Schlechtes Wetter, harte Zeiten! Für die Demokratie fighten?

Ein Kommentar zu den jüngsten Protesten gegen den Faschismus

Die Aufstände, sie kommen. Endlich auch in Deutschland und Österreich! Aber wieder nur ein Aufstand der Anständigen.

Bild: Auf der Demo „Wir sind die Brandmauer“ am 3.2. in Berlin. Foto: Peter Vlatten.

Ein Treffen von extremen Rechten, u.a. von Sellner und AfD-PolitikerInnnen, in denen über Massenabschiebungen, die mehr oder weniger direkt erzwungene Auswanderung – auch von „nicht-assimilierten“ deutschen Staatsbürgern – und einem Musterstaat in Nordafrika, in dem man „Ausländer“ und ihre Unterstützer hinbringe könnte, diskutiert wurde, hat Wellen geschlagen und eine breite Protestbewegung mit extrem großen Demonstrationen in Deutschland und zum Teil auch in Österreich ausgelöst. Man sollte diese Vorhaben und dieses Treffen nicht kleinreden und braucht sich keine Illusionen darüber zu machen, dass dies bloße Rhetorik und Fantasien, die dann nicht umgesetzt werden würden, sind. Natürlich entsprechen solche Vorhaben genau der Ideologie der extremen Rechten und sind daher weder überraschend noch neu, trotzdem bedeutet die konkrete Diskussion solcher Vorhaben – gerade auch mit Partei-PolitikerInnen, die bald eine Macht-Option besitzen könnten – einen Schritt auf den Weg zu ihrer Umsetzung.

Die Vehemenz und die Empörung, mit der nun darauf reagiert wird, muss allerdings angesichts der jüngsten Verschärfungen im Bereich der Migration irritieren. Letztes Jahr wurde mit der GEAS-Reform eine massive Verschärfung des europäischen Asylrechts beschlossen- ohne dass es zu großen Protesten gekommen wäre. [1] Olaf Scholz erklärte vom Titelblatt des Spiegels, dass endlich in großen Stil abgeschoben werden muss. Erst vor ein paar Tagen wurde in Deutschland das Rückführungsverbesserungsgesetz beschlossen, mit dem Abschiebungen weiter erleichtert werden sollen. [2] Die deutsche Innenministerin Faeser blickt mit Interesse nach Italien, das im Meer aufgegriffene Migrant*innen nach Albanien bringen will, um Asylverfahren dort durchführen zu lassen. Die CDU fordert in ihren Grundsatzprogramm-Entwurf, dass jede Person, die in Europa Asyl beantragen will, in ein Drittland gebracht werden soll und dort Asylverfahren durchlaufen und ggf. Asyl erhalten soll. Dieser Vorschlag unterscheidet sich kein bisschen vom AfD-Programm. [3] Auch die ÖVP fordert Abschiebe-, Verfahrens- und sogar Strafzentren im Ausland. [4] Überhaupt ist Österreich unter seiner schwarz-grünen Regierung längst schon eine Kooperation mit Großbritannien eingegangen, um ein eigenes Ruanda-Modell zu verwirklichen. [5] Auch der Entzug der Staatsbürgerschaft (und eine darauffolgende Abschiebung) ist eben kein Novum. In Österreich ist es bei terroristischen Aktivitäten möglich, dass die Staatsbürgerschaft entzogen wird, wenn noch eine weitere Staatsbürgerschaft vorhanden ist. [6] In Deutschland wurde in Debatten um Antisemitismus aus der CDU gefordert, die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. [7] Auf dem Treffen hat Sellner von einem „hohen Anpassungsdruck“, den man ausüben könnte, um Leute außer Land zu bekommen, gesprochen. [8] Wie sehr unterscheidet sich das davon, dass Nehammer in seinen Österreich-Plan „Integration heißt Anpassung“ – und zwar um jeden Preis – deklariert? [9]

Bewegungen haben natürlich willkürliche und oft zufällige Initialzündungen. Dingen, die schon hundert Mal so passiert oder eben gar nicht neu sind, werden plötzlich zum Stein des Anstoßes. Dennoch ist die Gleichzeitigkeit von breiter, stillschweigenden Akzeptanz dessen, was gerade schon stattfindet, und der Angst vor der faschistischen Gefahr bemerkenswert. [10] Es gilt das alte Lied: Während man sich vor den FaschistInnen, die allerdings noch gar nicht an der Macht sind, und deren Plänen fürchtet – was ja durchaus berechtigt ist – sind es die regierenden Demokrat*innen, die fleißig die Festung Europa ausbauen, Menschen auf der Flucht in Lagern pferchen oder sie ins Meer stoßen lassen, die Gesetze verschärfen und Abschiebungen organisieren. Vor diesem Hintergrund spielt das demokratische Aufstehen gegen die rechten Plänen, die plötzlich erwachte Angst vor dem Faschismus eine ganz bestimmte Rolle.

Natürlich gibt es gute Gründe, die faschistische Gefahr ernst zu nehmen und dagegen zu demonstrieren. Leute gehen durchaus aus Angst um Freund*innen, die von solchen Plänen betroffen sind, um sich selbst, um andere Menschen auf die Straße. Und doch sorgt die plötzliche Fokussierung auf den Faschismus dafür, einen einschneidenden Unterschied zwischen demokratischen und faschistischen Abschiebungen aufzumachen [11] Die „Brandmauer gegen Faschismus und Rassismus“ (FFF Wien) wird gerade so errichtet, dass die ganzen jetzt schon stattfindenden rassistischen Praktiken, die Abschiebungsmaschinerie innerhalb der Mauern liegen. Die faschistischen Pläne werden so zu etwas gemacht, das gar nichts mit den herrschenden Verhältnissen und der jetzigen Migrationspolitik zu tun haben. Man kann die Abschiebepläne der extremen Rechten kritisieren und zu den real stattfindenden Abschiebungen rein gar nichts zu sagen haben oder diese sogar – vielleicht mit Bauchschmerzen – zu rechtfertigen. Nicht mehr die Existenz von Grenzen überhaupt wird zum Skandal oder – zumindest noch – das immer härtere Vorgehen gegen Migrant*innen überhaupt, sondern nur deren extrem rechte Variante, die – und das muss man nochmals betonen – selbst noch gar nicht an der Regierung ist. Indem der Faschismus zum unmittelbar bevorstehenden Horror wird, wird die herrschenden Politik zu etwas, das akzeptiert und um jeden Preis verteidigt werden muss. [12] Weil eine faschistische Zukunft droht, muss die schlechte Gegenwart in alle Ewigkeit andauern und verlängert werden.

Überhaupt muss die behauptete absolute Dringlichkeit in Frage gestellt werden: Das bedeutet nicht daran zu glauben, dass die extremen Rechten nicht meinen, was sie sagen, oder dass sie dann (in Regierungsverantwortung) schon selbst zerlegen würden. Allerdings hat die Erfahrung gezeigt, dass die Regierungsbeteiligung oder -übernahme rechter und (post)faschistischer Parteien in West- und Nordeuropa in den letzten Jahren eben nicht die direkte autoritäre Machtergreifung bedeutet hat. Vielmehr haben diese Parteien nicht die Demokratie abgeschafft, sondern gerade rassistische, antifeministische und sozialchauvinistische Gesetzesvorhaben vorangetrieben, die allerdings genauso auch von demokratischen Parteien vorgeschlagen oder umgesetzt werden könnten. Der Unterschied zwischen Demokraten und extremen Rechten an Macht ist also vorläufig höchstens ein gradueller. (Das heißt nicht, dass FaschistInnen unter bestimmten Voraussetzungen nicht auch versuchen, ein autoritäres Regime zu errichten, aber es ist zumindest heutzutage und in unserer Region nicht der erste Schritt.)

Dass es nun allerdings vielerorts von der Bedrohung der Demokratie die Rede ist und man diese verteidigen will – die Großdemonstration in Wien am 26.01 trägt genau den Titel „Demokratie verteidigen“ – ist eine bedeutungsschwere Verschiebung. Es geht nun nicht mehr zentral um die (Massen)-Abschiebungen von Menschen, um die konkreten Leben, die in den Plänen der extremen Rechten und durch das staatliche Handeln bereits jetzt bedroht sind, sondern um das doch recht allgemeine Ideal der Demokratie, bei dem man nicht so recht weiß, was das dann alles beinhalten soll. Grenzen, Abschiebungen, das Vorgehen gegen Seenotrettung, Pushbacks, das Ertrinken-lassen von Geflüchteten, Anpassungsdruck durch das Ersetzen von Sozialleistungen durch Sachleistungen oder durch die Ausweitungen von Ansässigkeitsklauseln für Sozialleistungen gibt es ja alles – schön demokratisch – schon. Man kann nur hoffen, dass, wenn von Demokratie gesprochen wird, zumindest auch eine Verteidigung des Asylrechts gemeint ist. Dieser Schwenk auf die Demokratie – dessen formales Gerüst von Rechten in westeuropäischen Regierungen zunächst gar nicht angetastet wird – entfernt die Auseinandersetzung von den konkreten inhaltlichen Praktiken und Plänen, um denen es eigentlich geht und die zum Teil jetzt schon stattfinden.

Man könnte meinen, dass für viele die Demokratie zum Selbstzweck wird und noch jede Schweinerei stattfinden kann, wenn sie nur von Demokrat*innen durchgeführt wird. Im Willen, die Demokratie zu verteidigen, drückt sich vielleicht auch noch etwas anderes aus: dass man ganz persönlich Angst vor einer Machtübernahme der Rechten hat und auch sich selbst schützen will, eine Sorge, die natürlich auch wir teilen. [13] Aber diese Angst wird befremdlich, wenn es dabei nur um den eigenen Schutz geht und man nichts zu denen – von Arbeitslosen bis Migrant*innen – die bereits jetzt von (de facto) rechter Politik betroffen sind, zu sagen hat.

Um es nochmals etwas polemischer zu sagen: Es ist wohl kein Zufall, dass die Correctiv-Recherche den Titel „Geheimplan gegen Deutschland“ trägt. [14] Es ist, als wären nicht Menschen von den Abschiebungsplänen betroffen, sondern Deutschland selbst. Das neue Deutschland, das seine Vergangenheit ja so gut aufgearbeitet und bewältigt hat, das erste Opfer der neuen Rechten! So manche haben wohl vor allem Angst davor, dass die AfD (und die FPÖ) ihnen die Wiedergutwerdung kaputt machen könnte.

Es hilft aber alles nichts. Sich grantig an den Spielfeldrand zu stellen, ist auch dieses Mal wenig hilfreich. Es ist trotzdem sinnvoll in den Bewegungen und Demonstrationen präsent zu sein und versuchen das Ziel der Demonstrationen und die Kritik über die extreme Rechte hinaus zu lenken. Weder muss man sich jeder Aktionseinheit verschließen (was ohnehin gerade nicht allzu oft stattfindet), noch sollte man darauf hoffen, dass das größtmögliche Bündnis gegen rechts zum Erfolg führen wird. Nicht nur, weil dann mitunter jede erdenkliche Schweinerei gerechtfertigt wird, da ja die Einheit gegen Rechts aufrechterhalten werden muss, sondern weil dieses Bündnis immer brüchig bleiben würde. Unüberwindbar große Skrupel mit den FaschistInnen zusammenzugehen, hatten die Konservativen und Mitte schlussendlich dann doch nie.

Diese Demonstrationen zu kritisieren, heißt nicht, sich auf dieser Kritik auszuruhen. Die Gefahr, die von der extremen Rechten ausgeht, ist real, die Schrecken der herrschenden Verhältnisse ebenso. Dagegen gilt es durchaus etwas zu unternehmen. Wenn Leute gerne Großdemonstrationen und Lichtermeere besuchen, dann wollen wir niemanden davon abbringen, man sollte sich allerdings bewusst machen, dass deren Effekt gering ist (auch es natürlich schön wäre, wenn es anders wäre).

Man kann allerdings so einiges tun: sich antirassistisch und antifaschistisch organisieren. Man muss dafür auch nicht (immer) in der ersten Reihe stehen. Es gibt auch sonst einiges: Anti-Repressionsarbeit, Solipartys organisieren, Kohle sammeln, Schlafplätze, Essen und sonstige Unterstützung bereitstellen usw. Darüber hinaus müssen wir auch soziale Kämpfe als ein Mittel gegen den Aufstieg des Faschismus sehen. Weder muss man den Rechten dafür Zugeständnisse machen noch die Wirkmächtigkeit und Beharrungskräfte rechter Einstellungen und Projektionen verharmlosen und unterschätzen. Allerdings muss man trotzdem versuchen den Prozess, der Menschen zu Rechten werden lässt, zu durchbrechen. Bei gestandenen Rechten wird dies wohl kaum gelingen, aber vielleicht bei jenen, die noch dazu werden könnten, deren Einstellungen schwanken, aber sich immer mal wieder rechts mobilisieren lassen oder bei jenen, die rechte Politik stillschweigend mittragen (würden). [15] In Sachsen beispielsweise sind ist die Zustimmung zu der Aussage, dass unser Land gefährlich überfremdet sei, in den letzten zwei Jahren um 24 % auf 64 % gestiegen, nachdem die Zustimmung dazu in den vorherigen Jahren gesunken ist. [16]

Das ist bedrohlich genug und straft den ganzen „Wir sind mehr“-Schreiern Lügen, aber zeigt auf, dass Einstellungen nicht einfach in Stein gemeißelt sind, sondern variabel und von Krisenwahrnehmungen und -erfahrungen sowie von Mobilisierungen abhängig sind. Man braucht nicht daran zu glauben, dass man rechte Einstellungen im Sinne der Neunziger-Jahre-Parole „Die Ausländer sind die falsche Adresse, haut den Bonzen auf die Fresse“ einfach umlenken kann. Wir müssen darauf setzen (und auch hoffen), dass Erfahrungen von Ermächtigung, von Autonomie und von Solidarität, die wir in den Kämpfen gemeinsam machen können, rechte Bewusstseinsbildung zumindest einschränken.

In diesem Sinne also der ohnehin schon bekannte und oft genug wiederholte Aufruf: Hinein in die sozialen Kämpfe! Wir bezweifeln allerdings, dass man dafür in eine Partei eintreten muss: Es geht nicht darum, die Entscheidungen über die Kämpfe an andere zu delegieren oder diese für andere (an) zu führen, vielmehr müssen wir uns selbst organisieren sowie miteinander kämpfen und gemeinsam über deren Verlauf entscheiden. Schlussendlich muss man sich weder von der behaupteten Dringlichkeit, dass übermorgen schon die faschistische Machtübernahme bevorstünde, noch von der vermeintlichen Größe und Aussichtslosigkeit der sozialen Kämpfe abschrecken lassen. Man kann auch im kleinen Rahmen beginnen. Um nur ein paar Dinge zu nennen: Am Arbeitsplatz mit seinen Kolleg*innen über den Lohn und die Gängelungen der Chefs sprechen und dagegen was unternehmen, sich mit Mieter*innen in seinen Haus vernetzen, auf einem Platz in der Nachbarschaft hin und wieder Essen usw. für alle anbieten…


[1] vgl. https://www.proasyl.de/news/abbau-der-menschenrechte-von-gefluechteten-in-europa-beschlossen/
[2] vgl. https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/rueckfuehrungen-abschiebungen-100.html
[3] https://twitter.com/MenseThorsten/status/1749425386088214923?t=GbwmK2sDeE8wtYnDg_2sdA&s=19
[4] vgl. Der Österreich-Plan, S. 51, https://www.nachrichten.at/storage/mediadl/289396-aXzWiTjRig
[5] https://www.theguardian.com/world/2023/nov/02/austria-seeks-to-adopt-uk-rwanda-style-plan-for-asylum-seekers
[6] https://migrant-integration.ec.europa.eu/news/oesterreich-staatsbuergerschaftsverlust-bei-terroristischen-aktivitaeten_de
[7] vgl. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hamas-terror-in-israel-politiker-entsetzt-ueber-feiern-nach-pro-hamas-kundgebung-in-berlin-neukoelln-a-aa7200b7-53c9-475d-a33d-d5a4a1711143
[8] vgl. https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/
[9] Der Österreich-Plan S. 55 https://www.nachrichten.at/storage/mediadl/289396-aXzWiTjRig
[10] Natürlich gibt es durchaus einige Gruppen und Leute, die ihre Reden und Inhalte auf diesen Demonstrationen auch gegen die herrschende (Migrations-)politik richten, aber für die allgemeinen Demoaufrufe und wohl auch sehr vielen, die hingehen, gilt das gerade nicht.
[11] Zwischen den faschistischen Abschiebungsplänen und den derzeitigen Handeln und den Vorstellungen bürgerlicher Parteien besteht natürlich noch ein qualitativer Sprung, aber es ist eben kein grundsätzlicher Unterschied.
[12] Nicht dass er kein Horror ist, nur wäre zu bezweifeln, dass er unmittelbar bevorsteht.
[13] vgl. https://taz.de/Protestwelle-gegen-rechts/!5986801/
[14] vgl. https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/
[15] vgl. https://ruediger-mats.jimdofree.com/texte/raus-aus-der-wohlf%C3%BChlblase/
[16] Vgl. https://www.staatsregierung.sachsen.de/sachsen-monitor-2023-8897.html

Ersveröffentlicht in EWRAMI:
https://emrawi.org/?Schlechtes-Wetter-harte-Zeiten-Fur-die-Demokratie-fighten-Ein-Kommentar-zu-den-2974

31.01.2024 Aktualisierung über die Ergebnisse der Veranstaltung „Recht auf politischen Streik“

Aktualisierung 31.01.2024

Ergänzung von Ingo Müller

Hier die Materialien, die wir euch bei der Veranstaltung “Recht auf politischen Streik” mit Theresa Tschenker am 14.12.2023 im Berliner GEW-Haus zugesagt haben.

Es haben in Präsenz und online insgesamt 80 Kolleg*innen teilgenommen.


Interview mit Theresa kurz vor der Veranstaltung:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1178486.streikrecht-eine-feministische-brille-ist-hilfreich.html


Der Bericht von der Veranstaltung enthält jetzt auch den Tonmitschnitt des Vortrags von Theresa und die vorbereitete Power-Point-Präsentation, die viele Aspekte noch mal verschriftlicht:

https://rechtaufstreik.noblogs.org/2023/12/bericht-zur-veranstaltung-recht-auf-politischen-streik/embed/#?secret=LRi762fvBR#?secret=xyQTFgVRLh


Zwei Podcasts wurden mit Theresa und unterschiedlichen Gesprächspartner*innen aufgenommen:

https://podcast.dissenspodcast.de/240-streik


Solibotschaft an die britischen Gewerkschaften

Bei der Veranstaltung haben wir eine Soli-Botschaft an die britischen Gewerkschaften beschlossen, die derzeit gegen den größten Angriff auf das Streikrecht seit den 1980er Jahren kämpfen. Am vergangenen Samstag fand dazu eine Kundgebung statt, die u.a. von uns, der AG für ein umfassendes Streikrecht in der GEW Berlin, organisiert wurde.

Recht herzlichen Dank an Christoph Wälz für die AG für ein umfassendes Streikrecht in der GEW Berlin für die Bereitstellung der Materialen.


Liebe Kolleg*innen,

Wir möchten euch herzlich einladen zu einer Veranstaltung mit Theresa
Tschenker am 14. Dezember 2023 im GEW-Haus.

Theresa Tschenker hat ihre
Dissertation zum Thema „Politischer Streik“ geschrieben. Sie wird einen
Vortrag zum Thema Politischer Streik halten und dabei unter anderem
darauf eingehen, wie sich das Verbot in Deutschland herausgebildet hat
und welche Ansätze zu politischen Streiks es bisher gab. Außerdem wird
sie die aktuelle Rechtsprechung dazu beleuchten und darstellen wie eine
Neukonzeption des Streikrechts aussehen könnte.

Die Veranstaltung wird moderiert von Lucy Redler, GEW-Kollegin und Autorin des Buches „Der Politische Streik in Deutschland nach 1945“.

Wir freuen uns auf euch und spannende Diskussionen zum Streikrecht.

Veranstaltung | 14.12.2023 | 18:00 Uhr | GEW-Haus | Ahornstraße.5

Veranstaltet von der AG für ein umfassendes Streikrecht in der GEW
Berlin. https://www.gew-berlin.de/arbeitsgruppen/umfassendes-streikrecht

Unterstützt von der Kampagne für ein umfassendes Streikrecht und der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ) Regionalgruppe Berlin

Der Stammtisch ist im Betrieb

Die IG Metall Berlin debattiert, was Gewerkschaften gegen rechts tun können

Bild: Jochen Gester. Geschäftsstelle der IG Metall Berlin: Gewerkschaftsbasis diskutiert Antifaschismus

Antifaschismus gehört für viele Gewerkschaften zum Selbstverständnis. Allerdings haben sie selbst mit rechten Tendenzen innerhalb der Mitgliedschaft zu kämpfen. Was folgt daraus für die Praxis?

Von Christian Lelek

Auf dem Gewerkschaftstag der Industriegewerkschaft (IG) Metall im vergangenen Oktober findet die Vorsitzende Christiane Benner deutliche Worte: »Unser ›Team IG Metall‹ ist offen für alle – außer für Rassisten, Faschisten und andere Reaktionäre! Die haben bei uns nichts zu suchen!« Doch was bedeutet das für die Gewerkschaftspraxis an der betrieblichen Basis? Was müssen Gewerkschafter*innen tun, dass sich der von oben geäußerte Anspruch in eine Realität hinterm Werkstor übersetzt?

Um dies zu beratschlagen, waren am Donnerstag etwa 50 Leute in der Geschäftsstelle der IG Metall Berlin zusammengekommen, »damit den Sonntagsreden Taten folgen« und es nicht wieder heiße, die AfD werde besonders häufig von Gewerkschaftsmitgliedern gewählt, wie es Moderator Klaus Morawski formulierte.

Landauf, landab bekommt die AfD bei Wahlen überdurchschnittlich viele Stimmen von Gewerkschafter*innen. Bei der Wiederholung der Berliner Abgeordnetenhauswahl im Februar 2023 kam die AfD auf 9,1 Prozent der Stimmen. Unter Gewerkschafter*innen liegt der AfD-wählende Anteil bei zehn Prozent.

IG-Metall-Bildungsreferentin und Historikerin Chaja Boebel blickt auf das Wahlverhalten in den 1930er Jahren: »Die Arbeiterschaft hat links gewählt. Dass ein Arbeiter die NSDAP gewählt hat, war die absolute Ausnahme.« In einer historischen Phase der komplexen Krisen habe vor allem das Kleinbürgertum aufgrund von Abstiegsängsten für die Nazipartei gestimmt. Äquivalent zur Klientel der NSDAP werde unter der Mitgliedschaft der IG Metall aufgrund von Abstiegsängsten die AfD gewählt. Man müsse sich also mit der Zusammensetzung der Klasse auseinandersetzen, die die IG Metall vertrete, sagt Boebel. Sie meint: »Die AfD und alle anderen rechten Parteien in Europa sind die neuen Arbeiterparteien.«

Auch Gewerkschaftssekretärin Sophie Bartholdy sieht diesen tendenziellen Widerspruch zwischen Vorstand und einem Teil der Basis. Ihr gestehe der eine oder andere, dass er die AfD wähle, sagt sie. Da müsse man in die Debatte gehen. »Ich sehe, dass die Betriebsräte das Thema AfD lieber nicht anfassen. Doch wir müssen uns damit auf den Betriebsversammlungen auseinandersetzen. Wenn wir uns wegducken, vergrößern wir den Nährboden«, sagt Bartholdy. Ein VW-Beschäftigter merkt an: »Wir Vertrauensleute sind tagtäglich damit konfrontiert. Es ist daher wichtig, dass uns die Gewerkschaft im Vorgehen schult.«

Bartholdy sagt zu »nd«, dass es in Berlin, anders als in anderen Bundesländern, keine offen rechten Strukturen gebe. Sie spricht stattdessen von einer »Unterströmung«. Selbst Betriebsräte würden zum Teil die AfD wählen.

Vom »Kampf um die Hegemonie« ist am vergangenen Donnerstag im Gewerkschaftshaus häufiger die Rede. Historikerin Boebel spricht von einer »Raumergreifungsstrategie« der AfD. Was die einzelnen Beschäftigten dagegen tun können, erklärt Christian von Aufstehen gegen Rassismus. Er koordiniert sogenannte Stammtischkämpfer*innenseminare. Ein »Ich will das hier nicht hören, das ist auch mein Pausenraum«, könne schon viel bewirken. Eine Diskussion sei nicht immer nötig. Position beziehen könne dazu führen, dass Kolleg*innen überlegen: »Ist das jetzt rassistisch?« oder »Kann ich das jetzt sagen oder gibt es wieder Widerspruch?« Man solle aber auch Betriebsräte und Gewerkschaftsmitglieder über Vorkommnisse informieren.

In den Betrieben müsse man effizient vorgehen und Kräfte sparen. Die Auseinandersetzung mit den Kadern mit geschlossenem Weltbild laufe ins Leere, sagt Christian. Historikerin Boebel verweist auf die Leipziger Autoritarismus-Studie. Demnach haben fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. »Bei 40 Prozent ist dieses nur latent, die brauchen wir auf unserer Seite.«

Die AfD besteche dadurch, dass sie skandalträchtige Themen ausschlachte, sagt Jürgen Schulte von der Initiative Hufeisern gegen rechts aus der Neuköllner Hufeisensiedlung. Lösungen biete die AfD keine an. Das müssen Gewerkschafter*innen aufzeigen. »Während der Tarifauseinandersetzung muss klargemacht werden: Die AfD will den Flächentarif zerschlagen.« Gewerkschaftssekretärin Bartholdy sagt: »Mit einer halben Million Mitgliedern mit Migrationshintergrund sind wir die größte Migrantenorganisation in Deutschland. Wenn die Gewerkschaftsfeinde ihre Interessen durchsetzen, sind die Montagebänder leer.« Und den Kolleg*innen müsse verdeutlicht werden, sagt Boebel, dass die AfD die Gewerkschaften in ihrer Existenz bedrohe. »Wir haben zu lange die Gewerkschaft vom Betrieb her gedacht. Wir müssen aber auch den politischen Rahmen adressieren, sonst sind die Errungenschaften der Arbeiterbewegung bald wieder weg.«

Aus dem Publikum heißt es, die AfD geriere sich als rebellisches Element, als einzige Opposition. Das sei möglich, weil die Regierung mit den multiplen Krisen nicht gut umgehe, auf die Unsicherheit der Leute keine Antwort finde. Es gibt Applaus. »Die IG Metall stellt sich politisch sehr, sehr neutral dar«, sagt ein Gast. Diese Gewerkschaft habe sich in den letzten 40 Jahren entpolitisiert. Hinter der Veranstaltung selbst steht übrigens die Basis der IG Metall – der Arbeitskreis Internationalismus.

Erstveröffentlicht im nd v. 29.1. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1179567.antifaschismus-in-den-gewerkschaften-ig-metall-der-stammtisch-ist-im-betrieb.html?sstr=Stammtisch

Wir danken für das Publikationsrecht.

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