Nein zur Hetzkampagne gegen Linksjugend-Mitglieder

Vorab. Im Zusammenhang mit Palästina und Gaza sollte man schon den klaren dazu passendes Begriff des Völkerrechts verwenden und der heißt „Genozid“. Was den Stalinismusvorwurf betrifft, so trifft dieser zum Teil ebenso wenig zu wie der Vorwurf des Antisemitismus. Es geht schlicht darum, politische Gegner zu diffamieren und auszuschalten. Wer hetzt, intrigiert und Genoss:innen mit internationalistischen Anliegen mit Ausschlussverfahren bedroht, hat in der gesamten linken Bewegung nichts zu suchen. (Peter Vlatten)

Sascha Staničić, 18.Juni SOL

Solidarität und sachliche Debatte statt Ausgrenzung!

Wir veröffentlichen hier eine Stellungnahme von Sascha Staničić, Kandidat zum erweiterten Parteivorstand auf dem Bundesparteitag der Linken an diesem Wochenende und Mitglied der Sol-Bundesleitung zur durch den BR-Bericht ausgelösten Hetzkampagne gegen Mitglieder der Linksjugend:

Um das vorweg zu schicken: Auch ich ärgere mich über viele der vom BR veröffentlichten Äußerungen aus dem Jugendverband. Noch mehr ärgere ich mich aber darüber, dass die prokapitalistischen Medien einen solchen Angriff wenige Tage vor dem Parteitag inszenieren, dabei Zitate aus dem Kontext reißen und so viele Teile der Partei und vor allem ihrer Führungen auf Landesebene darauf anspringen – und jeden Sinn für Proportionen verlieren.

Es fällt auf, dass diejenigen in der Linken, die sich gerade künstlich über Neostalinismus und angeblichen Antisemitismus in der Linksjugend aufregen, sich nicht annähernd so empören über die Zustimmung zu Kriegskrediten, Waffenlieferungen und Unternehmenssteuersenkungen durch Linke-Minister*innen in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern oder über Massenmord, Besatzung und Vertreibung in Palästina.

Hier wird eine einseitige und verzerrte Berichterstattung aus prokapitalistischen Medien als Instrument genutzt, um den Ausschluss missliebiger Positionen aus der Partei zu fordern und Einfluss auf den Verlauf des Bundesparteitags zu nehmen, statt eine sachliche Debatte zu führen. Ich versuche es trotzdem mit Argumenten.

Erstens: Israel-Kritik ist kein Antisemitismus. Diese Position hat sich beim letzten Bundesparteitag mehrheitlich durchgesetzt und gilt, egal wie oft manche das Gegenteil behaupten. Das gilt auch für Israel-Kritik, die in einer Art und Weise formuliert wird, die abzulehnen ist, weil sie zu genau solchen Fehlinterpretationen einlädt. Der Jugendverband sollte jedoch an seinen Beschlüssen und nicht an Aussagen Einzelner gemessen werden und der Beschluss der Linksjugend zum Thema mag für manche kontroverse Positionen beinhalten, er enthält aber keine Spur von Antisemitismus.

Zweitens: Stalinismus an der Macht ist und war etwas anderes als Stalinismus als Teil der linken Bewegung in kapitalistischen Staaten. Deshalb heißt es ja auch „Wir brechen mit dem Stalinismus als System“. Ich bin Trotzkist und zwischen dem Stalinismus und meiner politischen Tradition fließt ein Fluss aus Blut – jedoch nur dem Blut von Trotzkistinnen, die Opfer der stalinistischen Herrschaft wurden. Trotzdem haben Trotzkistinnen – bei aller Kritik an der gar nicht revolutionären Politik der Kommunistischen Parteien – immer für eine Einheitsfront mit stalinistischen Kräften im Kampf gegen Reaktion, Kapitalismus und Krieg plädiert, weil sie anerkannten, dass diese Strömungen der Arbeiter*innenbewegung waren – während sie in den stalinistischen Staaten gleichzeitig für den Sturz der Bürokratien und die Errichtung von sozialistischen Arbeiterdemokratien eingetreten sind.

Ich nehme auch besorgt zur Kenntnis, dass unter jungen Menschen der Stalinismus in unterschiedlichen Ausformungen an Anziehungskraft gewinnt. Das ist aber Ausdruck der Suche nach einem Weg, mit radikalen Mitteln gegen den Kapitalismus zu kämpfen. Diese jungen Genoss*innen mögen einen falschen Weg eingeschlagen haben, aber sie haben kein Krankenhaus geschlossen, keine Wohnung privatisiert, keinen Arbeitsplatz vernichtet und keinen Asylbewerber abgeschoben. Ich diskutiere mit ihnen und grenze sie nicht aus und ich biete ihnen einen revolutionären, sozialistischen und demokratischen Weg des Klassenkampfs an.

Drittens: Die Jugend hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, Dummheiten zu begehen. Die Älteren haben die Verantwortung, dieses Recht zu verteidigen.

Viertens: Die künstliche Empörung und mantramäßig wiederholten Aufforderungen, die Partei zu verlassen, dienen nach meiner Einschätzung einem anderen Ziel. Kurz vor dem Parteitag soll der Druck auf die konsequent palästinasolidarischen Kräfte in der Partei maximal erhöht werden und verhindert werden, dass der Antrag des Parteivorstands zu dem Thema keine Mehrheit findet. Letztlich ist das laute Geschrei Ausdruck davon, dass diejenigen Kräfte, die sowohl für eine Unterstützung des Staates Israel als auch für Regierungsbeteiligungen mit prokapitalistischen Parteien stehen, spüren, dass die Partei sich an der Basis nach links verschiebt.

Interview von Fabian Lehr zu den Angriffen aus dem antideutsch-zionistischen Lager in der Linkspartei.

Die Parteiführung sollte entspannt mit dieser Debatte umgehen und sich nicht von der Angst vor schlechter Presse treiben lassen. Wenn eine sozialistische Partei in den kapitalistischen Medien gut wegkommt, hat sie etwas falsch gemacht. Statt die Berichterstattung des BR zum Anlass zu nehmen, zu erklären, man würde sich „die Sache anschauen“, sollte die Parteiführung sich schützend vor die jungen Genoss*innen stellen und zwei Dinge sagen: 1. Israel-Kritik ist kein Antisemitismus und 2. Wenn junge Menschen sich Stalin oder der DDR zuwenden trägt dafür der real existierende Kapitalismus mit seinen Kriegen, seiner Klimazerstörung und seiner Klassenausbeutung die Verantwortung. Die Linke bietet diesen jungen Leuten einen anderen Weg an, den Kapitalismus zu bekämpfen. Wäre nur schön, wenn das dann auch konsequent geschehen würde.

Titelbild: SOL

Eine Friedensbewegung im permanenten Kriegszustand

Eine Friedensbewegung im permanenten Kriegszustand

In Südkorea positioniert sich eine deutliche Mehrheit auf der Seite der Palästinenser. Wehrpflicht und Ersatzdienst sind bei jungen Männern unbeliebt.

Isaak Rose, 11. Juni nd

Seit 1953 gilt auf der koreanischen Halbinsel der Waffenstillstand, doch völkerrechtlich befinden sich Nord- und Südkorea noch immer im Krieg. Dieser andauernde Ausnahmezustand ermöglicht eine massive Militarisierung der Gesellschaft im Süden. Neben der strikten, tief verwurzelten Wehrpflicht treibt die Regierung aktuell eine aggressive Rüstungspolitik voran: Bis 2027 will das Land zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt aufsteigen. Schon jetzt ist Südkorea hinter den USA der wichtigste Waffenlieferant für die Nato-Staaten.

Gleichzeitig ist das Land eine Hochburg des zivilgesellschaftlichen Protests. Mit 5929 polizeilich erfassten Kundgebungen im Jahr 2025 gilt Seoul als eine globale Hauptstadt der Demonstrationen. Die Straßen der riesigen Metropole waren vergangenes Jahr Schauplatz von Auseinandersetzungen, die auch international für Aufsehen sorgten: So gab es beispielsweise Massenproteste gegen den mittlerweile inhaftierten Ex-Präsidenten nachdem dieser überraschend das Kriegsrecht ausrief, außerdem feministische Demonstrationen und Aufmärsche rechter Akteure, die eine Form des Trumpismus nach Korea brachten.

Inmitten der von Hochrüstung geprägten Gesellschaft agiert eine widerständige Friedensbewegung. Um ihre Arbeit und ihre internationale Solidarität zu verstehen, reicht jedoch der Blick auf die Gegenwart nicht aus. Ihre Anfänge liegen in den unbewältigten Traumata der Halbinsel, spätestens in den Kämpfen gegen das Vergessen der japanischen Kolonialverbrechen.

Friedensstatuen: Erinnerung an die Opfer sexualisierter Gewalt

Das »Mädchen der Friedensstatue«, oft auch als Statue der sogenannten »Trostfrauen« bezeichnet, repräsentiert das, was junge Mädchen und Frauen in Kriegen erleiden. Als Kolonialmacht entführte Japan während des Zweiten Weltkrieges unzählige koreanische Mädchen und zwang sie, als Sexsklavinnen für die Streitkräfte zu dienen. Das Künstlerpaar Seo-kyung Kim und Eun-sung Kim entwarf die erste Statue, nachdem es Zeuge der wöchentlichen Demonstrationen der sogenannten Halmeonis (koreanisch für Großmütter oder ältere Frauen) vor der japanischen Botschaft geworden war und dort erfuhr, dass diese historischen Verbrechen bis heute nicht aufgearbeitet sind.

Im Jahr 2011 wurde die wohl bekannteste dieser Statuen direkt gegenüber der damaligen japanischen Botschaft in Seoul aufgestellt. Sie zeigt ein 13- bis 15-jähriges Mädchen, das mit geballten Fäusten, aber gebanntem Blick auf das Gebäude schaut. Der Schatten, den die Figur auf den Boden wirft, ist der einer älteren Frau. Vor ihr sind mittlerweile Stolpersteine in das Pflaster eingelassen, von denen einer eine deutsche Inschrift trägt. Der Künstler Gunter Demnig, Initiator der Stolpersteine in Deutschland, hat sich mit seiner Stiftung auch an diesem Gedenkort beteiligt.

Rechte Kräfte versuchen seit vielen Jahrzehnten, diese Erinnerung unsichtbar zu machen. Auch deshalb fällt es der japanischen Regierung offenbar bis heute schwer, das Thema nachhaltig aufzuarbeiten. Stattdessen versucht sie darauf hinzuwirken, die Statuen abbauen zu lassen. In Seoul finden seit 1992 jede Woche Proteste statt. Mit inzwischen fast 2000 Zusammenkünften gilt die »Mittwochsdemonstration« als einer der weltweit am längsten andauernden regelmäßigen Proteste. Zum Schutz der Gedenkstelle übernachteten Aktivist*innen of vor Ort im Freien. Um mögliche Zerstörungen zu verhindern, verbarrikadierte die Polizei die Statue in den vergangenen sechs Jahren mit Gittern. Erst im April dieses Jahres wurden die Absperrungen, begleitet von Protesten, abgebaut. Wer im Mai dieses Jahres die Gedenkstätte in Seoul besuchte, konnte jedoch sehen: Um Angriffe rechter Akteure abzuwehren, wachen weiterhin zwei Polizisten direkt neben dem Mädchen aus Bronze.

Die Figur sei »ein Symbol für alle, die in Kriegen und Konflikten sexualisierte Gewalt erleben«.

Neben zahlreichen Abwandlungen in Südkorea existieren längst auch in anderen Ländern Varianten des Künstlerpaares. In Bonn trägt eine von ihnen den Namen Đồng Mai. Der vietnamesische Vorname erinnert auch daran, dass nicht nur koreanische Mädchen, sondern Menschen aus weiteren asiatischen Ländern von der japanischen Besatzungsmacht versklavt wurden. »Ari«, die Friedensstatue, die derzeit in Berlin-Moabit im Zentrum für Kunst und Urbanistik steht, war zuvor gewaltsam aus dem öffentlichen Raum entfernt worden. Ein Vorgang, der bundesweit Aufmerksamkeit auf sich zog und bei dem diplomatischer Druck aus Japan eine Rolle spielte. Der Name »Ari« stammt aus dem Armenischen, bedeutet »Mut« und erinnert zugleich an den Genozid an den Armenier*innen. Wie der Verein »Korea Verband« erklärte, reicht die Bedeutung der Figur weit über das tragische Schicksal der »Trostfrauen« hinaus: Sie sei »ein Symbol für alle, die in Kriegen und Konflikten bis heute sexualisierte Gewalt erleben«.

Die Überlebende Yong-su Lee, die während ihrer Entführung vier- bis fünfmal am Tag vergewaltigt wurde, erklärte ihren Schmerz der fehlenden Aufarbeitung einmal in einer Rede vor der japanischen Botschaft, direkt neben der Statue: »Ich wurde im Alter von 14 Jahren gewaltsam verschleppt und auf einen japanischen Kamikaze-Stützpunkt geschickt. Sie sind es«, rief sie und zeigte auf das Gebäude, »die uns zu ›Trostfrauen‹ gemacht haben, aber sie wollen keine Verantwortung dafür übernehmen. Mein Herz schmerzt so sehr, dass ich nachts nicht einmal schlafen kann. Ich hatte Angst davor, hierherzukommen. Ich schämte mich und fragte mich, ob ich die Schuld trug. […] Wagen Sie es ja nicht, diese Statue zu entfernen!«

Die andauernden Kämpfe um die Erinnerung an die »Trostfrauen« zeigen auch, dass es keinen Abschluss geben kann, solange Kriege geführt werden. Denn diese sind historisch wie gegenwärtig untrennbar mit sexualisierter Gewalt verbunden. Aus diesem tiefen Verständnis für die Wunden von Kolonialismus und Krieg lässt sich auch die Haltung der südkoreanischen Friedensbewegung zu aktuellen globalen Konflikten verstehen.

Internationale Solidarität: Der Blick auf Palästina

Ein Blick auf die palästinasolidarische Bewegung Südkoreas zeigt einen spannenden Gegensatz zur deutschen Debatte. Zunächst muss verstanden werden, dass sich die südkoreanische Linke strömungsübergreifend – von Gewerkschaften über Parteien bis hin zu queeren, feministischen, liberalen und radikalen Gruppen sowie der Friedensbewegung – fest an der Seite der Palästinenser*innen sieht.

Trotz eigener staatlicher Repressionen durch Entzug des Passes von koreanischen Flotilla-Aktivist*innen, kritisierte etwa Präsident Jae-myung Lee, der zur linkeren der beiden großen Parteien gehört, das Vorgehen Israels scharf. Im April teilte er auf der Plattform X ein Video, das IDF-Soldaten dabei zeigen soll, wie sie eine Person von einem Hausdach werfen. Er zeigte sich entsetzt, verglich die Verbrechen historisch unter anderem mit denen der japanischen Besatzer und zog explizit eine Parallele zu den »Trostfrauen«. Als daraufhin Empörung aus Israel laut wurde, löschte er das Video nicht. Stattdessen bekräftigte er seine Kritik: Menschenrechte seien die »letzte Bastion«, die gegen nichts eingetauscht werden dürfe. Er äußerte sich enttäuscht darüber, dass Israels Regierung »nicht ein einziges Mal über die Kritik der Menschen auf der ganzen Welt nachdenke«, und erklärte: Wenn er diesen Schmerz empfinde, würden auch andere ihn genauso tief spüren.

UG, das Pseudonym eines der Organisatoren der palästinasolidarischen Proteste in Seoul, erklärte auf Nachfrage, dass Koreanerinnen die Situation der Palästinenserinnen sehr gut nachempfinden könnten. Wer sich der Geschichte des eigenen Landes als kolonisierte Nation bewusst sei und den Kampf gegen die japanische Kolonialherrschaft kenne, verstehe, was die Palästinenser*innen durchmachen. Er argumentiert historisch aus der Perspektive einer Bevölkerung, die im Zweiten Weltkrieg selbst Opfer war.

Während auch in Deutschland Positionen zum Umgang mit den israelischen Kriegsverbrechen häufig aus der eigenen Geschichte abgeleitet werden und man dabei zu höchst unterschiedlichen Schlüssen kommt, finden die koreanischen Aktivist*innen eine eindeutige Antwort. Das lässt sich auch am Beispiel der Kampagne BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) feststellen. Während im parteipolitischen Deutschland und in vielen Teilen der deutschen Linken seit Jahren debattiert wird, inwiefern die Kampagne antisemitisch sei, wehrt sich UG gegen diesen Vorwurf. Er selbst unterstütze BDS. Antisemitismus, so argumentiert er, sei in erster Linie ein westliches Problem. Zugleich kritisiert er »wenige, meist rechte Irre«, die an irrationale Weltverschwörungen glauben.

In der südkoreanischen Gesellschaft findet sich eher ein Philosemitismus. Dies sind allerdings vorwiegend theoretische Überlegungen, da historisch wie aktuell kaum Jüdinnen im Land leben. Schätzungen gehen von nur wenigen Hundert aus, die meisten von ihnen stammen aus den USA. Einen Zusammenhang zwischen dem Boykott des israelischen Staates wegen seiner Kriegsverbrechen und dem Boykottieren von Jüdinnen bezeichnet der Aktivist daher als »unsinnig und falsch«.

Wehrpflicht, Zwangsdienst oder Gefängnis

Die Wehrpflicht, die für junge Männer gilt, polarisiert auch in Südkorea zunehmend. Trotz strenger Durchsetzung, die auch vor K-Pop-Stars keinen Halt macht, sinkt die Anzahl der Soldaten. Südkoreas demografischer Wandel zeigt sich hier noch drastischer als in Deutschland. Während die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in der Bundesrepublik zuletzt bei 1,35 lag, kam Südkorea auf 0,8. Der international bekannte deutsche Youtube-Kanal »kurzgesagt« betitelte ein virales Video dazu passend mit »SOUTH KOREA IS OVER«, ein Jahr später folgte »GERMANY IS OVER«. Dabei ging es in den Videos zwar nicht in erster Linie um die »personellen Ressourcen« für das jeweilige Militär. Für den Staatsapparat, der »wehrfähig« oder »kriegstüchtig« sein will, sieht das jedoch anders aus. Hier bedeutet weniger Nachwuchs trotz verpflichtenden Militärdienstes schlichtweg weniger einsatzfähige Soldaten.

Bei jungen Männern ist der Dienst in den Streitkräften verständlicherweise unbeliebt. Viele klagen über die 18 bis 21 Monate, die sie aus ihrem Leben gerissen werden. Trotz dieser Ablehnung stößt die Wehrpflicht in der breiten Bevölkerung grundsätzlich, besonders bei der älteren Generation, weiterhin auf ein Verständnis aus Notwendigkeit. Die politische Debatte kreist daher weniger um die grundsätzliche Abschaffung des Dienstes als vielmehr um eine empfundene Ungerechtigkeit, da ausschließlich Männer davon betroffen sind.

Die renommierte feministische Forscherin Hyun-jae Lee erklärte dazu in einem Interview mit der koreanischen Tageszeitung Hankyoreh: »Diese jungen Männer wollen nicht zum Militär. Da sie aber alle [den Dienst] antreten müssen, behaupten sie, dass die Tatsache, dass Frauen keinen Wehrdienst leisten müssen, eine umgekehrte Diskriminierung darstellt, und bezeichnen Feministinnen als egoistische Gruppe.« Die Politik, so Lee, solle Geschlechterfragen nicht als Instrument der Spaltung missbrauchen, sondern vielmehr »die Umwandlung des militärischen in einen zivilgesellschaftlichen Dienst« vorantreiben.

Wer den Dienst an der Waffe verweigert, wird in Südkorea mit Gefängnis bestraft. Zwar existiert mittlerweile ein ziviler Ersatzdienst, dieser hat jedoch vor allem eine abschreckende Funktion. So verlängert sich die Pflichtzeit dadurch drastisch auf drei Jahre. Zudem muss dieser Ersatzdienst als eine Art Strafarbeit innerhalb von Gefängnissen absolviert werden. Eine Härte, die sowohl unabhängige UN-Expert*innen als auch Amnesty International scharf kritisieren.

„Von der Ukraine lernen“ – Kooperation bei der Weiterentwicklung des High-Tech-Kriegs.

Die von German Foreign Policy beschriebene Rüstungskonferenz zeigt ein weiteres Mal: Aufrüstung ist keine rein technische Angelegenheit. Sie gehört zur Kriegsvorbereitung. Und Kriegsvorbeitung geht unweigerlich schwanger mit Faschismus und dessen Fahnenträgern. „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ Das gehört zuammen. Das ist die bittere Lehre des zweiten Weltkriegs.

Eine zweite Anmerkung zum Artikel. Die Blutwalze in der Ukraine, in der hunderttausende junger ukrainischer und russischer Menschen Gesundheit und Leben verlieren, wird zum gepriesenen Erfahrungs- und Geschäftsmodell deutscher Rüstungslobbyisten.

Drittens will man die gallopierenden Kosten der Militarisierung durch einfachere weniger komplexe, flexiblere und effizientere Militärtechnik in den Griff bekommen. Man darf sich aber bei der Preisgestaltung und Raffgier der Rüstungsindustrie keinerlei Illusionen hingeben. An der Plünderung der Sozialhaushalte zur Finanzierung des militärisch-industriellen Komplexes wird sich nichts ändern. Die am meisten öffentlich belegten Preissteigerungen gibt es für die Munition. Die Preise für 155-mm-Munition beispielsweise sind je nach Vertrag seit Beginn des Ukrainekriegs um 150 bis 500 Prozent gestiegen – in aktuellen Einzelfällen sogar noch stärker. Munition gehört zu den unkomplexsten Rüstungsgütern überhaupt. (Peter Vlatten)

German Foreign Policy, 11. Juni 2026

Rüstungskonferenz in Berlin versammelt Vertreter deutscher Drohnen-Startups und ukrainische Militärs aus Einheiten, die NS-Kollaborateure ehren. Ziel: intensive Kooperation bei der Weiterentwicklung des High-Tech-Kriegs.

Auf einer Rüstungskonferenz in Berlin haben am Montag Vertreter deutscher Drohnen-Startups und Militärs aus ukrainischen Einheiten, die NS-Kollaborateure ehren, die Weiterentwicklung des High-Tech-Kriegs und der Fertigung der dazu nötigen Waffensysteme debattiert. Auf der Konferenz New Age Defence, an der gut 800 Personen teilnahmen, waren unter anderem Vertreter von Brigaden der Ukrainischen Nationalgarde zugegen, die Symbole der Waffen-SS nutzen oder Mitglieder der OUN feiern, einer faschistischen Organisation ukrainischer NS-Kollaborateure. In Zusammenarbeit mit Militärs wie ihnen und unter Nutzung der ukrainischen Erfahrungen an der Front entwickeln deutsche Firmen ihre UxS weiter – Unbemannte Systeme, wobei x für die Vielfalt dieser Systeme in der Luft (Drohnen), zu Lande (Roboter) und zu Wasser (Seedrohnen) steht. Zu New Age Defence hieß es bei den Organisatoren, man wolle Hersteller, Soldaten und Politik enger miteinander verknüpfen und ukrainische Fronterfahrung mit industriellem Know-how in Deutschland verbinden. Wichtig sei dabei weniger die Herstellung zahlloser Waffen als vielmehr die Bereitstellung von Produktionskapazitäten, die im Kriegsfall jeweils das modernste Kriegsgerät blitzschnell ausstoßen könnten.

Kräfte koordinieren

Die Konferenz New Age Defence wurde am Montag in Berlin zum ersten Mal abgehalten. Organisiert wurde sie von einigen UxS-Herstellern; um welche es sich genau handelte, wurde vorab ebensowenig öffentlich mitgeteilt wie der Veranstaltungsort. Unterstützt wurde das Event von den deutschen Startups Helsing und Quantum Systems sowie von der ukrainischen Firma Uforce; Industriepartner waren etwa Arx Robotics und Stark. Die Teilnahme war nur auf Einladung möglich. Der Zeitpunkt wurde bewusst im Vorfeld der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung Berlin gewählt, die am gestrigen Mittwoch ihre Tore öffnete. Über die Zielsetzung des Events hieß es, es sei „kein Problem der Technologie“, Europa „in der modernen Kriegsführung zu verteidigen“.[1] Die notwendige Technologie sei vorhanden; das Militär wisse ohnehin, „was es braucht“. Auch „der politische Wille“ zur Aufrüstung nehme zu. Allerdings gebe es „eine Lücke bei der Koordinierung“: „Was fehlt, ist der Moment, in dem alle drei Kräfte zusammentreffen, sich abstimmen und gemeinsam voranschreiten“. Das solle nun – wie auch in Zukunft – New Age Defence leisten. Entsprechend waren bei dem Event neben Soldaten und Repräsentanten mehrerer UxS-Firmen auch Politiker präsent. Von rund 800 Teilnehmern vor allem aus Deutschland, der Ukraine und den baltischen Staaten wurde berichtet.

Kapazitäten statt Lager

Zu den Themen, die auf der Konferenz behandelt wurden, gehörten sich abzeichnende tiefe Umbrüche in der Rüstungsproduktion. Europas klassische Waffenindustrie zeichne sich schon seit je durch „teure Technologie, lange Produktionszyklen und Systeme aus, die für eine Kriegsführung konzipiert waren, die nicht mehr existiert“, urteilen die Veranstalter.[2] Auf der Konferenz hieß es, besonders die UxS-Branche sei komplett anders strukturiert. Nur „wer dem Gegner in allen Bereichen einen Schritt voraus“ sei – in „Innovation, Produktion, Implementierung, Weiterentwicklung, Einsatztaktik, Vernetzung“ –, werde sich im modernen Krieg durchsetzen können.[3] Das habe Folgen. „Angesichts rasanter Entwicklungszyklen und des globalen Wettlaufs um die effizientesten Technologien“ sei beispielsweise die traditionelle Einlagerung von Waffensystemen „im Bereich unbemannter Systeme nur bedingt sinnvoll“; allzu groß sei die Gefahr, dass das Gerät, wenn es in einem Krieg benötigt werde, technologisch oder kriegstaktisch veraltet sei. Diskutiert worden sei daher bei New Age Defence besonders, „wie geeignete Produktionskapazitäten geschaffen und vorgehalten werden“ könnten, „um zu jedem Zeitpunkt reaktionsbereit“ und in der Lage zu sein, Gerät entsprechend den jüngsten Entwicklungen in der Kriegsführung auszustoßen.

Know-how und Industrie

Dabei kommt, wie es auf der Konferenz hieß, der Ukraine, ihren Militärs wie auch ihren Rüstungsfirmen besondere Bedeutung zu. Ukrainische Soldaten testen die neuesten Waffen im Krieg und stehen dabei in engem Austausch vor allem mit ukrainischen, aber auch mit deutschen Rüstungsfirmen, die das Kriegsgerät kontinuierlich an den Bedarf der Truppe anzupassen suchen. Man „lerne“ viel von der ukrainischen Seite – von den „Erfahrungen“, die sie stetig mache und „leider bitterlich bezahle“, wird der CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsident des Reservistenverbandes der Bundeswehr, Bastian Ernst, zitiert.[4] Als Geschäftsführerin von New Age Defence amtiert mit Kateryna Mykhalko eine Ukrainerin, die zuvor drei Jahre lang bei Tech Force in UA tätig war, einem Verband, in dem rund 100 ukrainische UxS-Produzenten versammelt sind; entsprechend glänzend ist sie in Kiew vernetzt. Auf der Konferenz in Berlin hieß es, „gerade die Kombination aus ukrainischem Knowhow beim Einsatz von Drohnen und der daraus resultierenden kontinuierlichen Optimierung vorhandener Technologien auf der einen“ Seite sowie „den europäischen Erfahrungen und Kapazitäten im Bereich industrieller Produktion“ „auf der anderen“ Seite biete „jede Menge Chancen“ für den Aufbau einer künftig erfolgreichen UxS-Branche.[5]

Spezialisten mit Fronterfahrung

Entsprechend stark war am Montag die ukrainische Präsenz bei New Age Defence. Neben dem Botschafter der Ukraine in Deutschland, Oleksij Makejew, waren Vertreter ukrainischer Rüstungsunternehmen wie Uforce sowie Mitarbeiter ukrainischer Ableger deutscher Militär-Startups zugegen. Zu Mitarbeitern ukrainischer Denkfabriken kamen vor allem eine Reihe ukrainischer Militärs hinzu. Beim Combat Hub, einem Segment der Konferenz, für das insbesondere „praktische Demonstrationen moderner Kampftaktiken und des Gebrauchs unbemannter Systeme“ angekündigt wurden, hatten Teilnehmer laut der Ankündigung der Veranstalter „die Gelegenheit, unmittelbar mit Mitgliedern der ukrainischen Streitkräfte zu sprechen, die Erfahrungen mit verschiedenen unbemannten Systemen auf dem Schlachtfeld“ hatten.[6] Konkret angekündigt wurden zudem Militärs aus der 12. Spezialbrigade „Asow“ des 1. Korps der Nationalgarde und aus der 17. Brigade des 2. Korps „Chartija“ der Nationalgarde, darunter Spezialisten für Unbemannte Systeme sowie für Aufklärung; für die Aufklärung des Schlachtfeldes werden heutzutage – abgesehen von Satelliten –vor allem Drohnen eingesetzt. Die gemeinsame Präsenz ukrainischer Soldaten und deutscher Startup-Repräsentanten ließ in Berlin die seit Jahren praktizierte alltägliche Kooperation beider Seiten erahnen.

Anhänger von NS-Kollaborateuren

Dies ist auch deshalb von Interesse, weil die politische Ausrichtung der auf der Konferenz New Age Defence vertretenen ukrainischen Einheiten eine deutliche Sprache spricht. So nutzt die 12. Spezialbrigade „Asow“ des 1. Korps der Nationalgarde das Wolfsangel-Symbol, das früher von der Waffen-SS verwendet wurde.[7] Wie berichtet wird, verehrt die Spezialbrigade auf ihren Social Media-Kanälen zudem NS-Kollaborateure der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Deren sterbliche Überreste lässt die ukrainische Regierung gegenwärtig nach Kiew überführen, wo sie in einem „Pantheon herausragender Ukrainer“ geehrt werden sollen (german-foreign-policy.com berichtete [8]). Die 17. Brigade des 2. Korps „Chartija“ wiederum feierte Berichten zufolge zuletzt am 1. Januar 2026 den Geburtstag des OUN-Führers Stepan Bandera; zuvor hatte sie den „Marsch der Helden“ am 14. Oktober 2025 zur Erinnerung an die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) beworben, deren Milizionäre im Zweiten Weltkrieg mehr als 90.000 Polen sowie tausende Juden massakrierten, um – aus ihrer Rassistenperspektive – die Voraussetzungen für eine „ethnisch reine“ Ukraine zu schaffen. Die historischen wie die politischen Auffassungen der ukrainischen Soldaten prägen dabei die Kooperation mit den deutschen UxS-Startups, die sich als Kern der Rüstungsbranche der Zukunft begreifen.

[1], [2] New Age Defence. new-age-defence.berlin.

[3] Jan Schönberg: In Sachen Drohnen bringt höheres Tempo ein Mehr an Sicherheit. drones-magazin.de 09.06.2026.

[4] Johanna Urbancik, Franziska Müller: Drohnen-Gipfel in Berlin: Ukraine-Krieg, Defence-

Hightech und Innovationen. de.euronews.com 10.06.2026.

[5] Jan Schönberg: In Sachen Drohnen bringt höheres Tempo ein Mehr an Sicherheit. drones-magazin.de 09.06.2026.

[6] Innovators showcase drones and AI at New Age Defence in Berlin. mezha.net 08.06.2026.

[7] Susann Witt-Stahl: Neues Zeitalter der Kriegführung. junge Welt 08.06.2026.

[8] S. dazu Im Pantheon der Kollaborateure.

Der Beitrag ist ersterschienen bei German Foreign Policy, 11. Juni 2026. Wir danken für das Publikationsrecht.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

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