der besetzten Westsahara aktiv sind, sind Heidelberg Materials, Thyssenkrupp AG, Continental Contitech, Köster Marine Proteins GmbH und DHL

Was ist die EUCOCO und was ist ihr Ziel?

Der Europäische Koordinator für die Unterstützung und Solidarität mit dem saharauischen Volk, kurz EUCOCO, wurde 1975 in den Niederlanden bei einem Treffen von 12 Personen aus verschiedenen Ländern gegründet. der durch die ständige Arbeit einer Gruppe von Vertretern nationaler Solidaritätsgruppen, der so genannten Task Force, aktiv bleibt. Den Vorsitz führt seit 1975 Pierre Galand, ein ehemaliger belgischer Senator. Das Sekretariat befindet sich in Brüssel beim Belgischen Komitee zur Unterstützung des saharauischen Volkes.

Ziel der EUCOCO ist es, in Zusammenarbeit mit der Frente POLISARIO die europäische Solidaritätsbewegung mit der saharauischen Sache zu inspirieren, zu unterstützen und zu stärken und ihre Intervention mit den wichtigsten internationalen Organisationen zu koordinieren, die für die Schaffung der Bedingungen verantwortlich sind, die es dem saharauischen Volk ermöglichen, sein Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit auszuüben.

Jedes Jahr organisiert die EUCOCO eine Konferenz, als das wichtigste Ereignis des Jahres für die internationale Bewegung der Solidarität mit dem saharauischen Volk.

Seit mehr als 30 Jahren bringt die Konferenz jährlich zwischen 200 und 400 Aktivisten und Vertreter von Solidaritätsorganisationen, Verbänden und NGOs, Gewerkschaften, Wissenschaftlern und gewählten Vertretern aus verschiedenen europäischen Ländern und anderen Teilen der Welt zusammen.

Auch am 29. und 30. November 2024 fand die 48. Konferenz der EUCOCO in Lissabon statt. TeilnehmerInnen waren ParlamentarierInnen und BotschafterInnen vor allem aus dem globalen Süden, WissenschaftlerInnen NGOs und AktivistInnen.

Der Tagungsort war nicht zufällig gewählt. In Portugal jährte sich im April die Nelkenrevolution zum 50. Mal, die dem portugiesischen Kolinialismus und Faschismus ein Ende setzte.

Am Freitag, den 29.November fand bereits am Vormittag ein Konferenz mit internationalen GewerkschaftlerInnen statt. Es waren VertreterInnen aus Afrika, Lateinamerika, wie z.B. USTN Niger, UNTA Angola, Vertreter aus Honduras, Frankreich (SUD), Galizien und Spanien.

Lissabonner Manifest der gewerkschaftlichen Solidarität für die Rechte des sahrauischen Volkes

Organisiert und geleitet wurde das Treffen von Vertretern der UGTP Portugal, der TaskForce EUCOCO, Frente Polisario und dem Generalsekretär der UGTA Algerien.

In einem dreiseitigen Papier, dem “Lissabon Manifest der Gewerkschaften” wird festgehalten, dass “nur das sahrauische Volk über seine Zukunft entscheiden” könne.

Zu Beginn der Erklärung heißt es, dass die Gewerkschaftsbewegung eine der entscheidenden Säulen im Kampf Gegen koloniale Unterdrückung sei und hat den Kampf der Saharauisnach Selbstbestimmung und Unbahängigkeit immer unterstützt. Gegen den permanenten Rechtsbruch in der Westsahara wollen die Gewerkschaften zusammen arbeiten.

Das Hauptziel der EUCOCO ist es, in Zusammenarbeit mit der Frente POLISARIO Entscheidungen über die Koordinierung der internationalen Solidaritätsbemühungen zu treffen und einen Aktionsplan für das kommende Jahr zu erstellen, der die strategische Analyse der Situation in der Westsahara und den internationalen Kontext berücksichtigt. Die Konferenz bietet auch die Gelegenheit, vor der internationalen Gemeinschaft zu bekräftigen, dass die Durchführung eines Referendums über die Selbstbestimmung, das dem saharauischen Volk die Möglichkeit gibt, frei über seine Zukunft zu entscheiden, gerechtfertigt und dringend notwendig ist.

Einen Sieg hat die Frente Polisario indessen errungen.

Der Europäische Gerichtshof hat am 4. Oktober 2024 in letzter Instanz geurteilt,, dass die zwischen EU und Marokko geschlossenen Fischerei- und Assozierungsabkommen ungültig sind bzw. Waren, da ihr Anwendungsbereich sich auch auf die von dem von Marokko besetzten Teil der Westsahara erstrecken sollte. Der europäische Gerichtshof hat damit verbindlich bestätigt, dass Marokko und die Westsahara nach dem Völkerreicht unterschiedliche Gebiete sind.

Somit wurde festgelegt, dass die Bevölkerung der Westsahara,vertreten durch die Frente Polisario nunmehr Verhandlungspartner Verträge mit internationalen Konzernen schließen muss und nicht mehr mit Marokko.

Im Anhang (hier s. Link oben) dokumentieren wir die Lissabon Erklärung mit der Bitte, dies in euren Gewerkschaften zu diskutieren und möglichst zu unterstützen.

Es geht darum, dass die internationale Gemeinschaft, insbesondere die Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Aktivisten bei ihren Regierungen Druck ausüben, das diese illegalen Abkommen deutsche Konzerne mit der marokkanischen Regierung unterbunden werden, um dem Saharauischen Volk zu ihrem Recht auf Unabhängigkeit zu verhelfen.

Abschlusserklärung der interparlamentarischen Konferenz über die West-Sahara am 28. November in Lissabon

Die Abgeordneten versammelten sich am 28. November 2024 in der portugiesischen Versammlung der Republik in Lissabon in Erwartung der 48. Ausgabe von EUCOCO, die in dieser Stadt stattfinden wird:

* wir bekräftigen unsere klare und wiederholte Unterstützung für das Selbstbestimmungsrecht des sahrauischen Volkes;*
wir drücken unsere besten Wünsche für eine gute Arbeit bei der 48. Ausgabe von EUCOCO aus, der Europäischen Konferenz zur Unterstützung und Solidarität mit dem sahrauischen Volk, die in der Stadt Lissabon stattfindet;

* Wir anerkennen und unterstützen die Entscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union, der im vergangenen Oktober und im Einklang mit früheren Gerichtsentscheidungen festgestellt hat, dass die zwischen der Europäischen Union und Marokko unterzeichneten Fischerei- und Agrarabkommen einen Verstoß gegen die Selbstbestimmung von Marokko darstellen Westsahara und die annulliert werden müssen;

* In den 50 Jahren der portugiesischen Demokratie und ein Jahr vor dem 50. Jahrestag der Invasion der Westsahara besteht der Wunsch, endlich das zu erfüllen, was die Vereinten Nationen für das saharauische Gebiet festgelegt haben, und seinen Bürgern eine Stimme zu geben, damit durch das Referendum, ihre Zukunft frei definieren;

* Wir bringen unsere Besorgnis über die Verschlechterung der Bedingungen der sahrauischen Bevölkerung in Bezug auf die Achtung der Menschenrechte zum Ausdruck und fordern die marokkanische Regierung auf, die Einreise von Organisationen, die sich für Menschenrechte einsetzen, sowie unabhängiger internationaler Beobachter in das Hoheitsgebiet zu genehmigen. Im gleichen Sinne fordern wir die Vereinten Nationen auf, die Verteidigung und Achtung der Menschenrechte in die Zuständigkeiten und Funktionen von MINURSO, der Mission der Vereinten Nationen für das Referendum in der Westsahara, einzubeziehen;

* Mit Besorgnis beobachten wir die Entwicklung der politischen Lage auf internationaler Ebene. Von den jüngsten Entscheidungen von Ländern wie Frankreich und Spanien zugunsten des von der marokkanischen Regierung vorgeschlagenen sogenannten „Autonomieplans“ für die Westsahara bis hin zu den jüngsten Siegen autoritärer Führer, die diesen Plan befürworten , nämlich Donald Trump in den Vereinigten Staaten von Amerika;
wir fordern die portugiesische Regierung auf, eine klare Position zur Unterstützung des Referendums über die Selbstbestimmung in der Westsahara einzunehmen und dabei die gleiche Entschlossenheit an den Tag zu legen, die Portugal bei der Verteidigung der Selbstbestimmung Osttimors an den Tag gelegt hat;

* Abschließend fordern wir die Abgeordneten aller Länder auf, in den 50 Jahren der Besetzung der Westsahara, die im Jahr 2025 gefeiert werden, in ihren Parlamenten Vorschläge zur Verteidigung der Achtung der Menschenrechte in der Westsahara sowie Unterstützung vorzulegen für ihr Recht auf Selbstbestimmung.

Lissabon, 28. November 2024


Und hier gibt es weitere Infos zum Thema:

Rede von Saleh Sid Mustafa auf der RLK Januar 2025
https://www.redglobe.de/video/rlk24-saleh-sidmustafa-westsahara-die-letzte-kolonie-in-afrika/

Ein Artikel von Jörg Tiedjen v. 22.1.25 in der Jungen Welt
https://www.jungewelt.de/artikel/492368.westsahara-konflikt-ryanair-droht-strafe.html

Das Westsahara-Netzwerk:
https://www.aswnet.de/presse/eugh-westsahara-kein-teil-marokkos













































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Schwedische Hafenarbeitergewerkschaft beschließt Blockade von Kriegsmaterial

Redaktion von ZdA (Zeitung der Arbeit)

Bild: Zeitung der Arbeit

In einer bemerkenswerten Entscheidung hat die schwedische Hafenarbeitergewerkschaft heute eine Blockade des Umschlags von Kriegsmaterial von und nach Israel beschlossen. Der Beschluss wurde im Kontext des anhaltenden Krieges in Gaza gefasst und reflektiert die deutliche Haltung der Gewerkschaftsmitglieder gegen die militärische Eskalation in der Region. Nach den Ferien wird der Vorstand der Gewerkschaft mit der Umsetzung des Beschlusses beginnen.

Klare Mehrheit für die Blockade

Die Entscheidung wurde von den Mitgliedern der Hafenarbeitergewerkschaft mit großer Mehrheit unterstützt: 68 Prozent stimmten für die Blockade. Dieses Ergebnis gibt der Gewerkschaft ein starkes Mandat, um konkrete Maßnahmen gegen den Transport von Kriegsmaterial von und nach Israel zu ergreifen. Laut der Gewerkschaft wird die Blockade so lange bestehen bleiben, wie der Krieg in Gaza andauert.

Auswirkungen auf schwedische Rüstungsindustrie und Handel

Die Blockade wird weitreichende Folgen haben, insbesondere für die schwedische Rüstungsindustrie. Unternehmen, die beispielsweise Zielfernrohre nach Israel exportieren, werden betroffen sein. Ebenso wird die Blockade schwedische Waffenimporte von israelischen Firmen wie Elbit und Rafael treffen, die zu den bedeutenden Akteuren auf diesem Gebiet gehören.

Die Entscheidung der Arbeiterinnen und Arbeiter unterstreicht nicht nur die moralische Haltung der Hafenarbeitergewerkschaft, sondern auch die wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen, die mit solch einer Aktion verbunden sind. Der Schritt signalisiert zudem eine klare Botschaft an die internationale Gemeinschaft und fordert ein Ende der Gewalt in Gaza.

Symbol für die Stärke der Arbeiterbewegung

Die Entscheidung der Hafenarbeitergewerkschaft wird von vielen als ein Zeichen der Solidarität und als ein kraftvoller Ausdruck der Macht einer vereinten Arbeiterklasse gesehen. Sie zeigt, dass arbeitende Menschen in der Lage sind, durch entschlossenes Handeln eine klare Position zu beziehen und Einfluss auf globale Themen zu nehmen, vorausgesetzt, sie werden nicht daran gehindert.

Die Blockade könnte auch andere Gewerkschaften und Organisationen weltweit dazu inspirieren, ähnliche Schritte zu erwägen, um ihren Widerstand gegen militärische Konflikte und Menschenrechtsverletzungen auszudrücken. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Entwicklungen diese Entscheidung nach sich ziehen wird, doch schon jetzt steht fest, dass sie ein starkes Signal für Frieden und Gerechtigkeit setzt.

Quelle: RiktpunKt

Erstveröffentlicht in der ZdA v. 20.12. 2024
https://zeitungderarbeit.at/international/schwedische-hafenarbeitergewerkschaft-beschliesst-blockade-von-kriegsmaterial/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Tollhaus Frankreich – Sturz der Regierung ein Schritt vorwärts

Die von Macron über die Köpfe der Französ:innen eingesetzte Regierung Barnier in Frankreich wurde gestern gestürzt. 331 Abgeordnete stimmten gegen ihn. Zum ersten Mal seit 1962 wurde damit einem französischen Premier das Vertrauen entzogen.

Noch zwei Tage zuvor hat Barnier den Haushalt für die Sozialversicherung per Verordnung (Verfassungsartikel 49.3) unter Umgehung der Parlamentarier in Kraft gesetzt. Das hat den Frust der meisten Französ:innen sowie von vielen politischen Gruppierungen nochmal kräftig geschürt.

Die Gewerkschaft CGT kennzeichnete den Sparhaushalt als schnöde Abwälzung des Schuldenbergs auf Arbeitende und Rentner:

In der Kontinuität des Makronismus sind es erneut die Arbeitnehmer und Rentner, die die Rechnung für das über sieben Jahre gewachsene Defizit zum alleinigen Nutzen der großen Unternehmen, ihrer Aktionäre und Manager bezahlen müssen.

Eines sei hier klargestellt. Weder die Menschen noch die Linke sprechen sich für unendliche Schulden aus. Sie werfen aber die Frage auf, an wen und wofür was wurde und wird das ganze Geld ausgegeben und wer soll die Zeche zahlen. Unter Macron wurde ein Franzose zum reichsten Mann der Welt. Militärapparat und neokoloniale Abenteuer verschlingen Unsummen.

Die Linke war mit ihrem Antrag, dem Regierungschef das Misstrauen auszusprechen, letztendlich erfolgreich. Nicht zuletzt die klare Haltung von LFI und Melanchon brachte alle unter Zugzwang. Auch zunächst wankelmütige Sozialdemokraten stimmten schließlich gegen den Premier. Die extreme Rechte von Marine le Pen war in die Zwickmühle geraten. Trotz aller politischen Zugeständnisse seitens Barnier und Macron an die Rechte, konnte sie ihre Unterstützung der verhassten Regierung nicht mehr aufrecht erhalten, ohne vor der breiten Masse der Bevölkerung ihre „soziale Maske“ zu verlieren. Es ist eine krasse Falschmeldung, wenn viele unserer Medien in Deutschland die extreme Rechte als „dynamische Kraft“ in diesem Prozess darstellen. Sie hat weder den Misstrauensantrag initiiert, war sich hinsichtlich einer Unterstützung lange Zeit uneinig und fordert auch jetzt nicht den Rücktritt von Macron.

Im Kern geht es doch darum: Immer unverfrorener sollen die exorbitanten Profite und die Kosten für die geopolitischen Interessen und Abenteuer des französischen Grosskapitals durch Ausplünderung der arbeitenden Bevölkerung abgesichert werden. Mehr noch. Jetzt bekräftigte Macron nochmals seine Bereitschaft, französische Soldaten in die Hölle der Ukraine zu schicken.

Zwei Drittel der Französ:innen wollen diesen „Präsidenten der Reichen“ sofort loswerden, nochmehr lehnen seine neoliberale Politik ab. Dieser aber trickst das Parlament aus und regiert ignorant am Mehrheitswillen der Bevölkerung vorbei, um seine Agenda durchzusetzen. Der Sturz von Barnier macht ihm in einem ersten Schritt einen Strich durch die Rechnung.

Wie geht es weiter? Die Hürden für einen Sturz des verhassten Präsidenten und damit die Chancen auf Neuwahlen und einer sozialer ausgerichteten Regierungspolitik sind hoch. Man bräuchte in beiden Parlamentskammern (es gibt auch in Frankreich einen Senat) – in der aktuellen Situation nahezu aussichtslos – Zwei-Drittel-Mehrheiten. Macron kann also weiterhin einen Ersatzpremier seiner Wahl ernennen. Er kann dabei auch erneut versuchen, das Linke Lager zu spalten. Er könnte zum Beispiel seinen Vorgänger und einstigen Ziehvater von der PS aus der politischen Leichenhalle hervorzaubern und wiederbeleben. François Hollande soll ja entsprechende Ambitionen gezeigt haben. Aber vielleicht nimmt sich Macron auch den südkoreanischen Kollegen Präsident Yoon Suk Yeol zum Vorbild, der einfach mal, als er seinen Haushalt nicht durchsetzen konnte, das Kriegsrecht ausrief.

Die Linke um LFI hat klare Konturen gezeigt. So muss und kann sie Macron bei seinen perfiden Manövern vorführen. Aber auch die vielen Facetten von politischem Opportunismus entlarven und die Akteure weiter vor sich hertreiben. Die Französ:innen sind dabei, immer mehr Illusionen über Bord zu werfen. Auch gegenüber der extremen Rechten.

Die Entscheidung von LFI ist richtig, bei den nächsten Kommunalwahlen eigenständig anzutreten und einen eigenständigen lokalen Unterbau mit linkem Markenkern zu begründen. LFI ist ausserdem die einzige politische Formation, die sich durch den Westen weder rassistisch noch kriegspolitisch bei den beiden großen Konflikten Ukraine und Palästina Instrumentalisieren lässt.

Macron war noch nie so tot im Ansehen der Menschen wie jetzt. Die Linke insgesamt, vor allem die PS, muss Macrons Anbiederungen zurückweisen und muss die Menschen wieder auf die Straße bringen, gemeinsam mit den Gewerkschaften, begleitet von Streiks – auch wenn diese Streiks wegen mangelnder Verankerung der Gewerkschaften in grossen Teilen der Industrie nach wie vor nicht ausreichend schlagkräftig sind. Dieser Präsident und seine Agenda müssen weg!

Die abgehobene bis extrem arrogante Haltung von Macron in dieser Krise beschreibt das Handelsblatt am 6.12. so:

Ich kann das nicht glauben“, sagte er (Macron) auf den Misstrauensantrag angesprochen. Vielleicht hat ihn das prunkvolle Mobiliar im Élysée-Palast in dem Glauben zurückgelassen, er sei so unangreifbar wie einst der Sonnenkönig Louis XIV. Denn Macron scheint auch den Unmut der Franzosen, der ihm persönlich entgegenschlägt, zu unterschätzen.

Es ist das LFI, dass daraus ohne Wenn und Aber die Konsequenzen formuliert und den Rücktritt des Präsidenten fordert.

Sebastian Chwala beschreibt in dem folgenden Beitrag das unwürdige Verwirrspiel der letzten Tage um den Machteerhalt, aber auch um die Kompliziertheiten, sich mit einer konsequenten linken Politik gegenüber den diversen oportunistischen Strömungen zu behaupten. Lehrreich auch für uns in Deutschland.

Eines ist sicher. Dieses Verwirrspiel geht nun nach der Abwahl von Barnier in die nächste Runde. Macron reitet die Demokratie weiter tot.

Und hierzulande wird von "links"  gerade ein "Angriff auf die ganze Parteilinke"  gefahren 

Haushaltsstreit in Frankreich: Premier Barnier steht kurz vor dem Sturz

02. Dezember 2024 von Sebastian Chwala

Während sich der französische Staatspräsident Emmanuel Macron auf internationalem Parkett einmal mehr zu einer gefährlichen weiteren Eskalation des Krieges in der Ukraine bekennt, droht im eigenen Lande eine handfeste politische Krise, die der aktuellen Regierung unter Premierminister Barnier noch diese Woche das Amt kosten könnte. Bereits in dieser Woche könnte die bestehende „negative“ Mehrheit gegen die Regierung zum Amtsverlust Barniers führen. Von Sebastian Chwala.

Grund dafür ist die ablehnende Haltung einer Mehrheit der Mitglieder der Nationalversammlung gegen die vorgelegten Haushaltspläne der aktuellen Regierung für das kommende Jahr. Selbst eine Rücknahme der Rentenreform vom vergangenen Jahr, die eine deutliche Anhebung des Renteneintrittsalters vorsieht, schien aufgrund der parlamentarischen Mehrheiten möglich. Eine Abstimmung dazu konnte von den Abgeordneten des Regierungsblocks aber durch Verfahrenstricks abgewendet werden. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, wie es nach einem eventuellen Sturz Barniers weitergehen könnte. Besonders das linke Bündnis der „Neuen Volksfront“ (NFP) hat in dieser Frage keine einheitliche Strategie.

Barniers politische Zukunft hängt vom „Rassemblement national (RN) ab

Die Regierung Barnier steht und fällt mit der Unterstützung des ultrarechten „Rassemblement national“ (RN). Dieser hatte sich der Ernennung Barniers und seines Kabinetts im September nicht entgegengestellt, denn sowohl Barnier als auch die Ministerinnen und Minister, die zu großen Teilen aus der rechtskonservativen Partei der „Republikaner“ (LR) stammen, verfügen über politische Profile, die RN-kompatibel sind. Dies gilt für Fragen der inneren Sicherheit ebenso wie für den gesellschaftspolitischen Konservatismus und die scharfe Ablehnung von Zuwanderung.

Macron setzt politisch aber vor allen Dingen deshalb auf die „Republikaner“, weil diese seine wirtschaftsliberale Agenda vollauf mittragen. Anstelle des Versuchs, die NFP zu spalten und die neoliberalen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie an sich zu binden, besiegelte Macron, der sich einst als Bollwerk gegen Rechtsaußen inszeniert hatte, mit der Ernennung des Kabinetts Barnier endgültig eine autoritäre Verschiebung des „Macronismus“ weit nach rechts. Selbst zu symbolischen Zugeständnissen an die Parti Socialiste (PS) war Macron nicht bereit.

Freilich steckt der RN in der politischen Zwickmühle. Die Partei darf nicht vollständig mit dem Regierungsblock identifiziert werden und muss sich daher von Zeit zu Zeit wie eine Oppositionskraft verhalten. Insbesondere bei Themenkomplexen, die für große gesellschaftliche Mehrheiten über politische Lager hinweg maßgeblich sind. Zu nennen sind hier Fragen wie die Entwicklung der Lebenshaltungskosten, aber auch die Rentenpolitik. Zwar steht der RN auch für eine Politik der dauerhaften Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, möchte in der Öffentlichkeit gerne gegenteilig wahrgenommen werden. Genauso lehnt man auch höhere Vermögenssteuern und die Erhöhung der Sozialabgaben für Unternehmen ab, die unter dem „Macronismus“ gerade für Mindestlohnverdiener deutlich gesenkt wurden. Jetzt stehen sie Lohnerhöhungen im Wege, da höhere Löhne diese Privilegien des „Macronismus“ für die Unternehmen wieder zunichte machen würden.

Der RN ist also eine klassische Partei der politischen Rechten, lenkt aber gerne mit der Überbetonung der Migrationsfrage, deren vollständige Unterbindung alle finanziellen Probleme des Staates lösen würde, von seiner grundsätzlichen Feindschaft gegenüber einer staatlich regulierten Ökonomie und dem Sozialstaat ab. Deshalb blieb der RN entgegen den eigenen Ansprüchen in den wochenlangen Haushaltsberatungen politisch blass. Der ultraliberalen Ausgangsagenda der Barnier-Regierung wurde kaum etwas entgegengesetzt. Im Raum stehen ein massives Haushaltsdefizit, das wiederum ein Ergebnis der Steuersenkungsorgien des „Macronismus“ in den letzten sieben Jahren für Vermögende und Unternehmen ist. Die Folge sind massive Einsparungen in allen Haushaltsbereichen, außer bei Polizei und Militär.

Es war die NFP, die dem Haushalt aufgrund der kuriosen politischen Konstellationen während der ersten Lesung des Zahlenwerks einen linken Anstrich geben konnte und erfolgreich Mehreinnahmen von knapp 50 Milliarden in den Haushalt erwirken konnte. Freilich ließ der RN den so überarbeiteten Haushaltsentwurf in der Endabstimmung in der Nationalversammlung durchfallen.

Zuletzt überschattete aber auch der Prozessauftakt gegen Marine Le Pen die politische Debatte in Frankreich. Le Pen wird nicht zu Unrecht der Missbrauch von EU-Geldern vorgeworfen, hatte man doch jahrelang Kader der ultrarechten Partei nur auf dem Papier in Brüssel angestellt. Der RN sieht sich seitdem unter politischem Zugzwang. Dies gelingt nur, wenn die Regierung Barnier wieder stärker unter Druck gesetzt wird, weshalb man von Barnier nicht nur die Stärkung der Kaufkraft sowie eine Eindämmung der wachsenden Kosten für Energie für die Haushalte verlangt. Zudem drängt die Partei Barnier zu einem Entgegenkommen bei der Senkung der Leistungen der „medizinischen Basisversorgung“ – einer Leistung, zu deren Inanspruchnahme auch Menschen ohne legalen Aufenthaltstitel berechtigt sind.

Ferner verkündete der RN, den Antrag der Fraktion von „La France insoumise“ (LFI) in der französischen Nationalversammlung, die Rentenreform vom letzten Jahr wieder rückabzuwickeln, zu unterstützen. Wie sich der RN bei der Abstimmung tatsächlich verhalten hätte, bleibt unklar, denn in dieser Frage schaffte es der Regierungsblock in skandalöser Weise wie schon 2023, eine Abstimmung zu verhindern. Da der Antrag von LFI in der sogenannten „niche parlemantaire“ diskutiert wurde, verhinderten die „macronitischen“ und „republikanischen“ Abgeordneten und Minister durch 1.000 sinnbefreite Änderungsanträge und Dauerreden eine Abstimmung vor 0 Uhr, was den Antrag hinfällig machte. Die Regeln der „niche parlemantaire“, jenes einen Tages pro Sitzungsperiode und pro Fraktion, an dem diese und nicht die Regierung die Tagesordnung festsetzen, besagen, dass die jeweils eingereichten Anträge auch nur an diesem einen Tag diskutiert werden dürfen. Die antiparlamentarische Tradition der V. Republik hat also wie schon 2023 erneut verhindert, dass dieses einschneidende Gesetz eine Legitimation durch eine Abstimmung und nicht nur durch Erlass erhalten hat.

Die Folgen für das Ende Barniers sind unklar – auch die Linke ist sich uneins

Die verhinderte Abstimmung über die Rentenreform, bei der es am Rande der Sitzung sogar zu Handgreiflichkeiten kam, war aber nur ein Vorgeschmack auf die zweite Lesung des Haushalts, wo derartige politische Tricks nicht möglich sind. Vieles deutet darauf hin, dass Premier Barnier bei den kommenden beiden Haushaltsabstimmungen im Zuge der zweiten Lesung – der Etat für die Sozialversicherung wird traditionellerweise getrennt abgestimmt – auf das altbekannte Mittel des Artikels 49.3 der Verfassung zurückgreifen wird, um eine erneute ausufernde Debatte zu verhindern, wie im Verlaufe der ersten Lesung geschehen. Der Haushalt würde dann, wie seit 2022 alle Etats, per Verordnung in Kraft gesetzt, sofern das Parlament dem Regierungschef nicht das Misstrauen ausspricht. Hatte der RN dies bisher ausgeschlossen, scheint man nun bereit, einem derartigen Antrag aus den Reihen der Linken zuzustimmen.

Damit käme eine Mehrheit gegen Barnier zustande – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Damit hätten auch alle Ministerinnen und Minister ihr Amt verloren. Staatspräsident Macron könnte Barnier allerdings unmittelbar wieder als Premierminister ernennen. Angesichts der schwachen politischen Stellung Macrons ist dies äußerst unwahrscheinlich. Denn inzwischen wünschen sich laut Umfragen sogar knapp zwei Drittel der Französinnen und Franzosen einen Rücktritt Macrons, sollte Barnier gestürzt werden. Dies könnte bereits an diesem Donnerstag passieren.

Die aktuell stärkste Linkspartei LFI fordert daher erneut ein Amtsenthebungsverfahren gegen Staatspräsident Macron und unmittelbare Präsidentschaftsneuwahlen. Diese Strategie wird von Seiten der Sozialdemokratie abgelehnt, die jede Form der politischen Instabilität aufs Schärfste ablehnen und inzwischen sogar einen politischen Kompromiss mit dem „Macronismus“ eingehen würden, um eine handlungsfähige Regierung zu schaffen und einen Haushalt für das kommende Jahr verabschieden zu können. Faktisch könnte dies auch eine technische Regierung sein, die ohne jede eigene politische Agenda dem Parlament vorsteht. Dies widerstrebt LFI, das seinerseits die Bildung einer linken Regierung unter der Führung von Lucie Castets – auf diese Personalie hatten sich die Linksparteien im Sommer geeinigt – einfordert und darauf hofft, dass die Krise der aktuellen V. Republik LFI als Partei der jungen Generation zur unumstrittenen führenden Kraft der Linken aufsteigen lässt. Bereits vor Wochen hatte LFI angekündigt, flächendeckend zur kommenden Kommunalwahl mit eigenen Listen anzutreten und sich nicht als Juniorpartner anderen Mitte-Links-Bündnissen anzuschließen.

Dieser Zwischenschritt ist notwendig für eine schrittweise politische Verankerung über die Aktivistenebene hinaus, da vorzeitige Neuwahlen der Staatsspitze äußerst unwahrscheinlich scheinen. Dennoch bleibt LFI das Feindbild schlechthin für weite Teile der Medienlandschaft und des gesellschaftlichen Establishments. So steht selbst innerhalb der Linken nur LFI für eine konsequente Ablehnung der Kriege Israels im Gazastreifen und im Libanon. Selbst wichtige Köpfe der Partei und Bewegung mussten in den vergangenen Monaten deshalb Ermittlungsverfahren wegen angeblicher „Verherrlichung von Terrorismus“ über sich ergehen lassen. Forderungen von LFI, den Straftatbestand „Terrorismus“ wieder aus dem allgemeinen Strafgesetzbuch zu streichen und wieder zu einem speziellen Straftatbestand zu erklären, um nicht durch Banalisierung des Vorwurfs einen politischen Missbrauch zu begünstigen, der auf Einschüchterung hinauslaufen soll, führten bis zum Vorwurf aus dem rechten politischen Spektrum, dass LFI eine „frankreichfeindliche“ Organisation sei.

Jean-Luc Mélenchon, der sich zuletzt auch wieder laut dafür aussprach, den Krieg in der Ukraine schnellstens zu beenden, bevor es zu einer weiteren Eskalation kommen kann, scheint derweil nicht ganz abgeneigt zu sein, noch einmal für die Präsidentschaft kandidieren zu wollen. Sein Name wird indes von der politischen Spitze LFIs, der Mélenchon nicht angehört, immer wieder ins Gespräch gebracht. Da die parteipolitische Linke wie schon bei den letzten beiden Parlamentswahlen tatsächlich gemeinsam kandidieren müsste, um überhaupt die Chance für die Stichwahl zu wahren, scheinen etwaige Wünsche nach seiner Kandidatur aussichtslos. Denn die übrigen Linksparteien und die Sozialdemokratie lehnen die Figur Mélenchons aufgrund seiner vermeintlichen Radikalität ab.

Innerhalb der Sozialdemokratie gibt es um den aus der politischen Versenkung wieder aufgetauchten Ex-Präsidenten Hollande Kräfte, die die politischen Kurskorrekturen des aktuellen Parteichefs Faure vollständig revidieren wollen und jede Wendung nach links aktiv bekämpfen. Die „Neue Volksfront“ bleibt also ein wackeliges Gebilde, das von persönlicher und programmatischer Konkurrenz geprägt ist, aber offiziell nicht politisch zusammenbrechen darf. Wie lange diese Situation anhält, bleibt offen.

Wir danken Sebastian Chwala für das Publikationsrecht. Der Beitrag ist am 2 Dezember 2024 bei den NachDenkSeiten erschienen.

Titelfoto, Collage Peter Vlatten

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