Zwischen Todesstrafe und illegalem Flüchtlingsstatus: die Flucht eines Deserteurs aus Belarus

Dass Kriegsdienstverweigerer -egal ob aus Russland, Belarus oder der Ukraine- einen legalen Aufenthaltsstatus bei uns erhalten, ist das Mindeste, was wir zu erwarten und zu fordern haben! (Peter Vlatten)

02.07.24 – Pressenza Berlin

Mikita Sviryd: Die Geschichte eines belarussischen Deserteurs in Litauen, der zwischen der drohenden Todesstrafe in Belarus und dem illegalen Flüchtlingsstatus in Litauen gefangen ist.

Heute ist Mikita ein illegaler Flüchtling, Litauen hat dem jungen Deserteur politisches Asyl verweigert. In Belarus kann Desertion mit der Todesstrafe geahndet werden. Heute ist er verzweifelt und erwartet nichts Gutes für seine Zukunft. Was bedeutet für die Geopolitik das Schicksal eines Mannes, der im Alter von 19 Jahren beschloss, nicht mehr Soldat zu sein?

Aber wenn wir die Gefühle junger Belarussen beeinflussen wollen, nicht in die Armee einzutreten und Russlands Krieg in der Ukraine nicht zu unterstützen, müssen wir Mikita einfach helfen, ein neues, friedliches Leben zu beginnen, ohne Waffen, mit dem Recht, nicht zu töten und dafür nicht von Litauen und Belarus bestraft zu werden.

Beschreibung von Mikitas Fall

MIKITA SVIRYD, geboren am 22. September 2002, ist belarussischer Staatsbürger. Am 28. Oktober 2021 wurde er zum Wehrdienst einberufen und hatte keine Möglichkeit, den Dienst in der belarussischen Armee zu verweigern. Am 24. Februar 2022 hatte seine Dienstzeit vier Monate erreicht, in denen Mikita bereits den Eid geleistet hatte.

Während der vier Monate in der Kompanie, in der Mikita diente, wurden mehrmals taktische Aufgaben geprobt, Schießübungen mit der Waffe durchgeführt, häufige Märsche unternommen und Einsätze bei verschiedenen Militäreinheiten als Assistenten waren üblich.

In dieser Zeit besuchten sie zahlreiche ideologische Vorträge, in denen die Ansicht vertreten wurde, dass der Westen von „Feinden und Nazis“ bevölkert sei, dass die weiß-rot-weiße Fahne „von den Besatzern in den Jahren des Zweiten Weltkriegs verwendet“ worden sei und dass die Hinrichtung derjenigen befürwortet werde, die die Opposition unterstützten. Mikita, wie auch die Mehrheit seiner Genossen, teilte diese Ansicht nicht. Es kam jedoch nicht in Frage, sich auf eine Diskussion mit den Dozenten einzulassen; die meisten Wehrpflichtigen schliefen bei solchen Veranstaltungen.

Während dieser vier Monate musste Mikita, wie auch die anderen Soldaten, Beleidigungen und Demütigungen durch Offiziere ertragen. Bei einer Gelegenheit auf dem Schießplatz trat ein Offizier, der unter Alkoholeinfluss stand, Mikita in den Rücken, weil er dachte, Mikita würde auf sein Handy schauen. Es gab auch einen Vorfall, bei dem ihm ein höherer Offizier auf die Schulter schlug. Schikanen sind in der belarussischen Armee weit verbreitet; die Offiziere sind sich dessen bewusst, verurteilen es verbal, unternehmen aber nichts, um es zu unterbinden. Soldaten quälen sich oft gegenseitig, vor allem Unteroffiziere, die nur minimale Befugnisse haben. Es gibt Militärpatrouillen, bei denen es keine Möglichkeit gibt, innerhalb von 24 Stunden mehr als 4 Stunden zu schlafen. Es hat Fälle gegeben, in denen die Unteroffiziere den Soldaten nur 15 Minuten Schlaf in 24 Stunden erlaubten.

Mitte Februar 2022, zwei Wochen vor Ausbruch des Krieges, wurde Mikita zu einer anderen Militäreinheit geschickt. Dort sah er, wie die Russen Züge mit Panzern, Haubitzen, aus Russland eintreffenden Militärlastwagen und gepanzerten Infanteriefahrzeugen transportierten und echte Munition entluden. Den Wehrpflichtigen wurde gesagt, dass es sich dabei um Trainingsübungen handelte, aber Mikita fand die Bewegung einer so großen Menge an Ausrüstung für eine nur zweiwöchige Trainingseinheit seltsam.

Am 24. Februar 2022 befand sich Mikita auf dem Schießplatz nahe der ukrainischen Grenze. Von einem Offizier erfuhr er, dass der Krieg begonnen hatte. Ein Offizier teilte ihm mit, dass der Krieg begonnen habe. Die Aufgabe der Wehrpflichtigen war es, die Russen auf dem Schießplatz zu bewachen, von dem aus Militärflugzeuge in die Ukraine starteten. Mikita beobachtete die Piloten, die die Flugzeuge manövrierten, und die Ausrüstung, die in den Süden gebracht wurde. Aber er konnte nichts auf Kamera oder Video aufnehmen: Telefone waren verboten, und wenn sie erwischt wurden, kamen die Soldaten ins Gefängnis und ihre Telefone wurden beschlagnahmt.

Am 24. Februar 2022 sahen Mikita und seine Mitsoldaten Videos, die Angriffe auf ukrainische Einheiten und militärische Einrichtungen zeigten. Sie glaubten, dass Belarus in den Krieg eintreten würde, was unter den Wehrpflichtigen für Unruhe sorgte, insbesondere als der Befehl zur „erhöhten Bereitschaft“ bekannt gegeben wurde (ein solcher Befehl wird im Kriegsfall erteilt). Der Befehlshaber verteilte Waffen an alle, und einige erhielten scharfe Munition. Die Personalstärke der Einheit stieg um etwa 500 Mann, und Mikita befürchtete, dass er gezwungen sein würde, an der Seite Putins in den Krieg in der Ukraine zu ziehen – eine Aussicht, die er entschieden ablehnte. Infolgedessen begann er darüber nachzudenken, aus der Armee zu desertieren, da auf Befehlsverweigerung 8 bis 15 Jahre Haft stehen konnten. Im Grunde stand ein Soldat vor der Wahl, entweder zu töten oder ins Gefängnis zu gehen, was ihn dazu veranlasste, über eine Desertion nachzudenken.

m Mai 2022 befand sich Mikita bei Übungen in der Nähe der Grenze zu Litauen und beschloss, die Gelegenheit zur Flucht in die Europäische Union zu nutzen. Er begann eine Woche im Voraus mit den Vorbereitungen für die Flucht, studierte das Gelände auf Karten, legte die Route fest und plante die Tageszeit für die Flucht. Mikita hoffte, auf dem Gebiet der EU Asyl beantragen zu können, und betrachtete dies als eine Aufgabe, die erfüllt werden musste, da er die Situation moralisch nicht länger ertragen konnte.

Am frühen Morgen des 26. Mai 2022, als alle noch schliefen, ergriff Mikita die Flucht. Er zog seine Uniform aus, ließ seine Waffe mit scharfer Munition auf der Straße liegen und gab sein Mobiltelefon auf. Ein Fernfahrer, der keine Fragen stellte, nahm Mikita mit an die litauische Grenze. Die Grenze musste illegal über mehrere Zäune überquert werden. Der erste war ein Stahlzaun mit Draht und Klingen, bei dem Mikita mit der Kamera aufgenommen wurde, als er merkte, dass ihm die Zeit davonlief. Als er über den Zaun kletterte, zog er sich eine leichte Verletzung zu und fiel zu Boden. Der nächste Zaun führte über einen Graben, und Mikita gelang es, darunter durchzukriechen. Der nächste Zaun hatte morsche Pfosten und Mikita brach durch. Dann stellte er fest, dass er sich bereits auf EU-Gebiet befand, und ging zu den litauischen Grenzbeamten, um sich zu stellen.

Die Grenzbeamten waren sehr überrascht und skeptisch über Mikitas Behauptung, er sei vor der belarussischen Armee geflohen. Es wurden Sondereinheiten hinzugezogen und er wurde ausgiebig verhört. Er berichtete wahrheitsgemäß über den Grenzübertritt, bestätigte die indirekte Beteiligung von Belarus am Krieg und lieferte Informationen über den Einsatz und die Bewegung von russischem Militärgerät. Später kamen die Einwanderungsbehörden. Mikita konnte nicht glauben, dass er es geschafft hatte, dass er in Sicherheit war. Er wurde von überwältigenden Gefühlen heimgesucht, als ihm klar wurde, dass er für lange Zeit nicht mehr nach Hause kommen und seine Familie lange nicht mehr sehen würde. Mikita wurde dann in ein Flüchtlingslager in Litauen gebracht, wo er im Vergleich zur belarussischen Armee völlige Freiheit erlebte.

Nach Mikitas Flucht besuchten das Militär, die Polizei und der KGB sein Haus in Belarus. Sie sagten Mikitas Eltern, dass er nicht bestraft würde, wenn er zurückkäme, und dass er seinen Dienst in Ruhe absolvieren könne. Unter ihrem Druck riefen seine Verwandten Mikita an und drängten ihn, nach Belarus zurückzukehren. Ihm war jedoch klar, dass er bei einer Rückkehr verhaftet werden würde. Mikita drohen in Belarus bis zu 20 Jahre Gefängnis und möglicherweise sogar die Todesstrafe. Neben Desertion könnte er auch wegen Terrorismus, Extremismus und Hochverrat angeklagt werden. Mikita floh aus einer Mission mit Waffen (die er in Belarus zurückließ), informierte die litauischen Behörden über die Bewegung russischer Militärausrüstung und lieferte Einzelheiten über die Ereignisse an der Grenze zur Ukraine in den Tagen der russischen Invasion.

Am 20. November 2023 verweigerte die Migrationsabteilung des Innenministeriums der Republik Litauen Mikita das Asyl im litauischen Hoheitsgebiet.

Die offizielle Begründung für die Ablehnung des politischen Asyls in Litauen lautet, dass Mikita in Belarus nicht in Gefahr sei und Belarus ein sicheres Land für seine Rückkehr sei.

Mikita legte gegen die Entscheidung der Migrationsbehörde vor einem litauischen Gericht Berufung ein. Die Anhörung fand am 6. März 2024 statt. Das Gericht wies Mikitas Einspruch zurück und bestätigte die Entscheidung der Migrationsbehörde vom 20. November 2023.

Mikita legte daraufhin gegen die Entscheidung des litauischen Gerichts Berufung beim Obersten Verwaltungsgericht der Republik Litauen ein.

Am 6. Juni 2024 wies der Oberste Gerichtshof die Berufung zurück und bestätigte die Verweigerung des Asyls für Mikita. Mikita und sein Anwalt wurden nicht zu der Anhörung eingeladen, und der Fall wurde schriftlich geprüft. Mikita hatte keine Gelegenheit, dem Gericht etwas zu erklären.

Die offizielle Begründung für die Ablehnung des Asylantrags ist dieselbe: Das Migrationsamt ist der Ansicht, dass es für Mikita sicher ist, nach Belarus zurückzukehren und dass er dort nicht in Gefahr ist. Das ist nicht wahr. Mikita drohen in Belarus Haftstrafen und sogar die Todesstrafe.

Zurzeit hält sich Mikita illegal im Gebiet der Europäischen Union auf und muss sich vor der Zwangsabschiebung nach Belarus verstecken. Mikita leidet unter tiefen Depressionen und neigt zum Selbstmord, weil er Angst vor Folter und Tod in einem belarussischen Gefängnis sowie vor einem Einsatz im Krieg gegen die Ukraine hat.

Woir haben den Beitrag von Pressenza übernommen, das Original kann hier bescuht werden.

Wir danken für die Publikationsrechte

Permanent bedroht: Frauenrevolution und Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien

Filmvorführung und Infoveranstaltung
Frauenrevolution und Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien (Rojava) von allen Seiten bedroht

Eine Veranstaltung des „Geschichtssalon im Beginenhof“ in Kooperation mit dem Städtepartnerschaftsverein Friedrichshain-Kreuzberg –Dêrik e.V.

Donnerstag, 18.7.2024, 19:30 Uhr

 Beginenhof, Erkelenzdamm 51, 10999 Berlin

Auf dem Gebiet der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ist seit 2012 ein für den Nahen Osten einzigartiges Modell der Gleichberechtigung von Frauen entstanden. Alle wichtigen Positionen, wie z.B. auch das Bürgermeisteramt, sind immer mit einer Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann besetzt. Ausserdem sind alle ethnischen und religiösen Gruppen entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil an der Selbstverwaltung beteiligt. Im Gesellschaftsvertrag, der einer Verfassung entspricht,  sind die auf allen gesellschaftlichen Ebenen diskutierten Ziele und Rechte festgehalten.

Diese demokratischen Errungenschaften werden von allen Seiten, insbesondere durch die Angriffe der türkischen Armee unter Erdogan bedroht. In den vergangenen Jahren hat die Türkei zwei große Gebiete der Selbstverwaltung um Afrin und Serêkaniyê im Verein mit islamistischen Milizen erobert. Die kurdische und christliche Bevölkerung wurde dort weitgehend vertrieben und enteignet, in den Schulen dort wird nur noch auf türkisch und arabisch unterrichtet. Aktuell versucht Erdogan durch permanente Drohnenangriffe gegen die Infrastruktur die geplanten Kommunalwahlen zu torpedieren. Obwohl insbesondere die kurdische Bevölkerung einen hohen Blutzoll im Kampf gegen den IS gezahlt hat, bleibt anders als in anderen Konfliktgebieten der Protest der internationalen Gemeinschaft dagegen aus.

Die Zukunft dieses basisdemokratischen Gesellschaftsmodells ist völlig ungewiss. Die Selbstverwaltung und die Erfolge der Frauenbefreiung in Nord- und Ostsyrien stehen auf dem Spiel. Mit dieser Veranstaltung möchte der Städtepartnerschaftsverein Friedrichhain-Kreuzberg – Dêrik über die basisdemokratischen Ansätze in der Region informieren und die aktuelle Unterstützungsarbeit des Vereins vorstellen.

Frankreich – wie ist die Lage wirklich?

Von Sebastian Chwala, 01. Juli 2024

Die erste Runde der kurzfristig angesetzten französischen Parlamentswahlen ist Geschichte. Wie viele Umfragen im Vorfeld schon angedeutet hatten, konnte die ultrarechte Partei „Rassemblement National (RN)“ wie schon bei den Europawahlen die meisten Stimmen erzielen. Damit ist allerdings noch keine Entscheidung gefallen, wie es politisch in Frankreich weitergeht. In den meisten Wahlkreisen steht nächste Woche noch eine Stichwahl an, da dort keiner der Kandidatinnen oder Kandidaten die gesetzlich vorgeschriebenen Quoren erfüllt hat. Zudem bleibt es sehr unwahrscheinlich, dass sich nächste Woche klare Mehrheiten abzeichnen werden. Fest steht nur: Der klare Verlierer des gestrigen Abends ist der „Macronismus“.

Die Zahlen der ersten Wahlrunde: Das RN führt knapper, als es die Medien behaupten

Zunächst einmal die nackten Zahlen dieses ersten Wahlgangs. Anders als von den französischen Medien etwas manipulativ berichtet und in Folge von der deutschen Presse übernommen, erzielte das RN landesweit keine 33 Prozent, sondern „nur“ 29,25 Prozent der Stimmen. Hier addierten die Medien einfach die Stimmenanteile der Kandidaten des locker mit dem RN verbündeten Noch-Parteivorsitzenden der rechtskonservativen „Republikaner“ hinzu. Dieses Wahlbündnis wurde aber niemals wirklich finalisiert, und selbst viele Wähler dürften nicht unbedingt gewusst haben, ob sie für die Kandidaten der „regulären“ oder der „Ciotti“-Republikaner gestimmt haben. Das Linksbündnis der „Neuen Volksfront“ (NFP) erzielte den offiziellen Zahlen des Innenministeriums zufolge 27,99 Prozent. Hier sind Stimmen für Kandidaten, die sich zur Linken bekennen, aber aus diversen Gründen nicht die offiziellen Kandidaten der NFP waren, nicht mit einberechnet. Das „macronitische“ Lager landete mit 20,04 Prozent nur noch auf Platz Drei. Die Wahlbeteiligung stieg im Vergleich zur letzten „regulären“ Parlamentswahl 2022 auf 66,71 Prozent an. Im Juni 2022 hatte sie nur 47,51 Prozent betragen.

Diese landesweiten Zahlen haben allerdings nur statistischen Wert, denn im französischen Mehrheitswahlrecht fallen die Entscheidungen auf der Ebene der 577 Wahlkreise, die jeweils den Kandidaten, der spätestens im zweiten Wahlgang die meisten Stimmen erhält, in die Nationalversammlung entsenden. Um bereits im ersten Wahlgang gewählt zu werden, reicht es auch nicht, wenn nur 50 Prozent der Wählerstimmen erreicht werden, sondern es muss auch das Quorum von 25 Prozent der registrierten Wähler überschritten werden. Nur die recht hohe Wahlbeteiligung am gestrigen Sonntag war deshalb der Grund, dass bereits mehrere Dutzend Kandidaten auf Anhieb ein Mandat in der Nationalversammlung erhielten, nämlich 37 auf Seiten des RN und 32 auf Seiten der NFP. Auch zwei Vertreter des „Macronismus“ schafften dies sowie fünf Kandidaten, die formal keinem der Lager angehören.

Über die Verteilung der restlichen 501 Mandate muss demzufolge nächste Woche in einer zweiten Wahlrunde entschieden werden. Auch hier gelten spezielle Regeln, deren Reichweite auch durch die Höhe der Wahlbeteiligung mitbestimmt werden. So qualifizieren sich zwar der Erst-und Zweitplatzierte, aber jeder weitere Kandidat, der mehr als 12,5 Prozent der Stimmen aller im Wählerverzeichnis registrierten Personen erhält, darf ebenso erneut antreten. Die Wähler sorgten mit ihrer Stimmabgabe gestern dafür, dass sich nächsten Sonntag in 306 Wahlkreisen tatsächlich drei Kandidaten erneut um die Stimmen der Wähler bewerben dürfen. Dieser Wert ist ein absoluter Rekord und das Ergebnis der politischen Dreiteilung im Land.

Das RN wird nicht von den „Abgehängten“ gewählt

Betrachtet man Wahlergebnis sowohl räumlich als auch soziologisch, fällt eine massive Polarisierung auf. So führte die Explosion der Wahlbeteiligung dazu, dass das Linksbündnis seine Dominanz im städtischen und den räumlich verdichteten Regionen stärken konnte, das RN dominiert die ländlicheren Regionen. Auch die Wählerschaften unterscheiden sich teils deutlich. So wird die Linke hauptsächlich von jungen Geringverdienern gewählt, während das RN in der Generation der 35- bis 50-jährigen Durchschnittsverdiener besonders gut abschneidet. Der Mythos vom Rechtsruck der europäischen jungen Generation, wie er nach den Europawahlen in aller Munde war, muss also zumindest relativiert werden. Der „Macronismus“ dagegen hat diese Wahlen nur aufgrund des hohen Zuspruchs der Rentner nicht noch deutlicher verloren.

Das gestrige Wahlergebnis zeigte erneut, dass politischen Frontlinien zwar zwischen Stadt und Land verlaufen, hier aber nicht davon gesprochen werden kann, dass eine generelle Verarmung des ländlichen Raums die Erfolge des RN dort erklärt. Vielmehr ist es die viel zu kurz greifende Suche nach sozial schlechter gestellten gesellschaftlichen sozialen Gruppen. Verbunden mit einem durch die „postkoloniale“ Geschichte größer als in Deutschland ausgeprägten Rassismus, werden Menschen aus Familien mit Migrationserfahrung viel häufiger zum alleinigen Grund aller Probleme im Land stilisiert. Hier spielen die privaten Medien eine inzwischen unerträgliche Rolle, welche den sozial und kulturell durchmischten städtischen Raum als Hort von Kriminalität, Gewalt und (unfranzösischem) kulturellem Separatismus brandmarken. Tatsächlich wird der ländliche Raum aber von einer massiven staatlichen Dysfunktionalität geprägt. Der Abbau staatlicher Infrastruktur in der Breite sowie mangelnde Qualität der vorgefundenen Dienstleistungen lässt bei vielen Menschen den Eindruck entstehen, unangemessen durch Steuern und Gebühren ausgepresst zu werden, während diese Gelder anschließend in die Taschen der „assisté“ (deutsch: arbeitslose, nichtweiße Faulpelze) wandern. Zudem zeichnet sich der ländliche Raum durch eine große Zahl von Kleinunternehmern sowie Grund-und Hausbesitzer aus, die linken Vorstellungen nach stärker öffentlich geförderten und kollektiv gestalteten Formen von Eigentum kritisch gegenüberstehen.

So ist es zu erklären, dass die vollkommen wirtschaftsliberalen Forderungen des RN, die inzwischen längst allgemein bekannt sind, nicht zu einer schwindenden Zustimmung zu dieser Partei führen. Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass das RN sich noch nicht in der Regierungsverantwortung desavouiert hat und als Gesicht der Partei in den letzten Wochen eben nicht die in Deutschland immer wieder gern in den Vordergrund gerückte Marine Le Pen, sondern der junge Parteivorsitzende Jordan Bardella wahrgenommen wird. Zwar spekuliert Le Pen höchstpersönlich damit, mit großen Chancen in den nächsten Präsidentschaftswahlkampf zu ziehen, aktuell hat sie sich aber eher ein wenig in die zweite Reihe zurückgezogen.

Die politischen Mehrheitsverhältnisse sind völlig unklar

Ob all diese beschriebenen Verwerfungen innerhalb der französischen Gesellschaft dafür reichen, dass nächste Woche eine Regierung unter der Führung Jordan Bardellas die Amtsgeschäfte übernehmen kann, bleibt weiterhin unklar. Die Hürde von 289 Mandaten zu überspringen, scheint für das RN und etwaige Unterstützer sehr hoch. So hat die NFP bereits angekündigt, alle ihre drittplatzierten Kandidaten in Wahlkreisen, in denen ein Vertreter des RN in die zweite Wahlrunde eingezogen ist, zurückzuziehen. Der „Macronismus“ beginnt ebenfalls langsam, auf diese Linie einzuschwenken, auch wenn man sich weiterhin nicht wirklich dazu durchringen möchte, im Einzelfall die „Extremisten“ von La France insoumise (LFI) offiziell zu unterstützten. Die politische Gleichsetzung des ultrarechten RN und der linken Bewegung LFI war schließlich Kernelement des „macronitischen“ Wahlkampfs. Daran ändern auch Aufrufe des Staatspräsidenten Macron, jetzt eine „breite republikanische Front zu bilden“, erst einmal wenig. Ohnehin entscheiden am Ende die Wähler. Hier bleibt offen, ob und wie stark der Wille ist, eine RN-Regierung zu verhindern.

Klar ist nur, dass der „Macronismus“ nicht mehr die stärkste Kraft in der Nationalversammlung sein und damit nicht mehr den politischen Ton im Land angeben wird. Staatspräsident Macrons Möglichkeiten zu Verfahrenstricks und Verordnungen funktionieren nur, wenn eine „macronitisch“ gefärbte Regierung im Amt ist, die ihre verfassungsrechtlich möglichen Wege nutzten kann, um Gesetze am Parlament vorbei zu beschließen. Sobald dies nicht mehr der Fall ist, steht Macron handlungsunfähig da, denn die formalen politischen Entscheidungen fällt der Premierminister. In Anbetracht der Kräfteverhältnisse, die sich im neuen Parlament abzeichnen, dürfte es schwierig werden, eine rechtsliberale Koalition zu konstruieren. Allerdings ist im Moment auch überhaupt noch nicht absehbar, welche politische Formation Mehrheiten organisieren kann. Sicherlich wäre es möglich, dass eine trotz des Erfolges des RN letzten Endes gestärkte Linke aus dem zweiten Wahlgang hervorgeht und dem „macronistischen“ Block für die Zusicherung einer leichten Wende in sozial-und wirtschaftspolitischen Fragen eine Zusammenarbeit anbietet. Die ideologischen Differenzen dürften hier aber eigentlich viel zu groß sein.

Möglicherweise wird auch eine Rechtskoalition zwischen den „Republikanern“ und dem RN möglich. Im schlimmsten Fall droht der politische Stillstand, da es unmöglich wird, einen Premierminister zu finden, der eine Mehrheit der Nationalversammlung hinter sich weiß. Eines ist aber klar: Sollte sich eine politische Koalition herausbilden, muss Staatspräsident Macron deren gewünschten Kandidaten für das Amt des Regierungschefs auch ernennen. Eine Möglichkeit, diesem die Ernennung zu verweigern, besteht faktisch nicht. Da Staatspräsident Macron in drei Jahren aufgrund der Amtszeitbegrenzung des Präsidentenamts auf zwei Wahlperioden nicht wieder kandidieren darf, droht er für den Rest seiner Amtszeit zu einer politisch nicht mehr handlungsfähigen Repräsentationsfigur zu verkommen. Ob er im nächsten Jahr die Möglichkeit erneut nutzt, kurzfristig Neuwahlen auszurufen, darf bezweifelt werden. Und ob er so weit geht, den Artikel 16 der Verfassung zu ziehen, der ihm im Falle innerer Unruhen für mindestens einen Monat faktisch alle politische Macht in die Hände gibt, ebenfalls.

Der Beitrag wurde publiziert in den NachDenkSeiten am 1.Juli 2024

Wir danken Sebastian Chwala für die Publikationsrechte

Titelbild Peter Vlatten

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