Ab jetzt dagegen

Die Unterstützung für Israels Krieg in Gaza schwindet. Doch mehr Hilfe allein reicht nicht. Der Leitartikel des medico-Rundschreibens 2/2025

Medico-International ist eine der herausragenden Stiftungen, die aus der 1968er-Bewegung entstanden ist und ihren herrschaftskritischen emanzipatorischen Geist bis heute bewahrt hat. Eine wirklich wohltuende Adresse zu wichtigen Fragen des Zeitgeschehens. Hier mit einer Kommentar zur Situation in Nah-Ost: Gedanken aus der Perspektive der Unterdrückten und schroff gegen den imperialistischen Zeitgeist. MI ruft auf zu Spenden für ihre Partnerorganisation in Gaza, deren Arbeit bedroht ist. (Jochen Gester)

Von Riad Othman

Gaza wird ausgehungert. Das scheint mittlerweile endlich auch in größeren Teilen des Deutschen Bundestages, der Regierung sowie in den Medien zur Gewissheit zu werden. Wer hätte wissen wollen, dass dies nicht erst seit dem 2. März 2025 der Fall war – dem Beginn einer erneuten vollständigen Abriegelung Gazas –, hätte sich nur die Zahlen der obersten israelischen Besatzungsbehörde COGAT in den 15 Monaten nach dem 7. Oktober 2023 ansehen müssen. Bis Ende 2024 veröffentlichte sie regelmäßig mit großer Selbstsicherheit die Anzahl der Lastwagen, die sie in die größtenteils zerstörte Enklave ließ. Sie wollte damit beweisen, dass der Vorwurf des Kriegsverbrechens, der palästinensischen Bevölkerung dort überlebensnotwendige humanitäre Hilfe vorzuenthalten, haltlos sei. 

Dabei zeigen ihre Zahlen vor allen Dingen eines: Die israelische Regierung hat selbst nach ihren eigenen Angaben im genannten Zeitraum ein knappes Viertel dessen an Hilfsgütern nach Gaza gelassen, was auch die Vereinten Nationen als das absolute Minimum definiert hatten. International hatten deshalb Regierungen, darunter Berlin, im Verlauf der letzten 20 Monate wiederholt den uneingeschränkten oder zumindest stark verbesserten Zugang nach Gaza gefordert. Entsprechende Schritte hatte der Internationale Gerichtshof in Den Haag der israelischen Regierung bereits Ende Januar 2024 rechtsverbindlich aufgetragen. Zwei weitere Male ordnete er vorläufige Maßnahmen an, um die Gefahr eines Genozids an der palästinensischen Bevölkerung Gazas abzuwenden – auch weil die israelische Regierung das genaue Gegenteil tat und mit dem Vorgehen ihrer Armee die Situation in dem Küstengebiet immer weiter verschlimmerte.

Dabei sollte allen Beteiligten klar sein – und Deutschland ist qua seiner Unterstützung Israels beteiligt –, dass es hier nicht nur um den Zugang zu humanitärer Hilfe geht. Die von der israelischen Regierung wiederholt angekündigte Zwangsumsiedlung der Menschen aus großen Teilen des Gazastreifens in immer kleinere Enklaven soll nach Netanjahus Willen nicht vorübergehend sein. Sie dient auch keinem übergeordneten militärischen Ziel. Vielmehr ist die ethnische Säuberung mittlerweile selbst mehrfach artikuliertes Kriegsziel, wie der bekannte Menschenrechtsanwalt Michael Sfard erst jüngst in einem Kommentar für die israelische Tageszeitung Haaretz schrieb. Seit der unilateralen Aufkündigung der Waffenruhe durch die israelische Regierung am 18. März haben ihre Streitkräfte 34 Befehle zur Zwangsumsiedlung gegen die Bevölkerung erlassen. Bis zu 80 Prozent der Enklave sind davon betroffen. „Eines der Ziele der IDF, wie in den Operationsbefehlen definiert, ist die ‚Konzentration und Umsiedlung der Bevölkerung‘. Halten Sie einen Moment inne und lassen Sie sich den Begriff ‚Konzentration der Bevölkerung‘ auf der Zunge zergehen“, kommentierte Sfard. Die seither intensivierten Angriffe, denen an vielen Tagen über 100 Menschen zum Opfer fallen, zählen zu den tödlichsten seit Beginn der Gaza-Krieges infolge des 7. Oktober 2023. Alleine seit dem Ende der Waffenruhe Mitte März 2025 sind laut UNICEF in Gaza 1.309 Kinder getötet und 3.738 verletzt worden.

Sinneswandel ohne Konsequenzen

Diese Entwicklungen ließen in vielen europäischen Hauptstädten sowie in Kanada die Alarmglocken schrillen. Ein Wandel schien auch in Deutschland Einzug zu halten, als der neue Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, dass er die Zielsetzungen der israelischen Regierung nicht mehr nachvollziehen könne, wenn die palästinensische Zivilbevölkerung derart in Mitleidenschaft gezogen werde wie – so Merz – „in den letzten Tagen“. Außenminister Johann Wadephul, der noch kurz vor dem Besuch seines israelischen Amtskollegen Gideon Sa’ar in Berlin bekundet hatte, die Waffenexporte auf den Prüfstand stellen zu wollen, ruderte dann allerdings zurück. Deutschland werde weiter Waffen liefern. Ein fatales Signal. Auch der Vorwurf Ursula von der Leyens an die Adresse Israels, unverhältnismäßige Gewalt gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza anzuwenden, stand ganz im Zeichen einer sich abzeichnenden, rhetorischen Trendwende. Die Autorin und Publizistin Charlotte Wiedemann kommentierte: „Wofür gestern noch Menschen ihren Job verlieren konnten, ist heute in aller Munde. Als hätten die Kinder in Gaza erst jetzt begonnen zu sterben.“

Sollte sich die Reaktion Europas in unterschiedlichen Empörungsbekundungen erschöpfen, wird sie wirkungslos bleiben. Die nun durch Großbritannien, Norwegen, Neuseeland, Australien und Kanada angekündigten Sanktionen gegen die israelischen Kabinettsmitglieder Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich gehen zwar in die richtige Richtung. Sie erfolgen jedoch mit explizitem Bezug zu deren negativer Rolle bei der Eskalation der Gewalt im Westjordanland. Vor allem aber beschränken sie sich auf jene Regierungsmitglieder, die unumstritten schon lange als Extremisten gelten und die weder zentrale noch alleinige Verantwortung für das israelische Vorgehen im Gazastreifen tragen. Das Problem sind nicht nur einzelne, extremistische Politiker. Das Problem ist ein System, das auf Landraub, Verdrängung bzw. Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und jüdische Vorherrschaft aufbaut. Werden diese Parameter nicht adressiert, wird es weder in Gaza noch im Westjordanland zu signifikanten Veränderungen im Sinne einer Verwirklichung des legitimen Selbstbestimmungsrechts der palästinensischen Bevölkerung kommen.

Von der Selbstverteidigung zum Genozid

In der Genozidforschung ist bekannt, dass die meisten, wenn nicht sogar alle, Völkermorde historisch mit einem Narrativ der Selbstverteidigung einhergingen. Gerade Deutsche sollten das wissen. Der Holocaustforscher Omer Bartov erinnerte jüngst in einem Artikel für die New York Review daran, dass der unmittelbare Anlass des deutschen Genozids an den Herero und Nama zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Namibia Überfälle dieser indigenen Gruppen auf Farmen weißer Siedler waren. Dieses Ereignis traf damals auf die schon zuvor vorhandene sozialdarwinistische und rassistische Sicht auf Indigene und die brutale Logik westlicher Kolonialregime. 

Sein Kollege, der Genozid-Forscher Mark Levene, beschrieb das gängige Narrativ zur Legitimation genozidaler Gewalt: „Es sind deshalb ‚sie‘, die gegnerische Bevölkerung, denen wegen ihrer fehlgeleiteten Handlungen und Glaubenssysteme, um nicht zu sagen, wegen ihrer Grausamkeiten gegen ‚uns‘ die Schuld und Verantwortung für den ‚Selbstverteidigungskrieg‘ der Täter gegeben wird, der folglich bis zum Äußersten und ohne Gnade gekämpft werden muss.“ Der 7. Oktober schuf in Israel einen Anlass, „tief verwurzelte […] Antipathien gegenüber einer Bevölkerungsgruppe“ [den Palästinenser:innen] in die Tat umzusetzen. Die internationale Solidarität mit Israel und seine massive Ausrüstung mit US-amerikanischen und deutschen Waffen trugen entscheidend dazu bei, die Möglichkeiten zur Umsetzung zu schaffen und aufrechtzuerhalten.

Auf all das ist die Forderung nach mehr oder uneingeschränkter Hilfe keine ausreichende Antwort. Die Hilfe, wie wir sie derzeit in Gaza sehen, gleicht dem Versuch, ein System zu errichten, das die Bevölkerung nicht versorgen, sondern sie in kleinen Sektoren konzentrieren soll. Unsere Partnerorganisationen und uns stellt all das vor nicht gekannte Herausforderungen. Denn natürlich streiten wir gemeinsam für das Recht auf Hilfe und den ungehinderten Zugang zur Zivilbevölkerung. Und ohne Zweifel wissen wir um die überlebensnotwendige Bedeutung jener Hilfsgüter, denen der Weg nach Gaza weiterhin versperrt wird. Doch niemand sollte sich der Illusion hingeben, mehr humanitäre Hilfe würde die Situation grundsätzlich verändern. Im Kern handelt es sich um ein politisches Problem. Der kürzlich für seine Reportagen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete palästinensische Dichter Mosab Abu Toha aus Gaza brachte es im Mai im Kurznachrichtendienst X einmal mehr auf den Punkt: „Wir wollen keine Hilfe. Wir sind keine armen Leute. Beendet einfach den Genozid. Beendet die Besatzung. Beendet die Blockade.“

Viele Tausende Menschen haben bei medico in den vergangenen Wochen Zehntausende Postkarten und Poster bestellt, auf denen steht: „Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein.“ Das ist der Titel eines kürzlich erschienenen Buches des Schriftstellers Omar El Akkad. Für die kommenden Wochen sind Proteste in zahlreichen deutschen Städten angekündigt. Es ist höchste Zeit, dass die 80 Prozent, die sich jüngst erst wieder in einer Umfrage des ZDF gegen den Krieg geäußert haben, auch Gesicht zeigen, auf die Straße gehen und sich in ihrem Umfeld für die Haltung einsetzen, dass alle Menschen auch wie solche behandelt werden.

Der Artikel erschien im medico-Rundschreiben 02/25
Wir danken für das Publikationsrecht.

Komitee der Hafenarbeiter: „ver.di muss jetzt gegenhalten!“

Die globalen Transportarbeitergewerkschaften und davon insbesondere die Hafenarbeiter:innen sind internationalistisch aufgestellt. Sie arbeiten an den Schaltstellen der internationalen Warenlogistik. Sie arbeiten vernetzt mit Beschäftigten aus allen Völkern, Nationen, Religionen und Kulturen. Das alles verleiht ihnen besondere Macht, aber auch Bewusstheit über die Ereignisse in der Welt und das Schicksal ihrer Kolig:innen. So kommt es, dass sie nicht nur hart um ihre ökonmischen Interessen kämpfen, sondern sich auch beispielhaft solidarisieren und zum Sand im Getriebe vor allem der imperialen Kriegslogistik werden. Immer wieder fallen sie auf durch Boykottmaßahmen gegen Waffenlieferungen. So kam es in den letzten beiden Jahren in vielen westlichen Ländern wie den USA, Schweden, Frankreich, Portugal , Griechenland , Italien usw. . zu Streiks – oft international vernetzt – gegen Waffenlieferungen nach Israel! “ Das Schicksal der Menschen in GAZA und unserer Kollegen dort geht uns nicht am Arsch vorbei“. [1]US Hafenarbeiter [2]ITF [3]Schweden

Auch in Deutschland mehren sich die Anzeichen, dass sich die Kolleg:innen in den Häfen nicht mehr länger an der Leine führen lassen wollen. Letztes Jahr kam es an den deutschen Häfen zu den intensivsten Streiks seit 40 Jahren. Gegen Sparmaßen, Inflationsauswirkungen und ein skandalöses Urteil, mit dem ein längerer Streik gerichtlich untersagt wurde. [4]Hafenstreik gegen Inflation: Angriff durch Polizei und Gerichte Der palästinensische Hafenarbeiter Mohammed Alattar appellierte vor einigen Monaten an seine Kolleg:innen im Hamburger Hafen und rief zur Solidarität mit GAZA auf. [5]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/appell-eines-palaestinensischen-hafenarbeiters-an-seine-kollegen-im-hamburger-hafen-aber-auch-an-uns-alle/ Am 1.Mai dieses Jahres forderte das Hafenkomitee in Hamburg die Wiedereinstellung des stellvertretenden Vorsitzenden der schwedischen Hafenarbeitergewerkschaft Erik Helgeson, der wegen Waffenboykott gegen Israel gefeuert worden war (siehe Titelbild).

Das Hafenarbeiterkomitee mobilisiert nun in dem folgenden Aufruf, dass man sich in der diesjährigen Tarifrunde politisch nicht eingarnen lassen darf. Die jahrelange Sparerei auf dem Rücken der Beschäftigten muss ein Ende haben! Erfolg stellt sich nur bei kompromisslosem Kampf ohne Einbindung in die imperialen Interessen des Kapitals und seiner Vertreter ein. Dazu gehört gerade auch die internationale Solidrität! Und jede Form von Verzicht ist kontraproduktiv.

Aufruf des Komitee von Hafenarbeitern

Wofür soll ver.di kämpfen? Bei der letzten Hafenkonferenz in Undeloh stand Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich ganz oben auf der Liste. Eine richtige Forderung. Aber Fakt ist auch: Der Wind bläst gerade aus der anderen Richtung. Wir sollen mehr arbeiten und den Gürtel enger schnallen. Im Kampf für unsere Interessen stoßen wir auf den Widerstand nicht nur der Hafenbosse, sondern auch der Regierung. Sie will, dass wir die Kosten für das 5-Prozent-Ziel der NATO und ihren immer aggressiveren Kriegskurs tragen. Aber die ver.di Führung steht hinter der NATO und der Regierung. Daher stellt sie sich gegen einen entschlossenen Kampf, der den Bossen wirklich wehtut, den Hafen lahmlegt und den Kurs der Regierung torpediert.


In der letzten Tarifrunde hat sich das besonders krass gezeigt: Die ver.di-Führung hat dem SPD-Senat geholfen, den MSC-Deal gegen den Willen der Hafenarbeiter durchzudrücken! Genau dagegen haben wir das Komitee von Hafenarbeitern für eine kämpferische ver.di gegründet – mit der Forderung, die Tarifrunde mit dem Kampf gegen den MSC-Deal zu verbinden und einen hafenweiten Streik durchzuführen. Wir haben versprochen, dass wir nicht lockerlassen.

Die ver.di-Führung will die Tarifrunde auch dieses Mal auf eine reine Lohnforderung reduzieren und der Regierung den Rücken freihalten – mit dem Ergebnis, dass wir am Ende wieder einen mickrigen Abschluss bekommen, der schon am nächsten Tag von der Inflation wieder aufgefressen wird. Um wirklich etwas in der Tarifrunde zu erreichen, darf ver.di nicht länger die Kriegs- und Regierungspolitik unterstützen, sondern muss sich gegen sie stellen.

Wir Hafenarbeiter können konkret etwas gegen die Machenschaften unserer Regierung tun – zum Beispiel gegen ihre Unterstützung für Israel. Wir dürfen nicht zulassen, dass Israel, der Handlanger der USA und Deutschlands, mit der Vernichtung von Palästina und dem Feldzug gegen Iran durchkommt. Ansonsten werden weitere Angriffe folgen, gegen andere Länder und gegen uns Arbeiter. Kollegen in Göteborg, Genua, Piräus und anderen Häfen haben es vorgemacht und Waffenlieferungen an Israel gestoppt. In Marseille weigerten sich die CGT-Hafenarbeiter, einen Container mit Maschinengewehren für Israel zu verladen. Wir unterstützen unseren palästinensischen Kollegen Mo, der von ver.di konkrete Aktionen dieser Art verlangt. Doch die ver.di-Führung klebt an der Staatsräson für Israel.


Damit lässt sie nicht nur Mo hängen, sondern uns alle. Es geht hier nicht um eine moralische Frage, sondern um die Interessen von uns Arbeitern. Am Beispiel der Ukraine ist das vielleicht greifbarer: Für die NATO-Sanktionen gegen Russland und die Waffenlieferungen an die Ukraine bezahlen wir den Preis mit Inflation, Deindustrialisierung und Aufrüstung. Mit der Aggression gegen andere Länder geht auch Unterdrückung hierzulande einher: Wer sich gegen den antirussischen Kriegskurs stellt und russisches Gas und Öl wieder reinlassen will, wird als Rechter oder „Putinfreund“ gebrandmarkt. Und genauso werden Muslime, Palästinenser und Palästina-Aktivisten, die sich gegen den Völkermord stellen, als „Antisemiten“ verleumdet, entlassen und mit Entzug der Staatsbürgerschaft bedroht. Jeder Widerstand gegen die herrschende Linie soll gebrochen werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch streikende Arbeiter dran sind.

Schluss damit! Nutzen wir unsere Macht, nicht als einzelne, sondern gemeinsam unter Schutz und Führung unserer Gewerkschaft: ver.di muss die Waffenlieferungen an Israel und die Ukraine stoppen!

Auch in Friedenszeiten hat die ver.di-Führung die arbeiterfeindliche Regierungspolitik unterstützt. Sie hat die ganzen Verschlechterungen im Hafen mitgetragen: Lohndrückerei, Auslagerungen, ein Flickenteppich von Tarifverträgen. Das hat uns Hafenarbeiter weiter gespalten und die Kampfkraft unserer Gewerkschaft geschwächt. Die BTK will das Problem bei den Verhandlungen zum Rahmentarifvertrag angehen, getrennt von der Lohnrunde, und hat „Änderungsbedarf“ formuliert. Unser Änderungsbedarf ist klar: Das ganze System von Spaltungen und Ungleichheiten muss vom Tisch! Ein Hafen, ein Kampf, ein Tarifvertrag! Und ver.di muss diese Frage mit der Lohnrunde verbinden. ver.di muss nicht nur in Worten, sondern in Taten die Interessen aller Hafenarbeiter vertreten und diese für unseren gemeinsamen Kampf mobilisieren! Es muss handfeste Verbesserungen und kräftige Lohnerhöhungen für uns alle geben.

Ein paar Forderungen von Kollegen, die wir gut finden: Massive Lohnerhöhung für die gefährliche und harte Arbeit der Lascher! Höhere Eingruppierung der Handwerker und Lascher! Streichung der untersten drei Lohngruppen! In vielen Gesprächen kommt Unzufriedenheit mit Vorgesetzten und dem Nasenfaktor bei den Einteilungen zum Ausdruck.
Ausländische und muslimische Kollegen arbeiten oft zu schlechteren Bedingungen. Aus unserer Sicht gibt es eine faire Lösung für alle: gewerkschaftliche Kontrolle über Einstellungen und Einteilung der Arbeit! Momentan brummt es noch in Hamburg, es wird eingestellt. Aber schon bald haut die Krise richtig rein, dann ist Schluss damit. Dann stehen die Älteren wieder allein mit der Arbeit da – und die Jugend hat keine Perspektive. Schluss mit Befristung! Unbefristete Einstellung für alle!

Der nächste Schritt: eine hafenweite ver.di-Versammlung!

Jetzt geht es darum, all das durchzusetzen. Eine Idee in Undeloh war die Einberufung einer hafenweiten ver.di-Versammlung, die demokratisch die Forderungen für die Tarifrunde festlegen soll. Richtig! Wir hören schon die Standard-Ausrede der ver.di-Führung: „Zu den Versammlungen kommt doch eh keiner!“ „Die Arbeiter sind selbst schuld, weil sie nichts machen!“ Damit will sie verhindern, dass eine Versammlung einberufen wird, auf der wir Hafenarbeiter den weiteren Kurs unserer Gewerkschaft bestimmen. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Versammlung stattfindet und es kein Weiter-So gibt! Notruf 040, Fachbereich Maritime Wirtschaft: Eure Forderungen in Undeloh fanden wir richtig. Wo sind sie geblieben? Wir wissen, dass viele von euch nicht die Politik der obersten ver.di-Führung teilen. Also lasst uns gemeinsam für einen Kurswechsel von ver.di kämpfen!

Komitee von Hafenarbeitern Für eine kämpferische ver.di, +49 170 88 62 306 HafenKomitee@proton.me

Titelfoto: Komitee von Hafenarbeitern Hamburg

Der Veteranentag ist da – Ehre den zukünftigen Opfern!

Von Manfred Henle

Der Veteranentag am 15. Juni war ein weiterer Einschritt in der Militarisierung der Gesellschaft auf dem Wege der erhofften Kriegsfähigkeit. Wir hatten zur Berliner Demonstration gegen die Etablierung eines solchen Tages mobilisiert und dann über die Demo-Auflagen und das Eingreifen der Polizei berichtet. Es scheint uns lohnend, hier nochmal einen vertiefenden Rückblick zu wagen.

Einen solchen gibt es bereits vom die Demo mitorganisierenden „Provisorischen anarchistischen Antikriegsrat“, auf den wir hier verlinken:
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/deutschland/stoerungen-des-veteranetages-in-berlin-und-anderswo-eine-kleine-bilanz-des-erfolgs-009128.html

Auch im Untergrundblättle erschien ein treffender Kommentar von Gerald Grünklee,den er kurz vor dem Demo verfasst hat.
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/deutschland/zum-nationalen-veteranentag-am-15-juni-009110.html

Der folgende Beitrag von Manfred Henle, der den Leser:innen des Forums schon bekannt ist, erschien gestern – am 28. Juni. (Jochen Gester)

Titelbildcollage: Jochen Gester

Die Unterwerfung der gesamten Gesellschaft unter den Imperativ der Kriegstüchtigkeit, den die Zeitenwende-Kriegs-Koalition wie die gegenwärtige Kriegs-Koalition in Angriff genommen haben, hat inzwischen beträchtliche Fortschritte hinsichtlich Mentalitätswechsel und Kriegsvorbereitung erzielt.

1. Veteranentag und Veteranenkult – worum es geht

„Mit Sozialleistungen und mit Bildung lässt sich dieses Land nicht verteidigen.“ (Pistorius, 21.5.2025)

Das Unternehmen „Mit einer Billion Euro in den Krieg, „whatever it takes“ (IMI-Analyse, 24. 3.2025), der sogenannte „Aufwuchs“ des deutschen Gewalt-, Militär- und Kriegsapparats um 460.000 junge Soldatinnen und Soldaten „zuzüglich einer militärischen und zivilen Reserve“ (Friedrich Merz plant gigantische Bundeswehr, 20.5.2025), sowie das gigantische Vorhaben, den deutschen Militär- und Kriegsapparat zur mindestens „konventionell stärksten Armee Europas“ herzurichten, hat in der Bevölkerung keinerlei Unruhe ausgelöst. Genügt das? Nein, auf gar keinen Fall, heißt es von Seiten der politischen Entscheidungs- und Verantwortungsträger über Krieg und Frieden. Denn:

Heute geht es hier im Bundestag, der Herzkammer der Demokratie, um viel. Es geht um Wichtiges. Es geht um viel Wichtiges für viele…Es geht um die Anerkennung derjenigen, die in letzter Konsequenz bereit sind, das Äußerste für andere zu geben, und die ihr Leib und Leben für unser Land einsetzen. (Pistorius, Bundestag 25.4.2025)

Dass es beim viel Wichtiges für Viele darum geht, in letzter Konsequenz bereit zu sein, das „Äußerste“, Leib und Leben herzugeben, darin ist der Herzkammer der Demokratie kaum zu widersprechen. Allerdings ist hinzuzufügen, dass es schon die Herzkammer der Demokratie ist, die in ihrer allumfassenden Kriegsvorbereitung nicht nur Viele, auch nicht nur die Staatsbürger in Uniform, sondern alle „Menschen in unserem Land“ (Pistorius Veteranentag-Rede (audio) 15.6.2025) in die Situation hinein befehligt und hineinmanövriert, das Äußerste, Leib und Leben hergeben zu müssen, eben auch als Zivilisten: sei es an der Heimatfront, sei als rüstungsindustrielle oder sonstige Reservearmee, sei es als unvermeidlicher Kollateralschaden unterm gegnerischen Kugel-, Drohnen-, Bomben- und Raketenhagel.

Das hinzunehmen verdient: „Anerkennung“ (Pistorius, 25.4.2025) und „Wertschätzung … Schulter an Schulter. Einfach Respekt.“ (Pistorius, 15.6.2025) So ist der zukünftig alljährlich wiederkehrende, höchst feierlich zu zelebrierende „Veteranenkult“ (Pistorius, 25.4.2025) dazu ausersehen, die Bevölkerung mental und seelisch auf den von der Herzkammer der Demokratie ins Auge gefassten und geplanten Krieg einzustimmen:

Ein nationaler Veteranentag ist auch ein Zeichen in die Gesellschaft, und das ist nicht weniger wichtig. Viel zu oft kam in den vergangenen Jahren das Gefühl auf, dass unser Leben in Freiheit und Frieden eine Selbstverständlichkeit ist. (Ebd.)

Mitunter auch auf diese Weise ist die verlangte Kriegstüchtigkeit der gesamten Gesellschaft mental und seelisch einzubrennen. Mit anderen Worten: „Der Veteranentag soll genau das bewirken – er soll den Menschen eine neue Leitkultur verpassen und die Aufrüstung mit ‚Folklore‘ ausstatten.“ (Roberto de Lapuente, Alles Gute, liebe Kameraden!, 15.5.2025)

Der alljährliche Veteranentag ist ein weiterer Baustein zur rücksichtlosen Durchsetzung des Imperativs der Kriegstüchtigkeit, zu der die Menschen im Lande herzurichten sind. Andererseits hält die Herzkammer der Demokratie am Tag der Veteranen noch einige andere Klarstellungen bereit, um den Menschen im Land zu unterbreiten, was die Herzkammer der Demokratie noch alles außer Anerkennung, Wertschätzung, Würdigung und Respekt Schulter an Schulter fürs Kommende mit ihnen vorhat.

2. Das Schutzobjekt der Verteidigung: Frieden, Freiheit, Sicherheit, Stabilität, Schutz, das Leben

„Dieser Tag macht klar, was der höchste Preis für unser Leben in Freiheit und Frieden ist.“ (Pistorius, 25.4.2025)

Die Unterwerfung und Aufteilung des blauen Planeten unter die Konkurrenz der Staaten bringt tagein tagaus sich wechselseitig schädigende Gegensätze hervor. Insofern ist die Bedrohung von Außen, durch Andere allgegenwärtig. Weshalb die staatliche Gewalt-, Kriegs- und Zerstörungsmaschinerie zur Grundausstattung eines jeden staatlichen Gebildes dazugehört.

Nimmt in der staatlichen Lagebeurteilung das Hindernis, die Beeinträchtigung oder die Schädigung gegenüber den eigenen staatlichen Zwecken und Interesse ein nicht mehr tragbares Ausmaß an, dann sind die politischen Entscheidungs- und Verantwortungsträger so frei, eine konkrete Bedrohung zu diagnostizieren. Im Fall der deutsch-europäischen NATO-Wertegemeinschaft: Schon die schiere Existenz Russlands mit seiner gigantischen Landmasse bedroht, das heißt: relativiert seit jeher die ausgreifenden, geo- und weltpolitischen Ansprüche und Interessen der deutsch-europäischen NATO-Wertegemeinschaft. Diese weitreichenden Ansprüche gehören verteidigt. Weshalb es einer Verteidigungsbereitschaft von allem und jedem bedarf und eines staatlichen Gewaltapparates, der in der Lage ist, mit allen Mitteln der Gewaltanwendung die ausgreifenden, geo- und weltpolitischen Ansprüche und Interessen zu „verteidigen“.

Das gebietet nunmehr notfalls auch ohne die USA, Russland aus dem Spiel zu nehmen. Zumal, da Russland mit seinen weltpolitischen Kalkulationen seiner weiteren Vorwärtseinkreisung durch den Einmarsch in die Ukraine praktisch Einhalt geboten hat und weiterhin gebietet. Diese „Bedrohung“ der ausgreifenden Zwecke und Interessen der deutsch-europäischen NATO-Wertegemeinschaft verlangt eine endgültige Lösung. Insbesondere auch angesichts China und jeder sonstigen zukünftigen Behinderungen durch Konkurrenten oder sogenannter „strategischer Gegner“. Daraus folgt: Erstmal und auf jeden Fall Krieg gegen Russland. Das ist der erste Teil der Bedrohungslehre.

In den zynischen Kriegsaufruf-Worten der Herzkammer der Demokratie:

Sie haben sich bewusst entschieden, weil sie gesagt haben, wir erleben in einer neuen Zeit, in der Bedrohung wieder eine Rolle spielt, in der wir uns dieser Bedrohung stellen müssen, leider stellen müssen und wir, diese jungen Leute, sagen, da will ich ein Teil davon sein. Ich will meinen Teil dazu beitragen. (Pistorius, 15.6.2025)

Weder haben die jungen Leute im Land gesagt, wir leben in einer Zeitenwende, in einer neuen Zeit der Bedrohung, noch haben sie von sich aus verlauten lassen, dass sie liebend gerne ein Teil beim Beiseite räumen dieser Bedrohung sein und ihren Teil dazu beitragen möchten. Weil davon keine Rede sein kann und der in Vorbereitung befindliche Krieg gegen Russland jede Menge lebendigen „Aufwuchs“ des deutschen Gewalt-, Militär- und Kriegsapparats bis mindestens 2030 benötigt, gibt es das schöne Instrument der Wehrpflicht. Das ist keine Pflicht im kantisch-moralischen Sinn, sondern der physische, unter Strafandrohung durchzusetzende Zwang, das Kämpfen, Zerstören, Vernichten, Töten und Getötet-Werden rücksichtslos gegen sich und andere anzuwenden erlernen.

Nun heißt es aber, zweiter Teil der Bedrohungslehre:

„Wer bereit war und ist, die Freiheit und Sicherheit Deutschlands eben im Notfall buchstäblich mit Leib und Leben zu verteidigen, der verdient unsere Anerkennung und unsere Dankbarkeit und unseren Respekt.“ (Pistorius, 15.6.2025)

Explizites Schutzobjekt ist Deutschland: und zwar dessen Freiheit und Sicherheit. Eine weitere Klarstellung des Veteranentags. Diese souveräne Freiheit, den ausgreifenden staatlichen Zwecken und Interessen gegen jedes Hindernis, also gegen jede potenzielle oder reale Bedrohung, die sie durch ihre globalen Ansprüche selbst erschafft, weltweit freie Bahn zu verschaffen, benötigt Stabilität nach Innen ebenso, wie im näheren und fernen Umfeld und Ausland. Gelegentlich notwendige Kriege gleichermaßen, um den Frieden, die Sicherheit und Freiheit des deutschen Vaterlandes samt seinen NATO- und sonstigen Bündnispartnern mit glaubwürdiger Abschreckungsgewalt wieder herzustellen und aufrecht zu erhalten.

Der private Frieden, die private Freiheit und Sicherheit, der staatlich gewährte Schutz und das Leben und die Gesundheit eines jeden Einzelnen ist die Dispositions- und Verfügungsmasse der staatlichen Freiheit und Souveränität, der politischen Herrschaft, hierzulande organisiert als Demokratie: einkalkulierte staatlich erzwungene Opfergabe im geplanten Krieg gegen Russland.

Möglicherweise verascht und verdampft diese Dispositionsmasse Deutschlands im atomaren Feuer der gegen die atomare Weltsupermacht ins Visier genommenen thermonuklearen Auseinandersetzung mit Russland seitens Deutschlands und seiner NATO-Partner. Das ist er dann, „der höchste Preis für unser Leben in Freiheit und Frieden.“ (Pistorius)

Umso mehr ist die Kriegstüchtigkeit der gesamten Gesellschaft gefordert. Das ausgreifende „Recht auf Selbstverteidigung“, einschließlich „das Recht auf Angriffskriege“ (German Foreign Policy, 16.6.2025) steht nicht nur Israel zu, da es doch darum geht, Russland in die Knie zu zwingen. Dieses Vorhaben siegreich zu gestalten, ist gegenwärtig oberste Priorität der Parlamentsarmee.

3. Die Parlamentsarmee und ihr Handwerk

„Sie wissen das alle, die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee reinster Güte.“ (Pistorius, 15.6.2025)

Als Armee, als materieller und menschlicher, staatlich ins Leben gerufener Gewalt-, Militär- und Kriegsapparat, als bewaffneter Arm staatlicher Souveränität und Freiheit, unterscheidet sich die Parlamentsarmee in ihrem Auftrag und in der Ausübung ihres erlernten Handwerks von keiner anderen Armee der Welt: Alle Armeen sind gefordert und befehligt, durch Kämpfen, Zerstören, Vernichten, Töten und Getötet-Werden, den Zwecken und Interessen der staatlichen Herrschaft und ihrer Oberbefehlshaber zum Sieg und Durchbruch zu verhelfen.

Dieses Handwerk zu erlernen ist Aufgabe der Wehrpflicht, die den ganz normalen Staatsbürger zum Staatsbürger in Uniform, zum Soldaten zurichtet. Dann ist er, auf diese Weise kriegstüchtig gemacht, zum sogenannten „Dienst an der Waffe“ befähigt. Ist das zufriedenstellend geleistet, dann obliegt es der Herzkammer der Demokratie zu entscheiden, wann und wo die Parlamentsarmee ihr erlerntes Handwerk, das Kämpfen, Zerstören, Vernichten, Töten und Getötet-Werden, ausüben soll. Keine Frage: Das ist ein „ganz besonderen Dienst“ (Pistorius, 15.6.2025) Deshalb: „Diese Bundeswehr geht nirgendwo hin, ohne dass das Parlament das billigt.“ (Pistorius, ebd.) Sicherlich: Das ist ein „ganz besonderen Dienst“ und „der Vetereranenkult … vermittelt eben genau diese Wertschätzung für einen Dienst, der alles andere als selbstverständlich ist.“ (Pistorius, ebd.)

Mit anderen Worten: „Wer für die Sicherheit und Freiheit unseres Landes alles gibt, der verdient mehr als Dankesworte.“ (Julia Klöckner, Präsidentin des Deutschen Bundestag, Schirmfrau des Nationalen Veteranentages, 15.6.2025) Worin dieses „mehr“ besteht, wird noch zu zeigen sein.

Das genuine Handwerk des Soldatentums, also auch das der Parlamentsarmee, ist zu allen Zeiten das Gleiche: sei es zu Zeiten der anti-napoleonischen „Befreiungskriege“, sei es zu Zeiten der Völkermorde an den Herero und Nama, sei es zu Zeiten des Kaiserreichs, sei es zu Zeiten des Nationalsozialismus und Faschismus, sei es zu Zeiten der Parlamentsarmee in ihren „internationalen Einsätzen, Missionen im Rahmen des internationalen Krisenmanagements oder jetzt wieder beim Schutz der NATO-Ostflanke.“ (Pistorius, ebd.) Es ist die politische Herrschaft, die sich die Armee, die staatliche Gewaltmaschinerie als Instrument, geschaffen hat, um den Zwecken und Interessen der Herrschaft Geltung und Durchsetzung zu verschaffen, mögen das Herrschaftspersonal auch wechseln im Sturm der Zeiten und Zeiten-Wenden.

Indes, eine Bedingung muss ausnahmslos erfüllt sein, damit die politische Herrschaft, welche immer es auch sei, das genuine Handwerk des Soldatentums aufrufen, abrufen, befehligen und ins Werk setzen kann.

4. Die lebendige Grundlage der staatlichen Kriegsbereitschaft und Kriegswilligkeit

Der global ausgreifende Verteidigungswille deutscher Zwecke und Interessen, der das Recht auf Selbstverteidigung ebenso einschließt wie das Recht auf Angriffskriege, gegenwärtig gegen die Atomsupermacht Russland in Planung und Vorbereitung, bedarf eines nachhaltigen  „Aufwuchses“ des deutschen Gewalt-, Militär- und Kriegsapparats:

Denn dieser Staat, meine Damen und Herren, der kann sich nicht selber verteidigen. Der Staat ist ein Gebilde. Der Staat braucht Menschen, die das tun. Die das tun für sich und für alle anderen, die in diesem Staat leben. (Pistorius, ebd.)

Auch dieser Klarstellung im Rahmen des ins Leben gerufenen Veteranentages ist weitgehend zuzustimmen: Das staatliche Gebilde mit seinen globalen Ansprüchen kann diesen nur glaubwürdige Durchsetzung verschaffen, soweit und insofern die Menschen sich in ihrem Staatsidealismus und Patriotismus dazu herrichten und herrichten lassen. Ja, das staatliche Gebilde selbst verdankt seine ganze Existenz in erster und letzter Instanz nur der Bereitschaft der Menschen, im staatsidealistischen Glauben, der Staat sei in erster und letzter Instanz eine Dienstleistung an ihrem Wohlergehen und nicht umgekehrt, sich zuzurichten und zurichten zu lassen. Für alles, was das staatliche Gebilde vorhat, gilt: „Der Staat braucht Menschen, die das tun.“ Dass sie das „für sich tun“ ist allerdings eine Täuschung und Selbsttäuschung, geschuldet ihrem Staatsidealismus und ihrem Patriotismus, sowie der alltäglichen Propaganda und Kriegspropaganda schon gleich.

Um das Leben und die Freiheit von Staat, Standort und Nation – in der Welt der universellen Staatenkonkurrenz, die die USA in Gestalt ihrer regelbasierten Weltordnung ab 1945 zur Grundlage der gesamten Menschheit gemacht haben, auch zukunftssicher zu machen, ist jedoch Vorsorge zu treffen, der Krieg gegen Russland ist da nur ein Etappenziel:

„Wer will, dass es genügend Menschen gibt, die das tun, auch in Zukunft, der muss denjenigen, die das tun, eben auch genau das entgegenbringen. Dankbarkeit und Respekt.“ (Pistorius, ebd)

Eben solche Menschen, „die bereit sind, wenn es darauf ankommt, das höchste Gut, Gesundheit oder sogar Leben aufs Spiel zu setzen…“ (Pistorius, ebd.) Deshalb: „Jeder Soldat, jede Soldatin ist uns wichtig.“ (Pistorius, 25.4.2025)

Kriegstüchtige Zukunftssicherung nationaler Interessen und Zwecke verlangt Bereitschaft:

„Und damit diese Bereitschaft eben nicht verloren geht, auch in den kommenden Generationen, brauchen wir endlich eine Veterankultur in Deutschland.“ (Pistorius, 15.6.2025) Solche Bereitschaft „auch in den kommenden Generationen“ (!) verdient schon jetzt den ganzen Dank des Vaterlandes.

5. Ausblick: Der Dank des Vaterlandes

Gewiss ist dies: Gelingt es der politischen Herrschaft in Gestalt der alleinzuständigen Verantwortungsträger in der Herzkammer der Demokratie, die gesamte Gesellschaft kriegswillig und kriegstüchtig zu machen für den geplanten, auch atomaren Krieg gegen Russland und die  zukünftigen Kriege darüber hinaus, dann ist die „immer neue Produktion von Veteranen“ (Gerald Grüneklee, 15.6.2025) auf Generationen hinaus gesichert. Gleichermaßen ist damit gesichert:

„Um als Veteran geehrt zu werden, muss man also nicht mehr leben. Alte Krieger, kalte Krieger.“ (Gerald Grüneklee, 11.6.2025) Soweit es Überlebende gibt, die die Toten beneiden werden, steht fest: „Am Ende sind wir alle Veteranen, auch die Zivilisten.“ (Roberto de La Puente, 15.6.2025)

Mit einem Wort: „Insofern, liebe ehemalige und zukünftige Veteranen, gebührt Euch in der Tat der Dank des Vaterlandes für die Opfer, die ihr bei anderen angerichtet habt und auch die, die ihr selbst zu spüren bekommt.“ (Renate Dillmann, 15.6.2025)

Und da in Wende- und Vorkriegs-Zeiten der Mobilisierung der Menschen für den Krieg, definitiv im Krieg, nur noch das Prinzip von Befehl und Gehorsam gilt, sind die Worte eines ehemaligen politischen Verantwortungsträger in seiner Dankesrede nach wie vor richtungsweisend:

Ricordati vi o giovani camicie nere, che il fascismo non vi promette né honore, né cariche, né guadani, ma il dovere e il combattimento“

Denkt daran ihr jungen Schwarzhemden, der Faschismus verspricht Euch weder Ehre, noch Ämter, noch Gewinn, sondern nur Pflicht und Kampf. (Benito Mussolini, il Manuale delle Guardie Nere, Editrice Reprint, 1993:190)

Insofern die befehligten Menschen mitmachen und die „Drecksarbeit für uns alle“ (F. Merz, 17.6.2025) zufriedenstellend erledigen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 28.6. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/gesellschaft/der-veteranentag-ist-da-ehre-den-zukuenftigen-opfern/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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