Ukrainische Nationalisten: Großukraine und die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“

Von FLORIAN RÖTZER

Bild: Großukraine wie man sie sich bei Asow vorstellt. Bild: Rainshouse

Am 22. Januar wurde in der Ukraine der Tag der Einheit gefeiert. Auch an diesem Tag fanden die Jagdszenen der Rekrutierungsagenten auf Männer statt, die man im Westen lieber nicht wahrnehmen will, weil sie die Kriegsunterstützung in Frage stellen. Die ukrainische Regierung, die unter Druck der verbliebenen europäischen Geldgeber den Krieg fortsetzen will oder muss, um Russland zu schwächen oder zu binden, und daher kriegsbeendende Kompromisse hinausschiebt, braucht mehr Soldaten zum „heldenhaften“ Widerstand bzw. zum Opfern für das Vaterland und die europäischen Interessen . Aber die gibt es nicht mehr, also müssen diejenigen, die nicht aus dem Land flüchten oder sich anderweitig freikaufen oder drücken können, mit Gewalt an die Front geschleppt werden

Die Eliteeinheiten der ukrainischen Streitkräfte sind die zahlreichen Freiwilligenverbände, die es teilweise wie etwa Asow ablehnen, Zwangsrekrutierte in ihren Reihen aufzunehmen. Die stürzen sich nicht in die Kämpfe, untergraben die Kampfmoral oder desertieren. Die meist nationalistischen Freiwilligenverbände sind zwar pro forma in die regulären Streitkräfte oder in die Nationalgarde integriert worden, weswegen sie auch Gelder und Waffen erhalten, aber sie haben eine gewisse Selbständigkeit behalten und die Möglichkeit, eigenständig Soldaten zu rekrutieren und auszubilden sowie Gelder über Spenden einzutreiben.

Für die Zukunft der Ukraine nach einem Ende des Kriegs mit territorialen Kompromissen stellen die mit allen verfügbaren Waffen ausgerüsteten nationalistischen Verbände ein hohes Risiko für einen Putsch oder einen Bürgerkrieg dar. Sie wollen nicht nur einen vom Militär geprägten Staat, sondern hegen territoriale Eroberungspläne für eine Großukraine, die Teile vom heutigen Russland umfassen soll. Es wird auch nach einem Friedensabkommen weitergehen.

Am Tag der Einheit (Sobornist) wird die am 12. Januar 1919 erfolgte Ausrufung der Vereinigung der Ukrainischen Volksrepublik (Hetmanat) und der Westukrainischen Volksrepublik (Galizien, Bukowyna, Ungarische Rus) erinnert und wiederbelebt. Die Ukraine Volksrepublik bzw. der Ukrainische Staat war ein von Deutschland und Österreich-Ungarn unterstütztes Gebilde unter dem Großgrundbesitzer und General Pawlo Skoropadskyj, der ähnlich wie später Stepan Bandera in Deutschland Zuflucht fand. Die Unterstützung ukrainischer Nationalisten ist mithin kein neues Phänomen deutscher Politik. Die nur wenige Wochen existierende Groß-Ukraine oder die wiederbelebte Ukrainische Volksrepublik umfasste bzw. beanspruchte auch größere Teile Russlands und Weißrusslands.

Ich hatte schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass der imperialistische Traum von der Großukraine nicht nur bei nationalistischen Freiwilligenverbänden, sondern auch etwa bei Dmitri Jarosch, Kommandeur der Ukrainischen Freiwilligenarmee, und Kirill Budanov, bis vor kurzem Chef des Militärgeheimdienstes und von Selenskij befördert zum einflussreichen Chef des Präsidialbüros, also zur Spitze der Regierung, herumgeistert. Im Oktober 2022 hatte Jarosch erklärt: „Es ist an der Zeit, geopolitische Ansprüche auf die von den Russen besetzten ukrainischen Gebiete zu erheben: Ukrainischer Kuban; die ehemaligen Gebiete der Kosakentruppen von Don und Tersk; die Gebiete des Grünen Keils im Fernen Osten der Ukraine; Gebiet Woronesch; Gebiet Belgorod; südliches Gebiet Kursk; Gebiet Starodub, usw. Sobornist ist Sobornist!“ (Jarosch und der Rechte Sektor: Worüber man im Westen nicht mehr sprechen will).

Bei einem Gespräch mit Journalisten in seinem Büro hatte Budanov demonstrativ eine Karte an der Wand aufgehängt und abfotografieren lassen, auf der die Großukraine in dem von Jarosch genannten Umfang, aber auch ein in Teilen zerfallenes Restrussland zu sehen war. Auf die Frage „Wir haben in Ihrem Büro eine Karte des „zerstückelten“ Russlands gesehen. Darauf sind die Regionen Kursk, Belgorod und Kuban als Teil der Ukraine mit einem schwarzen Marker eingekreist. Ist dies die nächste Stufe nach dem Erreichen der Grenzen von 1991?“ antwortete Budanow ausweichend, aber suggestiv bejahend: „Jeder sieht, was er sehen möchte. Vielleicht ist es nur eine breite Markierung. Oder vielleicht nicht.“ (Der ukrainische Geheimdienstchef und die Eroberung russischer Gebiete).

Karte der Großukraine und des geteilten Russlands, die in Budanovs Dienstraum hing. Bild: Liga.net

Das ist beispielsweise Oleksiy Rains („Consul“), ein Asow-Freiwilliger, der jetzt auch als Soldat in der 3. Sturmbrigade der ukrainischen Streitkräfte, eine Asow-Brigade, kämpft, bezeichnet sich als „Ideologe des ukrainischen Nationalismus“ und hat zur Verbreitung der Ideologie den Verlag Rainshouse gegründet. Dort wird „Literatur zur Geschichte und Praxis des ukrainischen Nationalismus“ angeboten, aber auch Bekleidung und andere Dinge „mit einer stark rechtsextremen Ästhetik“, wie es auf der Website des Verlags heißt. Als Logo dient ein Umriss der Großukraine, eben ist das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ erschienen: „Es legt die historische, geopolitische und ideologische Rechtfertigung für die Notwendigkeit des ukrainischen Imperialismus als einzige Existenzform der Ukraine in der modernen Welt dar. Im Kern ist es ein Manifest des Irredentismus“, heißt es zur Werbung. Und Rains hat zahlreiche Karten der Großukraine gesammelt und die von ihm präferierte präsentiert. Bandera ist natürlich ein Idol.

Zum Tag der Einheit schreibt der „0ffizielle Kanal des 1. Korps der Staatlichen Asow-Universität“: „Der Kampf für eine vereinte und souveräne Ukraine begann und endete nicht 1919. Er wurde stets fortgesetzt: in den dunkelsten Zeiten, trotz des Klirrens der Ketten und der Gewalt der Repression; in scheinbar friedlichen Zeiten, als den Ukrainern begrenzte Freiheiten gewährt wurden, die ihnen bei Ungehorsam jederzeit wieder entzogen werden konnten. Er endete nicht 1991 mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Ukraine. Der Kampf für die Einheit der Ukraine dauert bis heute an.“ Zusammen mit Rainhouse wird für die Großukraine geworben.

Das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ mit der Großukraine.

Das nach dem 1941 mit ukrainischen Freiwilligen gegründete und an Pogromen beteiligte Nazi-Bataillon benannte Nachtigal-Bataillon, das dem Kommando von Yevhen Karas, dem Führer der NeonazigruppeC14, unterstand, wurde kurz nach dem Tag der Einheit in das Asow-Korps aufgenommen (Selenskij verleiht bekanntem Neonazi Yevhen Karas hohen militärischen Orden). Das Emblem von Asow ist die Wolfsangel, das Zeichen der Waffen-SS, was aber damit angeblich gar nichts zu tun haben soll. Gleichwohl bekennt sich das Bataillon zum Nazi-Bataillon und dessen Führer: „Wir tragen ehrenvoll den Namen der Einheit, die Roman Schuchewytsch anführte. Wir halten die Stellung, verherrlichen seinen Namen und besiegen denselben Feind, gegen den er uns zum Kampf befahl.“ Geografisch gibt man sich bescheidener: An diesem Tag im Januar 1919 „erklärten wir unser Recht, Herren unseres eigenen Landes zu sein – von den Karpaten bis zu den Müllhalden des Donbass, von den Wäldern Polissyas bis zur Küste der Krim. Wir sind die Nachkommen jener, die von einem vereinten Staat träumten, dafür kämpften und ihn aufbauten, und wir sind es, die ihn nun schützen müssen.“

Obgleich Selenskij auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Ukraine in die EU drängt, sind die ukrainischen Nationalisten, die der Präsident ehrt, über die er aber nicht spricht, nicht von der verweichlichten, kriegsunwilligen und liberalen EU angetan. Das hat Jarosch zum Tag der Einheit wieder einmal in seinen „geopolitischen Gedanken“ betont: „Die Europäische Union in ihrer heutigen Form ist für uns Ukrainer völlig unnötig. Unser Staat Ukraine könnte im Falle eines Waffenstillstands zum Zentrum einer neuen militärisch-politischen Allianz werden.“

Nach dem Krieg sieht Jarosch die Stunde der Freiwilligenverbände, aus denen Militärunternehmen entstehen, die sie bereits mehr oder weniger sein: „Die Streitkräfte der Ukraine sind die Grundlage eines neuen europäischen Militärbündnisses. Zukünftige ukrainische private Militärunternehmen unter der Kontrolle der ukrainischen Geheimdienste sind ein wichtiger Faktor für die geopolitische Entwicklung des Staates.“ Die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“ ist das angestrebte Ziel. Dafür muss Russland der Feind bleiben, der vernichtet werden müsse: „Solange Ерефія (Erefia oder die Russische Föderation) existiert, werden wir gezwungen sein, zu kämpfen oder uns auf den Krieg vorzubereiten. … Erefia muss vernichtet werden.“

Das sind Fantasien von Rechten, die vor allem seit 2014 ausgebrütet werden und sich durch den offenen Krieg in den Kreisen um die zahlreichen Freiwilligenverbände verstärkt haben. Die westlichen Unterstützerstaaten fördern diese mit rechten Parteien und Bewegungen in Europa vernetzten Strukturen, weil sie entscheidend für die Aufrechterhaltung des erwünschten Kampfeswillens sind. Aber es ist schon lange absehbar, dass die von Rechtsnationalisten und Neonazis angestrebte Militarisierung der Gesellschaft zu Konflikten führen wird, zumal wenn die Ukraine in die EU aufgenommen werden sollte (Bürgerkrieg oder Destabilisierung der Gesellschaft bei Rückkehr der Veteranen von der Front).

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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Erstveröffentlicht am 26.1. 2026 im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/top-story/ukrainische-nationalisten-grossukraine-und-die-totale-militarisierung-der-ukrainischen-gesellschaft/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Erklärung des Syndikats der Arbeiter der Busgesellschaft Teheran und der Vorstädte, die das Massaker des protestierenden Volkes verurteilen

Syndikatsarbeiter von Teheran und Vororte Bus Comp.

Die unterdrückten Menschen unseres Landes trauern wieder einmal um ihre Kinder. Diesmal ist die Tötung von Demonstranten, die sich der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Islamischen Republik widersetzen, noch weiter verbreitet und schrecklicher als die Straßenmassaker der 1980er Jahre sowie die Morde von Dezember 2017/Januar 2018, November 2019 und September 2022. Der immense Schock, der die Gesellschaft erfasst hat, ist nicht auf der Überraschung herrührt – weil wir immer das Ausmaß der Bosheit und Brutalität der herrschenden Repressionskräfte gekannt haben –, sondern vielmehr aus der Tatsache, dass die Herrscher ohne die geringste Überlegung beschlossen haben, das Massaker an Tausenden von Kindern dieses Landes durchzuführen. Dies selbst ist ein weiterer Beweis für das endgültige Ende jeder Hoffnung auf Reform oder Veränderung innerhalb des Systems, selbst für die optimistischsten und verblendeten Individuen.

Die herrschende Macht hat einmal mehr gezeigt, dass sie dem Leben der Menschen und unserer Kinder überhaupt keinen Wert beimisst. Wie kann man ein solches Massaker begehen und dann mit rücksichtslosem und unmenschlichem Verhalten die Körper des Getöteten vor der Öffentlichkeit zeigen? Kann eine solche Regierung auch nur die geringste Legitimität in den Köpfen der Menschen behalten?

Nach der Veröffentlichung der Erklärung des Syndikats mit dem Titel „Unterstützung des gerechten Kampfes des Volkes; Auf dem Weg zu wahrer Freiheit und Gleichheit, nicht eine Rückkehr in die Vergangenheit“ wurden auch wir – wie mehr als 93 Millionen Menschen im ganzen Land – des Zugangs zum Internet und anderen Kommunikationsmitteln beraubt; ein systematischer Stromausfall, der bis in die letzten Tage andauerte und sogar jetzt die Kommunikation unzuverlässig bleibt. Dennoch betont das Syndikat weiterhin sein grundlegendes und unverletzliches Prinzip: dass die wirkliche Befreiung des iranischen Volkes nur durch kollektive Führung und die bewusste, organisierte und unabhängige Beteiligung der Arbeiterklasse als Ganzes, zusammen mit anderen unterdrückten Schichten innerhalb des Landes möglich ist – nicht durch militärische Intervention der Vereinigten Staaten und Israels, noch durch andere machtsuchende fremde Staaten oder ihre angeschlossenen und unterstützenden Kräfte.

Während das Syndikat die Massentötung der benachteiligten Bevölkerung des Landes scharf verurteilt, spricht es den Familien und Angehörigen der im Januar getöteten Familien und Angehörigen sein aufrichtiges Beileid aus und fordert die sofortige und bedingungslose Freilassung aller Gefangenen.

Die Nachricht von Hinrichtungen ist jeden Tag zu hören. Die Regierung muss wissen, dass selbst die Hinrichtung von Tausenden von politischen Gefangenen in den 1980er Jahren das Volk nicht davon abhalten konnte, weiterhin Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit zu fordern. Die heutigen Massenmorde und Hinrichtungen in einer viel größeren, informierteren und vielfältigeren Gesellschaft werden nicht nur nicht in der Lage sein, tiefe soziale Proteste und Unzufriedenheit einzudämmen, sondern auch den Umfang der öffentlichen Wut erhöhen. Der am wenigsten kostspielige Weg für die Menschen und das Land ist, dass ihr alle sofort zur Seite treten und die Maschinerie des Tötens, der Unterdrückung und der Zerstörung des Landes sofort stillt.

Es lebe Freiheit, Gleichheit und die Solidarität der Menschen

Die Lösung für Arbeiter und Werktätige ist Einheit und Organisation

Das Syndikat der Arbeiter der Teheraner und der Suburbs Bus Company ist Mitglied des Internationalen Arbeitsnetzwerks für Solidarität und Kampf.

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https://t.me/vahedsyndica

@Vahed_Syndica

Links zur ursprünglichen Aussage in Farsi: hier und https://t.me/vahedsyndica/6411

Francesca Albanese und die Würde der Intelligenz: wenn eine Universität sich weigert, sich zu beugen

Der Kontrast könnte nicht größer sein: in Deutschland wird sie verfolgt, in Belgien wird sie geehrt. Vor fast genau einem Jahr wurden in Deutschland der UN Menschrechtsbeauftragten für Palästina Francesca Albanese von Uni zu Uni die Räumlichkeiten für ihren Vortrag verweigert. Wir schrieben damals: „Deutsche Behörden verhindern Auftritte einer Repräsentantin der UNO unter dem Vorwand der Antisemitismusbekämpfung. Bewaffnete Polizei dringt bei Ersatzveranstaltung in Räume einer Tageszeitung ein.“ Ganz anders jetzt in Belgien, wie der folgende Beitrag schildert. (Peter Vlatten)

Claudia Aranda, Pressenza, 29 Januar 2026

In Zeiten von systematischer Einschüchterung, von Schweigen als Mittäterschaft und von institutioneller Feigheit ist die gemeinsame Entscheidung der Universitäten von Vrije-Brüssel, Antwerpen und Gent, Francesca Albanese einen Ehrendoktortitel zu verleihen, keine routinemäßige akademische Geste. Es ist eine Stellungnahme. Es ist eine ethische Bestätigung. Und vor allem ist es eine Erklärung intellektueller Unabhängigkeit in einem globalen Klima, in dem es zu einem riskanten Akt geworden ist, die Wahrheit zu sagen.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben diese drei flämischen Universitäten – allesamt europäische Benchmark-Institutionen in der Forschung, im Völkerrecht, in den Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften – gemeinsam beschlossen, in einer feierlichen Zeremonie am 2. April in Antwerpen die höchste akademische Auszeichnung an eine Juristin zu verleihen, deren beruflicher Werdegang mit seltener Kohärenz die Werte verkörpert, für die die Universität als solche steht: Strenge, Ehrlichkeit, Mut und Dienst am Gemeinwohl. Das ist weder Zufall noch ein symbolisches Zugeständnis. Es handelt sich um einen Zusammenschluss auf höchstem intellektuellem Niveau, der sich entschieden hat, mit einer einzigen Stimme zu sprechen.

Francesca Albanese ist eine Völkerrechtsanwältin mit einer soliden, umfangreichen und höchst angesehenen Karriere im Bezug auf das Themengebiet der Menschenrechte. Bevor sie 2022 die Stellung als Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Menschenrechtslage in den besetzten palästinensischen Gebieten übernahm, arbeitete sie mehr als ein Jahrzehnt als Rechtsberaterin und Expertin in verschiedenen UN-Gremien, spezialisiert dabei auf humanitäres Völkerrecht, Zivilschutz, Zwangsvertreibungen und staatliche Verantwortung. Ihr Mandat wurde 2025 erneuert, eine ausdrückliche Anerkennung ihrer fachlichen Fähigkeiten und der Unabhängigkeit, mit der sie eine Funktion ausübte, die politischem Druck besonders ausgesetzt war.

Die offiziellen Statements der Universitäten sind klar und deutlich. In ihrer gemeinsamen Erklärung unterstreichen die Institutionen das „außergewöhnliche Engagement von Francesca Albanese für den Schutz der Menschenrechte und die Stärkung des Völkerrechts“ sowie ihre Fähigkeit, ihr Mandat „mit beruflicher Unabhängigkeit und juristischer Strenge in Kontexten extremer Polarisierung“ auszuüben. Das ist kein inhaltsleeres Lob: Es ist eine zutreffende Beschreibung einer Karriere, die auf Fakten, auf Recht und Verantwortung basiert.

Für die Vrije Universität Brüssel hat deren Rektor darauf hingewiesen, dass die Universität angesichts von Ungerechtigkeiten kein neutraler Raum sei, sondern ein Ort, an dem kritisches Denken frei von äußerem Druck fortbestehen muss. Die Universität Antwerpen betonte, dass diese gemeinsame Anerkennung eine von allen geteilte Überzeugung zum Ausdruck bringt: dass die Wissenschaft eine soziale Verantwortung trägt, der sie sich nicht entziehen kann, wenn Völkerrecht systematisch verletzt wird. Die Universität Gent betonte ihrerseits, dass die Ehrung von Albanese das Prinzip honoriert, dass Forschung und Analyse von Rechtsangelegenheiten nicht Einschüchterungskampagnen oder bedingten politischen Interessen untergeordnet werden können.

Dieser letzte Punkt ist nicht unbedeutend. Denn auf die Bekanntgabe der Promotion folgte, wie zu erwarten war, eine Verleumdungsoffensive durch zionistische Organisationen, die als politische Lobbyisten und nicht als akademische Akteure agieren. Wir reden nicht von Religionsgemeinschaften oder kulturellen Identitäten. Wir sprechen hier von organisierten politischen Strukturen, die seit Jahren versuchen, jede Stimme, die die Verbrechen des Staates Israel und die koloniale und gewalttätige Natur des zionistischen Projekts in seiner aktuellen Form dokumentiert, entweder zu diskreditieren, zum Schweigen zu bringen oder aus der Öffentlichkeit auszuschließen.

Das Muster ist vertraut und grobschlächtig: Verzerrung von Aussagen, unbegründete Anschuldigungen, Druck auf die Medien, verschleierte Drohungen gegen Einrichtungen, moralische Erpressung durch den instrumentalisierten Vorwurf des Antisemitismus. Nichts davon hält einer ernsthaften Analyse stand. Und nichts davon hat ausgereicht, um drei Eliteuniversitäten zum Rückzug zu bewegen. Im Gegenteil: Sie haben ihre Entscheidung klar bekräftigt und die abgrundtiefe Kluft zwischen strikter intellektueller Arbeit und dem schmutzigen Spiel derjenigen offengelegt, die Einschüchterung mit Argumentation verwechseln.

Der Hintergrund dieses Streits ist nicht abstrakt. Er ist konkret. Er ist menschlich. Er ist blutig. Die von Francesca Albanese den Vereinten Nationen vorgelegten Berichte stellen eine der schwerwiegendsten und sorgfältigst belegten Dokumente über die Zerstörung Gazas dar. Darin erklärt die Berichterstatterin, dass wenn man nicht nur direkte Todesfälle durch Bombenanschläge und Militärangriffe, sondern auch indirekte Todesfälle durch erzwungenen Hunger, durch den Zusammenbruch des Gesundheitssystems, durch die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur, durch Dehydrierung, durch vermeidbare Krankheiten und durch massive Zwangsvertreibungen betrachtet, die tatsächliche Zahl der getöteten Palästinenser sich auf mindestens 680.000 Menschen beläuft, eine Zivilbevölkerung, die überwiegend aus Kindern, Frauen und älteren Menschen bestand.

Diese Zahl ist nicht rhetorisch. Es ist keine Propaganda. Sie ist das Ergebnis der Anwendung von rechtlichen und epidemiologischen Standards, die historisch zur Bewertung der Sterblichkeit in Massenvernichtungskontexten verwendet wurden. Und sie ist zudem eine konservative Zahl. Albanese selbst hat ausdrücklich betont, dass die Unmöglichkeit, die Toten präzise zu zählen – auf Grund von unter Trümmern begrabenen Leichen, vernichteter Unterlagen, zerstörter Krankenhäuser – Teil des Verbrechens selbst sei. Völkermord tötet nicht nur: er löscht aus.

Angesichts dieser Realität ist die Reaktion der zionistischen Organisationen, die heute versuchen, diese akademische Anerkennung zu sabotieren, keine Verteidigung von Ethik oder der Bewahrung von historischer Erinnerung. Es ist die Reaktion eines politischen Apparats, der sich selbst angesichts der Beweise entlarvt, herausgefordert und zunehmend isoliert sieht. Es ist die symbolische Gewalt derer, die die Fakten nicht widerlegen können und stattdessen denjenigen angreifen, der sie benennt.

Die Antwort der belgischen Universitäten ist daher von großer Bedeutung. Sie belohnen nicht eine Meinungsäußerung. Sie würdigen ein Berufsleben, das dem Recht, der strikten Forschung und der Verteidigung der grundlegendsten Prinzipien internationaler Rechtmäßigkeit gewidmet ist. Sie sagen unmissverständlich, dass die Universität sich nicht politischem Mobbing oder moralischer Erpressung beugt. Sie erinnern uns daran, dass Wissen nicht vor der Macht kapituliert, wenn Macht Verbrechen begeht.

Francesca Albanese ist weder eine vorübergehende Erscheinung noch eine kurzzeitige Provokateurin. Sie ist eine solide Juristin, eine ernsthafte Forscherin und eine internationale öffentliche Dienerin, die bereit ist, vieles in Kauf zu nehmen, indem sie ausspricht, was viele lieber zum Schweigen bringen. Und deshalb wird sie heute angegriffen. Und genau deshalb wird sie geehrt.

Weder das ganze Geld noch all der Einfluss noch die gesamte Desinformationsmaschinerie dieser Verbrecher, die heute Gaza verwüsten, werden in der Lage sein, eine ehrliche Stimme zum Schweigen zu bringen, und noch viel weniger, ihre Brillanz auszulöschen. Denn wenn Intelligenz zusammen mit ethischen Werten ausgeübt wird und die Universität sich an den Grund ihrer Existenz erinnert, findet die Wahrheit immer ihren richtigen Standpunkt.

Und diesmal wird sie von einer Gemeinschaft höchsten akademischen Niveaus getragen, die beschlossen hat, nicht wegzusehen.

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt.

Der Beitrag von Claudia Aranda wurde bei Pressenza, 29 Januar 2026 veröffentlicht. Wir danken für das Publikationsrecht.

Claudia Aranda
Chilenische Journalistin, spezialisiert auf Semiotik und politische Analyse. Internationale Analystin mit Schwerpunkt auf der prospektiven Analyse sozialer Prozesse. Sie lebt in Montreal, Québec, und berichtet für Pressenza über die aktuellen Nachrichtenfelder der Agentur sowie über zeitgenössische philosophische Debatten im Rahmen der Analyse unterschiedlicher aktueller Ereignisse. Dabei liegt ihr Fokus auf Menschenrechten, Geopolitik, bewaffneten Konflikten, Umweltfragen und technologischer Entwicklung. Humanistin und Aktivistin für gerechte Anliegen

Titelbild: cc Wikipedia

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