Türkei in Aufruhr

Am Sonntag abend gingen den fünften Tag in Folge Hunderttausende Menschen trotz Versammlungsverboten in Großstädten wie Istanbul, Ankara und Izmir gegen die Verhaftung und Absetzung des Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu auf die Straße.  Die Proteste werden immer heftiger. Das Erdogan Regime antwortet mit Gewalt und Spaltungsversuchen der Opposition. Wächst der Widerstand weiter an, ist eine gewaltsame Niederschlagung nicht auszuschliessen.

Das fällt sogar dem RND auf: Die Freilassung des Sozialdemokraten İmamoğlu fordert der deutsche Regierungssprecher auch auf mehrfache Nachfrage von Journalisten nicht. Es gibt zwar heftige Proteste von Parteipolitikern, aber die westlichen Regierungen halten sich angesichts ihrer geopolitischen Interessen gegenüber den Machthabern in der Türkei zurück. Inzwischen haben sich 15 Millionen Menschen für Imamoglu als Präsidentschaftskandidat der CHP ausgesprochen. Eine Zahl, an der man unter normalen Umständen nicht mehr vorbei kann. Trotzdem ist seitens des Ausland kein Druck zu erwarten.

Wie sieht die Lage innerhalb der Türkei aus und wie sind die realen Kräfteverhältnisse?

Die Journalistin und Kennerin von Türkei und Kurd:innen Elke Dangelheit sieht die Situation für einen Sturz Erdogans eher pessimistisch:

„Erdogan und seine Mafiabrüder haben die Türkei in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt in eine islamistische Autokratie und nun in eine Diktatur umgebaut. Sehr geschickt, Schritt für Schritt, wurde das Militär, die Justiz und die Medien gleichgeschalten und die Opposition ausgeschalten. Ich teile die Position nicht, dass die Ausschaltung von Imamoglu irrational ist. Erdogan ist jetzt da, wo er hin wollte: ein Alleinherrscher, der auch noch von Europas Spitzenpolitiker*innen umworben wird, weil die Türkei eine angeblich geopolitisch noch wichtigere Rolle spielt, seit Trump US-Präsident wurde. Und er hat die Macht der Waffen, die er gegen die Bevölkerung einsetzen kann: das Militär, die Polizei, seine private Militärgarde, die Mafia, die Grauen Wölfe und seine ‚türkische, islamistische Wagnertruppe – Syrische Nationale Armee (SNA)‘, die er in zahlreichen Ländern wie Lybien, Aserbaischan und seit Jahren in Nordsyrien einsetzt, um seine geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen.

Ich befürchte Schlimmes in den nächsten Tagen. Wenn die wichtigen Demonstrationen der CHP weitergehen, wird er seine Leute zu Gegendemonstrationen mobilisieren und es so orchestrieren, das es zu Auseinandersetzungen zwischen den ‚guten Demonstrierenden (AKP etc.)‘, die die ‚Demokratie in der Türkei verteidigen‘ und den Terroristen kommt. Vielleicht gibt es hier und da auch ‚false flag Operations‘, also Anschläge, die man der Opposition in die Schuhe schiebt. Wäre nicht das erste Mal. Dann kommt seine Waffen-Garde zum Einsatz, um die ‚Terroristen‘ zu liquidieren. Die Kurd*innen kennen diese Strategie schon seit Jahrzehnten. Jahrzehntelang haben die Nationalisten in der CHP die Oberhand gehabt und die AKP in der rassistischen Politik gegen ethnische Minderheiten unterstützt. Im Parlament haben sie der Aberkennung der Immunität von HDP-Abgeordneten wie Selahattin Demirtaş zugestimmt und seine Inhaftierung erst möglich gemacht. Damals gab es schon warnende Stimmen der Kurd*innen: ‚heute trifft es uns, morgen seid Ihr dran‘. Nun ist der Zeitpunkt gekommen. Der Unterschied zu den Kurd*innen ist nur: die kurdische Bewegung hat sich ständig mit den Strategien der türkischen Regierung auseinandergesetzt und Gegenstrategien entwickelt. Die CHP ist innerhalb der Partei zwischen Nationalisten und Liberalen zerstritten und hatte noch nie ein Szenario auf dem Schirm, dass selbst sie als Partei von einem türkischen Regime verboten werden könnten. Die CHP-Basis trifft dies völlig unvorbereitet. Um diese Schwäche weiß Erdogan und sein Apparat. Deshalb mache ich mir wirklich Sorgen, was als Nächstes passiert. Forderungen von Grünen, Linken und teilweise Sozialdemokraten in den europäischen Regierungen nach Sanktionen und Stopp der Waffenlieferungen verhallen ungehört. Die EU-Parlamentspräsidentin, der deutsche Bundespräsident – sie alle tingeln auf dem diplomatischen Parkett, schütteln Hände, machen Fotoshootings mit dem Despoten, machen Deals mit ihm – und verkünden und Bürger*innen, man sei ja ‚äußerst besorgt‘, aber die Türkei sei Freund und Partner… So what? Europa erteilt dem Despoten vom Bosporus einen Persilschein und läßt sich weiter am Nasenring durch die Arena ziehen?

Präsident Erdogan warnte gestern abend in einer Fernsehansprache:. „Hört auf, den Frieden unserer Mitbürger durch eure Provokationen zu stören. “ Er fügte hinzu: „Spielt nicht mehr mit den Nerven der Nation. Entfesselt linke Splittergruppen nicht gegen unsere Polizei.“

„Die weitestgehend friedlichen Proteste im Land wachsen von Tag zu Tag“, berichtet die Frankfurter Rundschau. „Auch in vermeintlichen AKP-Hochburgen und dem kurdischen Südosten nimmt der Protest zu. Imamoglus Partei will den Protest so lange fortsetzen, bis ihr Parteifreund wieder auf freiem Fuß ist, sagen sie. Tragende Säule der Proteste sind in Istanbul und Ankara besonders Studenten. Immer wieder kommt es besonders bei den abendlichen Protesten zu Zusammenstößen. Bilder im Netz zeigen teilweise brutales Vorgehen von Seiten der Polizei gegen Demonstrierende.“

Die Junge Welt [1] ( Ausgabe vom 25.03.2025, Seite 8, Ausland) zitiert das klassenkämpferische Netzwerk »Revolutionäre Gewerkschaftssolidarität« in der Türkei. Es ruft dazu auf, angesichts der Verhaftung des Oppositionspolitikers Ekrem İmamoğlu die Massenproteste zum Generalstreik auszuweiten. In einemAufruf heisst es u.a.:

Die Türkei durchlebt eine der größten wirtschaftlichen und politischen Krisen ihrer Geschichte. Das Ein-Mann-Regime mit seiner prokapitalistischen Politik verdammt die Arbeiterklasse, die Werktätigen, die Jugend und alle Teile der Bevölkerung zu Hunger, Armut und Unterdrückung. Der Kampf gegen diese Ausbeutungsordnung, die jeden Aspekt des Lebens betrifft, muss jetzt nicht nur durch Teilaktionen, sondern durch einen umfassenden Widerstand organisiert werden. Ein Generalstreik und allgemeiner Widerstand sind Notwendigkeiten, die nicht länger aufgeschoben werden können! (..)

Ein Generalstreik ist nicht nur ein Mittel, mit dem Arbeiter über Löhne verhandeln. Der Generalstreik ist die größte Form des Kampfes, bei der die Arbeiterklasse ihre kollektive Macht gegen die kapitalistische Ordnung demonstriert, indem sie das Leben zum Stillstand bringt. In den entscheidenden Momenten revolutionärer Kämpfe in der Welt und in der Türkei waren Generalstreiks die größte Waffe gegen die Macht der herrschenden Klasse. Historische Beispiele wie der große Arbeiteraufstand vom 15. und 16. Juni 1970 und der Bergarbeiterstreik von Zonguldak 1991 zeigen die Macht des kollektiven Handelns der Arbeiterklasse.

Schätzungen gehen davon aus, dass Erdogan nur noch von 20 Prozent der Menschen unterstützt wird. Das war aber auch zum Beispiel bei Macron in Frankreich nicht anders. Studenten bilden zwar den harten Kern, aber auf den Straßen findet ein Massenprotest aus vielen Schichten der Bevölkkerung statt. Die Demonstrierenden erhalten sichtbar viel Zuspruch aus dem Rest der Bevölkerung. Aus den Fenstern der Häuser, an denen sie in den Städten vorbeimarschieren, wird Ihnen laut zugejubelt. Es kommt viel darauf an, dass die Proteste auch in den Betrieben und Büros aufflammen und sich verbreiten. Das Netzwerk »Revolutionäre Gewerkschaftssolidarität arbeitet gezielt darauf hin. Manchmal bringt ein Tropfen das Fass zum Überlaufen. Dann hätte Elke Dangelheit Unrecht mit ihrer nüchternen skeptischen Einschätzung. Aber das würde sie sicher hoch erfreuen.

References

References
1 ( Ausgabe vom 25.03.2025, Seite 8, Ausland)

Rechtsbruch mit Ansage – Merz will den Internationalen Strafgerichtshof im Fall Netanjahu missachten

Als kürzlich der ehemalige Präsident der Philppinen (2016-2022) Rodrigo Duterte wider Erwarten auf Grund eines vom Internationalen Strafgerichtshof ausgestellten Haftbefehls verhaftet wurde, stellten wir die Frage „Was steht eigentlich auf Beihilfe und Gewährung auf Zuflucht für einen Mörder? Friedrich Merz, der Netanyahu eingeladen und vollen Schutz vor Vollstreckung des internationalen Haftbefehls zugesichert hat, sollte das wissen.“ [1]Netanyahu und Merz zur Kenntniss – es kommt der Tag Eifern jetzt Friedrich Merz und die ihn wählenden Parlamentarier dem Faustrecht von Trump und Musk nach, die Recht und Verträge in der Luft zerreißen, Gerichtsurteile ignorieren und letztlich auch Richter unter Druck setzen und bedrohen? Ist Deutschland immer mehr bereit, seine verbindlichen interntionalen Verpflichtungen dem Reißwolf Preis zu geben, wenn sie mit der Staatsräson zu Israel kollidieren? Hier die Erklärung renommierter Juristen und Völkerechtler zur Ankündigung des „Law and Order“ Politikers Friedrich Merz, Rechtsbruch begehen zu wollen.

Presseerklärung, 17.3.2025 von ILANA Vereinigung für Friedensrecht – Deutsche Sektion der International Association of Lawyers against Nuclear Arms

Merz, in seiner Pose als noch nicht gewählter neuer Bundeskanzler, konstatiert in der „Jüdischen Allgemeinen“ vom 10.Februar 2025 und erneut in seiner Pressekonferenz am 24.Februar: Natürlich könne Netanjahu, sein Freund (sic!), in Deutschland ungehindert ein- und ausreisen. Er lud den mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) zur Festnahme ausgeschriebenen israelischen Regierungschef zu einem Deutschlandbesuch ein und sagte ihm wörtlich „Mittel und Wege zu, dass er Deutschland besuchen und wieder verlassen kann, ohne dass er in Deutschland festgenommen worden ist.“

Wie der – früher auch mal strafrichterlich tätige – Rechtsanwalt das bewerkstelligen will, ließ er offen. Er weiß natürlich, dass Deutschland, gebunden an das Statut von Rom, verpflichtet ist, die Haftbefehle des IStGH zu vollstrecken. Er weiß, dass es dabei keine rechtlichen Ausnahmen gibt und auch keine Befugnis, die Begründung des Haftbefehls zu überprüfen. Er kennt das deutsche Gesetz über die Zusammenarbeit mit dem IStGH von 2002. Nach § 2 des Gesetzes ist Deutschland verpflichtet, Netanjahu festzunehmen und nach Den Haag zu überstellen, wie es vor kurzem mit dem früheren Ministerpräsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte, geschehen ist. In Deutschland ist das Bundesministerium für Justiz für die Zusammenarbeit mit dem IStGH zuständig, konkret dann die örtlich zuständige Generalstaatsanwaltschaft und das Oberlandesgericht. Weder die GenStA noch das OLG dürfen im Auslieferungsverfahren den ordnungsgemäßen Erlass des Haftbefehls überprüfen oder irgendeine Verdachtsprüfung durchführen. Auch die Vorschriften über die Immunität von Staatsoberhäuptern (§ 98 IStGHG) sind bei Völkerrechtsverbrechen – auch bei Nicht-Vertragsstaaten – nicht anwendbar. Das hat der IStGH zuletzt im Fall des Haftbefehls gegen Putin festgestellt.

Offenbar will Merz durch eine Weisung in das Festnahme- und Überstellungsverfahren eingreifen und damit die Autorität des IStGH und die Unabhängigkeit der deutschen Justiz zugleich in Frage stellen: ein vorsätzlicher und angekündigter schwerwiegender Bruch internationalen und nationalen Rechts, womöglich sogar strafbar als Strafvereitelung nach §§ 258, 258 a StGB.

IALANA sieht sich im Protest gegen Merz in einer Reihe mit angesehenen Juristen („Opportunistischer Rechtsbruch“ – Herta Däubler-Gmelin; „Rechtsbruch mit Ansage“ – Kai Ambos; „Freies Geleit mit der Brechstange“ – Max Kolter; „Zertrümmerung des Völkerrechts“ – Stephan Detjen).

Merz äußert nicht zum ersten Mal solche rechts-nihilistischen Tendenzen, wie wir sie weithin beobachten, insbesondere bei der Missachtung verbindlichen Völkerrechts. Bereits bei Erlass des Haftbefehls gegen Netanjahu u.a. hatte er erklärt, er werde alles tun, um eine Vollstreckung dieses Spruchs des IStGH abzuwenden. Der IStGH sei – erklärt er wider besseres Wissen – nur eingerichtet worden, „um Despoten und autoritäre Staatsführer zur Rechenschaft zu ziehen, nicht um demokratisch gewählte Regierungsmitglieder festzunehmen.“ Israel steht aber nicht über dem Völkerrecht, auch nicht für deutsche Politiker und ihre Staatsräson. Da Israel schwerste Völkerrechtsverbrechen in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten nicht selbst strafrechtlich wirksam verfolgt, greift die subsidiäre Zuständigkeit des IStGH.

Deutschland war führend bei der Errichtung des IStGH durch das Rom-Statut von 1998. Es hat seine völkerrechtlichen Verpflichtungen vorbildlich in nationales Recht umgesetzt durch das Völkerstrafgesetzbuch und den Gerichtshof weiterhin international gefördert. Noch am 22.Mai 2024 bekräftigte die Bundesregierung, sie werde das Gericht weiterhin unterstützen; auch im Fall eines Haftbefehls gegen israelische Politiker werde sie sich an Entscheidungen des Gerichts halten. Regierungssprecher Hebestreit damals: „Natürlich. Ja, wir halten uns an Recht und Gesetz.“

Merz dazu: „Ein Skandal“. Und auch Kanzler Scholz ging auf Abstand: die Gräueltaten der Hamas ließen sich nicht mit Israels Kriegsführung vergleichen.

Donald Trump hat den IStGH zu einer Bedrohung der Nationalen Sicherheit der USA erklärt und Sanktionen sowie persönliche Konsequenzen für seine Unterstützer angeordnet. Beschlagnahmen von Vermögen der zuständigen Ermittler und Richter sind gefolgt. Sie hätten „illegale und unbegründete Aktionen gegen Amerika und unseren engen Verbündeten Israel vorgenommen.“

Israel verweigert den Ermittlern des IStGH die Einreise, ebenso Personen, die sich öffentlich für eine Strafverfolgung von israelischen Amtsträgern wegen Völkerrechtsverstößen aussprechen. Beide Staaten sind dem Vertrag zum IStGH nicht beigetreten und bekämpfen seine Arbeit mit allen Mitteln. Der US-Kongress hat im Jahr 2002 mit dem American Service-Members Protection Act sogar beschlossen, seine Bürger notfalls mit militärischen Mitteln vor der Strafverfolgung durch den IStGH zu schützen.

Auf der Website des deutschen Außenministeriums ist dagegen zu lesen:

„Die Bundesregierung ist aktuell der zweitgrößte Beitragszahler (sc. nach Japan) zum Haushalt des IStGH und setzt sich aktiv dafür ein, dass der Gerichtshof möglichst effektiv arbeiten kann und breite Unterstützung in der Staatengemeinschaft findet. Die Bundesregierung ist überzeugt, dass der Gerichtshof im Ringen um mehr Gerechtigkeit und beim Kampf gegen die Straflosigkeit schwerster Verbrechen, welche die internationale Gemeinschaft als Ganzes berühren, einen wirksamen Beitrag leistet und dabei zunehmend universale Bedeutung und Akzeptanz als „Weltstrafgericht“ erlangt.“

IALANA -Deutschland fordert die jetzige und die künftige Bundesregierung auf, diese klare Position beizubehalten und Merz zu hindern, rechtswidrig den Haftbefehl des IStGH zu missachten.

Ein Kanzler hat bei der Amtsübernahme vor dem Bundestag nach Art. 64 GG den Eid zu leisten, dass er „das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen werde.“ Auch ist er als Teil der Exekutive nach Art. 20 Abs.3 GG an Gesetz und Recht gebunden. Wir fragen die neu gewählten Abgeordneten des Bundestag: Darf jemand überhaupt Kanzler werden, der schon vorweg ankündigt, das Recht brechen zu wollen?

ILANA Vereinigung für Friedensrecht – Deutsche Sektion der International Association of Lawyers against Nuclear Arms, 17.3.2025, hier zum Original der Presseerklärung

Aufruf Öcalans: „Bestenfalls der Anfang vom Anfang“

Der Nahe Osten um und in Syrien wird regional- und geopolitisch neu aufgeteilt. Mittendrin die Kurden. Sie haben die Wahl zwischen drei Teufeln. Israel Netanyahu und die Türkei Erdogan fighten um mehr Einfluß und Vorherrschaft. USA Strippenzieher Trump versucht die Karten zu mischen und auszuteilen. Es war noch nie ratsam einem Teufel zu vertrauen und von ihm abhängig zu sein. Aber was macht man, wenn einem droht, zwischen den Fronten zerrieben zu werden? Auf jeden Fall daran festhalten, was in Rojava geschah: alle Menschen gleich welcher Religion, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts hinter sich versammeln. Und da wären noch andere unterdrückte Völker in der Region, mit denen man offensiv versuchen sollte, sich zusammenzutun. Das ist die Macht, die etwas positiv verändern kann. Führer sind zweitrangig! Taktisches Manövrieren darf nicht die Seele preisgeben! Ich war erfreut, als ich dieses Jahr am 1.Mai kurdische Aktivist:Innen gemeinsam mit Palästinenser:innen demonstrieren sah. Der folgende Beitrag von Amalia van Gen versucht eine differenzierte Analyse der komplizierten Situation. (Peter Vlatten)

Der Kurdenführer rief dazu auf, die PKK aufzulösen. Das Ausland jubelt – die Kurden dagegen reagieren verhalten. Eine Bilanz.

Von Amalia van Gen  für die Online-Zeitung INFOsperber, 5.3.2025

Über sechs Monate lang verhandelten der Kurdenführer Abdullah Öcalan mit Männern des türkischen Geheimdienstes MIT auf der Gefängnisinsel Imrali über einen möglichen neuen Friedensprozess im Kurdenkonflikt der Türkei. Am 25. Februar 2025 wurde schliesslich sein Appell in der Öffentlichkeit verlesen: «Es gibt keine Alternative zur Demokratie», sagte Abdullah Öcalan und rief die Kämpfer seiner «Arbeiterpartei Kurdistan» (Partiya Karkeren Kurdistanê PKK) auf, ihre Waffen niederzulegen und die PKK aufzulösen.

Öcalan forderte nicht wie bis 1991 einen eigenen Staat für die Kurden der Türkei. Er bezog sich auch nicht mehr auf eine weitreichende kurdische Autonomie im Süden der Türkei, die seine Bewegung bis vor kurzem anstrebte. «Demokratie», lautet nun das neue Schlagwort. «Demokratisierung der Türkei» und «Auflösung der PKK», das sind die neuen Elemente in seinem Vokabular. Kann Öcalans dramatische Wende auch den Wendepunkt im jahrzehntelangen Konflikt bedeuten und somit den Frieden zwischen Kurden und Türken der Türkei ermöglichen?

Zwiespältige Reaktionen

Die Worte Öcalans lösten ein unerwartet grosses Echo aus – zunächst im Ausland. Die USA, die Noch-Regierung Scholz in Berlin, der UN-Generalsekretär Antonio Guterres und die EU haben Öcalans Appell beinah überschwänglich begrüsst – was zur Verwunderung unter Kurden führte, gilt doch die PKK in all diesen Ländern als «Terrororganisation». Bald folgte auch die Reaktion der umliegenden Nachbarstaaten: Bagdad und Teheran begrüssten unisono den Friedenappell aus Imrali, ebenso die grossen Kurdenparteien im Nordirak und in Iran.

Kann Öcalans Appell also die Lage der Kurden und Kurdinnen tatsächlich verändern?

Der seit 1984 anhaltende kurdisch-türkische Konflikt hat das Land wirtschaftlich, sozial und moralisch verwüstet: «Blutige Auseinandersetzungen, Hoffnung auf Frieden, Notstandsregime, militärische Lösungen, Waffenstillstände, geheime Verhandlungen, Bürgerkrieg, grenzüberschreitende Operationen – all diese Begriffe haben die Schlagzeilen des letzten halben Jahrhunderts dominiert», kommentiert der oppositionelle türkische Journalist Can Dündar.

Der Konflikt habe «den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt zum Stillstand gebracht und ein Erbe der Unterdrückung, des Traumas und der tiefen sozialen Spaltung hinterlassen», so auch der renommierte türkische Journalist Yavuz Baydar. Offizielle Quellen, einschliesslich der türkischen Armee, schätzen, dass seit 1984 rund 50’000 Menschen ihr Leben verloren haben, rund 80 Prozent von ihnen waren Kurden.

Abertausende von Kurd:innen verfolgten letzten Donnerstag die auf Türkisch, Kurdisch, Englisch und Arabisch gehaltene Rede, die live auf Grossbildschirmen in den osttürkischen Städten Van und Diyarbakir sowie in sieben Städten Syriens übertragen wurde. Ihre Reaktion fiel im Vergleich zu den Regierungen im Ausland weniger enthusiastisch aus.

Die unabhängige Internetplattform «Bianet» beschrieb etwa, wie die Stimmung in Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden in der Türkei, von anfänglich ausgelassener Feierstimmung allmählich in Verwirrung, in Schock und schliesslich in Trauer umschlug: Sollten alle Opfer umsonst gewesen sein, zitiert «Bianet» eine Gruppe von anwesenden Müttern, die Söhne und Töchter in diesem Kampf verloren haben.

Einseitiger Waffenstillstand der PKK

Am Samstag, den 1. März 2024, erklärte die PKK-Führung den einseitigen Waffenstillstand. «Solange es keine Angriffe auf uns gibt, werden unsere Kräfte keine bewaffneten Aktionen durchführen», heisst es in der PKK-Erklärung. Der Oberkommandierende der PKK-Kämpfer, Murat Karayilan, forderte Anfang Februar eindringlich die Freilassung Abdullah Öcalans. Nur Öcalan sei befugt, einen PKK-Kongress zusammenzurufen und die Selbstauflösung der Partei zu beschliessen, erklärte er in einem vom kurdischen TV-Sender «Stêrk» am 8. Februar ausgestrahlten Interview.

Der bewaffnete Arm der PKK hatte sich seit der Friedensinitiative von 2013 in die entlegenen Täler des irakischen Kurdistans zurückgezogen. Den Abzug der PKK-Rebellen aus der Türkei hatte die Regierung in Ankara damals als eine ihrer wichtigsten Bedingungen im Friedensprozess durchgesetzt. Zwei Jahre später scheiterte die Initiative aber krachend.

Der Südosten der Türkei schlitterte erneut in einen gnadenlosen Krieg. Die Repression gegen kurdische Zivilisten nahm ein beispielloses Ausmass an; Auf über 10’000 schätzt die DEM, die einzige legale pro-kurdische Partei der Türkei, die Zahl ihrer Anhänger, die nach 2015 willkürlich festgenommen wurden und seither hinter Gittern sitzen. Seit damals wird der Krieg der türkischen Streitkräfte gegen die PKK vor allem auf dem Territorium von Irakisch-Kurdistan oder in Nordsyrien ausgetragen.

Wie viele bewaffnete PKK-Rebellen sich noch heute in der zerklüfteten Bergwelt des Nordiraks aufhalten, ist unklar. Experten schätzen ihre Zahl jedenfalls auf mehrere tausende Männer und Frauen. Was soll mit diesen Kämpfern passieren, sollten sie wie von Öcalan gefordert, ihre Waffen niederlegen? Werden sie in die Türkei zurückkehren dürfen, oder müssten sie für immer im Nordirak bleiben? Es sind Fragen, auf die der Appell Öcalans keine klaren Antworten gibt und die den Kommandanten Murat Karayilan quälen dürften. Der Beginn eines Friedensprozesses setze einen bilateralen Waffenstillstand voraus, sagte er im Interview mit «Stêrk». Die PKK hat am 1. März tatsächlich einen Waffenstillstand erklärt; die Türkei noch nicht.

Vertrauen auf das Duo Erdogan-Öcalan

Hat die Türkei dann eine Chance auf Frieden? Die dramatischen Entwicklungen in Syrien und in Gaza sowie der Wahlsieg Trumps in den USA haben alte Gewissheiten des türkischen Staats und der kurdischen Nationalbewegung erschüttert. Offenbar sind beide Seiten davon überzeugt, dass die Kurdenfrage der Türkei entweder jetzt oder nie zu lösen sei.

Beide Seiten setzen dabei auf zwei Männer, denen sie seit alters her zutrauen, auch schwierige Kompromisse erzwingen zu können: den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und den PKK-Gründer Abdullah Öcalan. Erdogan und Öcalan üben einen ungebrochen grossen Einfluss auf ihre jeweiligen Gesellschaften aus.

Gemein ist beiden Politikern auch ihr leichter Hang zum Grössenwahn: Erdogan schwört sein Volk auf ein glorreiches «türkisches Jahrhundert» ein, in dem die turk-sprachige Welt vom Mittelmeer bis zur Chinesischen Mauer in einem sogenannten Turan vereint sein und neben Russland und China die neue globale Macht bilden soll. Dazu braucht er die Kurden an der Seite der Türkei oder zumindest nicht gegen sie.

Öcalan betrachtet sich nicht erst heute als Sprecher aller Kurden im Nahen Osten. Es handelt sich um insgesamt rund 40 Millionen Menschen.

Warten auf eine Generalamnestie

Ihre neue Initiative birgt für beide Politiker auch grosse Risiken: Abdullah Öcalan riskiert vor allem, das Vertrauen der Kurden zu verspielen, wenn die Türkei nicht bald mit demokratischen Reformen auf die kurdische Bevölkerung zugeht.

Was erwartet wird, ist eine Generalamnestie für kurdische Politiker.

Abertausende Mitglieder der legalen pro-kurdischen Parteien und ihre populärsten Politiker wie Selahaddin Demirtas wurden im letzten Jahrzehnt willkürlich festgenommen. Ihre Freilassung würde den gerade versprochenen Demokratisierungsprozess unterstreichen und das Misstrauen der kurdischen Bevölkerung gegenüber der Regierung Erdogan teils aus dem Weg räumen. Noch frisch und verstörend ist die Erinnerung an die letzten Wochen, als Ankara gewählte kurdische Bürgermeister aus fadenscheinigen Gründen reihenweise festnehmen und in ihrem Amt von regierungstreuen Zwangsverwaltern ersetzen liess, während gleichzeitig Friedensgespräche mit Öcalan geführt wurden. Die kurdische Gesellschaft erwartet, dass die Inhaftierten so rasch wie möglich freigelassen werden und die gewählten Bürgermeister genau so rasch in ihr Amt zurückkehren dürfen. Wird Ankara diesen Schritt wagen?

Öcalan riskiert mit seinem Aufruf auch eine Spaltung der kurdischen Nationalbewegung. Bezeichnenderweise nannte der Kommandeur der syrischen Kurden Mazlum Kobane den Aufruf Öcalans einen «historischen Wendepunkt», um sogleich klarzustellen: «Das gilt nur für die PKK, nicht für uns in Syrien».

«Wenn die Gründe für das Tragen von Waffen verschwinden, werden wir sie ablegen», kommentierte trocken auch Salih Muslim. Muslim ist einflussreicher Politiker im kurdisch verwalteten Gebiet Nordsyriens, das auch als Rojava bekannt ist. Und Rojava galt bisher als die ideologische Hochburg der PKK.

Rivalität zwischen Israel und der Türkei

Und Erdogan? Auch für die Türkei steht vieles auf dem Spiel. Setzt Ankara wie bis anhin auf eine Politik der Demütigung, riskiert Erdogan, das Herz der Kurden an seinen neuen, geopolitischen Rivalen im Nahen Osten zu verlieren: an Israel.

Der unerwartet schnelle Sturz von Baschar al Assad hat Israel und die Türkei zu den bestimmenden Akteuren in Syrien gemacht. Die israelische Armee hält völkerrechtswidrig syrisches Territorium um die Golanhöhen besetzt, während sich die türkischen Streitkräfte ebenso völkerrechtswidrig im Norden des Landes verschanzt halten.

Beide Akteure sind bestrebt, die Politik der neuen syrischen Regierung in ihrem Sinne umzugestalten: Obwohl Syrien schon immer ein multikulturelles Gebilde mit grossen Minderheiten von Christen, Alawiten, Kurden und Drusen war, lehnt die Türkei jede Idee einer Föderation im neuen Syrien strikt ab. Ankara will durchsetzen, dass alle bewaffneten Truppen ihre Waffen niederlegen und sich, wie zu Zeiten der al-Assad-Herrschaft, dem Kommando einer einheitlichen syrischen Armee unterstellen.

Rojava fast wie eine Insel der Demokratie

Der syrische Bürgerkrieg und der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) haben jedoch neue Realitäten geschaffen: Im Kampf gegen den IS mit Hilfe der USA und europäischer Staaten entstand nach 2012 im Nordosten des Landes die autonome Region Rojava. Heute umfasst Rojava ein Drittel des syrischen Staatsgebiets und kontrolliert wichtige Öl-, Gas- und Wasserquellen.

Im Vergleich zu den Nachbarländern, in denen der Einfluss des politischen Islams gross ist, wirkt Rojava schon fast wie eine Insel der Demokratie: Die Religion spielt eine untergeordnete Rolle, und Nicht-Kurden sowie religiöse Minderheiten wie Christen und Yeziden geniessen hier mehr Rechte und Sicherheit als bisher in jedem anderen Teil Syriens.

Rojava fällt vor allem durch seine ausgesprochen frauenfreundliche Politik aus dem Rahmen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter und eine Frauenquote von 50 Prozent sind in allen politischen und militärischen Gremien vorgeschrieben. Junge Frauen in Kampfmontur mit Kalaschnikows prägen das Strassenbild. Ihr Slogan «Jin, Jiyan Azadi» (Frau, Leben, Freiheit) wurde nach der Ermordung der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini im Herbst 2022 zur zentralen Parole der iranischen und internationalen Frauenbewegung. Nun sollen sie sich nach dem Diktat Ankaras dem Kommando der neuen Regierung unterwerfen, die aus der dschihadistischen Bewegung hervorgegangen ist? Rojava zieht das israelische Regierungsmodell vor: dieses verspricht eine Föderation in Syrien, in der sich die Minderheiten selber verwalten.

Türkisch-israelische Rivalität spitzt sich zu

Die Umwälzungen in Syrien und in Gaza haben im Länderviereck Türkei-Syrien, Irak und Iran, in dem sich traditionell das kurdische Siedlungsgebiet befindet, eine Dynamik entfesselt, deren Folgen noch ungeahnt sind. Plötzlich scheint möglich, was jahrzehntelang als völlig undenkbar galt: Die kurdischen Führer diesseits und jenseits der Grenzen zeigen sich beispielsweise zum ersten Mal in ihrer Geschichte bereit, ihre legendäre Zerstrittenheit zu überwinden und im Nahen Osten als gemeinsame Front auftreten zu wollen. Die Forderung Rojavas nach Selbstverwaltung in Syrien wird nun auch von der kurdischen Führung des Nordiraks unterstützt. Hat Ankara das Herz der Kurden bereits teils verspielt?

Weder die Drusen noch die Kurden oder die Alawiten haben bisher ihre Waffen niedergelegt. Die Rivalität zwischen der Türkei und Israel spitzt sich auch in der Kurdenfrage zu. Der Friedensprozess, der gerade in der Türkei begonnen hat, könne «bestenfalls der Anfang eines Anfangs sein», folgert der bekannte Journalist Yavuz Baydar. Mehr nicht.

Titelbild: PKK-Mitglieder im Jahr 2015 beim Pflanzen eines Baums zu Ehren von Abdullah Öcalan. Nun will ihr Führer, dass sie ihre Waffen abgeben cc-by Kurdish PKK Guerilla / flickr.com

Wir danken für das Publikationsrecht.

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