Die erste Arbeiterolympiade vor 100 Jahren war ein solidarischer Gegenentwurf zum Nationalismus der Olympischen Spiele

Arbeiterbewegung und Sport

Gegen die olympische Rekordhatz

Von Ronny Blaschke

Bild: Gegen den Krieg und die Nationalsozialisten: Das Plakat zur Arbeiterolympiade. Wikimedia

Auf dem Vorplatz der Paulskirche ist ein Parcours aufgebaut. Zwischen Infotafeln und Absperrbändern ist das Kopfsteinpflaster mit einer rosafarbenen Plane bedeckt. Die Markierung für einen Wettbewerb, in dem es nicht um Schnelligkeit geht, sondern um Beherrschung. Die Hitze liegt tief über der Frankfurter Innenstadt an diesem Nachmittag. Reisegruppen zieht es vom nahegelegenen Römerberg in die Einkaufsstraßen. Einige bleiben vor der Paulskirche stehen und informieren sich über die Nationalversammlung von 1848, das erste Parlament für ganz Deutschland, das an diesem Ort getagt hatte. Doch sie blicken auch, zum Teil mit Verwunderung, auf die rosafarbene Markierung.

Zwei Frauen besteigen dort Fahrräder. Sie stehen mit gebeugten Knien auf den Pedalen und bewegen sich langsam voran. Es geht schräg nach links, nach rechts, die Blicke fest auf dem Vorderrad. Sie bremsen, balancieren, reißen den Lenker hin und her, und doch müssen sie sich weiter nach vorn bewegen, um nicht umzukippen. So geht das eine Weile, denn beim Langsam-Radfahren werden die Letzten die Ersten sein.

Am Rand des Parcours stehen die Künstlerin Katja Kämmerer und der Theatermacher Jan Deck. Beide haben 2007 das Ensemble »Profikollektion« gegründet. Darin setzen sie sich auf künstlerische Weise mit gesellschaftlichen und historischen Themen auseinander. Nun, vor der Paulskirche, erinnern sie mit einem Festival an die erste Arbeiterolympiade, die im Juli 1925 in Frankfurt am Main stattfand, vor genau 100 Jahren.

»Es ging damals nicht um ›Höher, Schneller, Weiter‹«, sagt Deck. »Es ging um internationale Solidarität und ein starkes Zeichen gegen Nationalismus.« Die Arbeiterbewegung wollte sich von der Rekordhatz der Olympischen Spiele abgrenzen, auch mit dem »Langsam-Radfahren«. 1925 gewann übrigens der Deutsche Valentin Stieber diesen Wettbewerb. Für die 100 Meter lange Strecke benötigte er 14:22 Minuten.

Die meisten Interessierten, die vor der Paulskirche an den Infotafeln stehen bleiben oder sich den Flyer anschauen, haben von der Arbeiterolympiade noch nie etwas gehört. »Wir möchten diese Wissenslücke schließen«, sagt Katja Kämmerer. »Der Zuspruch damals war riesig. Und natürlich ging es dabei auch um die politischen Themen und Konflikte jener Zeit.« In Frankfurt gibt es heute fast keine sichtbaren Spuren mehr, die an die Arbeiterolympiade erinnern. Aber Kämmerer und Deck haben einen Audiorundgang mit elf Stationen mitgestaltet. So kann man durch die Stadt spazieren und sich in die Zeit von vor 100 Jahren zurückversetzen lassen.

»Es ging damals nicht um ›Höher, Schneller, Weiter‹.«Jan Deck Ensemble Profikollektion

Damals, im Juli 1925, nahmen mehr als 3000 Sportlerinnen und Sportler aus zwölf Ländern an der Arbeiterolympiade teil. Bei der Eröffnungsfeier im neu gebauten Waldstadion verzichteten sie auf Landesflaggen und Nationalhymnen. Stattdessen erklang die »Internationale«. Im Jahr zuvor, bei den Olympischen Spielen in Paris, hatte noch kein Team aus Deutschland teilnehmen dürfen, zu frisch waren die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Doch nun, in Frankfurt, riefen Athleten aus Deutschland und Frankreich, die sich vor ein paar Jahren noch beschossen hatten, gemeinsam: »Nie wieder Krieg!«

Ein Halt auf dem Audiorundgang von Jan Deck und Katja Kämmerer führt an den Main und erinnert an den Festumzug, der während der Arbeiterolympiade stattfand. Rund 100 000 Menschen zogen durch Frankfurt, schwenkten Fahnen und verteilten Plakate. »Die Arbeitersportler wollten eine neue Körperkultur entwickeln«, sagt der Sportjournalist Martin Krauß. »Sie verknüpften körperliche und geistige Erziehung für ihre politischen Ziele.« Krauß hat die Teilhabe-Kämpfe der Sportgeschichte in einem Buch aufgearbeitet, der Titel: »Dabei sein wäre alles«. Darin beschreibt er auch die Fortführung des Klassenkampfes mit sportlichen Mitteln. »In Frankfurt wollte die Arbeiterbewegung ihre Stärke demonstrieren«, sagt er. »Nicht nur mit Sport, sondern auch mit Kulturveranstaltungen und Choreografien.«

Die Arbeiterolympiade wurde von gymnastischen Übungen mit Tausenden Teilnehmenden begleitet. Im Stadion fanden Schachspiele mit »lebenden Figuren« statt. Der jüdische Schriftsteller Alfred Auerbach inszenierte mit mehreren Chören das Theaterstück »Kampf und die Erde« als Protest gegen Großmachtstreben und den Raubbau von Bodenschätzen. Friedrich Adler, Generalsekretär der Sozialistischen Internationalen, empfand die Spiele als »mächtiger als alles, was der Arbeiterklasse bislang gelungen ist«. Rund 450 000 Menschen besuchten die fünftägige Arbeiterolympiade.  

Eine solche Entwicklung war im späten 19. Jahrhundert kaum vorstellbar gewesen. Die Arbeiter hatten zu wenig Freizeit für Wettkampfsport. Und wenn doch, dann konnten sie sich die teuren Mitgliedsbeiträge und Sportbekleidungen für bürgerliche Vereine nur selten leisten. Erst durch die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 wurde es für Arbeiter möglich, Vereine und Verbände zu gründen. Auch im Sport. Doch weiterhin wurde der Arbeitersport im Kaiserreich eng überwacht. Die Justiz betrachtete sozialistische Sportvereine als politische Organisationen. Die Polizei überwachte Wettkämpfe und Versammlungen – und löste diese mitunter gewaltsam auf. Die Repression ging erst zurück, als das Kaiserreich kollabierte.

Gegen den Krieg und die Nationalsozialisten: Das Plakat zur Arbeiterolympiade wikimedia

Nach der Einführung des Achtstundentages 1918 wuchs der Arbeitersport. Es entstanden Hunderte Vereine für Fußball, Turnen oder Wandern. Viele von ihnen forderten eine »Flucht in die Natur«. Sie errichteten Sportplätze oder funktionierten Kneipenräume in Sporthallen um. Der Arbeiter-Turnverlag in Leipzig etablierte einen Versandhandel für Kleidung, Sportgeräte und Vereinsutensilien. 1930 zählte die Dachorganisation, der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), rund 1,2 Millionen Mitglieder.

Doch die Entwicklung des Arbeitersports wurde von etlichen Konflikten begleitet. Und es gibt wohl nur wenige, die sich damit so gut auskennen wie der Frankfurter Stadthistoriker Dieter Wesp. »Es wurde lange darüber diskutiert, wer eigentlich an der Arbeiterolympiade teilnehmen durfte«, sagt Wesp. »Denn die Spaltung der Arbeiterbewegung setzte sich im Sport fort.«

In der Weimarer Republik stritten Sozialdemokraten und Kommunisten erbittert über die Auslegung des Sozialismus. Als Präsident des Arbeiter-Turn- und Sportbundes setzte sich der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Cornelius Gellert für einen reformerischen Kurs ein. Nach internen Spannungen schloss der ATSB 1928 revolutionäre KPD-Anhänger aus. Die Kommunisten gründeten ihren eigenen Sportverband und planten als Konkurrenz zur Arbeiterolympiade eine Spartakiade in Berlin. Doch der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin untersagte die Veranstaltung.

Dieter Wesp hat im Mai in Frankfurt einen Vortrag über die Arbeiterolympiade gehalten. Auf dem Einladungsflyer war das Plakatmotiv der Spiele von 1925 abgebildet: Ein Sportler in kurzer Hose steht mit einer roten Fahne auf zerstörten Waffen und Soldatenhelmen. Zu erkennen ist auch eine zerrissene Hakenkreuz-Fahne. »Schon 1925 haben sich Arbeitersportler gegen die Nationalsozialisten gestellt«, erklärt Wesp und erinnert an ihre späteren Proteste und Streiks vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler.

Nach der Machtübernahme 1933 wurden die Vereine der Arbeitersportler zerschlagen und ihr Besitz beschlagnahmt. Viele Mitglieder wollten das Verbot umgehen und wählten für ihre Gruppen Namen, die weniger »verdächtig« klangen. Andere schlossen sich dem Widerstand an, wie eine Wanderausstellung herausarbeitet, die seit 2018 durch Deutschland tourt. Der Titel: »Der andere Fußball«. Die Ausstellung, die im Sommer 2024 auch im Münzenberg-Forum in Berlin zu Gast war, in dem Gebäude, in dem die Redaktion des »nd« ihren Sitz hat, erinnert zum Beispiel an August Postler. Der Arbeiterfußballer beteiligte sich noch 1933 an der Verbreitung der Zeitung »Roter Nordsport«. Die Gestapo nahm Postler fest. Im März 1934 starb er in Haft, vermutlich an den Folgen der Misshandlung.

»In Frankfurt wollte die Arbeiterbewegung ihre Stärke demonstrieren.«Martin Krauß Sportjournalist

Biografien wie diese spielen in der Geschichtsschreibung des deutschen Sports keine große Rolle. Und auch außerhalb von Deutschland ist wenig bekannt, dass der Boom der Arbeiterolympiade nur kurz war. Die zweite Auflage der Spiele fand 1931 in Wien statt. Die dritte war für 1936 in Barcelona geplant, doch der Beginn des spanischen Bürgerkrieges führte zur Absage. Die letzte Arbeiterolympiade ging 1937 in Antwerpen über die Bühne. Und nach dem Krieg blieb der Arbeitersport, wenn überhaupt, eine Nische.

Wenn die Künstlerin Katja Kämmerer und der Theatermacher Jan Deck über die Arbeiterolympiade sprechen, dann denken sie an die Bedrohung durch Faschisten, an die Ausbeutung von Arbeitskräften oder an Wohnungsknappheit, alles Themen, die auch die Gegenwart prägen. Doch sie möchten auf ihrem Festival in Frankfurt auch den Fortschritt in den Blickpunkt rücken.

Bei Olympia 1924 in Paris durften nur wenige Sportlerinnen an den Start gehen. Vor allem die Leichtathletik und das Turnen lehnten die Aufnahme von Frauen ab. Ganz anders war es bei der Arbeiterolympiade in Frankfurt ein Jahr später, wo Frauen selbstverständlich mitwirken konnten, auch an der Organisation. 100 Jahre später ist das im deutschen Sport noch immer nicht überall selbstverständlich.

Erstveröffentlich im nd v. 29.7. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-07-29/articles/19038132

Wir danken für das Publikationsrecht.

Pride Month

Heute ist vieles wieder anders geworden!

Weltweit macht die rechte Szene mobil gegen die QueerSzene und Transmenschen. Der rechte Kulturkampf macht sie zum Hassobjekt und zum Spielball gesellschaftlicher Spaltung. Die kapitalistische Krise braucht Blitzableiter, um nicht selbst ins Fadenkreuz der Kritik zu geraten.

„In Deutschland und weltweit erstarkt der Faschismus. Neben Migrant:innen sind wir LGBTI+ eines der zentralen Feindbilder…“, heißt es in einem antifaschistischen Aufruf zur „International Queer Pride“ in Berlin.

Rückschritte und Doppelmoral überall!

Die Bekenntnisse zu gesellschaftlicher Akzeptanz von Minderheiten und Queerpersonen durch die großen Konzerne entpuppen sich inzwischen immer mehr als kapitalistisches Marketing. Die hehren Beteuerungen werden fallen gelassen, wenn es für das Business und die Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse nicht mehr opportun ist und die rechte Szene nur ausreichend Druck macht.

Pünktlich zum Pride-Month lässt der Berliner Senat verlauten, dass er über eine Bundesratsinitiative den Schutz sexueller Identität in Artikel 3 des Grundgesetzes unterbringen will. So überfällig das wäre, so heuchlerisch ist es angesichts dessen, was die Berliner Variante von Schwarz-Rot unter Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sonst so hinsichtlich queerer und Menschenrechtspoliti überhaupt zu bieten hat.

Am Berliner Rathaus lässt der Regierende Bürgermeister demonstrativ die Vielfaltsflagge hissen. Sie hängt nun einträchtig neben der – ebenfalls demonstrativ gezeigten – Israel Flagge, dem Symbol des Staates, der aktuell in Gaza einen Völkermord begeht und Apartheidstrukturen aufgebaut hat.

Berlin ist inzwischen berüchtigt dafür, Kritik gegen die zionistische Besatzungs- und Völkermordpolitik und Solidarität mit den Palästinenser:innen zu unterdrücken. Wer die trostlosen Bilder der gequälten Menschen und zertrümmerten Landschaften und Städte in Gaza sieht, muss es als puren Zynismus empfinden, wenn suggeriert wird, die Verantwortlichen dieser Barbarei oder deren Unterstützer:innen ständen für „Menschlichkeit, Vielfalt und Toleranz“!

Die CSD Demonstration Berlin beginnt um 12:00 Uhr an der Leipziger Straẞe/
Charlottenstraẞe.

Ein anderes Beispiel. Seit 2 Jahren wird auf Betreiben des Regierenden Bürgermeisters mit allen Mitteln versucht, eine Friedenstatue in Berlin Mitte zu entfernen. Diese Statue ist zum Erinnerungssymbol gegen sexuelle Gewalt speziell gegen Frauen in Kriegen geworden. Gerade Frauen und LGBTI+ erleiden in Kriegen ganz besondere Gewalt. Krieg und Faschismus treiben sexuelle Gewalt und Erniedrigung auf die Spitze. Darüber soll wohl geschwiegen werden, wenn die Kriegsverbrechen konkret Deutschland oder befreundete Nationen betreffen. Die Täter werden geschützt, nicht deren Opfer.

Der Berliner Senat überschüttet die sozialen Bereiche der Stadt mit einer beispiellosen Kürzungsorgie. Auch hier trifft es Queer und Trans Menschen besonders hart. Mühsam über Jahrzehnte erkämpfte Fortschritte oder Zusagen stehen wieder zur Disposition. So drohen gerade erst aufgebaute speziell benötigte Strukturen zur Gesundheitsversorgung von Queer- und Transmenschen dem Rotstift zum Opfer zu fallen.

Allein der CSD Berlin sah sich Ende April mit 70 Prozent weniger Einnahmen durch Sponsorenfirmen konfrontiert. Sogar die Bundestagsverwaltung zog ihre Teilnahme an der Parade zurück. Die tätlichen Angriffe auf CSDs und Queerpersonen sind in die Höhe geschnellt. So sehen die Fakten aus.

Die Pride Bewegung wehrt sich!

Nach den Absagen aus Politik und von Unternehmen will sich der CSD Berlin kämpferischer zeigen: „Die Stimmung dieses Jahr wird anders sein: kämpferischer, mutiger, entschlossener“, heisst es seitens der Berliner CSD Verantwortlichen. Das Motto der Parade: „Nie wieder still“. „Es bedeutet, dass wir uns von unserem Platz, den wir über Jahrzehnte erkämpft haben, nicht verdrängen lassen.“

Man will sich nicht unterkriegen lassen. „Alle Künstlerinnen und Künstler treten kostenfrei auf.“ Aber wie weit gelingt der Befreiungsschlag von falschen Freunden und falscher Einflussnahme wirklich?

CSD Bad Belzig
Es hat noch nie so viele Pride Demonstrationen gegeben wie dieses Jahr.

Allein in Brandenburg finden dieses Jahr 17 Umzüge statt. Nicht nur in den Großstädten treten sie auf, sondern zunehmend auf dem Lande. In Bad Belzig, Luckenwalde, Bernau. Gesicht zeigen, aufklären, wer sie wirklich sind, das hilft, sich unter den Menschen zu verankern und der gesellschaftlichen Spaltung entgegen zu wirken,

Weg von den falschen Freunden, die nur Symbol Politik betreiben

Unterstützt, rechte Strukturen zurückzudrängen. Kommt nach Bautzen!

Amnesty International ruft auf: „Erheb die Stimme für Gleichberechtigung, Vielfalt & queere Sichtbarkeit und hilf mit, ein Zeichen gegen Hass & Ausgrenzung zu setzen!“

Unter dem bekannten Motto „Gleiche Rechte für Ungleiche – weltweit!“ fand vom 19. bis zum 20. Juli zum 31. Mal erfolgreich das Lesbisch-schwule Stadtfest im Berliner Nollendorfkiez statt.

Die internationalist Queer Pride verbreitet die weitestgehende Botschaft:

Wir sagen heute mehr denn je: Es gibt keine queere Befreiung ohne antiimperialistischen, antikolonialen und antizionistischen Kampf.
Keiner von uns ist frei, bis wir alle frei sind!

Kommt am 26.Juli 13 Uhr zum Südkreuz


Befreiung gibt es nur, wenn mit kapitalistisch hegemonialen und patriarchalischen Strukturen konsequent gebrochen wird. Erhebe Deine Stimme gegen alles Unrecht weltweit, aktuell vor allem auch zu den Geschehnissen in Gaza!

Fotos Peter Vlatten, Veranstalter:innen

Gegen den linken Todestrieb

Mit konsequenter sozialistisch-antimilitaristischer Oppositionspolitik kann Die Linke stärkste Kraft diesseits der Union werden

Von Ingar Solty

Bilder: Bilddatenbank Bundestag / Die Linke

Das Jahr 1933 prägt die linke Vorstellungswelt. Als 1989 mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus die linke Bewegung in all ihren Strömungen in eine tiefe ideologische Krise geriet, da verschwand das Pro(-sozialistische) und übrig blieb eine radikale Linke der Antis: antifaschistisch, antirassistisch, antisexistisch, antinational, anti-homophob, anti-speziesistisch, antideutsch. Worauf sich im Bündnis »Nie wieder Deutschland« noch alle einigen konnten, war: Nie wieder Faschismus, bloß kein »Viertes Reich«.

»Gegen rechts« ist bis heute der kleinste gemeinsame Nenner dieser »gesellschaftlichen Linken«, des »linken Lagers«, der »fortschrittlichen Milieus« geblieben. Bloß kein neues 1933. Die AfD erscheint als die Wiedergängerin der NSDAP. Entsprechend müsse alles getan werden, um ihre Machtbeteiligung zu verhindern. Einerseits müssten die »demokratischen Parteien« (Heidi Reichinnek) von Linke bis CDU/CSU die »Brandmauer« aufrechterhalten. Dafür signalisiert man Gesprächsbereitschaft, damit die CDU nicht demnächst in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern das erste Bündnis mit der AfD schließt. Andererseits müsse eine »Machtoption« der »drei progressiven Parteien« (Jan Schlemermeyer) – Linke, SPD, Grüne – vorbereitet werden. Dafür lichteten sich jüngst diverse Politiker wie Reichinnek und Ates Gürpinar in R2G-Dreierselfies ab.

Zunächst einmal ist die Vorstellung, Die Linke könnte die Union davon abhalten, ein solches Bündnis einzugehen, eine völlige Überschätzung der eigenen Macht. Wenn die Union die neuen Mehrheiten für eine »bürgerliche Renaissance« (Merz-Berater Andreas Rödder) nutzen will, wird sie es tun.

Dann ist auch klar, dass Die Linke genau das verlieren würde, was sie im Wahlkampf von allen anderen Parteien unterschied: Ihre Glaubwürdigkeit des »Alle wollen regieren, wir wollen verändern!«. Die Partei würde SPD und Grüne noch weniger kritisieren, damit aber 2021 wiederholen, als man sich gegenüber diesen beiden überflüssig machte und bei 4,9 Prozent landete, gefolgt von einer Spirale des Bedeutungsverlusts.

Der Gedanke, die AfD anders zu schlagen als durch die Allparteienkoalition der »demokratischen Parteien«, ist schier undenkbar. Er muss aber gedacht werden.

Des Weiteren ist klar, Bündnisse mit SPD und Grünen haben keine Geschäftsgrundlage: Die SPD ist heute die von Klingbeil und Pistorius, nicht von Mützenich und Stegner; die Grünen sind ebenfalls pro Hochrüstung und aufs Engste mit dem US-Imperium und seiner Politik verzahnt, durch eine neue Blockkonfrontation – die Abkopplung des globalen Südens und der EU von China – ihren relativen Abstieg in der Weltordnung und den Aufstieg Chinas und des globalen Südens zu verhindern. Die Linke ist also auf die Rolle der konsequentesten Opposition festgelegt, zumal ihre verteilungs- und klimapolitischen Forderungen jetzt in einen Gegensatz zur Hochrüstung geraten, da der Schuldendienst Sozialabbau erzwingt.

Es ist also auch klar, was Die Linke als kleinerer Faktor im Verhältnis zu SPD und Grünen an Kompromissen anbieten müsste, um sich regierungsfähig zu machen: Es wäre für ein paar Brotkrumen wie öffentliche Investitionen und ein wenig klimapolitischen Wirtschaftsumbau in jedem Fall der Kotau vor Militarismus und Sozialabbau. Die Orientierung auf Rot-Rot-Grün würde also Die Linke in eine rechte Partei verwandeln, eine Partei, die rechte Politik macht und die, weil sie die herrschende Politik mitträgt, ihre eigenen Ziele aufgibt.

Das würde Die Linke nicht nur diskreditieren und zerstören. Sie würde am Ende nicht mal das instrumentelle Ziel verwirklichen, die AfD-Regierungsbeteiligung zu verhindern, denn eine Regierung mit SPD, Grünen oder gar CDU hätte natürlich kein Projekt, würde natürlich die Wurzeln des rechten Aufschwungs nicht beheben, würde vermutlich nicht mal vier Jahre halten, müsste in jedem Fall die Parteien beschädigen, den Eindruck der Wahlmanipulation, der Austauschbarkeit erwecken, der AfD den Nimbus des Antisystemischen überlassen, obschon diese sich gerade rapide establishmentisiert: pro EU, pro Euro, pro Nato, pro USA, pro Hochrüstung, pro Staatsräson Israel-Unterstützung und so weiter. Es würde bedeuten, dass die – an sich, durch konsequente Oppositionspolitik schlagbare – AfD dann mit vierjähriger Verspätung die Macht übernimmt, und das noch viel stärker und dann ohne eine linke Opposition. Das »kleinere Übel« würde somit das allergrößte Übel schaffen.

Warum sollte eine sozialistische Partei einen solchen Kamikazekurs einschlagen? Woher kommt der linke Todestrieb? Der Grund: Da die AfD mit 1933 verbunden wird, ist allein der Gedanke, die AfD anders zu schlagen als durch die Allparteienkoalition der »demokratischen Parteien«, schier undenkbar.

Die Linkspartei ist nicht mehr die, die sie noch im vergangenen Jahr war. Von den nun über 100.000 Mitgliedern kam die Hälfte im letzten halben Jahr dazu. Wie stellt sich diese neue Linke gegen den politischen Rechtsruck? Wie setzt sie sich mit neuen gesellschaftlichen Konflikten auseinander? Fragen, denen wir in der Serie »Wohin geht die neue Linke?« nachgehen.

Er muss aber gedacht werden. Es bedarf heute einer Debatte über die Qualität des rechtsautoritären Nationalismus an der Macht. Eine Machtbeteiligung der AfD ist nicht das Ende vom Lied. Die AfD ist nicht die NSDAP. Trump, Meloni, Wilders, Kickl – sie sind schlimm, aber alle nicht Hitler. Trump offenbart starke illiberale Tendenzen und plant den autoritären Staatsumbau, aber Bernie Sanders und Zohran Mamdani sitzen nicht im KZ, sondern führen den Widerstand an. Die USA wurden mit der Wahl 2024 politisch nach rechts verschoben. Eine Faschisierung der US-Gesellschaft aber hat nicht stattgefunden. Trump hat kein Mandat für seine Politik. Er wird wieder abgewählt werden. Mamdani holte ein Rekordvorwahlergebnis für den demokratischen Sozialismus und wird wohl New Yorker Bürgermeister, ein Fingerzeig für die Sanders-Demokraten auf 2027/2028.

Auch in Europa gilt: In Italien, Holland, Österreich und so weiter sind weder die linken Parteien noch die Gewerkschaften verboten, selbst in Polen konnte man die PiS-Partei abwählen. Auch in Brasilien folgte auf Bolsonaro wieder Lula. Maximal könnte die Machtbeteiligung der harten Rechten ein Italien 1922 sein. Aber selbst das ist unwahrscheinlich. Ein Deutschland 1933 ist sie nicht.

Vermutlich wird Merz die SPD so lange in der Regierung behalten, bis sie ihre Schuldigkeit – Senkung der Körperschaftssteuer, Industriestrompreis und andere Geschenke an Konzerne und Milliardäre, Aufhebung der 40-Stunden-Woche, Rückkehr von Hartz IV, Hochrüstung und so weiter – getan hat. Dann wird er 2027/2028 einen Koalitionswechsel zur AfD vollziehen, wie die FDP 1983 zugunsten der Kohl-Kanzlerschaft, um so eine Situation zu vermeiden, in der die AfD womöglich als stärkste Kraft aus der Bundestagswahl 2029 hervorgeht.

Die Linke muss dem nicht tatenlos zusehen. Sie kann bis dahin mit konsequenter sozialistisch-antimilitaristischer Oppositionspolitik die stärkste Kraft links der Union werden. Und sie wird die Chance bekommen, eine hart rechte Regierung von Union/AfD zu stellen. Die Aufgabe besteht darin, die eigene Macht gleichzeitig nicht zu überschätzen (Schwarz-Blau verhindern) und nicht zu unterschätzen (Schlagbarkeit der rechtsbürgerlichen Regierung von Union und AfD).

Ingar Solty, Jahrgang 1979, ist Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er ist der Autor der im Brumaire-Verlag erscheinenden »Edition Marxismen«, deren Bände 4 bis 6 demnächst erscheinen.

Erstveröffentlicht im nd am 22.7. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192762.linkspartei-gegen-den-linken-todestrieb.html?sstr=Todestrieb

Wir danken für das Publikationsrecht.

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