Er wird Billionär

Elon Musk ist der reichste Mann der Welt – und wird bald wohl noch viel reicher. Denn er lässt nicht nur die Börse für sich arbeiten

Von Stephan Kaufmann

Marxismus auf der Höhe der Zeit. Auch für Nichtakademiker. (Jochen Gester)

Bild: pixabay

Tesla-Chef Elon Musk hat eine gigantische Prämie in Aussicht. In den nächsten Jahren winkt ihm ein Aktienpaket, dessen Wert bei Auszahlung fast eine Billion Dollar betragen könnte. Bedingung ist allerdings, dass der Elektroautohersteller unter seiner Führung festgesetzte Ziele erreicht. Gelingt das, so könnte Musk zur Belohnung bis zu 423,74 Millionen Tesla-Aktien bekommen, das entspricht bis zu zwölf Prozent der Unternehmensanteile. Angesichts der verhandelten Summe regt sich weltweit Kritik. Doch diese übersieht den eigentlichen Skandal an der Sache.

Was Elon Musk hat

Bereits heute ist Musk der reichste Mensch der Welt. Sein Vermögen beläuft sich auf rund 450 Milliarden Dollar. Wie bei reichen Menschen üblich, besteht sein Reichtum nicht aus einem großen Geldhaufen oder einem mit Gold gefüllten Speicher. Stattdessen handelt es sich um Anteile an Unternehmen, vor allem am Elektroautobauer Tesla, aber auch an SpaceX und xAI. Dieses Vermögen ist eine schwankungsanfällige Größe, was man auch daran erkennt, dass es vor zwei Monaten noch 70 Milliarden geringer war. Musks Vermögen steigt und fällt mit der Bewertung der Unternehmen beziehungsweise deren Aktien an der Börse. Das hat seinem Reichtum den Ruf eingebracht, bloß heiße Luft zu sein. Die ganze Wahrheit ist das nicht.

Der Aktienkurs Teslas, so heißt es, bildet »die Zukunft« ab, also die Erwartungen an das Unternehmen. Diese Erwartungen bilden sich am Markt, im spekulativen Hin und Her der Aktienhändler. Mal fällt die Aktie, mal steigt sie. Dennoch hat der Aktienkurs eine Grundlage, ein »Fundament«, mit dessen Hilfe an der Börse beurteilt wird, ob der Kurs tendenziell »übertrieben hoch« ist oder zu niedrig oder gerade richtig.

Wichtigste Kennzahl und Anker dieser »Fundamentalanalyse« ist das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV). Es setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum (erwarteten) Unternehmensgewinn pro Aktie. Ist beispielsweise der Gewinn der Gesellschaft 100 Euro und der Aktienkurs steht bei 1000, so beträgt das KGV 10. Anders gesagt: Die Aktiengesellschaft ist zum Zehnfachen des Jahresgewinns bewertet. Oder wieder anders: Wer alle Aktien des Unternehmens kauft, müsste – bei gleichbleibendem Gewinn – zehn Jahre warten, bis er die Kaufsumme wieder eingebracht hat.

Musk verkauft die kapitalistische Umsetzung von KI und Robotik als »tatsächlich das, was in einer kommunistischen Utopie mündet«. –

Vor diesem Hintergrund ist einsichtig, warum die Tesla-Aktie mit einem KGV von über 220 als extrem hoch bewertet gilt – eben zum 220fachen des Jahresgewinns. Dies bedeutet, dass Tesla derzeit 220 Jahre Profit wert ist. Dass dieser schwindelerregende Wert nicht zum Kursabsturz führt, liegt allein daran, dass für die Zukunft gigantische Gewinnsteigerungen erwartet werden. Vielfach wird bezweifelt, ob diese im Aktienkurs vorweggenommenen Gewinnsteigerungen möglich sind – der Tesla-Aktienkurs gilt daher als irrational hoch. Doch zeigt diese Irrationalität nur die Rationalität des Systems, dessen Zweck der Unternehmensgewinn ist, also der Profit. An ihm, beziehungsweise am KGV, wird alles gemessen.

Grundlage der Spekulationen auf den Aktienmärkten ist also die gelungene Ausbeutung der Tesla-Arbeitskräfte beziehungsweise die Spekulation darauf. Die Tesla-Aktie, der Wert von Tesla und damit Musks Vermögen spiegeln damit nicht bloß Erwartungen der Märkte wider. In den Milliarden ist ein Anspruch formuliert, ein Anspruch an stark steigende Gewinne, die die Beschäftigten produzieren müssen. Dieser Anspruch muss eingelöst werden, andernfalls drohen Absturz und Kapitalentwertung.

Dass sich der Wert von Unternehmen aus den erwarteten Profiten der Zukunft errechnet, ist keine Spezialität verrückter Finanzmärkte, sondern im Kapitalismus üblich. Denn in ihm ist die Verwertung des Werts der ganze Zweck des Wirtschaftens und Arbeitens. Deswegen bemisst sich der Preis eines Unternehmens oder einer Fabrik danach, ob und inwiefern sie Mittel der Wertvermehrung sind. Das ist die logische Folge eines Systems, in dem alles Mittel des Profits ist und nur als solches zählt.

Was Elon Musk erreichen muss

Ob Musk sein riesiges Aktienpaket auch erhält, ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft: Zwölf »Meilensteine« muss Tesla unter seiner Führung in zehn Jahren dafür erreichen. Diese »Meilensteine« bestehen erstens in simplen Produktionszielen: So muss Tesla 20 Millionen Autos ausliefern, eine Million Robotaxis im Einsatz haben und eine Million Optimus-Industrieroboter ausgeliefert haben. Das ist zunächst eine solide Vorgabe. Daneben aber muss – das ist die zweite Bedingung – diese Produktion am Markt auch Gewinne bringen: Der Vorsteuergewinn muss schrittweise von zwölf Milliarden Dollar (2024) auf 50 und schließlich auf 400 Milliarden Dollar steigen.

Während Produktion und Auslieferung noch halbwegs kontrollierbar erscheinen, sind die Profitvorgaben schon mit vielen Unsicherheiten behaftet – insbesondere weil Tesla heftige Konkurrenz anderer Autobauer hat. Noch spekulativer wird die Liste der Ziele aber dadurch, dass von Musk als dritte Bedingung eine rasante Steigerung des Börsenwerts von Tesla verlangt wird. Derzeit hat Tesla bei einem Aktienkurs von 430 Dollar einen Börsenwert (Marktkapitalisierung) von 1,4 Billionen Dollar (das ist fast das 30-Fache von Volkswagen). Dieser Börsenwert soll nun bis auf 8,5 Billionen Dollar steigen. Musks Aufgabe ist es also nicht nur, ausreichend Autos zu produzieren, sondern mit ihnen auch hohe Gewinne einzufahren und gleichzeitig die Spekulation der Märkte auf weiter exorbitant steigende Gewinne zu nähren.

Ein Tesla-Großaktionär, der norwegische Staatsfonds, hatte sich gegen das geplantes Aktienpaket für Musk ausgesprochen. Man schätze zwar den erheblichen Mehrwert, den Musk mit seiner visionären Rolle geschaffen habe, teilte Norges Bank Investment Management (NBIM) vorab mit. Man habe jedoch Bedenken angesichts der beispiellosen Höhe der vorgeschlagenen Vergütung. Ausgedrückt ist in diesem Einwand keine Kritik an Musks obszönem Reichtum. Sondern Zweifel daran, ob seine Vergütung auch im Sinne des Unternehmens und seiner Aktionäre gerechtfertigt ist.

Was Elon Musk braucht

Der Reichtum der Superreichen wird vielfach kritisiert. Zum einen spielen dabei Gerechtigkeitserwägungen eine Rolle: Während die Beschäftigten mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpfen, wachsen die großen Vermögen immer weiter, so der Einwand. Dieser übersieht, dass die großen Vermögen die relative Armut derer, die ihn produzieren, zur Grundlage haben. Nur so entsteht der Profit, der an den Börsen spekulativ auf Jahre hochgerechnet wird.

Zum anderen wird kritisiert, dass der ökonomische Reichtum den Reichen auch politischen Einfluss sichere, was die Demokratie schädige. »Noch nie in der Geschichte hat eine kleine Gruppe von Menschen so viel Macht akkumuliert wie die Hyperreichen von heute«, schreibt Ute Scheub in den »Blättern für deutsche und internationale Politik« von »einer globalen Diktatur der Superreichen«. Das ist einerseits korrekt. Andererseits bleibt dabei außen vor, dass die ökonomische Macht der Reichen auf deren Macht über die gesellschaftliche Arbeit beruht – also über Arbeitsplätze, über die Menschen und ihre Arbeits- und damit Lebenszeit. Dies ist die »Materie« ihres Reichtums, ganz getrennt von dessen Größe. Die Macht des Eigentums über die Eigentumslosen. Hinter dem Werkstor endet die Demokratie schon immer.

Was Elon Musk verspricht

Ob Elon Musk sein Aktienpaket bekommt und welchen Wert es dann haben wird, hängt also nicht nur davon ab, ob er die Spekulation auf seinen Erfolg mit echten Profiten rechtfertigen kann. Sondern auch davon, ob er die Spekulation mit versprochenen Profiten weiter anfeuern kann. Er muss also etwas betreiben, was in den Führungsetagen von Aktiengesellschaften als »Erwartungsmanagement« bezeichnet wird und dort eine eigene Aufgabe darstellt: die Lenkung der Börsenspekulation durch Ankündigungen.

Das betreibt Musk mit großer Leidenschaft. Vergangene Woche kündigte er an, seine Optimus-Roboter würden »die Armut beseitigen«. Ein Optimus-Roboter, versprach Musk, werde die fünffache Produktivität eines Menschen pro Jahr erreichen, da er rund um die Uhr arbeiten könne. Gleichzeitig werde er die Produktivität der Menschen verzehn- oder verhundertfachen. Der KI seien keine Grenzen gesetzt. Arbeitsplätze werde es nicht mehr geben, sagte Musk, »arbeiten wird optional sein – wie das eigene Gemüse anzubauen, statt es im Laden zu kaufen«. Die kapitalistische Umsetzung von KI und Robotik – vorausgesetzt, sie verlaufe auf einem guten Weg – sei »tatsächlich das, was in einer kommunistischen Utopie mündet«.

Was er dabei vergaß zu erwähnen: Um diese Utopie zur Realität zu machen, wird es zwingend nötig sein, ihm und seinen Kollegen die Roboter abzunehmen, inklusive der Fabriken, Büros und der sonstigen Produktionsmittel. Das würde den Finanzmärkten zwar nicht gefallen. Aber die gibt es dann ohnehin nicht mehr.

Erstveröffentlicht im nd v. 13.11. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195454.reichtum-elon-musk-der-erste-billionaer.html?sstr=kaufmann

Wir danken für das Publikationsrecht.

Nicht Protest – Verteidigung: Indigene Mobilisierung in Ecuador

Die Proteste in Südamerika insbesondere der indigenen Bevölkerungerungen werden zahlreicher und kämpferischer. Davon zeugt nicht nur der folgende Bericht von Mauricio – Herrera-Kahn über den Streik in Ecuador. Auch das Eindringen in die UN Zeltstadt der globalen Klimakonferenz durch Aktivisten zeigt, dass die Geduld mit wirkungslosen Reden und Erklärungen zu Ende geht. Sie forderten ein Ende der Zerstörung des Regenwalds und direkte Mitspracherechte bei der Bewirtschaftung des Amazonasgebiets – hier und jetzt. Gleichzeitig schickt sich die Trumpadministration an, die „Hinterhöfe Mittel- und Südamerika“ mit Gewalt im Sinne der US Interessen auf Linie zu bringen. Die Lage ist explosiv. Die Zeichen stehen auf Sturm, nicht nur in Ecuador. (Peter Vlatten)

11.11.25 – Santiago de Chile – Mauricio Herrera Kahn, Pressenza

„Wenn der Staat das Leben unterdrückt, ist Widerstand kein Protest mehr, sondern ein Gebot.“

Dies ist kein einfacher Subventionsstreit – sondern der gewaltsame Auftakt zu einer Geschichte, die Lateinamerika nur zu gut kennt. In Ecuador fordern die indigenen Völker keine Sozialleistungen. Sie verteidigen ihr Daseinsrecht gegenüber einer Regierung, die beschlossen hat, den Hunger zu militarisieren, den Rohstoffabbau zu schützen und die Erinnerung zu kriminalisieren.

Dies ist kein Protest. Es ist eine historische Selbstverteidigung gegen einen Staat, der nicht mehr zuhört und auf Armut mit Gewehren reagiert.

Es ist nicht nur der Präsident Daniel Noboa – es ist das Modell

Präsident Noboa hat die Subventionen für Diesel abgeschafft, obwohl ihm bewusst war, dass dies zuerst die Ärmsten des Landes treffen würde. In ländlichen Gebieten, in denen 41 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, kann ein Liter Sprit den Unterschied zwischen Essen und Nichtessen bedeuten. Noboa hat diese Verzerrung nicht korrigiert, sondern eine ideologische Entscheidung getroffen: Das Leben auf dem Land ist entbehrlich. Soll der Markt doch entscheiden, wer atmet.

Er tat dies, indem er das Rezept wiederholte, das zuvor in Peru, Chile und Kolumbien angewendet wurde. Das Handbuch ist klar.

  • Die Überlebenskosten steigen.
  • Die Armee wird geschickt, bevor es zum Dialog kommt.
  • Wer Widerstand leistet, wird des Terrorismus bezichtigt.
  • Während die Angst zur Normalität wird, verspricht man Ordnung für die Märkte.

Nichts ist moderner als kontrollierte Gewalt.

Die Regierung glaubt, sie könne die Krise mit Reden über makroökonomische Stabilität und mit der Unterstützung multilateraler Organisationen bewältigen. Doch die Wirtschaft, für die sie eintritt, misst nicht Leben, sondern Investitionen. Es ist diese Logik der gesichtslosen Zahlen, die den Kontinent erneut in Brand setzt.

Die indigenen Völker marschieren nicht, sie erheben sich

Das indigene Bündnis CONAIE rief nicht zu einem symbolischen Protest auf. Sie erklärte die Verteidigung ihres Territoriums. Straßen wurden gesperrt und strategische Logistikwege blockiert. Nicht als Geste, sondern als Barrikade. Wenn die indigenen Völker handeln, dann nicht aus ideologischen Gründen, sondern um zu überleben.

Die Reaktion der Regierung war prompt und brutal. Tausende Polizisten und Soldaten wurden eingesetzt. Daniel Noboa drohte im Fernsehen und kündigte an, alle Straßen um jeden Preis freizumachen. Als wäre ein Land eine Autobahn und keine Nation mit Geschichte. Als wäre es ein Zeichen von Schwäche, das Volk sprechen zu lassen.

Die Zahlen sind keine Gerüchte mehr. Es gab drei Tote, Hunderte Verletzte und zweihundert Festnahmen. Ganze Gemeinden wurden von Streitkräften belagert, doch der Widerstand wurde nicht gebrochen. Er zog sich zurück, um sich neu zu organisieren. Das ist keine Niederlage, sondern Strategie.

Heute kommunizieren indigene Führungspersonen aus Dschungelregionen und Berggebieten mithilfe von Funkgeräten und Gemeinschaftstelefonen. So bauen sie aus der Unsicherheit heraus die Einheit wieder auf. Was die Regierung als „Rückzug” bezeichnet, ist in Wirklichkeit eine Ausbreitung des Widerstands.

Ecuador ist nicht allein, der Kontinent betrachtet sein eigenes Spiegelbild

Was in Ecuador geschieht, ist Teil derselben Spaltung. Wir erleben sie in Bolivien, wir erleben sie in Chile und wir erleben sie in Peru, wo es weiterhin keine Gerechtigkeit für die Toten gibt. Es sind Regierungen, die von Fortschritt sprechen, während sie indigene Gebiete belagern. Regierungen, die die Ausbeutung von Flüssen, Bergen und Sprachen als Modernisierung bezeichnen und Unterdrückung statt Würde verwalten.

Die indigenen Völker sind keine simplen sozialen Akteure. Sie sind die letzte Grenze zwischen Leben und Ausbeutung. Deshalb will man sie demobilisieren und bezeichnet sie als Problem. Wenn sie aufhören zu existieren, wird der Amazonas liquidiert, das Lithium verschenkt und das Kupfer für immer privatisiert. In der Logik der Macht dürfen sie nicht existieren, in der Logik des Planeten jedoch dürfen sie nicht verschwinden.

Das internationale Schweigen ist Teil desselben Paktes: Die Regierungen des Nordens begrüßen die „Stabilität”, während sie die durch Gewalt entstandenen Ressourcen kaufen. Und die lokalen Eliten, die es sich in ihren Hauptstädten bequem gemacht haben, bezeichnen die indigene Verteidigung lieber als „Unruhen“.

Was diejenigen, die von oben regieren, nie verstehen

Noboa glaubt, dass er mit Unterdrückung gewinnen kann. Er glaubt, dass das Zerstören einer Straße das Zerstören einer Kultur bedeutet. Er glaubt, dass eine auf Angst basierende Unterwerfung die Geschichte auslöscht. Und er begeht den klassischen Fehler aller Regierungen, die die Völker als Bedrohung betrachten.

Sie verstehen nicht, dass diese Kämpfe keine Taktik sind, sondern eine spirituelle Angelegenheit. Der indigene Körper kann zwar fallen, aber es ist nicht der Körper, der kämpft, sondern die Erinnerung an die indigene Geschichte – und die lässt sich nicht mit Kugeln verhandeln.

Die Völker können verarmt, vertrieben oder zum Schweigen gebracht werden, aber nicht besiegt. Denn ihr Kampf wird nicht in Umfragen oder Wahlzyklen gemessen, sondern in Jahrhunderten des Widerstands. Jede staatliche Unterdrückung rüttelt deshalb an den vermeintlich schlummernden Wurzeln des Volkes.

Ecuador steht nicht in Flammen – es erwacht

Wenn sich ein Volk erhebt, um das Heilige zu verteidigen, und nicht, um Forderungen zu stellen, sollten Regierungen aufhören, sich zu fragen, wie sie es aufhalten können, und sich stattdessen die einzige Frage stellen, die zählt: Welche Legitimität hat eine Macht, die Gewehre braucht, um sich zu behaupten?

Denn wenn die Antwort „keine“ lautet, dann befindet sich nicht die Ordnung in der Krise, sondern das Recht des Staates, sich weiterhin als demokratisch zu bezeichnen.

Heute scheint das Land zwischen Ausgangssperren und nationalen Rundfunkübertragungen, zwischen Reden über Einheit und dem Einsatz von Tränengas zu leben. Doch in den Gemeinden, in denen die Kinder trotz Barrikaden weiterhin zur Schule gehen, gibt es eine Gewissheit, die kein Dekret auslöschen kann: das Leben wird nicht gehandelt, es wird verteidigt.

Das Echo des Kontinents

Was heute in Ecuador geschieht, ist keine Ausnahme, sondern in der gesamten Region gang und gäbe. Von den Anden bis zum Südkegel reagieren die Regierungen auf Unzufriedenheit mit Schutzschilden und Dekreten, während die Völker wieder aus ihrer Mitte heraus sprechen, und nicht von der Macht aus.

Der Widerstand in Ecuador ist kein isolierter Ausbruch, sondern ein weiteres Kapitel derselben Geschichte, die sich durch Peru, Chile und Bolivien zieht.

Lateinamerika brennt nicht, es erinnert sich daran, wer es ist.

Und wenn sich ein Kontinent erinnert, zittert die Macht …

Der Beitrag ist erschienen bei Pressenza. Wir danken für das Publikationsrecht.

Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt.

Titelbild: Collage Peter Vlatten, auf Basis Foto von Gisela Vallejo

Wie das Gesundheitswesen militarisiert wird

Inhaltsverzeichnis


Wie das Gesundheitswesen militarisiert wird

Die VVN VdA und „Frieden-Gewinnen“ haben am 8. November 25 in den Kiezraum des Dragoner Areals eingeladen: Was heißt denn das – Militarisierung – und was bedeutet es für die gesundheitliche Versorgung der Zivilbevölkerung, also für uns alle?

Die Veranstaltung startete mit dem Film Atomschlag, der in vier skurrilen Szenen aufzeigt, welche Maßnahmen der Öffentlichkeit zur Bewältigung eines Atomschlags früher empfohlen wurden.

Atomschlag wurde in der 1980er Friedensbewegung von der ÖTV-Friedensinitiative im Krankenhaus Am Urban gedreht. Der Film hat an Aktualität nichts eingebüßt. Auch heute ist die Gefahr eines Atomkrieges nicht gebannt, und selbst konventionelle Waffen haben eine enorme Zerstörungskraft. Insofern ist sein Schlusswort bis heute Programm:

Es wird in einem Atomkrieg keine sinnvolle Medizin mehr geben. Der Öffentlichkeit, zumal den im Gesundheitswesen Beschäftigten soll eingeredet werden, ein Atomkrieg sei gesundheitstechnisch in den Griff zu bekommen. So will man uns an den Krieg gewöhnen. Wir sollen uns damit abfinden. Es ist wohl die wichtigste Aufgabe der Friedensinitiativen im Gesundheitswesen, die Lüge von der medizinischen Beherrschbarkeit der Folgen eines Atomkrieges zu entlarven. Es wird keine Medizin im Atomkrieg mehr geben, und weil das so ist, liegt die einzige sinnvolle Medizin in der Prophylaxe, also in der politischen Verhinderung des atomaren Holocausts, in Entspannung und Abrüstung. Das heißt konkret, die Stationierung von Atomwaffen muss verhindert werden – als erster Schritt hin zu einem atomwaffenfreien Europa.


Die Ärztin und Vertreterin von IPPNW, Ute Rippel-Lau zeigte anhand der neuen Rahmenrichtlinie Gesamtverteidigung (RRGV), wie die Ausrichtung der Bundeswehr seit 1989 von der Kriegsverhütung heute zur Kriegsertüchtigung verändert wurde.

Damals lag der politische Schwerpunkt noch auf Kriegsverhütung, auf Frieden und Schutz der Zivilbevölkerung im Falle eines Angriffs und der raschen Konfliktbeilegung.

Ute Rippel-Lau,
Foto: Ingo Müller

Heute dagegen wird die Bundeswehr auf die Entwicklung einer nötigen Widerstandskraft im Konfliktfall mit dem Schwerpunkt auf Bündnisverteidigung (NATO und EU) ausgerichtet.

Sicherheit ist nicht mehr das Ergebnis von Entspannung und Diplomatie. Sicherheit wird heute militärisch definiert: Es geht sofort um den Konfliktfall. Die Zivilbevölkerung soll nun das Militär unterstützen. Als Ziel dieser Strategie werden der Schutz des Wohlstandes, freie Handelswege und eine gesicherte Rohstoff- und Energieversorgung genannt.

Dies wird bereits heute akribisch vorbereitet. Was das alles für das medizinische Personal und die Zivilbevölkerung bedeutet wurde detailliert und beeindruckend herausgearbeitet.


Die Apothekerin Ulrike Faber, in den 1980ern auch beteiligt am Film Atomschlag, holte die Versammelten aus der vielleicht schlummernden Illusion, die beschriebene Militarisierung könnte doch Theorie und in Berlin noch nicht angekommen sein.

Der „Rahmenplan Zivile Verteidigung Krankenhäuser Berlin“ ist das Ergebnis einer Arbeitsgruppe, die seit 2023 auf Senatsebene zusammen mit Bundeswehr, der Berliner Krankenhausgesellschaft, der Feuerwehr und 12 Berliner Krankenhäusern getagt hat.

Im Juli 2025 wurden Ergebnisse öffentlich vorgestellt, aber nur zum Teil: „Aus Sicherheitsgründen“ blieb vieles geheim – was ja, ginge es um „Pandemien, Wetterkatastrophen, Hitzewellen“…etc. geradezu kontraproduktiv wäre. Der 28seitige Plan wurde aber im Oktober geleakt.

Der „Rahmenplan Zivile Verteidigung Krankenhäuser Berlin“ ist das Ergebnis einer Arbeitsgruppe, die seit 2023 auf Senatsebene zusammen mit Bundeswehr, der Berliner Krankenhausgesellschaft, der Feuerwehr und 12 Berliner Krankenhäusern getagt hat.

Im Juli 2025 wurden Ergebnisse öffentlich vorgestellt, aber nur zum Teil: „Aus Sicherheitsgründen“ blieb vieles geheim – was ja, ginge es um „Pandemien, Wetterkatastrophen, Hitzewellen“…etc. geradezu kontraproduktiv wäre. Der 28seitige Plan wurde aber im Oktober geleakt.


Hier paar Einzelheiten für den geplanten „Bündnis/Verteidigungsfall“

  • Die Leistungsfähigkeit auf Anforderungen im Verteidigungsfall kann angeordnet werden
  • Umstellung von Individualmedizin auf Katastrophenmedizin
  • Bereits belegte Betten sind für verletzte Militärs freizuräumen
  • Verlagerung von bereits aufgenommenen Patienten in Betten niedrigerer Versorgungsstufe
  • Rehakliniken sind für Militärangehörige vorzuhalten
  • Triage, also die Priorisierung Verletzter für medizinische Behandlungen, soll nach militärischen Gesichtspunkten erfolgen und auch den zu „erwartenden Gesamtressourcen-verbrauch“ berücksichtigen
  • Sechs definierte Basisszenarien vom erhöhten Patientenaufkommen bis zur vollständigen Evakuierung Berlins
  • Die Bundeswehr wird in Entscheidungs- und Leitungsstrukturen eingebunden
  • Die Finanzierungsfrage bleibt offen (70% der Krankenhäuser schreiben rote Zahlen!)
  • der Personalbedarf ist enorm, aber ungelöst
  • 100 Verletzte pro Tag in Berlin (Kommentar: Verletzte klingt schön neutral. Real geht es um: Verbrannte, Zerfetzte, Mehrfachverletzte Entstellte, Traumatisierte…. )

Diese Planungen treffen auf ein unterfinanziertes, überlastetes, mangelhaft ausgestattetes Berliner Gesundheitswesen, welches täglich Menschenwürde, medizinische Standards und Hygiene verletzt.

Der Vortrag wurde beendet mit einem „Trost“ aus dem Rahmenplan.

Das Berliner Bestattungswesen ist „entsprechend organisiert“: Auch bei einem „Massenanfall von Verstorbenen“ seien daher keine anonymen Massengräber zu erwarten.

Und zum Abschluss die Warnung von Bertolt Brecht aus seiner Rede auf dem Wiener Völkerkongress 1952:

Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer.

Die Beschreibungen, die der New Yorker von den Gräueln der Atombombe erhielt, schrecken ihn anscheinend nur wenig.

Der Hamburger ist noch umringt von Ruinen und doch zögerte er, die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben.

Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen. „Der Regen von gestern macht uns nicht nass“, sagen viele.

Die Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod.

Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen, dass es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen.

Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!

Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!

Denn den Menschen drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“

Weitere Informationen zu diesem Thema findet ihr unter https://www.ippnw.de/frieden/militarisierung.html

Im Bundesministerium für Gesundheit wird ein Gesundheitssicherstellungsgesetz erarbeitet. Sobald es in die erste Lesung geht, voraussichtlich im Februar/März 2026, wollen die VVN und Frieden-Gewinnen zu einer Folgeveranstaltung einladen.

Ein Bericht von Dr. Ulrike Faber und Christine Kohl


Dieser Beitrag erschien zuerst auf „https://frieden-gewinnen.de/„, am 15-11-2025

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