Imperialismus, Klassenrealität und die Rojava-Erfahrung im Nahen Osten – eine antiimperialistische Analyse

Eine antiimperialistische Analyse** aus marxistischer Sicht. Von Zeki Gökhan, Mitglied der Partei die Linke, anlässlich des Kampfes zur Verteidigung von Rojava. und der Rechte der Kurd:innen in Nordsyrien. Seine Analyse ist unerbittlich, seine Kritik kurz und deutlich. Ebenso aber ist seine Solidarität grenzenlos, ob mit den Kurd:innen, den Palästinser:innen, den Iraner:innen. Dabei ist immer klar, wessen Partei ergriffen werden muss. Denn wer den Schah gegen die Mullahs austauscht treibt die Menschen vom Regen in die Traufe. Und wer die Selbstbestimmtheit der Völker gegen die soziale und demokratische Selbstbestimmtheit der Menschen und umgekehrt gegeneinander ausspielt, kann strategisch im antiimperialistischen Kampf nicht erfolgreich sein. (Peter Vlatten)

Imperialismus, Klassenrealität und die Rojava-Erfahrung im Nahen Osten – eine antiimperialistische Analyse

Zeki Gökhan, die Linke, 27. Januer 2026

Imperialismus: Kein moralischer Fehltritt, sondern ein strukturelles System..

Imperialismus ist nicht das Ergebnis böser Absichten einzelner Staatsmänner oder falscher diplomatischer Entscheidungen. Er ist ein notwendiges Produkt der monopolistischen und finanzkapitalistischen Phase des Kapitalismus. In Lenins Worten ist der Imperialismus auf Kapitalexport gegründet, auf die gewaltsame Kontrolle von Märkten und Energiequellen ausgerichtet, und verbindet militärische, politische und ideologische Instrumente zu einem globalen Herrschaftssystem.

Solidarität mit Rojava ist Solidarität mit Demokratie, Feminismus und Menschenrechten.

Die Unmoral des Imperialismus ist daher keine Entgleisung, sondern seine Funktionsweise. Völker zu kaufen, zu bewaffnen und anschließend fallenzulassen; eine Kraft gegen die andere auszuspielen; jene, die gestern noch als „Terroristen“ galten, heute zu „Verbündeten“ zu erklären – all das ist kein Widerspruch, sondern imperialistische Normalität. Der Nahe Osten ist das sichtbarste Versuchsfeld dieser Praxis.

Greta Thunberg: "Wir verurteilen die Gewalt gegen die Menschen in Rojava und das Schweigen der internationalen Gemeinschaft. Wir fordern ein sofortiges Ende der Angriffe und den Schutz der Bevölkerung." 
Der Nahe Osten: Das Labor des Imperialismus..

Der Nahe Osten ist nicht wegen seiner ethnischen, religiösen oder kulturellen Vielfalt Ziel imperialistischer Politik, sondern wegen seiner Energiequellen, Transitwege und geopolitischen Lage. Die grundlegende Methode des Imperialismus in dieser Region ist:

  • die Völker nicht auf einer gemeinsamen Klassenbasis zu vereinen,
  • ethnische und konfessionelle Bruchlinien systematisch zu vertiefen,
  • einzelne Kräfte als Stellvertreter gegeneinander einzusetzen,
  • und am Ende alle Seiten geschwächt, abhängig und fragmentiert zurückzulassen.

,Die Entstehung des IS im Irak, die Linie von Al-Qaida über Al-Nusra bis zur HTS, sowie die Tatsache, dass al-Dscholani zunächst dämonisiert und später zum Führer eines imperialistischen Satellitenstaates aufgebaut wurde, sind keine Zufälle, sondern Ausdruck dieser Laborpolitik. Es geht hier nicht um Personen, sondern um Methode.

Die kurdische Bewegung und Rojava: Objektiver Gewinn, strategische Sackgasse

Die in Rojava entstandene Struktur ist das Ergebnis realer Opfer, jahrelanger Anstrengungen und des kollektiven Engagements der Bevölkerung. Diese historische Tatsache ist unbestreitbar. Aus antiimperialistischer Klassenperspektive zeigen sich jedoch grundlegende Probleme: die Existenz von 22 US-Militärbasen in Rojava, das Ausbleiben eines strategischen Bruchs mit dem Imperialismus, das Fehlen einer klaren gemeinsamen Klassenperspektive für andere Bevölkerungsgruppen der Region (Aleviten, Drusen, Christen, arabische Werktätige), sowie die Illusion, imperialistische „Schutzversprechen“ seien eine verlässliche Garantie.

Der Imperialismus schützt keine Strukturen aus Prinzip, sondern nur solange sie nützlich sind. Jede Kraft, die ihre Funktion verliert oder in einem anderen Szenario ersetzbar wird, wird ohne Zögern geopfert. Genau das erleben wir heute.

Die Illusion von „Freundschaft“ und die Logik der Miettruppen..

Im imperialistischen System gibt es keine Freundschaft, keine Loyalität, keine Prinzipien. Es gibt nur Interessenlagen.

Dass eine Kraft heute als „entbehrlich“ gilt und morgen für einen anderen Krieg angemietet werden soll, ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck dieser Logik. Auch die Erpressung, der die kurdische Bewegung in Hewlêr ausgesetzt wurde, folgt genau diesem Muster. Entscheidend ist: Ohne einen theoretischen und praktischen Bruch mit dem Imperialismus lässt sich dieses System nicht durch bloße moralische Erklärungen überwinden.

Ein Ehrenstandpunkt ist wichtig – doch ohne strategischen Antiimperialismus bleibt er politisch ungesichert.

Kurzfristiger Erfolg – langfristiger Zerfall

Die historische Erfahrung ist eindeutig: Keine Bewegung, die den Imperialismus nicht theoretisch begreift und ihm klassenmäßig entgegentritt, kann eine stabile, langfristige und institutionalisierte Macht aufbauen. Dies ist kein moralisches Urteil, sondern ein historisches Gesetz. Temporäre Bündnisse mit dem Imperialismus können militärische Erfolge bringen, doch diese verwandeln sich nicht in politische Souveränität, da jede Macht, die imperialistischen Interessen widerspricht, früher oder später liquidiert wird.

Der rasche Verlust ölreicher Gebiete, Integrationszwänge und das erzwungene Schweigen sind direkte Folgen dieser Struktur.

Die Völker der Region und die Gefahr des Schweigens..

Die größte Schwäche einer unvollständigen antiimperialistischen Linie ist das Fehlen einer gemeinsamen Zukunftsperspektive für alle Völker und Glaubensgemeinschaften der Region. Aleviten, Drusen, Christen, arabische Arbeiterinnen und Arbeiter… Keine Struktur kann regionale Legitimität erlangen, wenn sie nicht deren Sicherheit, politische Subjektivität und Klasseninteressen sichtbar mitträgt. Imperialismus nutzt genau diese Leerstellen.

Schlussfolgerung: Die internationalistische antiimperialistische Aufgabe..

Die heute Rojava und insbesondere dem kurdischen Volk, aber auch allen unterdrückten Völkern des Nahen Ostens aufgezwungenen Politiken von Vernichtung, Massakern und politischer Auslöschung sind kein lokales Phänomen, sondern Bestandteil einer gesamtimperialistischen Angriffsstrategie. Angesichts dessen ist Schweigen keine Neutralität, sondern bedeutet faktisch Zustimmung und Mittäterschaft.

Antiimperialismus darf daher nicht bei theoretischen Analysen stehen bleiben. Wer die minimalen praktischen Konsequenzen seiner eigenen Positionen nicht zieht, produziert eine neue Form von politischer Inkohärenz. Den Imperialismus rhetorisch zu verurteilen und angesichts seiner Verbrechen zu schweigen, heißt, ihn praktisch zu reproduzieren.

Die kleinbürgerlich-reformistischen Eigenschaften der jeweiligen Führungen entheben niemanden dieser historischen und humanitären Verantwortung. Im Gegenteil: Sie machen den Aufbau einer von unten organisierten, internationalistischen Klassen- und Solidaritätsbewegung umso notwendiger.

Die Aufgabe der Gegenwart ist klar: den imperialistischen Angriffen eine aktive antiimperialistische Solidarität entgegenzusetzen, die Völker der Region nicht über ethnische oder religiöse Trennlinien, sondern über gemeinsame Klasseninteressen zu verbinden, und dem Schweigen die organisierte Gegenwehr entgegenzustellen.
Denn Geschichte erinnert sich nicht an jene, die nur richtige Analysen formulierten, sondern an jene, die zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, die richtige Haltung einnahmen.

Protestwoche in Berlin

siehe auch unseren Bericht zu den Protesten gegen die Angriffe auf Rojava

Wir danken Zeki für das Publikatiosnrecht. Zeki Gökhan ist Mitglied der Partei die Linke und ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages.

Titelbild: Zeki Gökhan

Bundesweite Solidarität mit Rojava – Völker vereinigt Euch gegen Imperialismus, Krieg und Faschismus!

10 Tausende demonstrierten die letzten Tage in vielen Deutschen Städten gegen die Angriffe auf Rojava. Über 3000 in Stuttgart, insgesamt 10 000 auf mehreren Kundgebungen und Demonstrationen in Berlin. In Köln waren laut Beteiligten allein am Samstag auf 2 Großdemonstrationen zwischen 10 und 20 Tausend auf den Straßen. Am Freitag wurde in Berlin und anderen Orten für eine internationale Karawane zu den kurdisch selbstverwalteten Gebieten in Nordsyrien mobilisiert

Die seit dem Sommer 2012 existierende De-facto-Autonomie Rojava der syrischen Kurdinnen ist akut gefährdet.

Die Armee der syrischen „Übergangsregierung“ von Al Sharaa und dschihadistische Milizen greifen die demokratische Selbstverwaltung in Rojava massiv an. Kurdische Kämpferinnen werden enthauptet, in Al-Tabqah wurde die Statue einer YPG-Kämpferin niedergerissen.

Der Aufbau eines basisdemokratischen sozialen Gemeinwesens unter gleichberechtigter toleranter Einbeziehung aller Volksgruppen, Religionen und Frauen wie Männer ist ein positives Gegenmodell im ganzen Nahen Osten zur sonst vorherrschenden Spirale von Krieg, Terror und Intoleranz sowie einer von Kapitalinteressen und nationalistischen Egoismen getriebenen Hegemonie- und imperialistischen Großmachtpolitik.

Die Frauenrevolution als besonderes Element wendet sich dabei direkt gegen die patriarchalische Ideologie in der Region als eine Hauptstütze zur Ausübung und Verankerung hierarchischer ausbeuterischer Machtverhältnisse. Die „freie Frau in Rojava“ ist kurdisch, arabisch, assyrisch oder armenisch – und steht daher auch für eine internationalistische Perspektive!

Das Modell Rojava ist allen Reaktionären ein Dorn im Auge.

Die kurdische Selbstverwaltung wurde – das Bündnis mit arabischen Gemeinschaften hat leider nur bruchstückhaft gehalten und die Praxis hat oft nicht den propagierten Idealen entsprochen – zur Hoffnungsträgerin im Nahen Osten. Lange war sie aber auch Kettenglied innerhalb der nahöstlichen Machtgeometrie der großen geopolitischen Player, insbesondere der USA und Israels. Durch Israels mit Rückendeckung des Westens und der USA geführte Kriege gegen die Palästinenser:innen , gegen den Iran und Libanon, durch die Neuaufteilung Syriens hat sich das Machtgefüge deutlich zugunsten der USA verschoben. Rojava – nicht mehr als nützlich erachtet – kann infolgedessen geopfert und darf von islamistischen Milizen mit Unterstützung der Türkei und arabischer Staaten zerstört werden. Die USA dulden es nicht nur, sondern ziehen die Strippen und die EU dreht sich weg. Die deutsche Regierung paktiert unverhohlen mit den neuen islamistischen Machthabern in Damaskus.

Die Wut der Anhänger des Patriarchats richtet sich vor allem gegen die Frauen der Bewegung.

In einem Beitrag “ Rojava verteidigen – Die Frauenrevolution lebt! “ heisst es:

Dass die islamistischen Fraktionen, die unter dem Dach der “Syrischen Armee” zusammengekommen sind, systematisch Verbrechen an Frauen begehen, ist nicht von Zufall. So wurde zu Beginn der jüngsten Eskalation in Aleppo der leblose Körper einer kurdischen Kämpferin von einem Gebäude geworfen. Videos zeigen, dass in Gefangenschaft geratenen Widerstandskämpferinnen die Kehle durchgeschnitten wurde.
Verschleppte YPJ-Mitgliederinnen drohen versklavt zu werden. Auf einer Aufnahme präsentiert ein islamistischer Söldner aus Rakka stolz den geflochtenen Zopf einer gefangen genommenen kurdischen Kämpferin und sagt, dass “der Zopf das Einzige von ihr ist, das heil geblieben ist”

Völker vereinigt Euch – und zwar alle!

In Berlin war auffällig, dass nur wenig Menschen – eigentlich nur linke Internationalist:innen- von ausserhalb der kurdischen Community teilnahmen. Eine Kurdin beklagte sich darüber, dass soviel mehr Deutsche sich der Solidarität mit Palästina angeschlossen hätten. Dieses Gegeneinander müsen wir überwinden. Internationalismus darf nicht selektiv sein.

Menschen in Nahost von Gaza über Kurdistan, Syrien bis in den Iran müssen sich zusammenschliessen – wirklich alle – wie in Rojava angestrebt unabhängig von Herkunft, Kultur sowie religiöser oder sexueller Orientierung. Sie alle müssen gegen faschistische Regimes aufstehen und sich jeglicher imperialistischer und hegemonialer Instrumentalisierung widersetzen. Rojava wurde ein Symbol, wie unterschiedlichste Menschen selbstbestimmter auch im Nahen Osten zusammenleben können. Es wird Zeit, jeglichen Nationalismus und Rassismus zu übewinden und in konsequenten gemeinsamen internationalistischen Protest umzusetzen. Es wird Zeit, dass in Berlin wie in ganz Deutschland Kurd:innen, Palästinenser:innen, Iraner:innen, Jüd:innen, Muslim:innen,Jezid:innen, Venezuelaner:innen, Christ:innen und ja Deutsche und viele weitere gemeinsam auf die Straße gehen und Arbeiter:innen sich einmischen. Nur so lässt sich das Ränkespiel von Imperialisten und Faschisten durchbrechen.

So sehr im konkreten Einzelfall militärisch taktische Flexibilität für das Überleben erforderlich sein mag, die internationalistische Grundhaltung darf nicht aufgegeben werden. Null Vertrauen in die Imperialisten, ob sie nun Erdogan, Trump, Putin oder Nethanyahu heißen. Solidarität auch mit allen unterdrückten Nationen gegen imperialistische Vorherrschft. Aber bei der Befreiung dürfen die Klassenfrage, die soziale und demokratiche Selbstbestimmtheit der arbeitenden Menschen und die Frage nach den internen Herrschaftsverhältnissen nicht ausser Acht gelassen werden. Wer die Mullahs gegen den Schah austauscht treibt die Menschen vom Regen in die Traufe.

Auszüge aus einer internationalistischen Erklärung von Zeki Gökhan, Köln 24.1.2026:
Demo Köln, Foto Zeki Gökhan

Zehntausende Menschen haben heute Köln bewegt. Der Demonstrationszug reichte von Köln-Deutz bis weit über den Heumarkt hinaus.

Frauen, Kinder, Jugendliche und ältere Menschen gingen gemeinsam –´mit Wut, Trauer und Hoffnung, aber friedlich und voller Entschlossenheit. Die Angriffe auf die kurdische Bevölkerung in Syrien sind kein Zufall.

Die Verbrechen der Colani-Bande geschehen mit der Unterstützung und Duldung internationaler imperialistischer Mächte.

Das ist kein „regionaler Konflikt“, sondern Ausdruck eines Systems, das Krieg, Terror und Milizen nutzt, um Macht, Einfluss und Profite zu sichern. Der Kapitalismus produziert Krieg. Der Imperialismus braucht Spaltung. Wer Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Solidarität lebt, wird angegriffen. Rojava steht für eine Alternative zu diesem System:

  • für demokratische Selbstverwaltung statt Fremdherrschaft,
  • für Frauenbefreiung statt patriarchaler Gewalt,
  • für Solidarität statt Ausbeutung.

Gerade deshalb ist Rojava Ziel von Angriffen. Unsere Antwort darauf ist internationale Solidarität –Jenseits von Nationalismus, Rassismus und kapitalistischer Logik. (….)

Die Völker lassen sich nicht spalten. Die Unterdrückten stehen zusammen.

Und wir schweigen nicht, wenn Menschen entrechtet, vertrieben oder ermordet werden. Unser Platz ist an der Seite all jener, die für Freiheit, Würde und ein Leben jenseits von Krieg und Profit kämpfen.

Gegen Terrorbanden. Gegen Imperialismus. Gegen Kapitalismus. Für Frieden, Selbstbestimmung und internationale Solidaritä

Fotos: Peter Vlatten

Die Kapitulation der Kurden in Syrien – die USA haben sie fallen gelassen …

Von: Amalia van Gent

Collage: Jochen Gester

Vorbemerkung Forum: Wir erleben gerade ein neues Schamkapitel aus der Welt des „wertebasierten“ Westens. Das, was passiert, ist natürlich nicht neu, aber immer wieder wieder lehrreich. Die USA haben die Islamisten in Afghanistan zur bewaffneten Macht gemacht, um die Sowjetunion zu destabilieren und sie aus dem Land zu vertreiben. Auch haben sie im Nahen Osten keine Skrupel gehabt, sie immer zu unterstützen, wenn dadurch die Linke geschwächt werden konnte. Als der sich zum Staat konstiuierende Islamismus zu stark wurde und sich als nicht-kooperationwillige Ordnungsmacht zu etablieren drohte, hat die US-Armee den syrischen Kurden in ihrem Existenzkampf Luftunterstützung gewährt. Deren Verteidigungskräfte haben dem IS die entscheidenden Schläge versetzt und dabei die größen Opfer gebracht. Bis heute haben 20 000 Menschen der demokratischen Konföderation innerhalb des syrischen Staates bei der Verteidigung ihres zukunftsweisenden Gemeinwesens ihr Leben lassen müssen. Doch jetzt werden die Karten neu gemischt. Der Westen wirbt erneut um die Gunst der Islamisten. Mit Hilfe der jetzt „zwei besten Freunde“ aus Ankara und Damaskus soll der demokratisch-revolutionäre und multiethnische Spuk der Kurden endlich beerdigt werden. Die Retter vor dem IS werden nicht mehr gebraucht und sind im Wege bei den erhofften Geschäften der neuen Achse um die Ausbeutung der ressourcenreichen Region. Die ehemaligen Schurken müssen sich dazu aber habitusmäßig neu erfinden. Denn bekanntlich machen Kleider Leute. Al Shar’a tauscht sein IS-Kopftuch gegen Anzug mit Schlips und schon haben wir eine strahlende neue Welt, an die selbst ihre Inszenierer nicht glauben. Es liegt letztlich in den Händen der internationalen Linken, ob Kobane jetzt definitiv erdrosselt wird oder eine neue Chance bekommt. Auch, ob es gelingt, dass die jetzt zerstörte SDF-Allianz wieder zustandekommen kann. (Jochen Gester)

(GlobalBridge-Red.) Die USA haben die Seiten gewechselt: Die Kurden sind nicht mehr gefragt, wohl aber neu die Türkei und Damaskus. Amalia van Gent verfolgt die dortigen Geschehnisse täglich sehr aufmerksam. (cm)

Die Politik der zweiten Regierungszeit von Donald Trump fiel bisher noch nie durch diplomatisches Geschick auf. Das gilt auch für Tom Barrack, den US-Sonderbeauftragten in Syrien und zugleich amerikanischen Botschafter in der Türkei. In einer Erklärung auf X wies Tom Barrack gestern daraufhin, dass Washington im Kampf gegen die Dschihadisten (IS) in Syrien nun auf die Unterstützung «neuer Alliierter» zählen könne. Die Regierung in Damaskus habe sich der von den USA geführten Globalen Koalition zur Bekämpfung des ISIS angeschlossen und sei «bereit und in der Lage», Sicherheitsaufgaben zu übernehmen, einschliesslich der Kontrolle der IS-Haftanstalten und -Lager. Die Zusammenarbeit mit den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) bezeichnete er als «obsolet». 

Wechsel der Allianzen

So machte Tom Barrack kurz und bündig klar, dass Washington in Syrien die Seiten gewechselt hat und nun Damaskus im Kampf gegen die Dschihadisten als wichtigsten Partner betrachte, nicht mehr wie bisher die Kurden. Historischer Rückblick: Zehn Jahre lang kämpften die SDF gemeinsam mit den USA und anderen europäischen Ländern in Syrien gegen die Dschihadisten des IS, bis sie diese im Jahr 2019 endgültig besiegt hatten. Dabei gab es in der kleinen kurdischen Minderheit bis zu 11.000 Tote und um die 30.000 Verletzte. Nach dem Sieg über den IS wurden die SDF beauftragt, für die Sicherheit von rund 9.000 gefangenen IS-Kämpfern und 38.000 weiteren Personen, darunter viele Familienangehörige von Kämpfern, in 20 Gefängnissen ihres Gebiets zu sorgen. Dabei versprachen sich die Kurden in erster Linie Schutz: Solange sie die IS-Haftanstalten und -Lager kontrollierten, würden sie ihrerseits den Schutz ihrer westlichen Partner genießen, glaubten sie – bis zuletzt. Es war eine Illusion.

Wie Tom Barrack in seiner gestrigen Botschaft auf X erklärte, werden die Truppen der Regierung die «Sicherheitsaufgaben übernehmen, einschließlich der Kontrolle der IS-Haftanstalten und -Lager». Dass neuerdings Damaskus – unter Al Shar’a – Washingtons neuer Darling ist, bestätigte am Dienstag in einer langen Pressekonferenz gegenüber Reportern auch Donald Trump selbst: „Der Präsident Syriens arbeitet sehr, sehr hart“, sagte er. „Er ist ein starker Mann, ein harter Kerl. Er hat eine ziemlich raue Vergangenheit, aber man kann dort ja keinen Chorknaben einsetzen.“

Für die Beobachter mutet vieles surreal an. Die Trump-Regierung hatte Ahmet Al Shar’a letzten November ihre volle Unterstützung zugesagt, obwohl er einst ein führender Kader des IS war (und auf seinen Kopf von den USA eine 10-Millionen-US-Dollar-Prämie ausgesetzt war, Red.). Seitdem seine Milizen vor einem Jahr aber das langjährige Regime von Bashar al-Assad gestürzt haben, trägt Al Schar’a eine Krawatte und schwört, seine ehemaligen Komplizen in die Schranke zu weisen. Gemäß dem Wunsch des US-Präsidenten und seines Syrien-Beauftragten sollen Mitglieder der regierungsnahen Truppen, die oft ebenso aus dem IS stammen, die Kontrolle über IS-Haftanstalten und -Lager übernehmen. Myles Caggins, ehemaliger Sprecher der von den USA geführten Globalen Koalition zur Bekämpfung des Islamischen Staates, hegt ernsthafte Zweifel, ob die Anlagen mittelfristig sicher bleiben. Und er ist bei Weitem nicht der einzige Skeptiker. In kurdischen Medien kursierten gestern jedenfalls Videos, die zeigen, wie Soldaten der Regierung die Tore eines Gefängnisses öffnen.

Die beste Chance für die Kurden?

Tom Barrack, ein Milliarden-schwerer Immobilien-Geschäftsmann und engster Vertrauter von Donald Trump, rief schließlich die Kurden auf, die «einmalige Chance» zu nutzen und sich in einen «neuen vereinigten syrischen Staat mit Bürgerrechten, kulturellem Schutz und politischer Teilhabe» unter dem syrischen Interimspräsidenten Ahmet Al-Schar’a zu integrieren. 

Für Kurden kommt der Sinneswandel der Amerikaner jedoch wie ein Verrat vor. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Geschichte der Kurden immer das Versprechen nach Schutz, das aber nie eingelöst wird. 

In jedem Krieg werden die wahren Ereignisse von einem Feldzug der Lügen überschattet. Zehn Tage nach Beginn des Kriegs in Aleppo kristallisiert sich aus kurdischer Perspektive folgendes Bild: 

Der Vormarsch der Regierungstruppen war so rasch, dass er die kurdische Führung kalt erwischte. Innerhalb weniger Tage fielen nicht nur die zwei kurdisch-bewohnten Stadtviertel von Aleppo, sondern auch die strategisch wichtigen Zentren Raqqa und Deir ez-Zor. In diesem Gebiet leben seit jeher vor allem arabische Stämme. Jahrelang lebten sie unter der Herrschaft der von Kurden dominierten SDF, bis sie offenbar im Austausch für wirtschaftliche Investitionen und politische Legitimität vor zehn Tagen Damaskus die Treue schworen. Besonders entscheidend für den Ausgang der Schlacht sollen dabei die Kämpfer der Shammar gewesen sein. Sie richteten ihre Waffen plötzlich gegen ihre einstigen Alliierten und eröffneten so den Regierungstruppen den Weg nach Raqqa, Deir ez-Zor und Tabqa. 

Von Regierungstruppen im Westen und von ihren ehemaligen Alliierten im Osten militärisch bedrängt, verloren sie nicht nur Territorien, sondern vor allem ihre strategische Infrastruktur, wie Wasser, Energie, Logistik. 

Ein Papier zur Kapitulation der Kurden

Letzten Sonntag präsentierte Interimspräsident Al-Scharʿa nun der Öffentlichkeit seines Landes ein 14-Punkte-Abkommen. Der erste Punkt darin sieht einen sofortigen Waffenstillstand auf allen Frontlinien und Kontaktzonen vor. Die übrigen 13 Punkte zementieren de facto die Kapitulation der Kurden. Punkt 2 schreibt beispielsweise die „vollständige und sofortige administrative und militärische Übergabe von Raqqa und Deir ez Zor” vor, während Punkt 4 die Kontrolle der syrischen Regierung „über alle Grenzübergänge, Öl- und Gasfelder” garantiert. Die Kämpfer der SDF dürfen lediglich individuell in die syrische Armee eingegliedert werden. Von einer kurdischen Autonomie, von der die Kurden träumten, ist nirgends mehr die Rede. Im Gegensatz versprach Al-Scharʿa die kurdische Sprache als Nationalsprache zu anerkennen und jenen kurdischen Bürgern, die während des vorigen Regimes ohne Papiere gelebt hatten, die Nationalität zu geben. Mazlum Abdi, der Generalkommandant der SDF, war dennoch bereit, das Papier zu unterzeichnen, denn trotz des Versprechens eines Waffenstillstands setzten sich die Kämpfe an allen Fronten fort. 

Das von Al Schar’a präsentierte Abkommen hätte faktisch erstmals seit Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2011 die Souveränität Syriens wiederhergestellt und ihn zum unumstrittenen Staatsmann gemacht. Nach dem amerikanischen Prinzip „the winner takes it all” wollte er aber offensichtlich sogar noch mehr. Als Mazlum Abdi letzten Montag in Damaskus für Verhandlungen eintraf, soll Al Schar’a laut kurdischen Angaben auch die Kontrolle über die rein kurdischen Gebiete Qamisli und Hasaka gefordert haben. Suchte er bewusst ihre Demütigung? Er ließ jedenfalls seine Truppen ganz nahe vormarschieren.

Welle des Aufruhrs

Die kurdische Delegation kehrte unverrichteter Dinge zurück. Mazlum Abdi erklärte am Dienstag, dass Qamisli und Hasaka seine rote Linie seien. „Ich ziehe es vor, mit Ehre zu sterben, als mein Volk und meine Würde zu verraten“, sagte er. Dabei trug er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder seine Uniform. Die kurdische Autonomiebehörde rief zum Widerstand auf. „Kapitulation ist keine Option, die einzige Option ist Widerstand”, sagte das hochrangige Mitglied Foza Alyusuf. Eine Welle des Aufruhrs und der Solidarität machte sich in allen Ländern breit, in denen Kurden leben. 

Am Dienstag demonstrierten Tausende im kurdischen Teil des Iraks vor der amerikanischen Botschaft in ihrer Hauptstadt Erbil. Sie forderten ihre Führung auf, Peshmergas – die kurdischen Kämpfer aus dem Nordirak – zur Verteidigung Rojavas zu schicken. In den Städten der Türkei gingen auch am Mittwoch Tausende auf die Straße, um gegen die Syrien-Politik Ankaras zu protestieren. Die Türkei unterstützt den harten Kurs des syrischen Präsidenten. Der Vormarsch der syrischen Truppen hatte zudem in enger Koordination mit der türkischen Armee stattgefunden. Ungeachtet aller Warnungen der türkischen Armee haben Hunderte die Grenze aus Nusaybin im türkischen Südosten ins nordsyrische Kobane illegal überschritten. Der PKK-Kommandant Murat Karayilan erklärte, sie würden Kobane nicht allein lassen, „koste es, was es wolle”. 

Für die Kurden hat Kobane einen besonderen symbolischen Wert. Im September 2014 rückten die IS-Kämpfer vor dem kleinen Städtchen Kobane vor. Sie kontrollierten damals weite Teile des Territoriums in Syrien und im Irak und galten als unbesiegbar. Sie belagerten Kobane monatelang. Damals wie heute löste die Belagerung eine Welle der Solidarität unter den Kurden aus. Sie sahen Kobanê wie „ihr Stalingrad” und eilten zu Tausenden dorthin, um es zu verteidigen. Im Januar 2015 wurden die IS-Kämpfer in der Schlacht um Kobane zurückgeschlagen. Es handelte sich um die erste große Niederlage des IS, wodurch das Städtchen weltweit als Symbol des Widerstands gegen Extremismus bekannt wurde.

Am Dienstagabend nun gab die syrische Präsidentschaft bekannt, dass sie ein neues Waffenstillstandsabkommen mit den Kurden geschlossen habe. Demnach würden syrische Regierungstruppen nicht in die Stadtzentren von Hasaka und Qamischli einmarschieren. Sie würden auch nicht in die kurdischen Dörfer einmarschieren, solange dort keine bewaffneten Kräfte präsent seien. Damaskus erklärte, es gewähre den SDF vier Tage Zeit, um die Bedingungen des Abkommens, das faktisch dasselbe 14-Punkte-Abkommen ist, umzusetzen. 

Ob die kurdische Führung dieses akzeptiert, ist vorerst noch völlig offen.

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge v. 21.1. 2026
https://globalbridge.ch/die-kapitulation-der-kurden-in-syrien-die-usa-haben-sie-fallen-gelassen/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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