Hand in Hand mit der Rüstungslobby?

Gewerkschaften sind nicht die Interessenvertretung der Rüstungsindustrie

von Ulrike Eifler

Bild: BAG B&G DIE LINKE

Das Wirtschaftsforum der SPD, der Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und die IG Metall haben sich auf ein gemeinsames Positionspapier verständigt.

Unter dem Titel »Souveränität und Resilienz sichern« einigten sich die drei Organisationen auf industriepolitische Leitlinien für die Rüstungsindustrie. Eigene leistungsstarke Verteidigungssysteme zu Land, Luft und See sollen mit Hilfe staatlicher Beschaffungspolitik aufgebaut werden.
Die Spirale der Eskalation, die ein Aufrüstungskurs unweigerlich nach sich zieht, bleibt unerwähnt. Stattdessen werden das »Sondervermögen Bundeswehr« und die zugesagte 2-Prozent-Quote der NATO emphatisch gefeiert. Wenig verwunderlich, denn beides stellt den Rüstungsunternehmen riesige Konjunkturprogramme in Aussicht.
Doch das Papier ist mehr als eine bloße industriepolitische Strategie. Es nimmt den Staat für die Planungssicherheit der Rüstungsindustrie in die Verantwortung mit dem Ziel, Rüstungsgewinne zu stabilisieren und auszuweiten. Gewerkschaften aber sind nicht die Interessenvertretung der Rüstungsindustrie. Die Unterzeichnung des Papiers sendet daher fatale Signale aus: Es orientiert Mitglieder wie politische Bündnispartner nicht auf Entspannungspolitik und Frieden, sondern stärkt den Diskurs derer, die ein Interesse an militärischer Eskalation haben.

BDSV und Wirtschaftsforum – die Wirtschaftslobbyisten

Die drei Unterzeichneten könnten gegensätzlicher nicht sein. Während die IG Metall die Interessen der abhängig Beschäftigten vertritt und für eine Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen eintritt, sind BDSV und Wirtschaftsforum klassische Wirtschaftslobbyisten. Mit 220 organisierten Unternehmen ist der BDSV ein Industrieverband der deutschen Rüstungsbranche.
Dem Verband geht es um die Änderung des sicherheits- und außenpolitischen Diskurses. Nicht zufällig liest sich die Vorstandsriege wie das »Who is Who« der deutschen Rüstungsindustrie. Darunter Präsident Armin Papperger, der erst kürzlich mit Olaf Scholz im neuen Rheinmetall-Werk in der Lüneburger Heide posierte.
Auch das Wirtschaftsforum der SPD versteht sich als unabhängiger unternehmerischer Berufsverband an der Seite der SPD. Sein Ziel: die Interessen der Wirtschaft in die Führungsriege der SPD tragen. Dazu soll der Austausch von Wirtschaftsvertretern mit den Verantwortungsträgern der Partei in Parlamenten, Regierungen und Parteigliederungen organisiert werden.
Der Verband wurde im Februar 2015 auf Initiative des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der TUI AG, Michael Frenzel, gegründet. Im Beirat sitzt nahezu das gesamte SPD-Führungspersonal der ersten Reihe. Und mit Oliver Burkhard gibt es personelle Überschneidungen zum BDSV, denn Burkhard sitzt als Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor der Thyssenkrupp AG nicht nur im erweiterten Präsidium des Wirtschaftsforums, sondern auch im BDSV-Vorstand.

Industriepolitisches Konzept

Die Orientierung des Papiers ist aus mehreren Gründen problematisch. So werden beispielsweise die Aufrüstungsambitionen der Rüstungsindustrie in einen industriepolitischen Diskurs gekleidet, der angibt, den Erhalt der Fertigungsstandorte und die dazugehörigen Arbeitsplätze in den Blick zu nehmen. Damit suggeriert es, dass Aufrüstung eine Antwort auf die Herausforderungen von wirtschaftlicher Stagnation, Deindustrialisierung und Transformation sein könnte.
Zweifelsohne braucht es mehr politische Steuerung, um die Deindustrialisierung vor allem der industrialisierten Kernregionen West- und Süddeutschlands zu verhindern. Doch in der Vergangenheit haben die Gewerkschaften den Widerspruch zwischen den furchtbaren, tödlichen und zerstörerischen Produkten rüstungsindustrieller Fertigung und dem Interesse an guten Arbeitsplätzen durch eine Konversionsperspektive aufgelöst. Rüstungsunternehmen sollen in den Dienst ziviler Produktion gestellt werden.
Mit dieser Forderung stellen sich die Gewerkschaften zwar gegen die mächtige Rüstungsindustrie und weite Teile des politischen Establishments, das kriegsbesoffen über Bodentruppen in der Ukraine und atomare Abschreckung redet. Aber welche andere Position könnten die Gewerkschaften vor dem Hintergrund ihrer Geschichte, im Bewusstsein von zwei furchtbaren Weltkriegen und angesichts des wachsenden Risikos neuer weltkriegerischer Auseinandersetzungen sonst einnehmen?
Auf einem zerstörten Planeten lassen sich Arbeitsplätze weder erhalten noch gestalten. Statt den aktuellen Transformationsdruck der Industrie mit dem Aufbau der Rüstungsindustrie lösen zu wollen und dabei die alten Konversionsdebatten klammheimlich unter den Teppich zu kehren, müssen Gewerkschaften stärker zum Treiber der Transformation werden. Dabei darf die Entscheidung, was produziert und transformiert werden soll, nicht aus der Hand gegeben werden.
Die Gewerkschaften müssen diejenigen sein, die die Transformation industrieller Fertigungsprozesse mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen ihrer Produkte verknüpfen. Gesellschaftliche Bedarfe jenseits von Krieg, Zerstörung und Tod zu definieren, ist daher eine der zentralen Aufgaben der Gewerkschaften in der Transformation und in der Friedensbewegung.

Zerstörung der gesellschaftlichen Infrastruktur

Auch gesamtgesellschaftlich hätte eine starke Konzentration auf die Rüstungsindustrie fatale Folgen. Die ersten Versuche, den Aufrüstungskurs über Sozialkürzungen zu finanzieren, sind bereits gemacht. Clemens Fuest vom Ifo-Institut bemühte kürzlich sogar die zentrale Propagandametapher der Nazis – »Kanonen statt Butter« –, um die Bevölkerung frühzeitig auf Sozialkürzungen einzuschwören.
Doch abgesehen von der Rücksichtslosigkeit gegenüber den arbeitenden Klassen kann sich der Aufrüstungskurs zudem schnell als Gift für die ohnehin stagnierende Wirtschaft erweisen. Denn staatliche Investitionen in die Infrastruktur, in den Heizungstausch oder die Unterstützung von Arbeitslosen stärken die Binnennachfrage. Rüstungsmilliarden dagegen wandern größtenteils ins Ausland. So fließen derzeit 10 Milliarden aus dem Sondervermögen in die F35-Kampfjets des US-Rüstungsherstellers Lockheed Martin.
Doch selbst wenn man unterstellt, die staatlichen Rüstungsinvestitionen gingen ausschließlich an Firmen in Deutschland, stellt sich die Frage, welchen Nutzen die Gesellschaft davon hätte. Kampfhubschrauber und Panzer steigern zwar das Bruttoinlandsprodukt, schreibt der Ökonom Maurice Höfgen, aber nicht den zivilen Wohlstand.
Hinzu käme ein Verdrängungswettbewerb zugunsten von Rüstungsausgaben, der deutlich zulasten notwendiger Investitionen etwa in den Klimaschutz, in den Ausbau der Bildung, die Entwicklung von Fachkräften, nachhaltigen Industrieumbau oder die Entlastung der Pflegekräfte ginge.
Auch das Fachkräfteproblem, das schon jetzt branchenübergreifend zu spüren ist, würde sich noch einmal deutlich verstärken, denn der Einsatz von Ingenieuren und Monteuren ist natürlich bei der Sanierung von Schulgebäuden, bei der Produktion von E-Autos oder der Installation von Solarpanelen viel sinnvoller als bei der Produktion von Kampfpanzern.

Klimapolitischer Offenbarungseid

Auch klimapolitisch leistet das Papier seinen Offenbarungseid. Denn es reklamiert die Befreiung von klimapolitische Auflagen wie der CO2-Bepreisung ausgerechnet für eine Branche, die zu den größten CO2-Emittenden gehört.
In einer Studie, die im Auftrag von The Left, der Fraktion der linken Parteien im Europäischen Parlament erstellt wurde, wird der CO2-Fußabdruck der deutschen Waffenhersteller auf mehr als 3,4 Millionen Tonnen geschätzt. Für den gesamten deutschen Militärsektor einschließlich der Bundeswehr sind es sogar 4,5 Millionen Tonnen. Das entspricht dem CO2-Ausstoß von etwa einer Million Autos pro Jahr.
Und der Kampfjet F35, den die Bundeswehr bereits geordert hat, emittiert pro Stunde mehr als ein Deutscher im Jahresschnitt verursacht. Steigende Militäretats ziehen einen deutlichen Anstieg der CO2-Emissionen nach sich – eine Entwicklung, die angesichts des drohenden Klimakollapses nicht zu rechtfertigen ist.

Fazit

Zum Selbstverständnis der Gewerkschaften gehört die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Klassen. Eine Stärkung der Rüstungsindustrie, die mittel- bis langfristig sogar in eine Kriegswirtschaft münden könnte, schleift den Sozialstaat, gefährdet das Klima und leitet eine gefährliche Rüstungseskalation ein.
Aus gutem Grund waren SPD und Gewerkschaften über Jahrzehnte tragende Pfeiler der Friedensbewegung. In einer Zeit, in der die politische Klasse sich gegenseitig in Aufrüstungsforderungen überbietet und eine ebenso gefährliche wie absurde Diskussion über Atomkriege führt, sollten die Gewerkschaften ihren Platz nicht an der Seite von Rüstungslobbyisten und Kriegsgewinnlern suchen, sondern in der Friedensbewegung.
Der Gewerkschaftstag hat dafür den Grundstein gelegt, als er beschloss, dass sich die IG Metall »mit Nachdruck für diplomatische Lösungen auf allen möglichen Ebenen und über alle Kanäle« einsetzen wird: »Die Eskalations- und Rüstungsspirale darf sich nicht weiterdrehen.« Ein wegweisender Beschluss, der deutlich macht: Statt gemeinsamer Positionierungen mit der Rüstungslobby braucht es eine selbstbewusste Rückbesinnung auf die traditionelle Rolle der Gewerkschaften und ein offensives Eingreifen in den aktuellen Diskurs.

Die Autorin ist Bundessprecherin der Arbeitsgemeinschaft Betrieb & Gewerkschaft der LINKEN.

Erstveröffentlicht auf soz-online
https://www.sozonline.de/2024/04/hand-in-hand-mit-der-ruestungslobby/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Palästinakongress aktuell

Wichtige Infos zum Livestream und Ort des Palästina Kongresses
Live stream

Der Link zum Livestream wird am 12. April um 12 Uhr auf die Homepage des Palästina Kongresses sowie in die Telegram Info Channel gestellt. Der Livestream beginnt um 14 Uhr am 12. April.

hier geht es zu Homepage mit  Aufruf und Programm des Kongresses

Das sind die Uhrzeiten des Livestreams:
Freitag (12.4) von 14 bis 19.45 Uhr
Samstag (13.4) von 10 bis 13 Uhr
Sonntag (14.4) von 10 bis 14.30 Uhr

Hier zu unserer bisherigen Berichterstattung zum "PALÄSTINA Kongress 2024 - Wir klagen an!"  mit allen Aufrufen und Verlinkungen
Candice Breitz. Protest gegen Sperrung des Kontos

Ort des Kongresses

Der Ort des Kongresses wird um 10 Uhr am 12. April bekanntgegeben auf der Homepage des Kongresses und in Social Media.

Wir bitten um Verständnis wegen der Kurzfristigkeit. Wegen Hetze seitens Rassisten und Genozid-Befürwortern, müssen wir jedoch diese Sicherheitsmaßnahme ergreifen, um zu gewährleisten, dass der Palästina Kongress stattfinden kann.

Am 14. APRIL soll es zu weltweiten Protesten und Aktionen vor deutschen Botschaften und Einrichtungen kommen.

»Es ist ein Angriff auf die akademische Freiheit«

Nancy Fraser über die Kündigung ihrer Gastprofessur an der Uni Köln

Interview: Nathaniel Flakin

Ihre Gastprofessur an der Universität zu Köln wurde gekündigt, weil Sie den offenen Brief »Philosophie für Palästina« unterzeichnet haben, in dem vor einem Genozid gewarnt und Israel ein Apartheid-System vorgeworfen wird. Was ist passiert?

Im Juli 2023 wurde ich nach Köln eingeladen. Im November habe ich die Erklärung unterzeichnet. Erst letzte Woche, obwohl die Stellungnahme schon lange online war, bekam ich eine Mail von Andreas Speer, dem Leiter des Albertus Magnus Center, dass der Rektor der Universität Bedenken geäußert hatte. Ich fand das sehr unangemessen. Ich wurde auf der Grundlage meiner wissenschaftlichen Arbeit eingeladen, die nichts mit meinen Ansichten zu Israel und Palästina zu tun hat. Ich habe zurückgeschrieben, dass es viele verschiedene Sichtweisen zum Thema gibt, und auch Schmerz auf allen Seiten – auch auf meiner Seite als Jüdin. Innerhalb von 24 Stunden erhielt ich eine Antwort vom Rektor: Da ich nicht bereit war, meine Positionen zu revidieren, habe er keine andere Wahl, als die Gastprofessur zu kündigen.

Im Laufe der Jahre haben Sie an verschiedenen deutschen Universitäten gearbeitet. Kam so etwas schon einmal vor?

Noch nie, aber ich war auch nicht so exponiert wie einige meiner Kolleg*innen. Die Situation in Gaza ist aktuell so extrem, dass ich das Gefühl hatte, mich äußern zu müssen.

Vor ein paar Monaten wurde bekannt, dass ein Privatdozent der Uni Köln an einem geheimen Nazi-Treffen teilgenommen hat, wo Pläne zur Deportation von Millionen Menschen diskutiert wurden. Die Universität hat daraufhin ein monatelanges »Überprüfungsverfahren« eingeleitet. Gab es ein solches Verfahren bei Ihnen?

Nein, es gab nur eine Handvoll Mails, und innerhalb von 24 Stunden war alles vorbei. Sie sagen, diese Gastprofessur sei nur eine »Ehrung« und keine akademische Berufung. Aber das ist Unsinn. Ich wurde von einer Gruppe von Professor*innen ausgewählt, und wenn sich der Rektor darüber hinwegsetzt, dann verletzt er die akademische Freiheit. Es ist aber auch ein Angriff auf die politische Freiheit.

Jeder, der eine Meinung links von der Mitte vertritt, könnte aus der Universität fliegen – ein Traum für rechte Politiker*innen. Deswegen haben viele Akademiker*innen, auch in Deutschland, protestiert.

Genau. Und das Traurige daran ist, dass Deutschland dabei behauptet, seine Verantwortung gegenüber jüdischen Menschen wahrzunehmen. Aber die Absagen richten sich – nicht nur, aber auch – gegen jüdische Intellektuelle und Künstler*innen. In Deutschland gibt es eine sehr eingeschränkte Vorstellung von den »guten Juden«, die man schützen soll, und den »schlechten Juden«, die unterdrückt werden können. Der deutschen Öffentlichkeit würde ich gern sagen: Wir sind alle Juden*Jüdinnen, und die Verantwortung Deutschlands uns gegenüber ist nicht zu verwechseln mit Unterstützung für alles, was der Staat Israel tut.

Das ist nicht der erste solche Fall in den vergangenen Monaten. Auch die drei jüdischen Intellektuellen Judith Butler, Masha Gessen und Candice Breitz wurden in Deutschland für ihre Positionen zu Gaza angefeindet …

Ich bewundere diese Menschen sehr – und bin stolz darauf, mich nun in ihrer Gesellschaft zu befinden, auch wenn das nicht meine Absicht war. Für Leute, die eine offene Diskussion über die Geschehnisse in Palästina verhindern wollen, sind wir sehr unbequem. Wenn Juden und Jüdinnen wie wir sagen, dass wir andere Ansichten zu Israel haben, wird das als Störung aufgefasst, vielleicht sogar als Bedrohung.

Wie hat sich Ihre Biografie auf Ihre Ansichten ausgewirkt?

Ich stamme aus einer assimilierten Familie, die nicht sehr religiös war. Meine Großeltern verließen Europa am Anfang des 20. Jahrhunderts, also vor dem Aufstieg des Faschismus. Schon in der Mittelstufe engagierte ich mich in der Bürgerrechtsbewegung. Damals herrschte in meiner Heimatstadt Baltimore die gesetzliche Rassentrennung, Jim Crow genannt. Afroamerikaner*innen durften nicht in den gleichen Restaurants essen oder in den gleichen Schwimmbädern schwimmen. Der Kampf um Desegregation zog mich schnell an. Ich hatte eine klassische 68er Biographie: von den Bürgerrechten zum Vietnamkrieg zum SDS zum Feminismus, und so weiter und so fort. Ich hatte nie besonders mit Israel zu tun.

Wie hat sich das geändert?

Unmittelbar nach dem Junikrieg von 1967 verbrachte ich circa sechs Monate in einem Kibbuz. Es gab einen Appel an Freiwillige, zu kommen und bei der Ernte zu helfen. Ich dachte, ein Kibbuz hätte etwas mit Sozialismus zu tun, aber ich war ziemlich schnell desillusioniert, weil ich auf einen anti-arabischen Rassismus traf, der dem anti-Schwarzen Rassismus in den Vereinigten Staaten sehr ähnelte. Gegenüber vom Kibbuz war ein arabisches Dorf, und die arabischen Kinder durften nicht das Schwimmbad des Kibbuz benutzen. Ich dachte: »Mein Gott, das schon wieder?« Als ich zurück in die USA ging, habe ich mich in die ganze Vielfalt der politischen Verpflichtungen der Neuen Linken hineingeworfen.

Die Regierungen von Deutschland und den USA unterstützen Israel, auch wenn ein Großteil der Bevölkerung dem kritisch gegenüber steht. An den Universitäten gibt es Repression gegen Palästina-Solidarität, auch wenn sie von jüdischen Studierenden ausgeht. Inwiefern lassen sich die beiden Länder vergleichen?

In den USA haben wir auch mit einem pro-israelischen McCarthyismus zu tun. Aber es ist nicht so heftig, weil wir es geschafft haben, eine echte öffentliche Debatte zu führen. Früher wurden die Stimmen von Palästinenser*innen verschwiegen, aber jetzt werden sie gehört und dadurch haben wir eine ausgewogenere Auseinandersetzung. Ich hoffe, dass sich sowas auch in Deutschland entwickelt. Hier in den USA haben wir eine große und politisch aktive jüdische Bevölkerung – viel größer als in Deutschland. Jahrzehntelang waren die prominentesten jüdischen Stimmen strikt pro-israelisch. Aber in den vergangenen Jahren haben Organisationen wie Jewish Voice for Peace und Not in Our Name dafür gesorgt, dass jüdische Kritiker*innen der israelischen Besatzung Gehör finden. In Deutschland reden gerade alle über Juden*innen, aber nicht mit uns.

Interview

Nancy Fraser (Jahrgang 1947) ist Philosophieprofessorin an der New School in New York City und eine führende Theoretikerin des Feminismus. Vergangene Woche wurde ihre Gastprofessur an der Universität Köln kurzfristig abgesagt.

Erstveröffentlicht im nd v. 10.4. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1181348.universitaet-koeln-nancy-fraser-es-ist-ein-angriff-auf-die-akademische-freiheit.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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