Wir wollen bei VW nicht den Tod produzieren


Bild: wikimedia

Wird bald auch bei VW die Auto- in die Rüstungsindustrie umgewandelt? Grüne, SPD und CDU haben sich auf ein Sondervermögen geeinigt. Dieses Sondervermögen lässt sich nicht durch ein paar Kürzungen beim Bürgergeld finanzieren: Reduzierung von Rente, Wegfall eines Feiertags Anhebung der Mehrwertsteuer – die Kürzungsideen kennen keine Grenze außer die, das Vermögende von der Rüstungsfinanzierung ausgenommen sind. Goldgräberstimmung kommt bei den Herrschenden und ihren Lakaien auf und sie haben todbringende Ideen, was mit unseren Geldern passieren soll.

Schließlich lässt sich damit Geld verdienen. Macht es Sinn, in einer atomaren Welt der Rüstung, die es ermöglicht, in nur sieben Minuten alles Leben auf diesem Planeten zu zerstören, weiter aufzurüsten? Für Rheinmetall-Chef Armin Papperger und Volkswagen-Chef Oliver Blume ja, denn hier lassen sich auf dem Rücken der Bevölkerung Profite in ungeahntem Ausmaß machen.

Volkswagen-Chef Oliver Blume will den Konzern mit Militäraufgaben betreuen, so der Manager auf der jüngsten Investoren-Konferenz (Auto, Motor Sport, 13. März 2025). Rheinmetall-Chef Armin Papperger hat das VW-Werk in Osnabrück als „gut geeignet“ für die Produktion von Rüstungsgütern bezeichnet. Zuvor hatte sich VW-Chef Oliver Blume offen für eine Umwidmung des Werkes gezeigt (NDR, 14. März 2025)

Die Rüstungsproduktion als bestmögliche Umverteilungsmaschinerie

Ein Sondervermögen für Kriegsgerät hat keinen nützlichen Gebrauchswert. Im besten Fall steht das Kriegsgerät herum, bis es verrottet. Im schlimmsten Fall bringt es Zerstörung und Tod. Was könnte man für schöne Bedürfnisse mit dem Rüstungssondervermögen verwirklichen! Renten, von denen jede:r Leben kann, gute Gesundheitsvorsorge, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, eine sinnvolle Umstellung der Produktion hin zu Produkten, die allen nutzen wie zum Beispiel der Ausbau des ÖPNV.

Die Mächtigen und Kriegstreiber sitzen geschützt in ihren Hochsicherheits-Villen und schauen sich Krieg wie eine Netflix Serie oder ein Fußballspiel im sicheren Abstand an und verdienen unvorstellbar viel Geld daran. Sterben sollen andere, im Kampf um seltene Erden und andere Rohstoffe. China und Russland auf der einen Seite, wir auf der anderen Seite.

Sollen bald Waffen bei VW produziert werden, mit denen die VW-Arbeiter:innen aus dem ehemaligen Werk Kaluga in Russland umgebracht werden sollen oder werden die Waffen fit gemacht, damit unsere Arbeitskolleg:innen in China getötet werden sollen? Wir wissen es nicht. Aber was wir wissen, ist: den Herrschenden und Vermögenden ist es egal, Hauptsache es lässt sich Profit machen. Wer entscheidet darüber, ob wir bald den Tod bei VW produzieren? Wir, die Belegschaft, jedenfalls nicht. Und genau da liegt das Problem. Im Paragraf 2 der Satzung der IG Metall wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Vergesellschaftung als Ziel festgeschrieben. Ein Hintergrund ist, dass wir selbst entscheiden sollten, was und unter welchen Bedingungen produziert wird. Die aktuelle Entwicklung macht deutlich, dass die Vergesellschaftung der Betriebe keine Zukunftsaufgabe ist, sondern eine Gegenwartsaufgabe, wenn wir nicht in der Apokalypse enden wollen.

Wir VW-Beschäftigte rufen alle auf: Leistet Widerstand gegen Rüstungsproduktion und Tod.
Unsere Mutter Erde und unser Vaterland sind international!

Konstantin Antjuschin, VW-Arbeiter Kassel; Hidir Budak, VW-Arbeiter Kassel; Michael Stephan
Werner, VW-Arbeiter Wolfsburg; Sven Schramm, Sachsen GmbH Gläserne Manufaktur; Thorsten
Donnermeier, VW-Arbeiter Kassel; Nikolaj Graf, VW-Arbeiter Kassel; Lars Hiersekorn,
Braunschweig

Wollen wir sterben?

Von Christof Meueler

Vor langer Zeit war ich in einer linken Gruppe, die fragte sich oft, was »sie« denn nun vorhaben könnten. Wie werden »sie« auf diese oder jene Krise reagieren, was werden »sie« als Nächstes tun? Dieses »sie« war unbestimmt, aber bedrohlich. Es stand eigentlich für alles Blöde und Böse, was einem so einfallen konnte, wenn man an den Kapitalismus dachte: die herrschende Klasse und ihre Büttel, ein Klub von Geistern, die überall auftauchen konnten, um »uns« zu drangsalieren und fertigzumachen. »Wir« gegen »sie«, die klassische Dichotomie. »Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen«, wie schon Mao gelehrt hatte. Aber diese Feinde blieben Geister, man sah sie nicht, man vermutete sie nur. Man könnte auch sagen, es sind nur Worte, an die man erst mal glauben muss.

Ähnlich verhält es sich mit den »Werten«, die nun allenthalben verteidigt werden sollen. Die Worte mögen leer sein, aber sie kosten. Vergangene Woche wurden im Bundestag die neuen Kriegskredite verabschiedet. Seit Beginn des Ukra­ine-Krieges, des russischen Angriffs auf das Nachbarland, heißt es überall: »Wir« gegen »sie«, »unsere« Freiheit gegen »ihre« Diktatur. Wer Frieden will, muss aufrüsten. Scheiß auf Willy Brandt und Petra Kelly. Als hätte sich seit dem Kalten Krieg nie etwas geändert – außer die Grünen, denn die wollten früher damit nichts zu tun haben.

Bis 1990 hieß der Osten DDR. Vor 35 Jahren wurde dort zum ersten und letzten Mal frei gewählt – und dann verschwand dieses Land. Was ist von ihm übrig geblieben? Der Fotograf Daniel Biskup ist aus dem Westen in den Osten gefahren und hat danach gesucht. Deshalb heißt sein Bildband »Spuren«. Eine optische Bestandsaufnahme, erschienen im Verlag Salz und Silber. Die Rezension dazu finden Sie auf Seite 10 dieser Beilage.

»Dabei gibt es so viel, für das es sich zu leben lohnt – und nichts, wofür man sterben sollte«, schreibt Ole Nymoen. Es ist der letzte Satz in seiner sehr aktuellen Abhandlung »Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde«. Die Rede ist hier ausdrücklich von »ich«, nicht von »wir«. Wenn in der unübersichtlichen Welt noch etwas konkret erfahrbar ist, dann ist es das eigene Ich und nicht ein vorgestelltes »Wir«.

Man soll Verantwortung für sich und sein Tun übernehmen, das lernt man in der Schule, das predigen die Ratgeber, und das ist auch die erste Forderung der herrschenden Ökonomie. Genau das macht Nymoen, der als erfolgreicher Journalist und Podcaster arbeitet: In seinem neuen, gar nicht so dicken Buch übernimmt er die Verantwortung für einen Text, den er im vergangenen Sommer in der »Zeit« veröffentlicht hatte. Er hieß »Ich, für Deutschland kämpfen? Never!« und war in den fast nonstop die »Kriegs­tüchtig­keit« propagierenden großen Medien die große Ausnahme. Gegen den Hab-acht-Befehlston schrieb Nymoen: »Wenn ich mir nun die Frage stelle, wofür ich zu kämpfen bereit wäre, dann muss ich ehrlich sein: für fast gar nichts. Und ganz sicher nicht für ›mein Land‹, nicht für diesen Staat, und auch nicht für Europa.«

Danach gab es massenweise Protestbriefe und strenge Gegenartikel in der »Zeit« und anderswo. In seinem neuen Buch erklärt er nun ausführlich seinen Essay. Insbesondere wehrt er sich gegen den Vorwurf, in seinem »Zeit«-Text komme kein »menschliches Wir, soziales Miteinander vor«. Wieso sollte es das? In der bundesrepublikanischen Wirklichkeit kommt es ebenfalls nicht vor. Für Nymoen »besteht dieses Land aus Millionen vereinzelter Erwerbsbürger, die sich in einer Ellenbogengesellschaft bewähren müssen«. In diesem Staatswesen gilt der »obszönste Reichtum als schützenswert«, während »die Ärmsten mit Verachtung gestraft« werden. Im sogenannten Putin-Reich dürfte es ähnlich sein, in der Ukra­ine ebenfalls.

Für die Bundesrepublik konstatiert Nymoen, »dass dieser Staat ganz sicher kein Wohltäter gegenüber seinen Untertanen ist«. Den Bewohnern des Landes aber wird erzählt, dass sie alle gleich seien, sie hätten dieselben »Werte«. Damit hantierten in Deutschland lange nur die Konservativen, jetzt ist dieser Nullsprech allgemeiner Standard. Die Deutschen sollten sich höchstens fragen, ob es ihnen dabei nicht »zu gut« gehe, jetzt, da man sich doch auf drohende Kriege vorbereiten müsse, mit Kriegstüchtigkeit und Kriegswirtschaft. Right or wrong, my country: »Die Politiker, die die soziale Spaltung vorantreiben, rufen zur Geschlossenheit auf«, urteilt Nymoen.

Aber die Heimat, die teure, mögen manche da entgegnen. Nymoen negiert keine Heimatgefühle, die kann man haben oder auch nicht, weist aber darauf hin, dass es der Landschaft egal ist, wer über ihre Menschen regiert, »und auch die Schönheit der Natur bleibt davon unangetastet«. Den Menschen allerdings müsste es weniger egal sein, wenn sie in den Krieg kommandiert werden, mit dem modernen Versprechen, das geschehe nun geschlechtergerecht. Wir reden von Kriegen mit konventionellen Waffen, logisch, ein Atomkrieg ist weder vorstell- noch führbar, macht aber den Politikern und ihrer Gefolgschaft anscheinend nicht mehr so viel Angst wie noch im Kalten Krieg.

Ein Krieg beginnt dadurch, dass er befohlen wird, von Politikern, wem sonst.

Entscheidend ist die Kommandostruktur, hebt Nymoen hervor. Ein Krieg beginnt dadurch, dass er befohlen wird, von Politikern, wem sonst. Sie müssen nicht aufs Schlachtfeld, sie müssen ja das Land führen, in welche Katastrophe auch immer. Für das Soldatsein aber wird der Mensch entmenschlicht, »vom vernünftigen und moralischen Wesen in ein Tötungswerkzeug verwandelt – und das vom Staat, der von so vielen Denkern als Voraussetzung von Vernunft und Freiheit angesehen wurde«!

Wenn sich ein Staat verteidigen will, dann wird stets die Unterscheidung zwischen »Volk und Führung verwischt«, schreibt Nymoen, indem der Staat behauptet, die »Sicherheit« seiner Bürger garantieren zu wollen – aber gibt es etwas Unsicheres als Krieg? Sicher ist nur, dass die Politiker unterschiedlicher Länder sich nicht einigen können oder wollen und deshalb einen Krieg beginnen, rein strukturell gesehen. Lenins berühmte Erklärung, dabei gehe es nur um die Interessen der Wirtschaft, also um Geld und sonst nichts, findet Nymoen unbefriedigend, weil für ihn der Staat ein eigenständiger Akteur ist. Er weist darauf hin, dass Staaten aus Kriegen entstehen oder dadurch ihre Form verändern. Staaten hetzen ihre Bewohner in den Krieg, wobei sich viele Konflikte weniger um ökonomische als um nationalistische oder religiöse Symbole drehen: Falkland-Inseln, Bergkarabach oder Taiwan.

Den beliebten Aussagen, dass ein Krieg »sinnlos« sei oder »völkerrechtswidrig«, kann er ebenfalls nichts abgewinnen. Diese Kategorien hängen davon ab, wer sie gebraucht. »Wir« gegen »sie«. Den Menschen, die umgebracht werden, ist es egal. »Denn Krieg ist nicht falsch, weil er verboten ist«, resümiert Nymoen. »Er ist falsch, weil einige wenige Menschen über die Leichenberge anderer gehen können, um ihre Interessen durchsetzen zu können.« Und doch ist er sich sicher, dass die Menschen allgemein mehr eint, als sie trennt: Sie wollen in Frieden leben. Alles andere ist Ideologie.

Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit. Rowohlt, 144 S., geb., 16 €.

Erstveröffentlicht im nd v. 25.3. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189993.leipziger-buchmesse-wollen-wir-sterben.html?sstr=Meueler

Wir danken für das Publikationsrecht.

Oskar Preisträger „No Other Land“ überfallen und verschleppt

Israelische Siedler haben am 24. März den palästinensischen Regisseur Hamdan Bilal, einen der Macher des Oscar-prämierten Dokumentarfilms No Other Land, angegriffen. Der Überfall ereignete sich im Dorf Susiya in der Region Masafer Yatta im besetzten Westjordanland.

Laut der Nachrichtenagentur AP drangen Dutzende Siedler in das Dorf ein, beschädigten Eigentum der Bewohner und attackierten Bilal, indem sie ihn auf Kopf und Körper schlugen. Er erlitt dabei schwere Kopfverletzungen.

Während Bilal in einem Krankenwagen versorgt wurde, nahmen israelische Soldaten ihn fest. Mehre Zeugen berichten, dass auch ein weiterer Palästinenser verhaftet wurde. Die israelische Armee behauptet, Bilal habe Steine auf Soldaten geworfen.

Der israelische Regisseur Yoav Abram, Mitautor des Films, schrieb auf X: „Hamdan Bilal wurde von Siedlern angegriffen, geschlagen und anschließend von Soldaten festgenommen. Seitdem fehlt jede Spur von ihm.“

Der Film No Other Land, Gewinner des Oscars für den besten Dokumentarfilm 2024, dokumentiert die Vertreibung palästinensischer Gemeinden in Masafer Yatta durch das israelische Militär.

Fordert überall seine unverzügliche Freilassung! Auch nach den Vorführungen des Films in den Kinos!

Update AP News: Bilal wurde vor dem Hintergrund einer riesigen Protestwelle inzwischen freigelassen.

Hier unsere Filmbesprechung "No Other Land"

Der Film wird aktuell in etlichen Berliner Kinos gezeigt. Schaut ihn Euch an. Es lohnt sich. Und jeder Kinobesucher ist ein kleines Symbol gegen die Cancelkultur.
Verschleppung und illegales Festhalten von politischen Gegnern oder von Vertretern der Infrastruktur für die Daseinsvorsorge der Palästinser'innen ist durchgängige Praxis der israelischen Behörden und Armee. 
So wird der bekannte Arzt und vor dessen Zerstörung Leiter eines Krankenhauses Hussam Abu Safiya seit Monaten unter schrecklichen Bedingungen trotz weltweiter Proteste festgehalten. Seit knapp einer Woche sind 15 Sanitäter, nachdem sie von der israelischen Armee angegriffen worden waren, verschwunden. Das sind nur zwei Fälle von vielen.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

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