Eine Friedensbewegung im permanenten Kriegszustand
In Südkorea positioniert sich eine deutliche Mehrheit auf der Seite der Palästinenser. Wehrpflicht und Ersatzdienst sind bei jungen Männern unbeliebt.
Isaak Rose, 11. Juni nd
Seit 1953 gilt auf der koreanischen Halbinsel der Waffenstillstand, doch völkerrechtlich befinden sich Nord- und Südkorea noch immer im Krieg. Dieser andauernde Ausnahmezustand ermöglicht eine massive Militarisierung der Gesellschaft im Süden. Neben der strikten, tief verwurzelten Wehrpflicht treibt die Regierung aktuell eine aggressive Rüstungspolitik voran: Bis 2027 will das Land zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt aufsteigen. Schon jetzt ist Südkorea hinter den USA der wichtigste Waffenlieferant für die Nato-Staaten.
Gleichzeitig ist das Land eine Hochburg des zivilgesellschaftlichen Protests. Mit 5929 polizeilich erfassten Kundgebungen im Jahr 2025 gilt Seoul als eine globale Hauptstadt der Demonstrationen. Die Straßen der riesigen Metropole waren vergangenes Jahr Schauplatz von Auseinandersetzungen, die auch international für Aufsehen sorgten: So gab es beispielsweise Massenproteste gegen den mittlerweile inhaftierten Ex-Präsidenten nachdem dieser überraschend das Kriegsrecht ausrief, außerdem feministische Demonstrationen und Aufmärsche rechter Akteure, die eine Form des Trumpismus nach Korea brachten.
Inmitten der von Hochrüstung geprägten Gesellschaft agiert eine widerständige Friedensbewegung. Um ihre Arbeit und ihre internationale Solidarität zu verstehen, reicht jedoch der Blick auf die Gegenwart nicht aus. Ihre Anfänge liegen in den unbewältigten Traumata der Halbinsel, spätestens in den Kämpfen gegen das Vergessen der japanischen Kolonialverbrechen.
Friedensstatuen: Erinnerung an die Opfer sexualisierter Gewalt
Das »Mädchen der Friedensstatue«, oft auch als Statue der sogenannten »Trostfrauen« bezeichnet, repräsentiert das, was junge Mädchen und Frauen in Kriegen erleiden. Als Kolonialmacht entführte Japan während des Zweiten Weltkrieges unzählige koreanische Mädchen und zwang sie, als Sexsklavinnen für die Streitkräfte zu dienen. Das Künstlerpaar Seo-kyung Kim und Eun-sung Kim entwarf die erste Statue, nachdem es Zeuge der wöchentlichen Demonstrationen der sogenannten Halmeonis (koreanisch für Großmütter oder ältere Frauen) vor der japanischen Botschaft geworden war und dort erfuhr, dass diese historischen Verbrechen bis heute nicht aufgearbeitet sind.
Im Jahr 2011 wurde die wohl bekannteste dieser Statuen direkt gegenüber der damaligen japanischen Botschaft in Seoul aufgestellt. Sie zeigt ein 13- bis 15-jähriges Mädchen, das mit geballten Fäusten, aber gebanntem Blick auf das Gebäude schaut. Der Schatten, den die Figur auf den Boden wirft, ist der einer älteren Frau. Vor ihr sind mittlerweile Stolpersteine in das Pflaster eingelassen, von denen einer eine deutsche Inschrift trägt. Der Künstler Gunter Demnig, Initiator der Stolpersteine in Deutschland, hat sich mit seiner Stiftung auch an diesem Gedenkort beteiligt.
Rechte Kräfte versuchen seit vielen Jahrzehnten, diese Erinnerung unsichtbar zu machen. Auch deshalb fällt es der japanischen Regierung offenbar bis heute schwer, das Thema nachhaltig aufzuarbeiten. Stattdessen versucht sie darauf hinzuwirken, die Statuen abbauen zu lassen. In Seoul finden seit 1992 jede Woche Proteste statt. Mit inzwischen fast 2000 Zusammenkünften gilt die »Mittwochsdemonstration« als einer der weltweit am längsten andauernden regelmäßigen Proteste. Zum Schutz der Gedenkstelle übernachteten Aktivist*innen of vor Ort im Freien. Um mögliche Zerstörungen zu verhindern, verbarrikadierte die Polizei die Statue in den vergangenen sechs Jahren mit Gittern. Erst im April dieses Jahres wurden die Absperrungen, begleitet von Protesten, abgebaut. Wer im Mai dieses Jahres die Gedenkstätte in Seoul besuchte, konnte jedoch sehen: Um Angriffe rechter Akteure abzuwehren, wachen weiterhin zwei Polizisten direkt neben dem Mädchen aus Bronze.
Die Figur sei »ein Symbol für alle, die in Kriegen und Konflikten sexualisierte Gewalt erleben«.
Neben zahlreichen Abwandlungen in Südkorea existieren längst auch in anderen Ländern Varianten des Künstlerpaares. In Bonn trägt eine von ihnen den Namen Đồng Mai. Der vietnamesische Vorname erinnert auch daran, dass nicht nur koreanische Mädchen, sondern Menschen aus weiteren asiatischen Ländern von der japanischen Besatzungsmacht versklavt wurden. »Ari«, die Friedensstatue, die derzeit in Berlin-Moabit im Zentrum für Kunst und Urbanistik steht, war zuvor gewaltsam aus dem öffentlichen Raum entfernt worden. Ein Vorgang, der bundesweit Aufmerksamkeit auf sich zog und bei dem diplomatischer Druck aus Japan eine Rolle spielte. Der Name »Ari« stammt aus dem Armenischen, bedeutet »Mut« und erinnert zugleich an den Genozid an den Armenier*innen. Wie der Verein »Korea Verband« erklärte, reicht die Bedeutung der Figur weit über das tragische Schicksal der »Trostfrauen« hinaus: Sie sei »ein Symbol für alle, die in Kriegen und Konflikten bis heute sexualisierte Gewalt erleben«.
Die Überlebende Yong-su Lee, die während ihrer Entführung vier- bis fünfmal am Tag vergewaltigt wurde, erklärte ihren Schmerz der fehlenden Aufarbeitung einmal in einer Rede vor der japanischen Botschaft, direkt neben der Statue: »Ich wurde im Alter von 14 Jahren gewaltsam verschleppt und auf einen japanischen Kamikaze-Stützpunkt geschickt. Sie sind es«, rief sie und zeigte auf das Gebäude, »die uns zu ›Trostfrauen‹ gemacht haben, aber sie wollen keine Verantwortung dafür übernehmen. Mein Herz schmerzt so sehr, dass ich nachts nicht einmal schlafen kann. Ich hatte Angst davor, hierherzukommen. Ich schämte mich und fragte mich, ob ich die Schuld trug. […] Wagen Sie es ja nicht, diese Statue zu entfernen!«
Die andauernden Kämpfe um die Erinnerung an die »Trostfrauen« zeigen auch, dass es keinen Abschluss geben kann, solange Kriege geführt werden. Denn diese sind historisch wie gegenwärtig untrennbar mit sexualisierter Gewalt verbunden. Aus diesem tiefen Verständnis für die Wunden von Kolonialismus und Krieg lässt sich auch die Haltung der südkoreanischen Friedensbewegung zu aktuellen globalen Konflikten verstehen.
Internationale Solidarität: Der Blick auf Palästina
Ein Blick auf die palästinasolidarische Bewegung Südkoreas zeigt einen spannenden Gegensatz zur deutschen Debatte. Zunächst muss verstanden werden, dass sich die südkoreanische Linke strömungsübergreifend – von Gewerkschaften über Parteien bis hin zu queeren, feministischen, liberalen und radikalen Gruppen sowie der Friedensbewegung – fest an der Seite der Palästinenser*innen sieht.
Trotz eigener staatlicher Repressionen durch Entzug des Passes von koreanischen Flotilla-Aktivist*innen, kritisierte etwa Präsident Jae-myung Lee, der zur linkeren der beiden großen Parteien gehört, das Vorgehen Israels scharf. Im April teilte er auf der Plattform X ein Video, das IDF-Soldaten dabei zeigen soll, wie sie eine Person von einem Hausdach werfen. Er zeigte sich entsetzt, verglich die Verbrechen historisch unter anderem mit denen der japanischen Besatzer und zog explizit eine Parallele zu den »Trostfrauen«. Als daraufhin Empörung aus Israel laut wurde, löschte er das Video nicht. Stattdessen bekräftigte er seine Kritik: Menschenrechte seien die »letzte Bastion«, die gegen nichts eingetauscht werden dürfe. Er äußerte sich enttäuscht darüber, dass Israels Regierung »nicht ein einziges Mal über die Kritik der Menschen auf der ganzen Welt nachdenke«, und erklärte: Wenn er diesen Schmerz empfinde, würden auch andere ihn genauso tief spüren.
UG, das Pseudonym eines der Organisatoren der palästinasolidarischen Proteste in Seoul, erklärte auf Nachfrage, dass Koreanerinnen die Situation der Palästinenserinnen sehr gut nachempfinden könnten. Wer sich der Geschichte des eigenen Landes als kolonisierte Nation bewusst sei und den Kampf gegen die japanische Kolonialherrschaft kenne, verstehe, was die Palästinenser*innen durchmachen. Er argumentiert historisch aus der Perspektive einer Bevölkerung, die im Zweiten Weltkrieg selbst Opfer war.
Während auch in Deutschland Positionen zum Umgang mit den israelischen Kriegsverbrechen häufig aus der eigenen Geschichte abgeleitet werden und man dabei zu höchst unterschiedlichen Schlüssen kommt, finden die koreanischen Aktivist*innen eine eindeutige Antwort. Das lässt sich auch am Beispiel der Kampagne BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) feststellen. Während im parteipolitischen Deutschland und in vielen Teilen der deutschen Linken seit Jahren debattiert wird, inwiefern die Kampagne antisemitisch sei, wehrt sich UG gegen diesen Vorwurf. Er selbst unterstütze BDS. Antisemitismus, so argumentiert er, sei in erster Linie ein westliches Problem. Zugleich kritisiert er »wenige, meist rechte Irre«, die an irrationale Weltverschwörungen glauben.
In der südkoreanischen Gesellschaft findet sich eher ein Philosemitismus. Dies sind allerdings vorwiegend theoretische Überlegungen, da historisch wie aktuell kaum Jüdinnen im Land leben. Schätzungen gehen von nur wenigen Hundert aus, die meisten von ihnen stammen aus den USA. Einen Zusammenhang zwischen dem Boykott des israelischen Staates wegen seiner Kriegsverbrechen und dem Boykottieren von Jüdinnen bezeichnet der Aktivist daher als »unsinnig und falsch«.
Wehrpflicht, Zwangsdienst oder Gefängnis
Die Wehrpflicht, die für junge Männer gilt, polarisiert auch in Südkorea zunehmend. Trotz strenger Durchsetzung, die auch vor K-Pop-Stars keinen Halt macht, sinkt die Anzahl der Soldaten. Südkoreas demografischer Wandel zeigt sich hier noch drastischer als in Deutschland. Während die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in der Bundesrepublik zuletzt bei 1,35 lag, kam Südkorea auf 0,8. Der international bekannte deutsche Youtube-Kanal »kurzgesagt« betitelte ein virales Video dazu passend mit »SOUTH KOREA IS OVER«, ein Jahr später folgte »GERMANY IS OVER«. Dabei ging es in den Videos zwar nicht in erster Linie um die »personellen Ressourcen« für das jeweilige Militär. Für den Staatsapparat, der »wehrfähig« oder »kriegstüchtig« sein will, sieht das jedoch anders aus. Hier bedeutet weniger Nachwuchs trotz verpflichtenden Militärdienstes schlichtweg weniger einsatzfähige Soldaten.
Bei jungen Männern ist der Dienst in den Streitkräften verständlicherweise unbeliebt. Viele klagen über die 18 bis 21 Monate, die sie aus ihrem Leben gerissen werden. Trotz dieser Ablehnung stößt die Wehrpflicht in der breiten Bevölkerung grundsätzlich, besonders bei der älteren Generation, weiterhin auf ein Verständnis aus Notwendigkeit. Die politische Debatte kreist daher weniger um die grundsätzliche Abschaffung des Dienstes als vielmehr um eine empfundene Ungerechtigkeit, da ausschließlich Männer davon betroffen sind.
Die renommierte feministische Forscherin Hyun-jae Lee erklärte dazu in einem Interview mit der koreanischen Tageszeitung Hankyoreh: »Diese jungen Männer wollen nicht zum Militär. Da sie aber alle [den Dienst] antreten müssen, behaupten sie, dass die Tatsache, dass Frauen keinen Wehrdienst leisten müssen, eine umgekehrte Diskriminierung darstellt, und bezeichnen Feministinnen als egoistische Gruppe.« Die Politik, so Lee, solle Geschlechterfragen nicht als Instrument der Spaltung missbrauchen, sondern vielmehr »die Umwandlung des militärischen in einen zivilgesellschaftlichen Dienst« vorantreiben.
Wer den Dienst an der Waffe verweigert, wird in Südkorea mit Gefängnis bestraft. Zwar existiert mittlerweile ein ziviler Ersatzdienst, dieser hat jedoch vor allem eine abschreckende Funktion. So verlängert sich die Pflichtzeit dadurch drastisch auf drei Jahre. Zudem muss dieser Ersatzdienst als eine Art Strafarbeit innerhalb von Gefängnissen absolviert werden. Eine Härte, die sowohl unabhängige UN-Expert*innen als auch Amnesty International scharf kritisieren.