„Solidarität statt Spaltung, Prinzipientreue statt Einknicken vor den Herrschenden!“

Offener Brief an Die Linke Berlin und die Bundesfraktion

Unterschriftenliste

Titelbild: Berliner Mieterverein

Wir, die Unterzeichnenden dieses Briefes, solidarisieren uns ausdrücklich mit der Linkspartei Berlin, die sich nach ihrem fulminanten Wahlsieg am 20.09.2026 einer beispiellosen medialen Hetzkampagne konfrontiert sieht. Von rassistischen Vorwürfen der angeblichen Nähe zur sog. “Clan-Kriminalität” bis hin zum Terrorverdacht gegen politisch engagierte Palästinenser*innen in- und außerhalb der Partei – die Mainstream-Parteien instrumentalisieren den Antisemitismus-Vorwurf gegen die LINKE, weil sie fürchten, dass Berlin mit der Vergesellschaftung von Wohnungen einen bundesweiten Präzedenzfall schaffen wird. Dabei dreht es sich häufig konkret um den Wahlbezirk Neukölln.

Angriffe auf Neukölln aus allen politischen Lagern und Medien sind seit Jahren an der Tagesordnung und kamen daher auch in diesem Wahlkampf alles andere als überraschend. Der Stadtteil muss immer wieder als Beispiel für gescheiterte Integration, migrantische Queerfeindlichkeit und Kriminalität, importierten Antisemitismus und Islamismus herhalten. Gesamtgesellschaftliche Probleme werden für rassistische Stereotypisierung instrumentalisiert. Gegen den MdB Ferat Koçak wurde erst vor kurzem mittels des absurden Vorwurfs des Verdachts auf Dokumentenfälschung eine medial aufgebauschte Hetzjagd unter Mitwirkung der Staatsanwaltschaft gestartet. Dass er als migrantisierter Lokalpolitiker lange Jahre unter dem Namen “Der Neuköllner” aktiv war und aufgrund seiner antirassistischen Basisarbeit Zielscheibe des NSU 2.0 wurde, ist dabei kein Zufall. Und obwohl auch andere Parteien zweifelhafte Verbindungen pflegen, die weit über einen Chat hinausgehen, soll ihn nun dieser Kontakt den Kopf kosten.

Auch die Palästina-Solidarität, die sich nicht allein auf einen Bezirk Berlins begrenzen lässt, wird in Neukölln immer wieder zum Politikum erklärt. Der Solidaritätsbekundung 150 jüdischer Intellektuelle*r, Schriftsteller*innen und Aktivist*innen zum Trotz wird die Bewegung in der Basis der Partei von bürgerlicher Politik und Medien angegriffen und instrumentalisiert. Wir solidarisieren uns hiermit ausdrücklich mit dem Bezirksverband der Linken Neukölln und mit allen anderen Genoss*innen der Linkspartei, die aktuell dieser rechten Hetzkampagne ausgesetzt sind. Außerdem solidarisieren wir uns mit unseren palästinensischen Mitmenschen, die sich seit Jahren für Palästina in Deutschland engagieren. Wir sagen ganz klar: Kritik am Staat Israel ist nicht antisemitisch und dafür hat die Partei bei ihrem letzten Bundesparteitag auch gestimmt, indem sie die IHRA-Definition zurückwies und eine Mehrheit der Mitglieder für die Jerusalem Declaration on Antisemitism gestimmt haben. Keine der aktuell umstrittenen Aussagen ist gemäß dieser Definition antisemitisch. Eine Linke, die sich dagegen ernsthaft um das Sicherheitsgefühl der Berliner*innen sorgt, sollte auch das der palästinensischen und migrantischen Stimmen mit einbeziehen, die gerade unter rassistischem Generalverdacht stehen.

Wir fordern die Partei hiermit ausdrücklich auf, die Palästina-Solidarität nicht einer Regierungskoalition mit Grünen und SPD zu opfern, die beide für die Kürzungen der letzten Jahre und somit auch für den Aufstieg der faschistoiden AfD mitverantwortlich sind. Wir fordern die Partei ausdrücklich auf, sich schützend vor die angegriffenen Mitglieder – Ferat Koçak, Basem Said, Martha Kleedörfer, Hannah Bruns und alle anderen – zu stellen. Solidarität statt Spaltung, Prinzipientreue statt Einknicken vor den Herrschenden! Das Ausschlussverfahren gegen Hannah Bruns muss sofort gestoppt und zurückgenommen werden! Wir verlangen eine konsequent sozialistische Politik der Linkspartei, die alle marginalisierten Gruppen in Schutz nimmt, die sich nicht scheut, den Rassismus der aktuellen Gegenkampagne zu benennen, die sich hinter jüdische Menschen in all ihrer Vielfalt stellt und vor allem eines tut: endlich vergesellschaften.  

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Erstunterzeichnende:

  1. Achan Malonda, Musikerin, Autorin
  2. Jasmina Kuhnke, Autorin und Drehbuchautorin
  3. Inga Matthes, Anwältin für Migrationsrecht und Neuköllnerin
  4. Rana Issazadeh, Rechtsanwältin
  5. Rashad Alhindi, Filmemacher & Journalist
  6. Vanessa E. Thompson, Soziologin, Associate Professor, Queen’s University, Kanada
  7. Nala Wahle, Aktivistin
  8. Elias Naeb, Sozialpädagoge, Content Creator und Spoken Word Artist
  9. Ulla Scharfenberg, Bildungsarbeiter*in
  10. Leandros Fischer, Juniorprofessor für Philosophie, Politik & Ökonomie, American University of Beirut Campus, Zypern
  11. Elias Kapeller alias Ilyas Ibn Karim, Religionswissenschaftler, Doktorand
  12. Norma Möllers, Soziologin, Associate Professor, Queen’s University, Kanada
  13. Dr. Imad Mustafa, Autor & Politologe
  14. Michèle Winkler, politische Referentin im Grundrechtekomitee
  15. Jean-Philippe Kindler, Comedian
  16. Sebastian Hotz, Autor
  17. Britta Rabe, politische Referentin im Grundrechtekomitee
  18. Zahra Mousawy, Afghanische Schriftstellerin und Aktivistin
  19. Mitali Nagrecha, Vorstand im Justice Collective
  20. Cuso Ehrich, Soziolog*in & Podcaster*in
  21. Fabian Lehr, Kommunistischer Podcaster & Publizist
  22. Zoë Claire Miller, Künstlerin
  23. Deborah Feldman, Autorin & Publizistin
  24. Miriam Chorley-Schulz, Assistant Professor and Mokin Fellow of Holocaust Studies, University of Oregon
  25. Mine Pleasure Bouvar, wandernde Agitatorin
  26. Maryam Aras, Autorin und Literaturkritikerin
  27. Niloufar Tajeri, Architektin und Stadtforscherin
  28. Beate Bahnweg, Rechtsanwältin
  29. Nadija Samour, Rechtsanwältin
  30. Gina Waibel, Bildungsinfluencerin und Autorin
  31. Lena Koch, Rechtsanwältin
  32. Julia Grißmer, Rechtsanwältin
  33. Malte Engeler, Autor und Rechtswissenschaftler
  34. Benjamin Meyer-Krahmer, Institut für Theorie, HGB Leipzig
  35. Matthias Böhler, Künstler
  36. Nils Riecken, Islamwissenschaftler, Ruhr-Universität Bochum
  37. Rainer Rehak, Informatiker und Wissenschaftler
  38. Shoan Vaisi, ehemaliges Stadtratsmitglied, Sozialarbeiter
  39. Elisa Baş, Klimagerechtigkeitsaktivistin
  40. Prof. Dr. Marc Siegel, Filmwissenschaftler
  41. Alanna Lynch, Künstlerin
  42. Lili Sommerfeld, Musikerin
  43. Michael Cohen-Weissert, Pianist und Komponist
  44. Nina Ogilvie, Rechtsanwältin
  45. Sheela Charen, Rechtsanwältin
  46. Helén Fares, Menschenrechtsaktivistin
  47. Rachela Tonta, Politikwissenschaftlerin, unabhängige Forscherin
  48. Louna Sbou, Oyoun Director
  49. Ruth Weskamm, Studienrätin
  50. Maidline Aurie, Artist
  51. Michael Barenboim, Professor und Musiker
  52. Marcus Staiger, Publizist und Aktivist
  53. Pia Scholz alias Shurjoka, Content Creatorin & Aktivistin
  54. Prof. Dr. Robin Celikates, FU Berlin
  55. Nurder Koch, Koch, polit. Aktivist, Influencer
  56. Rio Riseup, Musiker
  57. Fabian Saul, Autor & Komponist
  58. Adam Broomberg, Künstler
  59. Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin
  60. Jakob Reimann, freier Journalist
  61. Hannes Porombka, Musiker
  62. Judith Scheytt, Aktivistin und Content Creatorin
  63. Lise-Christine Kobla Mendama, Bildungsreferentin
  64. Mine, Musikerin
  65. Natascha Sadr Haghighian, Künstlerin
  66. Thomas Kilpper, Künstler
  67. Isra Karera, Bildungsinfluencerin
  68. Sonja Hornung, Künstlerin
  69. Julia Akra, Projektmanagement
  70. Mogli, Artist
  71. Nicklas Boden, Content Creator
  72. Valerie Burgstaller, Workplace Designerin
  73. Pegah Ferydoni, Schauspielerin und Sprecherin
  74. Prof. Dr. Onur Suzan Nobrega, Wissenschaftlerin und Kuratorin
  75. Muriel Marondel, Author & Mutual Aid Activist
  76. Faheem Hemboum, Journalist
  77. Abdul Kader Chahin, Comedian
  78. Ibrahim Arslan, historisch-politischer Bildner, Aktivist
  79. Novaa, Musikproduzent*in
  80. Kai Schumann, Schauspieler
  81. Yehudit Yinhar, Künstlerin
  82. Sultana Sediqi, Aktivistin
  83. Prof. Dr. Ömer Alkin, Medienwissenschaftler
  84. Dr. Kien Nghi Ha, Kultur- und Politikwissenschafter
  85. José Segebre, Autor und Kulturwissenschaftler
  86. Dr. Aurelia Kalisky, Researcher at the Centre Marc Bloch
  87. Marie-Alice Morel, Kommunikationsmanagerin und Aktivistin
  88. Tex Drieschner, Sänger, Gründer & Moderator von TV Noir
  89. Nader Soltani, Soziologe, Philosoph, Sozialpädagoge
  90. Damon Taleghani, Autor & Musiker
  91. Meral AL-Mer, Musikerin, Journalistin und Autorin
  92. Sandra Hetzl, Literaturübersetzerin & Autorin
  93. Sandra Gugić, Autorin
  94. Emilia Zenzile Roig, Autorin
  95. Kai Koddenbrock, Professor für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie
  96. Nina Onèr, Rechtsanwältin
  97. Lara Möller, Advocacy und Research Associate beim Justice Collective
  98. Roland Meister, Rechtsanwalt
  99. Ingrid Adjoa Yeboha, Rechtsanwältin
  100. Dr. Ammar Bustami, Rechtsanwalt
  101. Eike Richter, Rechtsanwalt
  102. Anja Lederer, Rechtsanwältin
  103. Robin Jaspert, Politökonom
  104. Christian Strippel, Wissenschaftler
  105. Jule Ulbricht, Historikerin Universität Basel
  106. Florence Vienne, Wissenschaftshistorikerin
  107. Rehab Massoud, Dozentin, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
  108. Leon Schlüter, Doktorand & Aktivist
  109. Cathleen Schuster, Künstlerin
  110. Marcel Dickhage, Künstler
  111. Dr. Fatoş Atali-Timmer, Erziehungswissenschaftlerin
  112. Prof. Dr. Ramis Örlü, OsloMet – Oslo Metropolitan University
  113. Prof. Dr. Sabine Broeck, Universität Bremen
  114. Deniz Torlak, Bildungsreferent_in
  115. Joana Georgi, Regisseurin
  116. Julian Hölzl, Rechtsanwalt
  117. Nevin Duran, Rechtsanwältin
  118. Olivier David, Schriftsteller
  119. Mesut Bayraktar, Autor
  120. Simin Jawabreh, Aktivistin & Politikwissenschaftlerin
  121. Prof. Dr. Angela Harutyunyan, UdK Berlin
  122. Tomer Dotan-Dreyfus, Autor
  123. Prof. Dr. Angela Harutyunyan, UdK Berlin
  124. Anne Benza-Madingou, Autorin
  125. Ipek Ipekcioglu, Producer, DJ, Kulturarbeiterin*
  126. Carolin Kaufmann, Rechtsanwältin
  127. Mithu Sanyal, Schriftstellerin
  128. Dr. Henrike Kohpeiß, Philosophin, Leuphana Universität Lüneburg
  129. Dr Angela Last, Geograph*in, Freie Universität Berlin/University of Leicester
  130. Asha Hedayati, Anwältin und Autorin
  131. Fabian Goldmann, Journalist
  132. Daniel Loick, Philosoph
  133. Handan Ceylan, Rechtsanwältin
  134. Dr. Sué González Hauck, Rechtswissenschaftlerin
  135. Hannah Rainer, Rechtsanwältin
  136. Benjamin Düsberg Rechtsanwalt
  137. David Schlindwein, Rechtsanwalt
  138. Rina Ajeti, Abogada, Migrationsrecht

Starker Gewerkschaftsblock gegen Kriegskurs und sozialen Kahlschlag – 3.Oktober Berlin

Hunderte Gewerkschafter:innen demonstrierten am 3 Oktober auf der großen Friedensdemo in Berlin gegen Kriegskurs und sozialen Kahlschlag.

Ein unübersehbarer starker Gewerkschaftsblock. Einige meinten schon: „Der Jugendblock der ganzen Demo“. Wer genauer hinschaut erkennt aber die „richtige Mischung“. Gewerkschafter:innen aus allen DGB Gewerkschaften waren da zusammen auf der Straße. Jung und Alt gemeinsam, entschlossen, laut und in jedem Fall kämpferisch.

Wir wollen Ausbildungsplätze statt Kriegseinsätze.

Hoch mit den Löhnen, runter mit der Rüstung.

Ohne Streik wird sich nichts verändern!

Der Ruf „Hoch die internationale Solidarität!“ bekam vor Ort seine besondere praktische Bedeutung.

Als zionistische Befürworter:innen von Rassismus, von Massenmord und Kriegsverbrechen in Gaza unter dem Schutz der deutschen Polizei palästinensische Mitdemonstrant:innen und Angehörige von Opfern zu provozieren und zu verhöhnen versuchten, stellten sich Gewerkschafter:innen von Verdi über GEW, IG Bau, EVG bis IG Metall schützend vor die Bedrohten und Betroffenen.

Ein Videomitschnitt zeigt einen Gewerkschaftsblock voller Selbstbewusstsein und echter Kampflust.
Jetzt fehlt „nur“ noch eines: es müssen viel viel viel viel mehr werden. Das Wörtchen „viel“ lässt sich nicht oft genug wiederholen. Rein in die Betriebe. Rein in die sozialen Kämpfe. Rein in die offensive Diskussion mit den Kolleg:innen über die Zusammenhänge und Militarisierung. Nur wer die Zusammenhänge sieht – nicht im Nebel rumstochert und den Abgrund erkennt – und sich zusammenschließt, kann seine Interessen wirkungsvoll durchsetzen.

Bildmaterial: Claudius Naumann (Verdi), Konstantin Kieser (GEW), Lukas Schmolzi (Verdi), Peter Vlatten (IG Metall)

Kommt zur Veranstaltung „Arbeit und Gewerkschaften in Zeiten der Aufrüstung.“ Berliner Gewerkschafter:innen diskutieren miteinander und dem Publikum.

Mach mit als Gewerkschafter(in) beim „gewerkschaftlichen Ratschlag Berlin-Brandenburg„

Fregatten und U-Boote füllen die Auftragsbücher

Die deutsche Schiffbaubranche ist dabei, viele lukrative Kampfschiffgeschäfte abzuarbeiten. Rheinmetall macht nun auch die Weltmeere unsicher.

Von Hermannus Pfeiffer

Titelbild: Mit KI erzeugt.

FORUM-Red.: Vorbemerkung: Anfang 2024 überraschte der IG Metall-Vorstand die Öffentlichkeit damit, dass er gemeinsam mit der Lobbyorganisation der wehrtechnischen Industrie und dem Wirtschaftsverband der SPD ein Positionspapier ,,Souveränität und Resilienz sichern“ unterschrieb. Zentraler Inhalt des Papiers war es, die Bundesregierung in die Pflicht zu nehmen, die unstetige und unvollständige Auslastung der Betriebe in der Wehrindustrie durch Rüstungsgüter zu beenden. Diese Positionierung wurde in der IG Metall nicht widerspruchslos aufgenommen. So verfasste der Arbeitskreis Internationalismus der Berliner IG Metall einen Offenen Brief an den Vorstand, in dem er seine Bedenken vortrug. Auf diesen Brief gab es auch eine Antwort von Jürgen Kerner. Beides haben wir hier im Forum dokumentiert. Jürgen Kerner argumentierte, der Vorstand bleibe weiter der auch in der Satzung festgelegten Friedenspolitik verpflichtet. Ihm ginge es bei dieser Initiative auch nicht darum, Aufrüstung zu unterstützen, sondern es handele sich nur darum, dass „ausgerüstet“ werde. Das sei aus Arbeitsplatzgründen legitim und die IG Metall sei quasi dazu verpflichtet, mit dieser Politik die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ zu schützen. Und die „angemesse Auslastung“ müsse eben vor dem Hintergrund einer massiv veränderten geopolitischen Lage“ neu definiert werden. Nicht erklärt wird hier, wie diese Lage entstanden ist, auch nicht, warum sie nur durch massive Aufrüstung beantwortet werden kann. Und keinesfalls ergibt sich diese als Verfassungsaufgabe, weil es schlicht bei der Verabschiedung des Grundgesetzes noch keine Armee gab. Die IG Metall selbst war Teil der „Ohne mich“-Bewegung gegen deren Aufstellung. In der Satzung steht zweifelsfrei, dass wir uns für „Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung“ einsetzen, nicht für „angemessene Aufrüstung“ je nach Zeitenwenden. So konstatiert Hermannus Pfeiffer im folgenden Artikel: „Im Juli ging zudem der größte U-Boot-Auftrag der Nato-Geschichte nach Kiel.“ U-Boote sind dabei alles andere als reine Verteidigungswaffen. Wir fragen Jürgen Kerner: Wenn das keine Aufrüstung ist, was ist dann Aufrüstung? Wahrscheinlich darf die größte Aufrüstungswelle in Deutschland seit 1945 nach der Logik des Vorstands auch nur „Ausrüstung“ heißen, da sonst der offene Widerspruch der unterstützen Politik zu den Verpflichtungen der Satzung offensichtlich werden müsste. Die Festlegungen der Satzung sind vor allem ein Ergebnis des von den Nazis entfesselten Weltkrieges Reichsdeutschlands. Das heutige Deutschland betritt mit seinem Kurs der „Kriegsertüchtigung“ erneut militärisch die Weltbühne und ignoriert gegebene Friedensversprechen. Das erfordert einen eindeutigen gewerkschaftlichen Widerspruch. Mit seiner Positierung leistet der Vorstand jedoch dafür zumindest objektiv Schützenhilfe. (JG)

Der deutsche Schiffbau ist in Fahrt gekommen. Es gehe nun darum, die Kapazitäten auszubauen, um die gestiegene Nachfrage in den nächsten Jahren auch bedienen zu können, sagte Hauptgeschäftsführer Reinhard Lüken während der Jahrespressekonferenz des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), die am Donnerstag in Hamburg stattfand. Kreuzfahrtschiffe für den US-amerikanischen Markt, Megayachten ab 80 Meter Länge für die weltweit wachsende Zahl von Milliardären und Marineschiffe seien die Wachstumstreiber.

Es sei allerdings falsch, die Wachstumsstory, die die deutschen Werften schreiben, mit der Rüstungsstory gleichzusetzen, beteuerte Lüken. Der Bau von Kriegsschiffen sei zwar »ein wichtiger Wachstumsfaktor, aber nicht der einzige«.

Offenbar ist der Branche das Image nicht recht, allein von der Militarisierung zu profitieren. Dieser Eindruck stellt sich aber gerade mit dem Einstieg des führenden Rüstungskonzerns Rheinmetall ein – der Panzer-Bauer aus Düsseldorf produzierte bisher keine Marineschiffe. Das änderte sich Ende 2025 mit der Übernahme der Militärsparte der Bremer Lürssen-Gruppe mit den vier Werften an den Standorten Wolgast, Hamburg und Wilhelmshaven.

Die Abhängigkeit von der Aufrüstung zeigt sich auch an anderer Stelle: beim Aus für den neuartigen Schiffstyp F126. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) stoppte im Juni den Auftrag für den Bau von insgesamt sechs dieser Fregatten. Der Schiffbauverband zeigte sich verärgert: »Die Nachricht kam für viele der beteiligten Unternehmen überraschend und stellt sie vor erhebliche Herausforderungen.« Betroffen sind laut Lüken neben den Rheinmetall-Werften mehr als 100 Zulieferunternehmen. Von den Werften trifft es wohl besonders Warnow. Dem Vernehmen nach ist die auf »graue« Schiffe spezialisierte Werft in Vorpommern aber auf lange Sicht mit Aufträgen ausgelastet.  

Offenbar ist der Branche das Image nicht recht, allein von der Militarisierung zu profitieren.

Stattdessen orderte Pistorius acht kleinere Kampfschiffe Meko A-200 vom Thyssen-Krupp-Ableger TKMS in Kiel. Der Stückpreis soll bei 1,5 Milliarden Euro liegen. Die Meko, die in vielen Marinen bereits im Einsatz ist, wäre damit etwas günstiger als die Rheinmetall-Konkurrenz. Zur Beruhigung der Branche trug allerdings bei, dass TKMS postwendend ankündigte, die vom Abbruch des F126-Projekts betroffenen Unternehmen im Rahmen des neuen Programms nach Möglichkeit einzubinden.

Der Schiffbauverband hätte gerne beide Projekte verwirklicht. Bereits vor einem Jahr betonte der VSM, mit einer schnellen Meko-Beschaffung seien große Chancen verbunden – vorausgesetzt sei eine pragmatische Herangehensweise bei den bisher üblichen Bauvorschriften. Über eine solche ist Lüken nun hocherfreut. 

Im Juli ging zudem der größte U-Boot-Auftrag der Nato-Geschichte nach Kiel. In einer sonst ungewöhnlichen gemeinsamen Anstrengung von Unternehmen und Regierung konnte man einen Verbündeten, nämlich Kanada, von den Vorzügen des Angebots aus Deutschland überzeugen. Mit Unterstützung aus Norwegen entsteht nun ein Netzwerk aus baugleichen U-Booten für den Nato-Raum.

»Die riesigen Meeresgebiete Kanadas werden künftig mit Hilfe von zwölf hochmodernen und besonders leistungsfähigen U-Booten aus Deutschland geschützt«, heißt es vollmundig in einer Mitteilung des VSM. Das Auftragsvolumen taxiert der Verband auf umgerechnet etwa 37 Milliarden Euro. Für den Kieler Marineschiffbauer ist das der bislang größte Einzelauftrag in der Unternehmensgeschichte – so viel dazu, dass die Branche nicht allein von der Militarisierung profitiert.

Erstveröffentlicht im nd v. 20.8. 2026
Maritime Industrie …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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