Wir werden 30 – 30 Jahre AKI

Das Fest der Internationalisten im IG Metall Haus

Drei Jahrzehnte – welch lange Zeit. Der Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Berlin feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen und wir feierten dieses Ereignis am 08. November 2023 im Haus der IG Metall Berlin. Unserer Kassierer hatte durch einen großzügigen Zuschuss dafür gesorgt, dass den Gästen nicht nur ein leckeres Buffet und die Feierlaune hebende Getränke zur Verfügung standen, sondern auch ein Life-Kulturprogrogramm.

In der Veranstaltung wurden Grußbotschaften überbracht, von Kolleg:innen, mit denen wir schon länger zusammenarbeiten, von befreundeten Organisationen aus den sozialen Bewegungen sowie von der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt, die uns über Jahrzehnte unterstützt hat.


Kulturell wurde die Feier musikalisch begleitet von:

  1. Andreas Trendelenburg, ehemaliges BR-Mitglied der Charité
  2. Der KMC – Chorkollektiv aus Kreuzberg
  3. Isabel Neuenfeldt


Andreas Trendelenburg, der Der KMC – Chorkollektiv aus Kreuzberg und Isabel Neuenfeldt sorgten vor allem mit Liedgut aus der internationalen Arbeiterbewegung für begeisterte Stimmung beim Festpublikum. Mehr als 80 Kolleg:innen, viele aus IG Metall und ver.di, aber auch Aktivist:innen aus sozialen Bewegungsinitiativen waren gekommen und vermittelten den Anwesenden das schöne Gefühl, gemeinsam für eine gute Sache unterwegs zu sein. Der Vorstandssitzende der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt, die den AKI über die ganze Zeit auch immer wieder finanziell unterstützte, gab einen Überblick über die vielen Projekte, für die sich der Arbeitskreis engagierte. Grußworte von vielen befreundeten Gruppen, auch aus Hannover und Köln machten deutlich, wir kämpfen nicht allein für eine gerechtere Welt.
Zu Gast war auch der stellvertretende Botschafter Prof. Miguel E.Torres Tesoro. Er bedankte sich für die Unterstützung der IG Metall gegen das nun 64 Jahre existierende Wirtschaftsembargo.

Jan Otto dankte dem Arbeitskreis für sein langjähriges Engagement und sprach die Hoffnung aus, dass sich jüngere Kolleg:innen finden, die seine Arbeit weiterführen können.

In einer kurzen Rückschau rief ein Vertreter des AKI die wichtigsten Stationen der Arbeit des Arbeitskreises aus drei Jahrzehnten in Erinnerung. Zusätzlich vermittelte eine kleine Ausstellung mit 16 Tafeln einen anschaulichen Eindruck über die vielen Themen und Aktionen, die die gewerkschaftliche Arbeit des AKI in den 30 Jahren geprägt haben. (Das Bild links öffnet den Link auf alle Tafeln)

30 Jahre mit Blick auf die Welt von unten

Der AKI ging aus der IG Metall-Jugend hervor, die sich in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts an Arbeitsbrigaden in Nicaragua beteiligt hatte und die auch von der IG Metall organisiert wurden. Die Brigadist:innen unterstützten die damalige sandinistische Gewerkschaft mit handwerklichen Fähigkeiten und Werkzeug, um der Bevölkerung angesichts eines Embargos durch die USA beim Aufbau eines befreiten Landes zu helfen. Aus diesen Erfahrungen entstand das Bedürfnis, sich organisiert im gewerkschaftlichen Rahmen intensiver mit dem Nord-Süd-Konflikt auf der Welt zu befassen und dies auch als Kampfaufgabe der Gewerkschaften zu begreifen.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich eine breite gefächerte Arbeit zu internationalen Themen. Gewerkschaftliche Basiskontakte in viele Länder wurden geknüpft und immer wieder konnte der AKI engagierte Kolleginnen aus vielen Regionen der Welt als Gäste auf seinen Veranstaltungen begrüßen. Im Rahmen des Möglichen wurde hier nach Wegen gesucht, sich gegenseitig zu unterstützen.

Wichtig war es uns auch immer, Verständnis und Kooperation mit anderen sozialen Bewegungen zu fördern. Eines der ersten Demo-Transparente gab dem Ausdruck: „Gewerkschaften und soziale Bewegungen gemeinsam – eine andere Welt ist möglich“.“

Klaus Murawski / Jochen Gester

Impressionen und Ausschnitte vom musikalischen Programm:

  1. Listen der Grußbotschaften
  2. Der KMC
  3. Isabel Neuenfeldt
  4. Fotogalerie

Grußbotschaften


Der KMC

A las barricadas (in Kurmandschi und Spanisch)

Video: Ingo Müller

Die Arbeiter(*innen) von Wien, Der Text des Arbeiterliedes stammt von Fritz Brügel (1897–1955)

Video: Ingo Müller

The day the nazi died (von Chumbawamba)

Video: Ingo Müller

Webseite der KMC:


Isabel Neuenfeldt


Fotogalerie


Wir haben es auf die Botschaftsseite der Republik Cuba gebracht.

Übersetzter Text:

(Vorbemerkung: „union“ meint im Text „Gewerkschaft“ und beim „Bundeskongress am 24. Oktober“ ist der Gewerkschaftstag der IG Metall gemeint)

Berlin, 9. November 2023 –

Am Mittwoch, den 8. November, feierte die IG Metall-Arbeitsgruppe Internationalismus, Sektion Berlin, ihr 30-jähriges Bestehen. Mehrere ihrer Gründer erinnerten daran, wie die Gruppe in den 1980er Jahren aus Solidarität mit der sandinistischen Revolution in Nicaragua entstand. Auch heute noch ist die Solidarität eines der grundlegenden Bindeglieder in der Arbeit der Gewerkschaft. Die anwesenden Redner, darunter auch der Hauptvertreter der Union in Berlin,

Jans Otto, machten deutlich, wie wichtig die internationale Solidarität der Arbeitnehmer ist. Darüber hinaus riefen sie zum Frieden auf, insbesondere angesichts der aktuellen Konflikte in Europa. Zu den Gastrednern gehörten verschiedene Gewerkschaften aus Europa und die kubanische Botschaft in Deutschland. Die Intervention der kubanischen Botschaft wurde aufgrund des jüngsten Erfolgs der UN-Resolution zur Verurteilung der US-Blockade gegen Kuba mit großem Beifall bedacht und gefeiert. Es wurde auch an die Unterstützung der Union für diesen kubanischen Kampf erinnert, die auf dem letzten Bundeskongress am 24. Oktober bestätigt wurde. Auf diesem Kongress wurde in einem von der Sektion Hannover eingebrachten und vom Plenum angenommenen Antrag die Solidarität mit Kuba erklärt und das US-Embargo gegen Kuba verurteilt.

Bei dieser Gelegenheit konnten die Anwesenden auch ihre Unterstützung zeigen, indem sie ein Gruppenfoto mit Botschaften und Transparenten gegen die Blockade und in Solidarität mit Kuba machten.“


Hybris eines Kapitalisten

Von Jochen Gester

Wir können gerade Zeuge einer für die Gewerkschaftsbewegung wichtigen sozialen Auseinandersetzung sein. Sie hat hohe symbolische, aber auch ganz praktisch-politische Bedeutung für die gewerkschaftliche Arbeit im bedeutendsten Sektor der Metall- und Elektroindustrie, der Automobilindustrie. Ort der Handlung ist nicht die Automobilproduktion selbst in einem ihrer Zentren, sondern sie spielt im kleinen Schweden. Antipoden der Auseinandersetzung sind der Milliadär Elon Musk, Eigentümer des Tesla-Konzerns und IF Metall, die Gewerkschaft der schwedischen Metallarbeiter:innen, Schwesterorganisation der IG Metall. Schweden selbst beherbergt nur Reparatur- und Serviceleistungen von Tesla. Montagewerke gibt es nicht.

IF Metall verhandelt seit 2018 mit Tesla und will, dass das Unternehmen einen Tarifvertrag unterzeichnet. Bisher ohne Ergebnis. Jetzt ist den Schweden der Geduldsfaden gerissen.

Gut organisierte Gewerkschaften und ein attraktives Streikrecht

Die Gewerkschaften in diesem skandinavischen Land sind nicht sehr streikfreudig, was allerdings nicht daran liegt, dass sie dazu nicht in der Lage wären. Eher daran, dass es in der Regel ausreicht, damit zu drohen. Denn sie sind gut organisiert. Dies hat vor allem historische Gründe. Das schwedische Koalitions- und Arbeitskampfrecht trägt nicht wie in Deutschland das Muttermal einer schweren Niederlage, wie dies beim sehr restriktiven deutschen Arbeitsrecht der Fall ist, das in der Nazi-Zeit seinen Ursprung hat. Es war ein Ergebnis des erfolgreichen Generalstreiks im Jahre 1909, durch den sich die Arbeiterbewegung großen gesellschaftlichen Einfluss erstreiten konnte. Diese Rechtsposition wurde im Wesentlichen bis heute verteidigt. Noch heute sind 70% der Lohnabhängigen gewerkschaftlich organisiert. 9 von 10 Beschäftigten genießen den Schutz von Tarifverträgen. Es ist klar, dass die Kolleg:innen im hohen Norden diese Errungenschaft auch verteidigen wollen.

Das Geschäftsmodell“ von Elon Musk

Dies müssen sie jetzt, denn der Tesla-Boss Elon Musk lässt zwar Autos mit futuristischem Design bauen und setzt technologische Standards in der Elektromobilität, doch die Rolle, die er den Menschen zuschreibt, die seinen Reichtum erschaffen haben und weiter vergrößern, erinnert eher an die Barone der Eisen- und Stahlindustrie vor über 100 Jahren. Musk hat erklärt, Gewerkschaften und Tarifverträge passten nicht zu seinem Geschäftsmodell. Und schließlich ist es ihm gelungen, sich diese bisher überall vom Hals zu halten und so einen großen Konkurrenzvorteil zu verschaffen.

Der verweigerte Tarifvertrag steht dabei nur Pate für den Versuch, die Belegschaften daran zu hindern, sich wirkungsvoll gegen miese Arbeitsbedingungen zu wehren. Das beginnt mit schlecherer Bezahlung als im Branchendurchschnitt und mit geringeren in der Firma erwerbbarer Rentenleistungen und endet mit der Umgestaltung vorher in Zeitarbeit und nach qualitativen Gesichtspunkten zu verrichtender Reparaturarbeiten in Akkordabeit mit regiden Zeitvorgaben, was immer wieder dazu führt, dass kaputte Autos ausgeliefert werden. Auch werden unbezahlte Überstunden erpresst.

Das Ende der Geduld ist erreicht

In Schweden will man sich offensichtlich jetzt diese Art der Nötigung ersparen und hat den von Tesla hingeworfenen Fehdehandschuh aufgenommen.

IF Metall hat ihre Mitglieder in den betroffenen Betrieben aufgefordert, die Arbeiten für Tesla ruhen zu lassen. Das haben sie gemacht. Die Streikkassen sind voll. Die Gegenseite kann also nicht hoffen, dass den Streikenden demnächst die Luft ausgeht. Auch werden die in Taxis aus anderen Regionen mobilisierten Streikbrecher nicht zum erhofften Erfolg führen.

Breite gewerkschaftliche Unterstützung

Unterstützung bekommt IF Metall von den Gewerkschaften des Transportsektors, die veranlasst haben, dass in den vier großen schwedischen Häfen keine Tesla-Autos mehr be- und entladen werden. Dies ist ganz legal, denn das schwedische Arbeitsrecht ermöglicht auch Sympathiestreiks. Derweil haben weitere Gewerkschaftsverbände Unterstützung zugesagt. Die Gewerkschaft Seko hat angekündigt, dafür zu sorgen, dass Ersatzteile und andere Komponenten für die Tesla-Werkstätten nicht ausgeliefert werden. Auch soll das die Zustellung und Abholung von Briefen, Paketen und Paletten umfassen. Die Gewerkschaften Fastighets und Elektrikerna wollen die Reinigung des Tesla-Geländes stoppen und defekte Ladesäulen nicht mehr reparieren. Und am 17. November soll die Hafenblockade auf alle Häfen ausgeweitet werden. Die norwegischen Gewerkschaften wollen ebenfalls solidarisch sein. Sollte Tesla versuchen, die Hafenblockade über norwegische Häfen zu umgehen, werde man nicht untätig bleiben.

Auch die IG Metall verfolgt mit Sympathie die Aktionen der schwedischen Kolleg:innen. Bezirksleiter Dirk Schulze machte an die Tesla-Kolleg:innen gewandt gegenüber der Presse am 9. November deutlich, warum dieser Konflikt auch für uns große Bedeutung hat:

„Ihr geht mit eurem Streik voran und macht deutlich, dass auch bei Tesla keine gewerkschaftsfreien Räume zugelassen werden. Euer Streik gibt auch den Kolleginnen und Kollegen in Grünheide Mut und Zuversicht, sich gewerkschaftlich zu organisieren und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.“

Wer bestimmt die Regeln?

Wenn es zum Show Down kommt, so nicht deshalb,weil die LO (Dachverband der Arbeitergewerkschaften) den unbedingt will. Die sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften haben das Streiken ein wenig verlernt und glauben an die Sozialpartnerschaft. Es ist die offene Provokation Musks, der sie dazu zwingt, wollen sie nicht ihr Gesicht verlieren.

Eine Stellungnahme der Elektrikergewerkschaft lässt den Unmut erahnen, der sich da zusammenbraut:

„Wir haben es mit einem multinationalen Unternehmen zu tun, das sich imperialistisch verhält und Schweden seine eigenen Regeln aufzwingen will. Deshalb müssen wir jetzt zusammenhalten.“

Bereits in den 90er Jahren hatte ein Unternehmen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten hier schon mal den Konflikt gesucht. Der Spielzeughersteller Toys R Us. Drei Monate verweigerte er die Unterschrift unter einen Tarifvertrag. Nach einem Boykott durch Anzeigenbüros, Müllabfuhr, Geldtransporte und durch Kund:innen besann man sich dann eines Besseren.

Klar ist: Das Geschäftsmodell von Tesla und das Arbeits- und Lebensmodell der Beschäftigten nicht nur in Schweden vertragen sich nicht. Klar ist auch, welches Modell ein Auslaufmodell ist. Auf jeden Fall wird die Freude überall groß sein, wenn Musk das auch mit seiner Unterschrift dokumentiert.

„Deutsche Wohnen & Co enteignen“ kündigt Gesetzesvolksentscheid an

Die Kampagne „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ nimmt einen neuen Anlauf. Versäumnisse der Vergangenheit, die Politik nicht durch den Text des Volksentscheids auf die Umsetzung konkret und verbindlich festzunageln, sollen jetzt korrigiert werden. Das Crowdfounding zur Finanzierung der neuen Kampagne wurde erfolgreich abgeschlossen. Die Zielmarke von 80 000 Euro wurde mit über 105 000 Euro deutlich überschritten.

IG Metall Berlin und Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin sprachen schon 2021 der Kampagne “Deutsche Wohnen enteignen” ihre volle Unterstützung aus. Allerdings gaben wir auch den kritischen Hinweis, dass niedruge Mieten und die Schaffung von neuem Wohnraum zusammen gehören: „Nicht nur Mieten müssen erschwinglich sein, sondern auch Bauen muss endlich wieder erschwinglich werden, damit es für alle genügend bezahlbaren und auf die Bedürfnisse von uns Menschen zugeschnittenen Wohnraum gibt„. Bodenspekulation sowie Sonderregeln, die große Immobiliengesellschaften begünstigen, gehören endlich abgeschafft.

Mit der aktuellen Inflation, der zusammengebrochenen Bautätigkeit und dem verschärften Sparkurses im Rahmrn der Zeitenwende sind unsere Kollegen von einer weiteren Verschärfung der Krise am Wohnungsmarkt mehr denn je betroffen.

Heute gilt wie damals :“Stopp für die gesamte heiss gewordene Profitwirtschaft um Bauen und Wohnen!“ Aber nun gilt auch: “ Wir zahlen nicht für Eure Krisen und Kriege!“ Wir fordern ein Sondervernögen für ausreichend bezahlbaren klimaschonenden Wohnraum. Je mehr „kriegstüchtig“ bedeutet in letzter Konsequenz immer weniger „wohntüchtig“, denn die Spielräume des Staates für gemeinnützige Ausgaben schmelzen auf Nimmerwiedersehen dahin. Stellen wir uns auf härtere Auseinanderdersetzungen ein. Wir werden weiter über die Kampagne berichten. (Peter Vlatten)

Hier ein aktueller Grundsatzbeitrag zum Neustart der Kampagne [1]https://gewerkschaftsforum.de/deutsche-wohnen-co-enteignen-kuendigt-gesetzesvolksentscheid-an/

Im September 2021 sagten 59,1 Prozent der Berliner in einem Volksentscheid JA zur Vergesellschaftung großer, profitorientierter Immobilienunternehmen. Ein Auftrag an die Politik, Investoren aus der Stadt zu vertreiben, die mit Wohnraum Profit machen.

Doch in den vergangenen zwei Jahren ist kaum etwas passiert, obwohl noch im Juni 2023 eine vom Senat eingesetzte Expertenkommission in ihrem Abschlussbericht die rechtliche Machbarkeit und auch die Finanzierbarkeit der Enteignung großer profitorientierter Immobilienkonzerne ohne Zweifel bestätigt hat.

Nun will die Initiative der anhaltenden Blockade des Berliner Senats ein Ende bereiten und einen Gesetzesvolksentscheid zur Durchsetzung des demokratischen Votums auf den Weg bringen. Dabei wird erneut auf ein breites Bündnis zivilgesellschaftlicher Akteure, wie auch auf ihre gute Verankerung in den Berliner Kiezen gebaut. Der Zeitplan sieht so aus, dass das fertige Vergesellschaftungsgesetz im Laufe des nächsten Jahres vorliegt, der Gesetzesvolksentscheid damit offiziell eingeleitet wird und die üblichen Stufen im demokratischen Prozess bis zur Abstimmung durchlaufen werden können

Betongold

Als nach dem Jahrhundertwechsel der Kapitalmarkt auf Touren kam, wurde auch im Immobilienbereich billig gekauft oder ersteigert und teuer weiterverkauft. Es ging hauptsächlich um die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.

Das Geschäftsmodell war durch- und überschaubar, aber umso qualvoller für die Mieter. Sogenannte Immobilienkaufleute bzw. Makler kauften oder ersteigerten ganze Wohnhäuser in den „Problemstadtteilen“, wandelten diese in Eigentumswohnungen um und boten sie Privatpersonen zum Kauf an. Die Kommunen erteilten die „Umwandlungserlaubnis/Abgeschlossenheitsbescheinigung“ in der Regel problemlos. Als Steuersparkonzept deklariert, ließen die Käufer nicht lange auf sich warten. Sie meinten, ihr erspartes Geld müsse „für sie arbeiten“ und fielen auf die eigentlich verbotenen Kopplungsgeschäfte zwischen den neuen Hauseigentümern und Banken herein. Mit dem Erwerb einer Wohnung wurde gleichzeitig auch ein Kredit der beteiligten Bank gewährt, beide Verträge wurden gleichzeitig von dem neuen Wohnungseigentümer, oft sogar bei ihm Zuhause, im Beisein von Makler und Bankvertreter, unterschrieben. Vielfach hatten sich die neuen Wohnungseigentümer die „Objekte“ gar nicht angeschaut, auch weil die Wohnungen bundesweit verkauft wurden, sie nicht anreisen wollten und sich damit begnügten, dass ihnen die Wohnung per Video und Fotos vorgeführt wurde. Vielfach entsprachen die Wohnungen aber nicht dem Bildmaterial und waren auch oft nicht vermietet, sodass keine Mieteinnahmen erfolgten. So wurden viele Käufer zahlungsunfähig, der Kredit der Bank fällig gestellt und die Wohnungseigentümer meldeten Insolvenz an. Mit den „faule Krediten“ zockte die Bank auf dem Finanzmarkt, d.h. sie wurden an sogenannte „Geierfonds“ wie Cerberus und Blackstone verscherbelt.

Heute sieht das Geschäftsmodell mit den Immobilien zwar ähnlich, aber von den Dimensionen her schon ganz anders aus.

Unternehmen treten als Vermieter auf und Investoren bringen das Kapital ein

Im großen Immobiliengeschäft sind derzeit vor allem zwei Akteure tätig, Unternehmen, die als Vermieter auftreten und Investoren, die das Kapital einbringen.

Zu den Investoren, die das Kapital geben, gehören private Rentenfonds, Stiftungen, Family Offices, Banken, öffentliche Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften.

Zu den institutionellen Vermietungsgesellschaften gehören börsennotierte Immobilienaktiengesellschaften, Private-Equity-Unternehmen und Real Estate Investment Trusts.

Die im undurchsichtigen Netz der finanzialisierten Wohnungswirtschaft tätigen Akteure kaufen die Anleihepakete und Aktien von den institutionellen Vermietern. Als Investition in die Zukunft winken hohe Dividenden und Zinsen. Darüber hinaus halten viele institutionelle Akteure große Pakete an „faule“ Hypothekendarlehen, die sie in den Jahren nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von den Banken der privaten Eigentümer bzw. Schuldner erwarben (siehe oben).

Der weltweit größte Finanzinvestor ist der Private-Equity-Fonds Blackstone

Das Beispiel BlackRock

Schon während der rot-grünen Regierungskoalition Anfang des Jahrhunderts wurde der Rahmen geschaffen, dass meist anonyme Investoren Wohnungen aus dem kommunalen Besitz zu Schleuderpreisen aufkaufen konnten.

Als Gewinner aus der so genannten Finanzkrise 2008 hervorgegangen, engagierte sich BlackRock auf dem deutschen Wohnungsmarkt, kaufte die überschuldeten „Heuschrecken“-Bestände und „faule Kredite“ auf und gründete daraus die privaten Wohnungskonzerne Vonovia, Deutsche Wohnen und LEG (die Landes-Entwicklungs-Gesellschaft wurde 2005 von der NRW-Landesregierung an einen US-Investor verkauft).

BlackRock ließ man schalten und walten, denn in allen maßgeblichen Bereichen in Politik und Wirtschaft hatte der Konzern seine Leute, teils als Beratungsfirmen oder direkt im Management sitzen. So war es kein Problem, dass Vonovia als der größte Wohnungskonzern in Deutschland im Jahr 2021 den zweitgrößten Wohnungskonzern in Deutschland, Deutsche Wohnen kaufte. Damit ist Vonovia der größte Wohnungskonzern.

Das deutsche Kartellamt und die Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte hatten dagegen nichts einzuwenden, dass Wohnungsgiganten entstanden, die die Mieten, Nebenkosten und Preise für Eigentumswohnungen in deutschen Städten in die Höhe trieben, mehr noch, man ließ zu, dass der Wohnungsbestand in öffentlicher Hand verscherbelt wurde.

Die Marktmacht kann auch bilanziert werden: Der Private-Equity-Fonds Blackstone hat von den Anlegern rund 730 Milliarden US-Dollar eingesammelt, von denen rund 230 Milliarden Dollar in Immobilien angelegt sind. Blackstone besaß Ende 2020 europaweit rund 117.000 Wohneinheiten, davon auch mehr als 3.500 in Berlin. Mit ihren mehr als 550.000 Wohnungen, die die Immobilienaktiengesellschaft Vonovia nach der Fusion mit der Deutsche Wohnen in ihrem Bestand hat, ist sie der größte Wohnungskonzern Europas.

Mit einem solchen Bestand verfügen die institutionellen Akteure bereits über eine starke Marktmacht und können zunehmend auch die politische bzw. gesetzliche Regulierung der Wohnungsmärkte verhindern.

Geschäftsmodelle der Wohnungsunternehmen

Die Liste der Kritikpunkte am Verhalten und am Geschäftsmodell dieser Unternehmen die von den Mietern genannt wird, ist lang:

  • Permanente Angst, die Wohnung und damit die vertraute Umgebung und soziale Kontakte zu verlieren.
  • Fehlende Ansprechpartner und Ratgeber.
  • Nervendes Einfordern von Reaktionen auf Mängelanzeigen, Reparaturanliegen etc.
  • Zeitweise unerträgliche, andauernde Umbaumaßnahmen mit Lärm und Schmutzbelästigung und dauerhafte, verdeckte Leerstände, als altbekannte Methode der „Entmietung“.
  • Mit Drohungen leben zu müssen, unter Umständen brutalen „Entmietungsmethoden“ ausgeliefert zu sein.
  • Ständige Ankündigung mietrechtlicher Schritte seitens der Wohnungseigentümer/Objektverwaltung.
  • Unsicherheit, ob sich wehren rechtlich in Ordnung ist z.B. ob eine Mietkürzung gerechtfertigt ist.
  • Vielfache Aufteilungen und Umwandlungen in teure Eigentumswohnungen.
  • Intransparente, überhöhte Betriebskosten, auch „zweite Miete“ genannt.
  • Teure, oft unsinnige Modernisierungen, die die Mieten dauerhaft erhöhen, auch wenn die umgelegten Kosten bereits abbezahlt sind.
  • Unkorrekte Mieterhöhungen, als tausendfach abgeschickte Massensendung, gegen  die nur wenige erfolgreiche Klagen erfolgen.
  • Mangelnde Erreichbarkeit von Hausverwaltungen und Service.
  • Vernachlässigte Instandsetzungen, mit alljährlich im Herbst und Winter wiederkehrenden Ausfällen von Heizungen oder Warmwasser

und teure Neuvermietungen, oft unter Umgehung der Mietpreisbremse, z.B. durch die Vermietung möblierter Wohnungen.

Europäische Immobilienportfolios sind rund zwei Billionen US-Dollar wert

Der Wert europäischer Immobilienportfolios im Besitz institutioneller Investoren wird mittlerweile auf gigantische zwei Billionen US-Dollar geschätzt. Dazu gehören neben den Wohnimmobilien auch Gewerbeimmobilien, Industrieanlagen oder Hotels. Der genaue Wert der verwalteten Wohnimmobilien lässt sich deshalb nur schätzen, weil viele Investoren den Wert nicht separat ausweisen. Der aktuell geschätzte Wert der Immobilienportfolios im Besitz institutioneller Investoren liegt in Berlin bei 42 Milliarden Euro, gefolgt von London mit 27,7 Milliarden und Amsterdam mit 24,4 Milliarden Euro.

Mit den institutionellen Akteuren muss auch in Zukunft gerechnet werden, weil sie ihre Verwertungskonzepte geändert haben. Unter dem Stichwort „Finanzialisierung 2.0“ wollen sie zukünftig ihre Bestände auf eine längerfristige Bewirtschaftung ausrichten und dabei mehr Wert auf kontinuierliche Mietsteigerung, massenhafte Modernisierung, Neuvermietung zu Höchstpreisen und gezielte Verkäufe legen. Außerdem sollen über Insourcing, d.h. die Wiedereingliederung ehemals ausgegliederter Dienstleistungen wie Hausmeisterdienste oder Reparaturservices, neue Gewinne erschlossen werden.

Zu dem neu ausgerollten Besteck gehören auch die sogenannten Buchwertgewinne, die ein Unternehmen aus einer kontinuierlichen Höherbewertung ihres Immobilienbesitzes generiert. Dabei wird wieder einmal auf die Zukunft gewettet und auf der Basis wachsender Gewinnerwartungen, in Form von steigenden Preisen und erhöhten Mieteinnahmen, werden neue Anleihen und Kredite ausgegeben.

Für diese Zockerei, wie sie derzeit abläuft, eignen sich Immobilien besonders, weil der Preis der Immobilien bestimmenden Grundrenten auf ebensolchen Erwartungen von potenziellen Erträgen in der Zukunft beruht.

Bisherige Ansätze greifen nicht mehr, da sich die Rahmenbedingungen und Machtverhältnisse geändert haben

Viele Maßnahmen der öffentlichen Hand konnten in der Vergangenheit dazu beitragen, dass das Angebot und die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt halbwegs moderate Mieten ermöglichten. Falls das Verhältnis kippte, hatte man Instrumente in den Kommunen, Ländern und dem Bund zur Verfügung, vieles noch zu regulieren. Diese Handlungsmacht ist aber nach und nach verloren gegangen und die öffentlichen Stellen haben kaum noch Einfluss und Möglichkeiten in den Wohnungsmarkt einzugreifen, da viele Maßnahmen nicht „marktgerecht“ sind und ihre Funktion verloren haben, so beispielsweise:

  • Seit der Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit im Jahr 1989 gibt es keine steuerlichen Begünstigungen für gemeinnützige Unternehmen mehr. Es ist sogar vorstellbar geworden, dass mit Sozialwohnungen Gewinne erzielt werden können. Die weitgehende Gewinnbeschränkung, die mit der Gemeinnützigkeit verbunden ist, hatte früher einen deutlich entspannenden Effekt auf die Mietentwicklung. Zukünftigen gemeinnützigen Wohnungsunternehmen wäre es nicht erlaubt, ihre Mietpreise nach Marktlage zu bestimmen – sie dürften nur so viel verlangen, dass die tatsächlichen Kosten gedeckt werden.
  • Die aktuellen Vorschläge von Gewerkschaften, Mieterbund und vielen Initiativen zur Einführung einer Neuen Wohnungsgemeinnützigkeit (NWG) wurden von den Regierungsparteien und der Immobilienlobby zurückgewiesen. Sie befürchten, dass zu viele staatliche Auflagen das Geschäft ruinieren und die ihnen wichtigen Investitionen in den Neubau gefährden.

  • Das Wohngeld und die Kosten der Unterkunft nach dem Sozialgesetzbuch in Höhe von insgesamt mehr als 15 Milliarden Euro pro Jahr, landen über die Mieten direkt bei den Vermietern und Wohnungskonzernen. Mit der Zahlung setzt der Staat Marktregeln von Angebot und Nachfrage zugunsten der Wohnungswirtschaft außer Kraft. Mit dieser indirekten Wirtschaftsförderung ist die Wohnungswirtschaft eine der am stärksten subventionierten Branche in Deutschland und ermöglicht erst Mieterträge, die aus den normalen Einkommen nicht bezahlt werden können.
  • Bei der Immobilienwirtschaft und in der Kommunalpolitik wird für eine angeblich soziale Wohnungspolitik immer nur auf die Karte Neubau gesetzt. Hier wird dann sofort an Investoren gedacht, die „ins Boot“ geholt werden müssen und lieber in höherpreisige Segmente investieren und weniger in einen öffentlich geförderten Wohnungsbau. Auch die Vorstellung, dass mit dem Neubau so viel Angebotsüberhang entsteht, dass die Mietpreise auf unter fünf Euro pro Quadratmeter fallen würden, ist mehr als unrealistisch.
  • Werden Forderungen nach einer Aufhebung der Modernisierungsumlage und einem verbesserten Mieterschutz erhoben, hießt es, dass die Investoren abgeschreckt werden. Von den Vorschlägen für Dauerbindungen in Förderprogrammen und Sozialquoten wird gesagt, dass so etwas für Investoren nicht attraktiv ist und dadurch keine neuen Wohnungen gebaut werden,

dabei sind es die Investoren selbst, die als Begünstigte dieser staatlichen Unterstützung, die in den wohnungspolitischen Debatten regelmäßig ihre Stimme gegen mietrechtliche Auflagen, Dauerbindungen in Förderprogrammen oder Sozialquoten bei Neubauvorhaben erheben und vor „zu viel staatlicher Einmischung“ warnen

Soziale Wohnversorgung und private Renditeinteressen schließen sich aus – Enteignung großer Immobilienkonzerne wird zunehmend gefordert

worden und es scheint, dass kein Interesse daran besteht, strukturelle Änderungen in der Wohnungspolitik anzugehen.

Nun will die Initiative der anhaltenden Blockade des Berliner Senats ein Ende bereiten und einen Gesetzesvolksentscheid zur Durchsetzung des demokratischen Votums im kommenden Jahr auf den Weg bringen. Das Gesetz wird von den Volksentscheidakteuren selbst erarbeitet und anschließend stimmen die Berliner darüber ab. Gibt es bei dem Volksentscheid eine Mehrheit für das Gesetz, muss er umgesetzt werden.

Wohnen in Würde – ein unveräußerliches Menschenrecht

Zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehören ohne Zweifel eine sichere Unterkunft und das Wohnen in Würde, auch in Deutschland. Dafür braucht es keine kommerzielle und gewinnorientierte Vermietung von Wohnraum und Spekulation mit Wohneigentum.

Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ hat am 26.09.2023 eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die Erarbeitung des Vergesellschaftungsgesetzes zu finanzieren. Dort kann man sich einbringen unter https://www.startnext.com/dwenteignen23.

Weitere Infos unter https://dwenteignen.de/aktuelles/neuigkeiten

Der Beitrag ist erschienen am 1. November 2023 auf der Seite Gewerkschaftsforum.de, wir danken für die Pubklikationsrechte

References

References
1 https://gewerkschaftsforum.de/deutsche-wohnen-co-enteignen-kuendigt-gesetzesvolksentscheid-an/

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