Das Rentenbetrugspaket II

Das Rentenpaket II bringt nichts bis sehr wenig für die Versicherten. Nichts gegen Altersarmut und nichts für auskömmliche Renten. Es bedient die Interessen der Finanzkonzerne und eröffnet ihnen weitere profitable Perspektiven.

Von Reiner Heyse

Am 6. März haben Finanzminister Lindner und Sozialminister Heil die Katze aus dem Sack gelassen und damit Klarheit geschaffen:

Das Rentenpaket 2 wird in jeder Hinsicht ein Betrugsprojekt. Es besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen. Der Sicherung des Rentenniveaus bis 2039 (48% netto vor Steuern – dazu weiter unten) und der Einführung der Aktienrente, fälschlicherweise als „Generationenkapital“ benannt.

Im strafrechtlichen Sinne handelt es sich bei der Aktienrente offensichtlich um einen schieren Prospektbetrug (§ 264a StGB Kapitalanlagebetrug – siehe Anmerkung 1).

Mit der Aktienrente, so das (Prospekt-)Versprechen des Koalitionsvertrags aus 2021, werden „wir zur langfristigen Stabilisierung von Rentenniveau und Rentenbeitragssatz in eine teilweise Kapitaldeckung der Gesetzlichen Rentenversicherung einsteigen“.

Nichts davon wird passieren. Folgendes haben Lindner und Heil verkündet:

Der Staat wird sich Geld leihen, das er einer staatseigenen Stiftung zur Verfügung stellt, die damit an Finanzmärkten spekulieren soll. Der Staat wird sich also als ein Hedgefondsmanager betätigen. Die Erträge des Fonds sollen dann ab 2036 in den Haushalt der Deutschen Rentenversicherung abgeführt werden.

Das Betrugsprojektes im Detail und mit konkreten Zahlen

Im Jahr 2024 sollen Anleihen von 12 Milliarden Euro aufgenommen werden. Diese Summe wird jedes Jahr um 3 % erhöht, so dass im Jahr 2036 bereits 17 Mrd. € Schulden neu aufgenommen würden.

Lindner und Heil erwarten dann einen Kapitalstock in dem Rentenfonds von 200 Mrd. €, der Erträge von 10 Mrd. € generiert (also eine Verzinsung von 5% erzielt). Die 10 Milliarden würden nach ihrer Darstellung die Rentenversicherung ab „Mitte der 2030er Jahre“ um 0,3 Prozentpunkte entlasten.

Was passiert tatsächlich

Auf die Schulden müssen natürlich Zinsen gezahlt werden. Die betragen gegenwärtig für 10-jährige Staatsanleihen zwischen 2,5 % und 3 %. Bleibt es bei dieser Größenordnung, müssten bis 2036 zwischen 28 und 32 Milliarden Euro Zinsen gezahlt werden.

Unterstellt, dass in den kommenden Jahren die EU-Zielinflationsrate von 2% erreicht würde, wäre die Kaufkraftrelation der 12 Mrd.€ aus 2024 bis 2036 auf etwa 9 Mrd. € geschrumpft.

Zinsen und Geldentwertung machen zusammen also 4,5 % bis 5 % aus. Wenn darüber hinaus noch eine Realverzinsung von 5 % erreicht werden soll, müsste der am Markt erzielte Nominalzins in der Größenordnung von 10% liegen. Das ginge nur mit hochriskanten Anlagestrategien – die Altersversorgung würde dem Casinobetrieb der Finanzmärkte ausgeliefert.

Worin besteht der Betrug genau? Und warum wird er nicht wahrgenommen?

Die Aktienrente leistet die nächsten 12 Jahre keinerlei Beitrag zur „Stabilisierung von Rentenniveau und Rentenbeitragssatz“. Nicht einen Cent. Die danach hochspekulativ errechneten 0,3 Prozentpunkte Beitragsentlastung machen noch nicht einmal 10 % der dann zu erwartenden Mehrkosten für die Altersversorgung aus.

Was würde einem Vermögensmanager, sagen wir der ALLIANZ Global Investors, passieren, wenn er mit einem vergleichbaren Anlageversprechen, Geld an den Finanzmärkten einwürbe und dann offenbaren müsste, dass er die Anleger hinters Licht geführt hätte? Antwort: Er würde auf Schadenersatz verklagt und müsste zusätzlich eine satte Strafgebühr an den Staat abführen.

Beweis: Die beispielhaft genannte ALLIANZ Global Investors verzockte sich in Arkansas/USA mit den Rentenbeiträgen von Teamsters- und Teacher-Gewerkschaften. Die Geschädigten verklagten die Allianz und bekamen Recht. Die ALLIANZ musste 5 Milliarden Dollar Schadenersatz zahlen und bekam zusätzlich eine Strafe von 860 Millionen Dollar aufgebrummt. (Anmerkung 2)

Was passiert bei ähnlich betrügerischem Vorgehen durch staatliche Akteure? Wie man sieht, nichts. Es wird nicht wahrgenommen bzw. verschwiegen.

Das Versagen der vierten Gewalt

Die meinungsführenden Hauptmedien behaupten immer noch, dass die Babyboomer-Jahrgänge eine Kostenexplosion bei der Rentenversicherung auslösen und dass die Jungen durch die egoistischen Alten untragbar belastet würden.

Das ist zwar einerseits eine seit Langem durch die tatsächlichen Entwicklungen widerlegte, völlig übertriebene Panikmache. Andererseits nimmt die Zahl der Rentnerinnen und Rentner durch die geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden 14 bis 15 Jahren zu. Und zwar konkret um etwa 17 % bis 2038 (Anmerkung 3). Danach sinkt die Zahl wieder, so dass in ca. 25 Jahren der Mehraufwand für die Altenversorgung gegenüber heute nur noch 14 % höher liegen würde. Im Durchschnitt der kommenden 15 bis 25 Jahre wären die jährlichen Kostenzuwächse in der Altersversorgung also in der Größenordnung von unter einem Prozent. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt wären das nicht einmal ein Promille. Derartige Mehrbelastungen wären volkswirtschaftlich gesehen leicht zu bewältigen – zumal der Zeithorizont ja auch auf etwa 15 Jahre begrenzt ist.

Das auszurechnen und in der Öffentlichkeit darzustellen, um dann auf Basis von Fakten eine öffentliche Debatte anzustoßen, welche Reformschritte sozialpolitisch notwendig und ökonomisch tragfähig sein könnten, verweigert die vierte Macht im Staat beharrlich.

Die Medien hätten auch die Aufgabe, das Betrügerische an dem Begriff „Generationenkapital“ zu entlarven. Um im Bild zu bleiben: Der Kapitalstock von 200 Milliarden besteht ja zum allergrößten Teil aus Schulden. Und die müssen in jedem Fall zurückgezahlt werden – und dann haben die „Generationen“ nichts mehr in ihrem Fondstopf. Die „Generationen“ müssten sich immer wieder neu verschulden – und wer hat den Nutzen von dieser ständigen Schuldenmacherei? Das wären die erlesenen Banken, die eine Bieterlizenz für Staatsanleihen haben und die Vermögenden, in deren Auftrag diese Banken deren Geld profitabel anlegen.

Einstieg in die „Jahrhundertreform“ – durch Homöopathie? Der Plan hinter dem Plan

Der FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Christian Dürr, bejubelt die Einführung des „Generationenkapitals“ als eine „Jahrhundertreform für Deutschland“.

Völlig anders sieht es die Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer. Sie hält die Wirkung der Reform für „homöopathisch“ (bei Maybritt Illner am 14.3.).

Homöopathie bedeutet ja als Therapie minimalste Medikamentendosierung mit einer maximalen Heilungserwartung. Absehbar bezüglich der Aktienrente – und von Schnitzer auch so gemeint – ist Folgendes: Die nicht feststellbare Heilungswirkung wird zu einem radikalen Therapiewandel führen. Nämlich zu einer drastischen Erhöhung der Dosis und zwar mit einer 4-prozentigen Zwangsverbeitragung der Bruttolöhne, die auf die Konten der Finanzkonzerne umgeleitet werden.

Das wird sich als eine Hammerdosis erweisen, die fatale Risiken und Nebenwirkungen hat. Sie entzieht dem Wirtschaftskreislauf 70 bis 80 Mrd. € jährlich Konsumnachfrage. Sie befeuert die Blasenbildung an den Aktienmärkten mit der gleichen Summe, die in gut 10 Jahren bereits 1 Billion Euro ausmachen wird.

Die oben beschriebene Therapie ist die konkrete Empfehlung des Sachverständigenrates für die Bundesregierung vom Juli 2023 (Federführung hatte dabei Martin Werding, der zwei Jahre zuvor das Aktien-Rentenkonzept der FDP geschrieben hatte – Anmerkung 4). Vermutlich hat Lindner genau das gemeint, als er am 6. März ankündigte: „Mit dem Generationenkapital treffen wir eine Zukunftsentscheidung, die weit über das heute geplante Volumen hinausgeht“, und gleich danach ein viel größeres „Generationenkapital 2.0“ versprach.

Dieser Plan wird mit großer Wahrscheinlichkeit umgesetzt, sollte es nach der nächsten Bundestagswahl eine Regierungskoalition der FDP mit der CDU/CSU und dem Black Rock Kanzler Friedrich März kommen.

Und das garantierte Rentenniveau? Es sinkt – das ist gesichert

Hubertus Heil versprach, die Sicherung des Rentenniveaus von 48 % bis zum Jahr 2039. Das klingt gut, verschleiert aber zwei fundamentale Dinge: Das Rentenniveau ist seit 1990 schon um 13% abgestürzt. Im besten Fall würde der Absturz also gebremst. Korrekter ausgedrückt wäre: Die Rentenkürzungen der letzten Jahrzehnte werden zementiert. Das ist aber auch nur die halbe Wahrheit, denn das gesicherte Rentenniveau von 48% hat den gern verschwiegenen Zusatz „netto vor Steuern“. Der Besteuerungsanteil der Renten steigt aber ständig weiter an. Das bedeutet, dass die netto verfügbare Rente (das tatsächliche Rentenniveau) seit 2005 ständig gesunken ist und bis 2040 weiter sinken wird. In konkreten Zahlen: Das tatsächliche Nettorentenniveau ist von 1990 bis heute um 15% gesunken und wird bei voller Besteuerung der Renten ab 2040 auf etwa 20% absinken.

Das Versprechen „Sicherung des Rentenniveaus von 48 %“ erweist sich als reiner Etikettenschwindel.

Was kostet die angebliche Sicherung des Rentenniveaus und wie wird sie finanziert?

Auch hierzu veröffentlichte das Sozialministerium am 6. März erstmalig Zahlen. Die Haltelinie 48 % netto vor Steuern würde bei der erwarteten Zunahme der Rentnerzahlen bis 2036 über Beitragssteigerungen von 18,6 % auf 22,3 % finanziert. Nach 2036 würde ein, dann stabiler, Beitragssatz von 22,6% erforderlich sein. Und dieser Anstieg von 0,3 % ab 2036 soll durch die „Jahrhundertreform“ Aktienrente verhindert werden. Wer die Pressekonferenz gesehen hat, konnte sehen, Lindner und Heil wurden noch nicht einmal rot bei der Verkündung ihrer großartigen Planung.

Die ehemalige Sozialministerin Nahles hatte 2016 noch die Absicht, die Mehrbelastungen durch die Babyboomer durch einen staatlichen „Demografiezuschuss“ zumindest teilweise zu finanzieren. Die Ampelkoalition betreibt das genaue Gegenteil – sie kürzt den sogenannten Bundeszuschuss schrittweise bis 2027 um 6,8 Mrd. Euro.

Wodurch werden also die Babyboomer-Mehrbelastungen getragen? Antwort: durch Beitragserhöhungen und eine Reduzierung des Staatsanteils – und die Aktienrente? Sie wird, wenn die Spekulanten erfolgreich sein sollten, in weiter Ferne ein paar Krümel beisteuern.

Fazit: Das Rentenpaket II bringt nichts bis sehr wenig für die Versicherten. Nichts gegen Altersarmut und nichts für auskömmliche Renten. Es bedient die Interessen der Finanzkonzerne und eröffnet ihnen weitere profitable Perspektiven. 

Wer nach richtigen Lösungen für die Krise der Altenversorgung in Deutschland sucht, wird sie bei den Ampelparteien nicht finden. Ein Blick nach Österreich ist sehr hilfreich. Sehr viel höhere Renten, Mindestrenten über der Armutsgrenze und eine Versicherung für alle. Das funktioniert da schon lange und kann hier genauso gut funktionieren.

In der Schweiz werden über solche Fragen Volksabstimmungen durchgeführt. Anfang März stimmten bei einer hohen Wahlbeteiligung von 59 % über 58 % für eine 13. Monatsrente und 75 % gegen die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre. Auch das könnte für die Demokratiedemonstranten in Deutschland vorbildlich sein. Unter dem Motto: Mehr Demokratie wagen!

Anmerkungen:

  • Strafgesetzbuch (StGB) § 264a Kapitalanlagebetrug: „Wer im Zusammenhang mit dem Vertrieb von Wertpapieren … oder von Anteilen, die eine Beteiligung an dem Ergebnis eines Unternehmens gewähren sollen… in Prospekten oder in Darstellungen … über den Vermögensstand hinsichtlich der für die Entscheidung über den Erwerb oder die Erhöhung erheblichen Umstände gegenüber einem größeren Kreis von Personen unrichtige vorteilhafte Angaben macht oder nachteilige Tatsachen verschweigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“
  • „US Gericht bestätigt Vergleich in Allianz-Hedgefonds-Affäre“ (Handelsblatt, 15.07.2023)
  • Die Erzählung von der demografischen Katastrophe wird seit über 30 Jahren aufgebaut. Die verwendeten Prognosen haben sich durchgängig als falsch herausgestellt. Ausgangspunkt war eine PROGNOS-Prognose von 1987, die als Mutter der Demografie-Katastrophen-Behauptungen angesehen werden kann. PROGNOS berechnete daraus einen notwendigen Rentenversicherungs-beitrag von 40% im Jahr 2030 und setzte damit die politischen Entscheidungsträger in Wallung (Rentenzukunft – Babyboomer keine Kostenexplosion).
  • Das am 7. November vorgelegte Jahresgutachten des Sachverständigenrates (1) konzentriert sich auf die Altersversorgung. Die Vorschläge an die Politik sind vielfältig und tiefgreifend. Sie sind samt und sonders nicht neu, sondern bereits durch zahlreiche von den Bundesregierungen eingesetzten Sachverständigenkommissionen und Projektgruppen seit Jahren gefordert. Jede dieser Maßnahmen wäre ein Angriff auf die sozialen Interessen der Jungen und der Alten in diesem Land. Neu ist die Bündelung all dieser Maßnahmen mit der Besonderheit abenteuerlicher bis absurder Versprechungen (Der Sachverständigenrat mit radikalen Plänen gegen Jung und Alt).

Erstveröffentlicht im Overton Magzin
https://overton-magazin.de/top-story/das-rentenbetrugspaket-ii/

Wir danken dem Autor für das Publikationsrecht.

Steigen Sie hinab in den Untergrund der Privilegien

Ein Einzelschiksal. Aber ein ganz übliches Schicksal im aktuellen Turbo-Raubtierkapitalismus Argentiniens unter dem neuen Präsidenten Javier Gerardo Milei.

Er ist Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomie und des Anarchokapitalismus. Er ist der Gründer der libertären und ultrarechten Parteienkoalition La Libertad Avanza und regiert erst seit wenigen Monaten das Land.

Die totale Freiheit des Marktes führt zum gnadenlosen Recht des Stärkeren über alle Schwächeren. Diese zugespitzte Form des neoliberalen Kapitalismus vereinigt sich immer wieder mit faschistischen Strömungen. Im südamerikanischen Nachbarland Chile war sie Grundpfeiler der Wirtschaft des Pinochetregimes. In Deutschland hat diese marktradikale Wirtschaftstheoerie die meisten Anhänger in der AFD. Aber auch CDU Merz hat immer wieder seine „Liebe“ zu ihr bewiesen. Gewerkschaften und soziale Bewegungen, die die Freiheit des Kapitals einengen könnten, haben bei ihr nichts mehr zu melden.

Gustavo Figueroa zeigt mit ganz viel Empathie am Beispiel des jungen Ezequiel und seinem Bruder, die noch Kinder sind, die persönlichen Verstrickungen, betrogenen Hoffnungen, letztlich aber auch die Chancenlosigkeit auf, die für viele jetzt schon nach kurzer Zeit der Regentschaft von Milei tödlich endet. (Peter Vlatten)

Steigen Sie hinab in den Untergrund der Privilegien

22.03.24- Neuquén, Argentinien – Gustavo Figueroa, Pressenza

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Spanisch

Einmal, bevor ich das José-León-Suarez-Gefängnis (in Buenos Aires) betrat, um einen Workshop zu geben, konnte ich sehen, wie zwei Kinder, fast Teenager, mitten im Gefängnis ein Bündel Drähte verbrannten, die sie wer weiß wo gestohlen hätten auf der Straße, unter einer Autobahn und in einem Glas Pfirsiche.

Sie befanden sich weder am Straßenrand noch auf dem Bürgersteig. Sie standen mitten auf der Straße und machten Feuer, ihre Finger und Gesichter waren mit Ruß bedeckt.

Das Bild war schockierend. Es war extrem und promiskuitiv. Es gab niemanden, der diese Kinder zurückhalten konnte, noch das Feuer, das sie brannten, noch die zerschlissenen Kleider, die sie trugen.

Es war Sommer. Es war heiß. Und es war niemand in der Nähe zu sehen. Das Einzige, was man wahrnehmen konnte, war ein ständiges Gefühl der Verlassenheit. Von tiefer Einsamkeit.

Diese besondere Szene wurde von niemandem gesehen. Oder nur sehr wenige Leute haben es gesehen. Die Szene ist nicht weit entfernt von dem, was man in anderen Teilen des Landes findet, wo die Protagonisten unter anderem versuchen, mit allem zu überleben, was sie finden können: Pappe, Getränkedosen, Glasflaschen, Metallreste und Holz .

Ohne weiter zu gehen: In Capital Federal zahlen sie derzeit (Februar 2024) 6.500 US-Dollar pro Kilo Kupfer, während sie in Florencio Varela 15.000 US-Dollar zahlen.

Wie können die leidenden Körper, die unter der Qual leiden, nicht jeden Tag Brot zu haben, inmitten des Elends nicht in den Tod klettern?

Mit dieser Information ging Ezequiel ein Wagnis ein und versuchte, die unterirdischen Stromleitungen zu manipulieren, mit dem Wissen, Brunnen für die Gemeinde Rosario gegraben zu haben, und herauszufinden, an welchen Orten es mit größerer Dichte das gab, was er dringend nach Kupfer suchte .

Ezequiels verbrannter Körper ging innerhalb weniger Minuten viral. Allerdings musste man es mehrmals betrachten, um zu unterscheiden, welcher Nationalität es angehörte. Die Szene schien das ikonische Bild des vietnamesischen Mädchens nachzuahmen, das nackt dem US-Angriff mit Napalmbomben entkommt.

Hesekiels Szene ist klar, aber gleichzeitig verwirrend. Klar, weil klar ist, was passiert: ein junger Mann, völlig verbrannt, seine Haut schwarz und rosa. Staffelung. Qualvoll. Verwirrend, weil man nicht weiß, wer er ist, es könnte jeder andere sein, aus jeder Stadt Lateinamerikas. Ezequiel stellt einen Zeugenfall für andere Fälle dar, die ihr Leben ohne Licht eingewickelt in das geschmolzene Plastik der Stangen beenden.

„In Villa 31 haben die Kinder die Hochspannungskabel mit einer Tramontine durchtrennt“, gesteht ein Freund, der dort arbeitet.

Die Kupferextraktoren hängen an einem Kabel und jonglieren in der Luft, mit dem erschwerenden Faktor, dass sie hungrig, schwindelig und ungeschickt sind, weil sie nichts gegessen haben, und übertrieben von Illusionen und Unmöglichkeiten.

Sie spielen russisches Roulette, oder besser gesagt, der schmutzigste Kapitalismus spielt mit ihnen wie einer Kugel, einem Strick um ihren Hals, einer Bombe, die es zu entschärfen gilt. Der Hortungsmarkt lässt sie dem Schrecken entgegenmarschieren, ohne jeglichen Schutz, ohne jegliche Zuflucht, ohne jegliche Wiedergutmachung.

Ezequiel versuchte zu studieren, wurde aber in der Pandemie vom Bildungssystem ausgeschlossen. Ezequiel versuchte, für sich und seinen Bruder ein anständiges Dach über dem Kopf zu haben, doch vor ein paar Monaten, als die Ultrarechten in Argentinien auf dem Vormarsch waren, wurde er auf der Straße zurückgelassen. Ezequiel versuchte im Untergrund der Privilegien seinen Lebensunterhalt zu verdienen und starb. Ezequiel stand gerade erst am Anfang seines Lebens, oder besser gesagt, er trug in seinem jungen Alter bereits mehrere Anfänge mit sich herum.

Ezequiel gehört zu den Nachbarschaftskindern, die einen Teil ihres Lebens damit verbringen, zu stolpern und immer wieder Ausreden zu finden, um sich nicht zu resignieren, um nicht in den Abgrund zu fallen, um niemandem ein Eisen in die Kehle zu schieben .

„Eines Tages, am Kindertag in der vierten Klasse, bat mich Ezequiel um ein Handtuch, weil er es satt hatte, sein Gesicht mit denselben schmutzigen Klamotten abzutrocknen, die er immer ausgezogen hatte“, erzählte mir Gaby, eine seiner Grundschullehrerinnen über das Telefon.

Gestern waren es Pappe und Kupfer, morgen putzt er vielleicht einen Garten, später verkauft er Lebensmittel auf der Straße. Wir werden es nie erfahren, denn Ezequiel ist nicht mehr. Seine lebenswichtigen Organe funktionierten nicht mehr, nachdem er durch die Kabel, die er verkaufen wollte, einen Stromschlag erlitten hatte.

In wessen Kopf ist Platz für so viel fruchtlosen Einfallsreichtum? In wessen Herzen ist Platz für so viel Verzweiflung?

Wie im Film „The Turtles Also Fly“, der das Leben einer Gruppe von Kindern in einem Flüchtlingslager schildert, Opfer des Irak-Krieges (2003), die durch die Entwaffnung von Minen überleben, schilderte Ezequiel ihr gewagtes Leben zwischen Jonglieren und Epos Geschicklichkeit und das Adrenalin eines latenten Todes. Der schmerzlichste Abgrund, den eine individualistische Gesellschaft zwischen Würde und der elenden Opferung menschlichen Verlangens schaffen kann.

Lynchen wir ihn oder helfen wir ihm? Wo soll eine Gesellschaft, die weitaus eher bereit ist, auf dem Draht zu kauen, als ein Handtuch zum Trocknen der rußigen Gesichter herzugeben, die in den dunklen Vororten des Landes wimmeln, ihre Reaktion hervorrufen?

In welchem ​​Krieg befinden sich die Kinder, die mit bloßen Händen versuchen, die Hochspannungsleitungen abzubauen, die die Häuser der übrigen Gesellschaft erleuchten?

Was wäre, wenn Ezequiel versuchte, heimlich eine Verbindung zur Elektrizität herzustellen, hätte er dann auch die Ablehnung durch die Gesellschaft, verbale Lynchmorde und physische Steinigung verdient?

Schließlich geht es darum, den Teil für das Ganze herauszuarbeiten. Es ist der Mann aus Villa Crespo, der eine Millionen-Peso-Glastür in die Luft sprengt, um nur ein Stück Metall herauszuholen, das im Schloss steckt. Aber es ist auch die Schleppnetzfischerei, die an der Valdivian-Küste Chiles stattfindet und bei der sogar die lokale Flora für einige Fischarten zerstört wird. Es handelt sich um das Fracking des Upper Valley, das den Grundwasserspiegel aufsaugt, den Boden verunreinigt, Tiere tötet und die Abwanderung der Bevölkerung verursacht, um der Erde den letzten Tropfen Energie zu entziehen. Es ist Offshore-Fracking, das sogar die Entwicklung der Schleppnetzfischerei verhindert. Es ist der Teil für das Ganze. Es ist Ezequiel, der seinen Arm ausstreckt, um zu sehen, ob etwas von der Energie, die die ganze Stadt Buenos Aires ernährt, auch ihn ein für alle Mal durchdringen wird, um aus seinem jetzigen Zustand herauszukommen und nicht mehr am Rande des Elends zu wandeln. Es handelt sich um die Konstruktion des „guten Verbraucherbürgers“, der, um seine Outfits zu erhalten, von 100 verschiedenen Menschen in 10 verschiedenen Teilen der Welt ausgebeutet werden muss. Es ist die tägliche Ungerechtigkeit, zwischen einem Verbrechen und dem anderen (wenn man die Kluft zwischen ihnen mitzählt) zu sehen, dass es nur die anonymen und erreichbaren Individuen sind, die in ihren Gesichtern und Körpern den sozialen Ausbruch der Empörten spüren.

Es geht darum, die Metapher zu verstehen, die uns diese Art neoliberaler und neoextraktiver Gesellschaft, in der wir leben, vorschlägt: Um das Privileg einiger weniger zu erlangen, müssen wir uns selbst in Brand setzen, unser Leben aufs Spiel setzen und Opfer bringen unser Wille. Um uns zu korrumpieren. Um uns in tausend Stücke zu brechen. Sogar, als wäre es eine „verdiente Folter“, zu ertragen, dass die Öffentlichkeit, die uns empört beobachtet, uns nicht hilft. Andererseits! Zu sehen, wie sie noch mehr Erde und Benzin auf uns werfen. Steine. Kugeln. Ihre unverhältnismäßige und intolerante Ablehnung.

Der Beitrag von Gustavo Figueroa wurde am 22.3.2024 auf unserer Partnerseite Pressenza veröffentlicht. Wir danken für die Publikationsrechte.

Titelfoto: trotz des Kontexts von Ezequiel und seinem Bruder waren in ihren Geschichten Botschaften des Optimismus zu lesen. (Bild von Gustavo Figueroa)

Stoppt die Werksschließung von MAHLE Behr Korea!

Stoppt die Werksschließung von MAHLE Behr Korea!
Sichert die Existenzrechte der koreanischen Arbeitsnehmer*innen!
Wir lassen uns nicht spalten. Nur wenn wir gemeinsam jeden Standort verteidigen, sind wir stark!

In den letzten Jahrzehnten ist Korea zu einem Anziehungspunkt für ausländische Investoren geworden. Es können und konnten ordentlich Profite gemacht werden. Ändern sich die Voraussetzungen dafür, können die Kapitaleigner nach Belieben schalten und walten. Ihr Kapital einseitig und unverantwortlich abziehen. Fakriken verkaufen, stilllegen oder verlagern. Zulasten der Belegschaften und betroffenen Regionen. Regulierungen, die ernsthaft in das Eigentumsrecht eingreifen und Unternehmer in die Pflicht nehmen, gibt es so gut wie nicht in Ländern wie Südkorea oder Deutschland. Die Kolleg*innen bei MAHLE Behr Korea müssen das gerade bitter erfahren.

Historie und Standorte

MAHLE Behr, ein deutsches Unternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart, wurde im Jahr 1920 gegründet. Weltweit beschäftigt das Unternehmen über 71.947 Mitarbeiter und betreibt 152 Produktionsstandorte. Zu diesen Standorten zählt auch die Produktionsstätte in Busan, Südkorea, die im Jahr 2007 errichtet wurde. Die Busaner Produktionsstätte ist spezialisiert auf die Herstellung von Autoteilen und beschäftigt 160 Mitarbeiter. Zu den Hauptlieferanten gehören Hyundai-Kia Motors, Honda, Nissan, Mitsubishi-Hyundai und Kia-Nissan.

Ankündigung der Schließung

Am 7. Dezember 2023 wurde die Gewerkschaft “Korean Metal Workers Union” über die Entscheidung des Vorstands von MAHLE Behr informiert, dass das koreanische Werk des Unternehmens bis September 2025 geschlossen werden soll, da der Umsatz zurückginge und weitere Investitionen in das koreanische Werk aufgrund des geringen Investitionswerts nicht sinnvoll seien. Diese einseitig von MAHLE Behr Deutschland getroffene Entscheidung, das koreanische Werk zu schließen, raubt 160 koreanischen Arbeitnehmer*innen und ihren Familien ihre Existenzgrundlage. Im Vorfeld gab es keine Kommunikation und Konsultation mit den koreanischen Beschäftigten, auch nicht mit der koreanischen Unternehmensleitung. Es handelt sich um eine einseitige und gewaltsame Entscheidung von MAHLE Behr Deutschland gegen die Interessen der Arbeiter*innen.

Langfristiges Monopoly auf dem Rücken der Beschäftigten

Es gibt Indizien, dass die Stilllegung von langer Hand geplant war. Das Unternehmen hat den koreanischen Markt nicht aufgegeben, sondern verlagert lediglich seine Produktionsstätten und “schöpft Volumen ab”. MAHLE Behr Deutschland als wirtschaftlicher Eigentümer und Mehrheitsaktionär hat es versäumt, einen nachhaltigen mittel- und langfristigen Entwicklungsplan für das koreanische Werk vorzuschlagen und aktiv in das Werk zu investieren. Gleichzeitig gab es verschiedene Maßnahmen zu Einsparungen und frühzeitigem Belegschaftsabbau. Welche unternehmensstrategischen Pläne dahinterstecken, hält Mahle Behr bewußt intransparent. Vermeintlich gegenläufig hatte der Vizepräsident der Asien-Pazifik-Region Bentele eine Beschäftigungsgarantie ausgesprochen und eine Verpflichtungserklärung zur Unterstützung und Zusammenarbeit bei der Weiterentwicklung des Koreawerkes abgegeben. Das kommt den Kolleg*innen nun wie ein großes Täuschungsmanöver vor. Die Entscheidungen der Unternehmenszentrale setzen sich über alle Vereinbarungen und Versprechungen selbstherrlich hinweg. 2023 fand plötzlich der Verkauf des Thermostatgeschäfts statt. Dann erfolgte letzten Dezember die Ankündigung der Schliessung mit den Massenentlassungen.

Die Belegschaft in busan und ihre Gewerkschaft sind nicht bereit, dieses Vorgehen hinzunehmen. Sie haben protestiert, demonstriert und Verhandlungen mit der Firmenleitung durchgesetzt.

Wir wenden uns an die Kolleginnen und Kollegen in Deutschland: Nur wenn wir gemeinsam jeden Standort verteidigen, bleiben wir stark! Wenn wir uns gegenseitig ausspielen lassen, hat die Unternehmenszentrale leichtes Spiel. Das Unternehmen agiert international, das müssen wir auch.

Wir fordern:

  • Nein zur Schliessung des Werkes Busan!
  • Verbot der Verlagerung von Produkten und Produktionsmitteln ohne Zustimmung der Gewerkschaft.
  • Nur wenn wir gemeinsam jeden Standort verteidigen, sind wir stark!
Proteskundgebung am Freitag, 5.4.2024 um 11:30 Uhr, Vor der MAHLE Hauptverwaltung Pragstraße 26-46, 70376 Stuttgart

Aufruf und Veranstaltung von:   Arbeitsgruppe Solidarität mit MAHLE Busan /  Solidarity of Korean People in Europe /  Koreaverband e. V.

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