Gewaltschutz in Berlin: Abkehr vom Sparhammer?

SPD kündigt an, alle Kürzungen im Gewaltschutz für Frauen zurückzunehmen

Von Jule Meier

Bild: Jochen Gester. Breitflächig haben feministische Gruppen in der Stadt gestempelt. Hier eine Kostprobe am Carl-Herz-Ufer in Kreuzberg.

Seit Jahren müssen Beschäftigte aus dem Gewaltschutz beobachten, dass mehr und mehr Frauen in Berlin von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind. Zusätzlich traf den chronisch unterfinanzierten Bereich jüngst der schwarz-rote Sparhammer: 2,574 Millionen Euro plante die Koalition zuletzt im Gleichstellungsetat 2025/26 einzusparen. Damit wäre jedes Berliner Projekt, das Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt schützt, von Kürzungen bedroht.

Doch die Sprecherin für Gleichstellung der SPD-Fraktion Mirjam Golm, teilt »nd« nun mit, dass ihre Fraktion die Kürzungen zurücknehmen wolle. »Wir sind uns als SPD-Fraktion unserer Verantwortung bewusst, weshalb der Schutz für von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen für uns uneingeschränkte Priorität hat«, sagt Golm. Deshalb habe man sich dafür eingesetzt, dass alle im Haushaltsentwurf des Senats vorgesehenen Kürzungen im Bereich »Gewaltschutz von Frauen« vollständig zurückgenommen werden. »Die Änderungsanträge dazu werden am 3. Dezember im Rahmen der ›Restelesung‹ im Hauptausschuss beschlossen«, so Golm. Verabschiedet wird der Haushalt durch das Abgeordnetenhaus am 18. Dezember.

Aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamtes unterstreichen, wie wichtig der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt ist: 2024 wurden deutschlandweit 265 942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt. Das ist ein neuer Höchststand. Fast jeden Tag wird in Deutschland ein Femizid begangen. Als Femizid bezeichnet man die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Meistens sind Partner oder Ex-Partner die Täter.

»Die SPD hat sich dafür eingesetzt, dass alle im Haushaltsentwurf vorgesehenen Kürzungen im Bereich Gewaltschutz von Frauen vollständig zurückgenommen worden sind.« Mirjam Golm 
Sprecherin für Gleichstellung der SPD-Fraktion

»Schwarz-Rot muss die millionenschweren Kürzungen bei Gewaltschutzprojekten zurücknehmen. Eine Fahne vor dem Roten Rathaus hilft keiner Frau, wenn Beratungsstellen ihr Angebot kürzen müssen«, teilte die frauenpolitische Sprecherin der Grünen Bahar Haghanipour mit. Der Senat hisst an diesem Dienstag, am Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, eine Flagge vor dem Roten Rathaus. Die Grünen wollen besonders die Prävention stärken: »Sie muss in den Schulen beginnen und bis zur Täterarbeit bei erwachsenen Männern reichen.«

Angesichts der angekündigten Kürzungen der Koalition hat sich das Berliner Frauen-Netzwerk (BFN) mit einem Brandbrief an den Senat gewandt. »Die Folge sind Versorgungslücken und längere Wartezeiten auf Termine, die besonders Frauen in Not treffen«, heißt es darin in Bezug auf die Folgen der Kürzungspolitik. »Ohne verlässliche Finanzierung drohen Projektauflösungen, Personalmangel und ständige Unsicherheit, was auch die Arbeitsfähigkeit und Motivation der Mitarbeiter*innen untergräbt«, heißt es ferner.

Der Verein Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) organisiert an diesem Dienstag vor dem Brandenburger Tor eine Kundgebung unter dem Motto »Kürzt ihr uns zu Tode?! – Lasst uns gewaltfrei leben!«. Zusammen in einem Bündnis mit weiteren Vertreter*innen der von Kürzungen bedrohten Projekte fordert der Verein, dass jede von Gewalt betroffene Frau noch am selben Tag Schutz und Sicherheit in Berlin bekommt. Es fehlten derzeit 486 Schutzplätze für gewaltbetroffene Frauen. Beratungsstellen müssten täglich Betroffene abweisen.

Die Kundgebung macht zudem auf die gestiegene Zahl an Femiziden aufmerksam. Demnach seien in Berlin 29 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden – doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Eine Anfrage der Abgeordneten Bahar Haghanipours, die »nd« exklusiv vorliegt, offenbart, dass der Senat bisher keine Haltung zu der Frage entwickelt hat, ob Femizide als eigener Straftatbestand eingeführt werden sollen. Die Senatsverwaltung für Justiz verweist in ihrer Antwort auf die »Ergebnisse der laufenden Forschung sowie die Erfahrungen und Empfehlungen aus der Praxis«. Haghanipour plädiert dafür, Femizide sowie andere geschlechtsspezifisch motivierte Tötungen ausdrücklich unter dem Mordmerkmal »niedrige Beweggründe« zu fassen.

Erstveröffentlicht im nd v. 25.11. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195681.gewalt-gegen-frauen-gewaltschutz-in-berlin-abkehr-vom-sparhammer.html?sstr=Jule|Meier

Wir danken für das Publikationsrecht.

Liveticker aus Gießen: Zehntausende wollen AfD-Jugend blockieren

In Gießen will sich die neue AfD-Jugend gründen. Zehntausende wollen das verhindern. Alle aktuellen Entwicklungen hier im Liveticker:

Link zum Lifeticker KGK

https://www.klassegegenklasse.org/liveticker-aus-giessen-zehntausende-wollen-afd-jugend-blockieren

Das Wichtigste auf einen Blick

Redaktion Klasse gegen Klasse, 28. und 29.November 2025

• Im hessischen Gießen will sich heute die Jugend der AfD neuformieren. Die „Junge Alternative“ war im März aufgelöst worden. Der designierte Name des neuen Verbands: „Generation Deutschland“. An seiner Spitze werden altbekannte Nachwuchsrassisten wiederfinden.

• Aus dem gesamten Bundesgebiet sind Jugendliche, Gewerkschafter:innen und Aktivist:innen angereist, um dagegen zu protestieren. Die Polizei und die Stadt Gießen rechnen mit 50.000 Demonstrierenden. Die ersten Blockaden haben begonnen.

• Im Vorfeld hatte die Stadt Gießen versucht, den Protest massiv zu beschränken, um den reibungslosen Ablauf der rechten Veranstaltung zu gewährleisten.

• Zwischenstand 8:00 Uhr: Mindestens elf Blockaden finden gerade rund um die Messehalle statt. Die Polizei geht seit mehreren Stunden mit massiver Repression gegen die Proteste vor und steht mit Wasserwerfern bereit, um noch weiter zu eskalieren. Derweil kommen kaum AfD-Mitglieder und Teilnehmer:innen des Gründungskongresses in die Messehalle durch. Die Blockaden wirken!

• Zwischenstand 9:00 Uhr: 16 Blockaden, Zehntausende Demonstrierende auf den Straßen. Die Polizei setzt Wasserwerfer, Kameradrohnen und direkte körperliche Gewalt ein. Es gibt viele Verletzte. AfD und Polizei bemühen sich, die Rechten zur Messehalle zu bekommen. Der Nachwuchsfaschist Daniel Halemba soll etwa mit Konsorten in der Halle angekommen sein.

• Zwischenstand 10:00 Uhr: 19 Orte und damit alle wesentlichen Zufahrten zur Messe in Gießen sind besetzt. Die Polizei setzt nach wie vor Wasserwerfer, inzwischen auch Schmerzgriffe und andere Handgreiflichkeiten ein. Derweil warten hunderte AfD-Anhänger noch außerhalb der Stadt auf Polizeigeleit, um zur Gründung ihrer Nachwuchsorganisation zu gelangen.

Video Polizeigewalt, Quelle der Neuköllner

————–

Der Link wurde uns von Omas gegen Rechts zugesandt. Die Ereignisse in Gieẞen rauben vielen ihre Illusionen über diesen Staat, aber auch über Parteien wie die Grünen und SPD, die das Hochzüchten des Polizeiapparats und dessen Agieren mit verantwortlich zeichnen! Was bei den Palästinaprotesten geprobt wurde, findet heute in Gieẞen seine Fortsetzung. Wir danken der Redaktion von „Klasse gegen Klasse“ für Ihre professionelle Arbeit!

Erklärung des ver.di Fachbereichsvorstands öffentliche und private Dienstleistungen, Sozialversicherung und Verkehr Hamburg zum gewalttätigen Einsatz der Polizei gegen protestierende Kolleginnen und Freundinnen in Gießen:
https://www.klassegegenklasse.org/liveticker-aus-giessen-zehntausende-wollen-afd-jugend-blockieren

Ein nie dagewesener Verfolgungseifer

Horst Schöppner kritisiert die bundesdeutsche Justiz wegen ihres Vorgehens gegen Antfaschist*innen

Bild: Soli-Antifa-Ost

Antifaschismus steht im weitesten Sinne für Werte wie Solidarität, Gleichheit, Frieden und Freiheit. Doch diese Werte sind in Frage gestellt. Die AfD mit ihrer Agenda der Spaltung, Denunziation, Hetze und Ungleichheit vergiftet dieses Land. Antifaschist*innen werden mit Repressionen überzogen oder verschwinden gar im Gefängnis, während sich die bürgerlichen Parteien und Institutionen zunehmend als Steigbügelhalter und Gehilfen der Rechten gerieren. Es wird rauer in Deutschland.

US-Präsident Donald Trump hat die deutsche »Antifa-Ost« auf seine Terrorliste gesetzt. So ein Vorgehen bedeutet einen Angriff auf jegliche Opposition. Antifa ist der gemeinsame Nenner aller Kräfte, die Faschismus ablehnen. Das galt nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso wie im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. Antifaschismus ist eine breite Klammer. Und in der Tat ist mit dem Angriff auf die Antifa alles gemeint, was sich der rechten Reaktion in den Weg stellen könnte oder auch nur vorsichtig Fragen formuliert: von Gewerkschaften über Pazifisten, Wissenschaft, Naturfreunden bis hin zur MLPD. Dahinter steht der beschriebene Wertewandel. Dieser ist notwendig, denn auf der staatlichen Agenda steht neben der Verschärfung nach innen auch Krieg nach außen. Eine (antifaschistische) Opposition wäre dabei hinderlich.

Besonders deutlich ist die Attacke gegen Antifaschist*innen an den harten Urteilen deutscher Gerichte zu erkennen. So bekamen die Mitglieder der »Antifa-Ost« für Körperverletzungen und Gründung einer kriminellen Vereinigung teilweise über fünf Jahre Haft (wie Lina E.) oder Hanna S. (vom sogenannten Budapest-Komplex). Die Nazis von »Knockout 51« hingegen gingen für die gleichen Vorwürfe weniger als vier Jahre hinter Gitter. 2021 wanderten zwei Antifaschisten in Baden-Württemberg für viereinhalb bzw. fünfeinhalb Jahre in den Knast, weil sie extrem Rechte angegriffen hatten. Wohingegen der Nazi Maurice P. für ein in den Hals gerammtes Cuttermesser unter drei Jahre bekam. Faschisten können mit Milde rechnen, Antifas nicht.

Der staatliche Verfolgungseifer zeigt sich auch an der illegalen Abschiebung von Maja T. nach Ungarn. Wirklich wundern darf einen das nicht. In den vergangenen Jahren sind bei Polizei und Verfassungsschutz wiederholt zahlreiche rechte Beamte bekannt geworden.

Immer mehr Bundesländer führen zudem eine Extremismusklausel für Staatsbedienstete ein. Diese Maßnahme richtet sich vorgeblich gegen die AfD und Neonazis. Doch der Schein trügt. Es trifft in Zukunft alle, die gemäß der Hufeisentheorie als extremistisch gelten. Vom Innenministerium Rheinland-Pfalz sind 22 rechte Organisationen gelistet und 18 linke. Darunter die Freie Arbeiterinnen-Union (FAU), das postautonome Ums-Ganze-Bündnis, die Solidaritätsorganisation Rote Hilfe und die Migrantifa Rhein-Main. Hinzu muss das Umfeld gerechnet werden, das über eine Kontaktschuld ebenfalls in Verdacht gerät. Jede als extremistisch oder – wie in den USA – als Terrororganisation definierte Gruppe wird so völlig isoliert. Solidarität wird zur Unterstützung einer solchen Organisation, was sowohl Solidaritätskundgebungen als auch Geldüberweisungen unmöglich macht. Das ist eines der Ziele der US-Terrorliste.

Doch es geht subtil weiter. Die CDU will sämtliche Nichtregierungsorganisationen auf Verfassungstreue überprüfen. Die Definitionshoheit über Extremismus liegt beim mit Rechten durchsetzten Verfassungsschutz. Die AfD lacht sich ins Fäustchen, hat damit doch die CDU ihre Strategie übernommen und macht sich zum Vorkämpfer gegen alle Nuancen des Antifaschismus. Aktuell verhindern Universitäten Treffen der »Studis gegen rechts«, die gegen den Gründungsparteitag der AfD-Jugend in Gießen mobilisieren wollen. Dafür genügte eine E-Mail der AfD an die Universitätsleitungen. Die Angst vor potenziellen Maßnahmen fördert Duckmäusertum. Damit geht die Agenda der Nazis auf, politische Diskurse, Organisation oder Solidarität werden unmöglich.

Auch auf der praktischen Ebene wird gegen Antifaschismus vorgegangen. Sitzblockaden wurden jüngst vom Bundesverfassungsgericht als strafbar bewertet. Damit ist Nazigegner*innen ein wichtiges Werkzeug genommen. Dabei saß noch 2010 der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) straffrei gegen Nazis auf der Straße. In den 80ern waren Sitzblockaden vor Kasernen ein Massenphänomen als Protest gegen die Aufrüstung.

Auch in den 80er Jahren wurden schon Antifaschist*innen verurteilt, aber zu Mordermittlungen bei Körperverletzungen kam es nur äußerst selten. Die Strafmaße wurden in den Urteilen nicht maximal ausgereizt. Die Generation der Nazirichter war gerade im Ruhestand und mitunter konnten Antifas vor Gericht sogar mit Verständnis rechnen.

Die Repression war bei Weitem nicht vergleichbar fortgeschritten. Zum einen waren die staatlichen Organe mit drei illegalen Gruppen (RAF, Bewegung 2. Juni und RZ) beschäftigt, zum anderen gab es Massenmilitanz gegen Atomkraftwerke, Startbahn West oder Hausräumungen. Und auch gegen Nazis. Doch die militante Antifa war ein neues Phänomen, deren Bedeutung von den Verfolgungsbehörden noch nicht erkannt wurde. Vielleicht steckte aber auch dahinter, dass den Behörden Angriffe gegen Nazis oder deren Infrastruktur nicht so verfolgungsrelavant schien, weil sie sie nicht als staatsgefährdend einschätzten.

Das verschärfte Vorgehen gegen Antifaschist*innen meint den Angriff gegen jegliche Opposition. Wir müssen beizeiten mit unseren Werten gegensteuern, auf allen Ebenen. Nur wenn wir konsequent die Fahne des Antifaschismus als Sammelbegriff für eine fortschrittliche Gesellschaft hochhalten, werden wir überleben und so auch Mitstreiter*innen finden. Gelingt uns das nicht, wird es kalt in Deutschland.

Horst Schöppner, Jahrgang 1960, war in den 1980er Jahren aktiver Antifaschist. Er schreibt Bücher und Artikel zum Thema Neofaschismus und Antifaschismus.

Erstveröffentlicht im nd v. 27.11. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195738.antifa-ost-prozess-repression-gegen-antifas-ein-nie-dagewesener-verfolgungseifer.html?sstr=Ein|nie|dagewesener|Verfolgungseifer

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung