Die Krise gehört Euch, die Zukunft gehört uns – Teile der IG Metall Jugend Südwest gehen in die Offensive!

Belegschaften wachen auf. Erst Ford Köln, dann ruft einer der stärksten IG Metall Vertrauenskörper (Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim) zum Widerstand auf. Gegen sozialen und politischen Kahlschlag und Militarisierungskurs. In den Werken Bremen und Düsseldorf kommt es zu selbstständigen Arbeitsniederlegungen. Die Gewerkschaftsspitzen rufen bundesweit zu Protestkundgebungen auf. Belegschaften der Automobilbranche solidarisieren sich standort- und konzernübergreifend, wie zum Beispiel Tesla Kolleg:innen mit VW. Über alle Branchen hinweg vernetzen sich gewerkschaftliche Aktivist:innen. Gewerkschaftsratschläge sprießen bundesweit und vielerorts aus dem Boden. „Klare Worte statt Appelle – weitere Proteste bei Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim„, hiess es wiederum aus dem Mercedes Werk Untertürkheim.

Jetzt ziehen große Teile der Arbeiterjugend von Südwest in einer Erklärung nach. Mehr noch als die „Alten“ sind die „Jungen“ von einer kaputten kapitalistischen Zukunft und einer uns alle überwältigenden Militarsierungswelle betroffen. Für dieses „Elend“ wollen sie schon gar nicht in Kriegen ihr Leben lassen. Und auch bei der Jugend reift der Gedanke heran: „Aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“

Wir verbreiten die Erklärung ausdrücklich wie gewünscht, damit sich auch hier aus dem Norden weitere Teile der IG Metall Jugend anschliessen.

Die Vertrauensleute von Mercedes-Benz Untertürkheim haben vorgelegt.


Als IG Metall-Ortsjugendausschüsse Stuttgart, Esslingen, Freiburg-Lörrach, Ludwigsburg-Waiblingen, Reutlingen-Tübingen und als JAV Mercedes-Benz Untertürkheim ziehen wir nach.

Fast jeden Tag hören wir:

Jobs werden gestrichen, Auszubildende und Studierende nicht übernommen, ganze Werke schlieẞen. Überall soll gespart werden – vor allem auf unsere Kosten. Und nicht nur im Betrieb werden wir angegriffen.

Auch die Politik gibt den Forderungen der Kapitalisten immer weiter nach:
  • Den 8-Stunden-Tag? Will die Regierung
    beerdigen.
  • Job weg? Dann sollen wir halt irgendeinen
    schlecht bezahlten, miesen Job
    annehmen.
  • Gesundheit? Wird teurer. Gute
    Versorgung gibt’s nur noch für Menschen
    mit Geld.
  • Rente? Wird offenbar überbewertet. Wir
    sollen arbeiten, bis wir umfallen.
  • Übernahme? In Zukunft ist eine
    Befristung auf 4 Jahre und sogar noch
    länger möglich.
Während bei uns gekürzt wird und wir unsere Jobs verlieren, ist plötzlich genug Geld da: für Aufrüstung und Krieg.

Auẞerdem wird die Wehrpflicht wieder eingeführt, da wir dieses Elend im Zweifel sogar mit unserem eigenen Leben verteidigen sollen. Aber statt ,,fürs Vaterland zu sterben“, wollen wir:

  • ·Sichere Jobs und eine unbefristete Übernahme nach Ausbildung & Studium.
  • Eine gute Bezahlung in Ausbildung & Studium.
  • Den Erhalt von Ausbildungsplätzen.
  • Investitionen in Soziales und Gesundheit statt Militär.
  • Frieden für alle.
Doch eins ist klar: Das bekommen wir nicht geschenkt.

Denn: die Kapitalisten – und wir? Wir spielen nicht im selben Team.
Die machen Profit. Wir machen die Arbeit. Die werden reicher. Wir sollen verzichten.

Rumjammern bringt nichts. Betteln auch nicht. Und darauf hoffen, dass irgendwer das schon regelt, erst recht nicht. Wenn sich etwas ändern soll, dann nur, wenn wir es selbst in die Hand nehmen und kämpfen.

Deshalb sagen wir: Protest, Widerstand, Streik!

Im Folgenden schlieẞen wir uns den Worten der Vertrauensleute aus Untertürkheim an:

  • Bessere Politik braucht unseren gewerkschaftlichen und politischen Kampf! Deshalb warten wir nicht, bis uns jemand bittet zu protestieren. Wir fangen damit an!
  • Wir diskutieren wieder stärker politisch mit unseren Kolleg:innen vor Ort im Betrieb. Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
  • ·Wir nutzen jede Gelegenheit, um die Bosse und ihre Regierung zu kritisieren. Zukünftig gibt es keine Jugendversammlung, keine JAV-Sitzung, keine OJA-Sitzung ohne politische Diskussion
  • Auch wenn wir am Anfang wenige oder allein sind: Wenn wir die Stimme erheben und Haltung zeigen, werden wir mehr.
  • Sobald die Stimmung in der Belegschaft reif ist, organisieren wir Protest – im Betrieb und in der Stadt.
  • Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und fordern Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft – bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen zögern, dann machen wir es selbst.

Titelbild: IG Metall-Ortsjugendausschüsse Stuttgart, Esslingen, Freiburg-Lörrach, Ludwigsburg-Waiblingen, Reutlingen-Tübingen und als JAV Mercedes-Benz Untertürkheim



Helge Döhring (Hg.): „grosse, schöne, unvergessliche Tage“ Erinnerung an die spanische Revolution vor 80 Jahren

Ein Buch und eine Filmreihe geben einen Einblick und benennen auch die Widersprüche.

Von PETER NOWAK

Am 19. Juli 1936 begann in Spanien der rechte Militärputsch gegen eine linke Volksfrontregierung, der den Bürgerkrieg auslöste, in den das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien aufseiten der Putschisten eingriffen. Das ist die offizielle Erzählung über das, was sich vor 90 Jahren in Spanien zugetragen hat. „Was heisst Bürgerkrieg, für mich war es die Spanische Revolution“, sagte Heinrich Friederitzky, der sich als Anarchosyndikalist am Kampf in Spanien beteiligt hatte. Er gehört zu den 12 Anarchosyndikalist*innen, die in dem kürzlich im Verlag Edition AV veröffentlichten Buch „grosse schöne unvergessliche Tage“ natürlich pünktlich zum 90-Jahrestag erschienen ist.

Er gehörte zu den 12 Zeitzeug*innen, die zwischen 1936 – 1936 die spanische Revolution vor Ort erlebten, einige als Kämpfer*innen, andere als Journalist*innen oder deutsche Emigrant*innen, die im anarchosyndikalistischen Teil Spaniens dabei helfen wollten, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Dazu gehörte Etta Federn, die mit ihren jugendlichen Söhnen in Barcelona lebte. Die ehemalige Pazifistin wurde in dieser Zeit zur Befürworterin des bewaffneten Kampfes, und nicht 1940 beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Frankreich, wie es in dem Buch auf Seite 74 heisst.

Schliesslich wird Federn auf Seite 53 mit einem etwas verstörenden Bekenntnis aus dem Jahr 1936 zitiert: „Ich werde wohl demnächst meinen grossen Sohn herausschicken müssen, er hat sich als Freiwilliger gemeldet und bei diesem Krieg bin ich natürlich nicht Pazifistin und kann es nicht sein“ (S.53). Wenige Zeilen weiter bekräftigt Federn noch mal, wie sehr sie unterstützt, dass ihr jugendlicher Sohn auf Seiten der anarchosyndikalistischen Milizen mit der Waffe kämpfen will.

„Ich freue mich sogar, dass er selbst gehen will. Er fängt an zu verstehen, was die Bewegung bedeutet, denn er sieht, was sie leistet. Der Kleine, der übrigens mit seinen 14 Jahren viel grösser ist als ich.“ (S. 53). Ein 14-jähriger, der mit einer Waffe kämpft? Heute kommt uns sofort der Begriff des Kindersoldaten in den Sinn. Doch vom Wuppertaler Anarchosyndikalisten Fritz Brenner erfahren wir, dass es noch viel jüngere Kämpfer*innen gegeben hat. „Knirpse von zehn, elf Jahren hatten schon Uniform“ (S. 53), konnte er beobachten.

Und der deutsche Schriftsteller Carl Einstein, der Mitte der 1930er Jahre zum entschiedenen Befürworter des Anarchosyndikalismus geworden war, schrieb 1937: „Die Landproletarier und Kleinbauern, die zu uns stiessen, sind Brüder und Söhne der dort Unterdrückten. Sie schauen in ihre Dörfer hinüber. Viele ihrer Angehörigen, Väter und Mütter, Brüder und Schwestern wurden von den Faschisten ermordet. … Die Bauern blicken hoffend und grollend nach der Ebene, in ihre Dörfer hinein. Doch sie kämpfen nicht um Weiler und Besitz, sie streiten für die Freiheit aller. Knaben, fast noch Kinder flüchteten zu uns, Waisen, deren Eltern ermordet wurden. Diese Kinder kämpfen an unserer Seite. Sie reden wenig, haben aber viel begriffen“ (S. 51).

Hier zeigt sich, dass die Realität auch im anarchosyndikalistischen Spanien nicht so war, wie sich das heute manche im kapitalistischen Hinterland heute gerne vorstellen. Einstein macht sehr deutlich, dass diese Kinder und Jugendlichen, die hier mit der Waffe kämpften, nicht zwangsrekrutiert waren. Es war die brutale Realität der spanischen Gesellschaft unter der Knute von Klerus und Feudalwesen, die sie zu den Waffen trieben. Welche Alternative hatten sie auch, wenn ihre Dörfer von Falangisten gestürmt, ihre Eltern und Verwandten ermordet worden und sie durch die Flucht in die von der Reaktion befreiten Gebiete ihr Leben retten konnten?

Kindersoldaten oder junge Kämpfer*innen für eine andere Welt?

Diese Beobachtungen vor 90 Jahren sollten uns auch nachdenklich machen, wenn wir heute von Ländern des globalen Südens hören, in denen es bewaffneten Widerstand gibt, an dem auch Jugendliche beteiligt sind. Mit den aus den UN-Bürokratien entlehnten Begriffen von den Kindersoldaten wird wenig über die Lebensrealität erklärt, die schon in jungen Jahren erleben mussten, wie ihre Angehörigen, Eltern und Freund*innen verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Ihnen wurde das Recht auf Bildung und eine unbeschwerte Kindheit genommen. Wer soll darüber richten, wenn sie sich gegen die Verantwortlichen für diese Zustände erhoben haben, auch mit Waffen? Wer will vor allen beurteilen, ob diese Menschen noch zu jung dafür seien?

Gut, dass diese Passagen in dem Buch unkommentiert stehen geblieben sind. Sie sollen die Leser*innen auch verstören und auf die „extremen Widersprüche und Spannungen“ (S. 75) hinweisen, von denen Helge Döhring in der Einleitung spricht. Dort betont er sehr stark die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Linken, die sich dem Faschismus in Spanien entgegenstellten. Es ist richtig, dass an die Anarchosyndikalistin Federica Montseny erinnert wird.

Deswegen braucht aber die als La Passionaria bekannt gewordene Parteikommunistin Dolores Ibarruri nicht vergessen werden. Sie soll aber wie alle anderen auch kritisch eingeordnet werden. Nicht verständlich ist, dass Helge Döhring die links-kommunistische POUM als „Blendgranate“ und marxistische Minipartei, die neben dem Anarcho-Syndikalismus aussieht wie ein „Spatz“ (S. 8) klassifiziert. Schliesslich waren die Militanten der POUM zeitweise stärker dem Terror der Stalinist*innen ausgesetzt als die Anarchosyndikalist*innen.

Nicht alles schwarz-rot- oder rot

Dass die Widersprüche in der spanischen Linken zwischen 1936 – 1939 komplizierter waren und sich nicht in dem Gegensatzpaar autoritäre versus antiautoritäre Linke auflösen, erfahren wir in den Berichten der Zeitzeug*innen. Da erzählt Heinrich Friederitzky, wie er als junger Anarchosyndikalist mit einem Freund über eine KP-nahe Organisation die Reise nach Spanien antrat, weil ihre eigene Organisation dazu nicht in der Lage war. Ihr Plan, sich dann schnell zur anarchistischen Brigade Durruti abzusetzen, liess sich dann nicht umsetzen.

So wurden die Anarchosyndikalisten von dem kommunistischen Sicherheitsapparat kritisch beobachtet und ausgefragt. Sonst passierte ihnen nichts. Interessant ist auch die Schilderung von Anarchist*innen, die bisher immer die staatliche Ordnungsmacht abgelehnt haben und nun in Spanien selber zu Polizist*innen wurden. So sagt der Wuppertaler Anarchosyndikalist Helmut Kirschey „Wir wurden Polizei (grinst). Anarchistische Polizei, komisch ja (lacht). Weil wir uns immer versteckt hatten vor der Polizei. Wir wurden auf einmal Polizei“ (S.32).

Und sie scheinen ihren Job dort auch sehr ernst genommen zu haben. „Wir haben keine ausgewiesen, ohne dass sie auf der Liste waren“ (S.32) berichtet Kirschey über den Umgang der anarchistischen Polizist*innen gegenüber Mitgliedern der NSdAP, die in den Gebieten lebten, in denen die Anarcho-Syndikalist*innen eine neue Gesellschaft aufbauen wollten. Es handelte sich um Deutsche, die in Spanien lebten und dort die Putschisten unterstützten. Es soll hier gar nicht hinterfragt werden, dass diese Kräfte bekämpft werden mussten.

Eine interessante Frage wäre aber, wie sich die Polizeiarbeit der Anarchist*innen und Anarchosyndikalist*innen von den anderen Kräften der spanischen Linken unterschieden hat. Nur dann kann man sinnvoll darüber diskutieren, wo die Grenze ist zwischen notwendig autoritären Massnahmen, beispielsweise gegen offene und versteckte Anhänger der Putschisten und autoritären Massnahmen, die die Ziele der Revolution selber diskreditierten.

Auf Seiten der Kommunistischen Partei ist da auf jeden Fall die Verfolgung anderer Linker zu nennen. Auf Seiten der Anarchosyndikalist*innen wäre die Existenz von Arbeitslagern in denen von ihnen kontrollierten Gebieten zu nennen, die der kanadische Historiker Michael Seidman in seinem Buch „Gegen die Arbeit“ analysiert, das immer noch im Verlag Graswurzelrevolution erhältlich ist.

Ein solcher kritischer Blick auf alle Teile der spanischen Linken und der spanischen Revolution ist 90 Jahre später eine sinnvolle Perspektive. Der kleine Band von Helge Döhring ist deshalb so wichtig, weil hier 12 anarchistische und anarchosyndikalistische Zeitzeug*innen zu Wort kommen, die heute alle nicht mehr leben. Glücklicherweise gab es Menschen, die ihre Berichte aufnahmen oder aufschrieben.

A las Barricadas – Filmreihe in der Berliner Brotfabrik

Neben schriftlichen und mündlichen Zeugnissen sind es auch Filme, die den Kampf und die Niederlage der spanischen Revolution seit 90 Jahren begleiten. Im Berliner Kino Brotfabrik wird noch bis zum 31. Juli unter dem Titel A las Barricadas ein einziges Panorama von Filmen gezeigt, die die unterschiedlichen Spektren der spanischen Revolution darstellen. Zeitgenössische Filme finden sich dort ebenso wie Produktionen der letzten Jahre.

Neben bekannten Filmen wie Brot und Frieden von Ken Loach und Der Lehrer, der uns das Meer versprach über einen Bildungsreformer, der wie so viele Opfer des rechten Terrors wurden, gibt es auch viele wenig bekannte Filme zu sehen. Ein Höhepunkt ist sicherlich das Kurzfilmprogramm der CNT am 30. Juli.

Helge Döhring (Hg.): „grosse, schöne, unvergessliche Tage“. Verlag Edition AV 2026. 88 Seiten. ca. SFr. 23.00. ISBN: 978-3-86841-362-5.

Infos zur Filmreihe in Berlin: A las Barricadas!

Erstveröffentlicht im Untergrund Blättle v. 21.7. 2026
Gedenken an die Spanische Revolution

Wir danken für das Publikationsrecht.

Fahne im Wind

Die Linke organisiert Sozialproteste und bietet sich gleichzeitig als Mehrheitsbeschafferin für Regierungsprojekte an. Kritik einer Partei, die im Zwiespalt gefangen ist.

Forum-Red.: Der Text ist zuerst bei analyse&kritik erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht.

Von Olivier David

Wer sich derzeit mit dem öffentlichen Auftreten der Partei Die Linke auseinandersetzt, dem zeigt sich ein reichlich ambivalentes Bild. Auf der einen Seite ist eine Partei zu sehen, die den Widerstand gegen die Politik der Reichen artikuliert. Ganz konkret zeigt sich das an dem Aufruf zu Sozialprotesten. Endlich tut sich etwas. Unter dem Motto »Es reicht – das Leben bezahlbar machen« organisiert die Partei in Dutzenden von Städten Kundgebungen gegen die Politik der Austerität unter Kanzler Merz.

Schaut man hin, fällt auf: Der Zusammenhang zwischen dem Ausbluten des Sozialstaats und den Themen Militarisierung, Wehrpflicht und Krieg fehlt dem Protest bislang. Ein Foto auf dem Account der Partei zeigt die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner auf einer ersten Demo in Berlin öffentlichkeitswirksam eine rote Linke-Fahne schwingen. »Kürzt doch bei den Reichen« ist auf einem Schild neben ihr zu lesen. Und genau hier spitzen sich die innerparteilichen Widersprüche zu. 

Der Gehaltsdeckel-Streit

Denn während die Partei nach außen um oppositionelle Rhetorik bemüht ist, zeigt sich an der Debatte um einen Gehaltsdeckel für Linken-Abgeordnete, dass ihr Motto »Kürzt doch bei den Reichen« nicht mal intern Konsens ist. Schwerdtner und der scheidende Co-Parteivorsitzende Jan van Aken schlagen eine Deckelung der Diäten in Höhe eines durchschnittlichen Arbeitnehmerbruttos vor. Denn gemessen am Durchschnitt gehören Bundestagsabgeordnete zu den einkommensreichsten zwei bis zehn Prozent in Deutschland (je nach Rechnung). 

In einem internen Brief von den Fraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek und Sören Pellmann, den Springer veröffentlicht hat, fragen die beiden in einem grotesken Anfall undialektischen Denkens: »Soll es wirklich so sein, dass jede:r Abgeordnete beim Bundesschatzmeister, dem Parteivorstand oder einer anderen Gruppe vorsprechen und sich komplett nackt machen muss? Das, was wir sonst immer kritisieren? Dass den Menschen in den Ämtern nicht vertraut wird?« 

Nur sind die Abgeordnetendiäten, mit denen die Politiker*innen des Bundestags zu den obersten zwei bis zehn Prozent der Einkommensreichen in Deutschland gehören, nicht mit der vom Jobcenter sanktionierten Person vergleichbar. 

Dieser klein erscheinende Streitpunkt um eine Begrenzung der Diäten ist dabei gewichtiger, als es zunächst scheint. Denn ob Abgeordnete einer sich als Klassenpartei bezeichnenden Organisation innerhalb einer Legislatur ein Vermögen aufbauen, das sich der überwiegende Teil der Klasse zu Lebzeiten nicht erarbeiten kann, oder ob ihre Diäten zumindest sehr grob den Lebensbedingungen der Mehrheit angepasst sind, ist ein Unterschied. In der Außenwirkung, materiell und politisch.

Which side are you on?

Dabei steht der Streit um die Höhe der Diäten stellvertretend für eine strategische und politische Divergenz, die sich quer durch das Handeln der Partei zieht. Die Linke als organisierende Klassenpartei versus Die Linke als Mehrheitsbeschafferin für eine CDU-geführte Regierung – im Bundestag und auf Länderebene. Die Linke als Stimme des Protests auf der Straße versus Die Linke, deren Spitze sich einseitig für proisraelische Stimmen starkmacht. Die Linke gegen die Militarisierung versus Die Linke, die im Bundesrat für Aufrüstung stimmt.

Dieser Spagat wird die Partei langfristig zerreißen – er tut es bereits. Für relevante Teile linker Bewegungen in Deutschland ist Die Linke keine verlässliche Partnerin. Das wurde gerade erst in Berlin besonders deutlich, wo die Partei der linksradikalen Ersten-Mai-Demonstration einen Bärendienst erwiesen hat, indem sie die Demo mit einem gleichzeitig stattfindenden Konzert über Stunden blockierte.

Eine tatsächliche Klassenpartei im Bundestag hätte den Zweck, ihre Mittel und Möglichkeiten zum Aufbau einer kämpfenden sozialistischen Bewegung zur Verfügung zu stellen.

Ein weiterer Vorfall aus Berlin verdeutlicht, dass Die Linke nicht nur habituell und strategisch, sondern auch ideologisch meilenweit von einer sozialistischen Partei entfernt ist. Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Abgeordnetenhaus, Anne Helm, steckte Springers Welt, dass sich ihre Fraktion einem Antrag der Grünen anschließen werde, in dem gefordert wird, die sowjetische Prägung der Ehrenmale Berlins »historisch-kritisch« zu »kontextualisieren«. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen Versuch, die Erinnerungskultur auf Polizeilinie zu bringen. Die verbietet seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine das Zeigen sowjetischer Insignien am 8. und 9. Mai.

Der »Auf die Barrikade«-Sprech, den führende Parteimitglieder im Mund tragen, verheimlicht nicht den Anspruch relevanter Teile in der Partei, »politische Verantwortung« übernehmen zu wollen. Auf Länderebene und gerne 2029 auch in einer rot-rot-grünen Koalition. Was der Linken – neben dem Wunsch, auf dem politischen Parkett eine Rolle zu spielen – zudem ganz konkret schadet, ist, abgesehen von einem mitunter beliebig wirkenden ideologischen Pluralismus, der Wunsch, nach außen hin unbedingt eine befriedete Partei darzustellen, während es im Innern fortwährend brodelt, weil zentrale kontroverse Fragen ungeklärt bleiben. 

So viel Beliebigkeit

Zum Beispiel beim Thema Israel. Eine Partei kann nicht gleichzeitig solidarisch mit Israel und mit Gaza sein. Ist sie parteiisch mit Israel, dann aus falsch verstandenem Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Tätergeschichte Deutschlands. Nie wieder bedeutet – und das müsste eigentlich Konsens in einer linken Klassenpartei sein –, sich immer und zu jeder Zeit gegen Unterdrückung, Auslöschungsfantasien und Genozid zu stellen, und nicht bloß dann, wenn es einfach ist.

Ein Spagat in der Frage Israel/Gaza ist sowohl in Westasien ein Kompromiss auf Kosten der hungernden Bevölkerung in Gaza, als auch hierzulande auf Kosten der Palästinabewegung, die seit bald drei Jahren brutale Polizeigewalt erlebt. Das Denken in Kategorien politischer Macht und Ohnmacht – etwa, dass an der Seite Israels zu stehen, sich hervorragend in die Staatsräson einfügt, während für Palästina Partei zu ergreifen oft Zensur, Gewalt und Strafverfolgung bedeutet – scheint in der Partei nicht breit verankert zu sein.

Eine Klassenpartei kann auch nicht gleichzeitig Politik für Arme machen und dem Staat helfen, seine Herrschaft gegenüber der Arbeiter*innenklasse durchzusetzen. Die Ausrede, man würde im Einzelfall schauen, wo eine Maßnahme der Klasse nützt, verhehlt kaum den unbedingten Wunsch, nützlicher Teil des Politbetriebs zu sein. Die Idee allein, mit der Kooperation mit den Regierungsparteien davonzukommen, zeugt von einer Arroganz gegenüber den Ausgebeuteten, die der Partei noch auf die Füße fallen wird. Jeder kleinen Maßnahme, die unsere Klasse nicht weiter auspresst, stehen zehn Angriffe auf Arbeiter*innen gegenüber. Daran kann man sich als Linke beteiligen, dann braucht man sich aber nicht wundern, wenn die Arbeiter*innen zur AfD überlaufen.

Man will keinen Ärger mit der Bild-Zeitung; man will versuchen, die auf Klassenpolitik und Anerkennung des Genozids in Gaza drängenden Stimmen zu befrieden. Man will Sozialproteste; man will der CDU in Sachsen-Anhalt im Zweifel helfen, bürgerliche Politik als Gegenspielerin der AfD zu organisieren. Ganz so, als sei die CDU nicht wesentliche Akteurin beinahe aller Angriffe der letzten zwanzig Jahre auf die Rechte von Arbeitnehmer*innen gewesen. Aber egal, im Zweifel alle zusammen gegen den Faschismus. 

Organisierung von Klassenhass

An den Anfang Juni gestarteten und zunächst schwach besuchten Sozialprotesten lässt sich ablesen: Die Partei hat es verpasst, soziale Bewegungen hinter sich zu vereinen. Auch die – inzwischen aufgelöste – Strömung Bewegungslinke ist mit dem Versuch gescheitert, Die Linke zu einer tatsächlichen Bewegungspartei zu transformieren.

Auf einem Panel der Bewegungslinken zum Thema »Klassenhass« im Herbst 2024, an dem der Autor selbst teilnahm, war die einhellige Meinung der Genoss*innen, auf Klassenhass zu setzen sei der falsche Weg. Dem stimmte damals auch der nun aussichtsreichste Kandidat auf den Posten des Co-Vorsitz der Partei, Luigi Pantisano, damals wortreich zu. In einem Interview schaffte Pantisano es jüngst, sowohl zu sagen, dass Die Linke, um in Sachsen-Anhalt die AfD zu verhindern, eine Minderheitsregierung tolerieren würde, als auch, dass die Partei sich gegen das Establishment stellen müsse. Wie das zusammen geht: Nur Pantisano selbst weiß das wohl. 

Es zeigt sich: Einer Partei ohne Anschluss an die Bewegung fehlt das Korrektiv. Gleichzeitig macht sich Die Linke den Aufbau einer sozialistischen Bewegung auch nicht zum Ziel. Dass die Partei diese Bedingungen zum Einzug in den Bundestag nicht vorgefunden hat, kann man ihr nicht vorwerfen. Dass sie diesem Ziel nicht alles unterordnet, muss man ihr hingegen vorhalten. 

Eine tatsächliche Klassenpartei im Bundestag hätte den Zweck, ihre Parteimittel und Möglichkeiten zum Aufbau einer kämpfenden sozialistischen Bewegung zur Verfügung zu stellen. Der Bundestag zu dieser historischen Zeit, das zeigen alle zur Verfügung stehenden Daten, ist nicht das Feld, auf dem linke Politik etwas erreichen kann. In ihm sollten linke Kräfte eine Bühne für Agitation, für die Organisierung von Klassenhass und die Umverteilung von Geldern hin zu den kämpfenden Teilen der Bewegung sehen. 

Wie also weiter verfahren? Einerseits gibt es in der Partei allerhand integre Leute und Potenziale, die eine sozialistische Bewegung braucht. Gleichzeitig ist der Sog, der die Partei in die Mitte zieht, so stark, dass entschiedene Sozialist*innen besser beraten wären, der Partei gegenüber Vorsicht walten zu lassen. Diskursiv gilt es, den Druck auf die Partei weiter zu verschärfen, denn wie sich an den Sozialprotesten zeigt, reagiert die Partei auf Stimmen aus der Bewegung.

Gleichzeitig führt kaum ein Weg daran vorbei, sich auf die Suche nach alternativen Parteien und Organisationen links der Linken zu machen. Die Partei ist für einen drastischen Linksruck hin zu einer tatsächlichen sozialistischen Klassenpartei innerhalb der nächsten Jahre in ihrem Kern zu liberal, in ihren Anliegen zu heterogen und gegenüber der Macht zu opportun.

Olivier David

ist Autor und Journalist. Von ihm ist zuletzt der Essayband »Von der namenlosen Menge« erschienen.

Hinweis: Lesung aus dem unveröffentlichten Textband von Olivier David, "Die Armen liefern die Leichen" am Samstag 25. Juli im Rahmen der Veranstaltung Wir sehen Rot: Im Widerstand gegen ihre Kriege in der Maigalerie

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