Grüne und SPD bestellen – „und unsere Genoss:innen liefern?“ – Kein Parteiauschluss wegen Palästinasolidarität!

Es wurde ein Parteiauschlussantrag gegen Hannah Bruns, Ko-Kreis-Mitglied der LAG Palästinasolidarität Die Linke, eingereicht!

Eben solche Ausgrenzungen fordern jetzt die Grünen und SPD als Preis für eine Koalition. Der grüne Spitzenkandidat verlangt, Die Linke müsse ihre „problematischen Teile“ in die Schranken weisen. Die SPD Spitze lässt verlauten: „Antisemitismus keinen Milimeter Platz lassen“. Gemeint sind diejenigen in der Partei Die Linke, die sich nicht der Staatsräson beugen. Gemeint sind diejenigen, die sich universell für Menschenrechte einsetzen, seien sie Jüd:innen oder Palästinenser:innen. Gemeint sind diejenigen, die für das im Völkerrecht verbriefte Widerstandsrecht gegen Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Völkermord eintreten. Gemeint sind diejenigen, die nicht den Mund halten, wenn eine rechtsextrem geprägte Regierung und deren Armee tageintagaus Menschenrechtsverletzungen barbarichster Art begehen.

Wo linke Parteien sich schon im Vorfeld solchen Bedingungen potentieller vermeintlicher (bürgerlicher) Partner unterwerfen, verlieren sie nicht nur ihre besten Genoss:innen, sondern ihre linke DNA. Sie verspielen das Vetrauen ihrer Basis, deren Rückgrat und Kampf unverzichtbar ist, um linke Programmatik – auch für ein bezahlbareres Berlin – gegen die versammelte bürgerliche Reaktion überhaupt durchsetzen zu können.

Als linke Gewerkschafter:innen und Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin fordern wir: Weg mit dem Ausschlussantrag gegen Hannah! Solidarität mit Ferat Koçak. Die gegenwärtige Hetzkampagne gegen vermeintlichen Antisemitismus in der Linken muss entschieden zurückgewiesen werden. Es ist überfällig, die rechte Front quer über alle Parteien der Mitte mit rechtsextremen Parteien und Regierungen dazu aufzudecken.

Ein Clanchef besucht ungebeten die Wahlparty der Partei Die Linke und wird - als er  erkannt wurde - unverzüglich zum Verlassen aufgefordert und hinauskomplimentiert. Skandal. Die SPD: mit solchen Leuten könne man unmöglich koalieren! Letztes Jahr besuchte derselbe Clanchef auf Einladung des CDU Abgeordneten Christian Zander sogar das Berliner Abgeordnetenhaus. Er wurde nicht hinausgeworfen. Es wird behauptet, der CDU Abgeordnete soll auch sonst Kontakt mit dem Clanchef gepflegt haben. Christian Zander  wurde jetzt für die CDU wiedergewählt. Alles kein großer Skandal. Es ist nicht bekannt, dass die SPD je erwogen hätte, deswegen die SchwarzRote  Koalition zu verlassen oder jetzt deswegen eine Koalition mit der CDU zu verweigern.

Erschreckend viele Politiker, Antisemitismusbeauftragte und Journalisten setzen Israel mit Juden in Deutschland gleich (Merz: Israelfahne = Judenfahne, Antisemitismus = Ausländerfeindlichkeit) und bringen damit jüdische Menschen in Gefahr, die niemals für die Taten Israels verantwortlich gemacht werden dürfen.

Völkerrechtlich gebotene Forderungen und vom Grundgesetz gedeckte politische Äußerungen im Kontext Israel/Palästina werden zu einer Gefahr für jüdisches Leben umgedeutet. Mit der Kampagne gegen eine Rot-Rot-Grüne Regierungskoalition in Berlin hat diese Instrumentalisierung des Kampfes gegen Antisemitismus jetzt einen neuen Tiefpunkt erreicht. Juden werden benutzt, um die Linke von der Macht fernzuhalten.

Kristin Herlberg, 24.9.2026 Journalistin und Westasienexpertin

150 namhafte Berliner Jüd:innen haben zur Unterstützung der Partei Die Linke aufgerufen! Alles Antisemiten?

Wir publizieren hier die Stellungnahme der LAG Palästinasolidarität Die Linke Berlin zum Parteiauschlussantrag „gegen unsere Genossin und Ko-Kreis-Mitglied der LAG Palästinasolidarität!“

„Die Grünen bestellen -unsere Genoss:innen liefern?“
Ausschlussantrag liegt vor


Noch im Wahlkampf legten die Verfasserinnen des Ausschlussantrags gegen Hannah Bruns das Schreiben der WELT vor und fütterten damit die Kampagne gegen unsere Partei. Um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit linken Themen zu verhindern, wurde jeden Tag aufs Neue das Schreckgespenst des linken Antisemitismus heraufbeschworen.

Jetzt wurde der Antrag offiziell eingereicht – das haben wir aus der Presse erfahren.

Mal wieder sollen autoritäre Maẞnahmen, wie das Leaken von Parteiinterna an die Presse und das Einreichen von Ausschlussanträgen palästinasolidarische Genossinnen einschüchtern. Nicht mit uns!

Für eine konsequente Palästinasolidarität

Wir stehen an der Seite der Menschen, die unter Besatzung, Vertreibung und Krieg und Genozid leiden. Wir stellen uns gegen Unterdrückung – auch wenn das unbequem ist. Wir stellen uns konsequent gegen Imperalismus, auch wenn das politischen Gegenwind bedeutet. Und wir stehen für die Selbstbestimmung der Palästinensertinnen.

  • Internationalismus ist kein Ausschlussgrund.
  • Palästinasolidarität ist keinAusschlussgrund
Die Farce!

Die Beschlüsse der Partei sind auf unserer Seite! Der Bundesparteitag hat im Juni 2026 klargemacht: Debatten über Westasien müssen in unserer Partei offen, plural und ohne Angst vor Sanktionen geführt werden. In einer sozialistischen Partei muss Platz für antizionistische Positionen sein. Und bereits im November 2025 hat der Parteirat ausdrücklich eine Haltung gegen die Kriminalisierung der Palästina-Solidarität beschlossen. Das ist unsere Beschlusslage. Dann muss sie auch gelten

Hannah wird nicht schweigen. Und wir auch nicht!

Sie hat auf Demonstrationen das Recht der Palästinenserinnen auf bewaffneten Widerstand gegen Vertreibung und Unterdrückung vertreten. Das steht übrigens auch im Völkerrecht und dahinter sollte Die Linke niemals zurückfallen.

Sie- und auch wir als LAG Palästinasolidarität- setzt sich auẞerdem für eine sozialistische Perspektive ein, in der Palästinenserinnen und Israelis gleichberechtigt leben können. Wer diese politische Positionen nicht teilt, soll in eine Diskussion gehen. Aber nicht Ausschlussanträge schreiben. Was ist das für eine Parteikultur?

Alles für die Regierung?

Ausgerechnet jetzt. Während in Berlin über Sondierungen und eine mögliche Regierungsbeteiligung gesprochen wird, soll eine der konsequentesten palästinasolidarischen Stimmen aus der Partei gedrängt werden. Gleichzeitig kommen von den Grünen und SPD Forderungen nach Sanktionen gegen vermeintlich antisemitische Stimmen in der Linken. Alles für eine Koalition?

Wir lassen uns nicht erzählen, dass das nichts mit einer möglich Regierungsbeteiligung zu tun hat.
Es geht auch um die Frage: Wie viel Palästinasolidarität ist für eine Linke noch »erlaubt“, die auf Biegen und brechen regieren will?

Solidarität ist nicht verhandelbar!

Wir kämpfen für eine sozialistische Partei und werden uns nicht für eine Regierungsfähigkeit anpassen:

  • Nicht an Springer
  • Nicht an die Grünen
  • Nicht an mögliche Koalitionspartner

Und auch nicht an diejenigen in der eigenen Partei, die glauben, palästinasolidarische Positionen müssten für eine Regierungsbeteiligung verschwinden. Eine sozialistische Partei muss unbequem sein. Sie muss internationalistisch sein. Sie muss an der Seite der Unterdrückten stehen. Sonst braucht sie den Namen ,,links“ nicht mehr.

Hände weg von Hannah!

Wir stehen an Hannahs Seite. Wir kämpfen gegen ihren Ausschluss. Wir kämpfen gegen die Kriminalisierung der Palästinasolidarität- innerhalb und auẞerhalb der Partei. Für ein sofortiges Ende des Genozids und für Solidarität mit der palästinensischen Community.

Wir kämpfen dafür, dass unterschiedliche linke Positionen in unserer Partei ihren Platz haben.

Palästinasolidarität bleibt Teil der Linken. Hoch die internationale Solidarität!


LAG Palästinasolidarität Die Linke Berlin

siehe auch zum Thema 

"Kein Weiter so” der Linken"

"Antisemitismus-Kampagne gegen Linke soll soziale Wende stoppen"

Offener-Brief-Berliner-Juedinnen-und-Juden

Titelbild: Peter Vlatten

Rechtsruck International: Wie Gegenwehr organisieren in den Gewerkschaften?

Wir wollen voneinander lernen, wie Widerstand gegen den Rechtsruck organisiert werden kann. Komm vorbei und diskutiere mit!

Wie können sich Gewerkschaften gegen Repressionen von rechts wehren? Wie können wir handlungsfähig bleiben und gegen autoritäre Bewegungen vorgehen?

Darüber diskutieren wir am 17. September im GEW BERLIN-Haus mit Todd Wolfson, Vizevorsitzender der amerikanischen Schwestergewerkschaft AFT und Präsident der American Association of University Professors.

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»Der Staat will eine Panik schaffen, die es so nicht gibt«

Im Prozess gegen die »Ulm 5« wird eigentlich eine Sachbeschädigung verhandelt. Die inszenierten RAF-Parallelen lassen sich mit Stuart Hall begreifen.

Interview mit Sa-Lia Zeh-Sá: Matthias Monroy

Titelbild: Screenshot ethos.media

Beim »Ulm 5«-Prozess wird ja nicht nur eine gemeinschaftlich begangene Sachbeschädigung mit Terrorismusbezug verhandelt, sondern etwas viel Größeres. Was?

Es wird gerade ein Präzedenzfall geschaffen, der grundlegend darüber entscheidet, wie linker Aktivismus in Deutschland künftig justiziabel ist.

Es geht um Sabotage bei der israelischen Rüstungsfirma Elbit Systems am Standort Ulm. Worin genau besteht der juristische Präzedenzfall?

Den Versuch, den Strafrechtsparagrafen 129 zur Bildung einer kriminellen Vereinigung auf politischen, vor allem linken Aktivismus anzuwenden, gab es schon mehrfach, etwa bei der Letzten Generation – dort aber ohne Erfolg, weil die Beschuldigten nicht als »Täter genug« galten. Mit den »Ulm 5« hat man die jetzt gefunden: In einem ohnehin rassifizierten Kontext gilt pro-palästinensischer Aktivismus schon an sich als potenziell kriminell. Weil die »Ulm 5«-Aktivist*innen aber überwiegend weiß und »bürgerlich« gelesen werden, wird der Fall eher als Staatsverrat und Nestbeschmutzung verhandelt.

Neu ist auch die Bereitschaft der Staatsanwaltschaft, ein Verfahren derart zu eskalieren. Ich würde deshalb auch von einem Testfeld sprechen. Die rechtlichen Instrumente sind längst da, der Paragraf 129 steht seit Jahrzehnten im Gesetzbuch. Erprobt wird, wie weit er sich dehnen lässt und wie viel Widerspruch kommt. Wenn das ohne größeren Widerstand durchgeht, stehen dieselben Mittel danach gegen andere Bewegungen bereit.

Isa-Lia Zeh-Sá studiert Soziale Arbeit an der ASH Berlin und schreibt ihre Bachelorarbeit über die Kriminalisierung des pro-palästinensischen Aktivismus am Beispiel des »Ulm 5«-Prozess in Verbindung mit Theorien von Stuart Hall. Zeh-Sá kennt zwei der Angeklagten persönlich.

Ihr Analysewerkzeug ist Stuart Hall. Können Sie das erläutern?

Ich benutze Stuart Halls »Policing the Crisis« von 1978. Er untersucht darin, wie in Großbritannien eine Kriminalitätsdebatte entstand, die in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Zahlen stand und wozu diese Debatte gut war. Ausgangspunkt ist Stanley Cohens Begriff der »Moral Panic«. Cohen beschreibt, wie sich ein diffuses gesellschaftliches Unbehagen an einer Gruppe festmacht, von Medien und Politik aufgegriffen und verstärkt wird und am Ende zu härteren Gesetzen führt. Bei Cohen kommt der Anstoß eher von unten, aus der Gesellschaft.

Hall verschiebt genau diesen Punkt. Er zeigt, dass die Instanzen, die auf eine Bedrohung zu reagieren scheinen, an ihrer Entstehung beteiligt sind. Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte legen zuerst fest, worum es angeblich geht. Die Medien übernehmen diese Deutung, und damit steht fest, worüber überhaupt gestritten wird. Auch die Kritik bewegt sich dann nur noch in diesen Begriffen und reproduziert die vermeintliche Bedrohung, die sie zu bekämpfen behauptet.

»Moral Panic« ist für mich nicht der Oberbegriff, unter den ich alles sortiere, sondern ein einzelnes Werkzeug. Mich interessiert, wie hier eine terroristische Bedrohung hergestellt wird, nicht ob die Gesellschaft in Panik gerät. Ich nutze Hall, weil sein Blick auf das Missverhältnis zwischen tatsächlichem Anlass und Reaktion darauf sich gut auf die »Ulm 5« übertragen lässt. Bei ihnen fehlt nämlich die breite gesellschaftliche Angst, an die sich das andocken ließe. Der Staat will eine Panik schaffen, die es so nicht gibt.

Wie passen die »Ulm 5« in dieses Bild?

Da kommt beides zusammen: die Konstruktion einer Gefahr und die Eskalation der Mittel. Angeklagt sind gemeinschaftliche Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und die Bildung einer kriminellen Vereinigung und nicht Terrorismus. Geführt wird der Prozess aber so, als ginge es darum. Der Verhandlungsort Stammheim, die Verteilung auf fünf Haftanstalten, der Glaskasten, die Hochsicherheitsauflagen bis hin zum Mitschreibverbot. Das sind keine Beweise, das sind Bilder. Sie rufen eine Erinnerung auf und übertragen sie auf einen Fall, in dem niemand zu Schaden gekommen ist. Genau darum geht es bei Hall. Die Bedeutung entsteht nicht aus der Tat, sondern aus dem Rahmen, in den man sie stellt.

Wie sind eigentlich die derzeitigen Haftbedingungen der fünf?

Die variieren und sind nicht überall gleich. Aus einem Frauen*gefängnis wurde mir von extremer Überbelegung berichtet, Zellen, die nur für eine Person ausgelegt sind, müssen sich beispielsweise geteilt werden. U-Haft ist grundsätzlich hart, weil es keinen Alltag gibt, an dem man sich orientieren kann, und Rechte noch stärker eingeschränkt sind – in Hitzewellen wie in diesem Sommer noch einmal mehr.

Ich kenne zwei der Angeklagten und Menschen aus ihrem Umfeld und habe sie auch in der U-Haft besucht. Über Schikanen der Justizvollzugsbeamt*innen können sie bei Besuchen nicht sprechen: Es sitzen immer eine von ihnen sowie eine übersetzende Person dabei und passen auf. Und die Angst, dass sich die Bedingungen nach dem Besuch weiter verschlechtern, ist groß.

Liegt die Verteilung auf Haftanstalten nicht auch an der Nähe zum Wohnort?

Nein. Die Wohnorte liegen größtenteils in Berlin, dort leben auch die meisten Unterstützer*innen. Ich habe während eines Praktikums bei der Freien Hilfe in Haft in Berlin gelernt: Unterbringung nach Wohnort gibt es erst nach rechtskräftiger Verurteilung, vorher richtet sie sich nach der zuständigen Staatsanwaltschaft. Die Verteilung auf fünf Anstalten und die Isolation sollen jeden Kontakt zwischen ihnen verhindern – auch eine RAF-Parallele. Auch hier greift Hall: Die Maßnahmen stehen in keinem Verhältnis zur Tat. Für eine Untersuchungshaft unter diesen Bedingungen besteht kein Anlass. Niemand weiß, wie lange diese dauert. Das ist meines Erachtens psychischer Terror.

Wie wirkt sich die U-Haft auf die psychische Gesundheit aus? Vor Gericht wirken die »Ulm 5« relativ gefestigt.

Die Tage nach Prozesstagen sind auf jeden Fall immer hart, der ständige Kontakt mit wechselnden Menschen kostet viel Energie, dazu die Isolation auch durch Sprache. Die beiden, die ich besucht habe, versuchen sich durch Lesen, Uni-Arbeit und Kontakte zu anderen Gefangenen zu stabilisieren. Belastend ist auch, sich immer wieder neu auf Menschen einstellen zu müssen, die neu in die U-Haft kommen. Es gibt keine Konstanten. Oft sind es Prozesstage, und die Anfahrt ist mit viel Anstrengung verbunden, auch körperlichem Schmerz. Mir wurde berichtet, dass die Handschellen während der Fahrt so stark reiben, dass sie Schmerzen verursachen und blaue Flecken und Druckstellen hinterlassen, die noch Tage später zu sehen sind. Im Gericht selbst freuen sie sich, einander zu sehen, und auch Familie, Freund*innen und Unterstützer*innen. Das ist extrem wichtig.

Hall zufolge wird in Krisenzeiten Ordnung dadurch aufrechterhalten, dass bestimmte Gruppen dämonisiert werden. Um welche Krise geht es hier?

Wenn eine Ordnung sich nicht mehr über Konsens absichern lässt, verschiebt sie sich in Richtung Zwang. Damit das akzeptiert wird, braucht es eine Bedrohung, an der sich diffuse Ängste festmachen lassen. Die Krise, die ich hier sehe, ist die deutsche Staatsräson selbst. Die Erzählung lautet: Dieser Staat hat aus seiner Geschichte gelernt und steht deshalb an der Seite Israels. Seit Oktober 2023 kollidiert diese Erzählung mit der sichtbaren eigenen Beteiligung an einem Völkermord – über Waffenexporte und deren diplomatische Deckung. Dieser Widerspruch wird nicht ausgehalten, sondern ausgelagert. Wer ihn benennt, wird zum Problem erklärt. Das Erinnerungsargument kippt damit von einer Verpflichtung in ein Instrument.

Dazu kommt eine zweite Bewegung, die weit über Palästina hinausgeht: Aufrüstung, Kürzungen im Sozial-, Kultur- und Bildungsbereich, ein Sicherheitsdiskurs, der immer mehr Bereiche erfasst. Gegen die Palästina-Solidarität wird deshalb mit einer Brutalität vorgegangen, die man anderswo so nicht sieht. Minderjährige werden festgenommen, Menschen verlieren wegen Nichtigkeiten ihre Jobs, auf Demonstrationen werden Sprachen verboten, Symbole und Parolen kriminalisiert. Das neue Hochschulgesetz holt die Polizei zurück auf den Campus und droht Lehrenden mit dem Ende ihrer Karriere, und ein großer Teil dieser Verfahren wird am Ende eingestellt, nachdem sie ihre Wirkung längst entfaltet haben.

Das ist ein Muster, das aus der Kolonialgeschichte gut bekannt ist. Mittel werden dort entwickelt, wo mit wenig Widerspruch zu rechnen ist, und wandern von dort in die Mitte der Gesellschaft. Deshalb ist der »Ulm 5«-Prozess nicht nur eine Sache der Palästina-Bewegung.

Der Vorwurf lautet auch auf Antisemitismus – auch gegen die »Ulm 5«.

Angeklagt sind Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Bildung einer kriminellen Vereinigung – nicht Antisemitismus. Er wird trotzdem verhandelt, und es wird versucht, aus einer politischen Handlung eine moralische Verwerflichkeit zu machen. Das verschiebt das Thema weg von dem, was tatsächlich passiert ist.

Ich bestreite nicht, dass es in der pro-palästinensischen Bewegung Antisemitismus gibt. Den gibt es und er muss dort auch bearbeitet werden. Was ich bestreite, ist die Argumentationskette: von einer Parole, auf eine »kriminelle Vereinigung« und von dieser scheinbaren Vereinigung auf eine ganze Bewegung. Das ist dieselbe Logik wie beim Paragrafen 129. Beurteilt wird nicht die Handlung, sondern die Zugehörigkeit.

Hall beschreibt Moral Panic als Zusammenspiel von Medien, Justiz und Polizei bei der Dämonisierung einer Gruppe. Das funktioniert beim »Ulm 5«-Prozess offenbar nicht.

Ich würde sagen, es wird versucht und es geht bisher nicht auf. Das ist ein Unterschied. Hall beschreibt keine Automatik, sondern eine Anordnung, die gelingen kann oder eben nicht.

Der erste Schritt funktioniert: Staatsanwaltschaft und Polizei setzen die Deutung. In der Ermittlungsakte wird die Handlung als Angriff beschrieben, und dieses Vokabular wurde in der Berichterstattung übernommen. Hall nennt das »primary definers«: Wer zuerst definiert, gibt den Rahmen vor, in dem danach auch die Kritik stattfindet.

Der zweite Schritt fehlt: Es gibt keine breite gesellschaftliche Angst, an die sich andocken ließe. Ich lese praktisch die gesamte deutschsprachige Prozessberichterstattung und hatte mit deutlich schlechterer Presse gerechnet. Staatsanwaltschaft und Gericht bieten die Empörung an, aber sie wird von den Medien nicht abgenommen. Meine – sehr hypothetische – Vermutung: Man wollte den Prozess schnell durchwinken und hat mit dem Standort Stammheim gezielt medienwirksame Bilder erzeugt. Dass die Verteidigung so gut arbeitet und dass es eine kontinuierliche Prozessbeobachtung gibt, war offenbar nicht eingeplant.

Was mich dabei am meisten beschäftigt: Die Bedingungen des Prozesses arbeiten selbst gegen eine sorgfältige Berichterstattung. Es gibt keine öffentlichen Protokolle, im Saal darf nicht mitgeschrieben werden. Wer berichten will, ist auf sein Gedächtnis angewiesen. Das ist keine Randnotiz. Dieselben Sicherheitsauflagen, die den Prozess bedrohlich aussehen lassen, verhindern, dass jemand genau nachprüfen kann, was darin passiert.

Die Richterin Kathrin Lauchstädt hat den Prozess bis Januar verlängert. Was ist da zu erwarten?

Das wüsste ich selbst auch gern. Vermutlich hat sie gemerkt, dass sich die Verteidigung ernsthaft mit dem Prozess befasst. Und je länger so etwas andauert, desto weniger Ausdauer haben Unterstützer*innen erfahrungsgemäß. Parallel dazu treffen in Berlin gerade viele Vorladungen wegen Protesten der letzten drei Jahre ein, was diese zusätzlich finanziell und organisatorisch schwächt. Und solange ein Verfahren nach Paragraf 129 läuft, kann das gesamte Umfeld einer Bewegung überwacht werden.

Nicht zu vergessen: Das Verfahren selbst ist schon eine Strafe, unabhängig vom Urteil. Fünf Menschen sitzen seit Monaten in U-Haft. Das ist bereits passiert, egal wie es ausgeht.

Interview

privat

Isa-Lia Zeh-Sá studiert Soziale Arbeit an der ASH Berlin und schreibt ihre Bachelorarbeit über die Kriminalisierung des pro-palästinensischen Aktivismus am Beispiel des »Ulm 5«-Prozess in Verbindung mit Theorien von Stuart Hall. Zeh-Sá kennt zwei der Angeklagten persönlich.

Erstveröffentlicht im nd v. 11.9. 2026
Der Staat will eine Panik schaffen …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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