Rojava – Anfang vom Ende?

Die Selbstverwaltung von Nordostsyrien wird militärisch in die Enge getrieben. Eine Reise dahin, wo sich auch die Zukunft Syriens entscheidet.

Von Anita Starosta und Timo Dorsch

Titelbild: Im nächtlichen Qamişlo: Nachbarschaftskomitees halten trotz eisiger Temperaturen Wache. (Foto: medico)

Am inoffiziellen irakisch-syrischen Grenzübergang in Fishkabour-Semalka herrscht gähnende Leere. Das uns vertraute Gewusel bei der Gepäckkontrolle, lange Schlangen an den Schaltern, spielende Kinder, die sich die Wartezeit vertreiben, all das fehlt dieses Mal. Die Grenze überqueren wir in einem fast leeren Minibus, der auf der wackeligen Pantonbrücke über den Tigris fährt. Zahlreiche Trucks, beladen mit Hilfsgütern von der Barzani Charity Foundation aus dem kurdischen Nordirak , die auf ihre Überfahrt nach Nordostsyrien warten, deuten darauf hin, was uns die nächsten Tage erwarten wird. Die Kamerateams der kurdischen Fernsehsender sind schon auf beiden Seiten der Grenze postiert. Hilfe ist immer auch Inszenierung. Es ist Ende Januar und wir haben uns kurzfristig entschieden, unsere Partner:innen in Rojava mit einem Besuch vor Ort zu unterstützen. 

Seit der Militäroffensive der syrischen Übergangsregierung unter der Hai at Tahrir asch-Scham (HTS) und ihr nahestehenden islamistischen Milizen auf die kurdischen Stadtteile in Aleppo am 8. Januar überschlugen sich die Ereignisse in Nordsyrien. Weil Verhandlungen zwischen der HTS und den Selbstverteidigungskräften der Selbstverwaltung (SDF) scheiterten, nahmen HTS-Einheiten in einem überraschenden Vormarsch nicht nur die kurdisch geprägten Stadtteile Sheikh Maqsoud und Aschrafijeh in Aleppo ein. Sie rückten auch in weitere arabisch dominierte Gebiete vor, die unter militärischer Kontrolle der Selbstverwaltung standen. Innerhalb weniger Tage nahm die HTS unter Beteiligung ihr nahestehender islamistischer Milizen Städte wie Tabqa und Raqqa sowie die Region Deir-ez-Zor ein – auch unter Jubel der dortigen arabischen Bevölkerung. Doch auch damit nicht genug: Wenige Tage später war die symbolgeladene kurdische Grenzstadt Kobane von der HTS umzingelt. Dabei wurden immer wieder Waffenstillstandsabkommen gebrochen, Kurd:innen getötet und vertrieben, Gefängnisse geöffnet und IS-Kämpfer:innen freigelassen. Mehrere Mitarbeitende des medico-Partners vom Kurdischen Roten Halbmond (KRH) wurden zwischenzeitlich entführt, KRH-Ambulanzen sowie Kliniken niedergebrannt, die KRH-Zentrale in Qamislo wurde sogar Ziel eines nächtlichen Drohnenangriffs. Zehntausende Zivilist:innen flohen Hals über Kopf vor den Angriffen. Die von der Selbstverwaltung kontrollierte Region, die bis dato ein Drittel des syrischen Staatsgebiets ausmachte, schrumpfte so auf fast die Hälfte ihrer ursprünglichen Fläche. 

Versöhnung? Ein Scherbenhaufen

Später berichtet die medico-Partnerorganisation Rights Defense Initiative (RDI) von einer orchestrierten Propagandakampagne auf Social Media, die HTS-nahe Kanäle im Vorfeld der Militäroffensive lanciert hatten. „Falsche Berichte über von der SDF begangene Massaker und Totenschändung machten die Runde und stachelten die arabische Bevölkerung gegen die kurdische auf“, lautet das Fazit ihrer durchgeführten Social-Media-Analyse. Die auf diese Weise angeheizte Stimmung schuf ein für die Übergangsregierung vorteilhaftes Szenario. „Auch von kurdischer Seite wurde Hass und Hetze gegenüber der arabischen Bevölkerung betrieben, doch das passierte weder koordiniert noch kollektiv. Leider hat es keine von allen Seiten anerkannte dritte Quelle gegeben, die Falschmeldungen hätte widerlegen können“, führt ein RDI-Mitarbeiter im mit Radiatoren beheizten Büro in Qamislo weiter aus und schlussfolgert: „Es gibt eine klare Medienstrategie der HTS und diese wird sich auch in Zukunft auf den Versöhnungsprozess niederschlagen.“ Wie es mit diesem weitergehen kann, weiß auch das Team nicht. Aktuell stehen sie vor einem Scherbenhaufen. Über Jahre haben sie an mehreren Orten im Land über alle ethnischen und religiösen Linien hinweg Workshops für die gemeinsame Aussprache und der gegenseitigen Anerkennung abgehalten. Im vergangenen September nahmen wir an einer solchen Zusammenkunft in Raqqa teil. Schon damals war die Verbreitung von Hassrede über die sozialen Netzwerke ein großes Thema, auch arabische Stammesvertreter betonten die Gefahr, die von Social Media ausgehe: Hate Speech sei überall. Heute klingen die mahnenden Sätze von damals wie eine böse Vorahnung. 

Im Newroz Camp bei Dêrik stehen die Flüchtlingszelte im Matsch. Tausende harren hier mit ungewisser Perspektive aus. (Foto: medico)

Die Not eskaliert

Vor der entfesselten Gewalt der HTS, islamistischen Milizen und IS-Einheiten sind mindestens 100.000 Menschen in die Kerngebiete der Selbstverwaltung geflohen. Gegenwärtig herrscht dort ein bitterkalter, regenreicher Winter, der keinen Halt an den Türen der behelfsmäßig eingerichteten Notunterkünfte macht. Die intern Vertriebenen drängen sich in Schulen, Moscheen und leerstehende Gebäude in Qamislo, Dêrik oder Amude. Verifizierte Zahlen sind kaum zu bekommen. Eine Mitarbeiterin des Kurdischen Roten Halbmonds zeigt uns eine Liste: Allein in Qamislo gibt es 130 Notunterkünfte für inzwischen knapp 50.000 Menschen, die in den Januarwochen angekommen sind. Wir besuchen mehrere dieser Unterkünfte. Die Einsatzteams vom KRH organisieren die Nothilfe, während RDI Aussagen der Geflüchteten aufnimmt und begangene Verbrechen dokumentiert. Die Bedingungen der Unterbringung und die Geschichten der Menschen wiederholen sich. Überall begegnen wir müden Gesichtern, erschöpften Körpern, verzweifelten Herzen. Die Fensterscheiben der Unterkünfte sind zerbrochen, bittere Kälte hat sich in alle Ecken ausgebreitet. Kochmöglichkeiten fehlen, von hygienischen Standards ganz zu schweigen. 

Die jahrelangen türkischen Drohnenangriffe haben das städtische Stromnetz zerstört. Dank neben Gebäuden installierten Dieselgeneratoren können Wasserpumpen zwar für kurze Momente angestellt werden. Doch zusammen mit den Ölöfen verpesten sie die Luft. Lungenkrankheiten und chronische Kopfschmerzen sind die Folge. Anfangs waren es vor allem privat organisierte Hilfsinitiativen aus den Nachbarschaften, die die Menschen versorgten. Die Bevölkerung Qamislos spendete warme Mahlzeiten und Kleidung. Inzwischen ist professionelle Hilfe angelaufen, über 200 Lkw-Lieferungen aus dem kurdischen Nordirak sind angekommen, der KRH arbeitet rund um die Uhr. Dennoch reicht es nicht aus. Weitere internationale Hilfe, gar seitens der Vereinten Nationen? Weitestgehend Fehlanzeige. Nur ins belagerte Kobane schickte die UN zwei Konvois mit je 25 Lkw – angesichts der über 200.000 Menschen dort eher eine symbolische Geste. 

Vertrieben, schon wieder

In einer privaten Notunterkunft sprechen wir mit einer geflohenen Familie, trinken Instantkaffee, wärmen uns am Ölofen. „Warum müssen wir Kurd:innen aus Afrin nur so leiden?“, klagt der Mann. In einer Ecke auf einer Matratze sitzt seine Frau, ihr linker Arm ist verbunden. Auf der Flucht wurde sie angeschossen, als sie auf der Ladefläche eines Pick-ups kauerten. In Hasakeh brachten sie seinen Vater in das örtliche Krankenhaus. Eine Kugel traf seine Niere. Er starb. Und weil die dortige Leichenhalle bereits überfüllt war, nahmen sie ihn mit bis nach Qamislo. Hier hoben sie auf einem Friedhof zwischen Kälte und Schnee stundenlang ein Grab aus. Die Stimme des Mannes verstummt. Ihm gegenüber sitzt seine kleine Tochter. Auf ihrem pinken Pulli steht: „Do you love me?“. 

Die Geschichte der Familie ist kein Einzelschicksal. Für viele der Vertriebenen ist es bereits die vierte oder fünfte Flucht innerhalb der letzten acht Jahre. Viele stammen aus Afrin, flohen 2018 nach Shehba oder Sheik Maqsoud, schließlich nach Tabqa, von dort nach Raqqa, Hasakeh, nun nach Qamislo. Sie teilen ähnliche Gewalterfahrungen, vermissen Angehörige, haben auf der Fluchtroute ein Familienmitglied verloren oder wurden schwer verletzt. Den Versprechen der Machthaber in Damaskus, sie könnten eines Tages zurückkehren, glaubt hier niemand, zu tief sitzt das Misstrauen gegenüber all jenen, die ihnen Gewalt angetan, ihre Häuser besetzt und ihnen alles genommen haben. Was sie dennoch eint, ist der Wunsch, nach Afrin zurückzukehren, zu ihren Olivenhainen, nach Hause, wo sie ein einfaches, aber gutes Leben führen, die Kinder zur Schule gehen und die kurdische Sprache lernen konnten. 

Die Perspektiv- und Hilflosigkeit wird auch im Newroz-Camp in Derik deutlich. Es wurde 2014 mit medico-Unterstützung vom Kurdischen Roten Halbmond für Jesid:innen errichtet, die vor dem Genozid in Shengal fliehen mussten. In dem inzwischen anerkannten UN-Flüchtlingslager kommen seit 2019 auch knapp 5.000 Vertriebene aus der Region Serêkaniyê in Zelten unter. Für zusätzliche Notunterkünfte für die Hunderten von Familien, die in den letzten zwei Wochen aus Sheik Maqsoud oder Tabqa ankamen, gibt es bislang keinen Platz. Weil Geld und Zeit fehlen, harren die Menschen im Schlamm aus. Für die Nothelfer:innen ist die Situation nicht mehr zu bewältigen. Im Gespräch bricht die Ko-Vorsitzende des Camps in Tränen aus: „Wir brauchen Hilfe von außen.“ Die Mitglieder ihres Teams würden seit zwei Wochen durcharbeiten. Seit den Kürzungen der USAID-Gelder müssen sie überall improvisieren. „Was machen eure Regierungen? Warum lassen uns alle im Stich?“, fragt sie verzweifelt. Es ist ein Satz, eine Mischung aus Frage und Anklage, der uns in den kommenden Tagen noch oft entgegengebracht wird. 

Hätten israelische, französische und US-amerikanische Regierungsvertreter:innen bei einem Treffen mit der syrischen Interimsregierung am 4. Januar in Paris dieser kein grünes Licht für die geplante Militäroffensive gegeben – die Situation sähe heute sehr anders aus. Die SDF, im Rahmen einer internationalen Allianz jahrelange Partner:innen im Kampf gegen den Islamischen Staat, wurden fallengelassen just in dem Moment, als Übergangspräsident al-Sharaa anfing, diplomatische Anerkennung zu genießen und sich bereit zeigte, ausländischen Kapitalinteressen den Zugang zu syrischen Ressourcen und Infrastrukturen zu ermöglichen. Der plötzliche Schwenk westlicher Regierungen bewies auch hier, dass die sich wandelnden Eigeninteressen der Staaten deren Strategien bestimmen. 

Demonstration in Qamişlo, einen Tag bevor die Sicherheitskräfte der syrischen Übergangsregierung in die Stadt einfahren werden. (Foto: medico)

Zweifel am Abkommen

Die neuen globalen wie syrischen Machtkonstellationen und die Gewalt gegen Kurd:innen führten unter Zeitdruck zu einem neuen Abkommen zwischen den SDF und den Machthabern in Damaskus, womit ein Waffenstillstand und territoriale Grenzen beschlossen wurden. Bekanntgemacht wurde die Einigung am Freitagnachmittag des 30. Januar. Jubel hat sie in der Bevölkerung in Qamislo nicht ausgelöst. Am Wochenende wurden dann immer neue Details bekannt, die wir auf Autofahrten, beim Tee oder in den Büros mit den medico-Partner:innen rauf und runter diskutierten. Unverständnis über eine Einigung mit jenen, die für die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung verantwortlich waren, bestimmte zu Beginn die Stimmungslage. Groß und berechtigt ist die Angst vor HTS-Kämpfern, die in Hasakeh und Qamislo stationiert sein könnten – groß und berechtigt ist auch das Unverständnis vor einem möglichen finalen Schlag gegen das Projekt Rojava, das unzählige Menschen mit viel Entbehrung, Leid aber auch Hingabe jahrelang am Leben gehalten haben. 

Die gedämpfte Stimmung ist auch spürbar, als wir am Samstag in Hasakeh auf Evin treffen. Die selbstbewusste Frau hat einst das von medico unterstützte Waisenhaus geleitet und war Vorsitzende der Frauenkommission. Als sich die Frontlinie bis auf wenige Kilometer der Stadt näherte, seien die Straßen wie leergefegt gewesen, erzählt sie. Schreckensnachrichten aus Raqqa hatten sie ereilt, wo HTS-Kämpfer die Namen derjenigen Bewohnerinnen sammelten, die sich für Frauenrechte einsetzten. Selbst das dortige Kulturzentrum mit Musik- und Kunstunterricht, geleitet von einer arabischen Feministin, wurde verwüstet. Die Direktorin erlitt einen Herzinfarkt, als sie Zeugin der Zerstörungslust wurde. „Rojava ist immer ein Projekt, Demokratie neu zu denken. Der Angriff gegen uns war kein Angriff gegen Rojava allein, sondern gegen diese neue Idee der Demokratie“, betont Evin. Im Fernseher, der im Hintergrund läuft, werden Aufnahmen der Großdemonstrationen aus Europa gezeigt. 

Neue kurdische Einheit?

Während der Tage der Ungewissheit wuchs die kurdische Einheit stärker zusammen. Prägten in Qamislo sonst die Fahnen der eignen Selbstverteidigungskräfte von YPG/ YPJ oder Öcalan-Porträts das Stadtbild, ist nun am Wegesrand die kurdische Fahne gehisst. Kinder stehen am Straßenrand und rufen Sprüche der kurdischen Einheit. Kämpfer:innen aus anderen Teilen Kurdistans überquerten die Grenze und schlossen sich der Verteidigung Rojavas an. Noch wenige Stunden vor Bekanntgabe des Abkommens fand in Qamislo ein Begräbnis für einen Gefallenen statt, der aus dem Nordirak kam. Selbst der ansonsten Türkei-nahe Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Irak, Necirvan Barzani, übt sich in Solidaritätsbekundungen mit den kurdischen Brüdern und Schwestern und stellt sich als Fürsprecher hinter SDF und Selbstverwaltung. Er wird sich davon etwas versprochen haben. Und weil die demokratische Idee keine rein kurdische und auch nicht allein die der Selbstverwaltung ist, kam es zu zahlreichen Solidaritätsbekundungen aus Europa. In Qamislo trafen wir auf eine Delegationsgruppe aus der Schweiz. Eine Karawane, deren Mitglieder aus mehreren europäischen Ländern kamen, schaffte es bis vor die türkisch-syrische Grenze. Ihre Solidarität mit der Demokratie nahm der türkische Staat zum Anlass, repressiv gegen sie vorzugehen, sie zu inhaftieren und auszuweisen. 

Wie geht es jetzt weiter?

Das Abkommen vom 30. Januar sieht die Integration der Selbstverwaltung in den zentralsyrischen Staat vor – ähnlich wie es bereits in einem Abkommen vom 10. März 2025 festgehalten wurde. Dass dessen Umsetzung dauerte, hatte nicht zuletzt mit den Massakern an der drusischen und alewitischen Minderheit zu tun, an denen auch HTS-Einheiten beteiligt waren. Diese Gewalt war auch eine Mahnung an die Selbstverwaltung: Wer seinen Schutz aufgibt, wird zum Opfer. Sie diente als rote Linie bei den jüngsten Verhandlungen. Nun sollen 15.000 kurdische Kämpfer, inklusive Kämpferinnen der Fraueneinheit YPJ, als eigenständige Militärdivision mit drei Einheiten ins syrische Militär eingegliedert werden. Das Gouverneursamt in Hasakeh wird kurdisch besetzt sein, ein Novum in der Geschichte Syriens, die Stadt Kobane wird an das Gouvernement von Aleppo angegliedert, bleibt aber selbstverwaltet. Zivilgesellschaftliche Organisationen und Medienhäuser bleiben bestehen, müssen sich jedoch in Damaskus registrieren und werden syrischem Recht unterstellt. Schulabschlüsse der Schulen und Universitäten unter der Selbstverwaltung werden anerkannt. Auch die Rückkehr aller Vertriebenen nach Afrin, Serêkaniyê und anderswo soll ermöglicht werden. Bisherige Angestellte der Selbstverwaltung werden in den zentralsyrischen Staatsapparat übernommen, auch zivile Institutionen werden eingegliedert. Gleichzeitig gehen jedoch alle Ölfelder an das zentralsyrische Energieministerium, womit das Ende der ökonomischen Unabhängigkeit besiegelt ist. Der Flughafen in Qamislo sowie die Grenzübergänge in die Türkei und den Nordirak werden von Damaskus und der Selbstverwaltung gemeinsam betreut. 

Die Umsetzung des Abkommens ist schon jetzt ein Prüfstein für die weitere Zukunft des Landes. Gelingt die friedliche Integration trotz fehlender Sicherheitsgarantien für die Minderheiten im Land? Ist ein gesellschaftlicher Versöhnungsprozess zukünftig mach-, ja überhaupt denkbar? Trotz aller Niedergeschlagenheit und Verbitterung haben wir in diesen letzten Tagen von Rojava auch den Willen bei den medico-Partnerorganisationen vernommen, weiterzumachen. Doch es ist ein Weitermachen mit angezogener Handbremse, oder wie es einer unserer Gesprächspartner ausdrückte: „Es ist die letzte Möglichkeit für die Übergangsregierung, die syrischen Minderheiten anzuerkennen und mit ihnen Politik zu machen. Sollte das nicht klappen, wird das der Anfang der erneuten Fragmentierung von Syrien sein.“ 

Über zwölf Jahre begleitete medico das Projekt der demokratischen Selbstverwaltung in Nordostsyrien. Ob Nothilfe für Vertriebene, Frauenrechte oder Menschenrechtsarbeit – es sind langjährige Kooperationen, die medico mit den Menschen in der Region verbindet. Auch wenn die Zukunft ungewiss ist: Wir stehen weiter mit Ihrer Unterstützung an der Seite unserer Partner:innen – ob mit direkter Hilfe für die Vertriebenen in Notunterkünften, bei der Dokumentation von Menschenrechtsverbrechen oder der Öffentlichkeitsarbeit hierzulande. 

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Anita Starosta leitet die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Außerdem ist die Historikerin für die Kommunikation zur Türkei, zu Nordsyrien und dem Irak zuständig. 

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Timo Dorsch ist medico-Pressereferent und für die Öffentlichkeitsarbeit zu Südamerika zuständig. 

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Von Beginn an begleitet medico das Projekt der demokratischen Selbstverwaltung in Nordostsyrien/Rojava. Wir unterstützen insbesondere die Schaffung eines kostenfrei zugänglichen Gesundheitssystems für alle Menschen und die Hilfe für Vertriebene. Der Frieden in Rojava ist fragil, das demokratische Projekt braucht unsere solidarische Unterstützung.

Spendenstichwort: Rojava

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Linke gefangen in Grenzen

Warum sind selbst das Kapital und Rechtsextreme international besser vernetzt als Linke, fragt nd-Kolumnistin Nelli Tügel

Bild: DIE LINKE Schwalm

Kürzlich war ich Zuhörerin einer Podiumsdiskussion; es ging darum, den gegenwärtigen Kapitalismus zu verstehen, und wurde – logisch – recht global. Schließlich sagte der Linke-Politiker Harald Wolf, dass es »eigentlich« eine neue Internationale bräuchte. In dem Satz steckt eine einfache Wahrheit, doch gilt die Idee heute vielen Linken als naive Fantasie.

Wie kann das sein? Wo doch die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung von Beginn an eine Geschichte der grenzübergreifenden Vernetzung und Debatte war? Wie konnte es zu der absurden Situation kommen, dass heute nahezu alle – Kapital, Staaten, Superreiche und Rechtsextreme – stärker international miteinander verbunden und handlungsfähiger sind als wir Linken, deren Vordenker den Imperativ »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« schon 1848 formuliert hatten?

Klar, Linke schreiben sich gern den Abbau von Grenzen ins Programm oder Parolen wie »No borders, no Nations« auf Demotranspis. Doch geht es um Organisierung, Strukturen und Strategien, sind Borders und Nations zumeist – Ausnahmen wie die kurdische Bewegung bestätigen die Regel – das, woran sich Gruppen oder Parteien orientieren. In ihrer Frühphase war die Arbeiter*innenbewegung viel weiter, obgleich heutige technische Voraussetzungen besser sind.

Woran also liegt es? Ein Grund dürfte die Geschichte der Internationalen und ihr Ende sein: Die erste von ihnen, die von Marx mitgegründete Internationale Arbeiterassoziation, löste sich mit der Spaltung von den Anarchist*innen auf; die zweite Internationale implodierte wegen des epischen Versagens ihrer Anführer zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Die dritte Internationale war organisatorisch wohl am ausgereiftesten, sie unterhielt einen großen Apparat kosmopolitischer, international agierender Hauptamtlicher. Wie der Stalinismus dem Ganzen ein grausiges Ende setzte, lässt sich dann in Eugen Ruges »Metropol« oder Wolfgang Leonhards »Die Revolution entlässt ihre Kinder« nachlesen. Die vom sowjetischen Diktator befohlene Selbstauflösung der Komintern 1943 zog einen Schlussstrich unter die internationale Organisierung der Arbeiter*innenbewegung. Alle weiteren Versuche – die trotzkistischen Internationalen, die Zusammenarbeit der dekolonisierten Staaten Afrikas, später die Antiglobalisierungsbewegung – sind an das Niveau der Vorstalin-Ära nicht mehr herangekommen.

Hinzu kommt die sozialdemokratische, seit 1914 hauptsächlich am Nationalstaat orientierte Prägung der Gewerkschaften, die nie eine dem Globalisierungsgrad des Kapitals angemessene Strategie gefunden haben. Dabei hatte es schon Mitte des 19. Jahrhunderts Gewerkschaften mit multinationaler Mitgliedschaft und grenzübergreifender Hilfe bei Streiks gegeben. Heute: in vielen Ländern und Branchen undenkbar.

So sehr sich diese Misere historisch herleiten lässt, das Ergebnis bleibt eine Katastrophe. Denn noch viel naiver, als sich eine neue Internationale vorzustellen, ist der Glaube, man könne gegen Kapital, Superreiche und Rechte wirklich etwas ausrichten, ohne mit den eigenen Strategien, Debatten und Aktionen die Grenzen der Nationalstaaten zu überschreiten.

Nelli Tügel ist Redakteurin der Monatszeitung »analyse & kritik« und freie Journalistin. Hier nimmt sie Ausbeutung, Arbeiter*innenbewegungen und linke Strategien unter die Lupe.

Erstveröffentlicht im nd v. 19.2. 2026
Linke gefangen …

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Streiken gegen den Krieg – Lesekreis

Es vergeht fast keine Tarifrunde mehr, in der nicht massive Angriffe auf das Streikrecht gefahren werden. Zuletzt wurden von den Kapitalvertretern während der Warnstreiks im Tsrifkampf der öffenlichen Beschäftigten der Länder Regelungen gefordert, die selbst das gewerkschaftliche Streikrecht vollkommen aushebeln. Ein politischres Streikrecht soll den Millionen Arbeitenden erst echt verwehrt werden. Hierzu eine Veranstaltung mit Lesekreis

Streiken gegen den Krieg – Lesekreis

24. Februar | 19 Uhr |

Ort: Berliner MieterGemeinschaft | Sonnenallee 101 | 12045 Berlin

Am 24. Februar organisieren wir einen Lesekreis zum Thema Streiken gegen den Krieg.

Wir besprechen dazu gemeinsam den Text „Die Massenstreiks für Frieden und Demokratie im Ersten Weltkrieg“ von Ottokar Luban. Wir laden alle interessierten Kolleginnen herzlich dazu ein. 

Im August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, hatte die SPD den Kriegskrediten zugestimmt und den Krieg befürwortet. Die freien Gewerkschaften verfolgten eine Burgfriedenspolitik, das heißt, sie verzichteten während des Krieges auf Streiks. Auch große Teile der Arbeiterklasse wurden von der patriotischen Stimmung mitgerissen. Nur ein kleiner Teil innerhalb der SPD und der Gewerkschaften stellte sich gegen den Krieg. Nach zwei Jahren Krieg mit einer Million toten deutschen Soldaten und einer durch die Kriegsanstrengungen verursachten Hungersnot, kehrte sich die Stimmung in der Arbeiterklasse um. Ein erster größerer Streik gegen den Krieg fand am 28. Juni 1916 in Berlin statt: 55.000 Arbeiter:innen der Rüstungsindustrie legten einen Tag lang die Arbeit nieder – aus Protest gegen den Prozess gegen Karl Liebknecht, der wegen einer antimilitaristischen Rede verhaftet worden war.  Der Streik wurde nicht von den offiziellen Gewerkschaften, sondern von den oppositionellen Betriebsvertrauensleuten des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes organisiert. Sie sind in der Novemberrevolution als „Revolutionäre Obleute” bekannt geworden. Im Jahr 1917 gab es mit dem „Brotstreik” einen weiteren Massenstreik, bei dem jedoch nur ein Teil der Streikenden weitergehende politische Forderungen nach Frieden vertrat. Am 28. Januar 1918 fand wiederum ein von den Betriebsobleuten organisierter Massenstreik für Frieden ohne Annexionen in Berlin statt, an dem sich 400.000 Menschen beteiligten.  Bei unserem Lesekreis wollen wir gemeinsam diskutieren, was die Auslöser dieser politischen Streiks war und welche Rolle die Gewerkschaften, die politischen Parteien und die oppositionellen Betriebsvertrauensleute in den Streikbewegungen spielten. Dazu haben wir Benedikt Hopmann und Klaus Dallmer eingeladen, die mit ihrem historischen Wissen zur Arbeiterinnenbewegung dazu beitragen können die Hintergründe der Massenstreiks während des Ersten Weltkrieges zu analysieren.


Lest euch gerne zur Vorbereitung auf den Lesekreis den Text durch: „Die Massenstreiks für Frieden und Demokratie im Ersten Weltkrieg

24. Februar | 19 Uhr | Berliner MieterGemeinschaft | Sonnenallee 101 | 12045 Berlin

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