Die Welt soll stillstehen

Ein internationales Bündnis ruft Frauen dazu auf, Lohn- und Sorgearbeit niederzulegen

Von FELIX SASSMANNSHAUSEN

Bild: Frauenstreik in der Schweiz 2024. Foto: Unia

Unter dem Motto »Enough!« sind Frauen* an diesem Montag weltweit dazu aufgerufen, ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit niederzulegen. Der Protest weitet den gestrigen internationalen Frauentag gezielt aus und richtet sich gegen patriarchale Gewalt, die Ausbeutung durch Doppelbelastung und eskalierende globale Krisen. Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung die Arbeit verweigert, trifft das den Kern des Systems: Geschlossene Kitas, leere Supermarktkassen und unversorgte Haushalte machen die sonst unsichtbare Sorgearbeit schlagartig sichtbar. »Wenn wir dieses Pfund in die Waagschale werfen, können wir eine Menge bewegen«, erklärte Adrienne Goehler, im Vorfeld des Streiktages. Die Psychologin und ehemalige Berliner Kultursenatorin ist eine der Hauptinitiator*innen der Initiative »Enough! Globaler Frauen*-Generalstreik« in Deutschland.

Auch wenn es wohl nicht zu flächendeckenden globalen Arbeitsniederlegungen kommen wird: Die Folgen einer solchen kollektiven Verweigerung wären immens. Allein schon aufgrund der systematischen Doppelbelastung, die für Millionen Frauen den Alltag bestimmt. Laut dem gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut leisten erwerbstätige Frauen mit Kindern allein in Deutschland oft eine 60-Stunden-Woche – wobei 60 Prozent dieser Zeit auf unbezahlte Sorge-Arbeiten entfallen. Das Europäische Gewerkschaftsinstitut bestätigt dieses Bild: Frauen leisten europaweit wöchentlich 13 Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer und werden am Arbeitsmarkt oft in systemrelevante, aber prekäre Sektoren gedrängt.

Systembruch als Notwehr

Da politische Streiks in Deutschland juristisch prekär und nicht als klassische Arbeitskämpfe geschützt sind, sollen Teilnehmerinnen kreative Wege nutzen: indem sie Urlaub einreichen, sich beurlauben lassen oder ihre Mittagspausen für den Protest verlängern. Selbst in Zeitungsredaktionen wie der des »nd« bleibt es heute leerer; automatische Abwesenheitsnotizen verkünden die Streikteilnahme von Kolleginnen.

Der maßgeblich in Deutschland verbreitete Aufruf ist international ausgerichtet und reagiert auf einen massiven globalen Backlash gegen Frauenrechte. Laut UN stagniert der globale Fortschritt bei der Gleichstellung, während konfliktbezogene sexualisierte Gewalt in Krisengebieten drastisch zunimmt. Frauen* verfügen weltweit im Schnitt nur über 64 Prozent der gesetzlichen Rechte von Männern. Für die meisten gehören sexuelle Belästigung und Gewalt zum Alltag.

»Es ist eine totale Attacke auf die Sinne, auf die Existenz«, betonte Initiatorin Goehler, »ein Generalangriff auf die psychische, physische und geistige Gesundheit, was derzeit auf uns niederprasselt.« Dies bedürfe einer globalen Antwort, ist sie überzeugt. Den Initiator*innen zufolge hätten sich von Lima über Buenos Aires bis New York solidarische Kollektive gebildet, die sich anschließen wollen. Wie viele Gruppen es konkret sind und wo Protest erwartet wird, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

»Faul herumliegen« statt marschieren

Statt starrer Manifeste eint sie »das größte gemeinsame Vielfältige«: Protest gegen toxische Männlichkeit steht neben Forderungen nach einer globalen Vermögensteuer für Milliardäre zur Bewältigung der Klimakrise. Dabei soll inhaltlich wenig vorgegeben werden, auch um die bisherigen Spaltungen und Verwerfungen zwischen den verschiedenen Strömungen der Frauen*bewegung zu überwinden.

Auf die Frage, ob diese nicht auch eine gewisse Berechtigung hätten und ob es trotzdem rote Linien geben soll, etwa mit Blick auf Vereinnahmungsversuche durch rechte Gruppen, reagierten die Initiator*innen bis Redaktionsschluss nicht. In Frankreich versuchen extrem rechte Frauengruppen wie das »Collectif Nemesis«, feministische Proteste für ihre rassistische Mobilisierung zu kapern.

Die Aktionen folgen der Sonne einmal um den Globus und konzentrieren sich auf eine Kernzeit von 12 bis 14 Uhr Ortszeit. Dabei weicht die Form bewusst vom klassischen Marsch ab. »Wir werden picknicken, liegen, schreien oder tanzen, aber wir marschieren nicht«, so Goehler. In München legen sich Frauen demonstrativ »faul« auf zentrale Plätze; andernorts wird kollektiv geschrien.

Eine weltverändernde Tradition

Der heutige Protest steht in einer Reihe historischer Kämpfe. Als erster organisierter Frauenstreik im deutschsprachigen Raum gilt der Wiener »Streik der 700« von 1893, bei dem Fabrikarbeiterinnen den Zehnstundentag erkämpften. Bekannter ist der isländische »Kvennafrídagurinn« von 1975, an den auch die Organisator*innen anknüpfen: 90 Prozent der Frauen beteiligten sich, Büros und Kitas blieben geschlossen, Väter mussten ihre Kinder zur Arbeit mitnehmen. Nur ein Jahr später folgte ein weitreichendes Gleichberechtigungsgesetz.

Diese Kämpfe bilden den historischen Hintergrund für Millionenstreiks der jüngeren Vergangenheit, etwa die Bewegung »Ni Una Menos« (spanisch für »nicht eine weniger«) in Argentinien gegen Femizide oder die riesigen Schweizer Frauenstreiks von 1991 und 2019. »Die Geschichte kennt unsere Macht. Hohe Zeit, sie wieder zu nutzen«, heißt es dementsprechend im aktuellen Aufruf. Zur Mittagszeit wird sich zeigen, wie groß die globale Welle der Verweigerung tatsächlich wird.

Klar ist jedoch, dass mit dem Streik nicht nur Protest artikuliert wird, sondern eine andere Lebensweise eingefordert wird. Die dialektisch-materialistische Feministin Frigga Haug hatte betont, dass ein Streik in der Sorgearbeit immer auch ein Widerstand gegen eine Profitlogik ist, die das gesamte Leben der ökonomischen Verwertung unterordnet – ein Streik für die Rückgewinnung der eigenen Zeit.

Erstveröffentlicht im nd v. 9.3. 2026
„Die Welt soll stillstehen“

Wir danken für das Publikationsrecht.

Iran und Naher Osten: internationale Gewerkschaftsverbände fordern einen sofortigen Waffenstillstand und ein Ende der Kriegseskalation

Auf die meisten internationalen Gewerkschaftsverbände ist Verlass, wenn es darum geht, gegen Aufrüfstung, Kriegseskalation, Völkerechts- und Menschenrechtsverbrechen Position zu beziehen. Das war schon in Bezug auf Palästina und den isrealischen Völkermord in GAZA so. Den Gewerkschafter:innen ist bewußt, dass die gegenwärtigen geopolitischen Verwerfungen, Militarisierung, der damit einhergehende Rechtsruck und die Kriege alle Errungenschaften gewerkschaftlicher Kämpfe zunichte machen können. Wir vermissen auch diesmal wieder ein klares Statement der Führungen der DGB Gewerkschaften!

Hier der Text der internationalen Gewerkschaftsverbände:

Die unterzeichneten Global Union Federations (GUFs) verurteilen die jüngsten militärischen Angriffe der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, einschließlich Luftangriffe, die zu zivilen Toten, Verletzungen und der Zerstörung kritischer öffentlicher Infrastrukturen geführt haben – darunter Schulen und medizinische Einrichtungen. [1]https://www.itfglobal.org/en/news/global-union-federations-call-immediate-cease-fire-and-end-military-escalation-in-iran-and

Diese Aktionen stellen schwerwiegende Verstöße gegen die UN-Charta und das humanitäre Völkerrecht dar und eskalieren weiter einen Konflikt, dessen menschliche Kosten überwiegend von den arbeitenden Menschen getragen werden.

Arbeiter, Zivilisten und öffentliche Institutionen dürfen niemals Ziele militärischer Operationen sein. Die Tötung und Verletzung von Schülern, Lehrern und Bildungspersonal sowie die Zerstörung geschützter ziviler Räume wie Schulen und Krankenhäuser ist unerträglich und muss unmissverständlich verurteilt werden.

Die GUFs sind auch besorgt über die nachfolgenden Vergeltungsangriffe des Iran. Die Eskalation wird die Instabilität nur vertiefen, das Leben der Zivilbevölkerung, einschließlich Wanderarbeiter und Transportarbeiter in Häfen, Flughäfen und auf See, die bereits als Gewalt in der gesamten Region getötet und verletzt gemeldet wurden, ins Kreuzfeuer geraten und die Gefahr laufen, die Region in einen größeren, verheerenden Krieg zu stürzen.

Die globale Gewerkschaftsbewegung ist vereint darin, die Anwendung militärischer Gewalt abzulehnen, die Kreislaufe der Gewalt anheizt und die Grundlagen des Friedens, der Gerechtigkeit und der multilateralen Zusammenarbeit untergräbt. Diplomatie – nicht bewaffnete Konfrontation – bleibt der einzig legitime Weg in Richtung Sicherheit und dauerhaften Frieden.

Als Gewerkschaften, die Millionen von Arbeitnehmern über Sektoren und Kontinente hinweg vertreten, rufen wir die internationale Gemeinschaft auf:

  • die Anwendung militärischer Gewalt durch alle Parteien zu verurteilen und eine weitere Eskalation zu verhindern;
  • Gewährleistung einer sofortigen Waffenruhe und einer vollständigen Deeskalation;
  • Priorisierung der Diplomatie und des Dialogs, einschließlich einer verstärkten, koordinierten Rolle der Vereinten Nationen;
  • Verteidigen Sie das Völkerrecht, einschließlich der Charta der Vereinten Nationen und des Schutzes von Zivilisten;
  • Schutz kritischer öffentlicher Infrastrukturen wie Schulen, Krankenhäuser und Arbeitsplätze;
  • Wahrung der Menschenrechte, der Arbeitnehmerrechte, der demokratische Rechte und Vereinigungsfreiheit in der gesamten Region;

Die GUFs stehen in unerschütterlicher Solidarität mit den Arbeitern, unabhängigen Gewerkschaften und Gemeinden im Iran und in der gesamten Region. Die Stimmen der Arbeiter – zu oft zum Schweigen gebracht durch autoritäre Regierungsführung und die Logik der Militarisierung – müssen gehört werden. Die Zukunft des Iran und der Region muss von seinem Volk selbst bestimmt werden, frei von äußerer Aggression und innerer Repression.

Wir bekräftigen unser Engagement für den Aufbau einer Welt, in der Konflikte durch Verhandlungen gelöst werden, der Multilateralismus gestärkt wird und alle Menschen das Recht haben, in Sicherheit, Würde, Demokratie und Frieden zu leben und zu arbeiten.

Lesetipp: Berliner Mercedes-Arbeiter sagen: Für eine starke IG Metall bei Tesla
gezeichnet von folgenden Verbänden
  • Education International (Bildung, Erziehung)
  • International Domestic Workers FederationPublic
  • Services International (öffentlicher Dienst)
  • International Federation of Journalists
  • International Transport Workers’ Federation (Transport)
  • IndustriALL Global Union (Industrie)
  • UNI Global Union
  • International Union of Food, Agricultural, Hotel, Restaurant, Catering, Tobacco and Allied Workers‘ Associations (ebensmittel, Landwirtschaft, Hotel, Restaurant, Catering, Tabak und alliierte Arbeiterverbände)
  • Building and Wood Workers’ International (Bau- und Holzverarbeitung)

Titelbild: ITF

Spontaner Streik in belgischen Rüstungsbetrieb

Am 13. Februar legten die Arbeiter des belgischen Waffenherstellers FN Herstal – einem der wichtigsten in Europa – die Arbeit nieder und verließen das Werk, nachdem sie erfahren hatten, dass ein israelischer Offizier empfangen worden war.

Die Tore wurden geschlossen. Die Produktion kam zum Erliegen. Damit wurde ein klares Signal gesendet: Keine Komplizenschaft bei der Zerstörung Gazas.

Bei dem anwesenden Offizier handelte es sich um den israelischen Militärattaché in Belgien Moshe Tetro – der in Angriffe auf Krankenhäuser und die Hungerpolitik gegenüber Gaza verwickelt ist. Die #HindRajabFoundation hat die belgische Regierung bereits aufgefordert, diesen Kriegsverbrecher auszuweisen.

Der Streik wurde initiiert von der Gewerkschaft der Metallarbeiter, Teil der General Fédération of Belgian Labour (FGTB-ABVV) Union, die 1,5 Millionen Arbeiter vertritt. 

Ugo Cocuzza, President der FGTB Metallarbeiter Vertretung beim Rüstungsbetrieb FN Herstal erklärte: „Ist es eine Sache des Anstands“. Es wurde berichtet, dass die Arbeiter den Streik beendeten, nachdem das Management bestätigte keine Geschäfte mit Israel zu machen.

Die belgischen Arbeiter haben mit ihrer Aktion ein deutliches Beispiel gegeben:

Keine Waffen für Israels Völkermord und ethnische Säuberungen!

Quelle: https://www.timesofisrael.com/belgian-arms-factory-workers-strike-over-idf-attaches-visit-to-premises/

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