„Ich stehe hier, weil ich an die Würde jedes Menschen glaube.“

Die flammende Rede der Aktivistin Yasmin Acars, die selbst deutsche Richter beeindruckt

Yasemin Acar, die deutsche Menschenrechtsaktivistin die mit der Gaza Freedom Flotilla nach Gaza segeln wollte und von Israel verschleppt wurde, stand nach ihrer Rückkehr in Berlin vor Gericht. Unter anderem wegen des Protestrufs „From The River to the Sea, Palestine will be free“. Dafür wurde sie freigesprochen.

Wir veröffentlichen ihre Rede vor Gericht. Worte, die dafür sorgten, dass selbst der Richter sagte, er hätte „Hochachtung für ihren Einsatz“.

“Ich nehme meine Verantwortung ernst, wenn ich heute hier stehe. Doch was hier verhandelt wird, ist mehr als eine einzelne Handlung. Es geht um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Protest umgehen, wenn Menschen auf Unrecht aufmerksam machen.

Als Frau mit Migrationshintergrund habe ich bereits in meiner Kindheit erfahren, was institutionelle Diskriminierung bedeutet. Ich habe miterlebt, wie meine Eltern bei der Ausländerbehörde erniedrigend behandelt wurden, wie existenzielle Ängste durch staatliche Hürden zum Alltag gehörten. In der Grundschule wurden wir Kinder mit Migrationshintergrund oft ausgegrenzt. Ich erinnere mich an Situationen, in denen wir, auf dem Weg zum Gottesdienst, gezwungen werden sollten, Schweinefleisch zu essen. Es wurde gelacht, wir wurden verspottet, erniedrigt – von siebenjährigen deutschen Kindern.

Wie gelangen solche rassistischen Haltungen in so junge Köpfe? Die Antwort ist klar: Es sind tief verwurzelte gesellschaftliche Stigmatisierungen, die durch Familien, durch einseitige mediale Darstellungen, durch ein Bildungssystem, das strukturellen Rassismus nicht benennt, und durch gesellschaftliche Machtverhältnisse produziert und weitergegeben werden. Es sind Strukturen, in denen „anders sein“ mit „weniger wert sein“ gleichgesetzt wird. Diese Strukturen machen Rassismus unsichtbar für jene, die ihn nicht erleben, und alltäglich für jene, die ihn selbst zu spüren bekommen.

Mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn kommt nicht von ungefähr. Er kommt aus meinen eigenen Erfahrungen als Betroffene von Ausgrenzung und Diskriminierung. Ich habe früh gelernt, was es bedeutet, ungerecht behandelt zu werden – nicht wegen meines Handelns, sondern wegen meiner Herkunft, meines Glaubens, meines Aussehens. Und ich habe gesehen, dass viele andere Menschen ähnliche Erfahrungen machen mussten, einfach weil sie in den Augen der Mehrheitsgesellschaft „anders“ waren.

Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass Widerstand nicht nur berechtigt, sondern notwendig ist. Nicht wegzusehen, sondern sich aktiv für Veränderungen einzusetzen – für eine Gesellschaft, in der Würde und Gleichberechtigung keine Frage der Herkunft sind.

Doch in Deutschland wird bis heute darüber verhandelt, wer als „deutsch“ gilt, während den „anderen“ permanent abverlangt wird, ihre Zugehörigkeit unter Beweis zu stellen. Wer bestimmt eigentlich, wer dazugehört und wer nicht? Wer entscheidet, wessen Identität als Teil dieser Gesellschaft akzeptiert wird – und wessen nicht? Uns hat man nie gefragt, wie wir leben wollen. Stattdessen werden Bedingungen gestellt.

Aber Zugehörigkeit entsteht nicht durch erzwungene Anpassung, sondern durch gegenseitige Anerkennung. Diese Anerkennung bleibt jedoch aus, wenn Menschen mit Migrationsgeschichte pauschal unter Verdacht gestellt werden – ob als „Integrationsverweigerer“, „Clan-Kriminelle“ oder gar als „importierte Antisemiten“.

Während Wohnungen von Migrant:innen brannten, Moscheen attackiert wurden, unschuldige Familien von Spezialeinheiten brutal überfallen wurden, sprach die Politik lieber von „Integrationsdefiziten“ und „fehlender Anpassung“. Während Shisha-Cafés niedergeschossen werden und ganze Gemeinschaften unter Generalverdacht geraten, wird uns auch noch unterstellt, wir hätten Antisemitismus „importiert“. Als ob dieses Land nicht genug mit seinem eigenen Antisemitismus zu kämpfen hätte. Wir sollten uns integrieren, während wir gleichzeitig systematisch entmenschlicht und ausgegrenzt werden.

Integration ist in diesem Land zu einem Chiffre einer neuen Form des Rassismus geworden. Ein Rassismus, der sich nicht mehr nur offen in neonazistischen Parolen zeigt, sondern in scheinbar neutralen politischen Begriffen. In Programmen, die uns signalisieren: Ihr seid immer noch fremd, immer noch nicht richtig hier.

Der wachsende antimuslimische und antipalästinensische Rassismus trifft Menschen wie mich, Menschen aus marginalisierten Gruppen, Palästinenser:innen, mit voller Wucht. Unsere Existenz findet statt in einem Klima der Ausgrenzung, das nicht nur von alltäglichem Rassismus geprägt ist, sondern auch von globalen Machtverhältnissen, die durch imperialistische Gewalt aufrechterhalten werden. Diese Gewalt zeigt sich in Kriegen, Besatzung, ökonomischer Ausbeutung und im politischen Schweigen, wenn unsere Stimmen unterdrückt werden.

Deshalb ist der Kampf gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Kolonialismus, für eine solidarische und gerechte Gesellschaft und für ein freies Palästina auch mein Kampf. Für eine Welt, in der niemand erst seine Daseinsberechtigung beweisen muss, um überhaupt leben oder mitreden zu dürfen.

Weil ich mich für das palästinensische Volk und dessen Freiheit einsetze und nicht schweige, werde ich von der BILD-Zeitung als „Judenhasserin“ diffamiert. Diese Artikel, diese Hetzkampagnen, werden mir in Form von Morddrohungen per Post geschickt. Ausdrucke dieser Zeitungsartikel, mit Drohungen versehen, liegen in meinem Briefkasten. Unendlich viele Hassnachrichten, in denen gesagt wird, ich solle vergewaltigt, erschossen, erstochen werden.

Ich werde auf der Straße angegriffen, meine Wohnung wird gestürmt, ich werde von Polizeikräften auf Demonstrationen brutal herausgezogen. Ich weiß, dass mein Engagement unbequem ist. Aber genau darin liegt die Aufgabe einer Aktivistin: unbequeme Wahrheiten auszusprechen, bestehende Strukturen zu hinterfragen und den Mut zu haben, gegen Unrecht aufzustehen.

Ich erhalte E-Mails vom LKA, das wissen will, ob ich ein „Sicherheitsgespräch“ führen möchte. Warum? Weil sie wissen, dass die Hetze, die gegen mich und so viele andere läuft, eine reale Lebensgefahr mit sich bringt. Diese Kontaktaufnahme kommt nicht von mir, sondern aus einem Apparat, der genau weiß, welche Dynamik er entfacht hat.

2016 habe ich Menschen unterstützt, die vor Krieg und Elend geflohen sind, in einem System, das ihnen statt Schutz vor allem Hürden bot. Ich war Lehrerin, Seelsorgerin, Sozialarbeiterin – weil der Staat versagte. Und weil diese Menschen auch vor deutschen Waffen geflohen sind.

2021 gründete ich Berlin Arrival Support. Als der Krieg in der Ukraine begann, organisierten wir Hilfe, weil der Staat überfordert war. Ich stand an den Grenzen, habe Mütter und Kinder in Sicherheit gebracht. Solange ich mich auf „die richtigen Geflüchteten“ konzentrierte, wurde ich für mein Engagement gefeiert. Doch als ich dieselben Prinzipien auf Palästina anwandte – gegen Besatzung, gegen Völkermord, für die Entrechteten –, wurde mein Engagement plötzlich kriminalisiert. Auch von den Medien, die mich einst lobten und mich nun seit zwei Jahren diffamieren.

Worum geht es? Es geht darum, dass ich nicht schweige, weil ich mich nicht beuge. Der Kampf gegen Krieg, Rassismus und Unterdrückung endet nicht dort, wo es politisch unbequem wird.

In Palästina findet ein Völkermord statt, der von internationalen Organisationen dokumentiert ist und über den hier systematisch geschwiegen wird. Ein Völkermord, der von Deutschland mitfinanziert und politisch unterstützt wird. Es geht darum, dass ich sage: Menschenrechte sind universell.

Ich akzeptiere nicht, dass unsere Regierung Waffen an ein Regime liefert, das systematisch zivile Infrastruktur zerstört, gezielt Hunger als Kriegswaffe einsetzt und mit der finanziellen, militärischen sowie politischen Unterstützung der westlichen Staatengemeinschaft das humanitäre Völkerrecht bricht. Deutschland muss sich an das Völkerrecht halten – tut dies aber offensichtlich nicht.

Deutschland verletzt nicht nur das Völkerrecht, sondern missachtet auch das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Der schleichenden Abschaffung völkerrechtlicher Prinzipien nach außen entsprechend, findet nach innen eine krasse autoritäre Wende statt. In den letzten 20 Monaten werden Demonstrationen systematisch kriminalisiert. Menschen, die für ein freies Palästina protestieren, werden nicht als Bürger:innen wahrgenommen, sondern als potenzielle Straftäter.

Medien und staatliche Institutionen schaffen durch symbolische Resolutionen ein Narrativ, das uns fälschlich Antisemitismus unterstellt. Diese Symbolpolitik ersetzt echte Rechtsprechung und dient allein der gesellschaftlichen Einschüchterung.

Gleichzeitig erleben wir massive Polizeigewalt gegen Protestierende – eine Gewalt, die meist folgenlos bleibt. Weil sie von jenen aufgeklärt und verfolgt werden soll, die selbst verantwortlich sind.

Diese Strukturen erinnern mich an internationale Beispiele: Auch der Staat Israel untersucht seine Kriegsverbrechen in Eigenverantwortung – eine Praxis, die von Menschenrechtsorganisationen weltweit kritisiert wird. Ein Machtverhältnis, in dem Täter gegen sich selbst ermitteln sollen, kann nie zu Gerechtigkeit führen.

Neukölln, mit der größten palästinensischen Diaspora in Berlin, wird zunehmend kriminalisiert. Es gab und gibt Tage, an denen sich die Polizei dort aufführt wie eine Besatzungsmacht. Das Bild, das sie dort abgibt, erinnert in verblüffender Weise jenem der israelischen Soldaten an den Checkpoints im Westjordanland. Menschen werden pauschal kontrolliert – allein wegen ihrer Herkunft oder eines Kulturzeichens wie der Kuffiyeh. Vielleicht das letzte Symbol ihrer Identität, an dem sie – die Palästinenser:innen der Diaspora – sich festhalten können.

Stellen Sie sich vor: Sie kommen aus Gaza, haben gerade von der Bombardierung Ihrer Familie erfahren und werden hier als Antisemit diffamiert, weil Sie Ihr demokratisches Recht einfordern, um öffentlich auf das Leid Ihrer Familie aufmerksam zu machen. Warum diese Diffamierungen? Ganz einfach: weil Sie Palästinenser:in sind. Was bleibt, ist Leere und Isolation, fern von Ihrer Familie. Ohne Gerechtigkeit.

Die Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie veröffentlichen Gesicht und Namen eines 15-jährigen Jungen aus Gaza, der gerade seinen Bruder durch einen Scharfschützen verloren hat. Sie verfolgen, schikanieren, diffamieren Palästinenser:innen. Ist das das Land, das einst „Nie wieder“ sagte? Ist das die Presse, die eine Säule der Demokratie sein sollte? Warum darf ich über ukrainisches Leid sprechen – werde aber kriminalisiert, wenn ich palästinensisches Leid sichtbar mache?

Diese Doppelmoral zeigt: Solidarität wird politisch verordnet. Sie ist an Nationalität, Hautfarbe und Opportunität gebunden. Wer das ausspricht, wird verfolgt.

Zu dem Vorwurf, mir werde der Satz „From the river to the sea, Palestine will be free“ als antisemitisch ausgelegt: Niemand fragt uns, was wir damit meinen. Stattdessen legt man uns Worte in den Mund, schiebt uns Schuld zu, diffamiert uns als importierte Antisemiten – weil es bequemer ist, den Antisemitismus als etwas von außen zu betrachten.

Ich kann nur für mich sprechen: Vom Fluss bis zum Meer bedeutet für mich Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für alle. Es bedeutet ein Palästina mit Selbstbestimmung, ein Palästina, das existiert. In dem Vertriebene zurückkehren können. In dem keine Häuser mehr zerbombt werden, keine Kinder verhungern, keine Mütter unter Trümmern gebären, keine Väter Gräber mit bloßen Händen ausheben müssen. Ein Palästina ohne Besatzung, ohne Apartheid, ohne Kolonialmächte und ohne jene, die das palästinensische Leid für ihre Interessen instrumentalisieren.

Ich stehe hier, weil ich das sage, was in diesem Land nicht gesagt werden darf: Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Besatzung ist keine Selbstverteidigung. Schweigen angesichts von Völkermord ist Beihilfe.

Ich lehne Gewalt zur Konfliktlösung ab. Aber Gewalt beginnt nicht erst mit Bomben oder Polizeischlägen. Gewalt beginnt dort, wo Menschen systematisch entrechtet, erniedrigt und unsichtbar gemacht werden. Polizeigewalt ist kein Ausnahmezustand – sie ist ein kalkuliertes Machtinstrument.

Wenn jahrzehntelang nur die Mächtigen Gewalt anwenden dürfen, ist es naiv zu glauben, Unterdrückte würden ewig stillhalten. Ich sage nicht, Gegengewalt sei richtig. Aber Ignoranz gegenüber struktureller Gewalt macht Eskalation unausweichlich.

Meine Arbeit als Menschenrechtsaktivistin richtet sich genau gegen diese Eskalation. Ich kämpfe für universelle Menschenrechte – weil ich weiß: Die Doppelmoral trifft immer die Schwächsten.

Trotz der Repression mache ich weiter. Ich muss weitermachen. Denn Gaza wird systematisch ausgehungert. Ich habe das Privileg, hier sprechen zu dürfen – während das palästinensische Volk systematisch dehumanisiert wird. Was mir passiert, ist nichts im Vergleich zu dem, was sie erleiden.

Nicht ich sollte mich vor Gericht verteidigen müssen – sondern wir sollten gemeinsam die Rechte jener verteidigen, die das schlimmste Unrecht erfahren. Ich stehe hier, weil ich an die Würde jedes Menschen glaube. Weil Gerechtigkeit nicht selektiv sein darf. Weil wir nicht wegschauen dürfen, wenn Unrecht geschieht.”

Die Menschenrechtsaktivistin Yasemin Acar wurde letztendlich verurteilt, sie muss 120 Tagessätze zahlen. Unter anderem wegen Beamtenbeleidigung.

Mit ihrem Protest und ihrem Aktivismus will sie weitermachen, sagt sie. „Bis die Ungerechtigkeit endet“.

Quelle: Richter äußert “Hochachtung”: Yasemin Acars Rede vor Gericht – Itidal und @itidal.de auf Instagram

Gaza. Wer nicht sieht, will nicht sehen und auch nur reden reicht nicht!

Nicht mehr Weggucken. Von Pseudoaktivitäten der Bundesregierung nicht blenden lassen. Nicht nur reden, sondern wirklich handeln. Wir berichten wo und wer und helfen mobilisieren!

Jens Schmidt hat sich entschlossen, sich der Wahrheit zu stellen. Fakten und Informationen lassen keine Ausreden mehr zu. Alle, auch „linke Liberale“ müssten sich endlich ehrlich machen, sich aufrütteln und gegen Israels Völkermord in Gaza die Stimme erheben und sich den Protesten anschließen. „Wir leben sogar in einer Demokratie,“ postet Jens „in der jeder anders als in den genannten Fällen seine Meinung sagen kann, ohne dafür im Knast zu landen, gefoltert oder sogar umgebracht zu werden.“ Ja, ganz so schlimm wie in manchen Diktaturen ist es bei uns noch nicht. Aber wer Israel öffentlich kritisiert, muss den Polizeiknüppel und Verhaftungen fürchten, muss mit beruflicher und gesellschaftlicher Ausgrenzung bis zur Existenzvernichtung rechnen, Ausländer:innen werden mit Ausweisung bedroht. Seine Stimme gegen die deutsche Staatsräson mit Israel zu erheben, verlangt Rückgrat. Solidarität mit Palästina erfordert Mut zur Wahrheit und Mut zu kämpfen! Kommt mit zur nächsten Palästinasolidarität! Hört auf, Euch selbst zu belügen, um Euch zu schützen! Je mehr das tun, umso geschützter sind wir alle!

Appell von Jens Schmidt

Man muss kein Militär- oder Geheimdienstexperte sein, um einen Völkermord, eine Vertreibung, als was auch immer Gerichte es bewerten werden, eindeutig zu erkennen und zu verurteilen. Jurist muss man übrigens auch nicht sein, um sein Gewissen nicht nur zu haben, sondern auch anzuwenden. Es ist eine Ausrede, sich hinter Bloggern zu verstecken, die so tun, als könnten sie das widerlegen, was SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche und ARD mittlerweile unisono berichten. Wer in Gaza in Abrede stellt, dass Israel dort die Palästinenser aushungert, wer ins Blaue hinein die Hilfsorganisationen, die Vereinten Nationen und die Hamas beschuldigt, der kann eigentlich auch den Mitläufern, die den anderen großen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Menschheitsgeschichte gleichgültig zugesehen und bis zuletzt abgewogen und relativiert haben, keinen glaubhaften Vorwurf machen. Der muss ehrlicherweise in den Spiegel schauen und erkennen, dass die Antwort auf die Frage „was hätte ich anders gemacht als meine Großeltern?“ möglicherweise „nichts“ lautet. Wir leben sogar in einer Demokratie, in der jeder anders als in den genannten Fällen jeder seine Meinung sagen kann, ohne dafür im Knast zu landen, gefoltert oder sogar umgebracht zu werden.

Wer die ethnische Säuberung im Gazastreifen verurteilt, ist kein Verharmloser der Verbrechen der Hamas. Aber wer die ethnische Säuberung nicht verurteilt, verharmlost mit Sicherheit die ethnische Säuberung. Ein einmaliger völkerrechtswidriger Angriff ist kein Freibrief, der das Verhältnismäßigkeitsprinzip für Vergeltungsmaßnahmen allezeit außer Kraft setzt und Tür und Tor für einen totalen Krieg öffnet. Den totalen Krieg, das wissen wir aus unserer eigenen Geschichte, gibt es in der faschistischen Propaganda, aber nicht als legitimen Rechtfertigungsgrund im Völkerrecht. Im Völkerrecht wird auch keine „Staatsräson“ anerkannt, die einen Vorrang der israelischen Sicherheit zugunsten der Sicherheit anderer Völkerrechtssubjekte postuliert.

Der Gazakrieg wurde so sehr in die falsche Richtung geführt und hat sich zu einer Kaskade des Unrechts verdichtet, dass man, ebenso wie gegen den verbrecherischen Terroranschlag der Hamas, sich nur noch auf die richtige oder auf die falsche Seite der Geschichte stellen kann. Es gibt nichts dazwischen – und die richtige Seite ist nicht die Hamas, sondern das Recht. Man sollte sich nicht aus Eitelkeit, Angst um den eigenen Ruf oder falschem Harmoniebedürfnis auf die vermeintlich einfache Seite oder in die indifferente Mitte stellen, sondern auf die richtige Seite, um Druck auf die eigene Regierung zu machen statt wegzunehmen. Rechthaberei sollte hintanstehen, Humanität und Gewissen alleine sollten ausschlaggebend sein – damit wir nicht einen weiteren Schritt in den Abgrund einer Weltordnung unterstützen, in der das Recht des Stärkeren gilt. Ich begrüße jeden, der umkehrt – nicht weil ich mich dann selbst bestätigt fühle, sondern weil wir jeden Umkehrenden dringend brauchen, um eine kritische Masse zu erreichen, durch die sich unsere Bundesregierung veranlasst fühlt, sich mit voller Kraft noch für die Verhinderung des Allerschlimmsten einzusetzen, solange noch Zeit dafür bleibt.

29. Juli 2025: laut Umfrage des Forsa Instituts erwarten 74 Prozent der Deutschen, dass die Bundesregierung massiven Druck auf Israel ausübt. Den deutschen Kanzler drückt angesichts der verheerenden Bilder und öffentlichen Stimmung sein Image. Seine Antwort zynisch. Er will den Bomben aus deutschen Fertigungsteilen kosmetische Carepakete hinterherschicken, die dann wohl wahllos in der Trümmerlandschaft verstreut werden. Womöglich verletzen oder erschlagen solche Pakete aus der Luft sogar, wie die Erfahrungen zeigen, weitere Opfer, weden auf mafiöse Weise verteilt und sind im besten Fall nichts weiter als einTropfen auf dem heißen Stein.
Was wirklich Not tut: Israel muss die Blockade aufheben, die wartenden vollbeladenen kilometerlangen LKW Schlangen ins Land lassen, den neutralen Hilfsorganisationen die Verteilung übergeben und alle Kriegshandlungen einstellen. Glaubwürdiger Druck heisst: Statt Israel zu unterstützen, Israel sanktionieren! Sofort!

Titelbild : Collage Peter Vlatten

Gegen den linken Todestrieb

Mit konsequenter sozialistisch-antimilitaristischer Oppositionspolitik kann Die Linke stärkste Kraft diesseits der Union werden

Von Ingar Solty

Bilder: Bilddatenbank Bundestag / Die Linke

Das Jahr 1933 prägt die linke Vorstellungswelt. Als 1989 mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus die linke Bewegung in all ihren Strömungen in eine tiefe ideologische Krise geriet, da verschwand das Pro(-sozialistische) und übrig blieb eine radikale Linke der Antis: antifaschistisch, antirassistisch, antisexistisch, antinational, anti-homophob, anti-speziesistisch, antideutsch. Worauf sich im Bündnis »Nie wieder Deutschland« noch alle einigen konnten, war: Nie wieder Faschismus, bloß kein »Viertes Reich«.

»Gegen rechts« ist bis heute der kleinste gemeinsame Nenner dieser »gesellschaftlichen Linken«, des »linken Lagers«, der »fortschrittlichen Milieus« geblieben. Bloß kein neues 1933. Die AfD erscheint als die Wiedergängerin der NSDAP. Entsprechend müsse alles getan werden, um ihre Machtbeteiligung zu verhindern. Einerseits müssten die »demokratischen Parteien« (Heidi Reichinnek) von Linke bis CDU/CSU die »Brandmauer« aufrechterhalten. Dafür signalisiert man Gesprächsbereitschaft, damit die CDU nicht demnächst in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern das erste Bündnis mit der AfD schließt. Andererseits müsse eine »Machtoption« der »drei progressiven Parteien« (Jan Schlemermeyer) – Linke, SPD, Grüne – vorbereitet werden. Dafür lichteten sich jüngst diverse Politiker wie Reichinnek und Ates Gürpinar in R2G-Dreierselfies ab.

Zunächst einmal ist die Vorstellung, Die Linke könnte die Union davon abhalten, ein solches Bündnis einzugehen, eine völlige Überschätzung der eigenen Macht. Wenn die Union die neuen Mehrheiten für eine »bürgerliche Renaissance« (Merz-Berater Andreas Rödder) nutzen will, wird sie es tun.

Dann ist auch klar, dass Die Linke genau das verlieren würde, was sie im Wahlkampf von allen anderen Parteien unterschied: Ihre Glaubwürdigkeit des »Alle wollen regieren, wir wollen verändern!«. Die Partei würde SPD und Grüne noch weniger kritisieren, damit aber 2021 wiederholen, als man sich gegenüber diesen beiden überflüssig machte und bei 4,9 Prozent landete, gefolgt von einer Spirale des Bedeutungsverlusts.

Der Gedanke, die AfD anders zu schlagen als durch die Allparteienkoalition der »demokratischen Parteien«, ist schier undenkbar. Er muss aber gedacht werden.

Des Weiteren ist klar, Bündnisse mit SPD und Grünen haben keine Geschäftsgrundlage: Die SPD ist heute die von Klingbeil und Pistorius, nicht von Mützenich und Stegner; die Grünen sind ebenfalls pro Hochrüstung und aufs Engste mit dem US-Imperium und seiner Politik verzahnt, durch eine neue Blockkonfrontation – die Abkopplung des globalen Südens und der EU von China – ihren relativen Abstieg in der Weltordnung und den Aufstieg Chinas und des globalen Südens zu verhindern. Die Linke ist also auf die Rolle der konsequentesten Opposition festgelegt, zumal ihre verteilungs- und klimapolitischen Forderungen jetzt in einen Gegensatz zur Hochrüstung geraten, da der Schuldendienst Sozialabbau erzwingt.

Es ist also auch klar, was Die Linke als kleinerer Faktor im Verhältnis zu SPD und Grünen an Kompromissen anbieten müsste, um sich regierungsfähig zu machen: Es wäre für ein paar Brotkrumen wie öffentliche Investitionen und ein wenig klimapolitischen Wirtschaftsumbau in jedem Fall der Kotau vor Militarismus und Sozialabbau. Die Orientierung auf Rot-Rot-Grün würde also Die Linke in eine rechte Partei verwandeln, eine Partei, die rechte Politik macht und die, weil sie die herrschende Politik mitträgt, ihre eigenen Ziele aufgibt.

Das würde Die Linke nicht nur diskreditieren und zerstören. Sie würde am Ende nicht mal das instrumentelle Ziel verwirklichen, die AfD-Regierungsbeteiligung zu verhindern, denn eine Regierung mit SPD, Grünen oder gar CDU hätte natürlich kein Projekt, würde natürlich die Wurzeln des rechten Aufschwungs nicht beheben, würde vermutlich nicht mal vier Jahre halten, müsste in jedem Fall die Parteien beschädigen, den Eindruck der Wahlmanipulation, der Austauschbarkeit erwecken, der AfD den Nimbus des Antisystemischen überlassen, obschon diese sich gerade rapide establishmentisiert: pro EU, pro Euro, pro Nato, pro USA, pro Hochrüstung, pro Staatsräson Israel-Unterstützung und so weiter. Es würde bedeuten, dass die – an sich, durch konsequente Oppositionspolitik schlagbare – AfD dann mit vierjähriger Verspätung die Macht übernimmt, und das noch viel stärker und dann ohne eine linke Opposition. Das »kleinere Übel« würde somit das allergrößte Übel schaffen.

Warum sollte eine sozialistische Partei einen solchen Kamikazekurs einschlagen? Woher kommt der linke Todestrieb? Der Grund: Da die AfD mit 1933 verbunden wird, ist allein der Gedanke, die AfD anders zu schlagen als durch die Allparteienkoalition der »demokratischen Parteien«, schier undenkbar.

Die Linkspartei ist nicht mehr die, die sie noch im vergangenen Jahr war. Von den nun über 100.000 Mitgliedern kam die Hälfte im letzten halben Jahr dazu. Wie stellt sich diese neue Linke gegen den politischen Rechtsruck? Wie setzt sie sich mit neuen gesellschaftlichen Konflikten auseinander? Fragen, denen wir in der Serie »Wohin geht die neue Linke?« nachgehen.

Er muss aber gedacht werden. Es bedarf heute einer Debatte über die Qualität des rechtsautoritären Nationalismus an der Macht. Eine Machtbeteiligung der AfD ist nicht das Ende vom Lied. Die AfD ist nicht die NSDAP. Trump, Meloni, Wilders, Kickl – sie sind schlimm, aber alle nicht Hitler. Trump offenbart starke illiberale Tendenzen und plant den autoritären Staatsumbau, aber Bernie Sanders und Zohran Mamdani sitzen nicht im KZ, sondern führen den Widerstand an. Die USA wurden mit der Wahl 2024 politisch nach rechts verschoben. Eine Faschisierung der US-Gesellschaft aber hat nicht stattgefunden. Trump hat kein Mandat für seine Politik. Er wird wieder abgewählt werden. Mamdani holte ein Rekordvorwahlergebnis für den demokratischen Sozialismus und wird wohl New Yorker Bürgermeister, ein Fingerzeig für die Sanders-Demokraten auf 2027/2028.

Auch in Europa gilt: In Italien, Holland, Österreich und so weiter sind weder die linken Parteien noch die Gewerkschaften verboten, selbst in Polen konnte man die PiS-Partei abwählen. Auch in Brasilien folgte auf Bolsonaro wieder Lula. Maximal könnte die Machtbeteiligung der harten Rechten ein Italien 1922 sein. Aber selbst das ist unwahrscheinlich. Ein Deutschland 1933 ist sie nicht.

Vermutlich wird Merz die SPD so lange in der Regierung behalten, bis sie ihre Schuldigkeit – Senkung der Körperschaftssteuer, Industriestrompreis und andere Geschenke an Konzerne und Milliardäre, Aufhebung der 40-Stunden-Woche, Rückkehr von Hartz IV, Hochrüstung und so weiter – getan hat. Dann wird er 2027/2028 einen Koalitionswechsel zur AfD vollziehen, wie die FDP 1983 zugunsten der Kohl-Kanzlerschaft, um so eine Situation zu vermeiden, in der die AfD womöglich als stärkste Kraft aus der Bundestagswahl 2029 hervorgeht.

Die Linke muss dem nicht tatenlos zusehen. Sie kann bis dahin mit konsequenter sozialistisch-antimilitaristischer Oppositionspolitik die stärkste Kraft links der Union werden. Und sie wird die Chance bekommen, eine hart rechte Regierung von Union/AfD zu stellen. Die Aufgabe besteht darin, die eigene Macht gleichzeitig nicht zu überschätzen (Schwarz-Blau verhindern) und nicht zu unterschätzen (Schlagbarkeit der rechtsbürgerlichen Regierung von Union und AfD).

Ingar Solty, Jahrgang 1979, ist Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er ist der Autor der im Brumaire-Verlag erscheinenden »Edition Marxismen«, deren Bände 4 bis 6 demnächst erscheinen.

Erstveröffentlicht im nd am 22.7. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192762.linkspartei-gegen-den-linken-todestrieb.html?sstr=Todestrieb

Wir danken für das Publikationsrecht.

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