Berlin, die vermessene Stadt: Von Glücksrankings, Hashtag-Tourismus und stiller Vertreibung

Für wen ist diese Stadt? Der dramatische Schluss dieser Analyse lautet: Immer weniger für diejenigen, die das gemacht haben, wofür Berlin geliebt wird.

Von Martyra Peng für die Berliner Zeitung

Es gibt einen Moment, der sich in Berlin täglich wiederholt – in Kreuzberg, in Neukölln, in Friedrichshain und in jedem Bezirk, den irgendjemand irgendwann „Szene“ genannt hat: Ein Mensch, der seit 30 Jahren in seiner Wohnung lebt, öffnet morgens die Haustür und tritt in etwas, was dort nicht hingehört. Manchmal ist es Urin. Manchmal Erbrochenes. Manchmal der Müll einer Party, die in der Nacht vor seinem Hauseingang stattgefunden hat, ohne dass er eingeladen war – und die ihn auf eine Art betrifft, die kein Ranking der Welt erfasst.

Draußen zieht eine Gruppe Touristen vorbei, Handys gezückt. Sie hashtaggen. Platz sechs der am häufigsten gehashtaggten Städte auf TikTok, notiert der Algorithmus brav. Das ist nicht der Anfang der Geschichte. Es ist nur ihr sichtbarster Teil.

Die Industrie des Glücks

Städte und Länder werden seit den Achtzigerjahren systematisch in Produkte verwandelt – durch Standortmarketing, Tourismusstrategien, Investorenprospekte, Rankings. Der Begriff ist Kommodifizierung: die Verwandlung von etwas, das keinen Marktpreis hatte, in etwas, das einen hat.

Die einflussreichsten Städterankings der Welt dokumentieren diesen Prozess in seiner reinsten Form. Das EIU entwickelte seinen „Global Liveability Index“ ursprünglich als Schwestererhebung zum „Cost of Living Report“ – entworfen, um Hardship-Bonuszahlungen für entsandte Unternehmensangestellte zu berechnen. Mercer bewertet Schulen und Bildung nach der Vielfalt internationaler Privatschulen, nicht nach Abbrecherquoten oder Lehrer-Schüler-Verhältnissen. Was für die ansässige Bevölkerung zählt, kommt in dieser Metrik nicht vor. Das Ranking misst die Stadt durch die Augen des Expatriates im Firmenapartment. Nicht durch die Augen des Busfahrers, der ihn dorthin bringt.

Noch fundamentaler ist das Messproblem beim „World Happiness Report“, der für Finnlands jährliche Siegesparade verantwortlich zeichnet. Der Gallup World Poll befragt rund 1000 Personen pro Land pro Jahr. Der Stichprobenrahmen ist ausdrücklich nur die „nichtinstitutionalisierte“ Bevölkerung. Menschen in Haftanstalten, psychiatrischen Einrichtungen oder dauerhafter Obdachlosigkeit werden systematisch nicht befragt – all jene, deren Lebensrealitäten am weitesten vom Ranglistenplatz entfernt sind. Das Ergebnis ist, was die Surveyforschung einen Total Survey Error nennt: nicht Messfehler, sondern strukturelle Verzerrung durch selektive Erreichbarkeit.

Finnland: Das Glück der Unsichtbaren

Finnland gewinnt das Ranking, weil Finnland gut darin ist, gewinnbare Rankings zu gewinnen. Was der „World Happiness Report“ erzählt, ist real: hohe institutionelle Vertrauenswerte, funktionierender Sozialstaat, niedrige Korruption. Aber er erzählt es über eine Teilpopulation – und nennt das Ergebnis „die Finnen“.

Die andere Seite ist ebenfalls real. 2023 starben 310 Menschen an drogenbedingten Ursachen, davon 91 unter 25 Jahren – der höchste je gemessene Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2006. Mit 79 Drogentoten pro Million Einwohner liegt Finnland weit über dem EU-Durchschnitt von 18 pro Million. Die Armutsgefährdungsquote lag 2024 bei 12,6 Prozent – bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren bei über 30 Prozent.

Diese beiden Realitäten Finnlands existieren gleichzeitig. Das eine Finnland gewinnt jedes Jahr das Ranking, das andere taucht in Statistiken auf, die niemand auf die Tourismus-Website stellt.

Das strukturelle Problem ist präzise benennbar: Das Ranking misst nicht Gesellschaft, es misst Erreichbarkeit. Und Erreichbarkeit ist selbst ein Privileg. Wer institutionalisiert ist, obdachlos, suchtkrank, wer nicht Finnisch spricht oder gelernt hat, gegenüber Behörden und Umfragen nach oben zu antworten – der landet nicht in der Stichprobe. Oder er landet darin und nennt die Zahl, die von ihm erwartet wird. Weighting-Verfahren gleichen demografische Verteilungen aus, aber nicht die fehlende Erreichbarkeit ganzer Lebenswelten.

Bhutan: Glück als Staatsräson

Bhutan hat das Kunststück vollbracht, ein philosophisches Konzept – Nichtanhaftung, Mitgefühl, Harmonie mit der Natur – in ein Regierungsinstrument zu verwandeln. Der „Gross National Happiness Index“ ist buddhistische Staatsphilosophie und effektive PR-Strategie zugleich.

Laut Human Rights Watch wurden mehr als 100.000 Menschen nepalesischer Herkunft – rund ein Sechstel der Bevölkerung – aus dem Land vertrieben, weil sie sich nicht in Bhutans buddhistische Staatskultur integrierten. Dann kam der GNH-Index. Und die westliche Presse schrieb von dem kleinen Königreich, das Glück wichtiger nimmt als Wachstum.

Das ist keine Böswilligkeit. Es ist etwas Schlimmeres: eine Naivität, die sich als Tiefgang verkleidet. Die westliche Sinnsuche – enttäuscht vom Materialismus, fasziniert vom Buddhismus, auf der Suche nach Alternativen zum BIP-Fetisch – projizierte auf Bhutan ein Gegenbild, das sie brauchte. Bhutan lieferte die Kulisse. Den Rest erledigte das Storytelling.

Der GNH mischt Selbstevaluationsfragen mit objektiven Messungen so, dass das Ergebnis systematisch zugunsten staatlicher Politiken verzerrt wird. Er misst nicht Glück. Er misst Compliance mit dem staatlich definierten Bild eines guten Lebens. Im unabhängig erhobenen „Gallup World Happiness Report“ 2019 rangierte Bhutan auf Platz 95. Die Differenz zwischen Platz 1 in der eigenen Erzählung und Platz 95 in der externen Messung ist der Raum, in dem Staatsmarketing arbeitet.

Berlin: Die Ware namens Stadtkultur

Berlin hatte nach der Wende etwas, das man nicht kaufen kann – und das man deshalb sofort zu kaufen versuchte: eine genuine Nachwendekultur aus Leere, Armut, besetzten Häusern und Fabrikhallen ohne Heizung. Techno als Klang des Mauerlochs. Kreuzberg als Ort, wo das Scheitern keine Schande war.

Diese Kultur war nicht für den Export gedacht. Ihr Image aber exportiert sich bis heute – und dieser Export hat Konsequenzen, die von den Exporteuren nicht getragen werden. Je mehr Menschen kommen, um das authentische, unkommerzialisierte Berlin zu erleben, desto schneller wird es kommerzialisiert. Die Suche nach dem Ort, der noch nicht touristisch ist, macht diesen touristisch. Das ist keine Paradoxie, die sich auflösen lässt. Es ist die Grundstruktur des modernen Kulturtourismus.

Was der Tourismus strukturell hinterlässt, ist messbar. Das DIW Berlin hat nachgewiesen: Jede zusätzliche Airbnb-Unterkunft lässt die Angebotsmieten im direkten Umfeld um durchschnittlich 13 Cent pro Quadratmeter steigen.

Nach dem Berliner Zweckentfremdungsverbot sank die Zahl der Airbnb-Angebote von 190.473 im Jahr 2018 auf 89.301 im Jahr 2023 – fast eine Halbierung. Dennoch wächst ein Graumarkt möblierter Kurzzeitvermietungen, der regulatorisch kaum greifbar ist: Der Durchschnittspreis für möblierte Wohnungen mit dreimonatiger Mindestmietdauer lag im September 2023 bei 2371 Euro pro Monat – eine regulär vermietete Wohnung ähnlicher Größe würde laut Mietspiegel zwischen 336 und 635 Euro kosten.

In Friedrichshain-Kreuzberg liegen die jährlichen Verdrängungsraten bei über acht Prozent, in den Kernbereichen bei über zehn Prozent. Im Reuterkiez überschreiten Angebotsmieten 2025 regelmäßig 20 Euro pro Quadratmeter – eine Steigerung von mehr als  80 Prozent seit 2018. In einem Haus in der Buchholzer Straße gibt es bei 36 Wohneinheiten noch sechs normale Bestandsmieter. Die anderen 30 sind Touristen und Kurzzeitmieter.

Das Gefühl von Nachbarschaft – nicht messbar, nicht hashtagfähig, nicht rankingkompatibel – ist verschwunden.

Neukölln wurde von Time Out auf Platz 22 der coolsten Stadtviertel der Welt gelistet, basierend auf Ratings von 12.000 Menschen weltweit. Das Ranking ist kein Dokument des Lebens in Neukölln. Es ist ein Dokument der Wahrnehmung durch Menschen, die kurz zu Besuch waren und deren Urteil in den Algorithmus fließt, der Immobilien-Entscheidungen beeinflusst. Das Ranking ist nicht die Ursache der Gentrifizierung. Es ist ihr Beschleuniger und ihr Legitimationsmedium.

Dieselbe Struktur, drei Gesichter

Was Bhutan, Finnland und Berlin verbindet, ist nicht ihre Verschiedenheit. Es ist ihre gemeinsame Grundstruktur: Lebensqualität wird auf eine Weise gemessen und vermarktet, die bestimmte Menschen sichtbar macht und andere ausblendet. In Bhutan sind es die Vertriebenen, die im GNH-Index nicht mehr vorkommen, weil sie nicht mehr im Land sind. In Finnland sind es die Drogentoten, die Armen, die Institutionalisierten, die in der Gallup-Stichprobe nicht landen. In Berlin sind es die Verdrängten – die Menschen, die in den Vierteln lebten, bevor sie Szeneviertel wurden.

Das Muster ist identisch: Die Messung erfasst die Gewinner eines Prozesses und nennt das Ergebnis den Durchschnitt. Die Verlierer sind die unsichtbare Voraussetzung für den Wert, der gemessen wird. Ohne die ursprüngliche Armut kein Kreuzberg-Charme. Ohne den Charme kein Ranking. Ohne das Ranking keine Investoren. Ohne die Investoren keine Verdrängung.

Die Produzenten der Berliner Nachwendekultur – die Künstler, die Squatter, die Einwanderer, die Armen, die in kaputten Wohnungen blieben und dabei etwas erschufen, das die Welt fasziniert: Sie sind die ursprünglichen Urheber des Produkts Berlin. Sie haben daran nicht verdient. Meistens haben sie dafür bezahlt, indem sie verdrängt wurden.

Am Ende bleibt eine einfache Frage, die alle Rankings, alle Tourismusstrategien, alle Standortmarketingkampagnen sorgfältig vermeiden: Für wen ist diese Stadt? Nicht: Wer kommt hierher? Nicht: Welchen Hashtag-Wert hat dieser Bezirk? Sondern: Wer kann hier bleiben?

Berlin beantwortet diese Frage täglich, still und ohne Pressemitteilung. Die Antwort lautet: Immer weniger diejenigen, die das gemacht haben, wofür Berlin geliebt wird. Immer mehr diejenigen, die gekommen sind, um dieses Gemachte zu konsumieren.

Irgendwann ist das Gemachte aufgebraucht. Was dann bleibt, ist eine teure Stadt mit einem alten Image, dessen Ursprung niemand mehr kennt – und ein Hashtag, der noch eine Weile weiterläuft, weil Algorithmen kein Gedächtnis haben.

Platz sechs der Welt. Für wen, fragt niemand.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Martyra Peng, geboren 1968, lebt und schreibt in Berlin. Sie ist Autorin von „Kohle“, „I/O“, „Sexwork 3.0“, „Workuta“, „Simas Schweigen“ und „Die unsichtbare Frau“. „Der Magnolienbaum“ erscheint am 8. Mai. 

Link zum Original Berliner Zeitung b

Wir haben den Beitrag auf Anregung unserer Partnerseite Pressenza übernommen.

Titelbild: Peter Vlatten

KZ Buchenwald vor 85 Jahren: Solidarität unter Lebensgefahr

Wie Häftlinge im KZ Buchenwald 1941 sowjetischen Kriegsgefangenen halfen und was dies für den späteren Lagerwiderstand bedeutete

Von SABINE STEIN

Titelbild: Gedenkstätte Buchenwald

Mitte August 1992 fiel auf dem Appellplatz von Buchenwald ein Strauß roter Rosen vom Himmel – aus einem von 16 russischen Militärhubschraubern, die das Gelände der Gedenkstätte überflogen. Einer von ihnen stand für einen Moment in der Luft, bevor er die Blumen abwarf; fast genau auf den Gedenkstein, der seit 1954 an das Kriegsgefangenenlager für die sowjetischen Soldaten erinnert. An den Blumen war ein handgeschriebener Zettel befestigt. Seine Übersetzung: »Ewiges Gedenken den Häftlingen von Buchenwald. Heute, am 12. August 1992, schicken wir Euch – nach Russland fliegend – einen letzten Gruß und verneigen uns ein letztes Mal vor Euch. Die Piloten des selbständigen Hubschrauberregiments ›Nohra‹. Der Regimentskommandant Oberst Nikolaj Safronov«.

Der Rosenstrauß steht für die lebendige Erinnerung in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion an den Widerstand, den Häftlinge aus ganz Europa in Buchenwald leisteten. Boris Filatov, ein ehemaliger Häftling, drückte es im April 1967 in einem Radiobeitrag so aus: »Buchenwald, das ist der Ort faschistischer Grausamkeiten, aber Buchenwald ist auch das Symbol des Mutes (…).«

Eine gemeinsame Widerstandserfahrung war eine spontane Solidaritätsaktion für die ersten Rotarmisten in Buchenwald am 18. Oktober 1941. Hierzu sei daran erinnert, dass Hitler seinen Generälen bereits über zwei Monate vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion klargemacht hatte, dass der kommende Krieg gegen die Sowjets nur als Weltanschauungskrieg zu führen sei, in dessen Verlauf »die jüdisch-bolschewistische Intelligenz« vernichtet werden müsse. Dieser Anordnung, als »Kommissarbefehl« bekannt geworden, leisteten Wehrmachtseinheiten tausendfach Folge und gingen weit darüber hinaus. In Gefangenenlagern nahe der Front wurde nach Staats- und Parteifunktionären, nach führenden Personen der Wirtschaft, Angehörigen der Intelligenz und Juden gefahndet.

Tausende wurden erschossen, Zehntausende verhungerten. Erste Kontingente sowjetischer Kriegsgefangener erhielt die SS bereits im Oktober 1941 zum sogenannten Arbeitseinsatz. Sie sollten auf verschiedene Konzentrationslager verteilt werden – ein klarer Bruch des Völkerrechts erreichte damit eine neue Stufe. Die Einweisung in die KZ erfolgte zunächst geheim. Eine erste kleine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener erreichte Buchenwald am 16. September 1941. Sie wurde unmittelbar nach Ankunft ermordet.

Geheime Mordaktionen

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Im Oktober 1941 wurde in Buchenwald die sogenannte Genickschussanlage eingerichtet. Sie befand sich außerhalb des Lagers im ehemaligen Pferdestall der Kommandantur. Die Gefangenen wurden dort nach einer fingierten ärztlichen Begutachtung an eine Messlatte gedrückt. Durch einen Schlitz in der Wand erhielten sie einen Pistolenschuss in den Hinterkopf. Die Toten wurden umgehend eingeäschert. Ihre Asche wie auch die Erkennungsmarken schüttete man in die Kanalisation. Die Marken blieben als Ganzes erhalten. Bei Grabungen auf dem Gelände der Gedenkstätte kommen solche Marken immer wieder zutage. Sie sind Belege für den Massenmord und bergen wenigstens eine geringe Chance, die Identität der Erschossenen zu ermitteln.

Am 18. Oktober 1941 wurden die Blockältesten ans Tor gerufen. Sie erfuhren, dass ein Transport sowjetischer Kriegsgefangener erwartet wird und sie verantwortlich seien, die Lagerstraße abzuriegeln, damit die Gefangenen keine Verbindung mit Häftlingen aufnehmen können. Es wurde mehrfach betont, dass bei Zuwiderhandlung schwere Strafen drohen. Zur Durchsetzung des Befehls bestimmte die SS die kommunistischen Blockältesten Kurt Leonhardt, Kurt Wabbel und den Österreicher Sepp Schuhbauer.

Erinnerungspolitik

Angesichts einer neuerlichen Welle der Diffamierung des von Kommunisten geführten Häftlingswiderstands setzen die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald und Nachfahren auf die Vermittlung von Fakten. Diese widersprechen den Darstellungen unter anderem von Ines Geipel in ihrem als »Roman-Essay« deklarierten Buch »Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung« (S. Fischer Verlag, 2026) über »rote Kapos«, die angeblich Opfer und Täter zugleich gewesen sein sollen. Im LAG-Mitteilungsblatt »Die Glocke vom Ettersberg« widerlegt der Historiker Ulrich Schneider Geipels Darstellungen über konkrete politische Gefangene und konstatiert, die Autorin reproduziere »faktisch die Erzählungen des Kalten Kriegs und der Abwicklungszeit der DDR«.

Auf dem Güterbahnhof in Weimar trafen an diesem Tag 2000 sowjetische Kriegsgefangene ein. Die SS nahm sie mit Schlägen in Empfang und trieb sie auf die Straße zum Ettersberg. Alexej Jewgenewitsch Lysenko erinnerte sich 1974: »Uns quälte furchtbarer Hunger, kalter Herbstregen, das Leben unter freiem Himmel, Schmutz, tausende von Läusen, brachten uns in den ersten Monaten unserer Gefangenschaft zur völligen Erschöpfung. (…). Langsam bewegen wir uns durch die Straße aufwärts unter dem Gebrüll der Begleitsoldaten, unter Schüssen, Kolbenschlägen und dem Bellen der Hunde.« 1991 Rotarmisten trafen lebend ein – neun von ihnen lagen, unterwegs erschossen, am Straßenrand.

Alexej Lysenko: »Es war schon fast dunkel, da erschienen bei uns an der Abgrenzung Leute in seltsam gestreifter Kleidung. Sie trugen Schüsseln und Thermobehälter mit Suppe. Und was für Suppe! Richtig heiß, gesalzen (…) Hundert Tage hatte ich so etwas nicht gesehen. Wer seine Suppe aufgegessen hatte – wir aßen sie nicht, wir schlürften sie gierig hinunter – bekam einen Nachschlag«.

»Die deutschen Politischen riskierten viel, verloren fast alles – aber gewannen an Glaubwürdigkeit.« Richard Kucharczyk Überlebender des KZ Buchenwald

Am Morgen führten die beauftragten Blockältesten Wabbel, Leonhardt und Schuhbauer die Soldaten truppweise in das Häftlingsbad beim Kammergebäude zur Desinfektion. Im Anschluß an das Duschen, nach langem Warten im Freien, liefen die Kriegsgefangenen zwischen den Holz- und Steinbaracken hindurch zum separierten Sonderlager. Dann geschah etwas, was mit Worten schwer zu beschreiben ist, erzählte der ehemalige Häftling Richard Kucharczyk 30 Jahre später einem Journalisten. »Als uns bekannt wurde, dass die Gefangenen durch unsere Barackenstraße mußten, da sammelten wir in aller Eile alles, was aufzutreiben war: Brot, den letzten Zigarettenstummel, der für den Sonntag bestimmt war, Lappen, die karge Marmeladenration, eine Scheibe Wurst. (…) Ungeachtet des SS-Verbotes strömten die Häftlinge aus ihren Blocks. (…) Jeder versuchte irgend etwas zu geben.«

Brutale Bestrafung

Zum ersten Mal kam es zu einer offenen Massenaktion gegen einen SS-Befehl. Am nächsten Tag erhielt das gesamte Lager als Strafe einen Tag Essenentzug. Angeordnet vom Schutzhaftlagerführer Florstedt. »Am Ende sagte er: Zur Abschreckung für die anderen, die es noch wagen sollten, sich solidarisch mit den Feinden der Welt zu erklären, erhält jeder 25 Stockschläge und kommt in die Strafkompanie, in den Steinbruch. Sollte es nochmal einer wagen, sich den eingezäunten Blöcken zu nähern, dann blüht ihnen dasselbe wie den drei roten Schweinehunden!«, gab Kurt Leonhardt 1957 zu Protokoll. Er, Wabbel und Schuhbauer mussten mit zerschlagenem Gesäß und heruntergezogenen Hosen auch noch Kniebeugen machen. Das Sonderlager für die Rotarmisten wurde in der Folge hermetisch abgeriegelt, es wurden Bewachungsmannschaften aus den Reihen der »Kriminellen und Asozialen« geschaffen.

»Dennoch setzten die politischen Häftlinge in den folgenden Tagen ihre Hilfe fort«, berichtet Otto Sepke. »Die Häftlingsbekleidungskammer gab heimlich zusätzliche Kleidungsstücke aus, die Küche fand Wege, Brot und zusätzliche Lebensmittel in das Kriegsgefangenenlager zu schmuggeln.«

Gleichwohl folgten monatelange Repressionen der SS gegen die politischen Häftlinge. Die Lagerführung tauschte Lagerälteste, Vorarbeiter, Blockälteste und Stubendienste gegen »Grüne« aus, so genannt wegen des grünen Winkels für die Gruppe der Kriminellen.

Walter Krämer und seinen Stellvertreter Karl Peix aus dem Häftlingskrankenbau ließ Florstedt in den Bunker werfen. Nach einigen Tagen wurden beide im Außenlager Goslar »auf der Flucht erschossen« (November 1941). Über 50 politische Häftlingsfunktionäre wurden im März 1942 in einem Sonderkommando, als Teil der Strafkompanie, zusammengefasst. Zu diesem gehörten auch die Kommunisten Wabbel, Leonhardt und Schuhbauer. Durch geschicktes Agieren der Politischen gelang im Juli 1942 die Auflösung des Sonderkommandos.

Nach der Solidaritätsaktion vom Oktober 1941 geriet das über Jahre mühsam aufgebaute illegale Netzwerk des kommunistischen Lagerwiderstandes in eine tiefe Krise. Die deutschen Politischen riskierten viel, verloren fast alles – aber gewannen an Glaubwürdigkeit. Diese bildete das Fundament, auf dem sich der militärische Widerstand gründete. Mit dem Eintreffen der sowjetischen Kriegsgefangenen, die nur kämpfend das Lager verlassen wollten, reifte auch bei den deutschen Politischen der Gedanke, sich mit Waffen zur Wehr zu setzen.

Aufstandsplanung

Mitte 1942 entstand der Plan, sich auf das mögliche Lagerende vorzubereiten. Bereits Anfang des Jahres existierte ein internationales Netzwerk. Die sowjetischen Kriegsgefangenen hatten bereits ein eigenes militärisch-politisches Zentrum gebildet, das sich 1943 mit dem der zivilen sowjetischen Häftlinge zusammenschloss.

Strenge Regeln der Konspiration wurden festgelegt und auf deren Einhaltung geachtet. Die Führung des internationalen militärischen Netzwerks lag ausschließlich und allgemein anerkannt bei den deutschen Kommunisten. Die ausschließlich illegal beschafften Waffen kamen auf unterschiedlichsten Wegen in das Lager: aus den Rüstungswerken am Lager, nach dem Bombenangriff am 24. August 1944 oder aus den Beständen der SS. Ende März 1945 verfügte der militärische Untergrund über 188 Gruppen mit Kämpfern aus elf Nationen.

Am 6. April kam der offizielle Befehl zur Räumung des Lagers. Die Funktionshäftlinge spielten auf Zeit, um die Evakuierung zu verzögern. Am 7. April begannen die Todesmärsche von Buchenwald. Am 8. April setzten die Häftlinge des militärischen Untergrunds mit einem illegalen Sender einen Hilferuf an die US-Truppen ab. Die sowjetischen Kriegsgefangenen drängten darauf, einen Aufstand zu beginnen, erreichten aber keine Mehrheit. Am 10. April verließen sie in geschlossener Formation von mindestens 600 Mann und mit Hieb- und Stichwaffen in den Taschen das Lager. Mit ihnen auch Polen und Tschechen – im Ganzen mehr als die Hälfte des militärischen Netzwerks.

Am Vormittag des 11. April befahl SS-Lagerkommandant Pister den Lagerältesten Hans Eiden zu sich und teilte mit, die SS würde sich mittags zurückziehen, Eiden solle das Lager mit den verbliebenen 21 000 Häftlingen später an die US-Armee übergeben. Die Untergrundorganisation der Häftlinge war aufs Höchste alarmiert: Sollte es ein Massaker geben? Sie mobilisierte ihre militärischen Widerstandsgruppen.

Gegen 13 Uhr kamen die ersten amerikanischen Panzer, 90 Minuten später hatte das 37. Bataillon der 4. US-Panzerdivision die SS besiegt und war nach Osten weitergefahren. In der folgenden Stunde übernahmen die Widerstandsgruppen das Lager und hissten die weiße Fahne. Buchenwald war befreit. Im Bericht an den Nachrichtendienst der Abteilung für psychologische Kriegsführung der US-Armee, verfasst von einer Gruppe ehemaliger Häftlinge unter Leitung von Eugen Kogon von Anfang Mai 1945 heißt es: »Niemals hätte das KL Buchenwald soviel Positives in dieser Hölle der SS erlebt, niemals wäre es am Ende zu einem beachtlichen Teil noch gerettet worden, wenn es der zähen, todesverachtenden Arbeit politisch führender Menschen unter den Lagerinsassen nicht gelungen wäre, sich im Laufe der Jahre doch durchzusetzen.«

Sabine Steinwar bis 2022 Archivarin der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages, den sie auf dem 15. Treffen der Nachkommen von Buchenwald-Häftlingen am 12. April hielt. Der vollständige Text ist auf der Webseite der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (lag-buchenwald-dora.de) abrufbar. Zitate ohne Quellenangabe stammen aus dem Buchenwald-Archiv.

Erstveröffentlicht im nd v. 6.5. 2026
KZ Buchenwald vo 85 Jahren …

Wir danken für das Publikationsrecht.

8. Mai – Politik der Schlussstriche

NS-Erinnerungspolitik und Nationalgeschichte wandeln sich mit den Erfordernissen von Ökonomie und Weltlage

Von Tanja Röckemann

Titelbild: Die aktuelle „DIE ZEIT“ bringt unter dieser Frage ein Streitgespräch zwischen Jörg Baberowski (HUB) und der ukrainischen Kunsthistorikerin Yevhenia Moliar. Für Moliar sind die sowjetischen Ehrenmale zu russisch und laden zu Instrumentalisierung für Propagandazwecke des Kreml ein. Sie möchte sie deshalb gerne so umgestalten, dass die ukrainische Sicht stärker präsent ist. Sie spricht von „vermeintlichen Nazis“ in der Ukraine. Doch so recht klar wird nicht, warum die Denkmale nicht sowjetisch sondern russisch sein sollen. Baberowski widerspricht, doch auch er würde den Vertrag über die Denkmale kündigen. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass dies nur der Auftakt in einer geschichtsrevisionistischen Wende ist, die der schwarz-blau-braune Zeitgeist befördert. In der aktuellen Russsophobie sehen es auch viele Liberale nicht mehr so gern durch diese Ehrenmale ständig daran erinnert zu werden, dass es die Rote Armee war, die Deutschland vom Faschismus befreit hat. Es hätte ja auch in diesem Streitgespräch nur ein wenig Courage bedeutet, die Ukrainerin einmal daraufhin anzusprechen, dass die mittlerweile im Land aufgestellten Denkmale für bekennende Antisemiten und Nazifreunde zur neuen nationalen Identität gehören. Ist dies die fehlende ukrainische Sichtweise? (JG)

»Tag der Befreiung« erschien mir zur allgemeinen Beschreibung dessen, was am 8. Mai 1945 in Deutschland stattfand, schon immer irreführend. Der faschistische deutsche Staat und seine Mitläufermehrheitsbevölkerung wurden nicht befreit, sondern sie wurden besiegt. Nazi-Deutschland kapitulierte, musste nach erbittertem Kampf zur Kapitulation gezwungen werden. Das alles ist bekannt und ein Grund zum Feiern – gerade auch in dieser Dimension einer Feier nicht der Befreiung, sondern der Bezwingung, der Niederringung, des Siegs über den Faschismus. Worum es uns als Linken aber auch immer ging und bis heute geht: die Perspektive der zahllosen Opfer des Nationalsozialismus, die den 8. Mai naturgemäß nicht als Niederlage, sondern tatsächlich als Befreiung erlebten.

Gesellschaftlich macht sich in Zeiten beispielloser Militarisierung eher der Wille zum Vergessen breit: 38 Prozent der deutschen Bevölkerung stimmen der Aussage zu, es sei »Zeit für einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus«. Dies ergab vor ziemlich genau einem Jahr die Studie »Multidimensionaler Erinnerungsmonitor« (MEMO), durchgeführt vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ). Wichtig auch zu erwähnen: Eine ähnlich große Gruppe lehnte einen Schlussstrich ab, war damit aber »zahlenmäßig zum ersten Mal seit Beginn der MEMO Studienreihe in der Minderheit«.

Die EVZ steht eigentlich keineswegs in Verdacht, sich »mit dem Stand kritischen Geschichtsbewusstseins in Deutschland« ernsthaft zu befassen, wie die Verfasser*innen der Studie ihr Anliegen beschreiben. Eher bestand die Mission der Vertriebenenlobby jahrzehntelang darin, die historischen Gründe für die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Tschechien und Polen nach 1945 in revanchistischer Täter-Opfer-Umkehr unkenntlich zu machen. Auf die aktuelle politische Ausrichtung der EVZ kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden; staatstragend ist sie sicher allemal, so wie letztlich die MEMO-Studie selbst. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass wir Zeug*innen geschichtspolitischer Veränderungen sind, die durchaus in Zusammenhang mit der globalen Rechtsentwicklung stehen.

Die interessierte Loslösung von historischen Fakten, die grundlegender Bestandteil dieser Entwicklung ist, bedeutet keinesfalls, dass Rechte der Geschichtspolitik keine Bedeutung beimessen würden. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Erstens legt die starke Ästhetisierung der Politik, auf die der Faschismus angewiesen ist, die affektive Aufladung der vermeintlich kollektiven Nationalgeschichte nahe. Und so eine widerspruchsfrei positive Nationalerzählung lässt sich wunderbar auf der Basis jenes Nationalismus errichten, den jede Bürger*in eines demokratischen Nationalstaats vermittelt bekommt. Zweitens müssen autoritäre Herrschende natürlich darauf achten, dass ihre ideologische Reinwaschung der Geschichte auch wirklich bei den Leuten ankommt. Möglichst keine staatliche Gewalttat, keine Armuts- oder Diskriminierungserfahrung soll sich in die historische Darstellung einschleichen. Die faschistische Geschichtserzählung tendiert zum Monolithischen.

In den USA erklärte Donald Trump den 8. Mai 1945 im vergangenen Jahr offiziell zum »Victory Day for World War II«. Bislang sei dieser Tag in den Vereinigten Staaten nicht ausreichend gefeiert worden und die Amerikaner*innen sollen von jetzt an gefälligst »vergangene Siege ehren«. Das Einschwören der Bevölkerung auf den Militarismus ist im Trumpismus explizit, und der Sieg über den Nationalsozialismus vor 80 Jahren eignet sich dafür ganz hervorragend: moralisch scheinbar einwandfrei, unbestreitbar gewonnen und mittlerweile sehr lange her. Aber stattdessen ist der US-Präsident derzeit mit der Tatsache konfrontiert, dass weite Teile seiner Bevölkerung bis hin zu den MAGA-Faschisten weit davon entfernt sind, nach 80 Jahren Weltmachtimperialismus auf das unablässige Kriegführen »ihrer« Regierung ein für allemal eingeschworen zu sein. Vielmehr zeigen sich deutliche Anzeichen von Kriegsmüdigkeit.

Das Problem, dass die Bevölkerung zu pazifistisch ist, hat auch die deutsche Regierung. Den rechten Pazifismus vertritt, solange sie noch nicht regiert, die AfD und positioniert sich damit günstig gegen die bürgerlichen Parteien, während sie auf erinnerungspolitischer Ebene bei den Leuten mit der Forderung punktet, die »Verengung« auf den Nationalsozialismus zugunsten identitätsstiftender Geschichtspolitik »aufzubrechen«. Die selbstkritische Erinnerungspolitik der liberalen Demokratie macht gemeinsam mit selbiger langsam den Abgang zugunsten der Schlussstrich-Denkweise als Pendant zum Faschismus. Vereinbar mit imperialistischer Kriegsführung ist die Rolle des Gedenkweltmeisters, die sich das vereinte Deutschland in den Jahrzehnten nach dem Sieg über den Sozialismus angeeignet hatte, spätestens seit 1999.

Apropos Sozialismus: Mit der Befreiung von ihm durch die sogenannte Wende und deren geschichtspolitische Implikationen rechnete die kommunistische Satirikerin Gisela Elsner schon am 6. April 1990 öffentlich ab, in einer Zeitung namens »Neues Deutschland«. Dort schrieb sie, und soll hier das letzte Wort haben: »Vor allen bundesdeutschen Inkarnationen der Menschheitsbeglückung, denen derzeit von seiten des DDR-Volks ein Beifall zuteil wird, der die demokratiegeprüfte BRD-Bevölkerung oftmals an dem Verstand des von einer blinden Demokratiewut gepackten DDR-Volks zweifeln läßt, ist schon insofern mit Nachdruck zu warnen, als diese Inkarnationen der Menschheitsbeglückung das Dritte Reich zu einem Fauxpas bagatellisieren, über den man in Gottes Namen bloß kein Aufhebens machen soll. (…) Im SPIEGEL, dessen Vorgehen hier nur als ein Beispiel für das Vorgehen aller bundesdeutschen Medien angeführt wird, bezeichnete man jene Neofaschisten, die unter anderem in der DDR das Ehrenmal zum Gedenken und die im Kampf gegen deutsche Faschisten gestorbenen Rotarmisten schändeten, nicht nur augenzwinkernd als STILLE FASCHOS. Vielmehr verstand man es, den Leser dieses Wochenmagazins obendrein zu suggerieren, daß die besagte Ehrenmalschändung eine durchsichtige, propagandistische Machenschaft der damaligen SED-PDS gewesen wäre, wodurch nicht allein die PDS, sondern alle deutschen Antifaschisten ganz nebenher mit einem Ruch behaftet worden sind, sie schmierten erst bei Nacht und Nebel überall Hakenkreuze und Judensterne hin, um dann am helllichten Tag einen Anlaß für ihre durchsichtigen, propagandistischen Zwecke dienenden Protestkundgebungen gegen den deutschen Neofaschismus zu haben, für dessen Gedeihen dies natürlich überaus förderlich sein muß.«

Erstveröffentlicht im nd v. 7.5. 2026
Politik der Schlussstriche

Wir danken für das Publikationsrecht.

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