Kanonen UND Butter? Beides geht nicht zusammen!

Am Sonntag, den 23. Juni um 14 Uhr, fand eine Kundgebung des Hamburger Forums „Gegen Krieg und Militarismus – Zeit für Abrüstung“ statt. Anlass war der 83. Jahrestag des Überfalls der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Wir publizieren hier die Rede von Holger Griebner, die u. a. drei Punkte besonders deutlich macht: Zum einen sind faschistisches und militaristisches Gedankengut untrennbar miteinander verwoben. Zum zweiten sind „Kriegstüchtig“ und gleichzeitig „sozialtüchtig“ kaum überbrückbare Gegensätze. Hier bekommt insbesondere die SPD ein grundsätzliches Problem. Zum Dritten geht es um gewaltige geopolitische Interessen und Hegemonieansprüche dabei, die immer gefährlicher aufeinanderprallen. (Peter Vlatten)

Rede von Holger Griebner, 23.Juni 2023

„Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
viele Menschen, die vor zwei Jahren noch auf das Verteidigungsrecht der Ukraine gepocht und Waffenlieferungen begrüßt hatten, tun das heute nicht mehr. Viele sind verunsichert und haben Angst aus gutem Grunde, den die Ukraine-Initiative zum Anlaß genommen hat für den Aufruf zum heutigen dezentralen bundesweiten Aktionstag der Friedensbewegung.

Und immer mehr Menschen erkennen in unserem Land, dass die Bundesregierung zum Töten und Sterben in der Ukraine beiträgt durch einseitige Parteinahme gegen Rußland und gegen das Überlebensrecht der Menschen in der Ukraine. Noch mehr Menschen verabscheuen die Heuchelei der Bundesregierung, wenn sie Mitleid mit verhungernden Kindern und sterbenden Zivilisten in GAZA vorgibt und gleichzeitig das systematische Töten mit (um das zehnfache gesteigerten) Waffenlieferungen für die israelische Armee befeuert.

Gestern jährte sich der Überfall der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion zum 83. Mal, in dessen Folge 27 Millionen Bürger allein dieses Landes ihr Leben verloren.

Die deutsche Bundesregierung verleumdet und bedroht uns Friedensbewegte, die wir in der Tradition von Ossietzki, Tucholsky und Brecht stehen. Sie will zum dritten Mal wieder Russland ruinieren und besiegen.
Zitat aus Handelsblatt v. 4.3.:
„Ein Zitat von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß aus dem Jahr 1936 hat eine überraschende Aktualität bekommen: „Und wir sind bereit, auch künftig, wenn notwendig, mal etwas weniger Fett, etwas weniger Schweinefleisch, ein paar Eier weniger zu verzehren. […] Wir wissen, dass die Devisen, die wir dadurch sparen, der Aufrüstung zugutekommen. Auch heute gilt die Parole: Kanonen statt Butter.“

In der ZDF-Talkshow Maybrit Illner stellte der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Clemens Fuest, fest: „Kanonen und Butter – es wäre schön, wenn das ginge. Aber das ist Schlaraffenland, das geht nicht.“

Worum geht es? Nach internen Berechnungen, über die der „Spiegel“ berichtete (immer noch Handelsblatt), sollen 2028 mehr als 50 Milliarden Euro im Wehretat fehlen, wenn das Zwei-Prozent-Ziel der Nato eingehalten werden soll und das Sondervermögen für die Bundeswehr aufgebraucht ist. Das sind rund 1,2 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Aber ist das ein Grund, auf „Butter“ zu verzichten, also weniger zu konsumieren?“ (Zitat Ende)
… fragt Peter Bofinger im Handelsblatt vom 4.3.24
Nun paart sich der vererbte deutsche Regierungsmilitarismus mit der Siedler- und Führungsmentalität der US-Regierungen. US-Vizepräsidentin Kamala Harris hatte auf dem sogenannten „Friedensgipfel“ in der Schweiz am 15. Juni öffentlich erklärt: „Wir müssen die Wahrheit sagen. Amerika steht nicht aus Nächstenliebe an der Seite der Ukraine, sondern weil es in unserem strategischen Interesse ist.“

Am vergangenen Wochenende hat es auch eine Friedenskonferenz von Ver.di in Stuttgart gegeben auf der der Referent Ingar Solty genau diese Strategie und ihr Scheitern belichtet hat. Seine Hauptbotschaft war:
Wer den Konflikt zwischen China und den USA nicht versteht, kann auch den Ukraine-Krieg und den Krieg Israels gegen Gaza geopolitisch nicht einordnen.

Die gewaltigen welthistorisch einmaligen Errungenschaften dieses Landes, vorneweg die Überwindung der absoluten Armut in wenigen Jahrzehnten, sind es gerade, die die US-Führungen zur systematischen Vorbereitung eines großen Krieges veranlassen, weil alle bisherigen Eindämmungsmaßnahmen gegen Chinas wirtschaftliche Entwicklung gescheitert sind.
80% der Menschheit lebt im globalen Süden. Bis 2007 hat China nachgebaut, was der Westen entwickelt hatte und seitdem führen sie in immer mehr Bereichen die Weltwirtschaft an. Der Beschluss der bisherigen Weltmacht Nr. 1 zur Modernisierung ihres Atomarsenals und die Ausrufung des pazifischen Jahrhunderts erfolgte bereits unter Obama.

Die Nervosität rührt daher, dass diese Entwicklung in der Geschichte einmalig ist. China kehrt nach der Periode der kolonialen Unterdrückung zurück zur Rolle, die es seit 4000 Jahren innehatte. Schwindende Machtstrukturen in der neoliberalen Welt auf der einen Seite stoßen auf ein starkes China im Wiederaufstieg. Einige Stationen des Scheiterns, diesen aufzuhalten, sind:
Der Irakkrieg, ein gigantisches welthistorisches Verbrechen mit mehr als einer Mill. Toten, sollte die US-Rolle im Energiesektor sichern.

Die US-Kontrolle der Seewege hat China beantwortet mit dem Chinesisch – Pakistanischen Wirtschaftskorridor, seiner Binnenorientierung auf Produktion und Konsumtion von 1400 Milliarden und der neuen Seidenstrasse.

Es ist mißlungen China von der Mikro-Chip-Entwicklung abzukoppeln und die 5 Nanometer-Entwicklung zu verhindern – Tatsächlich ist hier eine Grenze des Wirtschaftskrieges erreicht, denn China entwickelt zurzeit die 3 Nanometer-Chips.

Taiwan und China sind sehr verbunden, was auch bei den jüngsten Wahlen zum Ausdruck kam. Aber die scheidende Präsidentin hatte jetzt aktuell nochmal 20 tsd. US-Green Barrets ins Land gelassen und einer US-Raketenstationierung auf einer vorgelagerten Insel zugestimmt, die eine Minute bis Peking benötigen. Die USA ukrainisieren Taiwan.

Weil der reiche Riese mit den vielen Slums und Analphabeten nur begrenzte Machtressourcen zur Aufrechterhaltung seiner Hegemonie hat, wurde 2014 beim NATO-Gipfel in Vilna vereinbart: Kein Staat soll mehr als 50% NATO-Kosten tragen. Aber die USA alleine tragen von den ca. 1,5 Billionen Dollar zurzeit immer noch 70%. Deutschland landet bei 170 Mrd. Dollar jährlichen Rüstungsausgaben, wenn diese Umverteilung der NATO-Kriegskosten umgesetzt wird. Wir zahlen hier in Europa mit Verarmung während die USA besser ihren Hauptrivalen China ins Visier nehmen können. Beim Rüstungsindustrieminister Habeck heißt das „Wir müssen jetzt auch die Wehrindustrie deutlicher skalieren“ (FAZ v. 22.4.24)

Der Krieg gegen Rußland wird jetzt immer mehr von europäischen Staaten finanziert und geführt. Deutsches Steuergeld für Rüstung wird dabei zu 45% in den USA ausgegeben. Die jetzige Formierung des transatlantischen Bündnisses führt Europa in mehrfache Abhängigkeit von den USA. Die Energiepreise sind hier 3x höher als dort und 7x höher als in China sind. Transatlantische Konzerne können nach China oder USA ausweichen und hinterlassen ein deindustrialisiertes Europa.

Neun von 10 Rheinmetallaktionären sind US-amerikanisch wie Blackrock und Vangard.

Ob der marodierende, um sich schlagende durch den Aufstieg Chinas geschwächte US-Imperialismus die Welt in den Abgrund reißt, hängt nicht unwesentlich von uns hier ab.

Bei den Europawahlen haben viele Kriegsparteien ordentlich verloren und eine Partei für Frieden und Gerechtigkeit ist aus dem Stand auf über sechs Prozent der Stimmen gekommen. Die Kriegsparteien haben aber immer noch die Mehrheit. Wir Friedensaktive sind im Informationskrieg in der Minderheit und werden dies allein mit Wahlen auch nicht ändern. Wir haben die Aufgabe, den Mehrheitswunsch nach Frieden sichtbar zu machen.

Der Kampf um Butter ist auch ein Kampf gegen Kanonen. Wir mehren die Zahl der Kriegsgegner und Kriegsgegnerinnen nachhaltig indem wir in die Sozial- und Klimabewegung das Kriegsthema einbringen und gewerkschaftliche und ökologische Forderungen in die Friedensbewegung aufnehmen.
Lasst uns in den nächsten Wochen und Monaten viele Gespräche führen für eine Unterschrift unter den Aufruf
„Eskalationsspirale in der Ukraine stoppen! Waffenstillstand und Verhandlungen jetzt!“ „

Aktuell : Mercedes-Benz - Warnschuss an den Vorstand 

Titelfoto: Mehmet Yildiz. Danke, Mehmet

Grenzen der Staatsräson?

Podiumsdiskussion medico international am 12. Juli 2024 in Berlin

Geschichte, deutsche Erinnerungspolitik und der Krieg gegen Gaza

Das derzeitige Töten und Sterben in Gaza nach dem Überfall der Hamas und anderer Gruppierungen auf Israel am 7. Oktober hat weltweit zu Protesten geführt. In keinem Konflikt sind in einem so kurzen Zeitraum so viele Kinder, Jugendliche, Journalist:innen und UN-Mitarbeiter:innen getötet worden. In keiner Krisenregion der Welt hat der Hunger sich mit so einer atemberaubenden Geschwindigkeit ausgebreitet wie im abgeriegelten Gazastreifen, obwohl es ein Leichtes wäre, humanitäre Hilfe über Land in die Enklave zu bringen, wenn Tel Aviv dies zuließe. Unterdessen zeigen Meinungsumfragen in den USA und Deutschland, dass eine Mehrheit der Bevölkerung gegen diesen Krieg ist, während die Bundesrepublik neben den USA zur wichtigsten Unterstützerin Israels geworden ist (lt. SIPRI auch militärisch). Die Art der Kriegsführung stellt die deutsche Staatsräson, auf die sich Politiker:innen hierzulande weiterhin berufen, jedoch auf eine harte Probe. Die diversen Verfahren vor internationalen und deutschen Gerichten zeigen auch, dass es gewichtige Gründe dafür gibt, die Bedeutung der vagen Staatsräson-Formel auszuloten. Medico International lädt aus diesem Anlass ein zur Podiumsdiskussion.

Podiumsdiskussion mit:

  • Daniel Marwecki, Politologe
  • Charlotte Wiedemann, Publizistin

Moderation: Riad Othman, medico international

Datum: Freitag, 12.07.2024
Uhrzeit: 19 Uhr
Ort: Spore Haus, Hermannstraße 86, 12051 Berlin

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich und die Teilnahme ist kostenlos.

Mehr Informationen über unsere Projekte und Möglichkeiten zur Unterstützung der Arbeit unserer Partner:innen finden Sie auch in unserem Spendenaufruf: Nothilfe für Gaza.

Zwischen Todesstrafe und illegalem Flüchtlingsstatus: die Flucht eines Deserteurs aus Belarus

Dass Kriegsdienstverweigerer -egal ob aus Russland, Belarus oder der Ukraine- einen legalen Aufenthaltsstatus bei uns erhalten, ist das Mindeste, was wir zu erwarten und zu fordern haben! (Peter Vlatten)

02.07.24 – Pressenza Berlin

Mikita Sviryd: Die Geschichte eines belarussischen Deserteurs in Litauen, der zwischen der drohenden Todesstrafe in Belarus und dem illegalen Flüchtlingsstatus in Litauen gefangen ist.

Heute ist Mikita ein illegaler Flüchtling, Litauen hat dem jungen Deserteur politisches Asyl verweigert. In Belarus kann Desertion mit der Todesstrafe geahndet werden. Heute ist er verzweifelt und erwartet nichts Gutes für seine Zukunft. Was bedeutet für die Geopolitik das Schicksal eines Mannes, der im Alter von 19 Jahren beschloss, nicht mehr Soldat zu sein?

Aber wenn wir die Gefühle junger Belarussen beeinflussen wollen, nicht in die Armee einzutreten und Russlands Krieg in der Ukraine nicht zu unterstützen, müssen wir Mikita einfach helfen, ein neues, friedliches Leben zu beginnen, ohne Waffen, mit dem Recht, nicht zu töten und dafür nicht von Litauen und Belarus bestraft zu werden.

Beschreibung von Mikitas Fall

MIKITA SVIRYD, geboren am 22. September 2002, ist belarussischer Staatsbürger. Am 28. Oktober 2021 wurde er zum Wehrdienst einberufen und hatte keine Möglichkeit, den Dienst in der belarussischen Armee zu verweigern. Am 24. Februar 2022 hatte seine Dienstzeit vier Monate erreicht, in denen Mikita bereits den Eid geleistet hatte.

Während der vier Monate in der Kompanie, in der Mikita diente, wurden mehrmals taktische Aufgaben geprobt, Schießübungen mit der Waffe durchgeführt, häufige Märsche unternommen und Einsätze bei verschiedenen Militäreinheiten als Assistenten waren üblich.

In dieser Zeit besuchten sie zahlreiche ideologische Vorträge, in denen die Ansicht vertreten wurde, dass der Westen von „Feinden und Nazis“ bevölkert sei, dass die weiß-rot-weiße Fahne „von den Besatzern in den Jahren des Zweiten Weltkriegs verwendet“ worden sei und dass die Hinrichtung derjenigen befürwortet werde, die die Opposition unterstützten. Mikita, wie auch die Mehrheit seiner Genossen, teilte diese Ansicht nicht. Es kam jedoch nicht in Frage, sich auf eine Diskussion mit den Dozenten einzulassen; die meisten Wehrpflichtigen schliefen bei solchen Veranstaltungen.

Während dieser vier Monate musste Mikita, wie auch die anderen Soldaten, Beleidigungen und Demütigungen durch Offiziere ertragen. Bei einer Gelegenheit auf dem Schießplatz trat ein Offizier, der unter Alkoholeinfluss stand, Mikita in den Rücken, weil er dachte, Mikita würde auf sein Handy schauen. Es gab auch einen Vorfall, bei dem ihm ein höherer Offizier auf die Schulter schlug. Schikanen sind in der belarussischen Armee weit verbreitet; die Offiziere sind sich dessen bewusst, verurteilen es verbal, unternehmen aber nichts, um es zu unterbinden. Soldaten quälen sich oft gegenseitig, vor allem Unteroffiziere, die nur minimale Befugnisse haben. Es gibt Militärpatrouillen, bei denen es keine Möglichkeit gibt, innerhalb von 24 Stunden mehr als 4 Stunden zu schlafen. Es hat Fälle gegeben, in denen die Unteroffiziere den Soldaten nur 15 Minuten Schlaf in 24 Stunden erlaubten.

Mitte Februar 2022, zwei Wochen vor Ausbruch des Krieges, wurde Mikita zu einer anderen Militäreinheit geschickt. Dort sah er, wie die Russen Züge mit Panzern, Haubitzen, aus Russland eintreffenden Militärlastwagen und gepanzerten Infanteriefahrzeugen transportierten und echte Munition entluden. Den Wehrpflichtigen wurde gesagt, dass es sich dabei um Trainingsübungen handelte, aber Mikita fand die Bewegung einer so großen Menge an Ausrüstung für eine nur zweiwöchige Trainingseinheit seltsam.

Am 24. Februar 2022 befand sich Mikita auf dem Schießplatz nahe der ukrainischen Grenze. Von einem Offizier erfuhr er, dass der Krieg begonnen hatte. Ein Offizier teilte ihm mit, dass der Krieg begonnen habe. Die Aufgabe der Wehrpflichtigen war es, die Russen auf dem Schießplatz zu bewachen, von dem aus Militärflugzeuge in die Ukraine starteten. Mikita beobachtete die Piloten, die die Flugzeuge manövrierten, und die Ausrüstung, die in den Süden gebracht wurde. Aber er konnte nichts auf Kamera oder Video aufnehmen: Telefone waren verboten, und wenn sie erwischt wurden, kamen die Soldaten ins Gefängnis und ihre Telefone wurden beschlagnahmt.

Am 24. Februar 2022 sahen Mikita und seine Mitsoldaten Videos, die Angriffe auf ukrainische Einheiten und militärische Einrichtungen zeigten. Sie glaubten, dass Belarus in den Krieg eintreten würde, was unter den Wehrpflichtigen für Unruhe sorgte, insbesondere als der Befehl zur „erhöhten Bereitschaft“ bekannt gegeben wurde (ein solcher Befehl wird im Kriegsfall erteilt). Der Befehlshaber verteilte Waffen an alle, und einige erhielten scharfe Munition. Die Personalstärke der Einheit stieg um etwa 500 Mann, und Mikita befürchtete, dass er gezwungen sein würde, an der Seite Putins in den Krieg in der Ukraine zu ziehen – eine Aussicht, die er entschieden ablehnte. Infolgedessen begann er darüber nachzudenken, aus der Armee zu desertieren, da auf Befehlsverweigerung 8 bis 15 Jahre Haft stehen konnten. Im Grunde stand ein Soldat vor der Wahl, entweder zu töten oder ins Gefängnis zu gehen, was ihn dazu veranlasste, über eine Desertion nachzudenken.

m Mai 2022 befand sich Mikita bei Übungen in der Nähe der Grenze zu Litauen und beschloss, die Gelegenheit zur Flucht in die Europäische Union zu nutzen. Er begann eine Woche im Voraus mit den Vorbereitungen für die Flucht, studierte das Gelände auf Karten, legte die Route fest und plante die Tageszeit für die Flucht. Mikita hoffte, auf dem Gebiet der EU Asyl beantragen zu können, und betrachtete dies als eine Aufgabe, die erfüllt werden musste, da er die Situation moralisch nicht länger ertragen konnte.

Am frühen Morgen des 26. Mai 2022, als alle noch schliefen, ergriff Mikita die Flucht. Er zog seine Uniform aus, ließ seine Waffe mit scharfer Munition auf der Straße liegen und gab sein Mobiltelefon auf. Ein Fernfahrer, der keine Fragen stellte, nahm Mikita mit an die litauische Grenze. Die Grenze musste illegal über mehrere Zäune überquert werden. Der erste war ein Stahlzaun mit Draht und Klingen, bei dem Mikita mit der Kamera aufgenommen wurde, als er merkte, dass ihm die Zeit davonlief. Als er über den Zaun kletterte, zog er sich eine leichte Verletzung zu und fiel zu Boden. Der nächste Zaun führte über einen Graben, und Mikita gelang es, darunter durchzukriechen. Der nächste Zaun hatte morsche Pfosten und Mikita brach durch. Dann stellte er fest, dass er sich bereits auf EU-Gebiet befand, und ging zu den litauischen Grenzbeamten, um sich zu stellen.

Die Grenzbeamten waren sehr überrascht und skeptisch über Mikitas Behauptung, er sei vor der belarussischen Armee geflohen. Es wurden Sondereinheiten hinzugezogen und er wurde ausgiebig verhört. Er berichtete wahrheitsgemäß über den Grenzübertritt, bestätigte die indirekte Beteiligung von Belarus am Krieg und lieferte Informationen über den Einsatz und die Bewegung von russischem Militärgerät. Später kamen die Einwanderungsbehörden. Mikita konnte nicht glauben, dass er es geschafft hatte, dass er in Sicherheit war. Er wurde von überwältigenden Gefühlen heimgesucht, als ihm klar wurde, dass er für lange Zeit nicht mehr nach Hause kommen und seine Familie lange nicht mehr sehen würde. Mikita wurde dann in ein Flüchtlingslager in Litauen gebracht, wo er im Vergleich zur belarussischen Armee völlige Freiheit erlebte.

Nach Mikitas Flucht besuchten das Militär, die Polizei und der KGB sein Haus in Belarus. Sie sagten Mikitas Eltern, dass er nicht bestraft würde, wenn er zurückkäme, und dass er seinen Dienst in Ruhe absolvieren könne. Unter ihrem Druck riefen seine Verwandten Mikita an und drängten ihn, nach Belarus zurückzukehren. Ihm war jedoch klar, dass er bei einer Rückkehr verhaftet werden würde. Mikita drohen in Belarus bis zu 20 Jahre Gefängnis und möglicherweise sogar die Todesstrafe. Neben Desertion könnte er auch wegen Terrorismus, Extremismus und Hochverrat angeklagt werden. Mikita floh aus einer Mission mit Waffen (die er in Belarus zurückließ), informierte die litauischen Behörden über die Bewegung russischer Militärausrüstung und lieferte Einzelheiten über die Ereignisse an der Grenze zur Ukraine in den Tagen der russischen Invasion.

Am 20. November 2023 verweigerte die Migrationsabteilung des Innenministeriums der Republik Litauen Mikita das Asyl im litauischen Hoheitsgebiet.

Die offizielle Begründung für die Ablehnung des politischen Asyls in Litauen lautet, dass Mikita in Belarus nicht in Gefahr sei und Belarus ein sicheres Land für seine Rückkehr sei.

Mikita legte gegen die Entscheidung der Migrationsbehörde vor einem litauischen Gericht Berufung ein. Die Anhörung fand am 6. März 2024 statt. Das Gericht wies Mikitas Einspruch zurück und bestätigte die Entscheidung der Migrationsbehörde vom 20. November 2023.

Mikita legte daraufhin gegen die Entscheidung des litauischen Gerichts Berufung beim Obersten Verwaltungsgericht der Republik Litauen ein.

Am 6. Juni 2024 wies der Oberste Gerichtshof die Berufung zurück und bestätigte die Verweigerung des Asyls für Mikita. Mikita und sein Anwalt wurden nicht zu der Anhörung eingeladen, und der Fall wurde schriftlich geprüft. Mikita hatte keine Gelegenheit, dem Gericht etwas zu erklären.

Die offizielle Begründung für die Ablehnung des Asylantrags ist dieselbe: Das Migrationsamt ist der Ansicht, dass es für Mikita sicher ist, nach Belarus zurückzukehren und dass er dort nicht in Gefahr ist. Das ist nicht wahr. Mikita drohen in Belarus Haftstrafen und sogar die Todesstrafe.

Zurzeit hält sich Mikita illegal im Gebiet der Europäischen Union auf und muss sich vor der Zwangsabschiebung nach Belarus verstecken. Mikita leidet unter tiefen Depressionen und neigt zum Selbstmord, weil er Angst vor Folter und Tod in einem belarussischen Gefängnis sowie vor einem Einsatz im Krieg gegen die Ukraine hat.

Woir haben den Beitrag von Pressenza übernommen, das Original kann hier bescuht werden.

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