Reichtumsförderung und der Aufstieg der Rechten

Von HANS-PETER WALDRICH

Titelbild: Spielvogel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Weshalb zum Teufel wird AfD gewählt? Sie ist doch „gesichert rechtsextrem“. Die Tagesschau bringt online eine ausführliche Analyse: Doch verfehlt diese den springenden Punkt vollkommen.

Ein Teil der Wähler sei in „Weltuntergangsstimmung“. Fälschlich stelle die AfD Deutschland als ein Land im Niedergang dar. Insgesamt sei es ein sehr breites Themenspektrum, das den Menschen Sorgen bereitet. Und dann wird eine Vielzahl von Beunruhigungen aufgezählt, die bei AfD-Wählern eine Rolle spielen. Nur der Kern der Wählerbeunruhigung, die den Rechtspopulismus auch in anderen Ländern hervorbringt, der fehlt: die Tatsache der sozialen Spaltung, die Folge einer rigorosen Umverteilung von unten nach oben ist. In Deutschland erleben wir gerade einen neuen Anlauf, diese Spaltung voranzutreiben.

Reichtumsförderung als Staatsziel

So trifft auch aktuell zu, was der Politologe und Experte für soziale Ungleichheit Christoph Butterwegge schreibt: „Obwohl die Armutsbekämpfung zu den zentralen Staatsaufgaben gehört, wenn man das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes ernst nimmt, haben sich alle bisherigen Bundesregierungen eher auf Reichtumsförderung konzentriert.“

Was also Wunder, wenn jene, die nicht gefördert werden, eine Alternative wollen? Niedrigentlohnte, befristet Beschäftigte, permanent Arbeitslose, arme Alleinerziehende, arme Rentner, die Eltern armer Kinder und die Heerschar derer, die – das Elend der anderen vor Augen – fürchten, sozial abzusteigen: Fast ein Drittel in „unserer Demokratie“ befindet sich in einer prekären Lage. Dass diese existiert und sich ausweitet, ist jenen Parteien zuzuschreiben, die bislang das Sagen hatten.

Ich selbst, der ich das schreibe, wähle natürlich keine AfD. Ich bin Beamter auf Lebenszeit. Ich bin kein Rentner, der sich nur mit zusätzlicher Arbeit oder mit Flaschensammeln über Wasser halten kann, sondern ein wohlbestallter Pensionär. Abstiegsängste sind mir fremd. So gesehen ist für mich die Welt in Ordnung. Ich könnte höchstens darauf schauen, wer das Beamtentum abschaffen möchte, aber auch das wird mich bis zu meinem Lebensende wohl nicht mehr tangieren.

Ausgegliedert und an den Rand gedrängt

Anders ist das bei Claudia, die ich kenne. Sie ist alleinerziehende Mutter, wird von vielen Krankheiten geplagt, an einem zunächst versteckten Krebs ist sie vor wenige Jahren fast gestorben. Dass sie sich ernähren kann, ist nicht so selbstverständlich. Sie bekommt Grundsicherung, die hinten und vorne nicht reicht. Während ich ausschließlich Biowaren kaufe, ist das für sie und ihre Tochter zu teuer. Ihre Hauptsorge zurzeit: das Wohngeld könnte gekürzt werden. Die 13jährige Tochter benötigt Nachhilfe, doch der dafür vorgesehene Satz aus öffentlichen Mitteln liegt unter dem, was Nachhilfelehrer fordern.

Kurz: Claudia lebt in permanenter Furcht, demnächst werde irgendeine Unterstützung eingestellt. Was für mich selbstverständlich ist: Restaurantbesuche mit Freunden, Theater oder Oper, oder gar eine Reise, das ist für Claudia unmöglich. Natürlich kann sie nicht wie ich einfach mal nach Berlin fahren, weil sie dort an einer Demonstration teilnehmen möchte. Die Möglichkeit der politischen Teilhabe ist für sie auf ein Minimum beschränkt. Sie führt ein durch und durch reduziertes Leben und das hat durchaus etwas mit der Verletzung ihrer Würde zu tun, die im Sinne des Deutschen Grundgesetzes ganz oben stehen sollte.

Weshalb ist in der Tagesschau-Analyse davon keine Rede? Wähleranalysen haben doch ganz klar ergeben, dass Prekarität – erlebt oder eher gefühlt – der zentrale Punkt ist. Es geht nicht um vage, letztlich unberechtigte Sorgen etwa um Deutschlands Zukunft, es geht auch nicht um „Weltuntergangsstimmung“. Was für ein Quatsch! Rechtspopulismus ist in allen Ländern die Konsequenz des Kapitalismus, auf dessen Profitinteressen spätestens seit der neoliberalen Wende um 1979/80 die politischen Grundentscheidungen ausgerichtet sind.

Gemeinwohl? – Längst vergessen

In einer Demokratie, die diesen Namen verdient, könnte es ganz anders sein. Diese könnte sich am Gemeinwohl orientieren, um diesen längst vergessenen Begriff aus der Schublade zu holen. Von einem alten englischen Denker, Jeremy Bentham, kein Sozialist, stammt jene Formulierung, die in Kürzestform definiert, was Gemeinwohl ist. Staaten, die sich am Gemeinwohl orientieren, fördern, „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“.

Man muss geradezu lachen, wird man gefragt, ob das hierzulande oder etwa in den USA der Fall ist. Fördern BlackRock-Merz oder Donald Trump unterschiedslos das Glück aller? Längst weiß jeder, der etwa die Oxfam-Reporte oder andere Armut-Reichtums-Berichte liest oder davon gehört hat, dass immer weniger Superreiche weltweit jenes Vermögen an sich reißen, das im Grunde durch alle erwirtschaftet wurde. Jemand hat mal ausgerechnet, wie hoch die Entlohnung von Elon Musk sein würde, wenn man sein Vermögen auf seinen Arbeitseinsatz als Stundenlohn umrechnet. Antwort: 1871794 US-Dollars, also annähernd zwei Millionen Dollar pro Stunde.

Schon möglich, dass das jemand ungerecht findet, wenn er selbst um das Wohngeld kämpft. Nun der springende Punkt: Die tägliche Erfahrung derartiger Ungerechtigkeiten verbindet sich mit dem Bewusstsein, dass das „Demokratie“ ist. Demokratie ist also eine Regierungsweise, die ganz wenige bevorzugt und die große Mehrheit, vor allem das untere Drittel im Regen stehen lässt. Nimmt es Wunder, dass man einer solchen Staatsform wenig abgewinnen kann?

Man muss schon sehr wohlig in seiner Beamtenblase schwimmen oder sich über seine Aktienpakete in der Rüstungsindustrie freuen, um den AfDlern vorzuwerfen, sie verstünden nicht den hohen Wert dessen, was etwa Beamte „unserer Demokratie“ nennen. Natürlich wäre Demokratie ein hoher Wert, aber man sollte davon auch etwas haben. Kommt „unsere Demokratie“ vorwiegend bei jenem einen Prozent an, gegen das einst die Occupy Wall Street-Bewegung protestierte, gibt es für die meisten weit weniger gute Gründe, sich für „Demokratie“ zu begeistern. Was auch ist so toll daran, wenn Demokratie eine Regierungsweise des „einen Prozents durch das eine Prozent für das eine Prozent“ ist, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz es formulierte.

Die AfD würde alles noch schlimmer machen

Freilich stellt sich die Frage, ob die AfD an solchen Zuständen etwas ändern würde. Für die USA darf gefragt werden, ob Donald Trump etwas ändert. Die Antwort liegt auf der Hand: Trump zieht die kleinen Leute über den Tisch. So gut wie alles wird für sie noch schlimmer werden. Und das wäre auch so, würde die AfD an die Macht kommen. Weidels großes Vorbild, so sagt sie, ist Margaret Thatcher. Diese britische Premierministerin war die geschworene Feindin der Arbeiterklasse (der „Prolls“) und der Gewerkschaften, sie hinterließ ein soziales Trümmerfeld. Elon Musk mag die AfD nicht deshalb, weil sie soziale Gerechtigkeit anstrebt, sondern weil er kapiert, dass sie den Milliardären zugetan ist. Analysiert man das Parteiprogramm der AfD, so wird klar, dass nur die FDP noch neoliberaler ausgerichtet ist. Im Kern ist Neoliberalismus genau jener Ansatz, der auf Reichtumsförderung setzt, weil das angeblich allen nützt.

Weshalb bleiben solche Hintergründe in der Tagesschau-Analyse ausgeblendet? Das Framing scheint es vorzuschreiben. Nicht Zensur, nicht das Verbot, etwas zu schreiben, gängelt die Redakteure. Unsichtbar gilt die redaktionelle Devise, nichts in die Öffentlichkeit zu bringen, was quer zu den regierungsamtlichen Auffassungen steht, jedenfalls nicht an prominenter Stelle. Da existiert dann kein großer Unterschied zwischen dem, was vorgegeben wird, und dem, was man selber glaubt.

Dabei wäre Folgendes eine wirksame Botschaft im Kampf gegen die AfD: Schaut her, die AfD ist überhaupt keine Partei, die eure Lage verbessern will. Im Gegenteil: Sie wird euch schaden! Doch diese Botschaft müsste sich auf den Grundmangel der gegenwärtigen Verhältnisse beziehen, nämlich auf deren asoziale Ausrichtung. Und genau das muss aus Sicht der Profiteure verborgen bleiben.

Quellen

Analyse: Warum schreckt „rechtsextremistisch“ nicht mehr ab? | tagesschau.de

Ingrid Robeyns: Limitarismus. Warum Reichtum begrenzt werden muss, Frankfurt/Main 2026.

Joseph Stiglitz: Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selbst retten, München 2020.

Christoph Butterwegge: Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, Weinheim, Basel 2020.

Hans-Peter Waldrich

Dr. Hans-Peter Waldrich ist Politikwissenschaftler (Dipl. sc. pol.). Sein Geld hat er vor allem im Bildungswesen und -unwesen verdient, an Schulen und Hochschulen und unter anderem beim Bundesamt für den Zivildienst. Während der 1980ger-Jahre engagierte er sich in der Friedensbewegung. Seit seiner Jugend schrieb er für eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Freitag oder die Blätter für Deutsche und internationale Politik, und veröffentlichte mehrere Bücher, vor allem zu politischen, pädagogischen und philosophischen Fragen. Er hält sich zugute, dass er sich niemals genötigt sah zu publizieren, um davon leben zu müssen und dass er stets nur auf eines Rücksicht zu nehmen hatte: seine eigenen Überzeugungen.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 23.9. 2026
Reichtumsproduktion und Aufstieg der Rechten

Wir danken für das Publikationsrecht.

»Wir wollen nicht kämpfen«

Der Schüler Golo Kirsch streikt. Denn er lehnt Zwangsmusterungen und Aufrüstung ab. Ein Gespräch über die Angst vor Krieg und was wirklich wichtig ist im Leben.

Interview: HENRIKE STIER

Titelbild: Demo gegen Wehrpflicht in Göttingen. K.P. Wittemann. R-mediabase.

Du beteiligst dich am Freitag an einem Schulstreik gegen die Wehrpflicht. Aber die gibt es doch noch gar nicht.

Das Verteidigungsministerium hat erst am vergangenen Freitag kundgegeben, dass es ab jetzt Zwangsmusterungen geben wird. Das macht noch mal klar, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden soll, und zwar lieber heute als morgen. Das macht mich und viele meiner Mitschüler sauer.

Die Wehrpflicht wird gerade etappenweise eingeführt. So schafft die Bundeswehr oder die Regierung es, dass die Wehrpflicht dabei kein großes Thema wird.

Die Zwangsmusterungen sind also ein Schritt auf dem Weg zur Wehrpflicht?

Genau. Auf der einen Seite sprechen Politiker ganz offen davon, dass wir eine konventionelle große Armee brauchen, die stärkste Armee Europas. Aber gleichzeitig spricht die Bundeswehr nicht sehr offen davon, dass wir jetzt alle zwangsgemustert werden. Das sieht man nur, wenn man sich die Gesetze wirklich gründlich durchliest. Für Schüler ist es also sehr schwer nachzuvollziehen, was jetzt genau passiert. Auch in den Medien ist die Wehrpflicht in meiner Wahrnehmung kein so großes Thema. Es wird darüber gesprochen, inwiefern wir weiter aufrüsten müssen. Aber die Zwangsmusterungen von uns Jugendlichen werden nicht breit genug in die Öffentlichkeit getragen.


Du sagst, du möchtest nicht für Deutschland kämpfen. Wofür möchtest du kämpfen oder dich einsetzen?

Für ein besseres, gerechteres Bildungssystem. Und für ein besseres Gesundheitssystem. Ich meine: Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich zwei Stunden warten. Und bei jedem Arzt, zu dem ich in der letzten Zeit gegangen bin, lagen Unterschriftenlisten gegen die Kürzungen im Gesundheitssystem aus. Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft. Dass man es da nicht hinbekommt, das beste Gesundheitssystem überhaupt aufzubauen, finde ich komisch. Würde man sich mal Gedanken machen, was wirklich wichtig ist, anstatt Kriege vorzubereiten, könnte das Leben hier sehr schön sein.

»Würde man sich mal Gedanken machen, was wirklich wichtig ist, anstatt Kriege vorzubereiten, könnte das Leben hier sehr schön sein.«

Ist der Schulstreik gegen Wehrpflicht die erste politische Bewegung, in der du aktiv bist?

Ich war schon bei den Klimastreiks, da war ich aber noch ganz klein. Die Schulstreiks gegen Wehrpflicht sind das erste große Ding, bei dem ich so richtig aktiv bin.

eht in Kiel zur Schule und organisiert den Protest gegen Zwangsmusterungen und Wehrpflicht mit.

Wie wurde Kriegsdienstverweigerung ein Thema für dich?

Das ist einfach ein sehr zentrales Thema bei uns Jugendlichen. Wir wollen nicht kämpfen, aber die Wehrpflicht wird gerade immer realer.

Es wird so viel Geld in die Militarisierung gesteckt und bei uns fehlt es. Das merken meine Freunde und ich in der Schule und im Alltag. Dann habe ich mitbekommen, dass die ersten Schulstreiks gegen Wehrpflicht organisiert werden. Da habe ich gedacht, das mache ich hier auch mit meinen Freunden. Und beim ersten Schulstreik waren wir in Kiel schon um die 1500 Schüler. Und dann habe ich einfach nicht aufgehört.

Wie organisiert man einen Streik an der Schule?

Bei den Schülern ist das so: Entweder sind sie von Grund auf gegen die Wehrpflicht und sehen direkt ein, dass sie gegen unsere Interessen ist, oder sie sind in ihrem Patriotismus oder Nationalismus gefangen und sehen den Zusammenhang zwischen der Militarisierung, also der Tatsache, dass Milliarden in die Rüstung gesteckt werden, und deren Fehlen im Bildungssystem und im Gesundheitssystem einfach nicht.

Der Großteil steht hinter dem Schulstreik. Aber das heißt nicht, dass alle hingehen, weil wir leider auch einfach noch nicht die Breite haben, mit allen in Kontakt zu kommen.

Und wie wollt ihr mit mehr Schüler*innen in Kontakt kommen?

Im Streikkomitee hier in Kiel versuchen wir, in den Schulen Strukturen aufzubauen – Schulkomitees nennen wir das –, in denen wir den Streik an den Schulen selbst vorantreiben.

Wir machen Kreideaktionen vor den Schulen, verteilen Schülerzeitungen oder machen Schulhofkundgebungen. So machen wir den Streik an den Schulen präsent.

Wie reagieren eure Lehrer*innen darauf?

Auf mich sind Lehrer zugekommen und haben gesagt, dass sie es wichtig finden, was wir machen. Es gibt bundesweit aber auch Beispiele von Schulen, die während des Streiks ihre Schüler einschließen. Ich wurde am Anfang mal zum Schulleiter gerufen, weil ich für den Schulstreik geworben habe.

Man bekommt eine Sechs, wenn man während einer Klausur streikt. Zumindest hier in Schleswig-Holstein sagt das Bildungsministerium ganz klar, dass niemand entschuldigt wird. Lehrer können natürlich immer etwas anderes machen. Wenn ihr Lehrer seid und das lest, bitte entschuldigt uns am 25. September!

Dich hat kürzlich sogar der Verfassungsschutz angequatscht. Was war da los?

Vor dem dritten Streik Ende April wollte ich zur Schule fahren. Auf dem Weg dorthin hat mir jemand vom Verfassungsschutz aufgelauert, mit der Hook »allgemeine Verkehrskontrolle! Spaß, Verfassungsschutz«. Er hat mir gesagt, dass er mit mir über die Grenzen des antimilitaristischen Kampfes sprechen möchte. Und dann bin ich auch relativ schnell wieder aus der Situation geflohen.

Das war doch bestimmt sehr gruselig?

Das sitzt schon immer noch tief. Dass dort Menschen vor meinem Haus auf mich gewartet haben. Weil ich gegen Krieg bin. Die wissen, wo ich wohne. Die wissen, wo mein Schulweg ist.

Was glaubst du, war der Zweck davon?

Das war kein Gespräch, das mich vom Gegenteil überzeugen oder mich warnen sollte, mit wem ich da auf der Straße bin. Das sollte mir einfach Angst machen und mich einschüchtern. Und das einfach nur, weil ich für eine gerechtere Zukunft kämpfe, weil ich keinen Bock habe, im nächsten Krieg zu sterben. Das finde ich schon krass.

Wie reagiert die Politik auf euren Streik? Auch im Vergleich zu den letzten großen Schulstreiks von Fridays for Future?

Bei Fridays for Future haben alle Politiker einfach gesagt, wie toll das ist, dass wir auf die Straße gehen. Aber am Ende hat sich wenig geändert. Bei uns hat eigentlich nie ein Politiker versucht, sich hinter uns zu stellen. Außer vielleicht die Linke, die hat sich mehrmals mit uns solidarisiert. Aber von den Regierungsparteien kam nie etwas. Wir stellen uns hier gegen etwas, das die Politik wirklich durchbringen möchte.

Wurdest du schon zu einer Musterung eingeladen?

Ja, ich habe einen Brief bekommen und wurde zum 31. August eingeladen. Ich bin aber nicht aufgekreuzt, weil ich das nicht mit mir machen lasse. Das Ziel der Musterung ist zu schauen, ob man gutes Menschenmaterial ist, um dann im Krieg auf andere Soldaten zu schießen.

Und kennst du Menschen, die hingegangen sind?

Ein Freund von mir war schon da. Der wusste gar nicht, dass man da nicht hin muss. Das ändert sich ja auch jetzt. Die Bundeswehr hat zwar gar nicht die Kapazitäten, uns zu verfolgen, wenn wir nicht aufkreuzen. Aber auf dem Papier ist es inzwischen verpflichtend.

Und was hat dein Freund erzählt? Was passiert bei einer Musterung?

Er hat erzählt, dass es erst ein paar Tests gibt – Blutdruck, wie die Gelenke funktionieren, eine Urinprobe, man wird gewogen. Aber dann passiert auch eine Inspizierung im Genitalbereich. Einem wird an die Hoden gepackt und der Finger in den Po gesteckt.

Danach ging es weiter mit Reaktionstests und Mathe- und Logiktests. Das Witzige ist, dass die Computer wirklich sehr alt sind. Keine Ahnung, wie die Reaktion geprüft werden soll, wenn die Maus zwei Sekunden verzögert ist.

Und es gab eine Befragung dazu, ob man verfassungstreu ist. Da wurde gefragt, ob man den Holocaust leugnet oder ob Frauen und Ausländer Menschenrechte haben sollen. Das dient wahrscheinlich dazu, dass die Bundeswehr sagen kann, sie habe ja alle gefragt, ob sie Nazis sind.

Kriegsgegner*innen werden oft Egoismus oder mangelnde Solidarität der Gesellschaft gegenüber vorgeworfen. Was sagst du dazu?

Ich halte es nicht für egoistisch, Nein zu Krieg zu sagen. Auch wenn ein Soldat in Russland oder in der Ukraine verweigert, stehe ich solidarisch dahinter und sage, dass es nicht egoistisch ist. Solche Leute verhindern diesen Krieg, wenn sie sich verweigern.

Außerdem glaube ich nicht, dass diese Wehrpflicht und die Aufrüstung überhaupt nötig sind. Es gibt eine tolle Greenpeace-Studie, die klarmacht, dass das nicht so ist: Es gibt keinen Grund für Aufrüstung, wenn man sich nur verteidigen möchte. Die Aufrüstung dient dazu, dass Deutschland wieder Kriege führen kann. Wir sind nicht egoistisch, wenn wir uns einem Krieg verweigern, der nicht unseren Interessen dient. Es geht ja eben nicht darum, eine Kita zu sichern oder dafür zu sorgen, dass mein Jugendzentrum nicht geschlossen wird.

Interview

Der 18-jährige Golo Kirsch geht in Kiel zur Schule und organisiert den Protest gegen Zwangsmusterungen und Wehrpflicht mit.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.9. 2026
Wir wollen nicht kämpfen …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Solidarität mit Palästina

Die britische Gewerkschaftsbewegung geht voran

„Der TUC hat eine langjährige Politik zur Unterstützung von Gerechtigkeit und Freiheit für die Palästinenser. Wir arbeiten eng mit der Gewerkschaftsbewegung in Palästina zusammen, während wir in Solidarität mit allen palästinensischen Arbeitern in ihrem Kampf gegen Apartheid, Völkermord in Gaza und ethnischen Säuberungen im Westjordanland stehen.“ (TUC-Beschluss)

In einer Publikation des DGB betont der DGB-Vorstand seine unverbrüchliche Verbundenheit mit der israelischen Gewerkschaft Histradut: „Die Partnerschaft zwischen Histadrut, dem israelischen Gewerkschaftsbund, und dem DGB ist ein herausragendes Beispiel für gelebte internationale Solidarität und historische Verantwortung. Seit nunmehr 50 Jahren besteht diese enge Zusammenarbeit, die wir 2025 in Berlin gefeiert haben. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten haben wir das Partnerschaftsabkommen erneuert und ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus und Rassismus abgegeben.“ (https://www.dgb.de/politik/bildung-und-gesellschaft/internationale-und-europaeische-gewerkschaftspolitik/)

Der Vorstand des DGB folgt hier der offiziellen Politik, die eine solche unverbrüchliche Zusammenarbeit auch mit der Regierung Israels pflegt. Dass die Histradut eine ethnisch selektierende Organisation ist, und sich für arabische Arbeiter:innen nicht zuständig fühlt, stößt genauso wenig auf, wie der Umstand, dass der Partner in der „herausragenden internationalen Solidarität“ an der Seite einer rechtsextrem dominierten Regierung die völkerrechtswidrige Besatzung samt genozidaler Kriegsführung unterstützt.

Aktuell berichteten Hannoveraner Kollegen, dass sich Aktive und Funktionäre der niedersächsichen ver.di-Jugend nicht entblödeten, inmitten des israelischen Massenmords in Gaza zusammen mit Anhängern des Schah-Regimes auf dem Bahnhofsvorplatz in Hannover eine Gegendemonstration gegen eine Mahnwache der örtlichen Palästina-Solidarität zu veranstalten. Für den Versuch, diese niederzubrüllen, erhielten sie Tags darauf publizistischen Beifall samt Foto von der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ des Madsack-Verlages. Doch diese Interpretation für „historische Verantwortung“ ist in der europäischen Gewerkschaftsbewegung alles andere als selbstverständlich.

In Großbritannien sieht die Lage ganz anders aus. Dort hat gerade der Trade Union Council (TUC) auf seiner Jahreskonferenz die Unterstützung der BDS-Kampagne beschlossen, die in der BRD vom bürgerlichen Maistream gern als „antisemitisch“ verunglimpft wird.

Der am 13. September, verabschiedete TUC-Antrag sieht vor, die Rechte der Palästinenser zu unterstützen und Unternehmen zu boykottieren, die sich an israelischen Verstößen gegen Menschenrechte und das Völkerrecht mitschuldig machen. Der vollständige Antrag lautet wie folgt:

Die derzeitige rechtsgerichtete israelische Regierung, die ihren größten Militäreinsatz im Westjordanland seit zwei Jahrzehnten gestartet hat, kündigt neue illegale Siedlungen an, vertreibt Palästinenser aus Ostjerusalem und Masafer Yatta, reißt Häuser und Schulen ab und versäumt es, bewaffnete Siedler daran zu hindern, in Dörfern zu wüten, Palästinenser zu töten und anzugreifen sowie Häuser und landwirtschaftliche Flächen zu zerstören.

Das israelische Militär hat in diesem Jahr mehr als 180 Palästinenser getötet.

Der Kongress stellt ferner fest:

Der Gesetzentwurf der Regierung über die wirtschaftliche Tätigkeit öffentlicher Stellen (Auslandsangelegenheiten) würde ethisches Investieren und die Beschaffung durch öffentliche Stellen untergraben, indem er die Berücksichtigung von Menschen- und Arbeitnehmerrechten, des Völkerrechts und von Umweltbelangen im Zusammenhang mit dem Verhalten eines ausländischen Staates einschränkt. Er würde zudem die Meinungsfreiheit, die lokale Demokratie, die Dezentralisierung und die Rechte der Mitglieder von Rentensystemen beeinträchtigen.

Der Gesetzentwurf würde die israelische Regierung sowie Unternehmen, die sich an der Besatzung mitschuldig machen, vor Rechenschaftspflicht schützen, indem er diejenigen zum Schweigen bringt, die versuchen, Veränderungen herbeizuführen.

Der Kongress ist der Ansicht:

Jeder Versuch, die palästinensische Forderung nach Boykott, Desinvestition und Sanktionen zu delegitimieren und zu suggerieren, dass den Palästinensern das Recht verwehrt werden sollte, Menschen mit Gewissen um Unterstützung zu bitten, muss zurückgewiesen werden.

Die Möglichkeit öffentlicher Stellen, einschließlich öffentlicher Rentenfonds, sich aus Unternehmen zurückzuziehen, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, sollte verteidigt werden.

Ein solches Gesetz hätte den Boykott von Waren und Unternehmen verhindern können, die sich an der Apartheid in Südafrika mitschuldig gemacht haben.

Der Kongress beschließt:

Die Unterstützung der palästinensischen Rechte zu bekräftigen, einschließlich unserer Verpflichtung, „die Waren von Unternehmen zu boykottieren, die von illegalen Siedlungen, der Besatzung und dem Bau der Mauer profitieren“.

Die Koalition „Right to Boycott“ zu unterstützen.
Gemeinsam mit den Mitgliedsorganisationen gegen den Gesetzentwurf zu kämpfen.

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